Wo kein Zeuge ist — Elizabeth George


Чтобы посмотреть этот PDF файл с форматированием и разметкой, скачайте его и откройте на своем компьютере.
anderes übrig, als zu radeln
. Den Bus zu nehmen stand
mehr oder minder außer Frage.
Seine Route führte die Sout
hatten zwei Kinder. Mum hielt sich fit, indem sie jeden Tag
mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr, Dad nahm den Zug von
tten ein Aupair-Mädchen, das
an zwei festgelegten Wochentagen seine freien Abende hat-
te, und an einem dieser Abende … immer am gleichen … ver-
ließen Mum, Dad und die Kinder das Haus gemeinsam und
fuhren zu ƒ Kimmo hatte keine Ahnung. Zum Abendes-
sen bei der Großmutter, nahm Kimmo an, aber es konnte
genauso gut ein langer Gottesdienst sein, eine Familienthe-
rapie oder Yogaunterricht. Entscheidend war, dass sie den
Abend nicht zu Hause verbrachten und
wegblieben.
Wenn sie heimkamen, mussten die Eltern die Kleinen jedes
Mal ins Haus tragen, weil sie im Auto eingeschlafen waren.
anderen Mädchen. Sie verließen zusammen das Haus und
schnatterten auf Bulgarisch, oder was immer sie sprachen,
fgang zurückkamen, so weit
mochte ein Beobachter sich fragen. Aber nur wenn Kimmo
sprach, war die Antwort eindeuti
g. Denn er war endlich in
den Stimmbruch gekommen, und wenn er den Mund auf-
machte, war das Spielchen vorbei.
Er zog sich die Kapuze des Sweatshirts über den Kopf
und schlenderte die Treppe hinab.
»Ich bin dann weg!«, rief
er seiner Großmutter und Tante zu, während er seine Jacke
vom Haken neben der Tür nahm.
»Wiedersehen, mein Liebli
hatte: »Großartig! Einfach großartig, Junge«, rief Tante Sally.
Und Gran sagte: »Das ist unser Junge, wie wir ihn kennen.
Durch und durch talentiert, unser Kimmo. Was werden dei-
ne Eltern nur sagen, wenn ich ihnen die Fotos schicke!«
Das würde sie bestimmt schnellstens hierher bringen,
dachte Kimmo sarkastisch. Aber er stellte den Fuß noch
einmal auf den Stuhl, denn er
wusste, Gran meinte es gut,
auch wenn sie nicht die Allerhe
Er zwinkerte ihr zu. »Würden wir doch nie tun, Tant-
chen«, log er im Hinausgehen. Er zog die Tür hinter sich zu
und schloss ab. Zuerst kümmerte er sich um das Marlene-
Kostüm. Kimmo zog es aus und hängte es auf, ehe er sich
Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,
blickt der Abgrund auch in dich hinein.





Die Originalausgabe erschien
2005
. Auflage
Copyright © der Originalausgabe
Ein Jugendlicher wird tot in einem Londoner Park aufgefunden
… und alles scheint auf einen Ritualmord hinzuweisen. Als man
Thomas Lynley und Barbara Ha
vers von New Scotland Yard
den Fall überträgt, ist soeben klar geworden, dass ein brutaler
Serienmörder bereits sein viertes Opfer gefunden hat. Brisant ist
allerdings, dass die ersten drei Opfer alle dunkler Hautfarbe wa-
fand Erwähnung.
Hand zu einer Geste, die sowohl Verständnis wie auch To-
leranz für diesen Ausbruch signalisierte. Dann spulte er ab,
nem Grab entdeckt worden wa
New Scotland Yard, der ein Ge
hirn besaß, vorhergesehen
zwischen dem Leichenfund und dieser Pressekonferenz ƒ
»Bereit?«, fragte er Lynley und Nkata, während er das
Spiegelbild seiner beeindruckenden grauen Haarpracht in
der Glasfront einer Infotafel bewunderte. Im Gegensatz zu
den beiden anderen Männern schien er erfreut, dorthin zu
gehen, und er beherrschte sich offenbar nur mit Mühe, sich
in Vorfreude auf die kommende Konfrontation die Hände
einen größeren Eindruck machen können.
Die Zeitungen hatten sich natürlich auf die Story von
eher erduldet als genossen, doch dann schlang er die Arme
um seine Mutter. Yasmin küsste ihn auf den Kopf.
Schließlich trug Daniel die Tüten hinein, und Yasmin
folgte ihm. Sie schloss die Wohnungstür. Gleich darauf er-
schien sie am Fenster, das, wie Nkata wusste, zum Wohn-
die Zeit sei reif für die erste Pressekonferenz. Sobald As-
sistant Commissioner Hillier die Nachricht bekam, in-
struierte er Lynley, zu dem großen Ereignis zu erscheinen,
mit »unserem neuen Detective Sergeant« im Schlepptau.
Lynley verspürte so wenig Lust wie Nkata, dort hinzugehen,
aber er wusste, dass es klug war, Kooperation zumindest
vorzutäuschen. Zusammen mit Nkata ging er die Treppe
hinab, um pünktlich zur Pressekonferenz zu kommen. Im
Flur trafen sie auf Hillier.
Aber das konnte Nkata nicht sagen. Er konnte nicht, weil
Yasmin Edwards selbst der Grund war, warum Daniels Va-
Nkata … sich nicht davor drücken, eine Warnung auszuspre-
chen, die vielleicht nötig war.
Alles, was er tun musste, war, die Straße zu überqueren,
putt war, den Rufknopf zu drücken und dann an diese Tür
zu klopfen. Dazu war er absolut in der Lage.
Und er würde es tun. Später, schwor er sich. Doch als er
gerade den Fuß heben wollte, um den ersten von wie vielen
um zu Yasmin Edwards Tür
zu gelangen, sah er die Frau auf dem Gehweg.
Sie kam nicht von der U-Bahn-Station, sondern aus der
wenn seine Mum seinem Dad nachfolgt und einfach weg-
stirbt?
Es wäre ein Leichtes gewesen, die Straße und den Park-
platz zu überqueren und zum Haus zu gehen. Einmal dort,
standen die Chancen gut, dass ihm der Aufzug zur Verfü-
tens war das Zahlenfeld, das
den Rufknopf mit einem Code sicherte, kaputt. Was war also
so schwierig daran, hinüberzug
ehen, nach oben zu fahren
und an der Tür zu klingeln? Er hatte einen guten Grund, das
zu tun: Jungen wurden in Lo
Mum. So groß wie ich. Eine gute Frau, die einen sehr
schweren Fehler gemacht hat, für den sie bezahlt hat, wie es
Und davon abgesehen, war Ya
smin Edwards gar nicht der
Punkt. Sie war auch nicht der Gegenstand seiner Verpflich-
tung. Das war Daniel, der mit beinah zwölf Jahren zur Ziel-
gruppe des Mörders gehören konnte. Denn wer konnte
schon sagen, wie der Killer seine Opfer auswählte? Niemand.
Und so lange sie das nicht wussten, konnte er … Winston
Unten in der Tiefgarage saß er einen Moment untätig in
seinem Escort und dachte über diese Verpflichtungen nach
und darüber, was sie erforderten: Handeln im Angesicht
von Furcht. Er hätte sich ohrfeigen können, dass er diese
Furcht überhaupt empfand. Er war neunundzwanzig Jahre
alt, verdammt noch mal. Er war Polizeibeamter.
sächlich Teil des weißen Establishments wäre. Trotzdem
hasste er es, von seinen eigenen Leuten als Mogelpackung
Trotz seines Gesprächs mit Ba
rbara Havers und ihres Zu-
spruchs in dieser Sache fühlte Winston Nkata sich nicht
war eine Lüge. Und das dulde
lieber erst gar nicht anfangen. Sie darf mich nicht belügen.
Das darf sie einfach nicht.« Seine Stimme klang so ange-
starr, dass Barbara der Ver-
dacht kam, hier ginge es um viel mehr als um Hadiyyahs
Beugung der Wahrheit.
»Okay, verstehe«, sagte sie. »Aber sie ist todunglücklich.
Was immer Sie ihr klar machen wollten, ich denke, es ist
angekommen.«
»Das hoffe ich. Sie muss lernen, dass ihre Handlungen
Konsequenzen haben, und sie muss es als Kind lernen.«
»Da widerspreche ich nicht. Aber ƒ« Barbara zog an ih-
rer Zigarette, ehe sie sie auf die Eingangsstufe fallen ließ
und austrat. »Aber ich finde, sie zu zwingen, ihren Fehltritt
vor mir einzugestehen … praktisch in einer Art Öffentlich-
fe genug. Ich meine, Sie sollten
»Ich habe mich entschieden.«
»Aber Sie könnten doch einlenken, oder?«
»Wenn man zu weit einlenkt, verbiegt man sich«, ent-
»Was der Grund meiner Verärgerung über Hadiyyah ist«,
erklärte Azhar. »Das hätte sie tun müssen.«
»Aber wie gesagt, sie wusste ja nicht, wo es hingehen soll-
»Natürlich nicht. Aber da war es zu spät. Ich habe ihr gar
keine Gelegenheit gegebe
noch mehr zu sagen, rich-
Hadiyyah senkte den Kopf wi
eder. Barbara sah ihre Lip-
Ihr Vater sagte: »Hadiyyah. Ich werde dich nicht noch
einmal ƒ«
»Ich hab geschwindelt«, st
vor. »Ich hab meinen Dad an
geschwindelt, und er hat es
h dir das hier zu ƒ zurück
ƒ zurückgeben.« Sie sah auf. Tränen rannen über ihr Ge-
sicht. »Aber trotzdem danke, denn ich fand es wunderbar.
Peggy Sue war besonders schön.« Dann drehte sie sich auf
dem Absatz herum und floh zum Vorderhaus zurück. Bar-
Sie sah zu ihrem Nachbarn. »Hör
en Sie, Azhar«, sagte sie.
»Das war alles meine Schuld. Ich hatte keine Ahnung, dass
Hadiyyah nicht auf die Camden High Street darf. Und sie
wusste nicht, was ich vorhatte, al
s wir losgingen. Es sollte nur
ein Spaß sein. Sie hörte sich
irgendeine Popgruppe an, und
ich hab sie damit aufgezogen, und sie hat gesagt, wie toll sie
sie fand, und da hab ich beschlossen, ihr zu zeigen, was echter
Rock n Roll ist, und hab sie mit zum Virgin Megastore ge-
nommen, aber ich wusste nicht, dass es verboten war, und sie
wusste nicht, wo wir hingingen.« Barbara war außer Atem.
Sie kam sich wie ein Teenager
vor, der nach der Sperrstunde
erwischt wurde. Das Gefühl gefiel ihr nicht sonderlich. Sie
zwang sich zur Ruhe und sagte: »Wenn ich gewusst hätte,
Azhar sagte: »Hadiyyah?«
Seine Tochter sah flehentlich zu ihm auf. Sein Ausdruck
war unnachgiebig. »Wir sind aus einem bestimmten Grund
gekommen. Du kennst ihn.«
Hadiyyah schluckte so heft
ig, dass Barbara es hören
konnte. Dann zog das kleine Mädchen die Hände hinter
dem Rücken hervor und streckte sie Barbara entgegen. Sie
zurückgeben, Barbara«, erklärte sie.
Barbara nahm die CD. Dann schaute sie Azhar an. Sie
sagte: »Aber ƒ Entschuldigung, aber ist es verboten oder so
was?« Das war unwahrscheinlich. Sie hatte ein wenig über
ihre Bräuche gelernt, und Gesc
henke zu machen zählte da-
»Und?«, sagte Azhar zu seiner
Sie gähnte ausgiebig und drückte die Schulter gegen die wi-
derspenstige Tür des Mini. Sie
in meiner Haut. Ich weiß, warum ich hier bin, und ich will,
»Schon klar«, erwiderte Barbara. »Aber sei nicht unfair
»Hillier hat keinen blassen Schimmer, was ich verdient
hab oder nicht«, unterbrach er sie. »Von der Presseabtei-
lung will ich gar nicht reden. Nicht vor dieser Geschichte,
Barbara schwieg. Sie konnte das nicht in Abrede stellen,
wussten sie doch beide, dass er die Wahrheit sagte. Schließ-
legen empfand, und das hatte sie bewogen, ihm eine Tasse
Tee mitzubringen, als sie sich se
den Worten zu überreichen:
»Glückwunsch zur Beförderung,
Winnie.« Sie stellte die Tasse auf seinen Schreibtisch.
Zusammen mit den Constables, die DI Stewart dafür ein-
Ausdrucke zu lesen und zu ma
gleiche Telefongespräch mit einem verzweifelten Elternpaar
nach dem anderen zu
führen … all das we
ckte in ihr eine
Sehnsucht nach gebackenen Bohnen auf Toast, dem ulti-
mativen Trostfutter, und dann ab in die Waagerechte auf
fach völlig erledigt: Sie hatte während dieser zwei endlosen
ersten Ermittlungstage nicht eine Sekunde Pause gehabt.
Zum einen war da die Geschichte mit Winston Nkata.
»Das würde ich sagen, zumindest teilweise. Aber es ist
mehr als das. Wenn das gesamt
e Verbrechen Bestandteil ei-
nes Rituals ist ƒ«
»Und es sieht danach aus, nicht wahr?«
»Dann würde ich sagen, ist di
es die letzte Handlung. Ein
Schlusspunkt nach dem Tod des Opfers.«
Opfer, das gerade im wahrsten Sinne des Wortes eine Feu-
erprobe absolviert hat? Oder jemand anderem?«
»Das ist die Frage.«
e Bilder beiseite und nahm
sein Whiskyglas in die Hand. »Dann werde ich damit an-
fangen«, sagte er.
Als Barbara Havers an diesem Abend den Motor ausschal-
der Opfer eingehend studierte. Am längsten hielt er sich bei
»Ja. Wirst du uns helfen?«
tisch holen? Es ist in der obersten Schublade.«
te, aber wir können uns glücklich schätzen, wenn wir drei-
ßig bekommen. Wirst du uns helfen?«
»Du glaubst, Hillier wird das absegnen?«
»Ich habe das Gefühl, dass er dich mit offenen Armen
willkommen heißen wird. Wir brauchen deinen Sachvers-
tand, Simon. Und das Pressebüro
wird nur zu glücklich sein,
wenn Hillier verkünden kann, dass wir den unabhängigen
Forensiker Simon Allcourt-St. James, ehemaliger Mitarbeiter
von New Scotland Yard, heute Gerichtssachverständiger,
Hochschuldozent, Vortragsredn
»Danke.« Seine Stimme klang rauer als üblich. »Euch
»Keine Spur.«
»Dann hat Peach wahrscheinlich gesiegt. Ich nehme an,
sie sind in den Pub gegangen.«
Lynley sah zu, während Deborah das Geschenkband zu
einer Schleife schnürte. Sie konzentrierte sich auf ihr Werk,
was ihm Gelegenheit gab, sich auf sie zu konzentrieren, sei-
ne einstige Geliebte, die Frau, die er hatte heiraten wollen.
Sie hatte es vor nicht allzu langer Zeit mit einer Mörderin
zu tun bekommen, und die Stiche, die die Wunde in ihrem
ren noch nicht vollständig
verheilt. Die Narbe zog sich seitlich über den Kiefer, und
Deborah … eine Frau, die von gewöhnlicher Eitelkeit beinah
rweise nichts unternommen,
um sie abzudecken.
Sie schaute auf und erwischte ihn bei seiner Beobach-
tung. »Was?«, fragte sie.
»Ich liebe dich«, gestand er ihr offen. »Anders als früher.
Aber nicht minder.«
Ihre Züge wurden sanft. »Ich liebe dich auch, Tommy.
Wir haben eine Grenze überschritten, nicht wahr? Neues
Territorium, aber doch irgendwie vertraut.«
Im nächsten Moment hörten sie Schritte auf dem Korri-
dor, und ihr ungleichmäßiger Klang identifizierte Deborahs
Mann. Er kam an die Tür des Speisezimmers, einen Packen
großer Fotografien in der Ha
nd. »Tommy«, sagte er. »Hal-
lo. Ich habe gar nicht gehört, dass du gekommen bist.«
»Kein Peach-Gebell«, sagten Deborah und Lynley wie
aus einem Munde, dann lachten sie verschwörerisch.
»Ihn habe ich schon anderw
die voll-
ständigen Autopsieberichte der ersten drei Opfer und den
Lynleys Blick glitt weiter zu der Liste der anstehenden
Aufgaben, die er am gestrigen langen Abend geschrieben
hatte, ehe sie das Team zusammenstellten: Beamtinnen und
Beamte klopften an jede Tür
in der näheren Umgebung der
bisherigen Leichenfunde; andere Beamte überprüften frü-
here Verhaftungen auf der Suche nach minder schweren
Straftaten, die Anzeichen eines möglicherweise eskalieren-
den Verhaltens trugen, das zu den Morden führen konnte,
mit denen sie sich jetzt konfrontiert sahen. Das war alles
gut und richtig, aber irgendjemand musste auch die Spur
des Lendentuchs verfolgen, da
noch keine zehn Minuten her, dass ich bei Dee Harriman
nachgefragt habe.«
»Wir brauchen eine Laboruntersuchung des Make-ups,
uch bitte, ob du den Herstel-
ler ermitteln kannst. Möglicherweise hat unser Opfer es
ben wurde, uns auf die richtige
Spur bringen. Und stell un-
gen aus dem Jugendst
rafvollzug im Umkreis von hundert
r beide Seiten, denk daran.«
»Beide Seiten?« Stewart sah von seinem eiligen Gekritzel
»Unser Mörder könnte vor kurzem entlassen worden
sein. Aber ebenso unsere Opfer. Bis wir diese vier Jungen
identifiziert haben, wissen wi
es eigentlich zu tun haben, abgesehen vom Offensichtli-
»Einem geisteskranken Schwein nämlich.«
»Die letzte Leiche liefert ausreichende Beweise für diese
Schlussfolgerung«, stimmte Lynley zu. Sein Blick wanderte,
während er sprach, zu diesen Beweisen, als werde er gegen
körper, posthum beigebracht, das mit Blut gemalte Symbol
auf der Stirn, der fehlende Na
be, hat dieser Kerl« … sie wies zu den Fotos an der Tafel …
wandte sich an Stewart: »Joh
n? Beschaff uns mehr Leute
hierfür. Die Hälfte soll sich
ses?«
Sie legte den Marker beiseite und massierte ihre Schulter-
muskeln. »Das sollten wir der
Presse lieber vorenthalten.«
»Das fängt ja gut an«, kommentierte Lynley. »Lassen Sie
»Die Datenbanken der jugen
dlichen Straftäter und ver-
5
genheit Ermittlungen beinahe völlig zum Stillstand ge-
»Ich sehe schon Ihrem Gesicht an, was Sie sagen werden,
Sir, aber das hier kann ich un
fünfzehnhundert Namen? Bis ic
h die alle durchgeackert ha-
»Verstanden und genehmigt«, erwiderte Lynley. »Sie sind
Computerausdrucke mit ei-
nem gelben Marker zu bearbeiten, als Lynley und Nkata he-
Nkata sah angewidert aus. »Wenn vier weiße Jungen in
sein Unwesen. Also was haben wir gewonnen? Haben wir
die Toten aus ihren Gräbern zurückgeholt? Einen Verbre-
cher seiner gerechten Strafe zugeführt? Glauben Sie mir,
Winston, die Presse wird sich von Hilliers Lektion, sich an
die eigene Nase zu fassen, rasch erholen, und dann werden
sie sich auf ihn stürzen wie Fl
iegen auf einen faulen Apfel.
Aber in der Zwischenzeit habe
n wir in vier Mordfällen zu
ermitteln, und zwar gründlich, und das werden wir nicht
schaffen ohne die Kooperation genau der Mordkommissi-
onen, die Sie als bigott und
Nkata dachte darüber nach. Schließlich sagte er: »Ich will
frieden mit dem, was immer Stephenson Deacon für die an-
stehende Pressekonferenz ausgeh
amit gewinnen
wir mindestens achtundvierzig
Stunden Zeit«, sagte er zu
Lynley und Nkata. »Winston, denken Sie an Ihren Part.«
Lynley wartete gespannt, wie Nkata das aufnehmen wür-
de. Winston war klug genug, nur zu nicken. Doch als Hil-
lier Richtung Aufzüge verschwand, sagte er zu Lynley: »Es
»Aber Sie wissen doch, warum ich hier bin. Das wissen
Sie verdammt genau.«
»Das haben Sie Deacon zu verdanken«, erwiderte Lynley.
»Die Pressestelle ist zynisch genug, zu denken, dass die Öf-
sie glauben soll, wenn sie Sie Seite an Seite mit dem As-
sistant Commissioner von Scotland Yard auf dem Podium
sieht. Deacon ist so arrogant, dass er annimmt, Ihr Erschei-
nen allein werde den Spekulationen in der Presse entge-
genwirken. Aber all das sagt nichts über
sönlich noch beruflich. Das müssen Sie sich vor Augen hal-
ten, damit Sie das hier überstehen.«
»Ah ja? Nur glaub ich das nicht, Mann. Und wenn da
draußen spekuliert wird, dann völlig zu Recht. Wie viele
Leichen braucht es denn noch? Verbrechen von Schwarzen
gegen Schwarze sind immer noch Verbrechen. Und so gut
wie nichts wird unternommen. Und wenn es in diesem spe-
ziellen Fall ein Verbrechen von einem Weißen gegen
Schwarze ist, um das die Polizei sich nicht gekümmert hat,
und ich spiele hier Hilliers rechte Hand, wo Sie und er doch
genau wissen, dass er mich nie im Leben befördert hätte,
wenn die Umstände anders wären ƒ« Nkata hielt inne, um
Atem zu schöpfen und nach
für seine Ausführungen zu suchen.
ist es abscheulich? Zweifellos. Ist es zynisch? Ja. Unschön?
macht worden. Die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit hatte
nun die Zügel übernommen, und deren Leiter war nicht
wir nie wagen«, meinte er. »Du wirst auf deine unnach-
ahmliche Art und Weise schon eine Lösung finden.«
»Zwei Tauffeiern, vielleicht?«
»Du hast den Weg zur Erkenntnis bereits beschritten.«
»Und welchen Weg beschreitest du? Du bist früh auf.
Unser Jasper Felix hat mich mit seiner Frühgymnastik in
meinem Bauch geweckt. Welche
Entschuldigung hast du
vorzubringen?«
»Ich will Hillier erwischen, wenn ich kann. Die Presse-
die Taufgewänder seiner Familie seit fünf, wenn nicht seit
»Ah, verstehe. Ich nehme an, dass dies hier ƒ« Lynley
sah ihn an und zeigte ein schiefes Lächeln. »Es ist voll-
? Kaum vergleichbar mit
tern Abend eigentlich nach Hause gekommen? Hast du
»Ich habe beschlossen, es zum Frühstück zu essen.«
»Knoblauch-Hühnchen vom Imbiss?«
schenden Farben, eine Wiege und die Wickelkommode wa-
ren alles, was bislang an Möbeln geliefert worden war. Fotos
aus Zeitschriften und Katalogen zeigten die geplanten
Standorte der restlichen Gegenstä
nde an: eine Spielkiste hier,
ein Schaukelstuhl dort und ei
n Schubladenschrank, der täg-
lich von A nach B verschoben
wurde. Im vierten Monat ihrer
Schwangerschaft war Helen wankelmütig, was die Gestaltung
Hände samt Handschuhe in die Taschen ihrer Daunenja-
cke. Sie nickte zu den Reportern hinüber. »Wenn sie das
rauskriegen, wird es ein gefundenes Fressen für sie sein ƒ
Ganz unter uns, ich dachte mi
r, es ist das Beste, wenn wir
den Eindruck erwecken, als wimmele es hier nur so von Po-
der jungen bisher von der Polizei identifiziert worden war.
All das legte Hillier ihm erst später dar. In St. Georges Gar-
dens war er lediglich zu de
stärkung vonnöten war, um eine Untersuchung zu koordi-
nieren, die Ermittlungen in zwei radikal gegensätzlichen
»Ja. Opal hat es hier mit ei
nem ganz komischen Vogel zu
Bei Opal handelte es sich um eine grauhaarige Frau mit
leuchtend roten Ohrenwärmern und passenden Fäustlin-
gen. Sie löste sich aus einer
die bei Lynleys Ankunft in eine Debatte vertieft gewesen
waren, und kam entschlossene
n Schrittes auf ihn zu. Sie
stellte sich als DCI Opal Towers von der Theobalds-Road-
Polizeiwache vor, in deren Revier sie sich befanden. Sie hat-
te einen Blick auf das Opfer geworfen und sofort erkannt,
dass sie es hier mit einem Täte
r zu tun hatte, der »in Serie
gehen konnte«, wie sie es ausgedrückt hatte. Sie hatte irr-
tümlich angenommen, der Junge auf dem Grab sei das un-
glückliche erste Opfer eines Mörders, den sie schnell identi-
fizieren und festnehmen würden, ehe er wieder zuschlug.
meint, er habe einen ähnli-
tuch sprach ebenfalls für diese Schlussfolgerung, ein selt-
Constables und KTU-Leuten. Der Pathologe war noch vor
gegen den grauen, nasskal-
ten Tag in einen senffarbenen Anorak gehüllt. Der Polizei-
fotograf und -videograf hatten ihre Arbeit gerade beendet.
en Tor des Parks begannen
sich die Gaffer zu versammeln, weitere Schaulustige ver-
folgten das Geschehen von de
n Wohnungen jenseits des
Garagenhofs aus: Die sorgfältige Suche nach Fingerabdrü-
cken, die gründliche Untersuchung eines herrenlosen Fahr-
der Silbergegenstände, die um das Grab verstreut lagen.
worauf er sich einstellen
musste, als er am Parktor seinen Dienstausweis zeigte und
dem Pfad folgte, bis er die Kollegen erreichte. »Ein mögli-
cher Serienmord« hatte es in dem Anruf geheißen, den er
hängen sich an den National
soll Ihnen mindestens zwei Constables überlassen, die Ih-
nen helfen können. Suchen Sie
Lynley erhob sich und streckte ihr die Hand entgegen, um
ihr aufzuhelfen. »Abgesehen von diesen Klammern können
Sie stolz auf sich sein.«
»Ja, so bin ich eben. Heute Scotland Yard, morgen der
Laufsteg«, erwiderte Havers.
Sie gingen zu seinem Büro. Als sie die Unterlagen des
nicht. Ich hätte es Ihnen gesa
gt, Ihnen eine Nachricht zu-
kommen lassen, ehe Sie herkamen. Irgendetwas. Mich hat er
genauso damit überfallen. Was zw
eifellos seine Absicht war.«
Sie zuckte die Schultern. »Was solls. Es ist ja nicht so, als
Es gibt zahllose Einzelheiten zu organisieren: Die Beamten
der Bereitschaft müssen benach
Yard die Fälle. Ich habe Acting Superintendent Lynley in-
struiert, ein Team zusammenzust
diesem Team eine herausragende Stellung einnehmen.«
»Sie meinen eine Vorzeigerolle«, sagte Nkata.
»Ich meine eine verantwortliche, entscheidende ƒ«
»ƒ sichtbare«, warf Nkata ein.
rence zu tun, sondern mit dreien. Und es gab keine Ent-
schuldigung, nur die offensichtliche Erklärung, die Barbara
Havers mit ihrer typischen, politisch unklugen Direktheit
ausgesprochen hatte: Institutioneller Rassismus, der dazu
führte, dass die Polizei die Ermordung schwarzer und ge-
mischtrassiger Jugendlicher nicht mit großem Elan verfolgt
hatte. Einfach so.
Derweil verströmte Hillier Jovialität: Er bot Nkata einen
Lynley war nichts anderes übrig geblieben, als sich für das
»Ja, ich mache mich sofort an die Arbeit« zu entscheiden,
ohne dass er die Möglichkeit gehabt hätte, sich für Havers
Die gegenwärtige Situation stellte Lynleys Vorsatz, im
ssen. Alles an ihm wirkte ge-
schniegelt und gebügelt. In sein
er Gegenwart … in ihrer aller
Besuch der Fee.
Sie stand auf. Sie war im Begriff, ihrer Karriere den To-
e der Opfer. Das werden sie
über die ersten drei Jungen sagen, sobald die Sache heraus-
kommt. Die Boulevardblätter, die Fernseh- und Radio-
nachrichten, das ganze verdammte Pack.«
»Wir beabsichtigen, dem zuvorzukommen. Genau be-
zur Taille aufgeschlitzt und mit Blut ein eigentümliches
rundes Symbol auf die Stirn gemalt. Das wichtigste, poten-
nen, sondern einen Garten. Und dahinter schienen Gara-
gen und ein Mehrfamilienhaus zu liegen.
»St. Georges Gardens?«, fragte Barbara. »Wo ist das?«
»Wer hat die Leiche gefunden?«
s aufschließt. Der Mörder
hin, dass dort ein Kampf stattgefunden hatte. Außerdem
gab es in dem ganzen Stapel von Fotos keine Aufnahme
von Beweisstücken, die man normalerweise an Tatorten
fand, wo ein Mord stattgefunden hatte.
»Nein, er ist nicht dort gestorben. Und der hier auch
nicht.« Hillier ergriff einen zweiten Fotostapel. Die Bilder
zeigten den Leichnam eines we
iteren schlanken Jungen, der
s aufgebahrt worden war.
Mit der gleichen Sorgfalt wie das Opfer aus dem Gunners-
bury Park. »Dieser hier wurde auf einem öffentlichen Park-
platz am Queensway aufgefunden. Gut fünf Wochen spä-
gendwas von den Überwachungskameras?«
»Der Parkplatz hat keine Ka
diese Sache gehört. Oder in der Zeitung gelesen. Oder Fern-
sehberichte gesehen. Vier Tote. Der gleiche
. Alle Opfer sind jung. Alle männlich.«
»Bitte versuchen Sie, nicht wie eine hysterische Nach-
richtensprecherin im Privatfernsehen zu klingen«, warf Hil-
Lynley bewegte sich auf seinem Stuhl. Er warf Barbara
Barbara an der Tür. »Wo,
zum Henker, waren Sie, Constable?«, schnauzte er.
d hätten die Hälse nicht Stran-
gulationsmale aufgewiesen.
»Verdammter Mist. Wann
Verdammt
«, schimpfte Barbara. »Was
solls. Er wird mich einfach so
nehmen müssen, wie ich bin.«
Mit offenen Armen würde er sie wahrscheinlich so oder
so nicht empfangen, dachte Barbara, während sie zum
Tower Block hinüberlief und de
n Aufzug zu Hilliers Büro
nahm. Seit mindestens vier Jahren wollte er sie feuern, und
nur die Interventionen von dr
itter Seite hatten das bislang
verhindern können.
darum bog sie mit qualmenden Reifen in die Tiefgarage an
heitsnadel besaß. Dees Erscheinung war immer so perfekt,
dass man sich gar nicht vorstellen konnte, wozu sie Näh-
einem Bündel zusammengeknüllt
konnte sich nicht genau erinnern, wie sie dorthin gekom-
men waren, und schüttelte sie aus, um den Schaden zu be-
gutachten. Ah, es geht doch nichts über Polyester, dachte
sie. Man konnte von einer Büffelherde niedergetrampelt
werden, ohne eine einzige Knitterfalte davonzutragen.
Art Ensemble zusammenzu-
Barbara lächelte ihre kleine Freundin an. »Ach, was
solls. Gehen wir.«
Sie waren jedoch erst zwei Schritte Richtung Markt ge-
gangen, als Barbaras Handy klingelte. »Sekunde mal«, sagte
Barbara zu Hadiyyah und las
die Anrufernummer im Dis-
play. Als sie sie erkannte, wusste sie, dass es wahrscheinlich
keine guten Neuigkeiten gab.
»Es gibt Arbeit«, sagte Thomas Lynley, zur Zeit Interim Su-
perintendent. Ein Unterton von Anspannung lag in seiner
Stimme, der sich mit seinem nächsten Satz erklärte: »Kom-
Barbara starrte ihr Handy an, als sei es ein Ge-
genstand aus einer fremden Galaxie, während Hadiyyah
wollten«, räumte Barbara ein.
»Oh, das ist super«, erwiderte Hadiyyah. »Denn wenn
ers wüsste ƒ Ich bin nicht ve
der Kirmes ist, während Buddy
Erst als sie schon wieder auf der Chalk Farm Road waren,
wo die Menschen womöglich noch lauter und bunter wa-
ren, nahm Hadiyyah die Kopf
hörer ab und sagte schließ-
»Na ja, schon. Aber so war damals eben die Mode. Er ist
seit Ewigkeiten tot. Flugze
Schulter, um zu verhindern, dass sie beide im Gedränge ge-
!«, flüsterte Hadiyyah. »O Barbara, das ist viel
»Ich freu mich, dass es dir gefällt«, erwiderte Barbara.
»Gehen wir in die Läden?«
»Sobald ich deine Bildung
aufgebessert habe.«
Sie brachte sie in die Abteilung »Classic Rock n Roll«
des Megastores. »Das hier«, klärte Barbara sie auf, »ist Mu-
sik. Also ƒ womit fängst du am besten an ƒ? Ach, eigent-
nur einen Meister und dann den ganzen Rest. Also ƒ«
Sie suchte die Abteilung »H« und dann innerhalb der
Abteilung das einzige »H«, das zählte. Sie ging die CDs
während Hadiyyah neben ihr stand und die Fotos von
Buddy Holly auf den Covern studierte.
»Sieht ein bisschen komisch aus«, bemerkte sie.
»Pass auf, was du sagst. Hier. Das ist das Richtige. Da ist
‰Raining in My Heartˆ drauf, wovon du garantiert in Ohn-
e Onˆ hörst, wirst du auf der
Roll. Noch in hundert Jahren werden die Menschen Buddy
h dir. Nobuki hingegen ƒ«
»Nobanzi«, verbesserte Hadiyyah geduldig.
»ƒ werden nächste Woche Schnee von gestern sein.
Verschwunden und vergessen,
alle Ewigkeit weiter rockt. Dies hier, mein Kind, ist
Berry? Little Richard? Jerry Lee Le
Kommt dir das bekannt vor?
Nein? Verflucht noch mal,
ch in der Schule?«
Nachdem sie die Chalk Farm Road erreicht hatten, war
es nicht mehr weit zu ihrem Ziel: Der Virgin Megastore auf
Mitte, die zweifarbige Dreadlocks trug und eine rauchende
Pistole auf die rechte Brust tätowiert hatte. »Das ist Juno.
»Nein, sicher nicht«, stimmte Barbara zu. »Hadiyyah, was
ist dieses fürchterliche Gekreisch da um deinen Hals eigent-
lich?« Sie nahm dem kleinen Mädchen die Dosen ab und
wies auf die Kopfhörer, aus denen nach wie vor irgendwel-
che fragwürdige Popmusik quäkte.
und Tabak. Apropos, sind dir die Players zufällig schon be-
Teeparty genannt, obwohl niemand wirklich Tee getrunken
r hatte, die sie mitnehmen
konnte, hatte sie sich vor der Teilnahme gedrückt. Darum
hatte Mrs. Thompson ihren Vate
schon zuvor gesagt hatte, alle sollten teilnehmen.
»Dad sagt, er wär mit mir hingegangen«, erzählte Ha-
gewesen. Außerdem hat
Sie verzog schaudernd
das Gesicht. »Du weißt schon.«
»Ah. Verstehe.« Barbara konnte sich vorstellen, wie Azhar
auf den Anruf der Lehrerin reagiert hatte. Sie hatte noch nie
dies beziehe sich auf ihr Angebot als Mutterersatz, aber
dann sah sie, dass ihre kleine Freundin einen Karton aus
taschen für den Toaster.
»Isst du die zum Frühstück?«, fragte Hadiyyah seufzend.
»Die perfekte Schnellnahrung für die Karrierefrau in Ei-
le«, erklärte Barbara ihr. »Sagen wir, es ist unser kleines
Geheimnis, okay? Eines von vielen.«
»Und was ist das hier?«, fragte Hadiyyah, als habe sie
Barbara gar nicht gehört. »Oh,
! Sahneeisriegel!
Wenn ich groß bin, werd ich genauso essen wie du.«
»Ich lege Wert darauf, alle wichtigen Nahrungsgruppen zu
»Sehr scharfsinnig erkannt«, murmelte Barbara. »Und die
Überraschung? Ich weiß, dass du nicht Geburtstag hast.«
Hadiyyah klopfte mit dem Inlineskate auf den Boden und
wirkte plötzlich verlegen, was ihr ganz und gar nicht ähnlich
sah. Barbara stellte fest, dass sie sich das dunkle Haar heute
selbst geflochten hatte, denn ihr Scheitel ergab ein Zick-
zackmuster, und die roten Schleifen am Ende der Zöpfe wa-
»Es sind noch mehr Tüten im Auto. Wenn du sie holen
»Vorsichtsmaßnahme«, erklärte Barbara. »Auch mit Rück-
sicht auf die Straßenkehrer. Es verhindert, dass das Gehirn
der Inlineskater auf die
Hadiyyah verdrehte die Augen.
»Ich weiß, dass du nur
Barbara hob die Hand zum Schwur. »So wahr mir Gott
helfe. Wo ist denn dein Dad überhaupt? Bist du heute al-
Jemand sang: »Barbara! Barbara! Guck mal, was ich im
Schrank gefunden habe!«
Kälte vom Lebensmittelladen bis nach Hause tragen zu
müssen, hatte sie schaudern lassen. Also hatte sie sich fürs
Auto entschieden und das Beste gehofft. Ohne Gewissens-
des gelben, edwardianischen
Wohnhauses, hinter dem ihr winziger Bungalow lag, mit
Beschlag. Sie lauschte dem Hu
sten und Röcheln ihres Mi-
nis, während sie den Motor abstellte, und nahm sich zum
fünfzehnten Mal in diesem
Monat vor, einen Mechaniker
nach dem Wagen schauen zu lassen, der … so konnte man
n. »Sieht so aus, als wär
ich auf der Suche nach dir. Soll ich dich ein Stück mitneh-
Das käme gelegen, dachte Kimmo, falls Ronald ihn mit
dem Fahrrad hatte flüchten sehen und die Bullen schneller
er gesagt hatte, er wolle für
ein Weilchen ehrlich werden. Er
konnte all die Zeit, die er
bereits in diesen Job investiert hatte, nicht einfach so ab-
schreiben. Da war er doch blöd, und wenn es eines gab, was
Kimmo Thorne nicht war, dann blöd. Kein bisschen. Keine
Er war vielleicht eine Meile we
it geradelt, als er merkte,
r allerhand Verkehr auf den
Straßen … wann war in London kein Verkehr? …, und ein
paar Autos hatten gehupt, als sie ihn überholten. Zuerst
hoch und stieg mit dem Kissenbezug hindurch, als Ronald
Rest seiner Beute im Elternschlafzimmer zu finden, also lief
er eilig die Treppe hinauf, während die Alarmsirene weiter
in seinen Ohren gellte. Das Zimmer, das er suchte, war in
Wenn niemand abhob, riefen sie die Kontaktnummern an,
die man ihnen gegeben hatte. Fü
hrte auch das nicht dazu,
das unablässige Geheul zum Verstummen zu bringen, rie-
schaute, um nach dem Rechten zu sehen, vielleicht aber
auch nicht. Auf jeden Fall lag diese Eventualität mindestens
zwanzig Minuten in der Zukunft, was wiederum zehn Mi-
nuten länger war, als Kimmo brauchen würde, um zu fin-
den, wonach er in diesem Haus suchte.
Die Vorzeichen schienen günstig bei diesem Haus. Die
Familienkutsche war der gr
ößte Wagen aus der Range-
Rover-Reihe, ein Mal in der Woche kam ein Gärtner. Sie
benutzten auch einen Wäschere
iservice, der ihre Laken und
Kissenbezüge gewaschen und gebügelt zurückbrachte. Die-
Gates of Janu
n für die Erschaffung und
Darstellung des Serienmörders in diesem Roman. Und die
immer so findige und unendlich geduldige Swati Gamble
von Hodder & Stoughton hat mich mit Informationen über
alles Mögliche … von Schulen über Busfahrpläne bis hin zu
Bodenbelägen in Lieferwagen … versorgt.
In Amerika hat meine Lektorin bei HarperCollins, Caro-
lyn Marino, mich während der
ganzen langen Entstehungs-
phase dieses Romans unterstützt und ermutigt. Meine lang-
jährige Testleserin Susan Berner
hat hilfreiche Anmerkungen
zur zweiten Fassung gemacht.
Meine Autorenkollegin Patri-
cia Fogarty hat freundlicherweis
e die dritte Fassung gelesen.
oulay hat alles nur Denkbare
erledigt … von der Recherche bis hin zum Spazierenführen
meines Hundes …, um mir die nötige Schreibzeit zu ermögli-
chen. Mein Mann Tom McKabe hat monatelang Weckrufe
um fünf Uhr morgens, auch im Skiurlaub, Wanderurlaub in
den Great Smokies und bei Kurztrips nach Seattle, helden-
haft und ohne ein Wort der
Klage ertragen. Meine Schüle-
rinnen und Schüler haben dafür
gesorgt, dass ich wachsam
und ehrlich blieb, und mein Hund dafür, dass ich mensch-
lich blieb.
Ihnen allen schulde ich Dank. Mögliche Fehler in diesem
Roman haben nicht sie, sondern ich zu verantworten.
Außerdem muss ich dem Mann hinter meiner Karriere
danken: meinem Literaturagenten Robert Gottlieb. Jedes
Wenn eine Amerikanerin sich daranmacht, einen Roman zu
schreiben, dessen Schauplatz London ist, kommen verschie-
dene Kräfte und Persönlichkeiten ins Spiel. Ein kleines Buch
mit dem Titel
Doch
das tat er nicht, und sie sah, dass er es auch nicht
wollte, dass er aus einem bestimmten Grund gekommen war,
der über das, was sie im Mome
nt begreifen konnte, hinaus-
Sie machte eine Geste in seine Richtung, wollte ihn mit ei-
nem Wink verscheuchen, aber er
tat immer noch nicht, was
sie verlangte. Vielmehr durchquerte er den kleinen Raum,
trat zu ihr, sagte nur: »Barbara«, und nahm sie in die Arme.
Sie fing an zu weinen. Wie das Kind, das sie gewesen,
und die Frau, die sie geworden war. Seine Arme schienen
hen und zum Abschied winken würde, doch seine Schwes-
ter hatte einen Arm um seine Taille gelegt und ihn ins Haus
gezogen.
»Schreckliche Dinge passieren guten Menschen«, be-
»Tja. Na ja. Stimmt wohl.«
Sie konnte und wollte nicht darüber sprechen. Zu frisch,
zu schmerzhaft, Essig auf offene Wunden. Sie fuhr sich mit
Seufzer aus, der ihm sagen sollt
e: Hier ist eine müde Frau,
die ihren Schlaf braucht, vielen Dank. Aber er hatte sich
nur ein Mal im Leben hinters Licht führen lassen, und aus
der Erfahrung hatte er gelernt, ein klügerer Mann zu sein.
weder direkter werden oder er
tragen, was er zu sagen hatte.
»Solch ein Verlust. Davon erholt man sich niemals voll-
»Na ja, ich schätze, das stimmt. Er hat eine abscheuliche
Zeit vor sich, und darum beneide ich ihn nicht.«
»Mein Gott, es war gar nicht so einfach, einen zu kriegen,
so wie die Dinge heutzutage
mit der Nationalen Kranken-
muss Ihnen leider sagen, dass
Ihre Mum sich wieder im Blitzkrieg glaubt. Aber machen
Sie sich keine Sorgen deswegen. Wenn wir sie unter Beru-
»Ach, du meine Güte, irgendwann mal. Keiner kann ewig
in Ferien bleiben.«
»Nein. Ich schätze, da hast du Recht.« Barbara gab dem
kleinen Mädchen ihre Tasche und nahm ihr den Müllsack
ab. Sie warf ihn sich über die Schulter, trug ihn zu den
Containern, und beide beförderten ihn schwungvoll zu
Dass sie das nicht waren und
gen gegen sich selbst erreichte, war eine dünne Patina aus
ihre anderen Gefühle legte.
bergehend das Kind in ihr zu
m Schweigen zu bringen, das
beharrte: Wir sind doch Freunde. Freunde vertrauen ein-
. Freunde stützen sich aufein-
ander, weil sie eben Freunde sind.
Doch die Neuigkeiten waren über Dorothea Harriman in
die Einsatzzentrale gelangt. Dee hatte John Stewart um eine
kurze Unterredung gebeten,
der daraufhin mit ernster
Miene die anderen informiert hatte. Niemand wisse bislang
für die Staatsanwaltschaft zu schreiben, und zwar an mehr
als einer Front, also schlage ich vor, Sie schreiben sie, denn
ich will diese Geschichte auf
niederzuschlagen, das hatte auch nicht gerade geholfen.
Wäre sie eine andere Frau gewesen, hätte sie vermutlich be-
schlossen, dass eine schöne
Massage angezeigt sei. Dampf-
bad, Sauna, Whirlpool, das
noch eine Maniküre und Pediküre dazu. Aber so eine Frau
war sie nun einmal nicht. Sie sagte sich, eine Dusche werde
reichen. Und eine Nacht anständigen Schlafs, denn sie war
seit siebenunddreißig Stunden auf den Beinen.
Darauf konzentrierte sie sich. Während sie Richtung Fel-
»Ohne Schuldgefühle«, antworte
terleben.«
»Du auch«, erwiderte er. »Versprich mir das.«
»Was?«
»Dass du auch nicht einen Moment mit dem Gedanken
bevor ich ƒ Na ja, bevor ich
sie in die Geschäfte zurückbringe. Ich weiß nicht, wieso ich
das gedacht habe. Aber weil es
»Ich konnte nicht zulassen, dass sie das taten, was sie tun
wollten«, sagte Lynley. »Ich konnte dem einfach nicht ins
Auge sehen. Sie war ein Forschungsobjekt für die Ärzte ge-
worden. Ein paar Monate mit den Lebenserhaltungssyste-
men, Sir, und dann sehen wir, wie die Dinge sich entwi-
ckeln. Es könnte schlimm sein, es könnte schlimmer sein,
aber auf jeden Fall werden wir die medizinische Entwick-
lung vorangebracht haben. Das wird ein Fall für die Fach-
zeitschriften. Man wird Bücher
Deborah an. Ihre Augen waren fe
ucht, aber sie ersparte ihm
ihre Tränen. »Ich konnte ihr das nicht antun, Deborah«,
fuhr er fort. »Ich
konnte
nicht. Also habe ich die Maschinen
wegspiegels, saß Helens Mörder. Sie hatten ihm eine Plas-
ch seine Mundwinkel nach
oben zogen. »Gut gemacht, Sergeant Havers.«
und der Gelegenheit ergeben, sagte sie. Was den Jungen in
Colossus«, sagte Havers, als sie am Auto ankamen. Sie rede-
te weiter über das Wagendach hinweg, sie auf der einen Sei-
te, er auf der anderen. »Es sieh
t aus ƒ Sir, alle sagen, es
sieht aus wie ein willkürliches Verbrechen. Er redet nicht,
dieser Junge. Aber wir glauben, es ist eine Gang.«
Er schaute sie an. Es kam ihm vor, als befinde sie sich
mal stehen zu bleiben. Er wandte sich um. Hillier fragte:
»Wo gehen Sie hin?«
»Ich fahre nach Cornwall«, antw
»Ich weiß.« Lynley konnte sich nicht entsinnen, wann er
»Thomas, tun Sie das nicht«, bat Hillier. »Nehmen Sie
sich frei. Nehmen Sie Sonderurlaub. Nach allem, was pas-
siert ist, können Sie kaum in der Lage sein, Entscheidungen
über Ihre Zukunft oder die anderer zu treffen.«
Lynley spürte ein freudloses Lachen in sich aufsteigen. Er
men, um eine Konfrontation zu suchen. Sie sagte: »Super-
ƒ Ich kann wahrscheinlich
nicht nachempfinden, was Sie
Hände an die Kehle gelegt, als wolle sie ihn anflehen, ihr zu
»Vielen Dank«, sagte er und fragte sich, wie oft er in den
kommenden Monaten irgendwelchen Leuten würde dan-
ken müssen. Tatsächlich fragte er sich, wofür er sich eigent-
druck von Dankbarkeit, obwohl er in Wahrheit den Kopf
zurücklegen und in die ewige Nacht hinausschreien wollte,
die sich um ihn zusammenbraute. Er verabscheute gute Er-
ziehung. Aber trotz dieses Abscheus stützte er sich darauf,
als er bat: »Würden Sie ihm sagen, dass ich hier bin? Ich
hätte ihn gern kurz gesprochen. Es dauert nicht lange.«
Sie nickte. Doch statt nach dem Telefon zu greifen, trat
sie durch die Tür zu Hilliers Büro und schloss sie leise hin-
noch eine. Vermutlich riefen
sie jemanden an, der heraufkommen sollte. Nkata, zum
Beispiel. Oder John Stewart.
Vielmehr stand er mitten im Raum auf dem Teppich, war
Lynley den halben Weg entgegengekommen. Er sagte leise:
hen. Sie können so nicht weitermachen ƒ«
ankenhaus bleiben sollen«,
»Wir kümmern uns darum, Tommy«, sagte sein Bruder.
»Wir kümmern uns um alles. Wenn du uns lässt.«
»Eine bemerkenswerte Frau«, sagte Lady Asherton.
schließlich im Krankenhaus
offensichtlich annahmen. Er hätte dem Mann lediglich die
lleicht hätte diese Frage zu
anderen geführt: Warum Helen und nicht ich? Und warum
nicht in den Griff kriegte. Doch
ein Blick aufs Display zeig-
auenstimme, die sprach, ver-
traut, aber er hatte sie noch nie am Telefon gehört.
»Wer ist da?«
»Ich bin froh, dass es vorbei ist. Und ich weiß, du hast es
nur gut mit ihm gemeint. Mit un
s. Ich weiß das, Winston.«
»Yas?«, fragte er.
nicht ins Auge sehen, was es
Geist gesteuerte Hand alle
Männerkleidungsstücke der
Länge nach zerschnitten.
»Hatte nicht viel für seinen Dad übrig, so wies aussieht«,
wollten das hier vielleicht se
hen, bevor wir es abtranspor-
tieren.« Ein KTU-Beamter im weißen Overall stand dort,
eine Urne in der Hand.
»Was haben Sie da?«, fragte Nkata.
machten sie sich auf den Weg zum Granville Square. Bis sie
Van parkte vor dem Haus und
Ähnlichkeit mit den Phantombildern hatte, die sie im Laufe
ihrer Ermittlungen erstellt ha
tten. Nur oberflächlich sah er
der im Square Four Gym
wussten ja bereits, dass sei-
ne Vergangenheit ebenfalls zum Profil passte, denn er war
ein Schulschwänzer gewesen, es hatte Gemunkel über Voy-
eurismus gegeben und Fehltage am Arbeitsplatz. Doch in
der kurzen Zeit, die sie mit ih
hatte, die Fahrt zum Lea Valley Eislauf-Center, ihr improvi-
sierter Angriffsplan, wie sie mit dem Bentley den Van ge-
rammt, Lynley und Ulrike Ellis im Innern gefunden hatte
mit ihm sprechen, wenn der Pflichtverteidiger eher hier
aufkreuzt. Also, willst du kommen?«
»Bin unterwegs.«
In seiner Hast war er durch die dunkle Wohnung gepol-
Schlafzimmer gestürmt, eine Häkelnadel in der erhobenen
wollen …, und als sie ihn sah, fragte sie, was im Namen Ja-
maikas er hier um vier Uhr zweiunddreißig verloren habe.
Nkata erreichte die Polizeiwache Lower Clapton Road in
Rekordzeit. Er fand sie nicht allzu weit von Hackney Marsh
entfernt in einem Stadtteil, wo er nie zuvor gewesen war.
Die Wache befand sich in einem alten viktorianischen Ge-
bäude aus roten Ziegeln, das so aussah, als könne Bobby
Peel jeden Moment herauskommen. Zu dieser frühen
« Barbara wandte sich zu ihr um. Sie entdeckte eine
schwere Bratpfanne neben Ulrike, und für einen Moment
glaubte sie, der Bastard habe ihr damit eins übergezogen
und ihr den Schädel zertrümmert. Doch als sie sich
Der Aufprall hatte die Front de
s Bentley völlig eingedrückt
und den Van wie einen Kreise
l ins Gebüsch geschoben.
Fu sagte zu Ulrike: »Das Gericht haben wir hinter uns, nicht
wahr? Und in deinen Tränen erkenne ich sowohl Bekennt-
nis als auch Reue. Also gehen wir direkt zur Bestrafung über,
Liebes. Nach der Bestrafung, verstehst du, kommt die Läu-
Schmerzes anderer empfand. Fu hob seine Hose auf, zog sie
an und versteckte seinen Penis.
Doch allein die Tatsache seiner Erregung schien ihn zu
verändern. Er wurde geschäftsmäßig, das freundschaftliche
Geplauder war vorüber. Er we
tzte das Messer, spuckte in
die Pfanne, um zu testen, wie heiß sie war. Von einem Bord
nahm er ein Stück dünne Schnur, ergriff jedes Ende mit ei-
ner Hand und spannte sie ruckartig mit erfahrenen Bewe-
gungen, als wolle er ihre Stärke überprüfen.
»Also, an die Arbeit«, sagte er, als seine Vorbereitungen
für man ins Gefängnis kommt, aber es erfüllt meinen
Zweck. Sie hat ihn angefasst … an den intimsten Stellen, Ul-
rike? Ganz bestimmt, oder? …, also tragen ihre Hände genau
wie bei all den anderen die Flecken ihrer Sünde.« Er schaute
auf Ulrike hinab. »Ich schätze, es tut dir Leid, richtig, Lie-
bes?« Er strich ihr übers Haar. »Ja, ja. Es tut dir Leid. Also
wirst du befreit. Das verspreche ich dir. Wenn es vorüber
ist, wird deine Seele zum Himmel aufsteigen. Ich werde ein
Stückchen von dir für mich behalten ƒ Schnipp, schnapp,
und du bist mein ƒ Aber das wirst du nicht mehr spüren.
Lynley sah, dass die junge Frau zu weinen begonnen hat-
te. Sie kämpfte verzweifelt gege
n ihre Fesseln an, aber dabei
verausgabte sie sich nur sinnlos. Fu schaute ihr ruhig zu
und strich ihr noch mal übers Haar, als sie aufhörte.
»Es muss sein«, sagte er mit gütiger Stimme. »Versuch, das
zu verstehen. Und vergiss nicht, dass ich dich gern hab, Ulri-
ke. Im Grunde mochte ich sie alle ziemlich gern. Natürlich
musst du leiden, aber so ist das Leben. Wir müssen erleiden,
was immer uns zugedacht ist. Und dies ist dir zugedacht. Der
Superintendent hier wird unser Zeuge sein. Und dann wird
er für seine eigenen Sünden bezahlen. Du bist also nicht al-
lein, Ulrike. Das ist dir doch
bestimmt ein Trost, oder?«
Er wandte sich wieder dem Kocher zu. Er nahm die Kerze
s ein hieratisches Ritual war,
das er hier beobachtete. Und genau das war die ihm zuge-
dachte Rolle: ein Beobachter, wie der Gläubige in der Kirche.
sind immer neugierig, und wer könnte Ihnen daraus einen
Vorwurf machen? Sie wollen es wissen, nicht wahr? Sie wol-
len es verstehen.«
er war vielmehr derjenige, zu dem seine Lebensumstände
ihn gemacht hatten: Er war
jemand, der gerne Menschen
signation. Als er sie ansah, sc
Colossus war, aber in seinem derzeitigen Zustand konnte er
sich nicht an ihren Namen erinnern. Das alles legte nahe,
unnachahmliche, sture und
dickköpfige Art die ganze Ze
it Recht gehabt hatte: Der
Mörder, der mit ihnen hier im Lieferwagen war, war einer
der Angestellten von Colossus.
Fu war dabei, alles vorzuberei
ten, in erster Linie sich
musste das Ambra-Öl sein, richti
Fläschchen entnahm. Neben ih
m befand sich der Kocher,
schrieben hatte. Eine große
Pfanne stand darauf, die bereits heiß wurde und den schwa-
chen Geruch von gebratenem Fleisch verströmte.
Er summte tatsächlich vor sich hin. Für ihn war all dies
hier nichts Besonderes: Sie waren in seiner Gewalt, er hatte
die Macht über sie, und die Manifestation von Macht, die
Ausübung von Macht waren das, was er vom Leben wollte.
Die Frau am Boden gab hinter dem Klebeband einen er-
barmungswürdigen Laut von sich. Fu wandte sich um, als
er ihn hörte, und Lynley sah, dass der Mann ihm vage ver-
traut vorkam, dass er dieses englische Durchschnittsgesicht
hatte: eine ausgeprägte, spitze Nase, ein abgerundetes Kinn
und Brotteigwangen. Er sah aus wie hunderttausend andere
Männer auf der Straße, aber
in ihm war das Gen irgendwie
mutiert, also war er kein gewöhnlicher harmloser Zeitge-
nosse, der irgendeiner normalen
Arbeit nachging und abends
zu Frau und Kindern in sein
Reihenhäuschen fuhr, sondern
hatte er die Taschenlampe in
der ausgestreckten Hand gese-
hen und gewusst, wen er vor sich hatte. Danach hatte ihn der
Und im Akt der Fesselung la
der Erste zu sein, um den Nicht-Ehemann und Nicht-Vater,
der er gerade geworden war, zu interviewen, hatte ihm ein
Teil seines Gehirns gesagt, da
Van dort parkte, lag er vollkommen im Dunkeln. Niemand,
der vorbeifuhr, hätte ihn von der Straße aus sehen können.
, sollte sie damit anfangen?
, sonst zieh ich dir das hier
über den jämmerlichen Schädel, während ich deinem Elekt-
der Hand auf mich springst? Wie, in aller Welt, sollte das
funktionieren?
kerl kannte die Schleichwege. Aber das war ja auch klar,
oder, denn er fuhr mit dem Fahrrad und kannte die Stra-
ßen, die Gassen, die ganze verdammte Stadt.
Richtung. Das war alles, was
sie sagen konnte. Sie blieb so weit zurück, wie sie es wagte,
ohne Gefahr zu laufen, ihn zu
verlieren. Sie fuhr ohne
Licht, was er sich nicht leisten konnte, wenn er ganz normal
wirken wollte wie jemand, der einfach nur von A nach B
fuhr, ganz unschuldig zu dieser Zeit um zwei Uhr morgens
oder später. Sie konnte nicht ri
skieren, an einer Telefonzel-
le zu halten oder einen Fußgänger aufzugabeln … selbst
wenn es welche gegeben hätte … und sein Handy zu requi-
rieren. Das Einzige, was ihr zu tun übrig blieb, war, dem
Van weiter zu folgen und fieberhaft zu überlegen, was sie
machen konnte, wenn sie am Ziel ankamen, wo immer das
auch sein mochte … an dem Ort, wo er, das wusste sie, die
fluchte, während sie ihn unter Kontrolle brachte, ihre Reak-
tionen unter Kontrolle brachte, ihre Erschöpfung unter
Kontrolle brachte, die überhaupt keine Erschöpfung mehr
war, sondern pures Adrenalin in ihren Adern, und die
Notwendigkeit, diesen Scheißkerl aufzuhalten, eine kleine
Überraschung für den Bastar
d zu arrangieren, hundert
Cops herbeizurufen, falls das nötig war, und zwar allesamt
sie ihn verfolgen und die Männer mit den schönen großen
Knarren rufen, auf dass sie dieses nutzlose Stück menschli-
All das hatte drei Sekunden ge
Kilfoyle packte Lynley unter
den Achseln und zerrte ihn auf
dürfnis, ihm wenigstens einen kleinen Teil der Schuldge-
fühle zu nehmen, die er mit sich herumschleppte, also
So war es nach ein Uhr morgens, als sie schließlich zu ih-
rem Auto ging. Dann sprang dieser verflixte Mini nicht an,
und sie saß da, den Kopf aufs
Lenkrad gestützt und be-
schwor den verdammten Motor, endlich in Gang zu kom-
men. In ihrem Kopf hörte sie die Warnung aus irgendeiner
automechanischen Dimension, sie solle den Wagen in Re-
paratur geben, ehe er endgültig den Geist aufgab. »Mor-
gen«, murmelte sie. »In Ordnung? Morgen.« Und sie hoffte,
Das war es. Der Motor sprang endlich an.
Zu dieser nachtschlafenden Zeit waren die Straßen von
London beinah leer gefegt. Ke
in Taxifahrer, der halbwegs
bei Verstand war, war um dies
e Zeit in Westminster unter-
wegs, um eine Tour zu ergattern, und die Busse fuhren nur
noch selten. Gelegentlich kam ihr ein Wagen entgegen, aber
im Großen und Ganzen waren die Straßen so verlassen wie
sich in Hauseingänge zum
Schlafen gelegt hatten. So erre
ichte sie in kürzester Zeit das
Krankenhaus.
Unterwegs fiel ihr ein, dass er vielleicht gar nicht da war,
dass er möglicherweise nach Hause gegangen war, um ein
bisschen zu schlafen, und in dem Fall wollte sie ihn nicht
»Es wird Zeit«, sagte er.
Er fühlte sein Herz anschwellen, als werde es ihm aus
dem Leib gerissen. Die Monitore wurden schwarz. Das Be-
atmungsgerät verstummte. Die
Als Barbara und Nkata zu New Scotland Yard zurückka-
men, machte die Neuigkeit bereits die Runde. Die Finger-
auf dem Lauf und dem Griff
der Pistole, und die ballistis
ben, dass es sich um die Tatw
hängt, dass das Porträt in der
dazu geführt hat, dass
der Täter sie finden konnte. Er muss wissen ƒ Ich meine,
dann hätte er eine Sorge weniger.«
er das nur auf Fotografien tun können. Doch wenn er die
Augen schloss, würde er nichts als die Dunkelheit sehen.
darin zu erkennen, was sie wollen würde. Und dann frage
nur einrede, sie anzusehen, um zu erkennen, was sie von
mir erwarten würde, während ich sie in Wahrheit einfach
nur ansehe. Sie ansehe, weil ich dem Moment nicht ins Au-
ge blicken kann, in dem ich nicht mehr in der Lage sein
werde, sie anzusehen. Weil sie nicht mehr da sein wird.
Nicht nur ihr Geist, sondern auch ihr Körper nicht mehr da
sie mir einen Grund, um weiterzumachen, und ich ziehe
diese Situation in die Länge.«
Seine Mutter hob die Hand und liebkoste sein Gesicht.
»Von meinen Kindern warst du
härtesten zu sich selbst war«, sagte sie. »Du hast immer
dich zu verhalten, hast so
Fehler, Liebling. Es gibt nur
ten und die Konsequenzen, die daraus folgen. Es gibt nur
Ereignisse und wie wir mit ihnen fertig werden und was wir
»Das ist zu einfach«, widersprach er.
»Ganz im Gegenteil. Es ist furchtbar schwierig.«
Dann hatte sie ihn allein gela
ssen, und er war zu Helen
diesen monströsen Schlag nic
ht allein erlitten, und er wür-
de auch nie behaupten können, allein zu leiden. Also hatten
n Säuglingsneurologen zusam-
mengesessen, der ihnen gesagt
hatte, was sie bereits wuss-
Zwanzig Minuten waren keine sehr lange Zeit. Zwanzig
Minuten beschrieben eine Periode, in der gewöhnlich sehr
wenig bewerkstelligt werden konnte. Tatsächlich gab es Ta-
ge, an denen Lynley in zwanzig Minuten nicht einmal von
»Was für eine Einrichtung?«
»Eine, die sich bemüht, Juge
»Haben Sie je einen Ihrer Schützlinge zu einer Organisa-
tion namens Colossus geschickt?«, fragte Nkata. »Südlich
der Themse ist das, Elephant and Castle.«
Kopf. »Ich habe natürlich
davon gehört. Wir hatten dere
Und das wars dann: der Ehrenkodex der Straße. Und
nicht nur der Straße. Es war ein Kodex, der ihre ganze Ge-
sellschaft durchdrang. Eltern
vermittelten ihn ihren Kindern
von klein auf, denn er war über
wohin es sie verschlug. Einem
Freund schnüffelte man nicht
hinterher. Aber das allein sprach Bände, denn wer immer
mit dem Jungen in Belgravia gewesen war, wurde mögli-
cherweise … zumindest von Joel
aus wie ein Teddybär. Aber der Junge zog sich in sich selbst
zurück … man konnte förmlich zusehen, wie er Mut aus ei-
ner anderen Dimension schöpfte … und sagte nichts.
»Wir wollen einen Namen, Mann«, sagte Nkata.
»Wir wissen, dass du nicht allein warst«, fügte Barbara
»Der andere Kerl war ein Er
wachsener, oder? Wir wollen
einen Namen von dir. Das ist de
r einzige Weg, der dir offen
Joel sagte nichts. Er griff nach der Cola und legte die
auf. Sie trat als Erste ein und sagte: »Danke, Sherry« zu ei-
ner Beamtin, die offenbar bei dem Jungen geblieben war.
Die Polizistin ging hinaus, un
d Barbara folgte Fabia Bender
darum hatten wir uns nicht
viel zu sagen.«
»Anwalt?«
»Ich nehme an, die Tante kümmert sich gerade darum.«
Er forderte sie mit einem Wink auf, ihm zu folgen. Auf
m ihnen eine abgespannt
wirkende Frau in Sweatshirt
, Jeans und Turnschuhen ent-
gegen, die Sozialarbeiterin. Ihr Name war Fabia Bender,
t ihrem Freund, der ausgewie-
sen worden war, nach Jamaika
verschwunden war, hatte die
Tante die Kinder aufgenommen. Es sei wirklich kein Wun-
Mal hier hatten, aber sie wollte nichts davon hören. Es ist
immer die gleiche Geschichte.«
John Stewart hatte Nkata instruiert, die Sache zu über-
langte lautstark von einem Cons
sene Auto zurück, Mann! Meinen
Sie, die Frau hier will das
Baby auf der Straße
zur Welt bringen?«
Der erste Krampf schüttelte sie, der zweite raubte ihr fast
das Bewusstsein, der dritte katapultierte sie an den Rand
eines Abgrunds, und dann
aber die Polizisten in West Kilburn hatten ein sehr breites
Aufgabenspektrum zu bewältigen: von den üblichen sozia-
In einer entlegenen dunklen Ecke des Parkplatzes stand der
Van. Er wirkte alt und harmlos, Rostflecken nagten an dem
verblichenen weißen Schriftzug auf der Seite.
»Steht es oben am Platz? Das machen wir schon. Steig
ein. Wir fahren vorbei und holen es.«
Sie sah sich auf dem Parkplatz um. Er war schlecht be-
»Mir ist klar, dass es ein Spiel ist. Ich kriege die politischen
Winkelzüge schon mit. Ich bin nicht blöd.«
»Das wollte ich auch nicht unterstellen.«
»Ich bin nicht eingeschnappt. Du tust nur, was du tun
Schwein. Er hat sich einen Campingwagen für den Ruhe-
stand gekauft, und eine Woche später ist er tot umgefallen.
Hat ihn kein einziges Mal benutzen können. Komm. Wir
können dein Rad hinten reinstellen. Das hab ich schon mal
»Danke, aber das ist wirklich nicht nötig. Ich will dir kei-
»Sei nicht albern. Das sind doch keine Umstände.« Er
nahm ihren Arm. »Nacht, Dan«, sagte er zu dem Barkeeper
und ging mit Ulrike nicht zu
kommen war, sondern zu einem Flur. Dieser führte zu den
Ulrike wusste, dass sie sich auf dünnem Eis bewegte, also
beschloss sie, die Wahrheit sei vermutlich der beste Weg.
»Nicht nur, um ehrlich zu sein. Ich werde ƒ na ja ƒ unter
die Lupe genommen, Rob. Also will ich herausfinden, wer
meine Freunde sind. Du hast es doch sicher gehört.«
»Was? Wer deine Freunde sind?«
»Dass eine Untersuchung läuft.«
»Diese Untersuchung meine ich nicht.«
»Was dann?«
ucht meine Leistungen als
Leiterin von Colossus. Du musst doch wissen, dass sie heu-
»Warum?«
»Warum was?«
»Warum muss ich das wissen? Ich bin doch der Fußab-
Ein Blick in ihre Richtung. »Warum fragst du das?«
Sie zuckte die Schultern. »Es scheint offensichtlich. Du
hattest anscheinend eine enge
Beziehung zu ihm. Immerhin
habt ihr unter einem Dach gelebt. Ihr müsst viel Zeit mit-
einander verbracht haben. Ich weiß noch, dass du mir er-
zählt hast, wie ihr zwei zusammen fern ƒ« Sie brach ab,
Glas kreisen und zwang sich,
fortzufahren: »Du hast mit
und während er ihn holte, erzählte sie Rob, Mrs. Puccini
habe ihr geraten, hier nach ih
m zu suchen. »Sie hat gesagt,
du gingst regelmäßig hierher, seit dein Vater gestorben ist«,
fügte Ulrike hinzu.
Robbie sah weg und dann wieder zu ihr. Er versuchte
d dafür musste Ulrike ihn be-
wundern. »Ich wollte es dir nicht sagen, dass er gestorben
ist. Ich wusste nicht, wie. Es wäre so gewesen, als ƒ« Er
schien einen Moment nachzudenken, während er das Bier-
glas in den Händen drehte. »Als wollte ich um eine Sonder-
behandlung bitten, als spekulie
»Wie kommst du nur auf so einen Gedanken?«, fragte
in eine Hotelbar und nicht in
den Pub an der Ecke ging, um
sein Bier zu trinken, aber die Othello Bar hatte einen unbe-
am heutigen Abend: Es war
praktisch niemand dort. Wenn Robbie das Bedürfnis ver-
spürte, dem mitfühlenden Barkeeper die Ohren voll zu
jammern, dann stand dieser Mann gänzlich zu seiner Ver-
fügung. Obendrein gab es Sitzgelegenheiten an der Bar,
noch ein Vorzug gegenüber dem Pub.
Robbie Kilfoyle saß auf einem
dieser Hocker. An zwei der
Tische saßen Geschäftsleute und arbeiteten an ihren Laptops,
das Bier in Reichweite. An einem weiteren Tisch hatten sich
drei Frauen eingefunden, deren
ausladende Hinterteile, weiße
Ulrike hörte ihr zu, war aber immer noch damit beschäf-
tigt, die erste Neuigkeit zu verarbeiten: Robbie Kilfoyles Va-
ter war tatsächlich tot. Es stand im Widerspruch zu dem,
Nein, musste Ulrike zustimmen, das war es nicht. Sie
sagte: »Ich nehme an, es ist
nie erwähnt, dass sein Vater ve
rstorben ist.« Ganz im Ge-
genteil, fügte sie in Gedanken hinzu.
»Na ja, das kann ich mir vorstellen. Rob ist nicht der
»Ach, er hat irgendwo eine Schwester, viel älter als er,
aber die ist schon vor Jahren verschwunden und war auf
keiner der Beerdigungen. Verheiratet, Kinder, Australien
oder weiß der Kuckuck, wo. Soweit ich weiß, hat sie nichts
mehr von sich hören lassen, seit sie achtzehn war.« Mrs.
Puccini sah Ulrike noch einmal scharf an, als wolle sie sie
einschätzen. Als sie weitersprach, wurde offensichtlich, wa-
rum: »Aber wissen Sie, Herzchen
, weil ja nur Sie und Trixie
es hören ƒ« Sie wies mit einem kurzen Schütteln der Leine
auf ihren Hund, der zu ihren Füßen lag und diese Geste of-
fenbar als Aufforderung verstand, den Spaziergang fortzu-
nachdem er die Sandwiches au
sgefahren hat. Aber wir be-
trachten ihn trotzdem als einen der unseren.«
»Stehen Sie ihm nahe?«
»Warum fragen Sie?«
Mrs. Puccini klang misstrauisch, und Ulrike erkannte,
dass dies eine Wiederholung ihrer Begegnung mit Mary
Alice Atkins-Ward werden konnte, wenn sie diese Richtung
Ulrike runzelte die Stirn. »Sein Vater?«
rike nicht die Absicht, wieder zu verschwinden, ehe sie
nicht wenigstens versucht
hatte, ihn herauszulocken.
Sie klopfte, aber ohne Erfolg. Sie drückte auf die Tür-
klingel. Sie versuchte, durch die Fenster zu spähen, musste
sich aber schließlich eingestehen, dass diese Fahrt ins Nie-
mandsland zwischen St. Pancras und Islington reine Zeit-
verschwendung gewesen war, wenn man von der sportli-
zu zwanghaft ordentlich … ein
ben konnte, wenn sie mit ihm sprach, dachte Ulrike …, und
die Schulküche war so makellos, dass man vom Boden hät-
te essen können. Auch der Computerraum und das Klas-
senzimmer für die Einstufungskurse waren in tadellosem
Zustand. Robs sorgfältige Handschrift war überall zu er-
ach so unwilligen Körper lassen konnte, dann würde er ge-
nau das tun. Das, was Neil Greenham dem Vorstand einge-
pflanzt und Jack bewässert ha
tte, würde Griff kultivieren.
Bei seiner Befragung würde er auch bestimmt diesen ver-
fluchten Seemannspulli tragen. Falls er überhaupt nach
Rechtfertigungen suchte, würde er eine Liste von Gründen
anführen, warum sie in eine Situation geraten waren, in der
musste. Arabella und Tatiana
würden diese Liste anführen. »Rike, du weißt, dass ich fa-
miliäre Verpflichtungen habe.
Das hast du immer gewusst.«
Der Einzige, der Ulrike einfiel, der sich
positiv
über sie äußern würde, war Robbie Kilfoyle, und auch das
nur, weil er als Ehrenamtler im Gegensatz zu den fest ange-
stellten Mitarbeitern vorsichtiger sein musste, wenn er be-
fragt wurde. Er musste einen Drahtseilakt der Neutralität
kunft zu sichern und in die Richtung zu gehen, die er an-
strebte, nämlich die einer Festanstellung. Er wollte sicher
nicht für den Rest seiner Tage Sandwiches ausliefern, oder?
Aber Rob musste positioniert werden. Er musste sich selbst
als Spieler in ihrem und keinem anderen Team sehen.
Sie machte sich auf die Suche nach ihm. Es war spät ge-
worden. Sie schaute nicht auf die Uhr, aber die Dunkelheit
draußen und die Stille im Gebäude sagten ihr, dass es weit
nach sechs Uhr sein musste, wahrscheinlich näher an acht.
schweigen von den Fragen, die sie bei ihrer Ankunft gestellt
hatten. Neil würde also überglücklich sein, sie zu teeren,
sammenzog wie die Fäden eine
Stundenlang hatte sie bei Helen gesessen, ehe sie wieder
sprach, und dann sagte sie leise zu ihm: »Sie ist nicht hier,
»Nein, sie ist nicht hier«, stimmte Lynley zu. Denn He-
rschwunden, weitergezogen zur
immer das sein mochte. Was
e Behausung dieses Geistes,
welche die fragwürdigen Wu
Als St. James kam, ging Lynley mit ihm in den Warte-
von der Polizeiwache Harrow Road und ihrem Informan-
ten, aber das Einzige, was in
sein Bewusstsein vordrang,
St. James überbrachte Lynley
die Neuigkeiten. Dieses Mal
trafen sie sich nicht auf dem
Korridor, sondern in dem klei-
»Aber wir haben doch die ganze Zeit gewusst, dass es
Abweichungen gibt: die Strangulation mit den Händen, das
Fehlen der Wunden vom Elektroschocker, die Vergewalti-
gung. Robson selbst hat uns
darauf hingewiesen, dass die
Dinge eskalieren, wenn ƒ«
»Der Junge hatte seit Stunden nichts gegessen,
Constable, und es waren keine Spuren von Ambra-Öl an
ihm festzustellen.«
Erklärung finden ƒ«
»Alle anderen Jungen hatten
in der Stunde vor ihrem
Sie brachte diese Neuigkeit zu Scotland Yard, hielt ihren
Bericht an Stewart kurz und bündig. Ein Ja von Minshall,
ein Nein von Masoud, sagte sie Stewart. Sie mussten unbe-
dingt diesen verdammten Van finden.
der Hand wie ein frustrierter
Lehrer …, und warf ihn auf den Tisch, ehe er sagte: »Der
ganze Ansatz führt zu nichts, wie sich herausgestellt hat.«
»Warum nicht?«, fragte Barbara.
Sie starrte ihn an. »Wie meinen Sie das?«
Stunden später im Revier
am Shepherdess Walk ankam, erkannte Barbara ihn vor al-
rrung und Nervosität. Sie holte ihn am
weiten Weg auf sich genommen hatte, um bei den Ermitt-
lungen zu helfen. Er strich sich unbewusst über den Bart …
Sache furchtbar schwer. Und sie denkt, ein Spezialist für
»Aber, Deborah, wie soll ihm
fertig zu werden? Er braucht jemanden, der ihm dabei hilft,
lachte brüchig. »Das ist genau das, was Helen immer so ge-
hasst hat, wissen Sie. Das Zusammenreißen und Weiterma-
chen, das viele Leute so wichtig finden. Die Zähne zusam-
menbeißen und sich nichts anme
hört wie ein Jammerlappen.
Das hat sie verabscheut, Barbara.
Ihr wär es lieber, er würde
löscht worden. Nachdem die Nachrichtensprecher zum
Versuch, sich vor der Aufgabe zu drücken, am Shepherdess
Walk zu warten, bis Masoud endlich aufkreuzte. Er werde
doch sowieso das Gleiche sagen wie Minshall, erklärte sie
John Stewart, sollte sie also ihre Zeit nicht besser dafür nut-
zen, den Stellplatz zu suchen
, wo Robson seinen Van ver-
steckt hielt? Hatten sie diese Garage erst einmal gefunden,
würden sie Berge an Beweisen gegen den Drecksack haben,
Barbaras Meinung nach wa
ren zwei Gegenüberstellun-
bereits anhand des Fotos, das sie aus Esther Robsons Woh-
nung hatte mitgehen lassen, identifiziert hatte, wenn auch
nur zögerlich. Aber sie bemühte sich, die Sache mit Ste-
warts Augen zu sehen: nicht
als Ausdruck der zwanghaft
r die er bei Scotland Yard
den Ruf eines nervtötenden
Pedanten eingebracht hatte, sondern als kleines Erdbeben,
das Robson so verschrecken sollte, dass er zu weiteren Ge-
ständnissen bereit wäre. Die Situation, in einer Reihe von
Männern zu stehen und darauf zu warten, ob ein unsicht-
barer Zeuge mit dem Finger auf einen zeigte und einen ir-
gendeines Verbrechens bezichtigte, war entnervend. Das
zweimal über sich ergehen lassen zu müssen und somit zu
begreifen, dass es noch einen weiteren Zeugen für Gott
weiß was gab ƒ Unter dem Stri
hübsche Idee, das musste Barbara Stewart zugestehen. Also
veranlasste sie, dass Minshall zum Revier am Shepherdess
Walk gefahren wurde, und sie stand mit ihm vor dem Ein-
wegspiegel, als der Zauberer Robson auf Anhieb erkannte
und sagte: »Das ist der Mann. Das ist zwei-eins-sechs-null.«
Barbara hatte das Vergnügen, zu Robson zu sagen: »Ei-
nen hätten wir schon mal, Freundchen« und ihn dann zap-
Sie unter Beobachtung stehen. Wir werden ƒ nennen wir
es, eine interne Untersuchung durchführen.«
»Weil Sie kein besseres Wort dafür finden?«
»Und wie soll diese interne Untersuchung vonstatten ge-
»Mit einer Revision und mit Befragungen. Lassen Sie
mich sagen, dass ich glaube, Sie haben im Großen und
»Ich war nicht mehr abgelenkt als sonst, hatte lediglich
viel zu tun mit den Plänen für die Eröffnung der Niederlas-
sung in Nordlondon und dem damit einhergehenden Spen-
zept für diese Arbeit. Ich habe
gleiche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die man in
ganisation wie Colossus zu be-
rücksichtigen hat. Wenn mir entgangen ist, dass einige Jun-
gen ausgeblieben sind, lag es an der zu großen Zahl der or-
ganisatorischen Belange. Ehrlich gestanden bin ich erschüt-
schickt werden, haben eine Anwesenheitspflicht, die über-
Und selbst diese Kids wurden nicht sofort von Colossus
angeschwärzt, wenn sie mal wegblieben. Auch ihnen ließen
sie innerhalb gewisser Grenzen einen Freiraum, sobald der
Einstufungskurs vorüber war.
Tatsache, dass die Leiterin von
Colossus es doch wohl, verdammt noch mal, wissen sollte,
was mit den Kindern los ist, denen Colossus helfen soll, fin-
den Sie nicht? Ich meine, da
s würde doch keinen großen
schauen und die Kursleiter zu fragen, wer anwesend ist und
wer schwänzt. Und wäre es n
icht ratsam, dass die Leiterin
von Colossus zum Telefon grei
ft und versucht, einen Ju-
gendlichen ausfindig zu machen, der aus einem Programm
ausgeschieden ist, das entwickelt wurde … und finanziert, das
wollen wir nicht vergessen …,
um genau dieses Verhalten zu
vermeiden. O ja, Neil hatte sein Allerbestes gegeben, das
musste Ulrike ihm lassen.
Ihr fiel keine passende Antwort auf Bensleys Bemerkung
von Colossus seit September ermordet und ihre Leichen an
verschiedenen Orten in London aufgefunden worden waren.
»Warum wurden wir nicht info
rmiert?«, fragte Bensley.
»Warum musste diese Information von außen an uns he-
Jansen blickte auf das Bild hinab. Ein kleines Stück Pa-
lossus mit diesem neuerlichen Verbrechen nicht in Verbin-
dung gebracht werden konnte.
Aber nun waren Mr. Bensley und Mrs. Richie hier und
saßen mit ihr in ihrem Büro … ein zusätzlicher Stuhl war aus
der Rezeption herbeigeholt worden …, und sie waren ent-
schlossen, über genau das Thema zu reden, das sie mit so
großer Mühe von ihnen fern zu halten versucht hatte.
Bensley war derjenige, der es
zur Sprache brachte. »Be-
richten Sie uns von den toten Jungen, Ulrike«, sagte er.
Das war alles, was er ihr sagte, aber Ulrike stellte die
Verbindung selbst her. Sie ha
tte die Zeitung gelesen. Die
gekommen war, um mit Ulrike über die Ermordung von
Kimmo Thorne und Jared Salvatore zu sprechen, war vor
wusste, es ebenso gut sein
konnte, dass er jedes, Mal Emma, die bengalische Kellnerin
aus der Brick Lane, vögelte, wenn er Colossus verließ. Aber
Ulrike war dies gleichgültig. Sie hatte jetzt größere Sorgen.
Und war das nicht eine weitere faszinierende Wendung des
Lebens? Sie wäre bereit gewesen, fast alles für diesen Mann
zu opfern, doch nachdem ihr Kopf wieder klar geworden
so wertlos war wie eine Staub-
Der Preis für den klaren Kopf war allerdings zu hoch ge-
wesen. Und es stellte sich heraus, dass genau das der Grund
für den Besuch von Mr. Bensley und Mrs. Richie war. Die-
ser Besuch wäre nicht einmal
so schlimm gewesen, hätte sie
nicht zuvor die Polizei aufgesucht.
Dieses Mal waren es Beamte des Reviers Belgravia, nicht
doch nicht ƒ Ist das zulässig? Ich habe kooperiert. Ich ha-
be alles gestanden.«
»Das behaupten Sie, Dr. Robson«, warf Barbara ein. »Aber
wir haben die Erfahrung gemacht, dass Lügner und Mörder
aus demselben Holz geschnitzt si
nd, also nehmen Sie es uns
nicht übel, wenn wir Ihnen nicht so ohne weiteres jedes
»Sie müssen mich anhören«, sagte Robson. »Den einen
Jungen, ja. Aber das war ein Versehen. Ich wollte nicht,
dass es passiert. Aber die anderen ƒ Ich bin kein Mörder.
Sie suchen jemanden ƒ Lesen Sie das Profil.
Lesen
Profil. Ich bin nicht der Mann, den Sie suchen. Ich weiß,
dass Sie unter enormem Druck stehen, diesen Fall abzu-
Im Einklang mit sich. Sie
waren zu der Erkenntnis gelangt, dass fleischliche Freuden
keine Sünde sind.«
nen Jungs«, sagte Barbara.
»Und wie kamen sie darauf, dass das keine Sünde sein soll?«
»Weil die Jungen lernen, es auch zu wollen.«
»Ach, wirklich? Und wie kommt es, dass Typen wie Sie
glauben, das beurteilen zu können, Dr. Robson?«
»Ich sehe, dass Sie nicht glauben ƒ dass Sie meinen, ich
sei ein ƒ«
gung. Ein Dreizehnjähriger.
Und Sie haben geglaubt, er sei gefügig. Also haben Sie es zu
Ende gebracht, nur irgendwann ist Ihnen klar geworden,
dass Sie eine Leiche fickten.«
sei immer ein bisschen beängstigend, sogar ein bisschen
schmerzhaft, aber er solle
sich keine Sorgen machen.«
»Wie reizend von Ihnen«, warf
Barbara ein. Sie hätte die-
sem erbärmlichen Mistkerl am liebsten die Augen ausge-
kratzt. Nkata bewegte sich neben ihr. Sie schärfte sich ein,
sich zurückzuhalten, und sie wusste, das Gleiche sagte ihr
Kollege ihr mit seiner Körperspra
che. Aber sie wollte einfach
nicht, dass dieser Kinderschänder glaubte, ihr Schweigen
impliziere Billigung, selbst wenn sie wusste, dass ihr Schwei-
sie immer freiwillig mitgehen. Er hat gesagt, sie seien gut
beraten«, erklärte sie. »Er hat
beschlossen, bei dieser Unter-
haltung mit Ihnen zu kooperieren, da er den Eindruck hat,
dass es signifikante Aspekte bei dieser Ermittlung gibt, die
Da hast du verdammt Recht, dachte Barbara. Der Psy-
chologe wusste genau, dass er jahrelang hinter Gittern ver-
schwinden würde. Genau wie Minshall versuchte dieser
schleimige Scheißkerl schon je
tzt, eine mildere Strafe aus-
zuhandeln.
Nkata sagte: »Kriminaltechniker sind dabei, Ihr Fahrzeug
zu untersuchen, Dr. Robson. Das Gleiche gilt für die Woh-
nung Ihrer Mutter. Ein Team
von Scotland Yard sucht
gendwo in der Stadt haben
müssen, denn wir gehen davon
aus, dass sie dort den Van
beschäftigt, Ihre Vergangenhei
zu finden, was bisher vielleicht übersehen worden ist.«
Dies, zusammen mit Barry Minshalls Identifizierung von
Robson auf dem Foto und de
eins-sechs-null Teil der Telefonnummer von Robsons be-
ruflicher Wirkungsstätte war,
reichte aus, ein KTU-Team
zu bestellen und ein weiteres
Team zur Walden Lodge zu
schicken. Ersteres sollte nach Spuren in Robsons Wagen
suchen, das zweite in der Wohnung seiner Mutter arbeiten.
Es schien unwahrscheinlich, dass er Davey Benton oder ei-
nes der anderen Opfer in sein
e Wohnung hier am Barbican
gebracht haben sollte. Aber zumindest Davey war in Rob-
sons Wagen zur Wood Lane
mit Sicherheit Spuren in Esther Robsons Wohnung hinter-
Als sie genug beisammen hatten, um eine Anklage wegen
Pädophilie zu untermauern, fuhren sie zur Polizeiwache.
Robson hatte bereits seine Anwältin informiert, und nach-
»Wenn das der Fall ist, warum hat er dann den Jungen
mitgenommen?«
»Um ihn eine Sünde begehen
sein nächstes Opfer werden kann, wenn die Sache mit He-
Zelle schmoren zu lassen. Ein Vorgeschmack auf seine Zu-
kunft. Also hatten sie den Profiler zur Polizeiwache am
Shepherdess Walk gebracht, die zwar nicht die nächstlie-
gende zu seiner Wohnung am Barbican war, aber ihnen er-
sparte, sich einen Weg weiter in die Innenstadt zur Wood
zum Trauern. »Sie konzentriere
n all ihre Kräfte auf diese
Sache, Tommy. Sie haben mehr Freiwillige, als sie gebrau-
chen können. Aus allen Polizeirevieren der Stadt. Die Zei-
tungen ƒ Du hast sie nicht gesehen, oder? Sie haben es rie-
sengroß aufgezogen. Aufgrund
»Eine Story, wie die Gazetten sie lieben«, warf Lynley bit-
»Aber in diesem Fall ist die
Anteilnahme der
Öffentlichkeit
enorm groß, Tommy. Irgendwer
wird die Bilder der Überwa-
chungskameras erkennen und di
e Jungen identifizieren.«
»Jungen?«, fragte Lynley.
St. James nickte. »Zumindest einer von beiden war of-
fenbar ein Jugendlicher. Das Aupair-Mädchen schätzte ihn
auf zwölf Jahre.«
»O mein Gott.« Lynley wandte den Blick ab, als könne er
seinen Verstand daran hindern, die unausweichlichen
St. James tat es für ihn. »Ein Junge von Colossus? In Be-
gleitung des Serienmörders, aber ohne zu wissen, dass sein
»Ich habe ihn … sie … in mein Heim eingeladen. Auf der
Titelseite der
Source
»Aber es war keine Adresse angegeben, kein Straßenna-
ch dir hätte dich aufgrund
dieses Artikels nicht finden können. Das ist unmöglich.«
»Er wusste, wer ich war und wie ich aussah. Er hätte mir
an jedem beliebigen Tag von
folgen können. Und dann musste er nur noch seine Pläne
machen und auf einen günstigen Zeitpunkt warten.«
gebrochene Zweige. Das Gleiche in den übrigen Gärten auf
»Fußabdrücke?«
Ȇberall. Die Belgravia-Beamten werden sie fassen, Tom-
»Sie?«
»Es waren definitiv zwei. Einer war gemischtrassig. Über
den anderen wissen sie noch nichts Genaues.«
»Das Aupair-Mädchen?«
»Sie haben sie vernommen. Sie sagt, sie war bei dem Ba-
Teil des Hauses ein Fenster ze
rbrechen hörte. Bis sie unten
ankam, um festzustellen, was vorging, waren sie im Haus.
Treppe auf sie. Einer war
schon an der Haustür, auf dem Weg ins Freie. Sie dachte
natürlich, sie seien eingebrochen, um das Haus auszuräu-
men. Sie fing an zu schreien, hat aber gleichzeitig versucht,
sie aufzuhalten … Gott allein weiß, warum. Einer von ihnen
hat seine Mütze verloren.«
»Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird.«
»Warum nicht?«
»Das Haus an der Cadogan Lane mit den Überwa-
chungskameras? Sie haben Bilde
r, die derzeit vergrößert
werden. Belgravia wird sie im
Fernsehen zeigen, und die
Zeitungen werden die besten Aufnahmen abdrucken. Das
ist ƒ« St. James blickte zur Decke. Lynley erkannte, wie
schwer seinem Freund dieser Bericht fiel. Es war ihm aufge-
tragen worden, Informationen zu sammeln und an Helens
Mann und Familie weiterzuleiten. Das ließ ihm keine Zeit
»Die Beamten aus Belgravia haben die Waffe gefunden.
In einem der Gärten auf der
zu dem Haus, wo das Aupair-
Mädchen wohnt. Sie mussten auf ihrer Flucht eine Mauer
Lynley wandte das Gesicht ab, denn er wusste, dass
»Ich bleibe bei ihr. Oder ich schicke Simon hierher. Oder
ich kann ihn fragen, was er herausgefunden hat, wenn du
Irgendwo hinter ihm öffnete sich die Tür. Eine weiche
Hand ergriff die seine und legte seine Finger um eine heiße
Tasse. Der Geruch von Suppe stieg ihm in die Nase. Er hob
»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, flüsterte er. »Sag mir,
»Das kann ich nicht, Tommy.«
»Wenn ich sie sterben lasse ƒ Mum, wie kann ich sie ƒ
sie beide ƒ Und wenn ich es tue, ist es dann egoistisch?
Oder ist es egoistisch, wenn ich es nicht tue? Was würde sie
wollen? Woher soll ich das wissen?«
Sie trat näher zu ihm. Er wandte sich wieder seiner Frau
zu. Seine Mutter legte die Hand an seine Wange. »Liebster
Tommy«, murmelte sie. »Ich würde dir diese Bürde ab-
nehmen, wenn ich könnte.«
»Ich sterbe. Mit ihr. Mit ihnen. Und das ist es eigentlich
auch, was ich will.«
»Glaub mir, ich weiß das. Niemand kann fühlen, was du
fühlst, aber wir alle können
ahnen, was du fühlst. Und du
musst es fühlen, Tommy. Du kannst nicht davor weglaufen.
Das funktioniert einfach nicht. Aber ich will, dass du auch
versuchst, unsere Liebe zu fühlen. Versprich mir das.«
Sie beugte sich über ihn und küsste ihn auf den Kopf, und
er spürte, obwohl er es kaum au
shalten konnte, dass in dieser
Berührung auch Heilung lag.
Aber das war noch schlimmer
Aber warum wollte ein Mensch je einen anderen? Weil
ich mit dir lächeln kann, weil ich über deine Scherze lache,
die, wie wir beide wissen, nur dem Zweck dienen, mich
zum Lachen zu bringen. Und
der Grund dafür ist, dass du
verstehst und von Anfang an ve
bannen lässt. Darum, Helen.
Und da war sie in Cornwall,
stand vor einem Porträt in
das spielte keine Rolle, denn es waren die Gene, die ihr Sor-
gen machten, und sie sagte zu seiner Mutter: Hältst du es
für möglich, dass diese grässliche Nase sich irgendwie an
zukünftige Generationen weitervererben könnte?
Sie ist wirklich ziemlich scheußlich, nicht wahr, hatte
seine Mutter gemurmelt.
Zumindest dient sie seiner Brust als Sonnensegel. Tom-
my, wieso hast du mir dieses Gemälde nicht gezeigt, bevor
du mich gefragt hast, ob ich dich heiraten will? Ich habe es
noch nie zu sehen bekommen.
Wir haben es auf dem Dachboden versteckt.
Das war sehr klug.
Die Helen-Essenz. Helen.
Man kann jemanden nicht siebzehn Jahre lang kennen,
ohne Erinnerungen anzusammeln, sagte er sich. Und es wa-
ren die Erinnerungen, die ih
würden, dachte er. Nicht die Tatsache als solche, sondern
würden und dass es welche gab, die er schon vergessen hatte.
man ihm versichert. Doch er konnte das nicht glauben.
Damals so wenig wie heute.
Ihre Albernheiten, die ihn zum Lächeln brachten, diese
Helen-Essenz, die einen in den Wahnsinn treiben konnte.
Ich kann weder kochen noch nähen, putzen oder ein
Haus einrichten. Wirklich, Tommy,
warum
Lynley blieb die ganze Nacht und viele Stunden des folgen-
die Zeit, um den Anblick ihres
Gesichts … so bleich auf dem Kissen … von dem zu entkop-
Abart war, oder? Eine Kreatur, der niemals Flügel wachsen
würden, und in diesem Fall musste er sich von ihr befreien.
d, warum er begonnen hat-
te. Und das war auch nicht der
chen, aber darin verbarg sich Gefahr. Und die gleiche Ge-
Aufmerksamkeit? Ist es das?
Aufmerksamkeit, wenn es das ist, was du willst.
Sacht schlug er sich mit der Faust an die Stirn. Er zwang
Knack, knack.
Wenn er
nicht aufpasste, würde die Made sein Hirn auffressen.
richt, der für die Öf
fentlichkeit von weit größerem Interesse
ist als dieser Schwachsinn hier
, also kann ich nicht bitte
endlich einen neuen Auftrag kriegen?
auf Daveys Leiche«, fuhr sie fort. »Wenn wir die identifizie-
ren und feststellen, dass sie Mandy, der schreienden Siam-
katze gehören … mein Gott, was macht diese Katze für ein
Theater, wenn sie Durst hat …, dann sind Sie erledigt, Dr.
Argumente aus. Er hatte sich vollkommen auf das Profil
wei-eins-sechs-null als Spitz-
namen gewählt, als er von Colossus zu Barry Minshall bei
MABIL gewechselt war. Doch
da war die Telefonnummer
der Fischer-Klinik für forensische Psychiatrie auf dem
Briefkopf des Begleitschreibens zu seinem verlogenen Pro-
ten Sie das auch wissen? Das konnte niemand ahnen, denn
er sah überhaupt nicht wie ein Kämpfer aus, oder? Er sah
genauso aus wie seine Geschwister, soll heißen, er sah aus
ƒ wie ein Engel, finden Sie nicht? Er sah frisch aus, unbe-
r Selbstbedienung. Ich kann
fast verstehen, warum ein perverses Schwein wie Sie es bei
diesem Jungen ein bisschen weiter treiben wollte und ihn
vergewaltigt hat, Dr. Robson.«
»Sie haben nicht den Hauch eines Beweises, um diese
termauern«, entgegnete Robson. »Und
ich schlage vor, dass Sie mein
e Wohnung auf der Stelle ver-
»Wirklich?« Barbara nickte versonnen. »Winnie, der
»Können wir nicht, Barb. Nicht ohne seine Schuhe.«
vers und mir …, dass wir uns di
e Hacken abgelaufen haben,
um jemanden zu finden, der zu diesem Profil passt. Aber
was ist … und das haben Constable Havers und ich uns ge-
dacht, denn wir denken gelege
ntlich, wissen Sie …, wenn der
suchen, die Gelegenheit hatte,
uns weiszumachen, dass wir
nach jemand ganz anderem
suchen? Wenn wir ƒ« Er wandte sich an Barbara: »Wie
war doch gleich wieder das Wort, Barb?«
»Genau. Prädisponiert. Was, wenn wir prädisponiert wä-
ren, zu glauben, die Wahrheit liege in der einen Richtung,
obwohl sie in Wirklichkeit in
einer ganz anderen liegt? Mir
scheint, dann könnte der Mörder sein Ding immer weiter
durchziehen und einigermaßen
sicher sein, dass wir die
ganze Zeit nach jemandem su
chen, der ihm kein bisschen
ähnlich ist. Das wär doch clever, finden Sie nicht?«
»Wollen Sie behaupten ƒ?« Robsons Haut glänzte. Aber
er zog die Strickjacke nicht aus. Er hat sie wahrscheinlich
übergezogen, ehe er uns in die Wohnung gelassen hat,
dachte Barbara. Weil er seine Arme bedecken wollte.
»Kratzer«, sagte Barbara. »Die sind immer eklig. Wie ha-
ben Sie Ihre bekommen, Dr. Robson?«
gleich wieder an diese beei
ndruckende Narbe gekommen,
Sergeant?«
Messer. Der andere Typ ha
»Ach, du Schreck«, sagte Barbara, und dann wieder zu
Robson: »Was sagten Sie, wie Sie zu Ihrer gekommen sind?«
Worten Nachdruck zu
verleihen, »ist eine
wirklich gute Fra-
ge, oder?«
Robson wandte sich wieder seinem Abwasch zu. Die
Pfanne, die er schrubbte, sah nicht so aus, als bedürfte sie
der Gründlichkeit, die er ihr zuteil werden ließ.
»Warum kommen Sie nicht rüber zu uns an den Tisch,
Dr. Robson?«, fragte Barbara. »Das würde das Reden ein
bisschen einfacher machen.«
»Okay, verstehe. Das ist ein ziemlicher Berg, oder? Für ei-
nen Einpersonenhaushalt? Was hats bei Ihnen zum Abend-
essen gegeben?«
»Ich gestehe, dass ich nicht jeden Abend abwasche.«
»Die Töpfe sehen aber gar nicht gebraucht aus. Ziehen
Was glaubst du, warum ƒ? Ah, danke, Dr. Robson. So ist
es doch gleich viel gemütlicher.«
»Ich habe eine Schnittwunde
, die ich schützen wollte«,
Notizen unseres Chefs angeschaut. Wir haben ein paar wi-
dersprüchliche Informationen. Das wollten wir mit Ihnen
»Was für widersprüchliche Informationen?« Robsons
Gesicht glänzte, doch Barbara schob das auf das dampfende
rienmörders auf fünfundzwanzig bis fünfunddreißig?«,
fragte Nkata.
»Statistisch gesehen ƒ«, be
»Lassen wir die Statistik mal beiseite. Ich meine, die
Wests hätten in diese Statistik auch nicht reingepasst. Und
Beispiel.«
»Ein solches Profil ist nie idiotensicher, Sergeant«, er-
klärte Robson. »Aber wenn Sie Zweifel an meiner Analyse
haben, schlage ich vor, Sie verpflichten jemand anderen, ein
zweites Profil zu erstellen. Ei
nen Amerikaner, einen Profiler
schen waren Experten darin, für die einzelnen Teile ihrer
Schubladen zu benutzen.
»Wie geht es dem Superintende
nt? Er und ich waren verab-
die einem gepflegten Garten mit winterlich beschnittenen
Rosen, Büschen und Rasen jenseits der Straße zugewandt
Sie hatten vorher angerufen. Sie hatten beschlossen, diese
Sache durch die Hintertür anzu
gehen, ohne Sturmtruppen,
vielmehr mit dem kollegialen Ansatz. Sie hatten Fakten zu
überprüfen, und zu dem Zweck waren sie hier.
Das Erste, was Hamish Robson zu ihnen sagte, als er an
die Tür kam, war: »Wie geht es Superintendent Lynleys
Frau? Ich habe die Nachrichten gesehen. Es heißt, sie haben
einen Zeugen. Wussten Sie das schon? Es gibt auch eine Art
bekommen vielleicht ein brauchbares Foto, das sie im Fern-
sehen zeigen können ƒ«
Er war in Gummihandschuhe
n an die Tür gekommen,
was ein bisschen merkwürdig schi
en, bis er sie in die Küche
führte, wo er mit dem Abwasch
Winston fuhr, und dafür war Barbara Havers dankbar.
Nachdem sie den ganzen Tag
mpft hatte,
en, was im St.-Thomas-Krankenhaus
vorging, fühlten die Neuigkeiten über Helen Lynley sich an
wie ein Fausthieb in den Magen. Sie hatte gewusst, dass die
Prognose finster sein würde.
Doch sie hatte sich gesagt,
dass jeden Tag Menschen Schusswunden überlebten, und
mit der fortschrittlichen Medi
zin heutzutage mussten He-
lens Chancen doch ganz gut stehen. Es gab derzeit jedoch
in der Medizin, der die Ärzte in die
Lynley überdachte diese Frage. Er sah St. James an. In
Neuigkeit. Denn eines der größeren Häuser an der Cadogan
Lane hat zwei Überwachungskameras an der Frontfassade.«
Lynley sah St. James an. Er bemühte sich verzweifelt, In-
»Aus einiger Entfernung. Zwei Personen kamen um die
Ecke von Eaton Terrace gerannt. Sie haben sie offenbar ge-
sehen und sind in die West Eaton Place Mews eingebogen.
Ein Range Rover parkte dort an einer Mauer. Er hat eine
ben, dass diese Kerle auf den Wa
»Na ja. Es ist im Grunde gleichgültig, nicht wahr?«
Seine Mutter nahm seine Hand. Ihre Hand war warm,
aber ganz trocken, was ihm eine seltsame Kombination zu
sein schien. Und sie war weich, was ihm ebenfalls merk-
würdig vorkam, denn seine Mu
»Was wirst du ƒ?«
Er schüttelte den Kopf. Sie
Arm. »Du Ärmster«, sagte sie.
Er ging zu seiner Mutter. Seine Schwester Judith rückte
beiseite, um ihm Platz auf der Bank zu machen. »Ihr könnt
zu meinem Haus fahren, wenn ih
selbst versorgt, also sind im Kühlschrank Schachteln ƒ«
»Ich brauche nichts«, murmelte Lady Asherton. »Mach
dir um uns keine Gedanken, Tommy. Wir waren in der Ca-
während seine eigenen Geschw
ister mit ihrer Mutter zu-
heilen, ihm den Drang, zuzusc
hlagen oder gar zu töten,
Nkata bemerkte, dass er den Briefkopf auf dem creme-
weißen Papier wieder und wieder las. Er runzelte die Stirn.
Er konzentrierte sich, las wieder. Man hatte ihn gelehrt,
d er hatte obendrein gerade
Lynleys Notizen und Havers Bericht durchgesehen. Er griff
Barbara Havers kam ins Büro gestürmt. »Hast du meine
Nachricht nicht bekommen? Herrgott noch mal, Winnie.
Ich hab dich angerufen und um
perintendent stand ein Foto seiner Frau, Lynley an ihrer
Seite. Sie saßen irgendwo auf einer sonnenüberfluteten Ba-
lustrade. Er hatte den Arm um sie gelegt, ihr Kopf ruhte an
hten beide in die Kamera, wäh-
rend im Hintergrund ein blaues Meer funkelte. Flitterwo-
chen, dachte Nkata. Ihm fiel ein, dass sie nicht einmal seit
Notizen und einen Bericht jüngeren Datums von Havers.
Und endlich fand er das Gutachten, erkannte es am Brief-
das Profil aus dem Stapel, wo Lynley es abgelegt hatte, ging
wohin auch immer er wollte, und er würde keine Porträts
über die Beamten der Sonderkommission mehr verfassen.
Corsico protestierte: »Aber Sie können doch unmöglich
annehmen, dass die Story üb
er den Superintendent ir-
zumindest so ideal, wie unter den derzeitigen Umständen
ihren Körper. Den atmenden Leichnam, wenn Sie so wol-
len, aus dem man das lebende, wenn auch für immer ge-
schädigte Kind herausschneiden könnte. Sie müssen diese
Entscheidung treffen, hat man mir gesagt. Denken Sie da-
rüber nach, hat man mir gesagt.
Natürlich hat es keine Eile,
inerlei Auswirkung auf den
Leichnam haben.«
Nkata wusste, dass sie das Wort
vermutlich
hinausgingen, hörte er den
Assistant Commissioner eine
Sicherheitsdienst rufen, um Lynley aus dem Gebäude es-
kortieren zu lassen, also hatte er ihn an einen Ort gebracht,
wo so schnell niemand nach ihm suchen würde: die Biblio-
Und es war schlimmer, als wäre die Frau des Superin-
tendent gestorben. Das Schli
mmste war, was sie von ihm
verlangten.
Dumpf hatte er gesagt, den Blick auf das Fenster gerich-
die Wahl: Sie zwei Monate lang an die Maschinen ange-
schlossen zu lassen … obwohl drei Monate ideal wären, oder
eines Traumas, um sie zu stimulieren, dieses Trauma ge-
genwärtig zu machen und ihm ein Gesicht zu geben, um sie
vorübergehend auf die Seite von
Scotland Yard zu bringen.
Er wusste, das war es, was AC Hillier dachte, während er
tige in seinem Leben sei, Erfolg
zu haben. Mach deinen Job
und lass alles andere von dir
abperlen, denn es ist unbedeu-
tend, was irgendjemand denkt. Das einzig Wichtige ist, was
Lynley schien das immer verstanden zu haben, ohne dass
»Das reicht«, erklärte Ulrike. »Geh wieder an die Arbeit,
Jack. Neil gibt lediglich seiner Neigung zu Wutausbrüchen
»Wohingegen Ulrike eine geraume Zeit ihrer Neigung
»Ich sagte, das reicht!« Es war Zeit, dieser Schlange die
Kontrolle zu entreißen. Auf ihre Stellung zu pochen, war
»Ich stelle eine Tatsache fest. Das kannst du auffassen,
ich zu reagieren habe, wenn die
Privatleben steckt.«
»Ist dir eigentlich das Ausmaß deiner Insubordination ƒ«
»Du kannst mich mal!« Er riss die Tür auf und brüllte:
»Veness! Komm mal her!«
Ulrike erhob sich. Neil war dunkelrot angelaufen vor
Zorn, und sie wusste, dass ihre eigene Gesichtsfarbe der
seinen in nichts nachstand, aber das hier war inakzeptabel.
»Wage es ja nicht, andere
dieren. Wenn das hier ein Beispiel dafür ist, wie gut … oder
st, Anordnungen eines Vorge-
in Erwägung ziehst, als diesen Kids hier den Hintern abzu-
Jack erschien an der Tür und fragte: »Was ist los?«
»Ich wollte nur fragen, ob du weißt, dass Ulrike uns bei
der Polizei anschwärzt. Ich
Jack schaute von Neil zu Ulrike, und dann fiel sein Blick
auf den Schreibtisch, wo die Ta
belle lag. »Scheiße, Ulrike!«,
sagte er eloquent.
gefunden«, bemerkte Neil.
auf dem er gesessen hatte, und
wies darauf. »Du bist dran«, sagte er zu Jack.
von seinem obersten Ziel abgelenkt wird. Auf keiner Ebene
der Administration gibt es
kundärziele sind.«
»Wie bitte?« Sie wollte die Frage zurücknehmen, sobald
sie ausgesprochen war, aber sie bekam keine Chance dazu,
denn er griff danach wie ein Angler nach der zappelnden
fragt, ob die Art und Weise, wie Colossus in Südlondon ge-
»Ja. Natürlich werden wir uns nach jemandem umschau-
en, dessen Loyalität zuallererst Colossus gehört. So muss es
sein. Wir haben Feinde da draußen, und es mit ihnen auf-
zunehmen, erfordert nicht nur eine präzise kognitive Ana-
lyse, sondern auch Kampfgeist. Ich nehme an, du weißt,
Er ließ sich mit seiner Antwort Zeit, griff nach seiner
Teetasse und genehmigte sich
einen nachdenklichen … und
gte er: »Genau genommen:
nein.«
»Was?«
präzise kognitive Analyse
verstehen. Es ist eher die Sache mit dem Kampfgeist, die
Sie lachte sanft und ließ es so klingen, als lache sie über
sich selbst. »Tut mir Leid. Ich hatte das Bild eines Kriegers
vor Augen, der sein Heim, Frau und Kind verlässt, um in
die Schlacht zu ziehen. Die Bereitschaft des Kriegers, per-
sönliche Belange zurückzustellen, wenn eine Schlacht aus-
die Höhe. »Sonderbehandlung?«,
fragte er und trank ge-
oder was immer es war. Na-
türlich trank er geräuschlos.
Neil Greenham gehörte nicht zu
den Leuten, die schlürften. »S
gewarnt sein durch diese ungewohnte Aufmerksamkeit?«
Ulrike ging nicht darauf ein. Sie suchte nach einer pas-
senden Eröffnung für das Gesprä
ch, das sie mit Neil führen
musste, und entschied, immer
das Ziel im Auge zu behal-
ten, ganz gleich, wo sie begann. Und dieses Ziel war Koope-
Neil Greenham beginnen, dem Einzigen, der einen Anwalt
men der Opfer und denen der
potenziellen Verdächtigen,
die die Polizei ins Visier geno
mmen hatte. Sie
Raum, um relevante Fakten hinzuzufügen, die über die
Personen, die ihr fragwürdig erschienen, bekannt werden
könnten.
. September,
kam danach.
. Dezember: Sean Lavery.
. Januar: Davey Benton,
der, Gott sei Dank, keiner ihrer
Jungen war. Das galt im Übrigen auch für die Frau des Su-
Er konnte nicht anders, als sich
auf Hillier zu stürzen. Er
musste ihn kriegen, ihn packen,
Starke Arme umklammerten ihn. Sie kamen von hinten,
also war es nicht Hillier. Lynl
»O Jesus, Mann. Sie müssen hier raus. Sie müssen mit
Winston Nkata, dachte er. Woher war er gekommen?
War er die ganze Zeit unbemerkt hinter ihm gewesen?
»Schaffen Sie ihn raus«, sagte Hillier, der sich mit einer
zitternden Hand ein Taschentuch vors Gesicht drückte.
Wo ist eine brauchbare Ablenkung, Herrgott noch mal,
denn ich habe hier einen Irren in meinem Büro. Er sagte:
»Ich will nicht mit Ihnen streiten. Sie sollten im Kranken-
haus sein. Bei Ihrer Familie. Sie brauchen Ihre Familie ƒ«
»Ich habe keine gottverfluchte Familie!« Endlich brach
der Damm. »Sie ist tot. Und das Baby ƒ das Baby ƒ Sie
wollen sie mindestens zwei Monate an diesen Maschinen
lassen. Länger, wenn möglich. Begreifen Sie das? Nicht le-
bendig, nicht tot, und wir schauen zu. Und Sie ƒ Sie ver-
fluchtes ƒ Sie haben das zu verantworten. Und es gibt kei-
maschineller Hilfe, und ihr Herz schlägt wieder, aber das
Gehirn ƒ Helens Gehirn ist tot.«
»O mein Gott.« Hillier ging zum Konferenztisch. Er zog
Kurs, den das Projektil genommen hat, aber ich nehme an,
Sie haben einen Eindruck bekommen.«
Oh, aber das würde er. Das
er. »Aber«, unterbrach
er heftig, »ihr Herz schlug zu dem Zeitpunkt noch, und
darum füllte die Brusthöhle sich mit Blut. Doch das wuss-
ten die Sanitäter im Krankenwagen nicht, verstehen Sie. Al-
les hat zu lange gedauert. Al
ankam, hatte sie weder Puls noch Blutdruck. Sie haben sie
intubiert und eine zweite Röhre in die Brust eingeführt,
und da fing das Blut an, aus
men …, und da wussten sie es, verstehen Sie. In dem Mo-
ment wussten sie es.« Als er atmete, hörte er es in seinen
Bronchien rasseln, und er wusste, Hillier hörte es auch.
Er legte auf und erhob sich.
ner Horst in luftigen Höhen, von dem aus man die Bäume
im St. James Park sehen konnte, die den Wandel der Jah-
reszeiten anzeigten. Lynley begab sich dorthin. Er sah Ge-
sichter wie aus einem Nebel heranschweben, und er hörte
Stimmen, aber er konnte nichts verstehen.
Als er Assistant Commissioner Hilliers Büro erreichte,
wohl jede vernünftige Frau
einfach vor ihm in Hilliers Bü
ro gestürmt wäre. Doch sie
denn jetzt, da der Weg frei war, öffnete er die Tür, trat ein
Hillier telefonierte. »ƒ viele bisher?«, sagte er gerade.
»Gut. Ich will, dass aus allen Rohren geschossen wird ƒ
in seinem Gesicht, denn sie tr
at einen Schritt näher und leg-
te einen Arm um ihn. »Es ist nicht deswegen passiert. Das
tisch von selbst. Weiter zu anderen Ereignissen. Sie muss-
ten an ihre Auflagenzahlen denken, und es gab andere
Topmeldungen, um diese Zahlen zu stützen. Es war ein Ge-
schäft, lediglich ein Geschäft.
Er parkte den Wagen, stieg aus, ging auf das Klinikportal
Die Spitze zuerst, und dann ein Stück mehr, während aus
Tagen Wochen wurden und schließlich die erforderlichen
sig, oder, Dad?« Er gebrauchte solche Wörter.
Unerhört.
Er
konnte Sternbilder benennen
Muskeln eines Pferds aufzählen.
Eine Hupe dröhnte von irgendwoher. Er riss sich aus
seinem Tagtraum. Die Kinder hatten die Straße überquert
und liefen weiter, die Köpfe wippten auf und ab wie Korken
im Wasser, die Schuhe schlurften. Drei Erwachsene … vorn,
in der Mitte und hinten … hi
elten ein wachsames Auge auf
. Stattdessen hatte er quasi
eine Wegbeschreibung zu seiner Haustür geliefert. Fotos
von ihm. Fotos von Helen. Belgravia. Wie schwierig war es
da wohl noch gewesen? Oder auch ein paar Fragen in der
Aber können Sie mir nicht sagen ƒ?
Für manche Symptome gibt es Tests, für andere nicht.
Alles, was wir riskieren können, ist eine Prognose, die auf
fundierten Informationen basiert und dem, was wir über
das menschliche Gehirn wissen. Von diesem Wissen ausge-
hend, können wir extrapolieren. Wir können Ihnen nur die
Fakten darlegen, soweit wir sie kennen, und Ihnen sagen,
en. Aber das ist alles. Es tut
Hatte er ihren Namen gerufen? Mrs. Lynley, haben Sie
einen Augenblick Zeit? Countess? Lady Asherton, richtig?
Und sie hatte sich mit diesem verlegenen, atemlosen La-
chen umgewandt. »Ach, herrje. Diese alberne Story in der
Zeitung. Das Ganze war Tommys
Idee, aber vermutlich ha-
be ich in höherem Maße kooperiert, als ich sollte.«
n langsames Durchdrücken des
Abzugs, jenes großen Gleichmachers der Menschheit.
Er hatte Mühe zu denken, noch mehr Mühe zu atmen.
Er schlug mit der Faust aufs Lenkrad, um sich zurück in die
Gegenwart zu bringen, weg von den bereits gelebten Mo-
menten der Vergangenheit. Er
schlug zu, um sich abzulen-
und er konnte nur hoffen, dass das ausreichte, um ihn von
einem Moment zum nächsten zu bringen.
Das hieß, er musste den Wagen starten, also tat er es. Er
hörte den Bentley surren, nachdem er den Knopf gedrückt
hatte, und fuhr ihn mit der Präzision eines Mikrochirurgen
Terrace ein. Er vermied den Blic
k auf seine Haustür, weil er
sich nicht vorstellen wollte … was er natürlich trotzdem tun
te, als sie um die Ecke bog, nachdem sie den Wagen wegge-
Als er zum Krankenhaus fuhr, war er sich bewusst, dass
er dieselbe Strecke fuhr, die der Krankenwagen genommen
hatte, der Helen in die Notau
fnahme gebracht hatte. Er
fragte sich, was sie von dem, das um sie herum geschah,
wahrgenommen hatte: Infusionen, die gelegt wurden, Sau-
erstoff, der in ihre Nase strö
mte, Deborah irgendwo in ih-
rer Nähe, aber nicht so nah wie diejenigen, die ihre Atmung
kontrollierten und feststellten, dass diese linksseitig müh-
sam war, weil keine Luft in die bereits kollabierte Lunge
ihres Zustands nicht bewusst.
ustür gewesen und hatte den
chsten Moment war sie ange-
schossen worden. Aus kurzer
Entfernung, hatte man ihm
bemuttern. Darum wa
ihm, über Farben und Stoffe nachzudenken, Schuhe und
Stuhl im Speisezimmer stand ei
n Stück vom Tisch entfernt,
war nicht zurückgeschoben wo
Momente und flehte einen Gott, an den er nicht glauben
konnte, an, ihm eine Chance zu geben und die Zeit zurück-
Zu welchem Tag?, fragte er sich. Zu welchem Moment?
Zu welcher Entscheidung, die si
wo sie nun waren?
Er blieb unter der Dusche, bi
s kein heißes Wasser mehr
im Boiler war. Er hatte keine Ahnung, wie lange er dort ge-
standen hatte, als er endlich heraustrat. Tropfend und frös-
konnte. Ein Streifenwagen brachte ihn nach Belgravia.
Dumpf sah er aus dem Fenster, wo die Straßen vorbeizogen.
Vor seinem Haus fragten sie ihn, ob sie bleiben sollten. Er
schüttelte den Kopf. Er werde schon zurechtkommen, er-
klärte er. Er habe einen Hausangestellten, der bei ihm wohn-
te. Denton werde dafür sorgen
Überwachung des Herzschlags,
im Blut, zur Überwachung
des Fötus. Abgesehen vom Su
mmen dieser Instrumente,
war es völlig still im Zimmer. Und die Geräusche draußen
auf dem Korridor waren gedämpft, als wüssten das Kran-
kenhaus und alle, die darin waren, es bereits.
Er weinte nicht. Er ging nicht rastlos auf und ab. Er un-
ternahm keinen Versuch, die Faust durch die Wand zu
schmettern. Das war vielleicht der Grund, warum seine Mut-
ter darauf bestanden hatte, er müsse unbedingt für ein paar
Stunden nach Hause, als der neue Tag anbrach und sie im-
mer noch alle ziellos auf de
n Krankenhausfluren umherlie-
»Barry«, sagte sie. »Sehen Sie es sich noch mal in Ruhe an.«
rin bestand, zu lügen, zu be
trügen und zu schmeicheln,
ihn befummelt, ihn sogar vergewaltigt.«
»Nein! Sie haben nie ƒ«
»Barry«, unterbrach sein Anwalt. »Sie brauchen nicht ƒ«
halten. Barry, Sie haben diese Jun-
gen ihren schleimigen Kumpeln von MABIL gegen Bares
angeboten, aber der Deal ging immer um Sex, nicht um
Mord. Vielleicht hatten Sie die Jungs zuerst selbst, oder
vielleicht ist Ihnen auch einfach einer abgegangen, wenn Sie
daran dachten, dass all diese
Kerle davon abhängig waren,
dass Sie ihnen Frischfleisch besorgten. Das Entscheidende
ist: Sie wollten nicht, dass jemand stirbt. Aber das ist nun
Aber die Wäsche wird nass, ganz gleich, in welcher Reihen-
folge Sie sie in die Maschine stopfen.« Sie holte die gerahm-
, die sie aus der Wohnung Nr.
in Walden Lodge hatte mitgehen
lassen. Sie legte das Bild
auf den Tisch und schob es zu Minshall hinüber.
Er senkte den Kopf. Sie konnte seine Augen hinter der
Nachricht von der Staatsanwaltschaft«, sagte der Anwalt
zur Begrüßung. »Der Haftprüfungstermin war ƒ«
»Mr. Minshall und Sie sollten dem Schicksal danken,
chen«, unterbrach Barbara. »Wenn er ins Untersuchungs-
gefängnis kommt, wird er fests
tellen, dass die Gesellschaft
dort nicht ganz so angenehm ist wie hier.«
»Wir haben bislang kooperiert«, sagte Barty. »Aber Sie
können nicht erwarten, dass diese Kooperationsbereitschaft
ewig anhält, Constable.«
»Ich habe Ihnen keinen Deal
Bedürfnisses, seinem
zu entrinnen, leg-
te sie die Hand auf seinen Arm. Durch den Stoff seines ma-
kellosen weißen Hemdes konnte sie seine Wärme und seine
harten Muskeln fühlen. »Ich bin ja so was von froh, dass Sie
wieder da sind«, sagte sie, ih
re Stimme klang ein wenig ge-
bis sie es gefunden hatte: Der Fünf-Pfund-Noten-Trick für
nde. Erstaune deine Fami-
Hadiyyah mitgebracht. Ich hab
sies mal ausprobieren. Man
braucht einen Fünf-Pfund-Schein dafür. Wenn Sie einen
hätten ƒ Sie wird ihn nicht kaputtmachen oder so. Jeden-
falls nicht, wenn sie es richtig kann. Also zu Anfang sollte
hatte aufgelegt und die mitfühlende Stimme einfach abge-
sie so mitfühlend klang.
Sie hatte sich gesagt, dass Arbeit das beste Schmerzmittel
sei, also hatte sie ihre Sachen zusammengesucht und ihren
Bungalow verlassen. Dann sah sie jedoch, dass in der Erd-
geschosswohnung des Vorderhauses die Lichter brannten.
Sie hielt nicht inne, um nachzudenken. Als sie hinter den
Bewegung wahrnahm, änderte
sie den Kurs und ging dorthin. Sie klopfte an, denn sie
Auch Corsico erhob sich, vielleicht in der Absicht, ihm
zu folgen. Doch in diesem Moment kam Dorothea Harri-
man herein, sah sich im Raum
um, als suche sie jemanden,
irgendwann im Laufe des Ta-
ges hierher kommt. Er wusste nicht genau, wann.«
»Er kommt zurück zur Arbeit?« Das konnte Nkata ein-
fach nicht glauben.
Harriman schüttelte den Kopf. »Wenn er herkommt,
glaubt Mr. St. James, wird er zum Büro des Assistant Com-
ndwer sollte ƒ« Sie zögerte,
ihre Stimme klang unsicher. Sie hob eine Hand an die Lip-
pen und fuhr entschlossener fort: »Er glaubt, irgendwer soll-
bringt uns also zu Harold,
oder? Er hat sein Opfer in den Hinterkopf geschossen,
wenn ich richtig informiert bin. Hat ihn gezwungen, sich
auf die Bordsteinkante zu knien und dann die Waffe an
seinen Schädel gehalten.«
Nkata griff nach dem Diktiergerät, ließ es auf den Boden
fallen und stampfte mit dem Fuß darauf.
»Hey!«, rief Corsico. »Ich bin nicht dafür verantwort-
einem Stuhl nahe dem Schreibtisch nieder, wo Nkata in
seinen Notizen geblättert hatte.
»Ich hab Anweisung von mein
em Chef«, sagte Corsico.
Nkata sah ihn stirnrunzelnd an. »Was? Sind Sie verrückt?
Nach dem, was passiert ist?«
Corsico holte ein Diktiergerät aus der Tasche, gefolgt von
einem Notizblock, den er aufschlug. »Ich wollte ja mit diesem
Forensiktypen weitermachen, eurem unabhängigen Sachver-
ständigen, aber die Chefetage in
der Farringdon Street hat das
was er außer fernsehen je tat, war, auf ein Bier in die Othel-
könne man das in der Bar bestä-
tigen, obwohl er Zweifel hatte, dass man dort genau sagen
konnte, wann er dagewesen war und wann nicht. Anschlie-
ßend hatte Nkata mit Neil Greenhams Anwalt gesprochen,
mit Neil selbst und schließlich mit Neils Mutter, die ihm
versicherte, ihr Sohn sei ein guter Junge, und wenn er sagte,
er sei zu einem bestimmten
gewesen, dann war das auch so. Jack Veness, der bei Colos-
mand mit gesenkter Stimme: »Weiß jemand, wie es ihr
geht? Gibt es Nachricht?«
Dann lauschte er aufmerksam. Kein Laut im ganzen Haus
keinen Ort, wo die Made ihn in Ruhe ließ, aber es gab Ab-
lenkungen. Hatte es immer gegeben und würde es immer
Lieferwagen dienten ihm Richtspruch, Strafe, Sühne und
»Es steckte unter dem rechten Schulterblatt, zwischen der
dritten und vierten Rippe. Das
heißt, wir haben das Projek-
klärlicherweise. Da wollte sie den Rest auf einmal nicht
mehr hören, aber sie waren schon zu weit in diese Gewässer
hinausgewatet. Der Rückzug stand ihr nicht mehr offen.
»Hat sie das Baby verloren?«
»Gott sei Dank«, sagte Barbara. »Also sind die Aussich-
St. James fragte seine Frau:
nicht lieber setzen?«
»Hör auf damit.« Sie hob den Kopf. Die arme Frau sah
aus, als leide sie an der Schwindsucht.
»Sie hat eine Zeit lang
keinen Sauerstoff bekommen«,
sagte St. James. Er sprach so leise, dass Barbara sich vor-
beugen musste, um ihn zu verstehen.
»Ihr Gehirn hat keinen Sa
uerstoff bekommen, Barbara.«
»Wie schlimm ist es?«, fragte sie.
Es dauerte einen Moment, ehe er antworten konnte. Sein
Gesichtsausdruck bewog sie,
sich auf das Schlimmste ge-
fasst zu machen.
»Die Kugel traf sie unterhal
b der linken Brust«, begann
er. Seine Frau lehnte sich an
wie Barbara. »Die Kugel drang
»Aber da war kein Blut. Da wa
r fast kein Blut.« Deborahs
ton Nkata, John Stewart, andere Mitglieder des Teams, uni-
formierte Constables und Beamte in Zivil, mit denen Lyn-
lassen.« Und die Güte in seiner
Stimme fühlte sich wie ein
erdrückendes Gewicht auf Lynleys Brust an.
Keuchend rang er nach Luft. »O mein Gott«, sagte er.
n, Simon. Wie soll ich ihnen
nur sagen, was passiert ist?«
Barbara konnte sich nicht dazu überwinden, zu gehen,
auch wenn sie sich sagte, dass sie hier nicht gebraucht wur-
de und wahrscheinlich auch nicht erwünscht war.
Überall liefen Menschen herum, jeder in seiner eigenen
Helen Lynleys Eltern, der Earl und die Countess von So-
wieso … Barbara konnte sich nicht erinnern, ob sie den Ti-
tel, den die Familie seit so vielen Generationen besaß, je ge-
ugt und wirkten hinfällig,
»Tommy ƒ«, begann St. James.
Debroah sagte: »Nein, Simon. Bitte.« Und zu Lynley:
»Sie lag auf der oberen Stufe, den Hausschlüssel in der
Hand. Ich habe versucht, sie aufzuwecken. Ich dachte, sie
ist in Ohnmacht gefallen, denn es war kein Blut zu sehen,
Blut. Nicht so, wie man es sich vorstellt,
wenn jemand ƒ Ich hatte so was noch nie gesehen ƒ Ich
wusste doch nicht ƒ Aber dann hat sie gewimmert, und
er nicht, und es war ihm auch gleichgültig. Es gab nur Helen.
Er sagte: »Ich stecke mitten in einer Ermittlung. Eine Mord-
serie. Ein einzelner Täter. Wie,
um Himmels willen, bist du
auf die Idee gekommen, es könnte irgendwo sicher sein?«
Die Frage traf Deborah wie ein Schlag. St. James sagte
Lynleys Namen, aber sie unterbrach ihn mit einer Bewe-
gung ihres Kopfes und sagte:
»Ich habe den
Wagen geparkt.
Dann bin ich durch die Gasse zurückgegangen.«
»Nicht das Geringste. Ich kam um die Ecke zurück zu
Eaton Terrace, und was ich sa
h, waren die Einkaufstüten
auf dem Boden. Und dann habe ich sie entdeckt. Sie lag zu-
sammengekrümmt ƒ Ich dachte, sie ist ohnmächtig,
Tommy. Es war niemand da, niemand in der Nähe, keine
Menschenseele. Ich dachte, sie ist ohnmächtig.«
»Ich hab dir gesagt, du sollst dafür sorgen, dass nie-
Der Detective ging. Die Constables blieben. Lynley wandte
Kratzer abbekommt, verspeist er uns beide zum Abendes-
sen. Pass an der linken Seite de
hat sie gesagt.
Also hab ich aufgepasst. Ich hatte nie zuvor so ein Auto ƒ
Verstehst du, es ist so groß, und ich habe mehr als einen
ley in die Garage zu fahren.
Aber keine fünf Minuten, Tommy. Weniger als das. Und
ich hatte angenommen, dass sie sofort ins Haus geht oder
Deborah schaute auf. Ihre Au
»Noch. Ja, natürlich. Also mussten wir warten. Tommy,
ich konnte doch nicht zulassen, dass sie dich anrufen. Ich
konnte dir das nicht antun, sagen, dass Helen ƒ sagen,
»Nein. Ich verstehe.« Und nach einem Moment verlang-
te er mit grimmiger Entschlossenheit: »Sag mir den Rest.
»Als ich ging, waren sie gerade im Begriff, einen Thoraxchi-
rurgen hinzuzuziehen. Mehr
haben sie mir nicht gesagt.«
»Lunge?«, wiederholte Lynley. »Wieso Lunge?«
St. James Griff an seinem Arm wurde wieder fester. »Sie
Sinn, dass St. James Helen auch einmal geliebt und vor vie-
len Jahren selbst beabsichtigt hatte, sie zu heiraten.
»Wo?« Lynleys Stimme klang rau. »Simon, ich hatte De-
borah gesagt ƒ Ich habe ihr gesagt, sie soll ƒ«
»Tommy.« St. James Griff wurde fester.
»Wo also? Wo?«
»Zu Hause?«
»Helen war müde. Sie hatten
den Wagen geparkt und ih-
re Einkäufe vor der Haustür
abgeladen. Deborah hat den
Bentley in die Garage gefahr
en, und als sie zum Haus zu-
»Sie hat nichts gehört? Nichts gesehen?«
»Sie lag auf den Eingangsstuf
en. Zuerst dachte Deborah,
sie sei ohnmächtig geworden.«
Lynley hob die Hand an die Stirn. Er presste sie gegen die
Schläfe, als könne ihm das helfen, es zu verstehen. »Wie
konnte sie nur glauben ƒ«, begann er.
»Es war praktisch kein Blut zu sehen. Und ihr Mantel …
Helens Mantel … war dunkel. Ist er marineblau? Schwarz?«
Sie wussten beide, dass die Farbe bedeutungslos war, aber
Barbara nahm dieses zweite Foto mit zum Fenster, um es
sich genauer anzusehen. Im Wohnzimmer ertönte Morags
Stimme: »Sind Sie noch hier, Constable?«, und Mandy gab
ihr siamesisches Jaulen von sich.
Im Schlafzimmer murmelte Barbara: »Gott verflucht ƒ«
und starrte auf die Fotografie hinab. Hastig steckte sie sie in
sammen und rief: »Tut mir Leid. Ich hab mich ein bisschen
umgeschaut. Das hier erinnert mich an meine Mum. Sie ist
ganz verrückt nach diesem
Zeug aus den Sechzigern.«
Völliger Blödsinn, aber das sp
ielte jetzt keine Rolle. Die
seinen Handgelenken keine Fesselspuren gewesen, im Ge-
gensatz zu den übrigen Opfern ƒ
Das gab Barbara zu denken und brachte sie zu der Er-
kenntnis, wie verzweifelt sie sich wünschte, dass diese
Wohnung an der Wood Lane die Antwort sei und dass sie
sich auf gefährlichem Boden bewegte und versuchte, sich
mit er zu den Tatumständen
passte. Das war die schlimmste Art fahrlässiger Polizeiar-
beit, die unschuldige Menschen hinter Gitter brachte, weil
die Beamten so verdammt müde waren und unbedingt an
einem Abend vor zehn Uhr zum Essen zu Hause sein woll-
ten. Ihre Frauen beklagten sich schon, ihre Kinder benah-
men sich schlecht, und es musste dringend mal ein ernstes
glatten Federkissen und Tagesdecke; ein Nachttisch mit ei-
nem altmodischen Aufziehwecker und einer Lampe; eine
Sie sah sich nach Anzeichen um, dass sich hier unlängst
mörderischer Absicht …, und
entdeckte als Erstes in der Küche einen Teller, eine Gabel
und ein Glas im Spülbecken.
Hast du ihm was zu essen gemacht, bevor du ihn verge-
waltigt hast, du Drecksack? Oder hast du dich selbst ge-
Barbara nickte. »Tja, Menschen und ihre Haustiere ƒ Es
gibt doch nichts, was es nicht gibt, richtig?« Sie brachte Mo-
rag wieder auf das Thema von Wohnung Nr.
zurück. »Die-
se Katze ƒ Mandy? Sie klingt ƒ na ja, kann es vielleicht
sein, dass der Sohn eine Zeit lang nicht hier gewesen ist, um
sie zu füttern? Haben Sie ihn kommen oder gehen sehen?«
Morag überlegte, hielt den Morgenrock am Halsaus-
schnitt enger zusammen. Sie rä
hweife zur Sache zu kommen,
also brachte sie die Sprache sofort auf die Katze. Sie sei
schon im Begriff gewesen, das
Gebäude zu verlassen, sagte
sie, als sie ein Tier gehört habe, das offenbar in Not war. Sie
habe sich gefragt, ob Mora
sollte. Es klang … jedenfalls für ihr zugegebenermaßen un-
richten hingen bereits dort.
tswand in der Kirche.
Das sei für ihren monatliche
n Bericht an die Hausver-
waltung, erklärte Morag Barbar
a, während sie den Block in
eine Schublade steckte. Also, wenn Constable Havers ihr ins
Sie sagte es, als brauche man einen Kompass, um den
Raum zu finden, dabei war er keine zwei Meter von der
Wohnungstür entfernt. Der Grundriss war identisch mit
Berkeley Pears Wohnung, allerdings lag diese Wohnung in
Richtung Straße, sodass die
Fenster nicht zum Wald zeig-
ten. Die Inneneinrichtung war jedoch vollkommen anders
als in der Wohnung, die Barbara zuvor besucht hatte. Wäh-
rend Berkeley Pears Behaus
ung der Inspektion eines Ar-
my-Schleifers standgehalten
hätte, war Morags Wohnung
ein Paradebeispiel für Unordnung und schlechten Ge-
schmack, für den vor allem Pfer
de verantwortlich waren,
von denen es Hunderte gab, auf
jeder Abstellfläche, in jeder
Größe, aus jedem denkbaren
Material von Plastik bis
Gummi. Es war wie ein Albtraum von
Barbara schob sich an einem Teewagen voller Lipizzaner
vorbei, die sich auf die Hinterbeine gestellt hatten, um ihre
Kunststückchen vorzuführen. Sie folgte dem einzig freien
Pfad durch den Raum, der zu einem Sofa führte, das mit
einem Dutzend Pferdekissen bestückt war. Dort ließ sie sich
nieder. Sie hatte zu schwitzen
Davey Bentons Leiche waren Katzenhaare gefunden wor-
Sie machte sich auf die Suche nach dem Hausverwalter.
Auf Anfrage wies einer der Moppits ihr den Weg zu einer
Erdgeschosswohnung. Barbara klopfte an die Tür.
Nach einem Moment rief eine Frauenstimme: »Wer ist
da?«, in einem Tonfall, der da
Vor der Tür zu Berkeley Pear
s Wohnung überlegte Barba-
ra, wie sie nun weitermachen sollte. Vielleicht mit einem
Sie sah ihn nicht an. »Doch, das ist es«, erwiderte sie, den
»Das ist Ihre Sichtweise. Meine ist, dass Winston Nkata
Menschen beschwichtigen soll, die von Scotland Yard wie-
der und wieder im Stich gelassen worden sind. Das kann
man ihm wohl kaum verübeln. Und ich werde ihm keinen
Vorwurf machen oder ihm den Befehl erteilen, zu koope-
rieren. Wenn die
Source
beabsichtigt, die Kümmernisse sei-
ner Familie eines Morgens auf die Titelseite zu schmieren,
dann ist das ƒ«
am Rande einer Klippe. Ob
der Abgrund, in den er stürzen würde, ein Zornesausbruch
war, ein Schlaganfall oder eine Tat, die sie beide bereuen
würden, blieb abzuwarten. »Sie
verfluchtes, unloyales Stück
ƒ Sie kommen hierher aus Ihrem privilegierten Leben und
wagen es ƒ Sie
Im gleichen Moment entdeckt
en sie Harriman, die kreide-
bleich an der Tür stand, die Hillier beim Eintreten offen ge-
lassen hatte. Zweifellos, dachte Lynley, erreicht die Lautstärke
ung jedes Ohr auf dem Flur.
»Raus hier!«, schnauzte Hillier sie an. »Was fällt Ihnen
Unglaublicherweise hob sie die Hand, um ihn daran zu
hindern, sodass beide gleichze
itig nach der Tür griffen.
Hillier drohte: »Ich sorge dafür, dass Sie ƒ«
Lynley stellte fassungslos fest, dass sie nicht mit ihm,
sondern mit Hillier sprach. Die Frau hat den Verstand ver-
»Dee, das ist nicht nötig«, versicherte er.
»Sir.« Lynley wollte sich auf keine Schlammschlacht mit
dem Assistant Commissioner einlassen. Fieberhaft suchte er
nach einem anderen Ansatz. »Winston ist zu mir gekommen.«
von seinem Hals auf wie eine rubinrote Flüssigkeit unter
der Haut. »Ich will überhaupt nicht wissen, was Sie damit
Lynley bemühte sich, ruhig zu sprechen. »Sir, erlauben
Sie mir, dies ganz deutlich zu sagen: Sie stehen unter
Druck. Ich stehe unter Druck. Die Öffentlichkeit ist aufge-
bracht. Die Presse ist gnadenlo
und Lynley musste ihm zugestehen, dass er offenbar mit
dem Vorsatz ins Feindesgebiet
herabgestiegen war, seinen
Zorn so lange wie möglich zu beherrschen.
»St. James hat eine internatio
nale Reputation, Sir«, sagte
»Da widerspreche ich Ihnen nicht«, sagte Nkata.
Clara lächelte. »Wirklich nicht?«
»Die meisten Männer essen gern«, erklärte er ihr.
, stimmte sie zu, und er stellte fest, dass sie ihn
plötzlich mit völlig anderen Au
topsiebericht von Davey Benton mit denen der früheren
Mordopfer. Er legte die Papiere beiseite, nahm die Lesebril-
le ab und erhob sich. »Dee sagte, Sie wollten mich spre-
chen.« Er wies auf den Konferenztisch.
Hillier nahm diese wortlose Einladung nicht an. »Ich habe
mit Mitch Corsico gesprochen, Superintendent«, sagte er.
Lynley wartete. Er hatte gewusst, dass es zu dieser Szene
hier kommen würde, nachdem er Corsicos Pläne, eine Sto-
ry über Winston Nkata zu schreiben, vereitelt hatte, und er
kannte Hilliers Denkweise gut genug, um einzusehen, dass
r Gelegenheit geben musste,
»Erklären Sie mir das.« Hilliers Worte klangen gemäßigt,
wäre. Aber es ist nichts daraus geworden. Es hat nicht ge-
funkt zwischen den beiden, verstehen Sie? Dann, als seine
Mutter starb, hab ich gedacht,
er würde ein bisschen auf-
tauen. Aber das ist nie passiert. Der Junge hat jede Lebhaf-
tigkeit verloren.« Sie warf einen Blick Richtung Vorrats-
raum und fügte dann flüsternd hinzu: »Depressionen. Die
machen einen fertig, wenn man nicht aufpasst. Ich hab das
selbst erlebt, als Vals Vater
von uns gegangen ist. Er ist
nicht plötzlich gestorben, sodass ich wenigstens Zeit hatte,
mich darauf vorzubereiten. Aber trotzdem fühlt man es na-
türlich, wenn jemand von einem gegangen ist, nicht wahr?
Da ist diese Leere, und die lässt sich einfach nicht schönre-
den. Man glotzt den ganzen Tag hinein. Deswegen haben
Val gab ein Geräusch von sich, das Ähnlichkeit mit ei-
nem Gurgeln hatte. Als ihre Mu
tter das hörte, lehnte sie
sich über die Theke und sagte direkt zu ihr: »Weißt du ir-
Kilfoyle könnte genau der
Richtige sein, um sie aus ihre
m Schneckenhaus zu locken«,
vertraute Clara ihm mit gesenkter Stimme an. »Das war ei-
ner der Gründe, warum ich ihn
eingestellt habe. Seine Jobs
waren nicht gerade beeindruck
end … das hängt wohl damit
zusammen, dass die Mutter so la
nge krank war …, aber ich
hatte, um für seine Mutter Blumen zu kaufen. Sie war in ei-
nem Heim, wissen Sie.« Clara tippte sich an den Kopf. »Alz-
heimer, armes Wesen. Er hat
ihr ƒ ich weiß nicht mehr ƒ
Tulpen gekauft? Gibt es Tulpen
zu der Jahreszeit? Vielleicht
wars auch was anderes? Egal. Va
l hat Recht, ich hatte es ver-
gessen. Aber er hats sofort zu
gegeben, als ich ihn darauf an-
gesprochen hab, nicht wahr, und ich bekam das Geld am
nächsten Tag zurück. Danach war nie mehr was. Er ist
grundanständig. Ohne ihn würde der Laden nicht laufen,
denn der Lieferservice ist unser Hauptgeschäft, und wir ha-
ben dafür niemanden außer Rob.«
strähne aus dem Gesicht.
»Komm schon, du weißt genau, dass das stimmt«, schalt
Clara nachsichtig. »Du könntest die Lieferungen nicht erle-
digen, ganz gleich, was du meinst, Liebes.«
»Macht er auch Ihre Einkäufe?«, fragte Nkata.
»Was für Einkäufe? Papiertüten und so weiter? Senf?
kommen wir geliefert.«
»Ich dachte eher an ƒ Zutaten?«, sagte Nkata. »Hat er
ivenöl und Erdnussöl. Warum
davon konnte keine Rede sein …, sondern eher an Vals un-
modischer Kleidung und ihre
r gebeugten Haltung. Nkata
nickte verbindlich. Val blieb hinter der Theke auf Distanz,
wo sie in gleichem Maße lauerte wie putzte. Ihr Blick glitt
zwischen Nkata und ihrer Mu
tter hin und her, während
Clara die Rolle der Sprecherin übernahm.
»Kann ich Ihnen ein paar Fragen über Robbie Kilfoyle
blieb er an der Tür stehen und
mir versprechen, dass Sie ihm nichts hiervon erzählen?
»Kommen Sie mit, Sergeant. Ich muss Ihnen das erklären.«
Sie lotste ihn zur Kasse hinüber und wies auf das große
Buch, das aufgeschlagen dane
ben lag. Nkata erkannte den
antiken Folianten von seinem ersten Besuch wieder, als Gi-
Das ist einfach zu viel für ein einziges Hirn.«
Sie ging hinter den Ladentisch und drehte das Kräuter-
buch um, sodass er es sehen konnte. Trotzdem schien sie es
für nötig zu erachten, ihn auf das vorzubereiten, was er le-
t es gar nichts zu bedeuten,
wahrscheinlich sogar, darum müssen Sie mir schwören,
dass Sie Robbie nichts von meinem Anruf erzählen. Ich
muss Tür an Tür mit ihm arbeiten, und es gibt nichts
Schlimmeres als böses Blut zwischen Nachbarn. Können Sie
Miss A.-W. eine Drohung aussprach, machte sie sie auch
Ulrike eilte aus dem Haus un
d zurück auf die Straße. Sie
bereute ihren Plan und ihre Ungeschicklichkeit. Erst Griff,
sie nicht weiterwusste. Hier bedurfte es eines hohen Maßes
an Subtilität, und genau daran
mangelte es ihr. Sie hatte
kein Talent für das machiave
Position bei Colossus manchmal erforderte. Zu ehrlich,
sagte sie sich. Zu geradeheraus mit den Menschen. Diese
Eigenschaft musste sie ablegen, oder wenigstens lernen, sich
hin und wieder davon zu lösen. Herrgott noch mal, sie
musste lernen zu lügen, wenn sie irgendwelche brauchba-
ren Informationen bekommen wollte.
Sie wusste, dass Miss A.-W. Jack von ihrem Besuch be-
richten würde. So sehr sie sich auch anstrengte, fand sie
keinen Weg, wie sie das verhindern könnte, es sei denn, sie
zog der alten Dame eins mit der Tischlampe über den Kopf
und brachte sie ins Krankenhaus. »Wenn ich Sie gekränkt
ƒ Wenn ich mich anders hä
tte ausdrücken sollen ƒ Wenn
»Ellis. Ulrike Ellis. Und nein, darum geht es nicht. Aber
er hat gesagt, dass er jeden Ab
end in den Pub geht, also ƒ«
»Wenn er das sagt, dann wird es wohl auch so sein.«
»Aber Sie glauben es nicht?«
es spielen sollte. Er kommt
und geht. Ich überwache ihn nicht. Warum sollte ich das
tun? Manchmal ist es der Pub, manchmal eine Freundin,
manchmal seine Mutter, wenn die beiden sich gerade gut
verstehen, was immer dann vorkommt, wenn Min irgend-
»Nach dem Grundsatz leben und leben lassen, Missy, denn
das ist die Methode, wie ich mit jedermann auskomme.«
»Und wie steht es mit anderen?«
»Seine Freunde. Kommt er mit denen aus?«
»Sie wären kaum Freunde, wenn sie nicht miteinander
»Zum Beispiel?«
Wie jeder andere auch in seinem Alter.« Miss A.-W. gesti-
reden hört, könnte man meinen, er sei das einzige Kind auf
der Welt, das ohne Vater aufwachsen musste.
ner flatterhaften Mutter, die seit der Geburt des Jungen alle
naselang einen neuen Freund
hat Jack sich wahrscheinlich
anhören müssen, wie sie versuchte, sich an den Namen des
mit zu tun, dass sie sich nie sicher war, welcher ihrer Lieb-
r. Sie sagt: ‰Warum kann der Junge es
nicht einfach
? Das tu ich doch auch.ˆ Aber das
les Mögliche, ehe sie sich mal genau im Spiegel anguckt. Ihr
ganzes Leben lang ist sie den Männern nachgelaufen, und
Jack läuft eben Schwierigkeiten hinterher. Als er vierzehn
war, wurde Min nicht mehr
mit ihm fertig. Ihre Mutter
wollte ihn nicht, also haben sie ihn zu mir geschickt. Bis zu
diesem Brandstiftungsunsinn. Dieser dämliche kleine Mist-
»Wie kommen Sie mit ihm aus?«, fragte Ulrike.
nun, aufblühen, könnte man wohl sagen. Jack wird es im
Trotzdem musste sie es versuchen. Es gab keine Alterna-
men ihre Plätze räumten. Sie hielt die Tür auf und manöv-
dem Messingbriefschlitz auf de
r Mitte der Tür herab, hob
re des Hauses. Sie sah eine
alte Dame vorsichtig die Tre
Händen am Geländer, stellte sie jeweils beide Füße auf jede
Die Dame sah Ulrike offenbar durch den Briefschlitz
schauen, denn sie rief: »Ich mu
ss doch sehr bitten!«, gefolgt
von: »Meines Wissens ist dies ein Privathaus, wer immer
Sie auch sein mögen!«, was Ulrike veranlasste, den Deckel
zu warten, bis die Tür sich
senkte und die Gehhilfe sah, an
der die alte Dame sich fest-
hielt. Sie begriff, dass nicht
Zorn, sondern eine Schüttelläh-
mung, Parkinson oder Ähnliches, das Zittern verursachte.
Hastig entschuldigte sie sich und stellte sich vor. Sie er-
wähnte Colossus. Sie erwähnte Jacks Namen. War es mög-
lich, ein Wort mit Mrs ƒ? Sie zögerte. Wer, zum Henker,
war diese Frau?, fragte sie si
ch. Das hätte sie rauskriegen
sollen, ehe sie bei ihr klingelte.
Mary Alice Atkins-Ward, stellt
e die alte Dame sich vor.
Und es musste »Miss« heißen, worauf sie stolz war, vielen
herzlichen Dank auch. Sie klang steif … eine Seniorin, die
sich noch an die gute alte Zeit erinnerte, als der Umgang
miteinander von höflicher Rücksichtnahme an den Bushal-
sie so oder so beenden, was sie begonnen hatte. Das war der
einzige Weg, um ihren Besuch bei Griffin Strong zu Hause
zu rechtfertigen, sollte der Stiftungsrat je Wind davon be-
»Vielleicht, weil es nicht stimmt.«
»Aber irgendwer hat es gehö
bell um Viertel vor vier morg
ens so ungewöhnlich, verste-
»Denn wenn sie nicht bellt, heißt es, dass sie das kennt,
was sie sieht, hört oder riecht?«
des, ungepflegtes Gebüsch, was einen Zugang vom Haus
zum Wald fast unmöglich machte. Ein Mörder hätte sich
durch alles Mögliche von Il
müssen, um von hier zu der Stelle zu gelangen, wo die Lei-
ich konnte nicht gleichzeitig sie und das Messer halten,
»Und im Wald?«
»Da war ein Licht. Es hat ein paar Mal aufgeblitzt. Das ist
alles, was ich gesehen habe. Hier, ich zeige es Ihnen.«
Der Balkon war vor dem Wohnzimmer, und die großzü-
nie auch nur für eine Stunde
allein gelassen habe. Nicht
lermaschine gewesen. Sie sp
Arme und steckte die Schnauze in die Brusttasche seines
karierten Hemdes. Er lachte und holte aus einer anderen
e ohne zu kauen verschlang.
Berkeley Pears war ein bestimmter Typus, da gab es kei-
nen Zweifel, dachte Barbara.
Wahrscheinlich trug er Lack-
schuhe und einen Mantel mit Samtkragen, wenn er das
Haus verließ. Man sah solche
U-Bahn. Sie trugen Regenschirme, die sie als Gehstöcke be-
nutzten, sie lasen die
, als sage ihnen der In-
»Braves Hündchen. Leckerchen?« Pearl wedelte mit dem
sie das machen?«, fragte Barbara.
»Es ist der Überraschungseff
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte der junge Mann und
rückte seinen Gürtel zurecht. »Wir dürfen eigentlich nie-
Barbara zeigte ihm ihren Dienstausweis. Sie ermittele in
Hastig versicherte er, dass er
darüber nicht das Geringste
war es, was dabei herauskam.
Sie kam sich vor wie eine
Pfadfinderin, die vor einem Weight-Watchers-Haus Kekse
verkaufte. Sie bekam einfach kein Bein auf die Erde.
Sie fuhr weiter zur Wood Lane, auf deren ganzer Länge
Autos dicht an dicht parkten. Zweifellos die Wagen der
Pendler, die von Norden in die Stadt kamen, hier parkten
und mit der U-Bahn weiterfuhren. Unter ihnen suchte die
Polizei immer noch einen Zeugen, der in den frühen Mor-
genstunden des Tages, als Davey Bentons Leiche gefunden
Barbara begriff, dass Wendys Cloud nichts hergeben
würde, ganz gleich, wie sie die Erinnerung der Eigentüme-
rin zu stimulieren versuchte. Sie steckte die Phantombilder
zurück in die Schultertasche, überließ die beiden Schwes-
r den Ladenschluss und trat
hinaus auf den Gehweg, wo sie innehielt, um sich eine Zi-
konnte sagen, wann sie damit auf Gold stoßen würde? »Ei-
d damals hatte es nicht so
dafür zu sorgen, dass Sie in Ihrem Büro bleiben. Ich sagte,
das werde ich tun, aber ich erkläre ihm auch gern, dass Sie
schon weg waren, als ich herkam, um es Ihnen auszurich-
Lynley seufzte. »Riskieren Sie nicht Ihren Job. Er soll ru-
»Sind Sie sicher?«
»Das ist die Einzige, die Sie mir mitteilen können.«
»Dann: Nein, ich glaube es nicht. Ich bleibe bei der Ein-
schätzung, die Sie bereits kennen.«
»Warum?«, wollte Lynley wissen. »Warum bleiben Sie
bei der Meinung, die Sie uns schon erläutert haben? Ich ha-
»Assistant Commissioner Hillier. Er ist unterwegs hier-
her. Er hat mich persönlich
angerufen und aufgefordert,
immer einen dominanten und einen unterlegenen Partner.
es auf Hunderten Stunden persönlicher Gespräche basiert
ƒ wenn Sie bedenken, wie lange diese Gespräche analysiert
te? Ich kann nur mit dem Materi
al arbeiten, das Sie mir ge-
ben.«
Lynley fragte Robson, ob sie sich treffen könnten. Bei
Lynley überlegte. Neu, dachte er. Ja und nein. »Wie si-
stellt haben, Dr. Robson?«
»Es ist natürlich keine exakte Wissenschaft. Aber es
Sie berücksichtigen, dass
Lynley las sie und sagte sich, da
ss sie nichts hergab. Er fand
sann darüber nach. Er dachte
über alles nach: von gegesse-
nen und versäumten Mahlzeiten bis hin zu Jungen, die
troschock gelähmt wurden.
Was er dachte, war: nein. Was er
schloss, war: nein. Was er
tat, war, nach dem Telefon zu greifen und Hamish Robson
über Handy anzurufen.
Er erwischte ihn zwischen zwei Terminen in seiner Pra-
xis unweit des Barbican, wo er Privatpatienten behandelte,
weit weg von der beklemmend
Klinik für forensische Psychiatrie. Es war eine Nebenbe-
schäftigung, erklärte Robson ihm, wo er sich mit normalen
»Man kann mit dem Verbrechen nur über einen be-
grenzten Zeitraum umgehen«, gestand er. »Aber ich nehme
… allen anderen vorgezogen … die Position des Superinten-
dent anvertraut wurde, nachdem Webberly angefahren
worden war? Glückwünsche? Niemand hatte irgendjeman-
ren, auch wenn sein Herz dabei bleischwer war. Cherson
genehmigte die kurzfristige
Personalakte.
seither überdauert hatte. War
Corsico der Ansicht, ein In-
terview mit St. James wäre lohn
end? Dieser Ansicht war der
Reporter in der Tat, und L
ynley gab ihm Simons Nummer.
all das Teil eines literari-
schen Scherzes unter den Mitgliedern der Pädophilenorgani-
sation war. Eine Art Ohrfeige für die ungewaschene, unbele-
Dann sagte er: »Ich muss diesen Anruf annehmen. Ich
hoffe, eines Tages bist du es, die anruft, Yas.« Er war ihr
Duft wahrnehmen, und er spür
den Laden, und während er zu
seinem Auto zurückging,
hob er das Telefon ans Ohr.
Die Stimme am Telefon war ihm ebenso unbekannt wie der
Name. »Hier ist Gigi«, sagte eine junge Frau. »Sie haben
»Wer?«, fragte er.
»Gigi«, wiederholte sie. »Von Gabriels Wharf. Crystal
Der Name brachte die Erinnerung zurück, wofür er
dankbar war. »Gigi. Natürlich. Was gibt es?«
»Robbie Kilfoyle war hier.« Sie senkte die Stimme zu ei-
nem Flüstern. »Er hat was gekauft.«
»Haben Sie was Schriftliches darüber?«
»Ich hab den Kassenbon. Liegt genau vor mir.«
»Passen Sie gut darauf auf«, bat Nkata. »Ich bin unter-
Lynley schickte Mitchell Corsico eine Nachricht, gleich
nachdem er mit St. James gesp
mittlungen eingebundene, unabhängige Forensikexperte
wäre ausgesprochen gut für
das zweite Porträt in der
Source
höhlt, so als hätte er sein Innerstes vor ihr auf den Linole-
umboden gegossen. Sie konnte auf ihm herumtrampeln
oder ihn einfach zusammenkehren und in die Gosse werfen
oder was auch immer ƒ Er war so nackt und hilflos wie am
Sie sahen einander unverwandt an. Er spürte das Verlan-
gen wie nie zuvor, und es fühlte sich an wie ein Tier, das
sich nagend von innen nach außen fraß.
Sie brach das Schweigen. Nur zwei Wörter, und zuerst
wusste er nicht, was sie meinte. »Welcher Freund?«
das glaube ich immer noch. Und darum bin ich gekom-
men, um Ihnen das zu sagen.«
»Nein, alles, Yas. Von Anfang bis Ende.«
Er stand immer noch ein gutes Stück von ihr entfernt,
aber er bildete sich ein, er könne die Bewegung der Mus-
keln in ihrem dunklen, glatten
Hals sehen, als sie schluckte.
Und er glaubte, er könne ihren Puls in der Ader an der
Schläfe pochen sehen. Aber er wusste, dass er das zu sehen
versuchte, was er sich erhoffte. Mach dir nichts vor, sagte er
sich. Nimm es so, wie es ist.
so gefährlicher wird es für sie dort drüben. Ich lass nicht zu,
Luden ihnen Ärger machen.
Diese Typen mögen mich nicht sonderlich, sie wollen nicht
in meiner Nähe sein, und todsicher trauen sie mir auch
nicht. Darum halten sie sich von meinen Eltern fern, solan-
ge ich da bin. So will ich es haben, und ich werde tun, was
noch diesen misstrauischen, verächtlichen Ausdruck, den
sie immer gezeigt hatte, seit er sie kannte. »Und warum er-
zählen Sie mir das?«
»Weil ich will, dass Sie die Wahrheit wissen. Und die Sa-
che ist, Yas, die Wahrheit ist nie eine Straße ohne Kurven
und Umwege. Also sollen Sie wissen: Ja, ich hab mich zu
Ihnen hingezogen gefühlt, seit ich Sie zum ersten Mal gese-
hen hab, und ja, ich wollte, dass Sie sich von Katja Wolf
trennen, nicht weil ich dachte, dass Sie einen Mann brau-
chen und keine Frau, denn das konnte ich ja gar nicht wis-
sen, oder? Aber ich wollte eine Chance bei Ihnen, und der
einzige Weg, die zu kriegen, war, Ihnen zu zeigen, dass Kat-
ja Wolf all das, was Sie zu geben haben, nicht wert war.
Aber gleichzeitig hatte ich Daniel vom ersten Moment an
gern, Yas. Und ich konnte sehen, dass es ihm genauso ging.
Und ich weiß so verdammt genau … wusste es damals und
tig geworden, als sies gesehen hat. Ich schau sie an und
schau zu meinem Dad und weiß
, dass er mich windelweich
prügeln wird, wenn wir nach Hause kommen, bevor oder
haben ihn immer Stoney genannt.
Weil er so stur war wie ein
Stein auf dem Feld. Ein Stein wie die in Stonehenge, meine
Yasmin hielt beim Aufräumen inne, einen Pinsel in der
Hand. Stirnrunzelnd sah sie Nkata an. »Und?«
Nkata fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. »Er
Ihr Blick glitt zur Seite, dann sah sie ihn wieder an. Sie
Ruby lachte vor sich hin. »Oh, klar doch. Ich bin bereit
für die Modemesse. Vielleicht stecken sie mich in einen Bi-
mich die Kurze versuchen. Die gefällt mir ganz gut.«
»Macht doch sowieso keinen Unterschied, oder«, sagte
die Frau. »Ich weiß gar nicht, warum ich eigentlich gekom-
men bin.«
Ruby schnalzte ungeduldig mit der Zunge. »Schön bin
Nicht, dass er wirklich eine brauchte. Dieser Gang war
eine Verpflichtung. Der Zeitpunkt war gekommen.
Er stieg aus dem Wagen und ging die wenigen Schritte
zum Perückengeschäft, immer noch ein Zeichen der Hoff-
Als sie das Maklerbüro verließ, nahm sie die Adresse von
J. S. Mill mit. Sie war bestimmt falsch, daran zweifelte sie
nicht. Aber sie würde sie trotzdem an die Sitte weiterleiten.
Irgendjemand musste irgendwie die Türen der Mitglieder
dieser Organisation eintreten.
Sie war auf dem Rückweg zur Cromwell Road, als ihr
Handy klingelte. Es war Lynley, der fragte, wo sie sei.
Sie sagte es ihm und berichte
vom Canterbury Hotel ge-
bracht hatte. »Und wie stehts
bei Ihnen?«, fragte sie ihn.
»St. James glaubt, unser Mann muss bald neues Ambra-
Selbsthilfegruppe anscheinend. Männer, die in Scheidung le-
ben. Ich weiß nicht genau, warum sie sich MABIL nennen.
Vielleicht ist es ein Akronym
für ‰Männer am Beginn ƒˆ von
»Illustren Lebens?«, schlug Barbara vor. »Wer hat den
Misty las es ihr vor: J. S. Mill. Sie gab ihr auch die Adresse.
rstock & Percy fragte sie
sicher«, sagte sie. »Als Sie
nach St. Lucy fragten, dachte ich ƒ Na ja, wie auch immer
ƒ MABIL. Ja.« Sie öffnete eine Aktenschublade in ihrem
Schreibtisch, zog einen dünnen
Ordner heraus und klappte
ihn auf. Sie überflog den Inhalt, nickte zufrieden und sagte
schließlich: »Ich wünschte, alle
Zimmer. Überall waren Kinder: lachend, plappernd, rot-
wangig und unschuldig. Ihr wu
rde ganz übel bei dem Ge-
danken, dass Pädophile diese Atmosphäre hier am Abend
schlossen sein sollen, was Barb
ara für eine gute Idee hielt.
Die Frau fragte, ob sie ihr helfen könne.
Barbara zeigte ihren Dienstausweis und erklärte der Da-
me … die sich als Mrs. McDonald vorstellte …, dass sie wegen
MABIL gekommen sei.
»Mable?«, fragte Mrs. McDonald. »Wir haben keine
Mable in unserer Kita.«
Es handele sich um eine Organisation von Männern, die
sich abends im Keller trafen, erklärte Barbara. Es schrieb
sich M-A-B-I-L.
Darüber wusste Mrs.
McDonald nichts. Sie riet Barbara,
mit der Maklerfirma zu sprechen
stattfanden, also machte sie sich auf den Weg dorthin. Sie
e herum, folgte einem Ze-
mentpfad durch einen kleinen, überwucherten Friedhof,
der voller windschiefer Grabsteine und efeubewachsener
Steinsarkophage war, um die sich seit Ewigkeiten niemand
anderen Ende der Kirche in
das Untergeschoss hinab. Ein Schild auf der leuchtend
blauen Tür besagte, dass dieser Teil des Gemeindezentrums
die Kindertagesstätte »Kita Marienkäfer« beherbergte. Die
Tür stand ein Stück offen, und Barbara hörte Kinderstim-
Sie trat ein und fand sich in einem Vorraum, wo in
Hüfthöhe eine lange Reihe Haken mit kleinen Mänteln, Ja-
Ausgabe des Stadtführers
A to Z …
angeblich für die Horden
von Touristen, die dort abstiegen …, und sie fand die Straße
in der Nähe von Lexham Gard
ens. Sie lag auf der anderen
Seite der Cromwell Road, und Barbara konnte sie problem-
los zu Fuß erreichen.
Bevor sie zur Rezeption hinuntergegangen war, hatte sie
auf die Ankunft des Teams der
»Er hatte seit Stunden nichts gegessen. Mindestens seit
Grund, warum das Öl möglicherweise fehlte. »Der Leich-
hörig, zu erwähnen. ‰Wie kommt es, dass Sie diese Schiene
am Bein tragen, Sir?ˆ Es ist be
inah so peinlich, als frage man
jemanden, seit wann er seine Frau nicht mehr schlägt. Und
selbst wenn sie danach fragen: Ich habe mit einem Freund
einen feucht-fröhlichen Abend
Ergebnis. Ein mahnendes Beispi
el für die zügellose Jugend
von heute. Ende der Story.«
»Aber du kannst doch nicht wollen, dass sie ihr Radar
auf dich richten.«
»Natürlich nicht. Meine Geschwister werden sich über
mich lustig machen, ganz zu
schweigen davon, was meine
n Weise dazu zu sagen ha-
ben wird. Aber sieh es mal so: Ich bin zwar Teil der Ermitt-
lungen, aber ich stehe gleichzeitig außerhalb, und darin
liegt ein Vorteil. Hillier kannst du es verkaufen, wie du
willst: Entweder bin ich Teil des Teams … ‰Und Sie haben
Sir?ˆ …, oder ich bin hemmungslos selbstsüchtig und suche
als unabhängiger Wissenschaftlicher die Art von Beweih-
räucherung, die nur ein entsprechender Auftritt in der
Presse gewährleisten kann. Such dir eines von beiden aus.«
Er lächelte. »Ich weiß, du wü
rdest alles dafür tun, dem ar-
men Schwein das Leben zu
r Hölle zu machen.«
Unfreiwillig erwiderte Lynley das Lächeln. »Das ist wirk-
lich großzügig von dir, Simon. Das wird sie von Winston
fern halten. Es wird Hillier natürlich nicht gefallen, aber
»Und bis sie zu Winston oder sonst irgendjemandem
kommen, wird diese Geschichte, so Gott will, ausgestanden
Idee, Tommy. Das ist dir selbst gegenüber nicht fair, und
nicht. Oder Stephanie.«
Lynleys Schwester und seine Nichte. Auch sie waren von
und fühlte sich in seiner
Kehle an wie ein Skalpell. Aber
das war nur recht, dachte er.
Endlich sah er St. James über den Platz kommen. Lynley
wandte sich um, bestellte einen zweiten Kaffee für sich und
einen für seinen Freund. Die Getränke kamen gleichzeitig
den Mantel auszog und sich
g«, bemerkte St. James lä-
chelnd, zog einen Stuhl zurück und ließ sich vorsichtig da-
rauf nieder.
. »Du hast die Zeitung gele-
»Das war kaum zu vermeiden.« St. James griff nach der
Zuckerdose und begann sein üb
liches Ritual, mit dem er
den Kaffee für jedes andere menschliche Wesen ungenieß-
bar machte. »Dein Foto an den Zeitungskiosken ist ein re-
gelrechtes Statement.«
Nachdem sie einen Treffpunkt vereinbart hatten, machte
Lynley sich auf den Weg. Mi
t dem Auto war er nur fünf
Minuten von dem Platz entfernt, falls es keinen Stau gab.
fuhr Richtung Fluss. Von der
Sloane Avenue bog er in die Kings Road und fuhr hinter
einem Bus der Linie
in Richtung Platz. Einkaufsbummler
verstopften um diese Tageszeit die Bürgersteige, genau wie
die Oriel Brasserie, wohin er gerade rechtzeitig kam, um ei-
nen Tisch von der Größe einer Fünfzig-Pence-Münze zu
ergattern, als drei Frauen mit schätzungsweise fünfund-
zwanzig Einkaufstüten aufstanden.
schien nach einem Wort zu suchen. »Für diese Kammer
ausgefüllt wurde, und notieren die Adresse. Informieren Sie
Earls Court Road über alles,
was hier vorgeht, sofern die
Kollegen nicht längst Bescheid
wissen. Reden Sie mit dem
Chief Super, mit niemandem darunter.«
Barbara nickte. Sie spürte Euphorie in sich aufsteigen,
sowohl über die Fortschritte, die sie machten, als auch über
die Verantwortung, die Lynley ihr übertrug. Es war fast wie
»In Ordnung. Wird gemacht, Sir«, sagte sie und zückte
ihr Handy, während er Tatlises aus dem Zimmer führte.
Lynley stand vor dem Hotel. Er versuchte, das Gefühl abzu-
uste gegen einen Feind ho-
ihnen auszuweichen, als sie
darin waren, ihn zu Fall zu bringen.
Er rief in Chelsea an. St. Jame
s hatte inzwischen reichlich
Zeit gehabt, die neuen Berichte
zu lesen und zu bewerten,
die Lynley zur Cheyne Row geschickt hatte. Vielleicht hatte
Lynley bestand jedoch darauf, also gingen sie ein Stock-
werk tiefer und ließen Selçuk
Stuhl, der nicht dazu passte, war darunter geschoben. Oben-
Albino gekommen und in Zimmer neununddreißig hi-
naufgegangen, das ein andere
Mit diesem zweiten Mann war der Junge einige Stunden
später gegangen. Nein, er hatte nicht den Eindruck ge-
Lynley trennte die Männer, und Barbara stellte sich zwi-
terei, Pädophilie und jedem an
deren Vergehen, das wir Ih-
nen nachweisen können, belangt wird. Darum schätze ich,
Sie wären gut beraten, sich um einen kooperativen Gesamt-
eindruck zu bemühen.«
Sie sah, dass sie verstanden worden war. Tatlises ließ von
seinem Neffen ab. Der junge Mann wich in sein Zimmer
zurück. Beide wurden vor ihren Augen geläutert. Tatlises
mochte ein fragwürdiges Arrangement mit seinen MABIL-
Freunden bezüglich der Benutzung des Canterbury Hotels
haben, und er mochte eine
Stange Geld dafür kassieren,
dass er die Hotelzimmer für ho
Minderjährigen zur Verfügung stellte, aber es hatte den An-
schein, dass er vor Mord Halt machte.
Er sagte: »Dieser Junge ƒ«, und griff nach dem Foto von
Davey Benton.
»Genau«, erwiderte Barbara.
»Wir sind relativ sicher, dass er dieses Gebäude lebend
»Falls er mit ihm weggegangen ist«, fügte Barbara hinzu.
»Dann weiß ich nicht, wie ƒ«
»Hörn Sie, Freundchen«,
schätze, die kleine Stiefelein
sprüherin da unten hat Ihnen
erzählt, dass wir nicht von der Wache um die Ecke kom-
men. Wir sind nicht zwei Bullen, die sich ihr neues Revier
anschauen und einen Batzen Geld von Typen wie ihnen
einstreichen, wenn es das ist, was Ihren Laden hier am Lau-
te Lynley gerade vorschlagen, dass es sicher seine Zunge lö-
sen werde, wenn sie ihn zwangen, seine Blase noch zwanzig
Minuten zu kontrollieren, als ein kleiner Mann im Abend-
Als Lynley und Barbara sich zum Aufzug wandten, griff
das Mädchen wieder nach dem Telefon. Es bestanden kaum
Zweifel, dass sie entweder Verstärkung rief oder aber den
Bewohner von Zimmer einundvierzig vorwarnte, dass die
Polizei auf dem Weg zu ihm war.
Der Lift stammte aus einer Epoche vor dem Ersten Welt-
krieg, ein Gitterkäfig, der
mit würdevoller Langsamkeit
Was ist hier los? Was ist passiert?« Es war eindeutig, dass
was zu tun war, wenn die Po-
lizei erschien. Sie griff nach dem Telefon und sagte: »Lassen
Sie mich Mr. Tatlises rufen.«
»Er ist der Geschäftsführer.
ken betrifft. Ich würde das übrigens nicht empfehlen … das
-Pfund-Angebot …, aber verraten Sie nicht, dass ich das
gesagt habe.« Dann endlich sah sie die beiden Personen an,
die vor ihr standen. Sie hatte offensichtlich immer noch
nicht gemerkt, dass sie Polizisten vor sich hatte, trotz Lyn-
leys Dienstausweis, den er ihr praktisch vor die Nase hielt,
denn sie schaute nur von Barb
ara zu ihrem Begleiter und
wieder zurück, und ihr Blick in Lynleys Richtung sagte: Je-
Barbara ersparte Lynley die Peinlichkeit, dem Mädchen
erklären zu müssen, dass sie sich bezüglich ihres Besuchs
im Canterbury Hotel falsch
e Vorstellungen machte. Wäh-
rend auch sie den Dienstausw
eis hervorkramte, sagte sie:
»Wenn wir es tun, bevorzugen wir den Rücksitz im Auto.
Klar, dort ist es ein bisschen beengt, aber dafür billig.« Sie
streckte dem Mädchen den Ausweis entgegen. »New Scot-
land Yard«, erklärte sie. »Und wir sind ja so was von glück-
lich zu hören, dass Sie den Leuten hier in der Gegend hel-
fen, mit ihren unbezähmbaren Trieben klarzukommen.
Dies ist übrigens Detective Superintendent Lynley.«
Die Augen des Mädchens huschten über beide Doku-
mente. Sie hob die Hand und befingerte den Kronleuchter
an ihrem Ohr. »Ach du Schreck, tut mir Leid«, sagte sie.
»Wissen Sie, ich hab auch eigentlich gar nicht gedacht, dass
Sie beide ƒ«
»Fangen wir mit den Zeiten
an, zu denen Sie hier arbeiten. Von wann bis wann?«
»Warum?«
Lynley fragte: »Arbeiten Sie auch nachts?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich
mach um sechs Feierabend.
Falls sie sich darauf verl
assen konnten, dass Minshall
korrekte Angaben machte, hatte Lynley eingewandt. Das
war zweifelhaft, bis sie herausgefunden hatten, inwieweit
seine Aussage zu den Vorgängen im Canterbury Hotel der
Wahrheit entsprach.
Lynley ging voraus. Es gab keine Lobby, lediglich einen
cken. Als Lynley die Hand nach dem Türkauf ausstreckte,
»Sie wissen, was ich meine, oder?« Sie wedelte mit den
modifizierten Phantombildern, die sie in der Hand hielt.
»Es ist das Einzige, worüber wir noch nicht gesprochen ha-
ben.«
tails einzuprägen. Diese Phan
tombilder waren deswegen un-
ter Umständen völlig
wertlos für die Polizei, während eines,
das nach Barry Minshalls Angabe
n erstellt wurde, sie auf die
richtige Fährte setzen könnte.
Er wollte nicht an seinen Bruder denken, dem er ohne-
hin nicht mehr helfen konnte. Lieber dachte er an die Men-
war der Glanz verblasst. Die Klientel bestand aus Auslän-
Ansprüchen und begrenzten
Mitteln oder aus Paaren, die ein, zwei Stunden sexuellen
Verkehr pflegen wollten, wo keine Fragen gestellt wurden.
Die Hotels hatten allesamt Namen, in denen Worte wie
»Court« oder »Park« oder historisch bedeutsame Orte vor-
kamen, was eine gewisse Eleganz und Großartigkeit sugge-
rieren sollte, über den Zustan
radladen und scheuchte sie weg. Sie lieferten sich ein Wort-
gefecht mit dem Mann und schlurften schließlich Richtung
New Kent Road davon.
Als Nkata ihnen folgte, entdec
nen unter der Eisenbahnunterführung und weitere, aufge-
reiht wie Perlen zu zweit, zu dritt oder zu viert, auf der gan-
zen Strecke bis zu einem schäbigen Einkaufszentrum an der
ständen, die ihn dorthin gebracht hatte, wo er heute war,
»und rufe meinen Anwalt an. Ich bin nicht länger bereit,
ohne rechtlichen Beistand Frag
en zu beantworten oder mit
der Polizei zu plaudern. Was Sie hier treiben, grenzt an Be-
lästigung.« Und dann sagte er zu Veness: »Sei bloß vorsich-
tig. Die geben keine Ruhe, bis sie einen von uns haben. Sag
das weiter.« Er ging zur Tür.
für ihn zu tun gab, als im Mi
ller and Grindstone und beim
Inder das Alibi zu überprüfen.
Falls Jack Veness in den frü-
hen Morgenstunden durch Lond
on schlich, um Leichen
Kollegen abzulegen, war er
seinen Bekannten im Pub oder beim Imbiss bestimmt nicht
durch ein besonderes Verhalten aufgefallen. Trotzdem:
Wenn er MABIL als neue Que
lle für seine Opfer gewählt
hatte, war es ihm vielleicht unnötig erschienen, für die
Abende der MABIL-Zusammenk
ünfte im Pub und beim
Inder Alibis zu arrangieren. Es
war nur eine winzig kleine
ein Hühnchen Tikka geholt haben, oder ob Sie genau an
aufgekreuzt sind, weil Sie anderweitig be-
schäftigt waren?«
Scheiß drauf, ist mir doch egal ƒ«
»Gibts hier Probleme, Jack?« Ein weiterer Mann war
Jack beäugte ihn argwöhnisch, und Nkata wusste, er hat-
te zu interessiert geklungen. »Ich mach Ihr Spielchen nicht
mit, Mann. Rob ist ein guter Junge. Er hatte mal Schwierig-
keiten, aber ich schätze, das wissen Sie, so wie Sie wissen,
dass ich auch mal Schwierigk
eiten hatte. Das macht aber
aus keinem von uns einen Killer.«
»Sind Sie viel mit ihm zusammen? Im Miller and
Grindstone, zum Beispiel? Haben Sie ihn da kennen ge-
lernt? Ist er der Kumpel, von dem Sie gesprochen haben?«
»Hörn Sie, ich sag Ihnen gar nichts über Rob. Machen
Sie Ihre Drecksarbeit selber.«
»Wir kommen immer wieder bei dieser Miller-and-
Grindstone-Sache raus«, erwiderte Nkata.
»Das seh ich anders, aber Scheiße, Scheiße ƒ« Jack
schnappte sich einen Zettel, schrieb einen Namen und eine
hte ihn Nkata. »Da. Das ist
mein Kumpel. Rufen Sie ihn an, und er wird Ihnen das
Gleiche erzählen. Wir waren im Pub, und dann haben wir
uns ein Curry geholt. Fragen Sie ihn, fragen Sie im Pub,
fragen Sie beim Inder. Der
ist auf der anderen Seite vom
Bermondsey Square. Die werd
en es Ihnen bestätigen.«
wusste, der junge Mann hatte
Grund, beunruhigt zu sein. Exknackis waren immer die
Ersten, die verdächtigt wurden, wenn ein Verbrechen ge-
schehen war, und Jack Veness wu
sste das. Er hatte gesessen,
und auch wenn es nur wegen Brandstiftung gewesen war, er
, noch mal einzufahren. Au-
ßerdem hatte er Recht mit seiner Behauptung, dass die
Cops dazu neigten, sich früh
gucken, basierend auf seiner Vergangenheit und ihren frü-
heren Erfahrungen mit ihm. Überall in England gab es
Chief Constables, die mit verschämter Miene die Scherben
ihrer falschen oder unzureichenden Ermittlungen nach
Bombenanschlägen oder Mordfällen zusammenkehrten.
Jack Veness war keineswegs ein Dummkopf, wenn er mit
dem Schlimmsten rechnete. Andererseits war es ein cleverer
Schachzug, sich in diese Position zu begeben.
»Sie haben hier viel Verant
wortung«, bemerkte Nkata.
sonst? Wenn Sie noch irgendjemanden hier sprechen wol-
len, die sind ausgeflogen. Allesamt.«
»Haben Sie was mit den Ohren?«
ihn für einen der Besucher geha
der Tür mit einem »He, Sie da
, was haben Sie hier zu su-
chen?« aufhielt, hatte er begr
iffen, dass der schmuddelige
junge Mann ein Colossus-Mitarbeiter war.
Er hatte Veness um ein kurz
es Gespräch gebeten und
ihm seinen Dienstausweis geze
igt. Nkata hatte eine Liste
mit Daten, an denen MABIL-
Treffen stattgefunden hatten
die Alibis für diese Daten
ab. Das Problem war, dass Jack Veness Alibi sich nicht än-
»Wie ich Ihren Kollegen schon gesagt habe, ich war im
ck Veness. »Ich weiß nicht,
wie lange, denn manchmal bleibe ich, bis der Pub schließt,
ich war da, und anschließend
haben mein Kumpel und ich uns was zu essen geholt. Egal,
wie oft Sie fragen, ich werd Ihnen immer wieder die gleiche
en, wisst ihr das eigentlich?
Leute werden zwanzig Jahre la
ng eingesperrt, und plötzlich
stellt sich heraus, dass sie rein
gelegt wurden, aber ihr ändert
eure Vorgehensweise nie, oder?«
»Haben Sie Angst, dass Ihnen das passiert?«, fragte Nkata.
»Warum?«
Er und der Mitarbeiter von Colossus standen sich am
Eingang gegenüber, wohin Nkata ihm vom Parkplatz ge-
trat, um die Bilder anzuschauen. Die beiden Zeichnungen
waren nun verändert worden: Beide Verdächtige trugen ei-
ne Mütze, Brille und Bart. Das brachte sie nicht wesentlich
weiter, aber es war ein Schritt.
Er stand auf. »Kommen Sie mit«, wies er Havers an. »Es
wird Zeit, dass wir zum Canterbury Hotel fahren.«
Sie schwieg einen Moment. Er hörte Helen mit irgend-
jemandem sprechen.
»Bleibt auf Abstand zu anderen Leuten«, sagte Lynley.
Aber die dazugehörigen Windeln sind einfach zu wunderbar,
Tommy. Wie könnte jemand da Einwände erheben?«
»Undenkbar«, stimmte Lynley
zu. »Aber du weißt ja, wie
»Ach herrje ƒ Na gut, wir suchen weiter. Aber ich will
auf jeden Fall, dass du dir den Smoking ansiehst. Wir kau-
fen jedes Ensemble, das uns g
tergrund: Geschirr, Besteck und plaudernde Frauenstim-
men. »Wo bist du?«, fragte er.
»Wenn wir es geschafft haben, wollen wir bei Claridges
Tee trinken. Mit all unseren
Tüten und Päckchen werden
wir ausgesprochen dekorativ vo
r der Art-déco-Kulisse aus-
sehen. Das war übrigens Deborahs Idee. Sie scheint zu
glauben, dass ich nicht genug unter Menschen komme.
Und außerdem, Liebling, haben wir ja bereits ein Taufkleid
gefunden, erwähnte ich das?«
»Tatsächlich?«
»Es ist so niedlich. Obwohl ƒ Nun ja ƒ deine Tante Au-
gusta könnte vielleicht einen An
fall erleiden, wenn sie sieht,
zigen Smoking in den Schoß de
minutenlang an und suchte na
ch Parallelen zu der Zeich-
nung, die sie von dem Mann hatten, der in den lagen vor Sean
Laverys Tod das Four Square Gym besucht hatte. Schließlich
Und außerdem würde das, was er sich für diesen Ort
rn. Er trauerte den Eisenge-
viel besser. Denn Bänke standen entlang des Weges vom
Brunnen zum Kriegsdenkmal … Schmiedeeisen und Holz
glänzten im milchigen Sonnenschein …, und er konnte vor
sich sehen, wie es sein würde.
Er sah ihre Leichen an diesem
Zentrum, wie der Architekt es vorgesehen hatte, sondern
näher an der Südecke. Tatsächlich kam er zuerst dorthin,
Zeiten dazwischen aber kaum, vor allem im Winter. Dieser
Platz hingegen war belebt von Menschen, und das wahr-
scheinlich bis in die frühen Morgenstunden. Aber nichts
war unüberwindlich. Der Pub machte irgendwann zu, die
U-Bahn-Station wurde abgesperrt, die Taxifahrer machten
Abständen. Um drei Uhr dreißig würde der Platz ihm ge-
hören. Eigentlich war alles, was er tun musste, warten.
Anwesenheit geben, sollte er hier je gefilmt werden: Bei
Beide konnten als Ausrede her-
Um auf Nummer sicher zu gehen, begab er sich nach
oben in das Kaufhaus und ließ sich an beiden Orten bli-
cken. Er kaufte einen Schokoriegel in der Lebensmittelab-
teilung und stellte sich breitbeinig vor ein Urinal in der
Sie überquerten eine Straße und schlenderten weiter in
nördlicher Richtung, vorbei an der alten Brauerei, bis sie
läden dominiert wurde. Ulrike stellte die Frage, wegen der
sie gekommen war, wenngleich
»Die Nacht des Achten?«, wiederholte Arabella verson-
nen, sodass es Ulrike zumindest im Bereich des Möglichen
da war er bei mir zu Hause, Ulrike.« Dann fügte sie bedäch-
tig hinzu: »Oder er war bei Emma. Oder bei Ihnen. Oder in
der Textildruckerei, bis Tagesanbruch oder noch länger. Ich
werde die Version beschwören, die Griff vorzieht. Er, Sie
felsenfest darauf verlassen.«
Sie blieb an der Tür eines Loka
ls mit riesigen Fenstern ste-
Ausnahme für Griff, denn er hat es sonst nicht so mit der
ethnischen Vielfalt. Aber ich sc
hätze, die Tatsache, dass sie
gegen den Widerstand ihrer El
tern versucht, englisch zu
sein ƒ« Arabella sah verstohlen in Ulrikes Richtung. »Das
der Umstand, dass er mich kürz
lich in dieses Restaurant
ausdruck, als wir reinkamen.
Griff war offensichtlich scho
n mal da gewesen und hatte
als habe sie Tage und Monate
Moment zu proben, wenn sie einer der Geliebten ihres
Mannes einmal die Meinung sagen konnte.
Das musste Ulrike ihr zugestehen: Sie hatte nichts Besse-
nne der Anklage«, räumte sie
»Ich weiß nicht, wie er zurechtkommen soll, wenn seine
Attraktivität verblasst«, sagte Arabella. »Aber ich schätze,
bei Männern ist es anders.«
»Sie halten länger«, stimmte Ulrike zu.
»Längerfristiges Verfallsdatum.«
wandten verlegen den Blick ab. Sie waren ein gutes Stück
die Brick Lane entlangspaziert. Gegenüber einem Kurzwa-
renladen, der so aussah, als hätte es ihn hier schon zu Di-
ckens Zeiten gegeben, blieb Arabella stehen.
»Da«, sagte sie, »das wollte ic
h Ihnen zeigen, Ulrike.« Sie
wies über die Straße, aber ni
cht auf Ablecourt & Son Ltd.
sondern auf das Bengal Garden, ein Restaurant neben dem
Kurzwarenladen, dessen Fenste
r und Gitterrollläden an der
Eingangstür bis zum Abend fest verschlossen waren.
»Was ist damit?«, fragte Ulrike.
»Da arbeitet sie. Sie heißt Emma, aber ich denke, das ist
nicht ihr richtiger Name. Der ist vermutlich irgendwas Un-
aussprechliches mit M am Schluss. Um es englisch klingen
zu lassen, haben sie ein A angehä
ngt. Oder sie selbst hat es
Arabella warf ihr einen Blick
zu. »Charakterstärke«, sagte
sie. »Die Art, wie Sie sich kl
eiden, und Ihr Gesichtsausdruck.
Ihr Gang. Ich hab Sie zum Tor kommen sehen. Griff hat es
ne starke Frau zu verführen, das erlaubt ihm, sich selbst stark
zu fühlen. Was er nicht ist. Na ja, das wissen Sie ja. Er ist
hält er sich dafür, so wie er
auch glaubt, er könne Geheimnisse vor mir haben und all
schwach wie jeder gut aussehende Mann. Die Welt verneigt
sich vor seiner Attraktivität,
und er hat das Gefühl, er müsse
der Welt etwas beweisen, das über seine Attraktivität hinaus-
geht. Das gelingt ihm aber niemals, weil er wiederum seine
Attraktivität dazu benutzt, diesen Beweis anzutreten. Armer
chmal tut er mir richtig Leid.
Aber wir raufen uns immer wi
eder zusammen, trotz seiner
Sie bogen in nördlicher Richtung in die Brick Lane ein.
Ein Lastwagenfahrer lieferte bu
nte Stoffballen an einen Sa-
riladen an der Ecke, dessen Fe
Jahr blieben.
Arabella sagte: »Ich nehme
an, das war der Grund, wa-
rum Sie ihn eingestellt haben, oder?«
»Sein Aussehen?«
»Ich kann mir denken, Sie haben ihn zum Vorstellungs-
»Oh, wirklich nicht?«, fragte Arabella.
»Nein. Ich hab seinen niedlichen kleinen Arsch kürzlich
mit einem Tritt aus meinem Leben befördert. Endlich ge-
glücklich geworden, wenn er sich dauerhaft für Sie ent-
schieden hätte. Es ist nicht gerade einfach, mit ihm zusam-
menzuleben. Seine ƒ seine außerehelichen Interessen ge-
hen einem doch schnell auf die Nerven. Man muss lernen,
ging durch den Vorgarten
auf das Tor zu. Ulrike trat beiseite, hielt es ihr aber nicht
werden, die mit sechzehn Jah-
ren die Schule verließ und sich dann einen Übergangsjob
hat ihr ganzes Leben in Engl
and mit seiner hohen Luft-
feuchtigkeit verbracht. In Kapstadt sah man eine solche
Haut nicht. Arabella war eine echte englische Rose.
Griffs Frau sagte: »Tja, alles hat ein erstes Mal. Griff ist
Und wenn er nicht zur Arbeit gegangen ist, ist er vermut-
lich in der T-Shirt-Druckerei, obwohl ich das bezweifle, so
eher wie Cliff Richard mit Polypen. Aber wenigstens tat er
so hatte sie einen Anruf auf
dem Handy erfunden … Patrick
Bensley, der Präsident der Stiftung, wollte, dass sie sich mit
und darum müsse sie fort. Jack
könne sie auf dem Handy er-
reichen. Sie werde es wie
»Die Fingerabdrücke der an
deren Jungen in Minshalls
»Mehr oder weniger.«
»Das war die richtige Entscheidung. Hillier wird es nicht
gefallen. Weiß Gott, wenn er davon hört, bekommt er ei-
Er verließ die Einsatzzentrale. Lynley brauchte die In-
formationen nicht, die er hatte … sie waren so oder so nutz-
los …, aber eher würde die Hölle einfrieren, als dass er fried-
lich dort sitzen blieb und sich die höflich verpackten Dro-
hungen anhörte. Wenn Hillier
wegen Nkatas mangelnder
Kooperation eine Sicherung durchbrannte, dann musste es
eben so sein, entschied er.
Lynleys Bürotür stand offen,
und der Superintendent te-
lefonierte, als Nkata eintrat. Lynley nickte ihm zu und zeig-
te auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Er lauschte und
schrieb auf einen gelben Notizblock.
Nachdem er aufgelegt hatte, fragte Lynley ahnungsvoll:
»Corsico?«
»Er hat gleich mit Stoney angefangen. Als Erstes. Mann,
rauf, dass dieser Kerl in den
Angelegenheiten meiner Familie rumschnüffelt. Mum hat
schon genug um die Ohren, ohne dass Stoney wieder in der
Zeitung steht.« Seine Leidenschaft überraschte ihn selbst.
Er hätte nicht gedacht, dass seine Gefühle noch so heftig
waren, die Enttäuschung über den Treuebruch, die Entrüs-
tung, die ƒ was immer es in Wirklichkeit auch war, denn
er konnte es nicht benennen, und im Moment konnte er
sich auch nicht erlauben, es zu versuchen.
Lynley nahm die Brille ab
die Stirn. »Winston, wie kann ich mich für all das entschul-
digen?«
»Sie könnten Hillier erschießen. Das wär ein guter An-
fang.«
»Wohl wahr«, stimmte Lynley zu. »Das heißt, Sie haben
ner Story mehr dran war, als
ich bisher geschrieben habe, und er will wissen, warum, und
buch und sagte so würdevoll, wie er konnte: »Mitch, ich
Nkata fuhr auf seinem Stuhl zu ihm herum. Seine Stim-
me blieb höflich. »Die Frau des Superintendent ist in der
rleugnet, ganz zu schweigen
von seiner Familie.
»Harold ƒ«, begann er und dachte, wie seltsam dieser
Name, den er nie benutzt hatte, ihm in den Ohren klang.
»Er ist mein Bruder. Das stimmt.«
»Und möchten Sie ƒ«
»Das habe ich doch gerade«, unterbrach Nkata. »Ich hab
es Ihnen bestätigt. Und wenn Si
stampft vor ihnen und lächelte, als er sie am Kaffeeautoma-
ten entdeckte.
»DS Nkata«, sagte der Reporter. »Ich hab Sie gesucht.«
Barbara raunte Nkata zu: »Besser du als ich, Winnie.
Sorry.« Und damit machte si
e sich auf den Rückweg zur
Einsatzzentrale. Sie und Corsico gingen aneinander vorbei,
ohne auch nur einen Blick zu wechseln. Und dann war
Nkata allein mit dem Journalisten.
»Kann ich Sie kurz sprechen?« Corsico wählte Tee mit
tränk. Alice Nkata hätte das missbilligt.
fen, oder? Er war irgendwo in einer Telefonzelle, und zwar
nicht vor seinem Haus, seinem Arbeitsplatz oder irgendei-
nem anderen Ort, mit dem wir ihn in Verbindung bringen
»Muss aber trotzdem erledigt werden.«
Er fragte: »Ist dir nach Gesellschaft?« und suchte in sei-
nen Taschen Kleingeld für einen Kaffee.
Als Barbara Havers in die Einsatzzentrale zurückkam, be-
tergrund hören. Aber das wa
r alles. Seichte Musik, wie
beim Tanztee. Daran hat sie mich erinnert.«
»Tanztee ƒ Nicht zu dieser Tageszeit. Glauben Sie ƒ«
»Altmodische Musik, aus den Dreißiger- oder Vierziger-
jahren. Havers, was sagt Ihnen das?«
»Dass er aus einem Aufzug, in dem Musik gespielt
wird, angerufen hat, und der könnte überall in der Stadt
sein. Sir ƒ«
»Er wusste von Fu. Das hat er erwähnt. Gott, wenn dieser
gewesen wäre ƒ Wir müssen
das hier vor der Presse gehe
im halten. Denn das ist der
Stoff, den sie wollen, sowohl Corsico als auch der Mörder.
einschlagen wie eine Bombe. Ich plane ein Ereignis, das Sie
so schnell nicht vergessen werden.«
»Was haben Sie ƒ«
gegangen war, um Havers
zu suchen, sagte Lynley: »Ich habe einen Reporter hier in
meinem Büro. Ich würde ihn ge
rn hinausschicken. Würden
»Kommen Sie, Superintendent Lynley, Sie können nicht
erwarten, dass ich da
n, um Sie zu überzeugen?
»Und bedauerlicherweise kann ich keinen Blick auf sei-
nen Ausweis werfen, aber ich bin sicher, Sie würden das
gern arrangieren. Nein, das ist nicht nötig. Ich will mich
kurz fassen. Erstens, ich habe Ihnen einen Brief mit einer
Unterschrift geschickt. Das Zeichen des Fu. Der Grund da-
für ist ohne Belang, aber ist die Information ausreichend,
um Sie zu überzeugen, wer ich bin? Oder soll ich Ihnen
Lynley zögerte, und tödliche Ruhe kam über ihn. Er war
nheit im Raum nur zu be-
wusst. Er bat seinen Anrufer: »Würden Sie bitte einen Mo-
ment warten?«, und wollte Corsico auffordern, ihn für fünf
Minuten allein zu lassen, als di
e Stimme fortfuhr: »Ich lege
auf, wenn Sie das versuchen, Superintendent Lynley. Na
bitte. Es scheint, ich habe mich entschieden, wie ich Sie
»Wenn ich was versuche?«, fragte Lynley. Er sah zu sei-
ner Bürotür und auf den Korrido
r hinaus, in der Hoffnung,
jemanden zu entdecken, den er hereinwinken konnte. Doch
niemand kam vorbei, und so griff er nach einem Notiz-
block, um eine Nachricht zu schreiben.
»Ach, bitte. Ich bin kein Idiot. Sie werden diesen Anruf
nicht zurückverfolgen können, weil ich dafür nicht lange
genug in der Leitung bleibe. Hören Sie einfach zu.«
ten. Der Reporter gab vor, ih
Hauch einer Andeutung auf Ihre Ermittlung darin oder die
Spuren, die Sie schon haben. Oder auch nicht haben«, fügte
er mit einem mitleidigen Lächeln hinzu, das Lynley ihm am
»Die Kollegen hier haben Frauen, Männer und Famili-
en«, sagte Lynley. »Lassen Sie sie aus dem Spiel.«
»Keine Bange«, beruhigte Corsico ihn. »Sie sind mit Ab-
stand der Interessanteste von dem Haufen. Wie viele Poli-
zisten können schon von sich behaupten, einen Steinwurf
vom Eaton Square entfernt zu wohnen? Heute Morgen hat
besorgt werden, und irgendjemand sollte die Teilnehmer
war der Wagen immer noch au
hen gegangen. Er ist sicher, dass er unten am Hügel ein
Licht gesehen hat. Es ging an und aus und wieder an, so als
war es abgeschirmt. Er dachte, es wären Sprayer oder je-
mand, der auf dem Weg zur oder von der Archway Road
ging. Er hat den Hund beruhigt, und das wars.«
»Drei Uhr fünfundvierzig … das erklärt, warum keiner der
Pendler etwas gesehen hat«, sagte John Stewart zu Lynley.
»Tja. Wir haben von Anfang an gewusst, dass er in den
frühen Morgenstunden aktiv ist«, erwiderte Lynley. »Sonst
Ich schätze, sie ist eine verhinderte DCI Tennison, aller-
dings ohne den Sexappeal.«
»Ein einzelner Schrei?«
»Mann, Frau, Kind?«
»Wusste sie nicht.«
»Die beiden Männer im Wald, die am Morgen den Hund
ausgeführt haben, sind eine Möglichkeit«, sagte Lynley. Er
erläuterte das nicht näher, sondern wies den Constable, der
hingen, und die Liste mit den Aufgaben, für die die Team-
Sie sah zu ihm auf. Hätte er grün im Gesicht werden kön-
»Seine Lordschaft, der Polizist
« mit einem Foto von Lynley
Champagnergläser in den
Händen. Havers erkannte das Bild. Es war im vergangenen
November bei einer Feier au
fgenommen worden: der Sil-
berhochzeit von Webberly und seiner Frau, nur wenige Ta-
ge, bevor ein Mörder versucht
einem seiner Opfer zu machen.
Sie überflog den Artikel, während Nkata wieder zu ihr
trat. Barbara stellte fest, dass Dorothea Harriman genau das
wenn er sich über den Rest von uns hermacht.«
Sie fühlte sich leichter, wärmer. Als sie endlich in die Du-
sche stieg, summte sie nicht »Raining in My Heart«, sondern
»Everyday«, das besser zu ihrer veränderten Stimmung zu
passen schien.
Die anschließende Fahrt nach Scotland Yard machte ihr
che herum, und alle beugten
»Schon heute?«, fragte sie. »Das ging verdammt schnell.«
Sie schaute sich um und sah überall grimmige Gesichter.
»Er wollte, dass dieser Corsico beschäftigt ist. Hat das nicht
»Oh, der war schwer beschäft
igt«, erwiderte Nkata. »Hat
sein Haus ausfindig gemacht und ein Foto davon abgedruckt.
Die Straße hat er nicht genannt, aber er erwähnt Belgravia.«
gelogen. Sie wollen nicht, dass auch Hadiyyah lernt zu lü-
gen.«
Er sagte: »Die Frau, die man mehr liebt als sein Leben,
die Frau, für die man alles aufgegeben hat, die einem ein
Kind geschenkt hat ƒ das dritte Kind, aber die anderen
beiden sind für immer verloren ƒ«
»Azhar, Azhar. Es tut mir
Leid. Ich habe nicht darüber nachgedacht ƒ Sie hatten
Recht. Wie könnte ich auch nur ahnen, wie das ist? Ver-
agte sie sich. Dass er hier
Barbara, sondern auf das reagiert, was Sie gesagt haben. Das
war nicht richtig von mir, dies
es Reagieren anstelle von Ant-
worten. Ich hatte das Gefühl ƒ Nein, ich dachte, sie versteht
es nicht, diese Frau, und sie
kann es auch unmöglich verste-
hen. Sie urteilt, ohne die Fakten zu kennen, und ich werde
ihr den Kopf zurechtrücken. Das war falsch von mir, und
darum entschuldige ich mich auch.«
»Was verstehen?« Barbara hö
rte das Wasser in ihrer Du-
sche rauschen, und sie wusste, sie sollte es abstellen. Aber
sie wollte ihn nicht bitten, zu warten, während sie das tat,
ren. Er steckte sich eine Zi
der andere Mann in Angelas Leben war ƒ Und darum war
ich, als Hadiyyah mich angelogen hat ƒ«
»Ich verstehe.« Barbara st
Schmerz lindern wollte, den sie in seiner Stimme hörte. Sie
musste nicht wissen, was Hadiyyahs Mutter mit wem ge-
trieben hatte. »Sie haben Angela geliebt, und sie hat Sie an-
somit daran zu erinnern, wofür
schuldigte. »Was ich gesagt habe, war völlig daneben. Tut
Es folgte ein Schweigen. Sie sah ihn vor sich in irgendei-
nicht geweckt? Hadiyyah und ich sind bei einer Konferenz
in der Universität in Lancaster,
ich vor unserer Abreise niem
anden gebeten habe, unsere
Post hereinzuholen. Wären Sie wohl so freundlich ƒ?«
»Müsste sie nicht in der Schule sein? Hat sie Ferien?«
gesunken auf dem Beifahrersitz
die Augen leer. Der Anblick würde nahezu unerträglich
sein, aber allemal besser, als
ihrem in Auflösung befindli-
chen Verstand klar machen zu wollen, was mit ihr geschah,
wenn sie aufgefordert wurde,
gen auf dem grässlichen Untersuchungsstuhl Platz zu neh-
Also sprachen Barbara und Mrs. Flo ein paar Daten ab,
an denen Barbara nach Greenford hinauskommen und den
Arzttermin wahrnehmen konnte. Dann legten sie auf, und
Barbara blieb mit der traurigen Erkenntnis zurück, dass sie
nicht so kinderlos war, wie es der Umwelt erscheinen
in ihrem Leben den Platz
eines Kindes ein. Nicht gerade das, was Barbara sich erhofft
hatte, aber so war es eben. Die kosmischen Kräfte, die das
Universum lenkten, schenkten einem manchmal eine Vari-
ante dessen, was man sich
für sein Leben wünschte.
Sie machte sich ein zweites Mal auf den Weg ins Bad, nur
um wieder vom Telefon aufgehalten zu werden. Sie be-
das Wasser in der Dusche auf.
ein schlechtes Gewissen zu machen, aber Barbara verspürte
es dennoch. Sie hatte ihre Mutter seit Wochen nicht besucht
… ein Blick auf den Kalender sagte ihr, dass es tatsächlich fünf
nicht viel, dass sie sich wie
eine selbstsüchtige Kuh fühlte, die ihr Kalb im Stich gelassen
hatte. Darum war es ihr ein Bedürfnis, sich vor Mrs. Flo zu
ch arbeite an der Ermittlung
dieser Mordfälle ƒ diese Jugendlichen. Sie haben vielleicht
darüber gelesen. Es ist ein schwieriger Fall, und die Zeit sitzt
uns ständig im Nacken. Hat Mum ƒ«
»Barbie, Liebes, Sie sollen sich nicht immer solche Ge-
danken machen«, unterbrach
Mrs. Flo. »Ich wollte Sie nur
wissen lassen, dass Mum ein paar
gute Tage hatte. Sie war
Bemerkung darüber, ob sie je in der glücklichen Lage sein
werde, Kinder zu haben, und dieser Erinnerung wollte sie
ans Fenster, um festzustellen, ob es über Nacht geschneit
hatte. Das war nicht der Fall,
aber auf dem Zementpfad zum
hicht bedrohlich schwarz im
Schein der Sicherheitslampe am Dach. Sie ging zum zer-
war es nicht mehr der Schwamm, sondern ihre Hand, und
sie entlockte ihm ein Stöhnen.
»Ja?«, murmelte sie.
»O ja. Ja.«
»Mehr? Härter? Wie?«
»Tu einfach weiter das, was du tust.« Er hielt die Luft an.
»Gott, Helen, du bist ein ungezogenes Mädchen.«
»Ich kann aufhören, wenn du willst.«
»Untersteh dich.«
»Wenigstens einer. Ich bin froh.«
»Nach ausführlicher Recherche haben Deborah und ich
acht Geschäfte für Taufbekleidu
ng ausfindig gemacht. Wir
dungsstücke ohne Eile entledigte. Ordentlich stellte sie seine
Schuhe beiseite, faltete Hose, Jackett und Hemd, und als er
nackt war, führte sie ihn ins Badezimmer. Das Wasser in der
Wanne verbreitete einen schwachen Duft, und die Kerzen ei-
nen beruhigend gedämpften Schimmer, der von den Spiegeln
reflektiert wurde und Lichtbog
en auf die Wände zauberte.
Er stieg in die Wanne und streckte sich aus, bis das Was-
dem habe ich nicht zugestimmt. Ich hoffe, das war richtig.«
»Das war es.«
»Da bin ich aber froh. Natürlich war die Versuchung, auf
dem Sofa im Salon stilvoll für die
Source
zu posieren, bei-
nah unwiderstehlich, aber ic
h konnte mich beherrschen.«
Sie schlang den Arm um seine Taille, und sie gingen zur
Tür. »Was sonst noch?«, fragte sie ihn.
»Dein schlimmer Tag.«
Sie streckte die Hand aus, und er ergriff sie. Ihre Haut
war kühl, und er nahm ihren Zitrusduft wahr. »Ein Mann
my. Er sagte, er schreibe für die
Source.
»O mein Gott«, stöhnte Lynley. »Das tut mir Leid. Er ist
Source.
Hilliers Pläne zu durchkreuzen, indem er Corsico mit den
Als Lynley nach Hause kam, war es schon sehr spät. Er hat-
Kunden hatte. Nach seiner Beschreibung von zwei-zwei-
eins-sechs-null zu urteilen
lichkeit mit dem Phantombild von Square Four Gym als
vielmehr mit dem Mann, den Mu
waffaq Masoud als Käufer
seines Wagens beschrieben
nicht mehr mit Fantasien zu be
gnügen, sondern es wirklich
zu tun, hat er das Verkleidungsstadium hinter sich gelassen.«
»Nicht, wenn er die Absicht hat, jemanden zu ermor-
den«, schränkte Havers ein.
»Wie alt war der Mann?«, fragte Lynley.
»Ich weiß es nicht. In den mittleren Jahren? Das muss er
mindestens gewesen sein, denn er
war in keiner sehr guten
Verfassung. Er sah aus wie jema
ll außer Atem gerät?«
Lynley war inzwischen dara
n gewöhnt, dass der Mann
um die Fragen herumtanzte. »Und was war mit Ihren Kun-
den?«, fragte er.
»Ich verteile keine Drogen ƒ«
»Das reicht, Barry«, fuhr Barbara dazwischen. »Sie wis-
sen ganz genau, was der Superintendent Sie gefragt hat.«
Minshall sah auf die Überreste seines Plastikbechers hi-
MABIL und dem großen Liebesprojekt, das zu fördern der
viel preiszugeben sein Anwa
lt ihm geraten hatte. Mit Be-
dacht sagte er: »Bei MABIL geht es um Liebe, Liebe zwi-
schen Männern und Jungen. Die meisten Kinder sehnen
sich nach Liebe. Genauer gesagt, die meisten Menschen
sehnen sich danach. Es geht nicht und ging niemals um
»Lediglich um Zuhälterei«, warf Havers ein, die sich of-
fensichtlich nicht länger beherrschen konnte.
»Kein Junge«, fuhr Minshall stur fort, »hat sich je ausge-
t bei den Begegnungen, die
ich über MABIL arrangiert habe. Wir wollen sie lieben.
Und das tun wir auch.«
»Und was reden Sie si
ch ein, wenn sie tot aufgefunden wer-
den?«, fragte Havers. »Dass Sie sie zu Tode geliebt haben?«
Mr. Minshall, er war weder schwul noch bereit, noch willig
und ganz sicher nicht begier
‰Vorstellungˆ mit seinem Mörder mitgegangen ist, bezweif-
te Minshall stur. »Ich schwöre es. Ich habe keinem der Jun-
gen je ein Haar gekrümmt. Und
das hat auch keiner meiner
»Ehemalige Assistenten«
an dem Zorn in ihrer Stimme
, dass er sie unterbrechen
»Wo haben diese ‰Vorstellungenˆ stattgefunden, Mr.
Minshall?«, fragte er. »In der St.-Lucy-Kirche?«
Minshall schüttelte den Kopf
lungen, wie ich schon sagte.« .
»Also im Canterbury Hotel. Wo Sie Davey zum letzten
Mal gesehen haben. Wo ist das?«
»In Lexham Gardens, nahe
sem Zweck, als Treffpunkt für Männer und Jungen. Es ist
ein ganz gewöhnliches Hotel.«
»Darauf wette ich«, murmelte Havers.
»Erzählen Sie uns genau, was
durch die Jahre der Selbsttäuschung verankert.
»Durch Offenheit«, antworte
te Barry Minshall. »Durch
Lynley spürte, dass Havers sich nur mühsam beherrsch-
te. Er sah, wie verkrampft ihre Finger den Stift hielten, wäh-
rend sie sich Notizen machte.
»Ich habe mit ihnen über ihre sexuellen Triebe gespro-
chen. Ich ermöglichte ihnen, zu erkennen, dass das, was sie
fühlen, natürlich ist, nichts, was man verbergen oder wofür
man sich schämen muss. Ich erklärte ihnen, was man allen
Kindern klar machen muss: Dass Sexualität in all ihren Mani-
durchlaufen, in dem ein Erwachse
ner, dem sie vertrauen, sie
führt? Das ist Teil ihrer Kultur, und wenn es uns jemals ge-
lingt, die Ketten unserer viktorianischen Vergangenheit zu
sprengen, wird es auch Teil unserer Kultur werden.«
»Und das ist das Ziel von MABIL, ja?«, fragte Havers.
Minshall hatte das Wasser ausg
dieses kleine Problem gerade mit Mr. Barty erörtert, wäh-
rend wir uns hier unterhalten.«
»Das heißt, Sie glauben, es gibt MABIL und dass Mins-
hall diesen Jungen und die anderen nicht selbst umgebracht
Wie Havers sah auch Lynley
raums. »Ich halte das für sehr
Sinn, Barbara.«
Treffen schicken? Wohl kaum, Sir. Und Barry wird die per-
fekte Antwort parat haben. Ich verrate sie Ihnen: ‰Es gibt
Polizisten unter den MABIL-Mi
Yard muss diese Typen ge-
warnt haben, und die haben die anderen informiert. Die
Aversion wie sie gegen den Mann und seine Geschichte, aber
mir nie verraten. Und er kannte auch meinen nicht. Er
kannte mich nur als ‰Schneeˆ.« Er wies auf sein Haar. »Es
»Wie haben Sie dieses Individuum kennen gelernt?«,
fragte Lynley.
walt fragte ihn, ob er eine Unterbrechung für eine Beratung
wünsche. Der Zauberer schüttelte den Kopf. »Bei MABIL.«
»Mabel und wie weiter?«, hakte Havers ein.
»M-A-B-I-L«, buchstabierte
er. »Es ist keine Person,
sondern eine Organisation.«
fängnisstrafe nach sich ziehen, es sei denn, es wäre ein wei-
»Ich bin kein ƒ«
»Wenn Sie uns nichts sagen, werden Sie als Davey Ben-
tons Mörder angeklagt«, erklärte Barbara Havers. »Und
das wird auch nicht gerade zu Ihrer Beliebtheit beitragen,
Barry.«
Lynley fügte hinzu: »Ich schlage vor, Sie sagen uns, was
mit Minderjährigen an. Komm an deinem sechzehnten Ge-
»Sie sind ein Lügner, Barry«
, sagte Barbara Havers. »Ihr
Computer ist voller Kinderporn
ografie. Sie haben ein ent-
sprechendes Foto in Ihrem Van spazieren gefahren, ver-
flucht noch mal. Jeden Abend holen Sie sich vor Ihrem Bild-
schirm einen runter, und Sie erwarten, dass wir glauben,
Davey Benton sei hinter Ihnen her gewesen, nicht umge-
sichtlich sowieso. Warum auch nicht, da ich ja eine Missge-
burt bin. Und das geht Ihnen doch auch durch den Kopf,
oder? Er sieht aus wie ein Ghul
, also muss er einer sein.«
»Ziehen Sie die Nummer öfter
ab?«, fragte Havers. »Ich
der wirkt. Sie leiten die Aversion der Menschen um, sodass
sie sie gegen sich selbst richten. Das muss bei Kindern be-
sonders gut klappen. Sie sind ein gottverdammtes Genie,
Mann. Maximale Punktzahl fü
als wolle er feststellen, ob sie hineingespuckt hatte. Offen-
bar war er beruhigt, denn er trank einen Schluck.
»Ich kann Ihnen helfen«, sagte er. »Aber ich will einen
Lynley streckte die Hand aus, um den Rekorder wieder
ein zweites Mal zu beenden.
»Das würde ich an Ihrer St
Minshall. »Sie brauchen mich genauso wie umgekehrt. Ich
kannte Davey Benton. Ich habe
ihm ein paar einfache Zau-
bertricks beigebracht und ihn als meinen Assistenten aus-
staffiert. Er ist in meinem Van gefahren und hat mich in
meiner Wohnung besucht. Aber das ist alles. Ich habe ihn
nie in der Weise berührt, wie Sie glauben, ganz gleich, was
Lynley fühlte seinen Mund
trocken werden. »Was, zum
»Ich deute nicht an, ich sage es. Ich rede. Ich informiere
Sie. Wie Sie es auch nennen wollen, es läuft auf das Gleiche
hinaus. Dieser Junge war schwul. Jedenfalls glaubte er, er
nem Beweis. Ein erstes Mal,
um ihm zu zeigen, wie es ist. Mann und Mann.«
»Sie erwarten nicht im Ernst, dass wir glauben ƒ«
»Mir ist egal, was Sie glauben. Ich sage Ihnen die Wahr-
heit. Ich bezweifle, dass ich der erste Kerl war, bei dem ers
versucht hat, denn er war verdammt direkt. Die Hände an
keit waren. Er hielt mich für einen Einzelgänger … und das
bin ich ja auch, sind wir mal ehrlich … und glaubte deswe-
gen, er gehe kein Risiko ein, wenn ers bei mir probierte.
Das wollte er tun, und ich hab ihm gesagt, ich fang nichts
test. Lynley, der unmittelbar neben ihr stand, spürte, wie sie
sich anspannte. Er legte ihr leicht die Hand auf den Arm,
und sie gingen zum Tisch zurück. »Was haben Sie uns zu
sagen?«, fragte er.
»Schalten Sie den Rekorder ein«, erwiderte Minshall.
»Es ist nicht das, was Sie denken«, waren Barry Minshalls
erste Worte, nachdem Lynley das Aufnahmegerät wieder
und dann biegt ihr euch die Fakten zurecht, bis sie zu eu-
rem Bild passen. Aber was immer Sie glauben, was passiert
ist ƒ Sie irren sich. Und was Davey Benton angeht, irren
Sie sich auch. Aber ich sag Ihnen gleich, Sie werden dem,
ins Auge sehen können. Denn
wenn Sie es tun, wird es das Bild, das Sie sich wahrschein-
lich bisher von der Welt ge
Markt, vor Ihrem Haus. Gott weiß, wo sonst noch, denn
wir haben ja gerade erst an
gefangen. Wir
von ihm überall in Ihrem Leben finden und umgekehrt.«
»Sie werden ganz sicher nichts finden, das ƒ«
»Das werden wir sehr wohl. Und selbst ein Anwalt, der
all diese Beweise den Geschworen
en zu erklären, die erpicht
darauf sein werden, Sie hinter Gitter zu bringen, weil Sie
Ihre Drecksfinger nicht von kleinen Jungen lassen konn-
nshall unterbrach sich und
sank auf seinen Stuhl zurück.
Lynley sagte nichts. Auch Havers schwieg. Plötzlich war
der Raum so still wie die Krypta einer Kirche auf dem Land.
James Barty fragte: »Wollen Sie einen Moment Pause,
Minshall schüttelte den Kopf.
Lynley und Havers blie-
ben, wo sie waren. Noch zwei Schritte, und sie hätten den
am Zug, und er war kein
Dummkopf. Lynley wusste, der Verdächtige war sich über
seine Situation völlig im Klaren.
»Es hat nichts zu bedeuten«, sagte Minshall. »Dieses
Wort, ‰warenˆ. Es ist nicht der Versprecher, für den Sie es
halten. Sie werden absolut nichts finden, das diese toten
Jungen … die anderen, nicht Davey … mit mir in Verbin-
kannt.«
»Im biblischen Sinne?«, fragte Havers.
Minshall warf ihr einen Blick
war deutlich, was er meinte: Als ob du das verstehen könn-
zubringen, sodass keine Zweifel aufkommen, wenn ich zu
einem Kindergeburtstag eingeladen werde ƒ« Er schluckte
hörbar. »Sehen Sie, die Leute sind heutzutage nicht mehr
vertrauensselig, und warum sollten sie auch? Ein Kerl in ei-
nem Weihnachtsmannkostüm hebt ein kleines Mädchen
auf seinen Schoß und fasst ihr unter den Rock. Ein Clown
geht in die Kinderklinik eines Krankenhauses und ver-
tens steckte ja mehr dahinter, wenn eine Mordanklage so
schnell erhoben wurde wie in
perintendent ihm da nicht Recht geben?
Barry Minshalls Ankunft in ihrer Mitte ersparte es Lyn-
ley, zu antworten. Der dienst
habende Sergeant führte den
le Brille trug. Weiße Bart-
stoppeln überzogen Kinn und Wangen.
»Wie gefällt Ihnen die Unterkunft?«, fragte Havers. »Ha-
ben Sie sich schon eingewöhnt?«
will, dass dieser Kerl so la
nge wie möglich niemand ande-
ihre Sache gut macht und
auch alle anderen, mit denen Corsico spricht, mitziehen,
dann haben wir den Fall gelöst
, bevor er dazu kommt, den
Nächsten zu porträtieren.«
»Sie können doch nicht wollen, dass Ihr Gesicht auf der
Man erwartete sie bereits in
»Damit kann ich leben«, versicherte Havers.
Trotz ihrer Zustimmung drängte es ihn, noch mehr zu
sagen, so als trügen sie eine
Debatte aus. Er hatte das Ge-
fühl, nur mit einem harten Gegenschlag würde man je in
schaft plagte. »Irgendwie müssen wir es zustande bringen,
ein Land ohne Wegwerfkinder zu werden, Havers«, sagte
er. »Wir müssen darüber hinaus
wachsen, dass hier alles
geht und nichts eine Rolle spielt. Glauben Sie mir, ich bin
gerne bereit, damit zu beginnen,
aus Barry Minshall ein ab-
schreckendes Beispiel für all jene zu machen, die zwölf-
Er sah sie ungläubig an, aber sie ließ sich nichts vorma-
schuld rühren, die er ihr als Nächstes vorspielte. Wo er auch
gewesen sein mochte am Achten, er brauchte ein Alibi für
den Abend. Und er war davon ausgegangen, dass sie es ihm
geben würde, sicher in der Überzeugung, dass er und sie
füreinander bestimmt waren,
selbst wenn ihre Liebe unter
einem schlechten Stern stand.
»Du verfluchter, selbstsüchtiger Bastard«, sagte sie.
»Raus hier. Verschwinde aus meinem Leben.«
»Was?«, fragte er. »Wirfst du mich raus?«
Sie lachte, ein unschönes Geräusch, und ihr Hohn war
gegen sie selbst und ihre Dummh
ihren Kopf an seine Schulter. »Du bist für mich da, oder?«,
fragte er. »Du wirst immer da sein, nicht wahr, Rike?«
Sie hob den Kopf. »Es sieht nicht so aus, als zöge es mich
Es würde schnell gehen, sagte sie sich. Aber sie konnte
sich nicht trennen, ehe ƒ
n zweistimmiges lustvolles
Stöhnen, als er sie auf den Schreibtisch schob und in sie
eindrang. Ihr Mund war auf den
seinen gepresst, ihre Arme
umklammerten ihn, seine Hände hielten ihre Hüften fest,
und dann seine brutalen Stöße, die nie hart und brutal ge-
nug sein konnten. Sie spürte den erlösenden Höhepunkt
und einen Moment später Griffs erleichtertes Keuchen.
Und sie waren ineinander verschlungen, wie es sein sollte,
sicher und vertraut, in weniger als sechzig Sekunden.
Langsam lösten sie sich voneinander. Sie sah, dass sein
O Gott, seine Nähe, sein Duft, seine Kraft, mit der er sie
niederdrückte, seine beiden Hände, die die ihren gefangen
hielten, und sein Kuss, sein Kuss. Ihre Hüften im rhythmi-
schen, rotierenden Tanz, und da
nn Stoßen, Stoßen, weil in
Sie wusste, dass auch er es spürte. Sie wusste, wenn sie
»Worauf soll ich hören, Rike?«, fragte Griff heiser. »Auf
mein Herz? Deines? Was sie uns sagen? Ich will dich zu-
ihrer Bewegung, sodass sie seine fordernde Härte spürte.
in Leben«, murmelte er.
Sie verschränkte die Arme in seinem Nacken und küsste
ihn gierig. Überall lauerte Gefahr, aber das war ihr gleich-
gültig. Denn dies hier war jenseits der Gefahr, schob sich
darüber und hinderte die Gefahr
vergrub die Hände in seinem Haar, das sich wie raue Seide
anfühlte. Er drückte die Lippen auf ihren Hals, während
seine Hände ihre Brüste suchten. Sein Penis, der sich an ihr
rieb, ihr Verlangen nach ihm, und die völlige Gleichgültig-
Gefahr der Entdeckung.
Kurs zurückbringen, zu dem
eigentlichen Grund, warum
Doch seine dunklen Augen
lenkten sie ab und lockten sie zurück in die Vergangenheit.
Seine Nähe, die Hitze seines Körpers. Dieser berauschende
Moment, wenn er in sie eindrang. Es war mehr als eine
Verschmelzung von Körpern, es war eine Vereinigung von
und sagte: »Tja, wer weiß.
»Das weißt du ganz genau. Du konntest sehen, was ich
Er kam näher. Ihr Puls klopft
noch glaubt. Ihre Leidenschaft, das Leben in ihr. Es ging
darum, zu beiden in Verbindu
Jack warf ein: »Ulrike mach
aufgehört haben.«
»Das reicht, Jack«, sagte Ulrike, und zu Griff: »Komm mit.«
Sie ging in ihr Büro, und sie schloss die Tür. Weder mit
kten Befragung hatte sie ver-
hindern können, dass sie ihre Mitarbeiter kränkte, also
wegte er sich, aber nicht in ih
re Richtung, sondern er trat
an die Bücherregale und schi
en die Titel zu studieren.
Schließlich ergriff er das Foto von Nelson Mandela, der
zwischen Ulrike und ihrem Vater stand.
wenn du eine Abkürzung nehmen möchtest, ruf meine Mut-
ter an. Sie gibt mir ein Alibi. Natürlich bin ich ihr Ein und
Alles und hab ihr deswegen vie
lleicht gesagt, sie soll lügen,
gehst du bei jedem von uns ein. Schönen Tag noch.«
Er wandte sich wieder dem Computer zu. Sein rotwangi-
ges Gesicht war noch röter als
gewöhnlich. Sie sah ein Äder-
chen in seiner Schläfe pochen. Zu Unrecht verdächtigte
»Du willst wissen, ob ich einen armen Jungen im Wald er-
Niemand kann es wissen, hatte sie Griff versichert. Wenn
man zuließ, dass die Besessenhei
Away
gen. »Dich? Bestimmt nicht. Wo gehst du denn schon hin,
dass sie Grund hätten, dich zu beobachten?«
»Nirgendwohin. Na ja, es gibt ein Hotel mit einer Bar in
der Nähe. Dahin gehe ich, wenn ich mal eine Pause von
meinem Dad brauche. Man könnte meinen, das wär ein
Verbrechen oder so.«
»Eltern«, sagte sie. »Manchmal muss man ein bisschen
auf Abstand zu ihnen gehen, oder?«
Er runzelte die Stirn und hielt wieder in seiner Arbeit in-
ne. Nach einem kurzen Schweigen erwiderte er: »Abstand?
»Na ja, es ist so, dass meine
Mutter und ich oft streiten,
was mit dem Geschlecht zu tun.
Zwei Erwachsene gleichen
Geschlechts in einem Haushalt? Da fängt man an, sich ge-
genseitig auf die Nerven zu gehen.«
fernsehen, kommen Dad
und ich gut miteinander aus«, erklärte er.
»Du Glückspilz. Tut ihr das oft? Fernsehen?«
»Ja, die Reality-Shows. Wir sind richtig süchtig danach.
Neulich abends haben wir ƒ«
»Welcher Abend war das?« Sie sah, dass sie die Frage zu
hastig gestellt hatte. Sein
Gesicht nahm plötzlich einen
Ausdruck von Wachsamkeit an,
der vorher nicht da gewe-
sen war. Er holte Eier aus dem Kühlschrank und zählte sie
sorgfältig ab, als wolle er sein
e Zuverlässigkeit unter Beweis
Sie zermarterte sich das Hirn auf der Suche nach irgend-
chen lassen, von Kopf bis Fuß.
Sie sagte: »Entschuldige. Hab ich dich angestarrt?«
Abständen auf die Arbeitsplatte, sodass jeder Kochschüler
reichlich Platz hatte. »Sie machen heute Yorkshire Pud-
ding«, erklärte er und wies auf die Liste, die er an ein Kork-
e. Sie hatte nicht den ge-
ringsten Zweifel, dass Colossus keinen Mörder beherbergte.
Aber sie wusste, sie musste einen vernünftigen Eindruck auf
die Polizei machen, insbesonde
Vorstellung organisiert hatte, schien man dort wenig be-
eindruckt. Der Constable wiederholte lediglich, was sein
dämlicher Kollege schon gesagt hatte, so als lese er es von
»Zauberei?«, fragte Jack und zog eine seiner dünnen, röt-
lichen Brauen hoch. »Kaninchen aus dem Hut ziehen oder
so was? Was veranstalten di
sie Interesse an Colossus hatten. Sie hatte beim Jugendamt
angerufen und den Namen du
ihr gesagt, er sei dort nicht aktenkundig und darum auch
nie zu Colossus geschickt worden.
rspürte sie Erleichterung.
Ein Anruf dieser unattraktiven Polizistin warf jedoch ei-
nen Schatten auf Ulrikes Erleichterung. Die Polizei verfolg-
Ulrike Ellis sagte sich, dass
le gab. Sie bedauerte Davey Bentons Tod, so wie sie den Tod
eines jeden Kindes bedauert hä
tte, das wie ein Haufen Müll
im Wald abgeladen worden war. Aber die Wahrheit war,
Davey Benton war kein Colossus-Jugendlicher. Und die Tat-
sache, dass der Verdacht ausgeräumt war, wenn der logische
Schluss gezogen wurde, dass ein Colossus-Mitarbeiter nicht
sein Mörder sein konnte, ve
zählen, wie Sie wollen. Das sollte ihn ein paar Tage beschäf-
tigen, also tragen Sie ruhig dick auf. Vergessen Sie nicht,
zu erwähnen. Einen Haufen
Sie mit den anderen Mitgliedern der Kommission bekannt.
Sie haben noch nie eine Einsatzzentrale gesehen, oder? Ich
en, dass Sie sie in
teressant finden.«
Mit diesen Worten ging Hillier hinaus, Corsico im
standen, als Hillier und der Jo
Wahnsinn verfallen war.
Wen konnte er anrufen?, überlegte er. Wie sollte er
protestieren? Er dachte an
Webberly und fragte sich, ob
der Superintendent von der Rehaklinik aus irgendwie in-
tervenieren konnte. Aber er konnte sich nicht vorstellen,
irgendeine Gruppe arabischer Hitzköpfe den Grosvenor
Square in die Luft jagt, haben wir keine Chance, der kritischen
Beobachtung zu entgehen. Mitch ist auf unserer Seite ƒ«
ernsthaft glauben«, konterte
Lynley. »Und Sie haben mir ve
rsichert, dass der Reporter
von einer seriösen Zeitung kommen würde, Sir.«
»Und«, fuhr Hillier fort, »es spricht allerhand für seine
Source
hat die Pressestelle mit
dieser Idee angerufen, und die Pressestelle hat sie abgeseg-
unter vier Augen sprechen könnte?«
»Das wird nicht nötig sein«, erklärte Hillier.
Mit einem Blick von einem zum anderen sagte Corsico
hastig: »Ich warte draußen.«
ng hat einen Vorschlag ge-
macht. Ich glaube zufällig, dass es eine gute Idee ist.«
»Ich muss protestieren. Das ist nicht nur irregulär, es ist
Hillier schien nicht glücklich über diese Bemerkung.
Lynley wies sie an, mit de
wichtig zu machen oder sich an einem Nachbarn zu rächen,
Er hatte gerade die Brille aus de
r Tasche gefischt und zu lesen
begonnen, als das Telefon klin
gelte und Dorothea Harriman
ihm mit gesenkter Stimme Besc
heid gab, dass AC Hillier
auf dem Weg zu ihm sei.
»Er hat jemanden bei sich«, flüsterte Harriman. »Ich
weiß nicht, wer es ist, aber er sieht nicht wie ein Polizist
Die Einfachheit der Antwort entlockte ihm ein Lächeln.
nach Kameras um … weiteren Kameras neben denen, die er
an den Eingängen des Marktes
entdeckt hatte, und fragte:
»Was? Haben Sie mich auf Ihren Überwachungskameras
gesehen?«
Nachdem diese Entscheidung g
efallen war, war er im Rei-
nen mit sich. Er machte kehrt, ging zurück in die Markthalle,
Richtung Leadenhall Place und Lloyds of London. Und dann
hörte er eine Stimme rufen: »S
ie da, Sir! Entschuldigen Sie
bitte, Sir. Wenn Sie einen Augenblick ƒ«
Er hielt inne. Er wandte sich um. Er sah einen birnen-
förmigen Mann auf sich zukommen, auf dessen Schultern
thähne und Fasane, um die
Passanten zum Kauf zu verleite
Er hatte den Kopf gegen die
Sessellehne gedrückt und die
Augen geschlossen. Die Made nagte gefräßig an seinem Ge-
hirn, und er hatte versucht, es nicht zu spüren und nicht
gelten zu lassen. Er versuchte zu bleiben, wo er war, zu tun,
was er allein zu tun im
Stande gewesen war.
denkst du ins Grab zu bringen, bevor du zufrieden bist?
schließlich gedacht. Bis ich
einen hungrigen Kolibri in den Kelch einer Blume. Um sich
zu offenbaren. Verstanden zu werden.
Stattdessen wandte Fu den Blick ab. Es war noch zu früh,
obschon er das gleiche Gefühl in sich spürte wie am gestrigen
Abend, als er die Fernsehsendung
über sich verfolgt hatte.
Und wie eigenartig, dieses Gefühl beim Namen zu nennen,
denn es war ganz und gar nicht das, was er erwartet hätte.
Die Hitze dieses Zorns versengte die Muskeln in seiner
Kehle, bis er am liebsten geschrien hätte. Denn jener, der
ihn in Wahrheit suchte, war
mera erschienen, sondern hatte
seine Handlanger geschickt,
als sei Fu nichts weiter als eine Spinne, die er mühelos unter
schaft waren die Läden auch au
«. Das war alles. Darunter sah man ein
körniges Foto.
Bei diesem Anblick verspürte Fu eine andere Art von
Verlangen. Nicht jenes, das auf die Befriedigung seiner
endlich begannen, ihn so zu sehen, wie er wahrgenommen
werden wollte, schien es ihm selbst, dass die Kontrolle der
Situation ihm zu entgleiten begann. Diese Sorge war eigent-
lich bedeutungslos, und denno
ch verspürte er das Bedürf-
nis, sich an einen öffentlichen Ort zu begeben und zu rufen:
»Hier bin ich. Der, den ihr sucht.«
Er wusste, wie die Welt funktionierte. Mit der Zunahme
seines Bekanntheitsgrades stie
g auch das Risiko. Das hatte
er von Anfang an in Kauf genommen. Er hatte das Risiko
sogar gesucht. Womit er ni
Nur in Gruselschockern kamen sie als Werwölfe zur Welt.
Masoud fuhr seinen Van wieder in die Garage. Sie warte-
ten auf ihn und gingen mit ihm zu seinem Haus zurück.
Erst als sie schon im Begriff wa
fiel Lynley ein, dass noch eine
weitere Frage gestellt werden
musste: »Wie ist er hergekommen, Mr. Masoud?«
»Wie meinen Sie das?«
»Wenn er die Absicht hatte, mit Ihrem Lieferwagen nach
Hause zu fahren, muss er irgendwie hierher gekommen
sein. Es gibt keinen Bahnhof in der Nähe. Haben Sie sein
Transportmittel gesehen?«
»O ja. Das war ein Funktaxi. Der Fahrer hat auf ihn ge-
wandt: »Wie das Stück Spitze, das wir bei Kimmo gefunden
»Er war Witwer, genau wie ich«, erklärte Masoud. »Das
war, was er meinte, als er sagte, es sei ein Erinnerungsstück.
in der Mitte war Platz zum Schlafen. Man hätte ihn aber
auch ebenso als mobilen Tatort verwenden können. Das
war kaum zu bezweifeln.
wusste Lynley, noch bevor Masoud ausgestiegen war und
die genommen haben. Dieser Kerl könnte Kimmo schon
seit Ewigkeiten gekannt haben,
und der Junge wird älter,
während er überlegt, was er mit ihm tun will.«
Lynley dachte darüber nach. Er konnte es sich nicht vorstel-
len. Es sei denn, wie Nkata schon gesagt hatte, der Mann
»Also, bitte folgen Sie mir«, sagte Masoud, als er die
Treppe wieder herunterkam. Er
trug nicht den traditionel-
len Shalwar Kamis seiner Land
sleute, sondern ausgebeulte
Jeans und ein Flanellhemd. Er streifte eine kurze Lederjacke
über und schloss den Reißvers
chluss. Seine Füße steckten
in Turnschuhen. Plötzlich schien er ihrem Land weit mehr
wog einen, innezuhalten und ihn mit anderen Augen zu se-
hen, erkannte Lynley.
Der Wagen stand in einer der
Garagen, die am Ende des
Telford Way gebaut worden wa
ren. Es war unmöglich, den
Van zu inspizieren, ohne ihn herauszufahren, was Masoud
unaufgefordert tat. Er ließ
Lynley Zugang zu gewähren. Er war rot wie der, den die
Zeugin aus dem Fenster ihre
r Wohnung an der Handel
Nkata sagte: »Das ist es, was ich nicht kapiere. Was hat er
mutlich bestätigen würden, genau wie jeder andere, der
Muwaffaq Masoud regelmäßig
am Victoria Embankment
sah, sondern weil der Mann eine Aufrichtigkeit ausstrahlte,
die Vertrauen erweckte. Rech
tschaffen war das Wort, das
ihn am besten beschrieb, fuhr es Lynley durch den Kopf.
Trotzdem sagte er: »Mein Kollege und ich würden uns
gern Ihren Van ansehen. Von außen und innen. Wären Sie
damit einverstanden?«
»Selbstverständlich. Wenn Sie einen Moment warten
hinzu: »So wie er gelebt werden
sollte«, mit einer kleinen Be-
tonung auf dem Wort »sollte«, vielleicht um den Unter-
schied zwischen den alten Traditionen und der militanten
Form des Islam, die heute weltweit zutage trat, zu unterstrei-
Er holte für sich selbst einen Stuhl aus der Küche und
stellte ihn genau ihnen gegenübe
r auf. Dann nahm er Platz,
Er trug weder Strümpfe noch
Schuhe, bemerkte Lynley. An einem Zeh fehlte der Nagel.
Masoud erklärte: »Ich will Ihnen sagen, dass ich niemals ein
»Ich habe fünf Kinder und
nen Straße mit Reihenhäusern aus ockerfarbenen Ziegeln.
»Geben Sie mir die Adresse. Wir treffen uns dort.«
nicht wahr? Diese selbstsichere Ausstrahlung. Es wird eng
für ihn, und er ist nicht einmal beunruhigt. Nehmen Sie
ihn unter die Lupe. Gehen Sie so weit wie möglich zurück
in die Vergangenheit. Wenn er mit acht Jahren verwarnt
wurde, weil er auf dem Gehweg Fahrrad gefahren ist, will
ich es wissen.« Lynleys Handy begann zu klingeln, während
heimlichen. »Wir haben den Van, Chef. In der Nacht von
nehme an, Sie kennen Mrs. Singh? … hat Davey Benton ein-
sie erzählen kann. Und wir müssen sie mit den Fotos der
toten Jungen abgleichen.«
Sie sah zurück zur Wache. »Er hat Dreck am Stecken, Sir.
Ich fühl das. Sie nicht auch?«
dass Davey Benton an Ihrem Stand war und dort Hand-
schellen gestohlen hat. Wir ha
ben einen Zeugen, der gese-
hen hat, wie Sie ihn dabei erwischt haben. Also bitte ich Sie
dem Jungen zu erklären.«
»Dass ich ihn beim Diebstahl
an meinem Stand erwischt
habe, stellt keine Beziehung dar«, erwiderte Minshall. »Kin-
der versuchen ständig, meine
Waren mitgehen zu lassen.
Manchmal schnappe ich sie. Manchmal nicht. Im Fall dieses
Jungen, hat diese Beamtin mir erkl
ärt« … er nickte zu Barbara
ndschellen bei seinen Sachen
gefunden haben, die vielleicht ursprünglich irgendwann
einmal von meinem Stand stammten. Aber wenn das der
Fall ist, sagt Ihnen das doch, dass ich ihn eben nicht beim
Diebstahl erwischt habe! Denn warum sollte ich ihn mit den
Handschellen gehen lassen, wenn ich ihn erwischt hätte?«
»Vielleicht hatten Sie einen sehr guten Grund dafür.«
»Zum Beispiel?«
zu diesem oder irgendeinem anderen Zeitpunkt der Ver-
e. Er wusste, sie hatten alles
bekommen, was Minshall zu sagen bereit war, aber nicht
alles, was es zu sagen gab. Also erwiderte er: »Während wir
uns hier unterhalten, Mr. Minshall, wird eine kriminal-
technische Untersuchung Ih
und ich nehme an, Sie und ich wissen beide, was dabei he-
rauskommen wird. Ein weiterer Beamter nimmt sich gera-
de Ihren Computer vor, und ich kann mir vorstellen, welch
hübsche Bilder wir finden, wenn wir die Websites ankli-
cken, die Sie besucht haben. Unterdessen wird Ihr Liefer-
wagen von Forensikern untersucht. Ihre Nachbarin … ich
ich meinen Lebensunterhalt, zusätzlich zu dem Marktstand.
Ich schlage den Eltern vor, ein Gewinnspiel für die Kinder
»Der woraus besteht?«
»Aus einem Zaubererkostüm. Ich lasse sie in Limehouse
herstellen, falls Sie die Adresse haben wollen.«
»Die Namen dieser Jungen? Und warum ist der Sieger
Zauberei interessieren. Es hat keine solche Anziehungskraft
auf sie wie auf Jungen.« Minshall gab vor, die Fotos noch-
mals eingehend zu studieren. Er hielt sie näher an sein Ge-
Kopf und legte die Bilder zurü
ck auf den Tisch. »Vielleicht
ten gelesen? Gäste empfangen? Zauber-
Darüber musste er ein Weilchen nachdenken. Schließlich
sagte er: »Na ja, soweit ich mich erinnere ƒ«, und dafür
brauchte er wieder eine geraume Zeit. Zu lang, für Lynleys
Geschmack. Was Minshall zweifellos beschäftigte, war die
Frage, wie viel die Polizei nachprüfen konnte, je nachdem,
die Gemütlichkeit, die das Wort Sofa suggerieren soll, sucht
man lässt mich dort in Frieden, und das ist es, worauf es
mir ankommt. Von da bin ich nach Hause gegangen. Später
hab ich das Haus noch einmal kurz verlassen, um Milch
und Kaffee zu kaufen. Das war alles.«
»Und die Abendstunden, die
ben?«, fragte Lynley.
»Was haben Sie gemacht? Vide
trug das Haar lang, aber aus dem Gesicht gekämmt und im
Nacken mit einer Schnur zusammengehalten. Seine Haut
war vollkommen unpigmentiert. Nicht einmal eine Som-
mersprosse befleckte ihre Oberfläche.
Als Havers mit Minshalls Sonne
seinem Mandanten dessen Rechte zu erklären, falls Mins-
ley. »Ich kann Ihnen nur raten, sich etwas kooperativer zu
zeigen. Werden Sie uns sagen, wo Sie vorgestern Abend wa-
Es entstand eine Pause, wä
abwägte, die sein Schweigen oder seine Antwort auf diese
Barry Minshall wirkte nicht so, als habe er eine angenehme
sen, als er beschlossen hatte, den Zauberer erst an diesem
zerzaust und kreuzlahm aus.
Er kam in Begleitung des Pfli
chtverteidigers in den Verhör-
raum … James Barty sei sein Name, sagte der, während er
Minshall zum Tisch führte und
auf einen Stuhl half …, und
als der Zauberer saß, blinzelte er in die hellen Lampen und
fragte, ob er seine Sonnenbrille zurückhaben könne.
»Sie werden nichts Brauchbares davon kriegen, mir in
die Augen zu sehen, falls Sie
das gehofft haben«, informier-
te er Lynley, und um diese Behauptung zu unterstreichen,
waren unwesentlich dunkler
als Rauch, der beim Verbrennen von trockenem Holz ent-
isch hin und her. Er zeigte
ihnen diesen Anblick nur einen Moment, ehe er den Kopf
wieder senkte. »Nystagmus und Photophobie«, erklärte er.
»So nennt man das. Oder muss ich ein ärztliches Attest vor-
legen, um es Ihnen zu beweisen? Ich brauch diese Sonnen-
brille, okay? Ich kann das Licht nicht ertragen, und ohne
Lynley nickte Havers zu. Sie ging hinaus und holte
Vielmehr diese gräulichen Augen und eine Dichte der Haa-
re, als haben sich im Laufe der Zeit Schichten dort abgela-
gert, die ihnen einen gelblichen Ton verliehen. Minshall
erluft. »Nur weil Sie mehr
Mensch geworden sind, sind Sie deswegen nicht weniger
t zu sein«, erklärte er ihr.
»Und mit der bevorstehenden Vaterschaft. Es gibt einem
zu verwundbar zu sein. Ich sehe
jeden Tag, wie flüchtig das
Leben sein kann. Von einem Augenblick zum nächsten
kann es vorüber sein, und dies hier ƒ was Sie und ich hier
tun ƒ unterstreicht das. Und ƒ Barbara, ich sage Ihnen,
Lynley blieb neben seinem Wagen stehen. Ihrer war wei-
ter die Straße hinunter geparkt.
Er schwieg so lange, dass
sie sich schon zu fragen begann, ob er überhaupt antworten
würde, und dann sagte er ein Wort: »Vergewaltigt.«
»Was?«
»Davey Benton wurde vergewaltigt, Barbara.«
»O Scheiße«, murmelte sie. »Es ist genau, wie er gesagt
»Wer?«
»Robson hat vorausgesagt, die Dinge würden eskalieren.
seinen Kick bringt, werde
einfach nicht übers Herz ge-
bracht. Irgendwann werden sie
es erfahren müssen. Spätes-
tens im Prozess wird es herauskommen. Aber als ich ihm ins
Gesicht gesehen habe ƒ« Er schüttelte den Kopf. »Allmäh-
lich verliere ich den Willen, diese Arbeit zu tun, Havers.«
Tricks fand ich nicht so klasse. Das ist was für kleine Kin-
»Aber es passte zu Davey?«, hakte Lynley nach.
seiner Geschichte. Davey, sagt
e er, hatte in der Schule ein
paar Zaubertricks vorgeführt. Es waren saudämliche Tricks,
wahrscheinlich hätte sie jeder machen können, aber Davey
hatte nie irgendwelche Zaubereien vorgeführt, bevor sie alle
und alles andere, was uns vie
lleicht helfen kann, Davey
Bentons Mörder zu fassen. Habe ich mich jetzt deutlich ge-
nug ausgedrückt?«
Andy bejahte zögernd, doch Barbara hatte Zweifel. Er
schien immer noch mehr auf die Dramatik der Situation
fixiert als auf die abscheulichen Realitäten.
»Hast du Davey je zu dem Zaubereistand am Stables
ten Klasse.« Kein Bedauern wa
Er erklärte dies, indem er
die Innenseite des Umschlags von
Zerrissen vor Verlangen
kritzelte, dem Liebesschmöker, der sie bis tief in die Nacht
hinein mit der quälenden Frage wach gehalten hatte, ob der
n Leidenschaft füreinander
nachgeben würden. Das war wirk
lich nicht einfach zu erra-
ten, hatte sie sich sarkastisch gesagt.
Close entfernt, wo Davey Bentons Familie wohnte. Die
Schule hatte den Charme einer Anstalt für den offenen
Strafvollzug, ein Eindruck, de
n die Fassadenmalereien eines
Obwohl Lynleys Anfahrtsweg im Vergleich zu ihrem we-
haft gewesen. Also klopfte sie nochmals, dieses Mal lauter.
das, was sie hörte, das Ra-
scheln eines Vorhanges war, weil jemand hindurchlinste,
um zu sehen, wer so früh am Morgen schon anklopfte. Sie
»Und das war alles«, beric
Natürlich haben wir sofort die Polizei angerufen, aber er
war längst verschwunden, als die Beamten hier ankamen.«
»Sie haben zwei Stunden gebraucht, bis sie hier waren«,
warf ihr Mann grimmig ein. »Das bringt einen ins Grü-
Ritucci kam bald zurück, nach
dem er sein älteres Kind
irgendwo im Haus außer Sich
wie seine Frau entschuldigte er sich, und Nkata wünschte
Doch als er eine freie Lücke und dann noch eine passierte,
wurden sie unruhig.
heit, die höfliche Menschen niemals thematisierten. »Gillian!«,
sagte er. »Das reicht jetzt.« Und an Nkata gewandt: »Eine Tas-
se Tee? Ist im Handumdreh
en fertig. Kein Problem.«
Nkata lehnte dankend ab. Er habe gerade erst gefrühs-
tückt und brauche nichts. Dann wies er auf einen der Kie-
ferstühle und fragte: »Darf ich ƒ?«
dann rief eine helle Stimme:
»Mummy! Die Klingel! Hast
Gleich darauf sagte ein Mann: »Gillian, geh da weg. Ich
hab dir schon tausend Mal gesagt, dass du nicht an die Tür
gehen sollst ƒ« Er öffnete mit einem Ruck. Ein kleines
aus schwarzem Lackleder,
Nylonstrümpfen und einem Ba
llerinatutu spähte hinter
seinem Bein hervor, einen Arm um seinen Oberschenkel
geschlungen.
Nkata hielt seine Dienstmarke schon in der Hand.
Der Mann würdigte sie keines
Blickes. »Ich hab Sie im
Fernsehen gesehen«, sagte er. »Ich bin Ronald X. Ritucci.
Küche gehen? Gail ist noch da
bei, das Baby zu füttern. Un-
Eine Viertelstunde später war er auf dem Weg. Er kam
an der Polizeiwache von Brixton vorbei, deren Verhörräu-
nur zu gut kannte, bog in die
Acre Lane ein und stellte fest, dass in seiner Fahrtrichtung
wenig Verkehr herrschte.
Er war unterwegs nach Clapha
Sendung gekommen.
Der Anrufer hieß Ronald X. Ritucci … »Das X steht für Xa-
vier«, hatte er erklärt …, und er glaubte, er habe Informatio-
nen, die der Polizei bei der
Aufklärung des Mordes an
»dem Jungen mit dem Fahrrad im Garten« helfen könnten.
Er und seine Frau hatten sich
und sagte leise: »Bin stolz auf dich, Sohn.« Nkata ging den
Außenflur zur Treppe entlang und knöpfte zum Schutz
gegen die Kälte seinen Mantel zu. Auf dem Gelände der
Wohnanlage Loughborough Estate begegnete er einer
Mutter, die drei kleine Kinder zur Grundschule eskortier-
te. Er kam zu seinem Auto
und war schon halb eingestie-
gen, als er sah, dass der rechte Vorderreifen aufgeschlitzt
Er seufzte. Es war natürlich keine normale Reifenpanne,
die er jeder nur denkbaren Ursache hätte zuschreiben kön-
nen, einem allmählichen Druckverlust durch ein kleines
Loch oder einem Nagel, den er sich in den Reifen gefahren
und wieder verloren hatte, na
chdem der Schaden angerich-
zer des Wagens, gelegentlich üb
er die Schulter zu schauen,
terviews mit Ermittlern. Die Leute in der Maske puderten die
glänzenden Stellen auf jedem Gesicht weg, das vor der Ka-
mera erschien, und die Tonleute befestigten ein Mikro so ge-
strument zeigten, das sie unter den wohlwollenden Blicken
ch allem, was Nkata von den
n im Fernsehen mitbekam,
während sie auch die Schlagzeilen der übrigen Zeitungen
abspulten, war die Presse an
gesichts eines neuen Mordop-
fers nicht sonderlich gut auf Scotland Yard zu sprechen.
Ein
Polizisten?, war die ironische Frage, die
die Nachrichtenmedien stellten.
Crimewatch
und die Art und
Weise, wie die Sendung die Bemühungen der Polizei bei
diesen Ermittlungen dargestellt hatte, so wichtig gewesen
und, warum AC Hillier am
gestrigen Abend versucht ha
tte, vor der Ausstrahlung den
Job des Regisseurs zu übernehmen.
Er wolle einen Split-Screen, hatte er dem Mann im Stu-
dio erklärt. DS Nkata werde die Fotos der toten Jungen auf
und ein Closeup von Nkata auf der anderen Seite des Bild-
schirms werde den Zuschauern klar machen … durch DS
Fall geführt, und er war auf
dem Weg, diesem Hinweis nachzugehen, ehe er den Fluss
überquerte und ins Büro fuhr.
Aus dem Wohnzimmer drang
unterhaltung seiner Mutter:
Das BBC-Frühstücksfernsehen
spulte Nachrichten, Verkeh
ecke gebogen, erklärte sie ihm. Sie hatte sie nicht die Woh-
»Warum fragen Sie das?«, wollte Lynley wissen.
se: Eine indische Frauenstimme lud ihn ein, heraufzukom-
men. Sie war gewillt, mit der Po
lizei zu sprechen, vorausge-
vollkommen unschuldig. Es ist irgendein Missverständnis.
Bla, bla und nochmals bla.«
»Es wäre möglich, dass er die Wahrheit sagt.«
»Sie nehmen mich auf den Arm.«
Lynley sah sich in der Wohnung um. »Bislang haben wir
hier keine Kinderpornografie gefunden.«
»Bislang«, erwiderte Havers
hier mit irgendjemand anderem als dem Computer und
seiner Hand vergnügt hatte, würden sie genügend Beweise
dafür finden, um ihn jahrzehnte
lang einzusperren, falls die-
se Person ein minderjähriger Junge gewesen war.
roidbilder gefunden, den sie ihm reichte.
ch. Vielmehr zeigte jedes
einen Jungen in Zauberermontur: Umhang, Hut, schwarze
Hose und Hemd. In manchen Fällen ein Zauberstab unter
rstärken. Sie alle schienen
den gleichen Trick auszuführen, der mit Tüchern und einer
Taube zu tun hatte. Es waren
dreizehn Jungen insgesamt,
nkbare Mischung. Davey Ben-
ton war nicht dabei. Die Eltern
und Verwandten der toten
Jungen würden die Fotos anschauen müssen, um festzustel-
len, ob einer von ihnen darunter war.
»Was hat er zu dem Foto in seinem Van gesagt?«, fragte
Lynley, nachdem er die Polaroids ein zweites Mal durchge-
»Er weiß nicht, wie es dorthin gekommen ist«, antworte-
seinen Wagen gelegt. Er ist
einen Typen namens John Miller, der vielleicht ein Foto
von Davey identifizieren könnte. Falls er überhaupt re-
den, die nichts mit dem Abtrocknen von Tellern und Glä-
»Er ist ein Früchtchen, was?« Lynley trat in eine Schlafni-
Bereich des Schlosses war abge
griffen von unzähligen Hän-
den, die die Tür nach innen gedrückt hatten.
Minshall wohnte in Wohnung A im Souterrain. Der Zu-
gang führte über eine Treppe an der Seite des Hauses und
dann einen schmalen Gang entlang, wo sich das Regenwas-
ser in Pfützen sammelte und
naufkroch. Direkt vor der Tür stand ein Vogelkäfig. Tau-
ben. Sie gurrten leise, als sie jemanden wahrnahmen.
Lynley hatte die Durchsuchungsbeschlüsse, Havers die
Schlüssel. Sie reichte sie ihm und ließ ihm den Vortritt. Sie
traten ein und fanden sich in vollkommener Dunkelheit.
Auf der Suche nach einer Lich
einen Raum, der ein Wohnzimmer zu sein schien, das von
einem Einbrecher gründlich verwüstet worden war. Doch
ihm am Telefon schon so anschaulich beschrieben hatte.
Analverkehr und Fellatio. Der Junge war vielleicht zehn
Lynley fühlte sich elend. Es hätte jedes Kind, überall und
zu jedem beliebigen Zeitpunkt sein können, und die Män-
ner, die sich mit ihm vergnügten, waren vollkommen ge-
sichtslos. Aber genau das war
ja der Punkt, nicht wahr? Der
Trieb war der einzige Wesenszug von Bestien. Er gab Ha-
nicht. Und sie schaute auch nicht auf, als er das Büro ver-
Doch seine Botschaft blieb, nachdem er fort war: Diese
nach. Konnte es dann nicht auch möglich sein, dass sie
nichts mit Colossus zu tun ha
tten? Und wenn
das der Fall
war, war es dann nicht wahr, dass sie bei dem Versuch, in-
nerhalb der Organisation einen Mörder zu entlarven, einen
Suchscheinwerfer auf sie alle
»Weil ich zu arbeiten habe. Dein Tag ist vielleicht zu Ende,
aber meiner noch nicht.«
»Was ist los mit dir?« Erneut das jungenhafte Haarerau-
fen. Sie hatte es einmal charmant gefunden und einmal als
Einladung verstanden, sein Haar zu berühren. Sie hatte die
Hand danach ausgestreckt, un
d allein von der Berührung
Finger in seinen herrlichen
Locken, Vorspiel sowohl zum Kuss als auch seiner heftigen
Umarmung.
»Fünf unserer Jungen sind tot, Griff«, sagte sie. »Viel-
leicht sechs, denn heute Morgen ist wieder einer aufgefun-
den worden. Das ist los mit mir.«
»Aber es gibt keine Verbindung.«
»Wie kannst du das sagen? Fü
das Einzige, was sie außer gelegentlichen Konflikten mit
Wir?, dachte sie. Was wir gedacht haben? Sie fragte: »In
Bezug worauf?«
»Was?«
»Was haben wir gedacht? In Bezug worauf?«
»Um Himmels willen, nein. Ich meinte nur ƒ Du und
ich ƒ « Er machte diese Geste, die jungenhaft wirken
sollte, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Es sah an-
sprechend zerzaust aus. Zweife
llos ließ er es extra so
schneiden, dass dieser Effekt
sich einstellte. »Du hast
doch bestimmt kein Interesse daran, dass bekannt wird,
dass du und ich ƒ Manche Dinge hält man besser ge-
heim. Also ƒ« Er knipste wieder dieses Lächeln an. Sein
Blick fiel auf die Liste mit den Daten und den Kalender.
»Was treibst du da? Wie ist eigentlich die Vorstandssit-
zung gelaufen?«
»Du solltest gehen«, erwiderte sie.
Stimme aus dem Gemeinschaftsb
üro der Einstufungsleiter.
und ein paar Entscheidungen treffen.
Schließlich sagte Neil: »Wenn du glaubst ƒ«
»Das glaube ich«, log sie. »Also wenn das alles war ƒ«
Wieder dieses Schweigen, dieser Blick. Forschend. Ab-
wägend. Als überlege er, wie er ihre Sturheit am besten zu
seinem Vorteil nutzen könne. »Ja, ich schätze, das war alles.
immer noch an. Sie hätte ihn
am liebsten geohrfeigt.
»Gute Fahrt zum Arzt morgen«, wünschte sie ihm höf-
»Dennis Butcher. Er machte einen Berufsvorbereitungs-
kurs, als er verschwƒ«, Neil na
hm eine offensichtliche Kurs-
korrektur vor, »als
er aufhörte, hierher zu kommen. Jack Ve-
ness hat mir erzählt, dass die Bullen angerufen haben, wäh-
rend du in der Vorstandssitzung warst. Die Leiche, die drü-
ben an der Quaker Street gefunden wurde ƒ war Dennis.«
»Und heute haben sie schon wieder einen gefunden. Also
hab ich mich gefragt ƒ«
»Was? Was hast du dich gefragt?«
»Ob du schon mal daran gedacht hast ƒ«
Seine vielsagenden Pausen machten sie wahnsinnig.
»Was?«, fragte sie noch mal. »Was? Was? Ich habe jede
war. Was mochte er wollen? »Ich möchte dir nur Bescheid
geben, dass ich morgen früher wegmuss. Meine Mutter
muss wegen ihrer Hüfte zum Arzt, und ich bin der Einzige,
Ulrike runzelte die Stirn. »Kann sie kein Taxi nehmen?«
Neil sah auf einen Schlag sehr viel weniger unterwürfig
aus. »Zufällig nicht. Es ist zu teuer. Und ich lasse sie nicht
mit dem Bus fahren. Ich hab den Kindern schon gesagt, sie
sollen zwei Stunden früher kommen.« Und dann fügte er
noch hinzu: »Wenn dir das recht ist«, doch er klang nicht
wie jemand, der bereit war,
seine Pläne noch zu ändern,
haben. Sie klammerte sich an diese Hoffnung. Und wenn
doch, musste sie unmissverständlich den Anschein erwe-
einer solchen Situation gab es einfach keinen Mittelweg. Sie
konnte versuchen, Zeit zu gewinnen oder irgendwelche
nur aufschieben, wenn sie einen Mörder eingestellt und
dann nichts unternommen hatte
bringen. Wenn das der Fall war, dann war sie erledigt. Und
Als sie nach Elephant and Cast
le zurückkam, ging sie ge-
radewegs zu ihrem Büro. Sie durchwühlte ihre oberste
ihr gegeben hatte. Sie wählte
die Nummer, doch man sagte ihr, er sei in einer Bespre-
chung und dürfe nicht gestört werden. Wollte sie eine
Nachricht hinterlassen, oder konnte ihr jemand anderes
»Ich werde mich umgehend darum kümmern«. Auf diese
Art und Weise brachte sie wieder einmal eine erfolgreiche
Zusammenkunft mit dem Vorstand hinter sich, bis einer
von ihnen schließlich den ersehnten Vorschlag machte, die
Sitzung zu beenden.
Sie war mit dem Fahrrad
zum Oxo Tower gefahren
jeden Penny Rechenschaft abgelegt wurde und weitschwei-
gefasst wurden.
Heute war die Besprechung schlimmer als sonst. Die
Stifter schlitterten am Rand
es zu bemerken, während sie ihr Möglichstes tat, diese Tat-
sache geheim zu halten. Denn ihr langfristiges Ziel, genü-
gend Geld zu sammeln, um ei
london zu gründen, würden sie nie erreichen, wenn Colos-
rwickelt wurde. Und auch
jenseits des Flusses war der Bedarf für Colossus wahrhaft
groß. Kilburn, Cricklewood, Shepherds Bush, Kensal Rise.
Drogen, Schießereien und Raubüberfällen geprägt war. Co-
lossus konnte ihnen eine Alternative zu einem Leben bie-
ten, das in die Sucht, zu Ge
Strafvollzug oder einen frühen Tod führte, und sie hatten
Sie sich vorstellen. Ich schlage vor, wir holen uns einen
Durchsuchungsbeschluss fü
r Minshalls Wohnung und
noch einen, um den Wagen auseinander zu nehmen. Schi-
cken Sie ein KTU-Team mit den ganz feinen Kämmen
ist einfach so: Ich bin überzeugt, ich hätte Strafe verdient.
Ich habe gesündigt, und Barbara ist mein Fegefeuer. Wenn
ich sie zu einer Polizistin formen kann, die in der Lage ist,
bei der jeder Stein einzeln umgedreht wurde, war unerläss-
lich. Denn es war oft der unsche
inbarste Stein, der, war er
einmal umgedreht, den entscheidenden Hinweis enthüllte.
»Havers muss sich den Film anschauen«, sagte er.
Stewart runzelte die Stirn. »Havers? Warum?«
»Sie ist die Einzige, die bisher mit jedem Colossus-
t, der uns interessiert.«
»Also schließt du dich ihrer Theorie an?« Stewart stellte
die Frage beiläufig, und sie war keinesfalls unberechtigt,
Stewart schüttelte den Kopf. »Wir haben jedes Video von
seiner Adresse angeschaut,
dann die aus dem Umkreis von Colossus. Dabei ist nichts
herausgekommen. Also haben wir noch mal in Kimmos
Akte gelesen und festgestellt, dass er auch am Leicester
Square rumhing. Von da an wa
r es nicht schwierig. Wir ha-
ben einen Viertelmeilenradius um den Platz gezogen und
einen Boots-Laden an der Jame
»Es gefällt mir nicht, wenn mein Privatleben ƒ«
hin, Winnie.« Und um dem Sergeant weitere Munition zu
geben, fügte er noch hinzu: »Bis wir von Barbara gehört
haben, was es mit dem Lieferwagen des Zauberers auf sich
hat, halten wir das hier zu
rück. Also gehen Sie mit dem
Phantombild aus dem Sportstudio und der Rekonstruktion
von Kimmo Thornes Entführung auf Sendung. Ich denke,
dass wir damit Ergebnisse bekommen sollten.«
dreißig Kilo, aber ich schätze, Sie werden mit so viel Frau
fertig.«
Stewart lächelte nicht. »Gehn Sie zum Teufel«, sagte er.
»Danke, gleichfalls.« Nkata stand auf und verließ das Büro.
Stewart nahm seinen Platz auf einem der beiden Stühle
vor Lynleys Schreibtisch ein. Er klopfte rhythmisch mit den
Fingern auf seinen Oberschenkel, wie er es immer tat, wenn
er nichts in den Händen hielt. Lynley wusste aus Erfahrung,
dass Stewart gut austeilen, aber nicht einstecken konnte.
»Das ging unter die Gürtellinie«, bemerkte Stewart.
»Wir verlieren hier alle allmählich unseren Humor,
denen Notizbuch auf, in das er eifrig schrieb. »Hillier wird
die Krise ƒ«
»Das Risiko müssen wir eingehen«, unterbrach Lynley.
dieses Video vorzeitig veröffentlicht wird. Entweder wir ge-
währen dem Mörder einen Blic
k in unsere Karten, oder
aber, wenn dieser Wagen aus einem ganz anderen, harmlo-
sen Grund dort war, verleiten wir die Öffentlichkeit dazu,
sächliche Täterfahrzeug ein ganz anderes sein könnte.«
»Aber die Rückstände an den Leichen«, erinnerte Nkata
»Dessen Farbe wir aber nicht kennen. Also würde ich das
Thema gern aufschieben.«
Nkata sah immer noch nicht überzeugt aus. Er war in
Lynleys Büro gekommen, um abschließend zu besprechen,
gezeigt werden sollte … eine Aufgabe,
die AC Hillier an ihn delegiert hatte, der es offenbar vorü-
einen Bleistift, zwei Kugelschreiber und eine leere Video-
Schals & Seile«, »Videos«, »Bücher & Zeitschriften«, »Sex-
spielzeuge«, »Scherzartikel«. Doch unter diesem Sammelsu-
rium entdeckte Barbara einen Teppichbelag auf dem Wa-
und ein seltsamer,
eines Geweihs schaute unter
dem »Karten & Münzen«-Karton
Barbara trat zurück. Sie schlug die Türen zu.
»Zufrieden?«, fragte Minshall, und er klang … zumindest
für ihre Ohren … erleichtert.
Kein Problem. Diese Hälfte genügte wahrscheinlich für ihre
ifen auf dem Bordstein an
der Jamestown Road, in falscher Richtung geparkt. Glückli-
cherweise hatte Minshall ihn unter einer Straßenlaterne ab-
gestellt, sodass ein Kegel gelben
Lichts darauf fiel, verstärkt
durch eine Bewegu
welchen Grund sie für wahrscheinlicher hielt. Ließ man
n die Zaubertricks erweck-
ten, beiseite, war Barry Mins
Havers gewandt: »Constable, Sie wollten meinen Lieferwa-
desalzmensch beobachtete Minshall mit großen Interes-
Barbara schaute zu, während Barry Minshall … alias Mr. Ma-
gic … seinen Stand an der Gasse schloss. Er ließ sich viel Zeit
dabei; jede einzelne Bewegung
sollte darauf hinweisen, wel-
che Umstände die Polizei ihm machte. Die Auslage necki-
scher Spielzeuge wurde abgebaut, jedes Teil mit unnötiger
Behutsamkeit in zusammenklappbaren Pappkartons ver-
staut, die er in einer Nische über dem Stand verwahrte. Die
Scherzartikel wurden in ähnlicher Weise verpackt, genau
wie einige der Zaubertricks. Jeder Gegenstand hatte seinen
festen Platz, und Minshall stellte sicher, dass alles in einer
bestimmten Reihenfolge, die nur ihm allein bekannt war,
abgestellt wurde. Barbara wart
nutzte, um sich eine Geschich
te über Davey Benton und die
Handschellen zurechtzulegen, nutzte Barbara sie ihrerseits,
dominiert zu werden. Er weiß nicht, wie er aus einer Situa-
r er weniger Macht hat als
Situation herauskommen soll, in der er sich momentan be-
Robson nickte. »Das alles is
Robson hatte auf seine Notizen geschaut, während er
nach der er sich sein ganzes Leben gesehnt hat. Dieses
wahnhafte Machtgefühl hat ihn zu der Überzeugung ge-
bracht, dass er sein nächstes Opfer nicht einmal immobili-
sieren musste. Doch ohne Fesseln, stellte sich heraus, hat
sich der Junge gewehrt, und das erforderte eine individuelle
fehlte nur noch, dass sie sich
mit dem Gesicht nach unten
zu Boden warfen.
»Was haben Sie herausgefunden, Hamish«, fragte Hillier
unter Umgehung aller
Robson hielt seinen Block mit dem Daumen auf den
Knien fest. Sein Gesicht wirkte fiebrig, und für einen Au-
genblick verspürte Lynley Mitgefühl. Robson saß wieder
»Bei den ersten Verbrechen
rch die offenkundige Hand-
lungsabfolge des Verbrechen
s«, begann Robson, und er
schien unsicher, wie genau er sich durch das Minenfeld der
Spannungen zwischen den beid
en Polizeibeamten bewegen
sollte. »Ich meine die Entfüh
rung des Opfers, das Fesseln
und Knebeln, die Rituale des Brennens und Schneidens.
Doch in diesem Fall in Queens Wood waren die alten Ver-
haltensmuster nicht ausreichend. Was immer die früheren
Taten ihm gegeben haben … und lassen Sie uns vorerst wei-
terhin postulieren, dass es Macht war …, das ist ihm dieses
Mal verwehrt geblieben. Und
das hat einen Ausbruch von
Wut ausgelöst, die er bisher nicht verspürt hat. Und ich
nehme an, dass diese Wut ihn überraschte, da er sich zwei-
fellos eine komplexe Rechtferti
gung zurechtgelegt hat, wa-
»Und ich erteile Ihnen hiermit einen ausdrücklichen Be-
»Das ist mir bewusst«, sagte Lynley. »Aber da er die Fo-
n wir keine Zeit damit ver-
»Er hat das Video gesehen un
d den vorläufigen Bericht
gelesen.« Hillier lächelte dünn, als er Lynleys Überraschung
sah. »Wie ich sagte. Meine Autorität übersteigt Ihre, Super-
tisch zu setzen, wo er die Besprechung mit dem Pressechef
und dessen Assistenten gehalten hatte, sondern wies Rob-
son mit einer Geste den Stuhl vor seinem Schreibtisch di-
rekt neben Lynley zu. So saßen sie beide wie zwei Bittstel-
Und mir bleibt nur die Wahl,
uns alle hängen zu sehen
oder lediglich Sie. Also, was erwarten Sie, welchen Kurs ich
einschlagen soll?«
»Ich erwarte, dass Sie Ihre Befehle befolgen. Umgehend
und exakt so, wie sie erteilt werden.«
»Nicht, wenn sie sinnlos sind.« Lynley versuchte, sich zu
ruhigerem Tonfall fortzufahren:
»Sir, ich kann Ihre Einmischung nicht länger dulden. Ich
verlange, dass Sie entweder aufhören, in der Ermittlung
herumzupfuschen, oder ich muss ƒ« Lynley brach mitten
im Satz ab. Es war der Ausdru
ck von Befriedigung, der für
Mit einem Mal wurde ihm klar, dass seine eigene Kurz-
sichtigkeit ihn bewogen hatte, in Hilliers Falle zu tappen.
Und diese Erkenntnis ließ ihn auch verstehen, warum Su-
Schwager gegenüber immer
r seiner Untergebenen ihm
nachfolgen sollte, selbst wenn eine solche Nachfolge nur
vorübergehend war. Lynley konnte seinen Job jederzeit an
den Nagel hängen, ohne Existenznöte fürchten zu müssen.
Die anderen nicht. Er verfügte über ein Einkommen, das
unabhängig von Scotland Yard
»Das wärs dann also«, sagte Deacon.
Lynley sah zu, während die anderen ihre Notizbücher,
Hefter Aktenkoffer und Taschen einsammelten. Sie verlie-
ßen den Raum im Gänsemarsch, Deacon als Erster. Lynley
folgte nicht, sondern versuchte, die Zeit zu nutzen, um sich
zu beruhigen.
Schließlich sagte er: »Macolm Webberly hat Wunder
»Haben Sie eine Vorstellung
davon, wie oft wir bei der
Arbeit mit Namen jonglieren?« Lynley spürte, dass er all-
Crimewatch-
Entscheidung ist gefa
llen, bevor all das
und trank einen Schluck. »Dann können die Scheißkerle
sich wirklich nicht mehr beschweren. Bitte um Entschuldi-
gung, Miss Clapp«, fügte er an die junge Frau gewandt hin-
zu, die über diese rücksichtsvolle Höflichkeit irritiert
Lynley glaubte zu verstehen. »Wie bitte?«, fragte er.
»Embedding«, wiederholte De
sen einen Journalisten an den Ermittlungen teilnehmen.
Jemand, der aus erster Hand beobachten kann, wie die Po-
lizei bei einem Verbrechen dieser Größenordnung vorgeht.
So wie es manchmal in Kriegen gemacht wird, wenn Sie
hört haben, Superinten-
dent?«, fragte Hillier.
Das hatte Lynley natürlich. Er konnte nur nicht glauben,
ausdrücklichen Befehl erteilt: Sollte Interim Superintendent
Lynley wider Erwarten auftauchen, während die Bespre-
chung noch im Gange war, möge er sich ihnen unverzüg-
lich anschließen. »Er hegt ƒ« Judi MacIntosh zögerte,
wohl eher, um einen dramatis
chen Effekt zu erzielen, denn
auf der Suche nach einem passenden Wort. »Er hegt ein
gewisses Maß an Animosität Ihnen gegenüber, Superinten-
dent. Ich dachte, ich sollte Sie lieber vorwarnen ƒ«
siert und engagiert. Weder Hillier noch der sauertöpfische
Deacon, der aus unbekannten
g mitgebracht hatte, machten
sie miteinander bekannt.
»Sie haben den Zirkus gesehen, nehme ich an«, sagte Hil-
lier ohne Vorrede zu Lynley. »Die Pressekonferenzen stellen
»Ich dachte, Sie setzen auf
Crimewatch
, Sir«, sagte Lynley.
haben und wie andere Väter Gefahr laufen würde, leichtfer-
tig seine Träume auf ihn zu projizieren. Benton hatte Recht,
und das wusste Lynley. Ein Ma
nn hatte die Pflicht, seine
Kinder zu beschützen. Wenn er diese Pflicht nicht erfüllte
agte, wie alle Eltern es emp-
finden mussten, die ein Kind
durch Mord verloren, war nur
die Trauer noch größer als die Schuldgefühle. Ehen zerbra-
chen daran, glückliche Familien fielen auseinander. Und
alles, was man einmal für kostbar und sicher gehalten hat-
Genau wie er sollte. Wie ich es ihm beigebracht habe. Er hat
sich gegen den Bastard gewehrt.«
»Dies ist Ihr Sohn, Mr. Benton?«, fragte Lynley. Die
Formalität war nicht nur ein Automatismus, sondern auch
ein Weg, den Ausbruch unte
er in dem anderen Mann aufsteigen spürte.
»Ich hab doch von Anfang an
gesagt, dass der Welt nicht
gesagt, unserem Davey. Und Bev hab ich das ewige Geku-
rt sein, muss man wissen ƒ
Man muss verstehen ƒ Hör mir
zu, du kleiner Scheißer.
Warum willst du nicht einsehen, dass es nur zu deinem
nk an der Wand herab und
schlug mit der Faust auf den Boden. »Zur
Seine Stimme überschlug sich, und sein Schluchzen erstick-
te die Worte in seiner Kehle.
Es gab keinen Trost, und Lynley respektierte Max Ben-
tons Trauer, indem er nicht versuchte, ihm welchen zu bie-
ten. Er sagte nur: »Es tut mir
so Leid, Mr. Benton«, ehe er
den verzweifelten Mann hinausführte.
brauchen, nur er wollte nicht, dass Sie unterwegs bei Ihrem
Team vorbeischauen und mit den Kollegen reden.«
»Großer Gott«, murmelte Ly
nley vor sich hin. Dann
während dieser die Leiche seines ältesten Sohnes identifi-
zierte. Ein Polaroidfoto hatte ihm nicht gereicht, auch
nicht der Blick aus sicherer Entfernung hinter der Glas-
scheibe, der ihm bestimmte Aspekte des Verbrechens an
seinem Sohn vorenthalten hätte, über die er nichts wissen
oder die er doch zumindest nicht aus nächster Nähe sehen
musste. Aber er hatte darauf bestanden, alles zu sehen,
hatte sich geweigert, zu bestätigen, ob es sich um seinen
vermissten Sohn handelte, bi
s er Zeuge jedes einzelnen
Details geworden war, das zeigte, wie Davey zu Tode ge-
kommen war.
Was er schließlich sagte, war: »Er hat sich also gewehrt.
Als Lynley nach New Scotland
Yard zurückkam, stellte er
e da sind. Die Frage ist, wie
viel Zeit wollen Sie? Ich kann Ihnen so viel geben, wie Sie
nen Durchsuchungsbeschluss
zu verlangen war das Ver-
nünftigste und Klügste. Aber die wenigsten Menschen wa-
ren vernünftig und klug, wenn
wenn sie sofort einen Anwalt verlangten … so wie es in den
amerikanischen Krimiserien immer vorgespielt wurde …,
ein Eiswürfel, und genau so hatte sie sie gern, denn Eiswür-
fel konnte man leicht zum Schmelzen bringen.
»Sie haben irgendwo einen Lieferwagen stehen«, sagte
sie. »Ich hab Sie beim Entladen
seine Sachen durchsucht und die hier gefunden haben und
sein Dad uns gesagt hat, woher sie sind, weil Davey
gesagt hatte ƒ Sie können sicher nachvollziehen, warum
ich wissen wollte, ob sie Ihnen bekannt vorkommen, Mr.
ƒ Wie heißen Sie wirklich? Ich weiß, dass Magic nicht Ihr
Nachname ist. Wir haben uns übrigens schon mal gese-
Er fragte nicht, wo. Sein Name sei Minshall, sagte er.
Barry Minshall. Und, ja, in Ordnung, es sah so aus, als
stammten die Handschellen von seinem Stand, wenn der
Junge das seinem Vater gegenü
ber behauptet hatte. »Aber
Tatsache ist, dass Kinder Sachen stibitzen, oder? Kinder tun
. Das gehört zum Kindsein. Sie probieren
Grenzen aus. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und da
die Cops hier nichts anderes
zu tun scheinen, als ihnen ins
Gewissen zu reden, wenn sie sie bei irgendwas erwischen …
wenn sie es versuchen, he?«
Oh, natürlich bemühe er sich, die Augen offen zu halten,
aber manchmal übersah er eben die Langfinger, die sich
nen, hat uns sein Dad gesagt, als wir bei ihm zu Hause wa-
Die Sonnenbrille verhinderte, dass Barbara eine Reaktion
in den Augen des Zauberers erkennen konnte. Sie musste
sich auf seinen Tonfall verlasse
als er erwiderte: »Das hat er vermasselt.«
»Was genau?«, fragte Barbara.
»Sie zu klauen oder zu-
»Da Sie sie in seinen Sachen
gefunden haben, schätze ich,
wir können mit einiger Sicherheit sagen, er hat es vermas-
»Stimmt. Da haben Sie wohl Recht«, erwiderte Barbara.
»Allerdings hab ich nicht gesagt, dass ich sie in seinen Sa-
chen gefunden habe, oder?«
Der Zauberer wandte ihr den Rücken zu und rollte das
Seil, das er für die Vorführung benutzt hatte, zu einem säu-
l auf. Barbara verbiss sich
ein Lächeln, als sie das sah. Hab ich dich, dachte sie. Nach
r aalglatteste Kerl irgendwo
eine empfindliche Stelle.
Mr. Magic schenkte ihr wieder seine Aufmerksamkeit.
»Mag sein, dass die Handschellen von mir sind. Sie sehen ja
der Einzige in London, bei
dem man neckische Spielzeuge
kaufen oder klauen kann.«
»Nein. Aber ich nehme an, Sie sind derjenige, der Daveys
Zuhause am nächsten ist.«
»Keine Ahnung. Ist diesem
»Eine Zaubershow?«
Er nahm die Strumpfmütze ab und verneigte sich. »Mr.
Magic, zu Diensten. Auch zu Ihren Diensten. Geburtstagspar-
»Sie müssen Ihnen doch nach einer Weile auf die Nerven
gehen, all diese kleinen Jungs, die sich hier rumtreiben und
wollen, dass Sie ihnen Kunststücke vorführen«, fuhr Barba-
»Es ist gut fürs Geschäft«, an
). Sie erwog, inwieweit dies
als vielmehr eine Lücke zwischen der Ziegelmauer eines al-
ten Artilleriegebäudes auf der
einen Seite und einer langen
Reihe Verschläge auf der anderen, die den Standinhabern
als Auslage dienten. Alles, von Büchern bis hin zu Stiefeln,
Nackte Glühbirnen, die von einem Kabel herabhingen,
schmalen Goldring in der linken Augenbraue. Sie war gera-
de dabei, den Nasenflügel eines jungen Mädchens mit einer
Nadel zu durchstoßen, währ
end der Freund mit dem aus-
gewählten Schmuckstück in de
r Hand daneben stand. Es
handelte sich um einen dicken Ring, ähnlich den Nasenrin-
gen, wie sie bei Kühen verwendet wurden. Das wird be-
stimmt attraktiv aussehen, dachte Barbara. Tara hielt gera-
de einen Vortrag über den Haaransatz des Premierminis-
ters. Offenbar hatte sie die Auswirkungen von Macht und
Verantwortung auf den Haarverlust eingehend recher-
chiert. Es schien ihr jedoch schwer zu fallen, ihre Theorie
auf Lady Thatcher anzuwenden.
Wie sich herausstellte, wusste Tara in der Tat, wo sich
der Zaubereistand befand. Sie sagte, Barbara finde ihn in
der Gasse. Als Barbara fragte, we
lche Gasse?, erwiderte sie,
Gasse, und verdrehte die Augen, als sei sie der Auffas-
sung, dass diese Information doch wirklich ausreichend
sein müsse. Dann wandte sie sich
an ihre Kundin und sagte:
»Fahren Sie zum Stables Market. Stellen Sie eine Verbin-
können. Sobald Sie sie haben, bringen Sie ihn zum Verhör.«
»Ich glaube, wir haben den er
geschafft, Sir.«
in St. Georges Gardens. Es könnte der Parkwächter gewe-
sen sein, der das Tor aufsperren wollte. Oder jemand, der
irgendwas reparieren wollte.«
ein Werkzeug gehalten haben,
Jahren oder jünger steht nicht auf Zauberei? Nein, Sir,
Sie ƒ«, als Lynley sich abwenden und sie ihren Überle-
gungen überlassen wollte. »Wen
dys Cloud ist in Camden
mir geschworen, weil er nicht wollte, dass ich mit ihm hin-
gehe und mich vergewissere, dass er sie zurückgibt.«
»Wem?«, fragte Havers.
türlich, warum Sie vor meiner Frau und den Kleinen nichts
»Warum?«
»Vielleicht finden wir einen Hinweis darauf, wohin er
verschwunden ist«, erklärte Havers. »Manchmal sagen Kin-
Wenn es einen Kumpel gibt,
über den Sie nichts Genaues wissen ƒ«
te Mal, dass er nicht als der
Max Lynley und Havers auf, ihn zu begleiten.
Er führte sie die Treppe hinauf, wo drei Zimmer von ei-
nem schmucklosen, quadratischen Flur abgingen. In einem
»Und was ist mit diesem anderen Jungen? Diesem Andy
Keiner der Bentons kannte ihn. Sie wussten nicht einmal,
wo er zu finden war.
»Wäre es möglich, dass Davey ihn erfunden hat?«, fragte
Havers und schaute von ihrem Notizbuch auf. »Als Alibige-
de, wenn sie Streit mit ihm an
fingen. Er war klein und ƒ«
Benton schien zu bemerken, dass er in die Vergangenheits-
form gerutscht war, und brach erschüttert ab. Seine Toch-
jedem eine Hand auf die Schulter
legte, als wolle sie sie trös-
ten. Max riss sich zusammen
do-Leute hatten nie von Davey gehört. Hatten ihn nicht ge-
sehen, kannten ihn nicht. Also
hab ich in der Schule angeru-
fen und gefragt, ob er blaugemacht hat, ohne dass sie uns
was davon gesagt haben, aber das war nicht der Fall, verste-
hen Sie. Heute ist es im ganzen
Schuljahr das erste Mal, dass
»Hat er jemals Schwierigkeiten mit der Polizei gehabt?«,
fragte Havers. »Je vor einem Richter gestanden? Ist er je zu
einer sozialen Einrichtung für Jugendliche geschickt wor-
den, um ihn auf den rechte
»Unseren Davey muss man nicht auf den rechten Pfad
zurückbringen«, erklärte Bev Benton. »Er macht nicht mal
blau. Und er ist gut in der Schule.«
»Er will nicht, dass das irgendwer weiß, Mom«, murmel-
te Sherry, als meine sie, ihre
der erhoffte, Lynley war nicht bereit, sie zu erteilen. »Wann
»Andy Crickleworth«, warf Max ein. »Der kleine Schei-
ßer wollte Davey fertig machen
und sich zum Anführer der
Clique aufspielen, mit der Davey sich rumtreibt.«
»Keine Gang«, fügte Bev hastig hinzu. »Einfach Jungen.
»Aber dieser Crickleworth war neu. Als Davey gesagt hat,
er wolle zum Taekwon-do, hab ich gedacht ƒ« Max hatte
neben seine Frau. Er fuhr sich mit den Händen übers Ge-
sicht. Die beiden kleinen Jungen reagierten auf die offen-
kundige Verstörtheit ihres Vate
einander und an das Knie ih
»Nimm dich zusammen«, schnauzte Max sie an und sag-
Davey. Rap. Vor allem diese Schwarzen aus Amerika mit
den seltsamen Namen.«
Der Junge auf dem Foto ähnelte der Leiche, die sie ge-
funden hatten, aber nur eine Identifizierung durch einen
der Elternteile konnte Gewissheit bringen. Doch ganz
gleich, welche Lektion Max Benton für seine übrigen Kin-
Größe eines Sandwiches, das die Optimisten unter den Be-
wohnern Garten nannten. Vor Nummer dreißig war das
fragliche Fleckchen Erde ein ungefähres Rasendreieck. Ein
Kinderfahrrad lag darauf, dane
ben ein grüner Plastikgar-
»Gibt Langfinger genug in dies
er Gegend«, erklärte er ih-
nen. »Man kann hier nichts herumstehen lassen, ohne dass
sie sich daran zu schaffen machen, Sir.« Er schien vage
Robson stieg aus dem Wagen
und ging zur Absperrung
zurück. Auf seinem Weg kam er an DI Widdison vorbei,
unternahm jedoch keinen Versuch, ihn anzusprechen.
Widdison entdeckte Lynleys Auto und hob eine Hand, als
hang herunterkamen. Der KTU-Van stand nicht weit von
»Das ist das wirklich Furchtbare, nicht wahr?«
treibende Kraft ist. Aber das versteht ein Kind natürlich
»Es tut mir Leid«, sagte Lynley. Nun wandte auch er sich
rekt an. »Aber vielleicht
»Nein. Glauben Sie mir, es macht mich zu jemandem,
der genau weiß, worauf man
achten muss«, entgegnete
Robson. »Also, lassen Sie mich
den Tatort sehen. Ich sage
Ihnen, was ich glaube und was ich weiß. Die Entscheidung,
welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, liegt bei Ihnen.«
»Ich fürchte, das ist nicht möglich.«
verflucht
»Der Junge ist bereits abtransportiert, Dr. Robson«, un-
terbrach Lynley. »Das Einzige, was Sie noch sehen könnten,
sind eine umgestürzte Buche und eine Erdmulde.«
Robson ließ sich in die Sitzpolster zurücksinken. Er
schaute auf die Wood Lane hinaus, wo ein Krankenwagen
entlangkam und an der Polizeiabsperrung hielt. Er fuhr
ner der Constables ging auf
die Straße hinaus und stoppte den Verkehr, damit der
Krankenwagen abbiegen konnte. Gemächlich rollte er nä-
her; er hatte keine Eile, sein
e Fracht ins Krankenhaus zu
bringen. Das gab den Fotograf
en Gelegenheit, den Moment
für die Zeitungen einzufangen. Vielleicht war es dieser An-
blick, der Robson zu seiner nächsten Frage bewog: »Wer-
den Sie mich wenigstens die Fotos sehen lassen?«
Lynley überlegte. Der Polizeifotograf war schon fertig
schätzungen zunutze. Lassen Sie mich den Tatort sehen. Er-
kommen, ohne Regenschirm und Mantel. Feuchtigkeit hat-
te sich auf den Schultern ausgeb
feucht an Kopf und Stirn.
»Lassen Sie mich Ihnen helfen«, drängte er. »Es ist doch
völlig sinnlos, mich nach Dagenham zurückzuschicken, da
ich schon einmal hier bin und zu Ihrer Verfügung stehe.«
»Die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens werden Sie mit
Das war an der Absperrung
als der Leichnam aus der Grub
e gehoben wurde, war genug
von den Handflächen zu sehen, um zu erkennen, dass sie
schwarz verbrannt waren. Auch
der Nabel fehlte, war grob
aus dem Leib geschnitten worden.
Sie hatte Recht. Dies waren in der Tat die Signaturen ih-
iede, die Lynley an der Lei-
che bemerkte: Keine Fesselspuren an Hand- und Fußgelen-
ken, und die Strangulation war dieses Mal mit den Händen
hässliche, dunkle Blutergüsse
ssen. Es gab weitere Hämato-
me, an den Oberarmen, die sich bis zu den Ellbogen zogen,
entlang des Rückgrats, an den Oberschenkeln und der Tail-
le. Der größte Bluterguss erstreckte sich von der Schläfe bis
Im Gegensatz zu den anderen Jungen, war dieser Junge
nicht freiwillig mitgegangen, was Lynley sagte, dass der
Mörder bei der Auswahl des Opfers zum ersten Mal einen
Fehler gemacht hatte. Lynley konnte nur hoffen, dass diese
Fehleinschätzung einen Haufen Beweise hinterlassen hatte.
»Kein Elektroschocker dieses Mal?«, fragte Havers.
chen dieser Waffe. »Es sieht nicht so aus«, schloss Lynley.
»Was, glauben Sie, hat das zu bedeuten? Kein Strom
mehr drin? Gibt es das bei
den Dingern überhaupt? Muss
»Vielleicht«, erwiderte er. »Oder vielleicht hat sich ein-
fach keine Gelegenheit ergeben, den Schocker zu benutzen.
Es hat den Anschein, als wären die Dinge nicht ganz nach
Toten unter der Regenplane. De
r Junge lag auf der Seite,
sah aus wie achtlos in die Grube geworfen, die die Wurzel
der umgestürzten Buche hint
erlassen hatte. Der Kopf war
auf die Brust gesunken, die Arme windmühlenflügelgleich
ausgestreckt, wie bei jemandem, der mitten beim Signalge-
ben schockgefroren worden war.
Lynley erkannte, dass dieser Junge jünger aussah als die
anderen, wenn auch nicht wesentlich. Außerdem war er
weiß. Blond und extrem hellhäutig, klein und noch nicht
sehr entwickelt. Auf den ersten Blick schloss Lynley … mit
einiger Erleichterung …, dass dieser Junge keiner aus ihrem
Opferkreis war, dass er und Havers sich die weite Fahrt
quer durch London hätten sparen können. Doch als er sich
hinhockte, um das Opfer genauer in Augenschein zu neh-
men, entdeckte er den post mortem angebrachten Vertikal-
schnitt, der auf der Brust des Jungen begann und sich in
Taillenhöhe aufgrund der ge
Blick entzog, und auf der Stirn ein krude mit Blut hinge-
schmiertes Symbol, identisch mit dem von Kimmo Thorne.
Lynley schaute zu dem Pathologen hinüber, der in ein
Diktiergerät sprach. »Ich würde mir gern seine Hände an-
Der Arzt nickte. »Ich bin fertig. Wir können ihn einpa-
cken.« Jemand aus dem Team
der Spurensicherung kam
mit einem Leichensack näher. Sie würden zuerst die Hände
in Papiertüten hüllen, um
unter den Fingernägeln zu schützen. Lynley nahm an, dass,
wenn sie den Leichnam bewegten, er einen Blick auf die
Hände werfen könnte.
Das war der Fall. Die Totensta
»Hat er irgendwas gesagt?«, fragte DI Widdison, als Havers
Gegend rumsprayst. Wir sind
hinter größeren Fischen her.«
Er schniefte, rieb sich die Nase mit dem Handrücken
Elliott Augustus Greenberry,
er ungläubige Gesichter. »D
und Doppel-R. Und erzählen Sie mir nicht, wie saudämlich
hast?«, fragte Lynley den Jungen, nachdem der gierig an der
»Gesprayt«, antwortete Widdison. »Er will natürlich nicht,
er uns versehentlich seinen Sprayernamen ‰Ruffˆ angege-
das Opfer zu untersuchen,
während Beamte von der kriminaltechnischen Untersu-
chungsabteilung die unmitte
plötzlich auf, und auf beiden Seiten reichte der Wald ohne
jeden Zaun und frei zugänglich
bis an die Straße. Bei die-
See oder Fluss dahinglitten. Vielmehr gab es schlecht mar-
kierte Pfade, überfüllte Mülleim
er, aus denen alles Denkba-
re von Fastfood-Schachteln bis Pampers quoll, einen gele-
gentlichen Wegweiser, der vage Richtung Highgate Station
Dann bat sie Havers: »Barbara, würden Sie darauf achten, dass
Helen ging mit ihnen zum Auto hinunter. Sie hielt Lynley
zurück, ehe er einsteigen konnte, und sagte: »Darling, bitte
hör mir zu.« Sie sah zu Havers,
und fuhr dann leise fort: »Du wirst diesen Fall lösen,
Tommy. Bitte sei nicht so hart zu dir.«
ein bisschen mehr Mühe kosten, und es wird kaum damit
rah hat sich freiwillig gemelde
t, mir bei der Suche zu hel-
fen.«
»Danke«, sagte Lynley zu Deborah.
ein bisschen Frieden beschert.
Selbst wenn es nur vorübergeh
er ist kein bisschen subtil«, fuhr sie fort. »Deborah hat eine
Lösung vorgeschlagen, Tommy
. Für die Taufproblematik.«
»Ach ja. Das.«
»Genau. Das. Sollen wirs dir erzählen? Oder soll ich bis
später warten? Du könntest es als kleine Ablenkung von
den grausigen Realitäten des Falls betrachten, wenn du
»Indem ich mich den grausigen Realitäten unserer Fami-
lien zuwende, meinst du?«, fragte Lynley. »Also, das ist
wirklich eine wunderbare Ablenkung.«
»Mach dich nicht über mich lustig«, schalt Helen. »Um
ehrlich zu sein, wenn es nach mir ginge, würden wir unse-
ren Jasper Felix in einem Geschirrtuch taufen. Da es aber
nicht nach mir geht, da zweihundertfünfzig Jahre Lynley-
nen Kompromiss finden, der
Iris begonnen hat, die übrigen Mädchen hinter sich zu-
sammenzuscharen, um die Clyde-Familiengeschichte zu
als die Pistolenform, die dieser Name zu implizieren schien.
Tatsächlich sahen sie überhaup
vermutlich genau der Punkt wa
Käufer attraktiv machen sollte. Manche sahen aus wie Mo-
biltelefone. Andere wie Taschenlampen. Doch alle funktio-
nierten auf die gleiche Weise: Man musste den Körper des
Opfers mit dem Schocker berühren, damit der Stromstoß
Havers pfiff leise vor sich hin. »Ich bin beeindruckt«,
sagte sie. »Und ich schätze, es ist nicht schwer zu erraten,
wie diese Dinger ins Land kommen.«
»Kein Problem, sie nach England zu schmuggeln, wenn
sie so harmlos aussehen«, stimmte St. James zu.
markt«, fügte Lynley hinzu.
»Das ist großartig, Simon.
Danke. Ein Fortschritt. Ich fühle mich ansatzweise ermu-
»Aber Hillier können wir das nicht sagen«, gab Havers zu
bedenken. »Er reicht es gleich weiter an
Crimewatch
an die Presse, und zwar schneller, als Sie ‰Leck mich am
Arschˆ sagen könnten. Nicht, dass Sie das je sagen würden,
Sir«, fügte sie hastig hinzu.
»Nicht, dass ich es nicht sagen möchte«, erwiderte Lyn-
ley. »Obwohl ich es in der Regel lieber ein bisschen subtiler
»Dann könnten wir ein Problem mit unserem Plan be-
»Wenn man was gefunden hat, das funktioniert, warum
soll man damit noch experimentieren?«, warf Havers ein.
»Exakt«, stimmte St. James zu. »Der Elektroschock stellt
das Nervensystem auf den Kopf, sodass das Opfer gelähmt
wird, unfähig, sich zu rühren, selbst wenn es will. Die Mus-
Das Opfer ist schwach, verwirrt und desorientiert.«
»Und solange es in diesem Zustand ist, hat er Zeit, es zu
immobilisieren«, fügte Lynley hinzu.
»Und wenn das Opfer zu sich kommt ƒ?«, fragte Havers.
durch die jeweilige
Pigmentierung der Opfer, war die Wunde
auf jedem Foto, das St. James ihm reichte, die gleiche. Als er
sie alle gesehen hatte, schaute
Lynley auf. »Haben sie das
wirklich übersehen?«, fragte er. Was er dachte, war:
Was für eine verflu
»Sie erwähnen es in den Berichten. Das Problem liegt in
»Da liegst du völlig richtig.
Hast du irgendwas für uns,
»Ich schätze, du sprichst von Informationen und nicht
»Einfach F und U.« Auf einer Standtafel hatte St. James
die Brauen hoch.
»Was wäre das Leben ohne Risiko?«, fragte Lynley. Trotz-
dem platzierte er ein Polizeischild gut sichtbar hinter der
wollte ihr raten, im Dienst ihre Emotionen nicht so freimütig
zu zeigen, aber er hielt den
Mund. Havers war eben Havers.
Sie fragte nicht, wohin es gehen sollte, bis sie im Bentley sa-
habe ihn einfach noch nicht gefunden.«
»Das muss ungefähr so sein wie die Suche nach dem Hei-
nau unter einem Schild mit der Aufschrift »Einfahrt Tag
und Nacht freihalten«, dem die Worte »Wer hier parkt,
könnte er den Transit auf der Stelle verschwinden lassen, ihn
außerhalb Londons an einem von hundert Orten abstellen,
wo er jahrelang nicht gefunden
würde. Oder er stellte ihn ir-
gendwo in eine Garage, was zum gleichen Ergebnis führen
Die Entscheidung lag bei Lynley. Er beschloss, sie aufzu-
schieben. »Ich will in Ruhe darüber nachdenken«, sagte er
und fuhr, an Winston gewandt, fort: »Sagen Sie den
Darunter stand eine Nummer:
fahrzeugmeldestelle noch mal durchlaufen.«
»Das wird hundert Jahre dauern«, warf Nkata ein. »Aber
wie viele Millionen Leute würden es sehen, wenn wirs im
Fernsehen zeigen?«
Lynley überlegte, welche Folgen es hätte, wenn sie das
Video zeigten. Millionen Menschen sahen die Sendung,
und sie hatte schon Dutzende
schreibung lenken: Der Berich
t besagte, dass der Mörder
minanten Elternteil zusam-
menlebte. Bislang hatten sie zwei Verdächtige mit einem
: Kilfoyle und Greenham. Der
eine mit dem Vater, der andere mit der Mutter. Und war es
nicht merkwürdig, dass Greenham seine Mum in die Oper
ausführte, die Freundin aber nur billigen Chinafraß und ei-
ne kostenlose Ausstellungserö
ffnung bekam? Was hatte das
zu bedeuten?
Es lohne sich auf jeden Fall, der Sache auf den Grund zu
gehen, bestätigte Lynley und
fragte: »Wer hat festgestellt,
mit wem Veness zusammenwohnt?«
Ford Transit hielt einen Radf
ahrer an, der gestohlene Ge-
genstände mit sich führte. Der Transitfahrer half, die Beute
und das Fahrrad in seinem
Lieferwagen zu verstauen.
»Mit wem wohnt er zusammen?«, fragte Lynley. »Wissen
»So viel also zu seiner Theorie über Disziplin«, bemerkte
»Werden diese Männer inzwischen observiert?«, fragte
»Wir haben zu wenig Leute, Tommy. Hillier bewilligt
uns keine weiteren Kräfte, bis wir ein Ergebnis vorgelegt
»Verdammt noch mal ƒ«
herumgeschnüffelt, und
darum bekommen wir allmählich ein Bild von ihren abendli-
chen Aktivitäten.«
»Die da wären?«
Stewart nickte seinen Beam
ten vom Team drei zu. Bis-
lang gab es wenig Verdächtiges. Jack Veness ging nach Fei-
erabend regelmäßig in den
Stammkneipe in Bermondsey, wo er am Wochenende auch
kellnerte. Er trank, rauchte und telefonierte hin und wieder
echend«, sagte jemand.
ƒ aber das war alles. Dann ging er nach Hause oder zu ei-
unweit Bermondsey Square.
Griffin Strong ging abends entweder in seine T-Shirt-Drucke-
rei in der Quaker Street oder nach Hause. Er schien aber auch
eine Vorliebe für ein bengalisches Restaurant an der Brick La-
ne zu haben, wo er gelegentlich allein zu Abend aß.
traf, hatte Team drei In-
formationen gesammelt, die be
sagten, dass Kilfoyle viele
seiner Abende in der Othello
-Bar des London Ryan Hotels
Treppe führte zum Granville Sq
uare hinauf, wo er wohnte.
d Veness? Gab es Beziehun-
gen zwischen den Jungen und ihnen?«
Havers konsultierte ihren Bericht, der ausnahmsweise ge-
tippt war … vielleicht als Bewe
is ihrer zweifelhaften Absich-
ten, in Zukunft eine Vorzeigepolizistin zu sein. »Kilfoyle
und Veness kannten beide Jared Salvatore. Der Junge war
rezepten. Er konnte nicht lesen, also nicht nach der Anlei-
tung aus Büchern kochen, aber er war in der Lage, etwas zu-
sammenzubrutzeln, das er de
vierte. Sie waren seine Versuchskaninchen. Alle kannten
Thorne so bereitwillig zugege
ben haben. Tut mir Leid.«
»Was haben Kilfolye und Veness über Anton Reid zu sa-
gen?«
sich von Webberly in dessen Zimmer verabschiedete, fühlte
er sich bereit für eine neue Runde in seinem Berufsalltag.
Was diese Runde brachte, waren Informationen aus ver-
schiedenen Quellen. Er traf sein Team in der Einsatzzentra-
le, wo unablässig Telefone klin
in die Computer eingaben. Stewart war dabei, Einsatzbe-
richte von einem seiner Teams zusammenzutragen, und …
… Barbara Havers hatte es in Lynleys Abwe-
senheit offenbar fertig gebracht, Anweisungen von DI Ste-
wart entgegenzunehmen, ohne dass es zu einem Zwischen-
fall gekommen war. Als er die Gruppe zusammenrief, er-
fuhr er als Erstes, dass Havers auf Stewarts Anweisung hin
zu Colossus gefahren war, um noch einmal mit Ulrike Ellis
»Es ist erstaunlich, wie schnell sie Informationen über Ja-
t hat, nachdem ihr klar
wurde, dass wir das Anwesenheitsbuch vom Empfang ha-
ben, in dem sein Name wieder und wieder zu finden ist«,
»Sie sind der Grund, warum ich mich bemühe, so schnell
wie möglich hier rauszukommen«, sagte Webberly.
»Mit dem Taktieren? Aber das ist es doch, was er am bes-
»Nur zu wahr. Und stellen Sie sich mal vor, jemand
schreibt Ihnen das auf den Grabstein. Tommy, Sie wissen
terliches Temperament stellen, werden Sie es auch schaffen,
mit Hillier fertig zu werden.«
Da haben wirs wieder, dachte Lynley. Die alles beherr-
sein Vater darüber ge
zig Jahren tot war:
Dein Temperament, Tommy. Du lässt
Worum war es wohl gegangen? Ein Fußballspiel und eine
»Tommy«, sagte Webberly, als hätte Lynley all das laut
ausgesprochen, »so viel Macht haben Sie gar nicht.«
»Wirklich nicht? Aber Sie
hatten sie. Haben sie immer
noch. Ich sollte in der Lage sein ƒ«
»Augenblick. Ich rede nicht über die Macht, ein Puffer
zwischen David und seinen Opfern zu sein. Ich spreche von
»Also, wie werden Sie mit ihm fertig?«
Webberly stützte die Arme auf die Fensterbank. Lynley
fiel auf, dass er erheblich älter aussah als früher. Das schüt-
schen. Er unterbrach seine
eines Krankenhausnachthemdes.
Die Worte »Top Cop« zier-
»Nur eine wertneutrale Bemerkung«, erwiderte Lynley.
»In meinen Augen waren Sie immer ein Anblick, der kei-
nerlei Revision bedurfte.«
»Was für ein Blödsinn«, grummelte Webberly, als er das
Ende der Stangen erreichte un
d die Drehung vollführte, die
llstuhl zu gelangen, den die
Therapeutin ihm brachte. »Ihr
Seine Milz und ein gutes Stück
der Leber waren zerstört. Er
hatte einen Schädelbruch erlitten, und ein Blutgerinnsel im
Gehirn war operativ entfernt
worden. Fast sechs Wochen
künstliches Koma. Eine gebrochene Hüfte, ein gebrochener
und inmitten der langsamen
Rekonvaleszenz von alldem kam noch ein Herzinfarkt dazu.
Er war ein unverwüstlicher Krieger im Kampf um die Wie-
dererlangung seiner Kräfte. Außerdem war er der einzige
Mann bei New Scotland Yard, in
dessen Gegenwart Lynley
nie das Gefühl hatte, eine Maske tragen zu müssen.
Webberly bewegte sich im Schneckentempo zwischen
den Stangen entlang, angefeue
trotz der finsteren Blicke, die sie von ihrem Patienten ernte-
»Du schmeichelst mir. Ich ha
be eine echte Schwäche für
die amerikanischen Shows entwickelt. Du weißt schon: Je-
dass du versagst, Tommy. Das solltest du doch inzwischen
wissen. Auch wenn er ohne Unterlass nach Ergebnissen
Es regnete die nächsten fünf Tage. Ein heftiger Mittwinterre-
gen, der einen zweifeln ließ, ob man die Sonne je wiedersehen
werde. Am Morgen des sechsten Tages hatte das Unwetter
sich fast gänzlich ausgetobt,
doch die dräuenden Wolken ver-
kündeten, dass sich das nächste bereits im Laufe des Tages
zusammenballen werde.
Lynley fuhr nicht sofort zu New Scotland Yard, wie er es
üblicherweise tat, sondern in
um den Zyklus von Strafe un
Weihnachtsmann, der ein Kind umarmt. Wie seltsam war
vorschreiben ƒ Beweg deinen Arsch zum
Laden und hol die Soße. Und lass den Jungen hier. Ich sagte,
trafen, zu einem Ehepaar ins Auto zu steigen, waren nichts
Abschlachten alles. Doch Fu folgte einem völlig anderen
Pfad als sie, und deshalb konnte er seinen derzeitigen Zu-
stand so viel schwerer aushalten. Wäre er gewillt gewesen,
den Schweinen zu folgen, wäre er jetzt ruhiger. Er müsste
wieder Ekstase. Weil er so aber nicht war, suchte Fu die
Dunkelheit als Vehikel der Erleichterung.
Doch als er dort war, nahm er einen Eindringling wahr.
Er holte tief Luft und hielt den Atem an, seine Sinne ge-
schärft. Er lauschte. Aber es gab keinen Zweifel daran, was
Er suchte nach Beweisen.
Das Licht war schwach, wie er es bevorzugte, aber ausrei-
chend, um ihm zu zeigen, dass es keine offensichtlichen
Hinweise auf ein Eindringen gab. Und dennoch wusste er
es. Er hatte gelernt, den Nervenenden in seinem Nacken zu
trauen, und sie mahnten ihn zur Vorsicht.
Ein Buch lag achtlos neben einem Stuhl auf dem Boden.
Das Titelblatt einer Zeitschrif
t war verknittert. Ein Haufen
Zeitungen, unachtsam gestapelt. Worte. Worte. Worte über
Worte. Sie alle plapperten, alle
klagten an. Eine Made, rie-
fen sie im Chor. Hier, hier.
Fu erkannte das Reliquiar. Das war es, was sie wollte.
wieder zu sprechen. Und was sie sagen würde ƒ
Sag mir nicht, du hast keine braune Soße gekauft, du
Schlampe. Woran denkst du denn den ganzen Tag?
dass er sich in Gegenwart einer Macht befand, der zu ent-
fliehen er niemals hoffen konnte. Also kam die als Zorn ge-
tarnte Angst, und angesichts dieser Angst ging Fu das Herz
auf. Blut strömte durch seine Muskeln, und er wuchs über
sich selbst hinaus. Es war die Art von Ekstase, wie nur ein
Gott sie empfinden konnte.
Auswahl zu Richtspruch, von dort zum Geständnis, weiter
das schiere Frohlocken dieser Erfahrung verblasst, wie alle
Dinge es taten. Um es neu zu
erleben, blieb ihm nichts an-
deres übrig, als eine neue Wahl
die Schweine Brady, Sutcliffe und West. Die hatten niedere
keinem anderen Grund auflauerten, als sich aufzuwerten.
Sie hatten der Welt ihre Bede
utungslosigkeit entgegenge-
schrien, auf eine Art und Weise, die die Welt so bald nicht
Aber bei Fu lagen die Ding
e anders. Unschuldige, spie-
lende Kinder, Straßennutten, die willkürlich aufgelesen
e die fatale Entscheidung
»Ich glaube, das wissen Sie.
schwarzen Schafen zu säubern. Als wärs eine Art Religion
ale bedenkt, die Bestandteil
des Tathergangs sind ƒ« Sie überließ es ihm, den Gedan-
ken zu Ende zu führen.
Lynley rieb sich die Stirn und lehnte sich an den Hand-
lauf des Geländers. »Barbara, mir ist gleichgültig, was er
, über die wir hier reden,
sich monatelang mit Hän-
den und Füßen gegen diese Frau
gewehrt. ‰Jeder hätte ihr
früher oder später nachgegebe
raus, unser Griff hat die Gewohnheit, es mit den Frauen an
all seinen Arbeitsplätzen zu tr
eiben. In all seinen Stellun-
gen, könnte man auch sagen, wenn Sie das Wortspiel ver-
zeihen wollen. Jedenfalls verstrickt er sich dabei regelmäßig
bot immer Gelegenheit zum Nachdenken, was er vermut-
lich beabsichtigte, es sei denn, es war sein Ziel, unentdeckt
zu entkommen, was die Benutzung der Treppe ebenfalls
»Ich sortiere meine Gedanken«,
antwortete sie. »Ich bin
mit der Griffin-Strong-Sache fertig und überlege gerade, wie
ich die gewonnenen Erkenntniss
e am besten präsentieren
kann.« Sie hielt ihm die Notizen hin, die sie sich bei den Re-
cherchen am Computer und beim Telefonieren gemacht hat-
te. Sie hatte in ihrer Spiralkladde angefangen, aber unglückli-
cherweise war diese irgendwann voll gewesen, und sie hatte
mit dem vorlieb nehmen müssen, was zur Hand war: zwei
Briefumschläge aus dem Papierkorb und ein Papiertaschen-
tuch, das sie aus ihrem Schulterbeutel gekramt hatte.
Matratzensport mit Ulrike El-
lis. Arabella … so heißt die Eh
efrau … sagt, er war zu jeder
Tatzeit mit Ulrike zusammen, ganz egal, wann es war … oh-
ne auch nur eine Sekunde drüber nachzudenken, möchte
ihre pubertäre Eifersucht … lieber Him-
mel, war es das wirklich? …, als sie sah, dass Lynley Winston
Nkata als Sekundant für sein
Duell mit dem Assistant Com-
missioner auswählte. Also hatte sie ihrer Ansicht nach zu die-
ser vorgerückten Stunde wirklich einen Orden am Revers
verdient, und den sollte di
e Zigarette repräsentieren.
Andererseits musste sie einräumen … so sehr es ihr auch
missfiel …, dass die endlose Schinderei an Computer und
Telefon ihr neue Munition geliefert hatte, die sie bei ihrem
nächsten Besuch bei Colossus verwenden konnte. Unwillig
musste sie anerkennen, dass es einiges für sich hatte, eine
ihr übertragene Aufgabe vollständig zu erledigen, und sie
erwog sogar, ihren Bericht pünktlich zu schreiben, quasi als
Eingeständnis ihres Irrtums. Doch sie verwarf diese Idee
Sie hatte angefangen zu zittern. Nkata wollte die Hände
legte, was er ihr sagen konnte, öffnete sich die Tür, der
Es war die Art, wie er mit ihr sprach, der Tonfall und der
Blick. Nkata kam sich auf der ganzen Linie vor wie ein
nützt, Yas? Sie und ich wissen, dass Sie sowieso nicht auf
Frauen stehen.«
Sie stieß sich vom Ladentisch ab. »Wars das? Denn ich
hab hier noch zu arbeiten, bevor ich nach Hause gehe.«
»Nein«, gab er zurück. »Nicht ganz. Ich hab noch was zu
»Das ist keine Gang, Yas. Es ist eine soziale Einrichtung.
sen. Ihm war durchaus bewusst, dass sie die Karte wahr-
geben würde, wenn sie ihn das
nächste Mal traf, aber darin sah er kein Problem. Wenn
Kilfoyle der Mörder war, wü
rde die Erkenntnis, dass die
Polizei ihm auf der Spur war, ihn sicher bremsen. Das war
im Moment fast so wertvoll, wie ihn zu schnappen. Sie hat-
Er ging zur Tür, wo er noch einmal innehielt, um Gigi eine
letzte Frage zu stellen: »Wie soll ich ihn denn anwenden?«
»Wen?«
»Den Odermennig.«
»Bedeutet?«
»Was kauft er denn bei Ihnen?«
»Keine Ahnung. Er war schon länger nicht mehr hier.
Und ich schreib mir nicht auf, was die Leute kaufen.«
Nkata parkte widerrechtlich am Südende der Gabriels
Wharf und legte ein Polizeischild hinter die Scheibe. Er
schlug den Kragen hoch, um
Nkata dachte darüber nach. Die Lifttür glitt auf. Sie tra-
, ich würde ihm bis in alle
Ewigkeit nach dem Mund reden?«, fragte er neugierig.
»Warum?«
»Weil er keine Ahnung hat, wer Sie eigentlich sind«,
dem Finger auf Nkata: »Ich will, dass Sie zehn Minuten vor
Beginn des Termins dort sind.«
dass Hilliers Verhalten mehr
hatte, die er hier gab, als mit seiner Empörung. Er
Lynley vor einem Untergebenen fertig machen, erkannte
Nkata. Und er hatte Nkata für die Rolle dieses Untergebe-
nferenzen ihm eine gute Aus-
rede dafür lieferten, wo Nkata an seiner Seite gesessen hatte
wie ein dressiertes Hündchen.
Ehe Lynley antworten konnte, sagte Nkata zu Hillier:
»tschuldigung, Chef, ich war bei Savidges Pressekonferenz.
Um die Wahrheit zu sagen, ich bin noch nicht mal auf die
Idee gekommen, sie zu unterbrechen. Schließlich kann er
die Presse zusammentrommeln, wann immer er will. Ist
Lynley warf ihm einen Seitenblick zu, und Nkata fragte
sich, ob Lynleys Stolz es zulassen würde, dass er … Nkata …
seine Intervention zu Ende fü
hrte. Er war sich keineswegs
sicher, darum fuhr er fort, ehe der Superintendent irgend-
Pressekonferenz, die Bram Savidge früher gegeben hatte.
Die Schlagzeile sprach von der
Verzweiflung eines Pflegeva-
Verzweiflung gehörte nicht zu den Reaktionen auf Sean
ihm war klar, dass »Verzweiflung« mehr Zeitungen ver-
kaufte als »gerechtfertigter Zo
an Lynley gewandt fort: »Es ist Ihre Aufgabe, Superinten-
wie viele tausend Menschen? Und außerdem ist die Adresse
seines Arbeitgebers auch an Gabriels Wharf, oder?«
»Direkt neben Crystal Moon«, räumte Nkata ein. »Der
»Dann weiß ich nicht, ob wir der Übereinstimmung eine
Bedeutung beimessen können, so gern wirs auch täten. Es
sonal für die Personenüberwach
ung. Er wollte sich gerade
den Mantel überziehen, um zur Gabriels Wharf zu fahren
und sich um seinen nächsten Auftrag zu kümmern, als Lyn-
le erschien und leise seinen
Leise und behutsam legte sie den Hörer auf. Lass ihn
e, die du begreifen musst«,
erklärte sie ihm. »Du kannst außergewöhnlich gut ficken,
aber ich werde nicht zulassen, dass irgendwer Colossus
zerstört.«
»Als die ersten Kids heute herkamen. Da wollte ich die
Kladde rausholen, aber sie war nicht da. Wie gesagt, ich
dachte, ich hab sie verlegt, als ich gestern Abend aufge-
räumt hab. Also hab ich einfach eine neue angefangen, bis
die alte wieder auftaucht. Aber ich kann sie nicht finden.
tisch stibitzt hat.«
Ulrike dachte an den gestrigen Tag. »Die Polizisten«, sag-
te sie. »Als du mich geholt ha
st. Du hast sie allein am Emp-
»Stimmt. Das hab ich mir auch gedacht. Aber das ist es
ja: Ich kann mir nicht vorstelle
n, was sie mit unserer Anwe-
bten, wurden an den Rändern weiß.
»Was immer du sagst, Ulrike«, erwiderte er und wandte
sich ab. Immer noch derselbe manipulative, bockige Ju-
gendliche, trotz seines Alte
rs von … was? Siebenundzwan-
zig? Achtundzwanzig?
zu benutzen … ihm Bericht zu erstatten wie ein Schulmäd-
chen, das ins Büro der Direktorin einbestellt wurde …, aber
sie wollte die Nummer haben, um sie demjenigen unter die
Nase zu halten, der hier aufkreuzen und Fragen über Anton
Reid stellen würde. Denn irgendwer würde mit Sicherheit
bei Colossus auftauchen. Ihre Aufgabe war es, einen Plan
zu entwickeln, um diese Situation zu meistern.
Als sie aufgelegt hatte, ging sie an den Aktenschrank. Sie
e entwickelt hatte: Papier-
ausdrucke als Sicherheitskopie der Computerdateien.
Wenn es hart auf hart kam, hätte sie die elektronischen Da-
ten irgendwie verschwinden lassen können, selbst wenn es
down ist südlich der Themse, und da wir hier ziemlich be-
»Havers, niemand widersprich
t Ihnen, was die anderen
»Also glauben Sie, dass auch die übrigen Opfer Colossus-
Jungen waren?«
»Ja«, sagte er. »Und da die Jungen, die wir bislang identi-
fiziert haben, jedem in der
nen, wenn wir einmal von ihren Familien absehen, hatte
»Also, was machen wir als Nächstes?«
»Wir sammeln mehr Informationen«, Lynley erhob sich
Colossus sein. Das hätten Sie vielleicht festgestellt, wenn ƒ«
»ƒ ich die Klappe gehalten
hätte.« Havers schob den
Stuhl zurück, um aufzustehen.
»Also erwarten Sie, dass ich
vor ihm krieche? Mich bei ihm einschleime? Selber
strammstehe? Ihm um elf den Kaffee und um vier den Tee
»Versuchen Sie einfach ausnahmsweise mal, Problemen
aus dem Weg zu gehen«, schlug
Lynley vor. »Versuchen Sie,
das zu tun, was Ihnen gesagt wird.«
»Und das ist im Moment was?«
»Griffin Strong und der Junge, der gestorben ist, wäh-
»Ich habe keinerlei Ambition
gebrauchen, und genau den mach ich, was?« Rastlos rutsch-
te sie auf ihrem Stuhl hin und her, und Lynley wusste, sie
reagieren. Aber die andere Seit
e der Medaille, ob Sie sie nun
Ich
zu sagen ƒ« Offenbar fehlten ihr die Worte. Sie sank auf
einen Stuhl. »Manchmal werde ich überhaupt nicht klug
aus Ihnen.«
»Manchmal werde ich selbst nicht klug aus mir«, erwi-
»Dann ƒ«
»Sie haben nicht die Worte pr
ley. »Die waren unverzeihlich. Aber Sie haben das Faktum
dieser Worte provoziert, ihre Realität, wenn Sie so wollen.«
Er ging zu ihr an den Tisch. Er war aufgebracht, und das
Gegend und suche was, wo er tr
ainieren könnte. Aber er ist
nicht reingegangen. Weder in den Trainingsraum oder den
Umkleideraum, noch in die Sauna. Hat sich auch nicht
nach Mitgliedsbeiträgen erkundigt oder so. Ist einfach nur
im Flur rumgestanden.«
»Haben Sie eine Beschreibung?«
»Wir machen ein Phantombild. Der Typ im Fitnessstu-
dio meinte, er könnte uns vielleicht helfen, eine Computer-
zeichnung von dem Kerl zu ma
chen. Auf jeden Fall war er
heber, eher klein und dünn, sagt er. Längliches Gesicht. Ich
glaub, damit könnten wir eine Chance haben, Chef.«
»Gut gemacht, Winnie«, sagte Lynley.
»Das nenne ich gute Arbeit«, warf John Stewart vielsa-
gend ein. »Sie würde ich jederzeit in mein Team nehmen,
Winston. Und Glückwunsch zur Beförderung. Ich glaube,
»John.« Lynley rang um Geduld, ehe er fortfuhr: »Es
reicht. Ruf Hillier an. Sieh zu,
für Observierungen bekommen.
Winston, es hat sich he-
rausgestellt, dass Kilfoyle für ein Geschäft namens Mr. Sand-
»Dieser Bastard
hat gerade ƒ«
»Genug! Halten Sie Ihre Differenzen aus Ihrer Arbeit
und dieser Ermittlung heraus, oder Sie werden beide von
dem Fall abgezogen. Wir habe
n wirklich genug Probleme,
ohne dass ihr euch gegenseitig an die Kehle geht.« Er un-
»Geh ich recht in der Annahme, dass keine einzige Koch-
schule in London je von Jare
auch, wenn er seinen Kochkurs bei Colossus gemacht hat?
ist unser Mörder. Dort wählt er sie aus. Er
»Das passt zu einer von Robs
ley an. »Der Mörder sei von seiner Allmacht überzeugt. Ist
es so ein großer Schritt? Einerseits Leichen an öffentlichen
Plätzen abzulegen, andererseits bei Colossus zu arbeiten? In
John Stewart schüttelte den Kopf. »Das gefällt mir nicht,
mittelbaren Umgebung sucht? Ich sehe nicht, wie das mit
dem zusammenpassen soll, was wir über Serienmörder im
Allgemeinen und über diesen im Besonderen wissen. Wir
ein intelligenter Kerl ist,
und es wäre verrückt, zu glauben,
dass er dort angestellt ist,
aus ihrer verschrammten Schult
ertasche. Lynley erkannte
Colossus hatten mitgehen lassen. Havers schlug sie auf,
blätterte ein paar Seiten um und sagte: »Und hören Sie sich
das an. Ich hab mir das hier auf dem Rückweg vom Eastend
eben mal angeschaut. Sie werdens nicht glauben ƒ Ver-
dammt, was für Lügner.« Sie las vor, während sie die Seiten
Uhr zehn, Jared Salvatore neun Uhr vierzig. Und, ver-
dammt noch mal, Jared Salv
atore fünfzehn Uhr zweiund-
auf den Konferenztisch, die
über die Platte schlitterte und John Stewarts säuberlich zu-
sammengestellten Bericht auf den Fußboden beförderte.
um zufällig zu sein, also hab ich die restlichen auch noch
Lynley. »Geh der Sache mal nach. Und kümmere dich um
diesen anderen Mann, Neil Greenham. Laut Barbaras Be-
»Sie hat wirklich einen Bericht gemacht?«, fragte Stewart.
»Welches Wunder hat das bewirkt?«
»ƒ hat er an einer Grundschule in Nordlondon gearbei-
»Er liefert um die Mittagszeit Sandwiches mit dem Fahr-
rad aus. Sein Arbeitgeber ist ein Unternehmen namens ƒ«
Stewart konsultierte seine Notizen. »Mr. Sandwich. Da-
durch ist er übrigens zu Co
lossus gekommen. Er hat die
Mitarbeiter dort beliefert, sie kennen gelernt und irgend-
wann angefangen, nach Feiera
bend dort ehrenamtlich zu
arbeiten. Er ist schon seit ein paar Jahren dabei.«
»Wo ist dieser Laden?«, fragte Lynley.
»Mr. Sandwich? An der Gabriels Wharf.« Lynley schaute
auf, als der Name fiel, und Stewart lächelte. »Ganz recht.
Gleiche Adresse wie Crystal Moon.«
»Gut gemacht, John. Wie steht es mit Veness?«
»Das sieht noch besser aus. Er ist ein ehemaliger Colos-
sus-Schützling und seit sein
em dreizehnten Lebensjahr
dort. Er war ein kleiner Brandstifter. Hat mit Feuerchen in
der Nachbarschaft angefangen, aber es eskalierte mit abge-
fackelten Autos und dann mit einem leer stehenden Haus.
Dabei haben sie ihn erwischt, er hat eine Weile im Jugend-
knast gesessen, und dann ist er zu Colossus gekommen. Er
»Und wie passt das ins Bild?«
»Mir kam dieses Täterprofil in den Sinn. Disziplinproble-
me, Unfähigkeit, Befehle zu b
efolgen. Es scheint zu passen.«
»Wenn man es nur lange genug streckt«, entgegnete Lyn-
ley, und ehe Stewart reagieren konnte, fuhr er fort: »Sonst
Jungs mich da unten braucht, um euch den Arsch abzuwi-
schen. Oder vielleicht doch?«
Lynley hatte sowohl seine Zunge als auch sein Tempe-
rament im Zaum gehalten. Er hatte Stewart in sein Büro ge-
rufen, und dort saßen sie nun und gingen die Berichte
Abgesehen von Kimmo Thorne hatte die Sitte definitiv
nichts über die identifizierten Jungen. Außer Kimmo hatte
ansvestit oder Straßenstricher
nen Grund gehabt hatte, ihre Ehe zu beenden. »Aufge-
schreckte Eltern rufen aus dem ganzen Land an und jam-
er fort. »Zweihundert mit
den waren, um das hier auf di
e Reihe zu kriegen. Und au-
ßerdem fragte sie sich, wie viel von Arabellas ruhiger Ak-
zeptanz tatsächlich ruhige Akzeptanz war, wie viel Aus-
eine Frau empfand, wenn
sie ein Baby hatte. Arabella brauchte ihren Mann als Ernäh-
rer, wenn sie zu Hause bleiben und Tatiana versorgen woll-
Barbara schlug ihr Notizbuch zu und bedankte sich bei
Arabella für ihre Zeit und Be
reitschaft, offen über ihren
Mann zu sprechen. Sie wusste, falls es bei dieser Fahrt nach
deren Frauen nein zu sagen.
Aber das ist kaum überra-
schend, wenn man bedenkt, wie sie sich ihm an den Hals
Mann, der den Avancen anderer
Frauen erliegt. Griff hat
schon früher Affären gehabt, Constable. Und zweifellos
e müsse die Verwunderung
um ihre Männer kämpften oder Rache nahmen, wenn sie
Arabella kicherte. Sie ließ si
ch neben dem Baby aufs Sofa
sinken und bot Barbara einen Sessel an. Dann griff sie
nach einem Handtuch und drückte es sich an die Stirn.
»Griff ist nicht hier«, sagte si
»Ich bin Arabella Strong«, stellte die Frau sich vor. »Bitte
kommen Sie rein. Lassen Sie mich nur eben Tatiana versor-
Baby ins Innere. »Tatiana?«,
wiederholte Barbara tonlos und folgte ihr.
Im Wohnzimmer legte Arabella
das Baby auf ein Leder-
den Geruch nach Hefe in die
Luft ausstieß, und die Bewoh-
ner waren über die Jahre Jude
und Bengalen gewesen.
Die Brick Lane ließ Bemühungen erkennen, das Beste
Road rauf. Square Four Gym.
tendent schon gesagt. Nach Colossus kam Sean hier vorbei,
um sich zu melden, hallo zu sagen oder was auch immer,
und fuhr dann weiter nach Ha
use oder zum Fitnessstudio.«
Savidge schien noch einen Moment über diese Information
nachzudenken. Dann fuhr er versonnen fort: »Ich nehme
an, es waren die Männer dort, die ihn angezogen haben,
richtig darüber nachgedacht
»Was haben Sie sich stattdessen gedacht?«
»Einfach nur, dass es gut für ihn ist, ein Ventil zu haben.
Er war voller Wut. Er hatte
das Gefühl, dass das Leben ihm
mersonne könne ihm wenigstens vorübergehend das geben,
nthalten hatten, und den
Rest des Jahres musste eine Sonnenbank diesen Zweck er-
e Ironie nach und darüber,
wie oft das menschliche Verhalten doch von der Fehldeu-
baden. Sie klang genau verrück
»Ich habe mit Sol Oliver drüben in North Kensington
es, was er wollte. Es ist schließlich keine überzogene Er-
wartung.«
»Wie hat er von Oliver erfahren?«
»Von Cleopatra, seiner Mutter,
nehme ich an. Sie sitzt in
Holloway. Er hat sie bei jeder Gelegenheit besucht, sofern
es sich einrichten ließ.«
»Ging er sonst noch irgendwohin? Abgesehen von Colos-
»Bodybuilding. In einem Studio ein Stück die Finchley
men und beschloss, sich ebenfalls in die Sonne zu legen.
»Was? Wie zwei Kerle nackt auf der Wiese liegen?«
»Sondern?«
überlege er, ob er fortfahren sollte. Dann kam er zu einer
Entscheidung. »Die Nachbarin ƒ Es war lächerlich. Sie hat
gesehen, wie der Junge sich
auszog und ich ihm geholfen
habe. Mit dem Hemd oder der Hose. Ich weiß nicht, was es
war. Sie zog hysterisch voreilige Schlüsse und tätigte einen
Anruf. Die Folge waren ein paar unerfreuliche Stunden mit
der örtlichen Polizei in Gestal
t eines alternden Constable,
dessen Intelligenz nicht mit seiner blühenden Fantasie mit-
halten konnte. Das Jugendamt rückte an und holte die Jun-
gen weg, und ich befand mich
in der Situation, mich vor
einem Richter erklären zu müssen. Bis die ganze Angele-
genheit beigelegt war, waren die Jungen in neue Familien
gekommen, und es schien herzlos, sie schon wieder zu ent-
wurzeln. Sean war mein erster neuer Pflegesohn nach dieser
»Das war alles?«
»Das war alles. Ein nackter Mann, ein nackter Jugendli-
Nicht ganz, natürlich, dachte Nkata. Es musste noch ei-
nen Grund geben, aber er schätzte, er kannte ihn. Savidge
war schwarz genug, dass eine weiße Gesellschaft ihn als An-
gehörigen einer Minderheit einordnete, aber bei weitem
istert von seinen Brüdern
aufgenommen zu werden. Der Reverend hoffte, die Som-
Tatsache ist, Reverend, Sie
haben die Jungen nicht ander-
weitig untergebracht. Das Ju
Nkata einen Stuhl zu.
Nkata fragte: »Wollen Sies mir erzählen? Festnahme we-
and in der Akte. Wie haben
Welt geschafft, ohne dass mehr in die
Akten kam?«
»Es war ein Missverständnis.«
»Was für ein Missverständnis führt zu einer Festnahme
wegen unsittlichen Verhaltens, Mr. Savidge?«
»Die Art, bei der die Nachbarn mit angehaltenem Atem
hwarze Mann einen Fehler
Nkata reichte ihn Savidge und inspizierte ihn ebenso einge-
hend, wie dieser Nkata musterte. Er fragte sich, ob die Her-
kunft des Geistlichen eine ausreichende Erklärung dafür
war, dass er sich in solchem
Maße auf seine afrikanischen
Wurzeln besann: Nkata wusste, dass Savidge in bürgerli-
chen Verhältnissen in Ruislip
als Sohn eines Fluglotsen und
einer Lehrerin aufgewachsen war.
Savidge gab Nkata den Ausweis zurück. »Also Sie sind
das Beschwichtigungsmittel«, sa
gte er. »Für wie beschränkt
Nkata sah Savidge in die Augen und hielt den Blick für
zu klären?«
»Diese Jungen, die bei Ihnen
in Pflege waren. Sie haben
meinem Chef erzählt, dass Sie drei Ihrer vier Pflegesöhne
wegen Ihrer Frau anderweitig
untergebracht haben. Weil
sie nicht gut englisch kann oder so was, haben Sie gesagt,
glaube ich.«
»Ja«, erwiderte Savidge, und er klang erschöpft. »Oni
lernt Englisch. Wenn Sie sich selbst überzeugen wollen ƒ«
Nkata winkte ab, um klar zu machen, dass es nicht das
war, was er wollte. »Ich bin überzeugt, dass sie das tut. Aber
bis die Gerechtigkeit obsiegt. Da
s ist alles, was ich zu sagen
ganze Veranstaltung hatte genau auf diese Wirkung abge-
zielt. Sie riefen durcheinander, um Reverend Savidges
Aufmerksamkeit zu erlangen, doch er ignorierte sie. Es hät-
te nur noch gefehlt, dass er vor ihren Augen seine Hände
wusch, ehe er durch eine Tür ins Innere des Gebäudes ver-
schwand. Nach ihm trat ein Mann ans Rednerpult, der sich
vorstellte, der inhaftierten
Auch sie hatte eine Mittei-
lung für die Medien, die er nun verlesen werde.
Nkata blieb nicht dort, um Cleopatra Laverys Worten zu
lauschen. Stattdessen ging er
an der Wand entlang zu der
von einem Mann in schwarzer Priesterkleidung bewacht. Er
schüttelte den Kopf, als er Nkata näher kommen sah, und
Nkata zeigte ihm seinen Dien
Der Wächter überlegte einen Moment, dann wies er
kehrte innerhalb kürzester Zeit zurück, um Nkata zu sagen,
sind die berechtigten Fragen
, die jede besorgte Bevölke-
rungsgruppe stellen würde, aber es sind auch genau die
Fragen, die regelmäßig igno
gement der Polizei von der Hautfarbe der Bevölkerungs-
gruppe abhängt. Wir verlangen, dass das aufhört. Fünf To-
te, und Gott allein weiß, wie
viele noch hinzukommen, La-
kann ich sicher sein? Und nachdem er geboren war, ist sie
auch nie zu mir gekommen. Sie ist ihren Weg gegangen, ich
und will mich als seinen Dad. Aber ich
sein Dad. Ich kenne ihn doch gar nicht.« Oliver nahm sei-
nen Engländer wieder auf, offenbar um anzuzeigen, dass er
weiterarbeiten wollte. »Wie gesagt, es tut mir Leid, dass sei-
Das galt indessen nicht für Reverend Bram Savidge. Als
er seine Recherchen über den Mann gemacht hatte, waren
efallen, die es näher zu be-
laufen ist, war eben das, was so passiert. Ich hab dem Jun-
gen gesagt, es tut mir Leid, dass Cleo im Knast ist, aber ich
konnte ihn nicht aufnehmen, ganz egal, was er sich vorge-
stellt hat. So ist das nun mal. Wir waren ja schließlich nicht
wo Nkata den Escort abgestellt hatte. Dort schob sich der
Verkehr zwischen schäbigen Läden und schmuddeligen
Marktständen auf rissigen Wegen und von Müll bedeckten
Gassen hindurch.
Nkata hatte Sol Oliver bei der Arbeit an einem antiken
richten über seine Tätigkeit »den gerechten Streiter der
Eine Pressekonferenz war in
Nkata spürte einen Stich, als
er an ihnen vorbeiging. Es
danken … der unerschütterlichen Liebe seiner Eltern und
der lang zurückliegenden Inte
rvention eines engagierten
Polizisten …, die verhindert hatte, dass er einer von ihnen
geworden war. Er spürte die Enge in der Brust, die ihn im-
mer überkam, wenn die Ausübung seiner Pflicht ihn zu
seinen eigenen Leuten führte. Er fragte sich, ob er das Ge-
fühl je überwinden würde, sie irgendwie im Stich gelassen
zu haben, indem er einen Weg eingeschlagen hatte, den die
meisten von ihnen nicht verstehen konnten.
Er hatte die gleiche Reaktion in den Augen von Sol Oli-
ver bemerkt, als er vor wenige
runtergekommene Autowerksta
war kein Ford Transit, aber das spielte keine Rolle, da sie
ohnehin nicht glaubte, dass dies der Wagen sein könnte,
den sie suchten. Sie wusste, wie miserabel die Chancen wa-
ren, dass eine Beamtin des Ermittlungsteams nur dank ei-
ner kleinen Interventi
on der Vorsehung auf der Straße über
te ihre Gedanken auf Fehlinformationen, die im Gewand
d bedankte sich. Barbara
fragte ihn, was er an seinem Stand verkaufe. Er erzählte ihr
von Zaubertricks, Videos und Scherzartikeln. Irgendwelche
Öle erwähnte er nicht. Barbara lauschte und fragte sich, wa-
rum er bei diesem Wetter eine
Begegnung mit Wendy hatte ihr vergegenwärtigt, dass man
hier jeder Absonderlichkeit begegnen konnte.
Gedankenverloren machte sie sich auf den Weg zu ihrem
wagen vor sich und den Mann
»Also, kümmern Sie sich sofort darum«, sagte er. »Mög-
zwungen, stehen zu bleiben, ihre Folienkartoffel an der ers-
ten Straßenecke auf dem Deckel
einer Mülltonne abzulegen
und das Handy in ihrer Tasche zu suchen. Vielleicht war
Wendy ja ins Diesseits zurü
Schwester irgendwelche brau
ben, die diese weiterleiten
wollte ƒ Man durfte ja wohl
hoffen.
»Havers?«, sagte sie ermutigend und sah gerade noch
rechtzeitig auf, um einen Lieferwagen vorbeifahren und wi-
ihrer Zeit auf der Wolke ve
rbrachte, wenn Constable Ha-
Barbara fragte, was an den Tagen geschah, an denen
Barbara nahm an, dies bedeute, dass Wendy keine
Grußkarten, Schmuck und handgemachtes Briefpapier.
Wendys Cloud bot Massage-
und Aromatherapieöle an,
Räucherstäbchen, Seife und Badesalz.
erst, sie liege auf der Lauer nach langfingrigen Kunden,
doch als sie rief: »Entschuldigung, kann ich Sie kurz spre-
schlief, verursacht durch eine Substanz, die es an ihrem
en gab. Ihre Augenlider hin-
gen auf halbmast. Sie hangelte sich mühsam hoch, hielt sich
an einem der Thekenpfosten fest und ließ das Kinn einen
Moment zwischen den Badesalzen ruhen.
Barbara fluchte innerlich. Mit ihren grauen Haarstop-
der Nähe des Marktes zu
halten, ohne einen längeren Spaziergang in Kauf nehmen
zu müssen. Und sie war der tiefen, selbstgerechten Über-
zeugung, dass dieses ganze Unterfangen eine absolute Ver-
schwendung ihrer Zeit war.
Die Antworten lagen innerhalb der Mauern von Colos-
davon überzeugt, dass der Be-
richt des Profilers völliger Quatsch war, schien ihr ein Teil
Serienmörders. Da mindestens vier Männer dieser Be-
allesamt jenseits der Themse
Schließlich war es das, was er
ihnen versprochen hatte. Sie mu
ssten nur ihre Schuld geste-
hen und ein ehrlich empfundenes Verlangen nach Läuterung
ausdrücken. Doch die meisten taten nur Ersteres. Die meis-
ten verstanden den zweiten Teil nicht einmal. Der Letzte hat-
Ich muss dir nicht wehtun,
sagte er ihnen.
Wir müssen re-
den, und wenn unsere Unterhaltung gut verläuft, kann dies
an die weißglühende Hitze,
bis der Geruch von verbrann-
tem Fleisch ihm in die Nase stieg. Ihr Rücken bog sich
entleerten sich. Manche verloren das Bewusstsein, sodass
sie die Schlinge nicht spürten, die erst ihren Hals um-
schmeichelte und dann enger
wurde. Andere verloren das
Bewusstsein nicht, und sie waren es, die Fu mit wahrem
Frohlocken erfüllten, während
das Leben ihren Leib verließ
zornig. Doch wenn er am vorherbestimmten Ort ankam,
hatten sie alle ihre anfängliche und instinktive Reaktion
überwunden und waren verhandlungsbereit: Ich tue, was
du willst. Nur, lass mich leben.
Sie sagten es nie direkt. Aber es war da, in ihren schock-
hen sie im Schimmern des Messers, das er hervorholte. Sie
fühlten sie in der Hitze des Gasbrenners. Sie hörten sie im
Knistern der Pfanne.
Organismus gewöhnt sich an die Droge … ganz gleich, wel-
che Droge …, und mehr und mehr ist erforderlich, um das
»Sie sagen also, wir müssen mit weiteren Fällen rechnen.
Und mit möglichen Variationen des Szenarios?«
»Ja. Das ist genau das, was ich sage.«
Fu wollte es wieder spüren: hoch in den Lüften zu schwe-
ben, ein Gefühl, das aus seinem Innern kam, dieses Gefühl
Erleichterung zu finden.
»Vielleicht genau die Eigenschaft, die zu seinem Fall
führt?«, fragte St. James.
»Zumindest das, was ihn überzeugt, er könne den einen
so starke Persönlichkeit, dass
niemand, der ihn kennt, auf
käme, ihn an-
zuzeigen, geschweige denn wagen würde, es zu tun. Das ist
der große Fehler in der bereit
könnten ihn niemals fassen, egal, wie nahe Sie ihm kom-
men. Er würde Sie rundheraus fragen, welche Beweise Sie
gegen ihn haben, sollten Sie ihn vernehmen, und er wird in
, Ihnen keine weiteren Indi-
zien zu liefern.«
»Wir glauben, dass diese Verbrechen keine sexuelle
Komponente haben«, sagte Lynley. »Das schließt alle ein-
schlägig vorbestraften Täter aus.«
ren, dass Sie irgendwann einen sexuellen Aspekt finden,
digung des Leichnams, sollte
gendwann nicht mehr das er-
braucht er ein bisschen mehr, um befriedigt zu sein. Der
Einrichtung in Südlondon zusammenhängt«, erklärte Lyn-
ley. »Sie heißt Colossus. Es
damit aufhören könnte, Superintendent. Der Zwang zu tö-
ten, und die Befriedigung, die es ihm bringt, werden die
Angst vor Entdeckung immer
zurückdrängen. Aber ich
lebte in Swiss Cottage bei
einem engagierten schwarzen Aktivisten, der, wie Hillier
mir gesagt hat, heute gegen Mittag selbst eine Pressekonfe-
das auf die kollektive Blutgier der Medien haben wird.«
»Sodass es wieder einmal ein
reines Vergnügen sein wird,
mit Hillier zu arbeiten?«
»Amen. Der Druck ist überall enorm hoch.« Lynley be-
»Ich hatte immer den Eindruck, du denkst, sie sei es
»Das tu ich auch. Sie ist es wert, meistens.«
»Und bekommt sie bald ihren Dienstgrad zurück?«
»Ich würde ihn ihr zurückgebe
keit. Aber nicht ich treffe diese Entscheidung.«
»Wie eh und je.« Lynley lehnte sich zurück und nahm
die Brille ab. »Er hat mich heute früh abgefangen, bevor ich
. Er hat versucht, die Ermitt-
lungen mit Hilfe der Manipula
lenken, aber die Reporter sind
nicht mehr so kooperativ
wie zu Anfang, als sie noch dankbar waren für den Kaffee,
die Croissants und die Informationshäppchen, die Hillier
Diese Sache hängt mit Colossus zusammen, Sir. Einer die-
sie ihren Mörder kannten«,
sagte St. James, als stimme er Havers zu. »Es ist auch gut
»Und das ist ein weiterer Sc
hlüssel dazu, was bei Colos-
sus propagiert wird«, fügte Havers hinzu. »Vertrauen. Ver-
trauen lernen. Sir, Griff Strong hat mir erklärt, dass das so-
gar Bestandteil ihres Einstufungskurses ist. Und
keine offenkundig sexuelle Komponente gibt, muss der Tä-
ter eine andere Möglichkeit gefunden haben, sie zu fesseln,
namens Colossus. Ein Häuflein Gutmenschen, die mit Ju-
gendlichen aus der City arbeit
en, Kids aus Risikogruppen,
jugendliche Straftäter. Es ist
nahe Elephant and Castle, und
zwei dieser toten Jungen ha
tten mit der Einrichtung zu
»Zwei der
identifizierten
Jungen«, verbesserte Lynley.
»Ein dritter hat keine Verbindung mit Colossus. Und es
gibt weitere Tote, die immer noch nicht identifiziert sind,
Barbara.«
»Schon«, entgegnete Havers, »aber ich sag Ihnen: Lassen
Sie uns die Colossus-Akten durchforsten und feststellen,
»Und zwar?«
»Nenn es professionelle Neugierde. Die Autopsieberichte
beschreiben in allen Fällen eine blutergussartige Wunde auf
ne Hinweise, dass ein Kampf st
attgefunden hat, bevor sie
an Händen und Füßen gefesselt wurden. Vorausgesetzt,
dass es sich hier nicht um irgendein SM-Ritual handelt …
ein Jugendlicher, der zu absonderlichen Sexspielen verführt
wird, und zwar von einem älteren Mann, der ihn vor dem
die beiden sich kreuzenden Linien darin, und dann außer-
halb des Kreises die kreuzförmigen Enden der zwei Linien.
»Es ist das gleiche«, bemerkte Barbara Havers, die einen
e Papiere sehen zu können.
»Was ist es, Simon?«
sungˆ«, murmelte sie. Und an Lynley gewandt: »Er brennt
ihre Unreinheiten aus. Sir, ich glaube, er will ihre Seelen
erzielen. Mir ist das alles viel zu hoch. Ich tu einfach, was er
mir sagt, und versuche, dekorativ auszusehen. Obwohl das
nicht mehr lange möglich sein wird«, fügte sie mit einem
Er küsste sie auf die Stirn, dann auf den Mund. »Für
mich wirst du immer dekora
»Selbst wenn du fünfundach
hne mit ins Grab zu neh-
men«, teilte sie ihm mit. »Sie werden strahlend weiß sein,
absolut gerade, und mein Zahnfleisch wird nicht einmal ei-
wir nicht die Taufkleider deiner Familie verwenden, wird
Jasper Felix dann überhaupt ein richtiger Lynley?« Sie
gähnte. »Um Himmels willen, nicht die Krawatte, Liebling.
Sie wollte protestieren … wider besseres Wissen …, als das
Telefon klingelte und Lynley abhob. »Ja, Dee?«, sagte er zur
ugefügt. Aber sicher nichts,
womit eine gute Wäscherei nicht fertig würde. Natürlich
wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Ich meine, wenn
Darunter war keine Unterschrift, sondern ein Zeichen, das
wie zwei quadratische, aber separate Teile eines Labyrinths
»Wie ist es hergekommen?«, fragte Barbara und gab es
Lynley zurück.
ein Blatt Papier aus einem Briefumschlag und reichte es ihr.
Barbara sah, dass es die Kopie eines Originals war, das, so
nahm sie an, auf dem Weg ins Labor war.
ES GIBT KEIN LEUGNEN, NUR ERLÖSUNG stand in
säuberlichen Druckbuchstaben in einer Zeile auf dem Blatt.
»All dies ƒ? Was?«
stellte fest, dass niemand sie anschaute, als sie hinter Lynley
Sie musste sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten,
und das Herr-und-Hund-Gefühl dieser Umstand hervor-
rief, gefiel ihr nicht. Sie wusste, sie hatte einen Bock ge-
schossen, indem sie vergesse
n hatte, den Stand auf dem
»Mit einem Lieferwagen?«, fragte Lynley.
»Fahrrad. Sorry«, sagte Barbar
zugegeben, dass er auf einen festen Job bei Colossus hofft,
wenn sie in Nordlondon expandieren, und das gibt ihm ein
verschaffen, Havers, oder?«, unterbrach John Stewart bissig.
Barbara ignorierte den Einwurf und fuhr fort: »Sein
Konkurrent könnte ein Kerl namens Griff Strong sein, der
namens Neil Greenham, der mir ein bisschen zu hilfsbereit
war. Er hatte übrigens eine Ausgabe des
ganz versessen darauf, sie mir zu zeigen. Dann dieser Rob-
bie Kilfoyle … der gestern mit dem Jugendlichen Karten ge-
wird sies schon kapieren. Aber sie muss es, verdammt noch
Barbara konnte sehen, dass sie damit zu weit gegangen
wurde nun vollkommen verschlossen. »Sie haben keine
Kinder«, erwiderte er. »Wenn Sie eines Tages noch das
werden, Barbara, werden
Sie anders darüber denken, wann und wie Ihr Kind diszip-
es Barbara erlaubte, ihren Nachbarn in einem völlig neuen
Licht zu sehen. Er kämpft mit miesen Tricks, dachte sie.
lange hat sie gebraucht, um Sie zu durchschauen? Zu lange,
nehme ich an. Und das ist keine große Überraschung.
Frauen können allerhand aushalten.«
Und mit diesen Worten hatte sie sich abgewandt, hatte
ihn stehen lassen und den ku
rzen Triumph des Feiglings
se schlichte Tatsache, dass sie
Londoner Innenstadt wütende Wortgefechte mit einem
Azhar austrug, der gar nicht da
war. Als sie in eine Parklü-
cke unter dem Gebäude von New Scotland Yard fuhr, war
sie daher immer noch außer sich und kaum in der geeigne-
nen produktiven Arbeitstag.
sollen: »Na ja. Okay. Das wars dann wohl. Vielleicht sehe ich
euch zwei später. Danke«, und ihrer Wege ziehen, denn sie
wusste, dass sie im Begriff war, die Fassung zu verlieren und
sich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen. Doch
stattdessen hatte sie den Blickkontakt mit ihrem Nachbarn
gehalten und tatenlos zugelassen, dass die Hitze aus ihrem
Bauch bis in die Brust aufstieg
und sich dort zu einem bren-
nenden Knoten verdichtete. Als sie dort angekommen war,
sagte sie: »Das war ein bisschen
übertrieben, meinen Sie nicht?
Sie ist noch ein Kind. Wann
wollen Sie damit aufhören?«
»Hadiyyah weiß, was sie tun
»Kann leider nicht, Herzchen«, sagte Barbara hastig, da-
mit Azhar keine Einladung aussprechen musste, die er
bin auf dem Weg zur Arbeit.
Ich mache London sicher für Frauen, Kinder und kleine
pelzige Tiere. Du weißt ja, wie es läuft.«
Hadiyyah hüpfte von einem Fuß auf den anderen. »Ich
habe eine gute Note in meiner Matheprüfung bekommen«,
Barbara schaute Azhar an. Sein dunkles Gesicht war
ernst. »Schule ist sehr wichtig«
, sagte er zu seiner Tochter,
obwohl er Barbara ansah. »Hadiyyah, bitte geh zurück an
den Frühstückstisch.«
»Aber kann Barbara nicht rein ƒ«
»Hadiyyah.« Die Stimme klang scharf. »Habe ich dir
wollen«, hatte Barbara zum Ab
sagt und sich gleichzeitig gefragt, woher, zum Teufel,
zwei
Fliegen mit einer Klappe
gekommen war. »Ich meine, das
Museum liegt in einer Reihe alte
har auf einen Streit einzulassen.
Sie hatte lediglich eine Ein-
ladung an seine Tochter aussprechen wollen. Sorgfältige Re-
m Fall als sorgfältige Recher-
che herhalten musste, nämlich der Erwerb einer Ausgabe
Whats On
wie ein Tourist, der die Queen sehen wollte
… hatte zu der Erkenntnis geführ
t, dass eine Einrichtung na-
mens Jeffryes Museum Einblick
in die Sozialgeschichte ge-
währte, indem dort Wohnzimmer aus verschiedenen Jahr-
hunderten ausgestellt wurden.
Wäre es nicht wunderbar für
Hadiyyah, Barbara bei einem Be
such dorthin zu begleiten,
damit ihr neugieriger kleiner Verstand einmal mit etwas an-
ten, und nicht nur das, sondern auch einen Weg, ihn fest-
in der Kooperation mit ihr
aufrechterhalten
Sie ging zu ihrer Leinentasche und holte den Aktende-
ckel heraus, den sie in ihrem Büro eingesteckt hatte, und
ten, dass du mich nicht bei
Sand in die Augen. Das ist eine sehr gute Methode, sich vor
Er stellte sein Weinglas zurück auf den Tisch. »Na schön.
Ich gebe mich geschlagen. Weiße Flagge. Was immer du
das durchgesessene Sofa und
knipste eine einzelne Lampe
an. Sie sagte: »Warte hier«, ging ins Schlafzimmer, zog ihre
deren Geruch zu wünschen übrig ließ. Das Problem erledigte
sie mit einem feuchten Waschlappen, und anschließend be-
gutachtete sie sich im Spiegel. Sie war zufrieden mit der rosi-
gen Farbe, die die Fahrt quer durch London auf ihre Wangen
der Verblüffung verspürt, als
er seine freie Hand um ihre schloss und sie kurz drückte.
Sie hatte sich gesagt, das sei nur passiert, weil er ihre Unter-
stützung für seine Ideen zu sc
hätzen wusste. Doch es gab
Zeichen ƒ und dann gab es noch mehr Zeichen. .
Sie sagte zu Robbie Kilfoyle: »Überprüfe noch mal, ob al-
le Türen abgeschlossen sind, wenn du hier fertig bist, ja?«
»Mach ich«, sagte er, und sie spürte seinen neugierigen
Blick im Rücken, als sie zu ihrem Büro zurückkehrte.
Dort ging sie an den Aktenschrank. Sie hockte sich vor
die unterste Schublade, die sie auch im Beisein der Polizei-
halten wollten. Sie hatten vor den Teambesprechungen und
nach Feierabend Strategien ge
lem so und so, Griffin. Was meinst du?
Jugendlichen bei Colossus besser als sie. Doch die Wahrheit
war, dass er sie vermutlich wirklich besser kannte, denn sie
»Ich sagte, ich muss ihn
sprechen
, Robbie.« Ulrike merkte
sofort, wie barsch sie klang. »Tut mir Leid. Das war unhöf-
lich von mir. Ich bin ein bisschen durch den Wind. Die Po-
als nützlich erwiesen, wenn sie eine Geheimkonferenz ab-
Punkt die Wahrheit gesagt hatte und heute tatsächlich eini-
Lynley sah auf. Hinter Savidges Schultern erkannte er
Poster an den Wänden: Louis Farrakhan in leidenschaftli-
gliedern der Islamischen Nation, ein junger Muhammad
Ali, vielleicht der berühm
teste der Konvertierten.
»Mr. Savidge ƒ« Und dann wusste Lynley auf einmal
nicht, wie er fortfahren sollte. Ein Leichnam in einem Stra-
ßentunnel wurde gar zu menschlich, sobald man ihn mit
einem Zuhause in Verbindung brachte. In diesem Moment
verwandelte sich der Leichnam
ein Bedürfnis nach Gerechtigk
eit hervorrufen musste oder
doch wenigstens die Verpflic
htung, schlichtes Bedauern
auszudrücken. »Es tut mir Leid«, sagte er. »Wir haben ei-
nen Toten, den Sie sich anschauen müssen. Er wurde heute
früh südlich des Flusses gefunden.«
»O mein Gott«, sagte Savidge. »Ist es ƒ«
»Sie ist neunzehn Jahre alt.«
näher als Ihnen, habe ich
mit meiner Ehe, meiner Frau oder
meiner Situation zu tun, Superintendent.«
Oh, das hat es sehr wohl, dach
Zwanzig Jahre älter als sie?«, fragte er. »Fünfundzwanzig
Jahre älter? Und in welche
Savidge schien vor seinen Augen zu wachsen, und Em-
ng: »Hier geht es um einen
vermissten Jungen. In einer Situation, wo andere Jungen im
gleichen Alter ebenfalls verschwunden sind, wie man in den
Zeitungen liest. Also, wenn Sie glauben, dass ich mich von
Ihnen manipulieren lasse, nur weil Sie Ihre Ermittlung in
Kleidung, und sie hielt ein eigentümliches Musikinstru-
ment in der Hand. Der Klangk
örper glich dem eines Banjo,
aber es hatte einen hohen Steg, der mindestens ein Dutzend
Ein Blick auf sie erklärte Lynley allerhand. Oni war ex-
quisit: von reinstem Nachtschwarz, jahrhundertealtes Blut,
von jeder Rassenmischung unberührt. Sie war, was Savidge
niemals sein konnte, weil es die
Valiant Sheba
gegeben hat-
lich nicht das, was ein ver-
nünftiger Mann mit einer Schar
»Mrs. Savidge«, grüßte Lynley.
Das Mädchen lächelte und nickte. Sie schaute ihren
Mann an, als bedürfe sie seiner Führung. Sie sagte: »Du
Es folgte keine unmittelbare Reaktion auf Savidges Ru-
fen. Er sagte zu Lynley: »Warten Sie hier«, und führte ihn
ins Wohnzimmer. Er selbst ging
zu einer Treppe und stieg
»Dass Jugendliche nirgendwo in London sicher sind, aber
dass sie hier in besonderer Gefahr schweben.«
»Sie meinen, wir locken sie in die Falle, um sie zu töten?«
gend von West Hamstead, die sein »Wir kommen aus eurer
Mitte«-Gehabe Lügen strafte. Sicher, es war ein kleines
Haus. Aber es war weit mehr, als jeder andere, den Lynley
im Haus »Der heiße Draht zum Herrn« gesehen hatte, sich
je hätte leisten können, egal, ob vor oder hinter der Es-
in einem brandneuen Saab
voraus, um ihm den Weg zu ze
igen. Wie Barbara Havers es
ausgedrückt hätte: Irgendwer hier hat Kohle bis zum Ab-
»Wir haben heute Morgen ein Opfer entdeckt, bei dem
es sich um Sean handeln könnte, und ich bin überzeugt, das
hat Ulrike Ihnen gesteckt. Dann haben wir noch einen ge-
wissen Jared Salvatore identifiziert und drei weitere, die
Er sagte kein Wort, aber aus irgendeinem Grund schien
er die Luft anzuhalten, und Barbara hätte zu gerne gewusst,
»Was ist aus Ihren übrigen Einstufungskandidaten ge-
worden, Mr. Strong?«, fragte Barbara.
»Wie meinen Sie das?«
»Inwieweit verfolgen Sie ihren Werdegang, wenn sie die
ersten zwei Wochen in dieser Organisation hinter sich ha-
ben?«
»Überhaupt nicht. Ich meine, sie werden anschließend
diese anderen Jungen von uns
erklärte er. »Oder einen von uns. Irgendwer versucht, ei-
nem von uns zu schaden.«
»Das glauben Sie?«, fragte Barbara.
»Wenn auch nur eines der anderen Opfer von hier ist,
Ah, da haben wirs, dachte sie, die Missverstanden-Num-
mer. Sie war nur nicht an der Stelle gekommen, wo Barbara
»Was genau was?«
»Welche Art von Sozialarbeit? Pflegekinder? Bewäh-
rungshelfer? Alleinerziehende Muttis? Was?«
Erfahrung sind die meisten Jugendlichen wütend, wenn sie
mmen. In der Regel tauen sie
während ihrer Einstufungswoche auf, aber nicht Sean.«
Barbara fragte, wie lange Griffin Strong schon als Einstu-
Anders als Kilfoyle und Gr
eenham, die hatten nachden-
ken müssen, ehe sie angeben konnten, wie lange sie schon
»Ich?«
»Kimmo. Richtig. Jeder mochte ihn. Und man sollte
doch meinen, genau das Gegent
einstudiert vorkam. Doch es gab ihr die Gelegenheit, den
nicht ansehen zu müssen. Sie
analysierte seine Stimme, ohne von seinem GQ-Gesicht ab-
gelenkt zu werden. Er
mend und all das. Aber nichts von dem, was er ihr sagte,
Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln mit … was sonst?
… perfekten, weißen Zähnen. »Es ist die Mühe wert. Ich
werd die harten Zeiten schon überstehen.«
ihr zu verstehen gegeben hatte, war das die persönlichste
Interaktion, die die Jugendlichen bei Colossus erfuhren …,
kannte er Kimmo vermutlich besser als alle anderen.
Ein guter Junge, sagte Strong. Oh, er hatte seine Schwie-
rigkeiten gehabt, aber er war nicht für die kriminelle Lauf-
bahn geschaffen. Seine kleinen Gaunereien waren Mittel
zum Zweck gewesen, es ging nicht um irgendeinen Kick
oder ein unbewusstes gesellschaftliches Statement. Und im
Grunde hatte er ein solches
Leben abgelehnt ƒ Zumindest
hatte es den Anschein gehabt. Es war noch zu früh gewesen,
um zu erkennen, welchen Weg Kimmo einschlagen würde,
was sich meistens während der ersten Wochen der Jugend-
lichen bei Colossus herauskristallisierte.
»Was für ein Junge war er?«, fragte Barbara.
nung, wenig verfügbarer Platz.
ke, ein Schreibtisch für alle. Die Wände waren mit Postern
bepflastert, die junge Menschen in positiver Weise beein-
flussen sollten: Legasthenische Fußballspieler mit merk-
würdigen Frisuren, die vorgaben, Charles Dickens zu lesen;
Popstars, die dreißig Sekunden Sozialdienst in einer Sup-
Und außerdem sah er beunruhigt aus. Barbara konnte
noch nicht sagen, ob das für ihn sprach oder nahe legte, ihn
»Ulrike hat mir von Kimmo Thorne und Sean Lavery er-
zählt«, sagte er. »Ich sag es Ihnen lieber gleich: Sie waren
beide in meiner Gruppe. Sean hat vor zehn Monaten den
Einstufungskurs bei mir gemach
dabei. Ich habe Ulrike gleich Bescheid gegeben, als er …
Kimmo … nicht erschienen ist. Natürlich wusste ich nicht,
dass Sean vermisst wird, da er im Moment nicht in meiner
Barbara nickte. Hilfreich, da
über Sean wies auf einen interessanten Aspekt hin.
»Können wir irgendwo in Ruhe
reden?«, fragte sie ihn. Es
war ja nicht nötig, dass Ulrike Ellis jedes Wort hörte.
Strong erklärte, er teile ein Büro mit zwei weiteren Ein-
stufungsleitern. Die waren heute aber mit ihren Gruppen
unterwegs, und wenn sie ihm fo
lgen wolle, dort wären sie
Griffin Strong und Ulrike Ellis lief. Ob es sich dabei ledig-
lich um unerklärte angsterfüllte Liebe, um Schmusen im
Imbiss um die Ecke oder um Kamasutra unter den Sternen
handelte, konnte sie nicht sagen. Auch konnte sie nicht sa-
gen, ob es vielleicht nur eine Einbahnstraße war, mit Ulrike
Ambitionen, ein Bodybuilder, Boxer, Ringer oder Ähnli-
ches zu werden, soweit Savidge wusste.
Wie stand es mit Freunden?, erkundigte sich Lynley. Wer
Savidge dachte einen Moment nach, ehe er einräumte,
dass Sean Lavery keine Freunde zu haben schien. Aber er
war ein guter Junge, und er
beharrte Savidge. Und das eine, wofür er seine Hand ins
Feuer legen würde, war, dass
Sean niemals fortbleiben wür-
de, ohne anzurufen und
zu erklären, warum.
ss New Scotland Yard nicht
zei gekommen wäre, wenn der
Beamte keinen besseren Grund hätte als den, in Ulrike Ellis
Büro gewesen zu sein, als er dort anrief, sagte er: »Vielleicht
ist es an der Zeit, dass Sie mir sagen, warum Sie wirklich
Aber das wäre für Sean kein
ausreichender Grund gewesen,
wegzulaufen.«
»Der Name des Vaters?«
Savidge gab ihn ihm: Ein gewisser Sol Oliver. Aber damit
war seine Bereitschaft zur Kooperation und selbst gewählter
und Sie und ich wissen, dass das passiert, wenn er weiterhin
ben könnte, wegzulaufen?«
Savidge dachte darüber nach. Er legte die Hände um den
Becher und drehte ihn zwischen den Handflächen. Schließ-
lich sagte er: »Er hat seinen
Vater ausfindig gemacht, ohne
au und Kinder. Das ist alles,
was Seans Sozialarbeiter mir gesagt hat. Also, falls Sean in
der Hoffnung hingefahren ist, die Aufmerksamkeit seines
Vaters zu gewinnen ƒ ein hoffnungsloses Unterfangen.
fahren; der Junge war anderer An
möchte ich verhindern, dass er auf die schiefe Bahn gerät,
»Die anderen Jungen, Reverend Savidge?«
»Reverend Savidge, ich brauche ein paar Informationen.
Sie maßen ihre Willensstärke mit einem kurzen Blickdu-
ell, bevor Savidge sagte: »Bei
wohnt bei uns. In Pflege.«
»Seine eigenen Eltern?«
»Seine Mutter ist im Gefängnis. Versuchter Polizisten-
mord.« Savidge unterbrach sich, als wolle er Lynleys Reak-
tion auf diese Eröffnung beobachten. Lynley achtete sorg-
en war, manches war durch-
gestrichen, anderes unterstrichen oder eingekreist. »Predigt«,
erklärte Savidge, dem Lynleys
Blick offenbar nicht entgangen
war. »Es fällt mir nicht leicht.«
glitten über seinen Anzug, da
s Hemd, die Krawatte und die
Schuhe. Der Reverend traf se
ine Einschätzung in Sekun-
denschnelle, und sie war nicht
gut. Auch egal, dachte Lyn-
ausweis und fragte, ob sie ir-
gendwo ungestört reden könnten.
Savidge führte ihn zu einem
des Gebäudes. Auf dem Weg dorthin mussten sie sich zwi-
schen langen Tischen hindurchschlängeln, wo Frauen in
ähnlicher Kleidung wie Savidges das Essen austeilten. Viel-
leicht zwei Dutzend Männer und halb so viele Frauen saßen
dort und schlangen hungrig den Eintopf hinunter, tranken
aus kleinen Milchkartons und strichen Butter auf Brot. Lei-
se Musik lief im Hintergrund, ein afrikanischer Gesang.
Savidge schloss die Bürotür und schnitt damit alle Geräu-
sche ab. »Scotland Yard«, sagte er. »Warum? Ich habe die ört-
liche Wache angerufen. Sie sagten, es käme jemand vorbei.
Ich habe angenommen ƒ Was ist los? Was hat das alles zu
bedeuten?«
»Ich war in Ms. Ellis Büro, als Sie dort angerufen haben.«
»Was ist mit Sean?«, verlangte Savidge zu wissen. »Er ist
integriert worden: »Der heiß
e Draht zum Herrn«. In der
Swiss-Cottage-Gegend der Finchley Road gelegen, schien
ils Suppenküche zu sein. Im
»Und was ist mit Ihnen? Sie selbst müssen doch auch
ehrgeizigere Pläne haben, als hier im Geräteraum ehren-
amtlich zu arbeiten.«
»Sie meinen hier bei Colossus?« Er dachte einen Moment
die Schultern. »Okay, ich
vitäten geplant sind und sie si
kommen. Ansonsten sind sie nur Gesichter für mich. Ich
erfahre nie all ihre Namen oder kann mir sie auch nicht
immer merken, wenn sie die Einstufungsphase hinter sich
»Weil nur die Jugendlichen in der Einstufung dieses
Zeug hier brauchen?«, fragte Barbara und wies auf die
»Also wie kommen sie über die Runden?«, fragte Barbara.
»Wie bezahlen sie das Dach über dem Kopf?«
»Wer?«
»Sie sagten, die Gehälter hier seien niedrig.«
»Ach das. Die meisten haben einen Zweitjob.«
»Zum Beispiel?«
Er überlegte. »Ich weiß es nicht bei allen. Aber Jack kell-
nert am Wochenende in einem Pub, und Griff und seine
»Ich mag die Kids. Und außerdem bezahlt Colossus mehr,
als ich im Moment verdiene, das können Sie mir glauben.«
»Und womit machen Sie die?«
»Was?«
»Ihre Auslieferungen.«
»Da ist was dran.« Sein lässiger Tonfall schien auf eine
Doppeldeutigkeit dieser Beme
rkung hinzuweisen. Das ent-
ging Barbara nicht.
»Arbeiten Sie hier schon lange als Ehrenamtler?«, fragte
Kilfoyle ließ sich die Frage
durch den Kopf gehen. »Zwei
Jahre?«, schätzte er. »Bissche
n länger. Vielleicht neunund-
zwanzig Monate.«
»Und davor?«
Er warf ihr einen Blick zu, der besagte, er wisse ganz ge-
nau, dass ihre Fragen keine ha
rmlose Plauderei waren. »Das
Sie überließ Greenham seinen Schülern. Ihre weitere Er-
»Und auf welcher Seite des Za
uns standen Sie?«, fragte
Barbara. »Plädieren Sie eher für eine harte Hand oder für
»Sie haben eine Vorliebe für Klischees, was?«
»Ich bin ein wandelndes Klischeelexikon. Also ƒ?«
»Es ging nicht um körperliche Züchtigung«, erklärte er
ihr. »Sondern um die Wahrun
g der Disziplin im Klassen-
zimmer: den Entzug gewisser Privilegien, eine eindringliche
mündliche Verwarnung, vorübergehende soziale Ächtung.
»Öffentliche Bloßstellung? Ein Tag am Pranger?«
Er lief rot an. »Ich versuche, offen zu Ihnen zu sein. Ich
weiß sowieso, dass Sie dort anrufen werden. Man wird Ih-
nen sagen, dass wir Differenzen hatten. Aber das ist nur na-
türlich. Überall sind die Menschen ständig unterschiedli-
cher Auffassungen.«
»Stimmt«, sagte Barbara. »Wir haben alle mal Mei-
nungsverschiedenheiten. Haben Sie die hier auch? Gegen-
sätzliche Auffassungen, die zu Konflikten führen, die wie-
ihr Notizbuch hervor. Sie sa
hams Pfannkuchengesicht. »Erzählen Sie mir ein bisschen
über sich selbst, Mr. Greenham«, bat sie.
Er fasste sich schnell. »Adresse? Ausbildung? Familiäres
Umfeld? Hobbys? Ermorde ich männliche Jugendliche in
meiner Freizeit?«
»Fangen Sie damit an, mir zu erklären, wo Sie hier in der
Hierarchie stehen.«
»Es gibt keine Hierarchie.«
, fügte er hinzu. Als Barbara
sich erkundigte, was für eine Art von Meinungsverschie-
denheiten, erklärte er unumwunden, dass es dabei um Dis-
ziplin gegangen sei.
an, mich ein bisschen zu wundern, warum niemand hier
weiß, dass Kimmo tot ist. Sie wussten es, aber Sie haben mit
keinem Ihrer Kollegen darüber gesprochen?«
Greenham verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf
er ein, und es klang ein wenig unbehaglich. »Ulrike und die
Einstufungsleute auf der einen Seite, der Rest von uns auf
»Und Kimmo war noch in der Einstufungsphase.«
»Genau.«
»Aber trotzdem kannten Sie ihn.«
Greenham gedachte offenbar nicht, sich von dem angedeu-
Leute. »Ich bin gerade beschäftigt. Hat es nicht bis später
»Die sehen so aus, als kämen sie ganz gut ohne Sie klar.«
Greenham ließ den Blick über seine Klasse schweifen, als
wolle er den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung überprü-
te sich als Neil Greenham vor und reichte ihr die Hand. Sie
war weich, feminin und ein bisschen zu warm. Dann eröffne-
te er ihr, dass Jacks Information eigentlich überflüssig gewe-
sen sei. »Ich hätte sowieso ge
wusst, dass Sie ein Cop sind.«
»Persönliche Erfahrung? Hellsichtigkeit? Mein Modege-
»Sie sind berühmt. Relativ, jedenfalls.« Greenham ging
zu einem Lehrerpult in der Ecke des Zimmers, nahm eine
den Ermittlungen in einer Mordserie genannt wurde. Das
zum Stillstand bringen, und
sie mussten um jeden Preis expandieren, denn sie wurden
Überall gab es Pflegekinder,
Straßenkinder, Jugendliche, di
e ihren Körper verkauften und
an Drogenmissbrauch starben. Colossus hatte die Antwort
für sie, darum musste Colossus
wachsen. Diese Situation, in
der sie derzeit steckten, musste zügig bereinigt werden.
Sie hatte keinen Lippenstift,
aber einen Lipgloss in der
höher und schlüpfte in den Mantel. Sie legte Mütze und
Schal an und entschied, dass sie hinreichend wie eine Vor-
gesetzte aussah, um das Treffen mit Griffin Strong zu über-
stehen, ohne wie eine Personifikation von
im
schlechtesten Sinne zu erscheinen. Hier ging es um Colos-
sus, rief sie sich in Erinnerung, und sie würde auch Griff
daran erinnern, wenn sie mit ihm sprach. Alles andere war
zweitrangig.
e Absicht, Däumchen zu dre-
für Colossus von Vorteil wäre, wenn die Beamtin diesen
n neben der Tür, warf sie
zeigten die schwachen Narben einer pubertären Akne, aber
sie war der Auffassung, es war Ausdruck überdimensionier-
ter Eitelkeit, sie unter einer
Grundierung zu verstecken. Das
erweckte den Verdacht mangelnden Selbstvertrauens und
an den Stiftungsvorstand ge-
akterstärke eingestellt hatte.
Und genau die brauchte sie, wenn sie Colossus durch die-
se schwierige Phase führen wollte. Stärke. Schon seit langem
gab es Pläne für eine Expansion, ein zweites Haus sollte in
Doch noch während sie sich damit beruhigte, dass Co-
lossus diesen Rückschlag unbeschadet überstehen würde,
sorgte sie sich um Griff. Denn er hätte mindestens seit zwei
Stunden hier sein müssen, ganz gleich, was sie den Polizis-
ten über seine angebliche Auslieferung von T-Shirts und
Sweatshirts erzählt hatte. Die Tatsache, dass er nicht aufge-
Ihr blieb nichts zu tun übrig, als ihn auf dem Handy an-
zurufen und vorzuwarnen, was
ihn bei seiner Ankunft er-
Riechsalz. Gott.
sonders komplizierte Fahrt. Manchmal zogen Jungen ein-
fach auf eigene Faust los, sagte sie zu Savidge.
»Nicht dieser Junge, Madam«, erwiderte er und hängte
Ulrike sagte: »O mein Gott«, und Lynley wusste, es war
ein Gebet.
Er sprach selbst eines. Reverend Savidges nächster Anruf,
schätzte er, würde bei der lokalen Polizeiwache eingehen.
eamten verließ das Gebäude
nach dem Anruf von Reverend
Frau mit den angestoßenen
Schneidezähnen und den al-
schaute zu Lynley, und die Frage hing unausgesprochen
zwischen ihnen. Er nickte lediglich, bestätigte ihre unausge-
sprochenen Befürchtungen bezüglich des Leichnams, der
hass. Manchmal kommt ein Jugendlicher hier nicht besser
zurecht als sonst irgendwo. Also schaut er vorbei und ver-
was wir bislang in Erfahrung gebracht haben, fühlte er sich
ganz wohl in seiner Haut, trotz des Weges, den er einge-
»Niemand, der Kimmos Weg geht, fühlt sich innerlich
wirklich wohl dabei, Superintendent.«
Verhaltenskodex für die Gruppe zu entwickeln, und jeden
Tag rekapitulierten sie, wie der vorherige Tag verlaufen und
was gelernt worden war.
»Anfangs Spiele, die das Eis brechen«, sagte Ulrike. »Dann
Vertrauensaktivitäten, dann
eine persönliche Herausfor-
nen Gedanken gekommen, wenn nicht irgendwer außer-
halb dieser Mauern einen Verd
acht geäußert hätte, sei es
ment stand sie da und sah auf ihr Telefon hinab, als warte
sie auf einen Anruf. Hinter ihr stand Havers an einer Wand
sich Notizen zu den ausgestellten Dokumenten. Ulrike be-
Unter anderen Umständen hätte Lynley seinen Constable
an diesem Punkt zurückgepfiffen. Aber er sah, dass Havers
Ausbruch von Ungeduld einen positiven Effekt hatte: Ulri-
ke stand auf und ging zum Aktenschrank hinüber. Sie
hockte sich hin, zerrte eine der überfüllten Schubladen he-
raus und blätterte die Akten hastig durch. »Natürlich lese
ich Zeitung ƒ«, sagte sie. »Ich werfe zumindest einen Blick
. Jeden Tag. Oder zumindest, sooft ich
kann.«
ser Scheitern warten. Wer hat
Sie auf Colossus angesetzt?«
»Polizeiliche Ermittlungen haben uns zu Colossus ge-
Strong heute auch hier? Da er Kimmo kannte, müssen wir
ihn ebenfalls sprechen.«
»Griff?« Aus irgendeinem Grund sah Ulrike ihr Telefon
an, als könne es ihr eine Antwort geben. »Nein. Nein, er ist
llung ab ƒ« Sie schien das Be-
ren Zöpfen herumzuzupfen. »Er
hat gesagt, er komme heute später, also erwarten wir ihn
nicht vor ƒ Er macht unsere T-Shirts und Sweatshirts, ver-
stehen Sie. Sein Nebenjob. Vielleicht haben Sie sie ja drau-
hervorragender Sozialarbeiter. Wir können uns glücklich
schätzen, ihn zu haben.«
Lynley spürte Havers Blick auf sich. Er wusste genau,
was sie dachte: Noch mehr Tiefen, die es zu ergründen galt.
Er sagte: »Wir haben noch
einen toten Jungen. Jared Sal-
vatore. War er auch bei Ihnen?«
»Noch einer ƒ«
»Es sind insgesamt fünf Mordfälle, die wir untersuchen,
Havers fügte hinzu: »Lesen Sie denn keine Zeitung?
irgendwer
ab und zu mal in eine rein?«
Ulrike sah sie an. »Ich glaube nicht, dass diese Frage fair
»Kimmo ist tot«, sagte Lynley. »Vielleicht haben Sie von
dem Leichnam gelesen, der in St. Georges Gardens drüben
in St. Pancras gefunden wurde? Die Presse hat den Namen
inzwischen veröffentlicht.«
kaufen Sie sie selbst?« Sie sah über die Schulter und fügte
hinzu: »Ah. Na ja,
weiß schon, was die Leute denken: Wenn ich eine kaufe,
wird dieser ungewaschene Penner den Profit ja doch nur
für Drogen oder Alkohol verjubeln. Und wie soll ihm das
weiterhelfen? Aber ich finde, die Leute müssen endlich auf-
ber ein bisschen Anteil nehmen, damit sich in diesem Land
für soziale Angelegenheiten kamen. Vielmehr hatten sie die
Leiterin von Colossus aufges
ucht, um mit ihr über Kimmo
Thorne zu sprechen. Kannte Ms. Ellis den Jungen?
auf dem Besucherstuhl nieder. Havers blieb beim Regal ste-
hen und nahm eines von mehreren gerahmten Fotos in die
Hand, die zwischen den Büchern standen. »Hat Kimmo
Lynley und Havers stellten se
auch aus irgendeinem Grund nicht informiert hatte, als er
hatte er ihr lediglich mitge-
teilt, dass zwei Beamte von New Scotland Yard sie zu spre-
chen wünschten. Es war ein interessantes Versäumnis, fan-
Ulrike Ellis war eine gut aussehende junge Frau um die
dreißig, mit einer Unzahl kleiner, weizenblonder Zöpfe, die
sie im Nacken zusammengefa
singarmreifen, dass sie als
Der Gefangene von Zenda
durchgehen können. Sie trug einen dicken schwarzen Roll-
lich zum Empfang, um Lynl
ey und Havers abzuholen.
Während Jack Veness wieder hinter der Rezeption Platz
nahm, führte sie sie einen Flur entlang, an dessen Wänden
Akten, die dringend einmal abgelegt werden mussten. Doch
der Schrank neben dem Schrei
»Ich kaufe sie immer«, sagte sie mit Blick auf die Ob-
dachlosenzeitschrift, »und dann finde ich nie die Zeit, sie zu
lesen. Nehmen Sie sich ein paar mit, wenn Sie wollen. Oder
»Der Tod eines Jungen, der
wirft alle möglichen Fragen au
ness, »wie Sie sich zweifellos vorstellen können. Und wir
haben ein zweites Opfer identifiziert, das möglicherweise
ebenso eine Verbindung zu Co
lossus hatte. Jared Salvatore.
Kommt Ihnen der Name bekannt vor?«
»Salvatore. Salvatore«, murm
elte Veness vor sich hin.
»Nein. Ich glaub nicht. Den hätte ich behalten.«
»Dann werden wir mit dem Leiter sprechen müssen.«
»Ja, ja, ja.« Veness kam auf die Füße. »Das ist Ulrike. Sie
hält hier alle Fäden in der Hand. Warten Sie einen Mo-
Fünf?
He, also Moment mal. Sie können doch nicht
glauben, dass Colossus ƒ«
»Wir ziehen keinerlei Schlüsse«, erwiderte Lynley.
»Verflucht. Tut mir Leid. Was ich gesagt hab, von wegen
Hinschmeißer und Verlierer. Scheiße.« Veness nahm sein
Wurstbrot, dann legte er es wieder beiseite. Er wickelte es
ein und steckte es zurück in die Tüte. »Einige von den Kids
verschwinden einfach, verstehn Sie. Sie kriegen eine Chan-
ce, aber sie laufen trotzdem weg. Sie nehmen den Weg, der
t. Es ist verdammt frustrie-
rend, dabei zuzuschauen.« Er atmete hörbar aus. »Aber
verdammt. Das tut mir Leid.
tungen? Ich lese sie nicht oft und ƒ«
»Sein Name wurde anfangs nicht veröffentlicht«, ant-
oder dealen. Es hat keinen Sinn, ihnen zu trauen, ehe sie mir
keinen Grund geben, ihnen zu trauen. Also halt ich die Au-
»Galt das auch für Kimmo?«, fragte Lynley.
begann Lynley.
»Er war ein Hinschmeißer«, erklärte Veness. »Ein Verlie-
rer. Verstehen Sie, das passiert eben manchmal. Die Kids
kriegen hier eine Chance. Sie müssen nur an Bord kom-
men. Aber manchmal bleiben sie einfach weg … selbst
Kimmo, der als Auflage hatte, herzukommen, und andern-
falls im Handumdrehen im Jugendknast gelandet wär …,
und das krieg ich einfach nich
t in den Schädel, verstehn
Sie. Man sollte doch meinen, dass er jede Chance ergreift,
zur Polizei, aber ich habs nicht geschafft. Es ist einfacher,
euch die Schuld zu geben, als mich selbst anzuschauen und
zu fragen, warum ich es nicht
gepackt habe.« Er schnipste
mit den Fingern und lächelte. »N
icht übel als Psychoanalyse
aus dem Stegreif, oder? Fünf Jahre Therapie, und der Mann
. Aber Lynley nahm die Ver-
änderung kommentarlos hin und brachte die Sprache
nochmals auf Kimmo Thorne.
Havers schlug ihr Notiz-
buch auf. Der neue, geläuterte Jack Veness zuckte nicht
mit der Wimper.
Unerklärlicherweise ließ Veness nicht locker. »Lassen Sie
ihn zufrieden. Er bringt
Gesicht. Vielleicht beleidig-
te ihn der wegwerfende Tonfall. »Wie ich schon sagte: Ich
arbeite ehrenamtlich hier«, erkl
ärte er. »Am Telefon oder in
der Küche. Und ich helfe im
Chaos ausbricht. Also hab ich Kimmo hier natürlich gese-
»Wer kannte den nicht«, bemerkte Veness. »Und wo wir
chmittag geht eine Gruppe
auf den Fluss raus. Hast du Zeit, die zu übernehmen, Rob?«
Und Havers fügte hinzu: »Wir tun Ihnen gern den Gefallen.
Immer im Dienste der Bürger und so weiter, verstehn Sie.«
klärte Lynley Jack Veness, oder sonst irgendjemanden, der
ihnen Auskunft über einen ihrer Klienten geben könne …
falls das der richtige Ausdruck sei, fügte er hinzu …, nämlich
der ansonsten perfekt aufgeräu
mten Rezeptionstheke einen
Kalender aufgeschlagen, in den er Einträge mit blauem Ku-
gelschreiber machte. Leise Ja
zzmusik säuselte aus den Laut-
sprechern über ihm. Er wirkte
nicht besonders freundlich,
als sein Blick auf Havers fiel. Lynley hörte Barbara seufzen.
»Ich muss dringend was an meinem Image tun«, mur-
ke eine grellgelbe Tüte hervor, die den Aufdruck »Mr.
Chips und begann, in aller Seelenruhe zu essen. Die Bullen
konnten seinen Tagesablauf nicht durcheinander bringen,
Auch wenn es vollkommen überflüssig schien, zeigte
Lynley dem rothaarigen jungen Mann seinen Dienstaus-
weis. Die anderen beiden ignorierte er für den Moment.
Die Galerie bot eine bebilderte Geschichte der Organisa-
tion: ihre Gründung, die Sani
erung des Gebäudes, das sie
beherbergte, und ihre Wirkung auf die Bevölkerung der
Umgebung. Die Geschenkartikel … die nur in einer einzigen
Vitrine ausgestellt waren … waren relativ preiswerte T-Shirts,
Kaffeebecher, Schnapsgläschen
und Briefpapier, die alle das gleiche Logo trugen. Dieses
zeigte den mythologischen Namensgeber der Organisation,
umgeben von Dutzenden winziger Figuren, die seine gewal-
tigen Arme und Schultern als Weg benutzten, um vom
Elend zur Erfüllung zu gelangen. Unter dem Riesen stand
im Halbkreis das Wort
gemeinsam
nem teuren Wagen in eine Gegend wie diese fuhren, son-
damit eine völlig überflüssige
Aussage über sich selbst trafen.
»Die Bullen«, murmelte jemand, und die Warnung
machte schnell die Runde, bis alle Gespräche in der Rau-
cherecke verstummt waren. So viel also zum automobilen
Inkognito, dachte Lynley.
Als hätte er es ausgesprochen,
rung wie so viele Stadtbezirke südlich der Themse, doch es
war ein fast aussichtsloses St
reben angesichts der Drogen-
abhängigen und Dealer auf de
n Straßen, der Armut, man-
gelnden Bildung und Verzweiflung. In genau diesem Um-
feld hatten die Gründer Colossus geschaffen, hatten eine
übernommen und in bescheidenem Rahmen renoviert, auf
dass sie der Bevölkerung in ganz
ynley zu der Stelle auf der
New Kent Road, wo ein klei
kränklich gelben Gebäude de
n Colossus-Teilnehmern als
hatte. Es ging nicht so sehr
darum, dass sie sich in Gefahr brachten, indem sie mit ei-
weiterbringt, aber es gibt noch
eine Liste, die Gigi führt«,
sagte die Großmutter. »Es sind
nur Postleitzahlen. Gigi
n Seite der Themse Crystal
Moon Zwei eröffnen … in Notting Hill vielleicht …, und sie
hat die Postleitzahlen ihrer Kunden als Argument für die
Bank notiert. Können Sie
damit etwas anfangen?«
Nkata war skeptisch, aber er nahm die Liste trotzdem
mit. Er dankte Gigis Großmutter und verabschiedete sich,
zögerte aber wider Willen vor dem Regal mit den Ölfläsch-
»Kann ich sonst noch was für Sie tun?«, fragte die alte
worden, und selbst wenn, wäre der Laden nur verantwortlich
zu machen, wenn das Gift hier verabreicht worden wäre. Das
war ja nicht der Fall, nicht wahr?
Nkata kam noch einmal auf die Kunden zurück. Er frag-
te, ob hier kürzlich Ambra-Öl verkauft worden sei. Sie sag-
te, das wisse sie nicht genau. Vermutlich ja. Gigis Geschäfte
liefen ordentlich, selbst zu dieser Jahreszeit. Aber sie hatten
keine Unterlagen über die einzelnen Verkäufe. Es gab na-
türlich die Kreditkartenbelege, und vielleicht kam die Poli-
zei ja damit weiter. Abgesehen
davon gab es nur die Kladde,
verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: »Meine Gü-
te, Sie haben aber immer emsig Ihre Vitamine genommen,
nicht wahr?« Dann fuhr sie liebenswürdig fort: »Einige Öle
haben eine medizinische Wirkung, einige werden in der
Schwarzer Mann im Laden. We
iße Frau allein. An einem
anderen Tag hätte Nkata sich vielleicht vorgestellt und sei-
nen Dienstausweis gezeigt, um
sie zu beruhigen. Doch heu-
le lagen, war er einfach nic
Weißen zu beruhigen … äl
Er sah sich ein wenig um. Anis. Benzoe Sumatra. Linde.
s der Fläschchen in die Hand,
las das Etikett und staunte darüber, wie vielseitig es ver-
wendbar war. Er stellte es zurück und griff nach einem zwei-
ten Fläschchen. Hinter ihm wurden die Seiten der Illustrier-
ten weiterhin umgeblättert, ohne
dass ein Wechsel in der Ge-
schwindigkeit festzustellen war. Schließlich war ein Knarren
des Hockers zu vernehmen, un
Es stellte sich allerdings heraus, dass sie keineswegs die
Inhaberin war, was sie Nkata mit einem verlegenen, kleinen
Lachen gestand, als sie ihm ihre Hilfe anbot. »Ich weiß
nicht, wie gut ich Sie beraten kann, aber ich will es gerne
versuchen. Ich bin nur einen Nachmittag pro Woche hier,
verstehen Sie, während Gigi …
das ist meine Enkelin … ihre
Gesangsstunde hat. Das hier
ist ihr Lädchen, mit dem sie
sich über Wasser hält, bis sie ihren Durchbruch im Showbiz
geschafft hat ƒ sagt man nicht so? Brauchen Sie denn Be-
wie er eine ordentliche Dosis Ebola-Viren abbekommen
wollte, und das war eine Tats
ache, die Nkata bei jedem Zu-
sammentreffen mit Hillier zwischen den Zeilen gelesen hat-
lle zu sein, der bei den Presse-
konferenzen an den richtigen Stellen nickte und als Beweis
en bei Scotland Yard Chan-
cengleichheit genossen. Er wusste, wenn er bei dieser Pro-
paganda noch lange mitspielte, würde er seinen Beruf, seine
Kollegen und sich selbst irge
ndwann hassen. Das war nie-
fiel und der ihn deswegen umbringen will. Irgendwas in der
, war nicht auszuschließen,
dass auch die anderen, noch nicht identifizierten Opfer,
»Könnte der neue Fall ein Tri
Lynley fasste für sie zusammen, was Hamish Robson über
den jüngsten Mord zu sagen
nicht, dass der Profiler von Hillier zum Tatort geschickt
hab von den Kollegen in Peck
wussten sofort, dass ich ein Bulle bin. Und damit war die
Unterhaltung beendet.«
»Dann bleiben Sie dran.«
»Schon wieder südlich der Themse«, warf jemand hoff-
nungsvoll ein.
»ƒ die andere ein Stand au
Wie dem auch sei, sie meinte, sie könne mit einiger Sicher-
blasste weiße Schrift war auf den Seiten, was darauf hindeu-
Skizzen auf und berichtete, dass die Tatorte zu triangulieren,
sich nicht als fruchtbar erwi
esen hatte. Der Mörder war
buchstäblich auf dem gesamten
Londoner Stadtplan aktiv.
Dies sprach für gute Ortskenntnisse, was wiederum auf je-
geschieht. Habe ich mich klar
»Sie sind ja hysterisch«, sagte Hillier. »Verlassen Sie mein
Büro. Ich habe nicht die Absicht, mir Ihre lächerlichen Ti-
raden anzuhören. Wenn Sie den Druck dieser Ermittlung
nicht aushalten, dann geben Sie die Leitung ab. Oder ich
werde es für Sie tun. Und wo, zur Hölle, bleibt Nkata? Er
des Assistant Commissioner schlagen, nur um für einen Au-
schen konnte …, »werden wir entscheiden, was mit Ihnen
sehen bekommt und was nicht.
verloren, und doch war er da
und wurde durchgelassen. Es
hen können, nur einen Entsch
eidungsweg, und der führt
de, wer Zugang wozu, wann und
wie bekommt, Interim Superintendent. Und wenn es mir in
den Sinn käme, es könnte der Ermittlung förderlich sein,
wenn die Queen der Leiche die Hand schüttelt, dann ma-
chen Sie sich bereit, vor ihr zu salutieren, weil ihr Rolls sie
dann nämlich auf eine Stippvis
ite vorbeibringen wird. Rob-
son gehört zum Team. Finden Sie sich damit ab.«
Lynley war fassungslos. Eben
noch hatte der Assistant
Der Untergebene sprang auf und fragte diensteifrig: »Sir?
»Rufen Sie diesen Vollidioten Rodney Aronson an. Er ist
neuerdings Chefredakteur der
Source
, und die Frage nach
der Hautfarbe kam per Telefo
elenden Schmierblatts. Versuchen Sie, den Informanten
rer ab und wählte eine Nummer. Entweder hatte er Lynley
und seine Gemütsverfassung nicht wahrgenommen, oder er
ignorierte ihn absichtlich. Es war nicht zu fassen: Er buchte
eine Massage für sich.
Lynley fühlte sich, als fließe Batteriesäure durch seine
Adern. Er ging quer durch den Raum zu Hilliers Schreib-
tisch und drückte auf die Telefongabel. Hillier schnauzte:
»Was glauben Sie eigentlich ƒ«
»Ich sagte, ich müsse Sie sprechen«, unterbrach Lynley.
»Sie und ich hatten eine Absprache, und Sie haben sich
nicht daran gehalten.«
»Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie reden?«
»Nur zu gut. Sie haben Robson als Showeffekt engagiert,
Hilliers blühende Gesichtsfarbe nahm einen puterroten
hört, aber das war Lynley gleichgültig. Sie hatten eine Abspra-
»Sie können nicht allen helfen. Sie können nicht jeden
für junge Obdachlose, Schulsch
wänzer, Kinder in Pflege ƒ
Ich muss gestehen, dass ich Kimmo weniger Aufmerksam-
gendjemanden ƒ « Gill unterbra
plötzlich klar geworden, dass er hier nicht als Polizist In-
formationen weitergab, sondern Initiativen einforderte wie
ein übereifriger Sozialarbeiter.
nicht Ihre Schuld. Sie haben
»Und die meisten von ihnen leben noch.«
entdeckten, haben sie uns sofort angerufen. Ich bin hinge-
fahren und ƒ« Er hob die Hände zu einer Geste, die besag-
»Vorher hatten Sie keine Ahnung, dass er Diebesbeute
»Er war wie ein Hund, der ni
e seinen eigenen Zwinger
beschmutzt«, erklärte Gill. »Wenn er das Gesetz brechen
wollte, tat er es in einem anderen Revier. In der Beziehung
Und darum, erklärte Gill weiter, war der Verkauf gestoh-
lener Güter als Kimmos erster Gesetzesverstoß in den Akten
erschienen. Und deswegen hatte
das Gericht ihn nur zu einer
lich seine Papierserviette zusammen. Dann schob er den Tel-
Dieser Junge konnte es einfach riechen, wenn ein verdeck-
ter Ermittler in seine Nähe
kam ƒ Wenn ich so sagen darf,
er war mit allen Wassern ge
waschen und für seine Jahre
recht abgebrüht, und darum ha
ihm mit ein bisschen mehr Nachdruck auf die Finger zu
klopfen, was ihn vielleicht hä
Wir haben ihm wieder und wieder gesagt, es sei nur einem
glücklichen Zufall zu verdanken, dass er noch nicht in
Schwierigkeiten geraten sei, aber er hörte ja nicht auf uns.«
»Kinder«, warf Barbara ein. Sie tat ihr Bestes, ihr Crois-
sant sittsam zu essen, doch es
hungen um gutes Benehmen und löste sich in köstliche
Flöckchen auf, die sie am liebsten von den Fingern und so-
gar von der Tischplatte geleckt
hätte, aber sie nahm sich zu-
sammen. »Was soll man mit ihnen machen? Sie halten sich
Sie nahm einen Kaffee und ein Schokoladencroissant aus
der Selbstbedienungstheke, ignorierte das nahrhaftere An-
gebot. Warum sollte sie sich mit einer halben Grapefruit
quälen, wo sie doch bald da
s Geheimnis erlernen würde,
Gewicht zu verlieren und gleichzeitig alles essen zu können,
ders ungepflegt aus. Man konnte nicht vor vier Uhr mor-
gens aufstehen, sich mehrere Stunden im Dreck von Süd-
london herumtreiben und immer noch schwanengleich da-
herkommen, als stehe für den Nachmittag ein Laufstegauf-
tritt im Terminkalender. Sie hatte geglaubt, ihre hohen ro-
ten Turnschuhe würden ihrem Outfit eine fröhliche Note
Diese taten ihr Bestes, die bereits geschwärzten Gebäude
noch weiter zu verrußen, die ein wenig zurückgesetzt am
mit Abfall übersäten Bürgersteig aufragten. Es war die Art
von Gegend, wo man von leer
en Bierdosen bis zu ge-
brauchten Kondomen alles auf den Gehwegen fand.
n Stress. Sie hatte noch nie
in einer Mordserie ermittelt, und auch wenn sie immer die-
se Dringlichkeit empfunden hatte, einen Mörder zu finden
und festzunehmen, hatte sie doch nie zuvor erfahren, was
sein. Fünf Jungen waren es
soll das kümmern? Und rühr Charlene nicht an! Wenn
gendwer
die blöde Schlampe anfasst, dann ich.
Er erhob sich aus seinem Sesse
Er konnte das einfach aussitzen. Er wusste, was als Nächstes
kommen würde, denn manche Di
nge waren so sicher, als
wären sie in Granit gemeißelt:
Kleie in warmer Milch, zu
e zum Himmel gesandten Stoß-
Sieh dir das an, würde Fu
sagen und auf den Fernseher
zeigen, wo die Polizeibeamten über ihn und sein Werk
sprachen. Ich hinterlasse die
Nachricht, und sie müssen sie
lesen. Jeder einzelne Schritt ist in minutiöser Kleinarbeit
Dann das röchelnde Atmen hinter ihm. Diese unaus-
weichliche Ankündigung der Ma
dieses Mal, sondern hier im Zimmer.
Fu musste nicht einmal hinschauen. Er wusste, dass das
Hemd wie üblich weiß war,
Morden in Zusammenhang steht ƒ Wir müssen auf weite-
Während sie sprach, kamen mehrere Personen aus dem
Tunnel hinter ihr, die wie Polizeibeamte in Zivil aussahen.
Eine dickliche Frau nahm Befehle von einem blonden Be-
amten entgegen, der einen Mantel trug, der nach altem
Geld aussah. Sie nickte und verschwand aus dem Bild, wor-
dabei hatte er sich doch solche Mühe gemacht, die Bot-
schaft deutlich rüberzubringen: Der Junge hat sein eigenes
fe hatte er sich selbst verurteilt … er hatte nie eine reelle
Chance, ihr zu entgehen …, aber um die Erlösung hatte er
sich gebracht. Bis zum Ende
du Vollidiot. Und du gehst mir aus dem Weg, Charlene, oder
Es war ein ewiges Lamento, ein ewiges Gebrüll. Manch-
mal hielt es stundenlang an.
Er dachte, er sei den Wurm
Ich will dich nicht mehr im Haus haben, hörst du? Von mir
aus kannst du unter der Brücke schlafen. Oder fehlt dir dafür
Fu hielt das Reliquiar behutsam. Er trug es vor sich her wie
ein Priester den Kelch und stellte es auf den Tisch. Vorsich-
tig nahm er den Deckel ab. Ein leicht fauliger Geruch stieg
auf, doch er stellte fest, dass ihn das bei weitem nicht so
störte wie zu Anfang. Der
Geruch der Verwesung würde
ngene hatte ewig Bestand.
nießt jede Minute.«
Lynley fragte: »Wie deuten Sie den fehlenden Schnitt?
»Das ist genau der Punkt.« Robson wies zum entlegenen
die Hände des Opfers an, mit einem Gesichtsausdruck, der
besagte, dass die Welt verrückt geworden war.
eskalieren. Sie können sehen, dass er die Leiche vollkom-
men anders behandelt hat: Wede
r hat er die Genitalien be-
fgebahrt. Er lässt keinerlei
Reue mehr erkennen, keinen Wiedergutmachungsimpuls.
Stattdessen lässt er einen st
arken Drang erkennen, den Jun-
gen zu erniedrigen: Die Beine gespreizt, die Genitalien zur
inmitten des Abfalls, den ir-
gendwelche Stadtstreicher hinterlassen haben. Die Interak-
tion des Mörders mit dem Jungen vor dem Tod war anders
als seine Interaktion mit den anderen. Bei ihnen ist irgend-
»Sir?«, fragte Havers.
Lynley sah, dass vom entgegengesetzten Ende des Tun-
nels eine Bahre mit einem Leichensack herangerollt wurde.
Die Leute der Spurensicherung standen mit Papiertüten be-
reit, um die Hände des Opfers hineinzustecken. Alles, wor-
auf sie warteten, war ein Nicken von Lynley, und ein Teil
llte, würde sich von selbst
erledigen: Es wäre nichts mehr da, was der Profiler an-
»Können wir?«, fragte Havers.
Ohne zu zögern, trat Lynley auf ihn zu und nahm gruß-
los Robsons Arm. »Sie müssen sofort wieder gehen«, sagte
er. »Ich weiß nicht, wie Sie an dieser Absperrung vorbeige-
kommen sind, aber Sie haben hier nichts verloren, Dr.
Diese Begrüßung überraschte Robson offensichtlich. Er
schaute zurück über die Schult
die er gerade gekommen war. »Ich bekam einen Anruf von
Assistant ƒ«, begann er.
»Daran zweifle ich nicht. Aber der Assistant Commissio-
ner hat einen Fehler gemacht. Ich will, dass Sie hier ver-
schwinden. Auf der Stelle.«
Die Augen hinter den dicken
rn schätzten
Lynley ab. Dieser spürte förmlich, wie er taxiert wurde.
wartungsgemäß Stressphase.
Nur zu wahr, fuhr es Lynley
wenn der Serienmörder zusc
hlug, nahm der Druck zu.
, was Stress war, gemessen
daran, was Lynley erleben würde, wenn der Täter ein weite-
man seinen Verstand beisammen hat, im Dunkeln unter-
Briefumschlag, den er aus
der Innentasche zog und der ihm offensichtlich als Notiz-
n des Taxifahrers, Adresse
und Handynummer vor. Der Fahr
er hatte keinen Gast im
Während das KTU-Team mit seinen Beweisbeuteln und
Rückfenster gehalten hatte.
Die Augen des Jungen waren
offen und starrten blicklos auf die rostigen Überreste der
Lenksäule, kurze Dreadlocks standen von seinem Kopf ab.
Glatte, walnussfarbene Haut, ebenmäßige Gesichtszüge … er
war ein hübscher Junge gewesen. Außerdem war er nackt.
»Verdammt«, murmelte Havers an Lynleys Seite.
keine Garantien. Ganz egal, was Sie tun. Oder was Sie ent-
scheiden. Oder wie. Oder mit wem.«
»Sie haben Recht«, stimmte er zu. »Es gibt keine Garan-
tien. Aber er ist trotzdem der Sohn von jemandem. Das wa-
ren sie alle. Das dürfen wir nicht vergessen.«
»Glauben Sie, er ist einer von unseren?«
Lynley nahm den Leichnam genauer in Augenschein und
war zuerst geneigt, Hogarths
Ansicht zu teilen. War der To-
te nackt wie Kimmo Thorne, war er doch achtlos hier abge-
moniell aufgebahrt worden
und kein Zeichen auf der Stir
n … beides zusätzliche Merk-
male bei Kimmo Thornes Leiche. Seine Bauchdecke schien
nicht geöffnet worden zu sein, aber entscheidender als alles
andere war die Position des Leichnams selbst, die auf Eile
kriminaltechnische Untersuchu
ng war bereits im Gange,
der Hand und verweigerte alle
n Passanten den Zugang. Er
hatte jedoch alle Hände voll zu
diesen ewig hungrigen Jour-
nalisten, die den Polizeifunk abhörten in der Hoffnung, als
Erste die Story zu bekommen. Fünf hatten sich bereits an
der Polizeiabsperrung eingefunden und riefen Fragen in
den Tunnel. Sie hatten drei Fotografen mitgebracht, die ein
Ein Eisenbahnviadukt, das den Schienenstrang zur London
cke mit geriffelten Stahlplat-
war an jenem Tag mit der Poli
zei verschwunden. Vielleicht
hatten sie ihn ein Weilchen in die Besserungsanstalt ge-
steckt. Vielleicht hatten sie ihn auf der Polizeiwache auch
einfach das Fürchten gelehrt.
dass der Junge keine gestohle
nen Silbergegenstände mehr
er ihnen. Irgendwas stimmte nicht mit dem Scheißer, das
hatte Reg Lewis gleich gesehen, als der ihm zum ersten Mal
begegnet war. Kleidete sich halb Mann, halb Frau mit sei-
unter die Arme, indem er das
Familiensilber unter die Leu-
Lynley hatte den Eindruck, dass die Grabinskis wohl eher
geglaubt hatten, was sie glau
ben wollten, weil sie den Jun-
gen mochten. Er hielt es für weniger wahrscheinlich, dass
Kimmo ein so versierter Lügner war, dass er einem älteren
Ehepaar Sand in die Augen streuen konnte. Sie hatten ir-
gendwann doch sicherlich merken müssen, dass er nicht
das war, wofür er sich ausgab, aber sie hatten sich nicht
»Wir haben der Polizei gesa
aussagen würden, wenn er vor Gericht müsste«, erklärte
Ray Grabinski. »Aber nachdem sie den armen Kimmo hier
r kein Wort mehr von ihm
»Und darüber sollten Sie mit Reg Lewis sprechen«, sagte
ich dem Kerl nicht zutrauen würde.« Und ihr Mann mur-
d tätschelte ihr die Schulter.
Reg Lewis, stellte sich heraus, war nur unwesentlich we-
niger antik als seine Ware. Er
trug unter der Jacke bunt ka-
rierte Hosenträger, die uralte Kniebundhosen hielten. Seine
ses. Übergroße Hörhilfen ragten
te so hervorragend in das Prof
il ihres Serienkillers wie ein
Schaf in das Profil eines Genies.
Er »war kein bisschen überrascht« gewesen, als die Poli-
Sie hatten den Jungen gemocht … »Er hatte so was Ver-
nen an …, also hatten sie ihm
ein Viertel von einem der Seitentische am Stand überlassen,
Zeit gestorben war, etwa im gleichen Alter wie Kimmo
Thorne. Sie hatten den Jungen in
s Herz geschlossen, erzähl-
ten sie, nicht so sehr, weil er ihrem lieben Mike äußerlich
Niemand hielt sie zurück, aber man brauchte die Händler
nur einen Moment bei der Arbeit zu beobachten, um zu
wissen, dass die Kunden nicht willkommen waren, ehe die
Waren unter dem immer noch nachtblauen Himmel aus-
aktisch kein anderes Fahrzeug
auf der Straße. Aus diesem Grund konnten sie Sloane
Square in Windeseile und bei grüner Welle passieren, und
nach weniger als fünf Minuten sahen sie vor sich die Lich-
ter der Chelsea Bridge, und di
e hohen Ziegelschornsteine
ten sich jenseits des Flusses
in den kohlschwarzen Himmel.
Lynley wählte eine Strecke, die so lange wie möglich am
Flussufer entlangführte, weil er
oder andere Lkw auf einer frühen Lieferfahrt. Auf diese
Weise kamen sie bald zu der
massigen grauen Festung des
Tower of London, ehe sie die Themse überquerten, und
seiner Frau den Arm um die Schultern und küsste sie auf die
Schläfe. »Schließ hinter mir ab
«, sagte er. »Und geh wieder
nicht wieder meine Träume, junger Mann. Hör auf deine
Lynley: »Und ihr passt auf
euch auf«, ehe sie die Tür schloss.
Lynley wartete, bis er die Riegel einrasten hörte. Neben
Studien darüber. Selbst refo
rmierte Maria Magdalenas, die
nicht mitkommen willst? Ein Porzellankunstwerk, kostba-
»Immer noch?«
»Immer schon. Ich weiß nie so recht, wie ich sie schützen
Lynley stand um halb fünf mo
rgens an der Küchenanrichte
und trank eine Tasse
des stärksten Kaffees,
den er hatte brauen
können, als seine Frau sich zu ihm gesellte. Helen stand in der
Tür, blinzelte gegen das Licht der Deckenleuchte und verkno-
agte er und fügte mit einem
Lächeln hinzu: »All die Sorgen über Taufkleider?«
»Wo hier hinten?«, genau wie er sollte.
le Klebeband, die Wäschelein
e und das Messer. Vor allem
das Messer. Der Junge sah nichts davon, denn genau wie
seine Vorgänger war er nur ein männlicher Teenager mit
der Sehnsucht nach dem Verbotenen, die männlichen Tee-
nagern zu eigen war, und hi
Bier repräsentiert. Bei einer früheren Gelegenheit hatte ein
Verbrechen das Verbotene repr
Grund, warum er nun für Strafe ausersehen war.
Der Junge hatte sich auf seinem Sitz nach hinten gedreht
war sein Oberkörper ungeschützt, und diese Haltung er-
Fu drehte die Lampe um un
d drückte sie gegen den Kör-
per des Jungen. Zweitausend Vo
lt schossen in sein Nerven-
Fragen stellen konnte, die den Gefängnisaufenthalt seiner
Mutter zur Sprache bringen würden und Fu somit Gele-
genheit boten, ein weiteres trügerisches Band mit dem Jun-
war die Sorge eines Teenagers, als uncool dazustehen. »Für
so ne Kirchengruppe, die sich in einem Laden an der
Finchley Road trifft.«
»Klingt gut.« Aber in Wahrhe
it tat es das ganz und gar
nicht. Die Vorstellung, dass der Junge einer Kirchenge-
meinschaft angehörte, gab Fu zu denken, denn es waren die
Jungen ohne soziale Bindungen, die er wollte. Doch im
nächsten Moment erklärte der Junge das Ausmaß … oder
seinen Mangel … an Frömmigkeit und Beziehung zu ande-
ren. »Ich bin in Pflege bei Reverend Savidge.«
eser ƒ Kirchengruppe?«
»Er und seine Frau. Oni. Sie ist aus Ghana.«
»Aus Ghana? Erst vor kurzem hergekommen?«
Der Junge zuckte die Schultern. Das schien eine Ange-
wohnheit zu sein. »Keine Ah
nung. Seine eigenen Vorfahren
sind von dort. Reverend Savidges Vorfahren. Sie haben dort
gelebt, bevor sie mit einem Sklavenschiff nach Jamaika ver-
»Ich hab meinen Dad ein Ma
meinem Vater Frieden zu schl
ießen, wieder mal ohne Er-
sich, aber Fu wusste, für den Jungen war es von größter Be-
deutung. Es schuf mit dreizehn kurzen Worten eine Atmo-
rung, offensichtlich genug, um von ei-
aber subtil genug, um anzu
chene ein Band zwischen ihne
Fu fühlte sich selbstsicher. Er
elle gefunden,
wo er jedes Mal problemlos parken konnte, wenn er in der
Gegend war. Dieser Parkplatz
befand sich in einer Straße,
wo auf einer Seite eine bemooste Ziegelmauer stand, die die
Einfriedung einer Schule bilde
te, auf der anderen Seite lag
liebt hatte. Als Konsequenz war er von seiner Familie ver-
stoßen worden, für alle Zeiten ein Paria in den Augen sei-
ner Verwandten. Von allen Mens
chen auf der Welt wäre er
nutzen. Dad sagt, ich habe ‰b
is auf weiteresˆ Hausarrest,
und ich finde, das ist überhaupt nicht fair.«
Hausaufgaben, dachte Barbara. Hadiyyah war eine ver-
antwortungsvolle Schülerin. Barbara blieb einen Moment
»Das Jugendamt hier vor Ort?«, fragte Nkata. »Könnte es
sein, dass die ihm einen Kurs ve
sie den Kids Arbeit?«
den Leuten steckt, und das hier ist so ein Fall. Es fängt
Nicht, wenn irgendjemand ein bisschen Interesse zeigt,
wollte Nkata entgegnen. Nichts war vorherbestimmt.
Aber er sagte nichts. Er hatte die Informationen erhalten,
Pentonville einsaß, gab es noch einen weiteren Bruder, der
Er fragte: »Alles in Ordnung, Navina? Kann ich irgend-
jemanden für Sie anrufen?«
Umgebung aufwuchsen, wo niemand sicher und wo jeder
wann wieder zu Verstand gekommen wäre und eingesehen
hätte, dass das Leben mehr zu bi
wollten zusammen eine Zukunft
haben, und er wollte diese
chen gelernt und wollte ein
richtiger Chefkoch werden. Sie können hier jeden danach
fragen, dann hörn Sie ja, was die Leute sagen.«
Kochen. Chefkoch. Nkata zog sein schmales Ledernotiz-
buch hervor und notierte die Wo
rte mit Bleistift. Er brachte
es nicht übers Herz, Navina mit weiteren Fragen zu be-
und die haben meinen Namen
aufgeschrieben und Jareds
und keinen Finger krumm gemacht.« Sie fing an zu weinen.
Nkata stand von seinem Stuhl auf und trat zu ihr. Er leg-
te ihr die Hand auf den Nacken. Er fühlte sich schlank un-
ter seinen Fingern an, die Haut warm, und mit einem Mal
konnte er sich vorstellen, wie anziehend sie gewesen war,
ehe ein Zwölfjähriger sie geschwängert hatte, sodass sie auf-
gedunsen und ungelenk wirkte.
»Es tut mir Leid«, sagte er.
»Die Beamten hätten Ihnen zuhören sollen. Ich komme
nicht von deren Revier.«
Sie hob das tränennasse Gesi
cht. »Aber Sie haben doch
gesagt, Sie sind ein Bulle ƒ von woher?«
Er erklärte es ihr. Dann brachte er ihr, so schonend er
konnte, den Rest bei: Dass der Vater ihres Babys einem Se-
rienmörder zum Opfer gefalle
lich schon tot gewesen war, dass er eines von vier Opfern
war, alle halbwüchsige Jungen, die zu weit entfernt von zu
Hause aufgefunden worden wa
ren, als dass irgendjemand
sie hätte wiedererkennen können.
Navina lauschte, und ihre
dunkle Haut schimmerte un-
über ihre Wangen liefen.
Nkata fühlte sich hin- und hergerissen zwischen dem
Wunsch, sie zu trösten, und dem Bedürfnis, sie mit ein paar
deutlichen Worten zur Vernunft zu bringen. Was hatte sie
?, hätte er gern gefragt. Dass ein drei-
zehnjähriger Junge bis ans Ende
sterben könnte … wenn sie
ten, die keine dreißig wurden …, sondern weil er irgend-
Babys. Aber er fragte nicht.
»Wann war das?«
zu schnell.« Er zog einen Stuh
l vom Tisch herüber und wies
darauf. In diesem Moment kam eines der Kleinkinder in
die Küche gewatschelt. Die Pampers hing ihm fast auf den
Knien, und Navina nahm sich einen Moment Zeit, um das
Kind zu wickeln. Sie riss die alte Pampers herunter und
warf sie in den Schwingdecke
leimer … die Landung gelang
glücklicherweise …, legte ihm, ohne die Kotreste von seiner
Haut zu entfernen, eine frische an. Danach kramte sie ein
Trinkpäckchen hervor, drückte es dem Kind in die Finger
und überließ es ihm selbst, eine Methode zu entwickeln,
den kleinen Strohhalm in das vorgesehene Loch zu stoßen.
Dann ließ sie sich auf den Stuhl sinken. Die ganze Zeit über
»Eine Frau drüben in North Peckham hat mir gesagt, Sie
ist«, begann er. »Stimmt das?«
Navina kniff die Augen zusammen. Sie nahm einen tie-
Navina erwies sich als sechzehnjähriges, hochschwange-
jüngeren Schwestern und zwei Kleinkindern in Pampers.
Im Verlauf seiner Unterhaltung mit dem Mädchen erfuhr
Nkata nicht, zu wem die Kleinen gehörten. Im Gegensatz
zu den Bewohnern von North Peckham war Navina nur
allzu bereit, mit der Polizei zu
sprechen. Eingehend studier-
te sie Nkatas Dienstausweis, noch eingehender Nkata selbst,
ehe sie ihn in die Wohnung bat. Ihre Mutter war bei der
Arbeit, erklärte sie, und die anderen … womit sie offenbar
die übrigen Kinder meinte … konnten selbst auf sich aufpas-
sen. Sie führte ihn in die Küche. Dort lagen mehrere Hau-
fen Schmutzwäsche auf dem Tisch, und die Luft war ge-
schwängert vom Geruch nach Wegwerfwindeln, die drin-
gend weggeworfen werden mussten.
Jared Salvatore … das zweite Opfer ihres Mörders, den sie in
Ermangelung eines anderen Namens »Roter Transit« zu
nennen begonnen hatten … hatte
Leiche. Ich meine Kimmos Leiche. Keiner der Berichte sagt
Er schaute sich nach seinem Thunfisch-Sandwich um, sah
es in der Durchreiche stehen und ging hin, um es sich selbst
zu holen. »Augenblick mal, Freundchen, du bist gleich
dran«, sagte die Kellnerin.
Blinker ignorierte sie und br
Doch er nahm nicht wieder Platz. Er begann auch nicht zu
das Sandwich in seine ge-
Geruch an sich. Als hätten sie
was sie mit dir anstellen wolle
n, und davon ist ihre Haut
ganz ölig und schwitzig. Ich hab ihm gesagt, das ist alles
»Und verzichten auf Ihre Spagh
wir ein kleines Geschäft mit denen gemacht. Davon hatten
wir genug Kohle, sodass wir am nächsten Abend nicht wie-
der los mussten, und Kimmo ha
sowieso, dass er mal einen Abend zu Hause bleibt.«
»War das üblich?«, fragte Lynley.
»Quatsch. Darum hätt ich wissen müssen, dass was faul
ist, als er das sagte, aber ich hab nicht drüber nachgedacht,
weil es mir auch in den Kram passte, nicht wieder loszuzie-
hen. Ich wollte was in der Glotze sehen ƒ und ein paar an-
dere Kleinigkeiten erledigen.«
»Zum Beispiel?«, fragte Havers. Als Blinker nicht ant-
Tatsache: Wenn Sie dafür bezahlt werden, ist es keine wah-
re Liebe. Und Sie haben sich dafür bezahlen lassen, richtig?
War das nicht das, was Sie gesagt haben? War nicht das der
Grund, warum Sie am nächsten Abend nicht wieder loszie-
hen mussten? Weil Kimmo Ihnen wahrscheinlich genug Geld
für eine ganze Woche eingebracht hatte mit seiner ‰Unter-
er hatte dafür gesorgt, dass sie ein Gummi nahmen ƒ
selbst wenn er sich zugegebenermaßen im entscheidenden
t hatte, um zu gucken, ob
es auch an Ort und Stelle war.
»Ich hab ihm gesagt, es geht nicht drum, dass irgendein
ansteckt
, verdammt«, sagte Blinker. »Es ging genau
um das, was ihm dann ja auch passiert ist. Ich wollte
dass er allein da draußen ist. Nie. Wenn Kimmo auf der
Straße war, dann war ich mit ihm auf der Straße. So sollte
»Ah«, erwiderte Lynley. »Allmählich bekomme ich ein
Bild. Sie waren also Kimmo Thornes Zuhälter.«
»Hey, so wars nicht.« Blinker klang gekränkt.
»Sie waren also
sein Zuhälter?«, hakte Barbara
nach. »Wie würden Sies denn nennen?«
»Ich war sein Kumpel«, stellte Blinker klar. »Ich hab die
Augen offen gehalten nach allen möglichen Schweinereien,
»Wenn die Welt perfekt wäre ƒ« Lynley entdeckte eine
konferenz und machte sich anschließend auf den Weg zur
Southwark-Kathedrale. Er nahm Barbara Havers mit. Nka-
und sich anschließend auf di
e Suche nach den Angehörigen
des Jungen zu machen. Dann brach er mit Havers Richtung
Westminster Bridge auf.
Als sie das Verkehrschaos rund um Tenison Way hinter
bungslos. Fünfzehn Minuten, nachdem sie die Tiefgarage
tz in Bayswater entdeckt
worden war, unzweifelhaft identifiziert. Winston Nkata
hatte einen Abstecher zum Pentonville-Gefängnis gemacht,
um Fotos ihres zweiten Opfers einem gewissen Filipe Salva-
tore zu zeigen … der dort we
sollten, die männlich, allein stehend und zwischen fünf-
undzwanzig und fünfunddreißig
Jahre alt waren, reduzierte
diese Menge nicht auf eine überschaubare Anzahl.
Die ganze Situation weckte in Lynley die Sehnsucht nach
dem Leben eines Kinodetektivs: eine kurze Phase harter
Arbeit, eine längere Phase des scharfsinnigen Nachdenkens,
Schurken zu Land, zu Wasser,
durch dunkle Gassen und im
Schatten von Hochbahngleisen verfolgte, ihn schließlich ge-
fügig prügelte und sein geröcheltes Geständnis vernahm.
Aber so war es nicht.
Doch kurz nach einem weiteren Auftritt vor der Presse
ergaben sich in unmittelbarer Folge drei hoffnungsvolle
Lynley kehrte gerade rechtzei
tig in sein Büro zurück, um
einen Anruf von SO
entgegennehmen zu können. Die
Analyse der schwarzen Rückstände auf allen Leichen und
bare Information zutage ge-
fördert: Der Lieferwagen, nach
dem sie suchten, war aller
Wahrscheinlichkeit nach ein Ford Transit. Diese Rückstän-
de ergaben sich aus dem Abrieb einer nicht serienmäßig
hergestellten Gummimatte, die vor zehn bis fünfzehn Jah-
es Fahrzeugtyps angeboten
worden war. Diese Eingrenzung auf den Ford Transit wür-
de die Liste, die sie vom Straßenverkehrsamt in Swansea
bekommen hatten, deutlich verkürzen … in welchem Um-
fang, würden sie allerdings erst wissen, wenn sie die Daten
in den Computer eingegeben hatten.
Als Lynley mit dieser Nachricht in die Einsatzzentrale
ten aufgefallen war. Bislang
hatten sie nichts Brauchbares
Derweil hatte Team zwei hier und da auf den Busch ge-
klopft, um Zeugen aus der Deckung zu locken, die irgend-
Während dieser Zeit hielt die
Pressestelle die Medien wie
beanspruchte AC Hillier Winston Nkata … und häufig auch
Lynley … als Staffage für di
mit dem Titel: »Ihre Steuern bei der Arbeit«. Und wenn-
musste sie schnellstmöglich loswerden, sonst wäre er bald so
verloren wie ein Junkie, der an
The Strand in einem Hausein-
gang schlief. Also versuchte
er es noch einmal: »Mrs. Ed-
wards, ich weiß, dass Dan oft allein ist, weil Sie arbeiten müs-
sen. Das ist weder gut noch schlecht, das ist einfach, wie es ist.
Ich will ja nur, dass Sie Bescheid wissen, was in der Stadt vor
sich geht.«
»Okay«, sagte sie. »Ich habs
kapiert.« Sie trat an ihm vor-
wollen, sondern weils eben so ist. Was ich sagen wollte, war
nur das: Dieser Scheißkerl schnappt sich Jungen in Dans Alter
und bringt sie um, und ich will ni
cht, dass das Dan passiert.«
»Er ist nicht blöd«, entgegne
te Yasmin knapp, doch er
merkte, dass ihre Gelassenheit nur gespielt war. Sie war
ebenfalls nicht blöd.
»Das weiß ich, Yas. Aber er ƒ« Nkata suchte nach den
richtigen Worten. »Man merkt, dass er so was wie eine Va-
zu übersehen. Und soweit wir
beurteilen können, sind die Jungen freiwillig mit ihm mit-
gegangen. Sie wehren sich nicht. Niemand sieht irgendwas,
weil es nichts zu sehen gibt, weil sie ihm trauen, okay?«
»Daniel würde nie mit irgendeinem ƒ«
»Wir glauben, dass er einen Lieferwagen fährt«, fiel Nka-
ta ihr ins Wort, obwohl ihre
Verächtlichkeit offensichtlich
Dieser letzte Junge war weiß, aber es sieht so aus, als wären
alle anderen gemischtrassig. Und jung, Mrs. Edwards. Kin-
Sie warf einen schnellen Blick auf die Küchentür. Er
wusste, was sie dachte: Ihr Daniel passte exakt in das Op-
auf ein Bein und sagte zu Nkata: »Alle am anderen Them-
seufer. Das hat mit uns hier nichts zu tun. Also, warum
sind Sie wirklich hier, wenn die Frage Sie nicht stört?« Sie
sagte es, als könnten ihre Worte und der schroffe Tonfall
sie vor der Angst um die Sicherheit ihres Jungen bewahren.
Ehe Nkata antworten konnte, kam Daniel zu ihnen zu-
rück, eine dampfende Kakaotasse in der Hand. Er schien
dem Blick seiner Mutter auszuweichen und sagte zu Nkata:
Echter
nen Sie mehr Zucker haben.«
»Danke, Dan.« Nkata nahm dem Jungen den Becher ab
und legte ihm die Hand auf die Schulter. Daniel grinste und
trat von einem nackten Fuß auf
den anderen. »Sieht aus, als
wärst du gewachsen, seit ich di
Nkata hob die Hände zu einer Geste der Kapitulation.
»Mrs. Edwards, hab ich Sie seit
oder? Ich glaube, Sie können mir vertrauen.«
Sie schien sich das durch den Kopf gehen zu lassen, wäh-
nicht darum zu kümmern, was er
dort vorfand, aber gegen
seine Neugier war er machtlos. Als er Yasmin Edwards
kennen gelernt hatte, hatte sie eine Beziehung mit einer
deutschen Frau, die genau wie
Knast gesessen hatte. Also fragte
er sich, ob es eine Nach-
folgerin für die Deutsche gab.
sich Zeit, sie anzuziehen und bis zum Hals zuzuknöpfen.
es geht um Dan.«
Sie wirkte erschrocken, auch wenn sie sich bemühte, es
zu verbergen. Doch da sie irgendeinen faulen Trick erwar-
erkannt hatte. Doch im nächsten Moment drückte sie den
Knopf, der den Lift freigab. Die Tür glitt auf, und Nkata
icht an der geöffneten Woh-
nungstür auf ihn warten, doch diese war so fest verschlos-
sen wie eh und je, und als er näher kam, sah er, dass auch
die Vorhänge am Wohnzimmerfenster zugezogen waren.
wohl er hier nur seinen Job machte? Er kam einfach nicht
dahinter.
Allerdings wusste Nkata sehr wohl, dass er sich selbst be-
log. Es gab ein halbes Dutzend guter Gründe, warum er zö-
gerte, zu der Wohnung im dritten Stock hinaufzufahren.
Und das, was er der Frau, die do
Ah, dachte Fu. Die Fahrt quer durch London war das Risi-
ko also doch wert gewesen. Was sich ihm hier offenbarte, war
sogar den Zusammenstoß mit dem Rüpel auf der Treppe
wert. Denn im Gegensatz zu allen bisherigen Gelegenheiten,
da Fu den Jungen hatte beobachten können, zeigte der Er-
wählte sich hier unmaskiert.
Er trug einen Zorn in sich, der Fus eigenem entsprach.
Der bedurfte in de
Zum zweiten Mal fuhr Winston Nkata nicht direkt nach
Hause. Stattdessen folgte er
dem Fluss bis zur Vauxhall
bem Weg zu dem hellen Raum st
and eine Trophäenvitrine.
erreicht, als eine Stimme aus dem Nirgendwo fragte:
»Suchst du was, Mann?«
Es war eine schwarze Männerstimme, nicht übermäßig
stehen, aber es war weniger als die zwischen Vater und
Sohn. Denn es gab keinen Vater. Fu wusste das. Also dieser
Mann ƒ Dieser Mann war wohl ƒ Vielleicht hatte er doch
schwarz, weiß, asiatisch und orientalisch. Man hörte ein
Dutzend verschiedener Sprachen
, und auch wenn keine der
Gruppen deplatziert wirkte, taten die Individu
en es umso
Das lag an der Angst der Menschen, das wusste Fu. Miss-
Tür entfernt ein, mit Blick auf die Treppe. Ihre Fahrt erwies
verstopfte Straßen. An jeder
Haltestelle konzentrierte Fu
seine Aufmerksamkeit auf die Tür. Während der Fahrt un-
terhielt er sich damit, die üb
rigen Fahrgäste zu beobachten:
schreienden Kleinkind, die
Schulmädchen mit offenen Mänteln und aus dem Rock-
bund gezogenen Blusen, die asiatischen Halbwüchsigen, die
Greater London zu finden, und ihm war nicht klar, wie
Doch der Psychologe schien sich dessen bewusst zu sein.
es ja eine echte
Wissenschaft, die sich auf unwiderlegbare empirische Be-
weise stützte …, aber er selbst
hatte nie dazu gezählt. In der
Praxis hatte er es immer vorgezogen, den eigenen Verstand
zu benutzen und die Fakten durchzusieben, statt zu versu-
chen, aus diesen Fakten ein Porträt eines vollkommen Un-
bekannten zusammenzusetzen. Abgesehen davon erkannte
er nicht, inwieweit es sie in dieser Situation weiterbringen
»Wenn wir das Lendentuch als Wiedergutmachungsim-
auf der Stirn. Wenn wir den
»Was halten Sie von diesem Zeichen?«, fragte Lynley.
Robson nahm eines der Fotos zur Hand, auf dem das
»Es sieht aus wie ein Brand-
zeichen, oder? So wie man Rinder markiert. Ich meine das
Zeichen selbst, nicht wie es gemacht wurde. Ein Kreis mit
zwei doppelköpfigen Kreuzen, die ihn vierteln. Es hat of-
fensichtlich eine bestimmte Bedeutung.«
»Sie meinen also, es ist keine Signatur wie die übrigen
»Ich sage, es ist mehr als eine Signatur, weil es zu aus-
gefallen ist, um nur eine
Unterschrift zu sein. Warum
nimmt er nicht ein schlichtes X, wenn er sein Zeichen auf
der Leiche hinterlassen will? Warum kein Kreuz? Warum
nicht eine seiner Initialen? Sie wären schneller auf dem
Opfer angebracht als dies hi
er. Insbesondere wenn man
berücksichtigt, dass Zeit vermutlich ein essenzieller Fak-
»Das heißt, dieses Zeichen dient zweierlei Zielen?«
nstler signiert sein Werk,
bevor es fertig ist, und die Tatsache, dass für dieses Zeichen
Lynley hatte das Gefühl, dies gehe zu weit. Den Rest war er
bereit zu schlucken, denn er
ergab einen Sinn. Aber Wieder-
gutmachung? Reue? Trauer? Warum sollte er es viermal tun,
wenn er es anschließend bedauerte?
Robson sprach, als hätte Lynl
ey seinen Zweifeln Ausdruck
verliehen: »Sein Konflikt ist einerseits der Zwang zu töten,
den der Stressor ausgelöst hat
und der nur durch den Akt des
Tötens befriedigt werden kann, und andererseits das Wissen,
dass das, was er tut, falsch ist. Und er
das, selbst wenn
»Waren es die Opfer, die ihm einen Strich durch die
Rechnung gemacht haben?«
»Nein. Eine Stresssituation hat ihn auf diesen Kurs ge-
bracht, aber nicht das Opfer ist die Ursache.«
»Wer dann? Oder was?«
ratsantrag. Ein verlorener Rech
lust. Die Zerstörung seines Heims durch Feuer, Hochwas-
Ergebnisse haben nichts mit Kristallkugeln, Tarotkarten
oder den Eingeweiden irgendwelcher Opfertiere zu tun.«
Das klang nach der sanften elterlichen Zurechtweisung
eines eigensinnigen Kindes, und Lynley erwog ein halbes
Dutzend Möglichkeiten, die Oberhand zurückzugewinnen.
im Lauf der Jahrzehnte, währ
end sie Serienmörder gejagt
hatten, alle Informationen gesammelt und inhaftierte Se-
rienmörder dutzendweise befragt hatten, war herausge-
kommen, dass es gewisse Über
einstimmungen im Verhal-
ten gab, auf deren Vorhandensein im Profil bestimmter
Verbrecher man sich verlassen
konnte. In diesem Fall durf-
ten sie beispielsweise mit Sicherheit davon ausgehen, dass
die Morde Machtdemonstration
en waren, wenngleich der
Täter sagen würde, dass er au
s einem völlig anderen Grund
Robson betrachtete ihn gelassen. Die Augen hinter den
minanten Elternteil zusammen.
Trotz allem, was Lynley bereits über Profiling wusste,
Georges Gardens abgeladen ha
le Weise signalisieren, dass sie auf Augenhöhe waren. Trotz
seiner zurückhaltenden Art war Robson offenbar niemand,
ter und die Unterlagen, die L
ynley ihm tags zuvor zur Ver-
aber wisse, was Profiler taten. Er fügte nicht hinzu, dass er
immer noch unwillig sei, einen in sein Team aufzunehmen,
und dass er in Wahrheit glaube, Robson sei überhaupt nur
Sie sagte dies, weil sie wollte, dass die beiden Frauen bes-
121
riechende Schuhe, zusammenge
knüllte Unterhosen unter
Mum wollte zuerst die Sprache lernen, und das dauerte
Piaf bis Madonna. Der Junge hatte einen weitreichenden
Geschmack, das musste man ihm lassen.
»Woher hatte er die Kohle für all das hier?«, fragte Bar-
bara, nachdem Tante Sal sie a
llein gelassen hatte, um die
Habseligkeiten des toten Jungen durchzugehen. »Einen Job
»Bringt einen zu der Frage, was Blinker ihm wirklich
zum Verkaufen gegeben hat«, erwiderte Nkata.
»Drogen?«
Er wiegte den Kopf hin und he
r. Vielleicht ja, vielleicht
nein. »Eine Menge von was auch immer«, sagte er.
»Wir müssen diesen Typen finden, Winnie.«
»Das sollte nicht schwierig sein. Irgendwer in der Sied-
lung kennt ihn bestimmt, wenn wir lange genug rumfragen.
Irgendwer kennt sie immer.«
Sie fanden in Kimmos Zimmer wenig Nützliches für ihre
Ermittlung. Ein kleiner Stapel Grußkarten … Geburtstag,
Weihnachten und ein paar zu
Ostern, alle unterschrieben
mit: »Alles Liebe, Schatz, vo
n Mummy und Dad« … war in
einer Schublade versteckt, zusammen mit einem Foto von
einem braungebrannten Paar in den Dreißigern auf einem
Balkon vor einer sonnigen, südländischen Kulisse. Unter
einem Häuflein Modeschmuck auf dem Frisiertisch kam
ein vergilbter Zeitungsartikel über ein transsexuelles Model
zutage, das in grauer Vorzeit von den Boulevardzeitungen
isurenzeitschrift hätte unter
anderen Umständen vielleicht
auf einen Berufswunsch hin-
deuten können.
Davon abgesehen fanden sie hauptsächlich solche Dinge,
Zeug gegeben hatte, das Kimmo
nur um dann beim Verkauf gestohlener Gegenstände er-
wischt zu werden. »Aber dieser
Sie sagten, er sei wie üblich
gegen sechs nach Hause ge-
kommen, und wie üblich hatte
n sie zusammen zu Abend
»Leggings, Stiefel, ein viel zu großer Pulli, diesen hüb-
aber sie hat sich von mir nichts sagen lassen. Es hat sie ver-
dammt mitgenommen, unseren Kimmo so daliegen zu se-
hen. Er war ein guter Junge. Ich hoffe, sie hängen den Kerl,
Barbara Havers bestand dara
uf, dass sie ihren Wagen nah-
»Ich rede von dem Öl, Dr. Okerlund. Wird es für irgend-
112
ergebnis steht noch aus), Haare, Öl (Laborergebnis steht noch
DNA-Spuren … keine.
Lynley las die Berichte ein Mal, dann ein zweites Mal. Er
nahm den Hörer ab und rief SO
an, das Forensiklabor
südlich der Themse. Der erste Mord lag Ewigkeiten zu-
rück. Inzwischen mussten sie doch sicherlich ein Untersu-
chungsergebnis über das Öl
und die schwarze Substanz
haben, die auf dem ersten Leichnam gefunden worden
waren, ganz gleich, wie erdrückend ihre Arbeitslast sein
mochte.
Auch wenn einem der Kragen
hatten noch nichts über die schwarze Substanz, und »Wal«
war die einzige Antwort, die er bekam, als er endlich den
111
wähnte noch einmal Trödelmä
rkte, doch beim zweiten Mal
Lynley forderte sie alle auf, weiterzumachen. Nkata trug
er auf, weiterhin zu versuchen, die Familie des vermissten
Jungen zu erreichen, der möglicherweise eines der Opfer
war. Havers sagte er, sie solle
fortfahren … ein Befehl, dem sie nicht aus vollem Herzen
folgte, wenn ihr Gesichtsausdruck nicht täuschte …, und er
selbst kehrte in sein Büro zu
110
»Na schön. Ich kümmere mich darum«, sagte er. »Ich
schicke auch jemanden zu der alten Schachtel in der Han-
»Und St. Georges Gardens?«, fragte Lynley.
Da sah es ein bisschen hoffnungsvoller aus, berichtete Ste-
wart. Laut einem DC der Theobalds-Road-Wache, der die
Umgebung abgeklappert hatte, gab es eine Frau, die im
hört zu haben, wie das Tor zu
war ihr aufgegangen, dass es zum Öffnen des Parks viel zu
früh war. Bis sie aufgestanden war, ihren Morgenrock an-
gegangen war,
sah sie nur
noch einen Lieferwagen wegfahren. Er fuhr unter einer
Straßenlaterne vorbei, während sie hinausschaute. Er war
»ziemlich groß« nach ihrer Beschreibung, und sie glaubte,
die Farbe war Rot.
»Das reduziert die Möglichkeiten aber nur auf ein paar
hunderttausend Lieferwagen in London«, fügte Stewart be-
Notizbuch zu, sein Bericht
war abgeschlossen.
»Es muss sich trotzdem jemand in Swansea einloggen
und Fahrzeugdaten überprüfen«, sagte Barbara Havers zu
»Das ist absolut hoffnungslos, Constable, und das sollten
Sie wissen«, widersprach Stewart.
Park deponiert worden war. Ein Detective Constable war
dabei, sie telefonisch abzuklappern und nachzufragen, ob
einer sich an irgendein Fahrzeug erinnere, das entlang der
adteinwärts führenden Straßenseite ab-
gestellt gewesen sei. Ein weitere DC war aus dem gleichen
Grund mit allen Taxi- und
überflog das Material und
erklärte dann, dass er mindes
tens vierundzwanzig Stunden
brauchen werde, um es auszuwerten.
Das sei kein Problem, versicherte ihm Lynley. Das Team
Gesichtsausdruck wurde von einem ergrauten Spitzbart
verdeckt, und als er nickte, fiel eine Strähne des schütteren
Haars in seine Stirn. Er schob sie zurück. Ein goldener Sie-
gelring funkelte kurz im Licht auf. »Ich freue mich, Ihnen
helfen zu können«, sagte er. »Ich brauche die Polizeiberich-
»Der Superintendent wird Ihnen alles Notwendige zur
Verfügung stellen«,
versprach Hillier. Und an Lynley ge-
wandt, fuhr er fort: »Halten Sie mich auf dem Laufenden.«
Er nickte Robson zu und ging Richtung Aufzüge davon.
dass dessen Anwesenheit den Zweck erfüllte, die Ermittlung
in den Augen der Journalisten aufzuwerten. Und auch wenn
er weder für Zeitungen noch
für das Fernsehen viel übrig
hatte … betrachtete er das Sammeln und Verbreiten von In-
ich entscheide, was er zu sehen bekommt und was nicht.«
»Abgemacht«, stimmte Hillier zu.
Sie traten wieder auf den Flur hinaus, wo Hamish Rob-
»Die haben Sie bislang und werden Sie auch weiterhin
»Und der Profiler bleibt.«
»Sir, beim derzeitigen Ermittlungsstand brauchen wir
keinen Psycho-Hokuspokus.«
»Wir brauchen jede Hilfe, die wir kriegen können!« Hil-
liers Stimme wurde laut. »Es wird keine vierundzwanzig
schrei anstimmen. Das wissen Sie verdammt genau.«
»Das ist richtig. Aber wir beide wissen ebenso gut, dass
sen schien er froh über die Anweisung, die es ihm ermög-
lichte, zu zeigen, wo se
ine Loyalitäten lagen.
Nachdem er hinausgegangen war, ergriff Hillier als Ers-
ter das Wort. »Sie verhal
ten sich unangemessen.«
»Bei allem Respekt«, entgegnete Lynley, obwohl er so gut
wie keinen empfand, »ich denke, Sie verhalten sich unan-
gemessen.«
»Was fällt Ihnen ein ƒ«
»Sir, ich werde Ihnen täglich Bericht erstatten«, sagte
Lynley geduldig. »Ich bin gewillt, mich an Ihrer Seite vor
die Fernsehkameras zu stellen, wenn Sie es wünschen, und
DS Nkata zu zwingen, das Gleiche zu tun. Aber ich werde
die Leitung dieser Ermittlung nicht an Sie abgeben. Sie
müssen sich heraushalten. Nur so kann es funktionieren.«
»Wollen Sie ein Disziplinarverfahren? Glauben Sie mir,
»Tun Sie, was Sie für nötig halten«, erwiderte Lynley.
»Aber, Sir, Sie müssen sich
101
Mal klar machen musste, dass nicht der Assistant Commis-

Приложенные файлы

  • pdf 14693661
    Размер файла: 4 MB Загрузок: 1

Добавить комментарий