Markus Werner — Am Hang


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Der junge Scheidungsanwalt Clarin freut sich auf ein ungestrtes
Pfingstwochenende in seinem Te
ssiner Ferienhaus, wo er einen
Aufsatz fr eine Fachzeitschrift schreiben mchte. Am ersten
Abend lernt er auf der Terrasse des Hotels Bellavista einen lte-
Verwirrten, einen Verrckten
vielleicht. Sie reden und debattieren bis tief in die Nacht, und
allmhlich erzhlen sie sich auch
ihre Geschichten und Liebesge-
schichten. Was als stockendes Gesprch zwischen Zufallsbe-
kannten begonnen hat, entwicke
lt eine fiebrige, beklemmende
Dynamik, der sich weder Clarin
noch der Leser entziehen kann.
Es sind zweifelhafte Umstnde, unt
er denen Loos seine geliebte,
fast vergtterte Frau verloren ha
t, und dieser Ve
rlust scheint ihm
die Welt schwer und verhasst zu machen. Clarin hingegen lebt
leicht und gern. Ferner knnten
zwei Menschen einander nicht
sein. Wie nah sie sich sind, stellt sich erst spt heraus.
Am Hang nimmt den Leser von
der ersten Zeile an gefangen.
Die Verdichtung und Leichtigkeit, das Unergrndliche und
gleichzeitig Glasklare des Werner
schen Erzhlstils
bt eine ma-
der neue, andere Nahrung erhlt
genden Verirrungen und fatalen Leid
enschaften der beiden Figu-
ren, liebt und leidet man mit
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Markus Werner,
geboren 1944 in der Schweiz, lebt in Schaffhau-
sen. Am Hang ist sein siebter Roman. Seine Bcher wurden in
Hebel-Preis (2002). Bisher ersc
hienen sind: Zndels Abgangs
Froschnacht, Die kalte Schulte
r, Bis Bald,
Festland und
Das Hrbuch von Am Hang ist als Lesung
erschienen und im Buchhandel erhltlich.
ISBN 3-89813-401-6
Verffentlicht im Fischer Taschenbuch Verlag,
einem Unternehmen der S.Fischer Verlag GmbH,
Frankfurt am Main, Januar 2006
Scan by Brrazo 07/2006
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung
der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
2004 S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
ISBN 3-596-16467-2
Alles dreht sich. Und alles dreht sich um
weise bin ich sogar versucht mi
r einzubilden, er schleiche in
diesem Augenblick ums Haus
mit oder ohne Dolch. Dabei
ist er ja abgereist, heit es
, und ich hre nur Grillen und aus
Da fhrt man ber Pfingsten in
s Tessin, um sich in Ruhe
zu vertiefen in die Geschich
te des Scheidungsrechts, und
dann kommt einem dieser Unbeka
nnte in die Quere, dieser
Loos, und bringt es fertig, mi
ch so aufzuwhlen, da alle
Sammlung hin ist. Den Rest hat
mir Eva gegeben, drben in
Cademario, heute, ich bin in
ziemlicher Verwirrung hierher
zurckgefahren und habe die
Juristen-Zeitung angerufen
beziehungsweise, da ja Pfings
tsonntag ist, den Redaktor
privat, um mitzuteilen, da ic
h mich auerstande she, den
Beitrag termingerecht abzuliefe
rn. Eine akute, von Fieber
gesagt und mir whrend des
kurzen Gesprchs mit Daumen
und Zeigefinger die Nase z
ugehalten. Man hre frmlich,
hat der Redaktor gesagt, wie bs es um mich stehe.
Ja, eher bs. Zwar sind die
Hhlen intakt, auch bin ich
Art Stirnfieber bezeichnen. Die Schlfen jedenfalls, auf die
ich meine Finger presse, um
den Tumult dahinter zu dmp-
fen, sind hei, so als erzeugten die hektisch ums immer
Gleiche kreisenden Gedanken Reibungswrme.
Schlafen war schn jetzt, Loos abschtteln, Loos Stze,
die wie Fusseln haften, aus dem Gehirn ausbrsten. Er sel-
ber hat zu mir gesagt: Vergessen Sie das Vergessen nicht,
sonst werden Sie verrckt.
Er mu es wissen. Er sagte
aber auch, freilich in eine
m anderen Zusammenhang, von
chendste und also schlimmste.
so, ich werde diesen Mann nicht los,
indem ich mir befehle, nicht mehr an ihn zu denken. So
wrde er sich nur noch breite
r machen und mein Bewut-
sein noch irritierender verenge
n. Ich kenne das Phnomen,
seit mich Andrea, es ist f
zwanzig, wie einen Schirm ha
t stehenlassen. Inzwischen
wei ich eigentlich, wie man den Mechanismus unterluft
und wie mit einem Durcheinan
der von verfilzten Fden me-
thodisch zu verfahren w
Knuel sorgsam entknoten, entwirren. Das Garn abwickeln,
ohne Hast, und zugleich orde
ntlich und straff aufwickeln
Leicht gesagt, nicht wahr, mein lieber Loos? Dir jeden-
falls ist das grndlich milunge
n, falls du es berhaupt ver-
sucht hast. Hast du? Oder bist du mit
Knuel,
Garn schon immer so wie soll ich sagen so wunder-
lich umgegangen wie auf der Bellevue-Terrasse?
Am Freitag vor Pfingsten hat si
ch der Stau am Gotthard in
Grenzen gehalten, ich bin sc
hon gegen sechs hier ange-
kommen, habe wie blich zuerst den Wasserhaupthahn auf-
gedreht, die Sicherungsschalte
r gekippt, Boiler und Khl-
schrank angestellt und mich da
nn kalt geduscht. Wie blich
habe ich die leeren Flaschen
, die mein Anwaltskollege und
Miteigentmer des Hauses an Ostern hier zurckgelassen
hat, entsorgt. Ein Feuer im Kamin zu machen hat sich nicht
aufgedrngt, der Juniabend war lau. So lau, da ich um acht
nochmals ins Auto stieg, von Agra hinunter nach Monta-
gnola fuhr und vor dem Ho
tel Bellevue oder Bellavista
parkte. Enttuscht habe ich feststellen mssen, da es auf
der Terrasse keinen freien Tisc
h mehr gab, un
d da ich mich
nicht in den verglasten Vorbau
unschlssig stehen, Ausschau ha
ltend nach sthlerckenden
Gsten. Da habe ich ihn entdeckt. Er sa als einziger allein,
und zwar an einem Vierertisch
in der linken Terrassenecke,
ich habe mich aufgerafft, bin zu ihm hingegangen er stu-
dierte die Speisekarte und ha
be ihn auf italienisch gefragt,
ob er gestatte. Er hat kurz aufgeschaut und nichts gesagt.
Ich habe die Frage auf deutsch wiederholt und nach seinem
abwesenden Nicken ihm gegenber Platz genommen.
Es ist mir aufgefallen, da
er, whrend ich auf die Spei-
den Hgeln und Hngen jense
its des Tals. Sein Kopf war
ein Schdel, gro un
d starkknochig, unbehaart bis auf einen
dichten, aber geschorenen Ha
lbkranz von Schl
fe zu Schl-
fe und einen ebenso dichten
und graumelierten Dreitage-
bart. Schwer schien der Kopf, schwer und massig der ganze
Mann, aber die Masse wirkte
nicht so, als schwappe sie
te kompakt. Ich schtzte ihn
auf gut fnfzig. Als mir der Kellner die Karte brachte, be-
stellte der Fremde mit tiefer, leicht nselnder Stimme sein
Essen. Eine Karaffe mit Weiwe
in stand bereits vor ihm, er
auf die Hgel gerichtet, langsam aus. Von mir nahm er kei-
ne Notiz. Ich bltterte in der
Karte, mein Zeigefinger blieb
nig. Bis zu diesem Moment ha
tte ich nicht eine Sekunde an
Valerie gedacht und daran, da
wir beide hier vor lngerer
ich eher wrgend und
wortarm, da innerlich damit beschf-
tigt, mir schonende Stze zur
echtzulegen, ich wollte mich
Die Sonne sank, und whrend
der See unter uns schon an
Farbe verlor, funkelte der Wein
in der Karaffe des Fremden.
Welch ein Goldgelb, hrte ich mich sagen, darf ich fragen,
was Sie trinken? Er wandte
sich mir zu, verzgert, und
schaute mich so an, als nhme er
abweisend, nicht unfreundlich,
nur berrascht sah er mich
an mit hellgrauen Augen, unter denen, es ist mir sofort auf-
gefallen, Schatten lagen. Es
waren keine bermdungsringe
und keine Trnenscke, es wa
te Tnung der Haut, die ich bisher fast nur an indischen
Menschen beobachtet hatte. Entschuldigung, sagte der
sagte ich, ich habe nach dem We
in, den Sie trinken, gefragt.
Es ist ein Weiwein, sagte er
. Obwohl ich nicht unbedingt
annahm, da er mich auf de
n Arm nehmen wollte, wehrte
ich mich und sagte: Das sehe
ich irgendwie. Wie bitte?
fragte er. Ich bi mir auf die Lippen und fragte, ob er mir
seinen Wein empfehle
n knne. Er berlegte eine Weile und
sagte dann: Wir haben ihn i
mmer als stimmig empfunden.
Reis, so wie mein Gegen-
ber, und einen halben Weien. Mein Gegenber rauchte
abgewandt. Ich schlo nicht au
s, da wir uns beide nur halb
verstanden hatten, von Stille
sein an diesem Ort. Nicht
nur umgab uns Geklapper und
Zeit zu Zeit auch ein Flugzeu
g mit blichem Gedrhn, und
selbst der ferne Autolrm im
Tal, vom See verstrkt und
reflektiert, war hier oben noc
h als Rauschen vernehmbar.
Als mein Wein kam, nutzte ich die Gelegenheit, um mich
dem Fremden erneut zu nhern
ich bin ein kontaktfreudi-
ger Mensch und finde es unnatrlich, zu zweit an einem
Tisch zu sitzen und zu schwei
gen , ich hob mein Glas und
sagte: Zum Wohl, mein Name ist Clarin. Er zuckte zu-
tte fiel. Er griff mit der lin-
ken Hand nach seinem Glas und
sagte: Freut mich. Aber
darauf, sich seinerseits vorzuste
llen, schien er verzichten zu
wollen. Ich sah, da er am
Ringfinger zwei Ringe trug,
schlichte Eheringe, und folgerte
daraus, da er wahrschein-
lich Witwer war. Ein Anhaltsp
wenn er sich sonst schon nich
t erschlieen lt wie andere
Menschen, die man nach einer
Viertelstunde, auch ohne mit
ihnen zu reden, ein wenig eino
rdnen kann, zumindest in die
Rubrik sympathisch oder unsymp
athisch. Doch selbst in
dieser Hinsicht kam ich zu ke
inem Urteil. Ich wute nur: er
eder an Valerie denken, an
ihre Undurchsichtigkeit, die mi
ch am Anfang fasziniert und
gegen Ende abgestoen hatte. Da fragte mich mein Gegen-
ber: Wie finden Sie ihn? Nun zuckte
zusammen. Den
Wein? fragte ich. Nein, sagte er, den Blick, den Ausblick.
Ich sagte, ich fnde ihn schn,
Sonne untergegangen sei und
das Panorama gegenber nur
noch aus dunklen Blautnen bestehe, im brigen sei mir die
Landschaft seit Jahren vertraut. Er nickte befriedigt, er sag-
te: Seit Jahren vertraut da
s ist eine einnehmende Wen-
dung, und was die Blautne an
ler? Nein, sagte ich, ich bi
n Jurist, Anwalt, und Sie? So,
sagte er mit einer leichten und,
wie mir schien, fast vercht-
lichen Dehnung, auf die Gegenfrage ging er nicht ein, er
hatte sie wohl berhrt, weil
eben das Essen gebracht wur-
Bevor er zu Messer und Gabe
l griff, senkte er den Kopf
und schlo ganz kurz die Augen.
Natrlich, dachte ich, er
schwarze Jacke, ich htte
frher darauf kommen knnen.
Er a langsam und in sich
gekehrt, ich sprach ihn trotzdem wieder an. Heute, als ich
im Stau am Gotthard stand, sa
gte ich, ist mir pltzlich ein-
gefallen, da ich vergessen ha
lich? Er hrte auf zu kaue
n, schluckte dann und sagte:
ber Staumeldungen freue ich
lich, an Pfingsten aber zngel
n Flammen. Er a weiter,
whrend ich, im Wissen, da man auf Spinner eingehen
mu, nach einer Pause fragte:
Wo zngeln sie denn, die
Flammen? Er lie sich Zeit,
schenkte sich Wein nach,
trank. Sie zngeln, sagte er
dann, ber den Huptern der
zwlf Apostel, und sie symbo
lisieren den Heiligen Geist,
der fnfzig Tage nach Ostern
ber und in sie kommt, um sie
im Wortsinn zu begeistern f
Alle Achtung,
sagte ich, man knnte meinen
, Sie seien Theologe. So,
mich fr keinen Spinner? Ic
h erschrak. Ich fragte, wie er
darauf komme. Die Augen, He
sagte er, und manchmal kann ich einem Satz anhren, wie
der Redende denkt, das geht recht mhelos, solange Blick
wunderte mich, da er sich
meinen Namen hatte merken
heit auf der zweiten Silbe
angebracht. Er tat, als ich ihn danach fragte, als msse er
sich besinnen, dann sagte er: Loos, Loos mit zwei o, wir
sitzen auf dem trockenen, ich
bestelle noch einen, sind Sie
Der Tisch wurde abgerumt, de
r Merlot bianco gebracht,
man hrte aus der Ferne ein Al
phorn. Loos lauschte eher
geqult. Ob es ihn nerve, fragt
e ich. Grundstzlich, sagte er,
habe er gegen das Alphorn al
s solches nichts, das Alphorn
sei ja sozusagen das ideale
Instrument fr Zwerge, und
zweitens liege es ihm fern, linkische Inbrunst zu tadeln, ihn
Auch mir gengten, sagte
ich, die hiesigen und wun-
derbaren Glockenspiele. Si
mich, sagte er, sie sind ein
bin, wehmtigere Klnge sind
nirgends sonst zu haben.
Ich fragte, ob er hier im Bellevue wohne. Ja, sagte Loos und
schaute die Fassade hoch, dort
oben, zuoberst links, dort ist
mein Wachtturm, von dort kann ich hinbersehn, ber die
Bume hinweg und ber das Tal
hinweg und Sie, logieren
Sie auch hier? In Agra, sagt
e ich, ich habe in Agra ein
kleines Ferienhaus. Und da
erholen Sie sich ber Pfing-
sten von Ihren Strapazen als Anwalt?
Nicht eigentlich, sagte ich,
es ist ein Arbeitsaufenthalt,
ich will hier ungestrt schreibe
Loos, wirds ein Roman? Sie
verstehen mich falsch, sagte
ich, es geht um berufliche
Arbeit, um einen rechtshistori-
schen Aufsatz fr eine Juri
sten-Zeitung zum Thema Ehe-
recht, vor allem Scheidungsrecht
, ich habe viel damit zu tun
in meiner Anwaltspraxis, und so
ergab sich nebenbei auch
schwieg und putzte verstimmt
meine Brille. Rckschau ist
immer gut, sagte er, wirklich, Rckschau ist wichtig, wenn
auch nicht zeitgem, ich
ffne den Mund ja kaum mehr,
sage: du hast eine Herkunft, und ich messe dich erstens an
dieser und zweitens an jenen
paar Trumchen, die ich mir
nie habe austreiben lassen da
nn ist sie schon beleidigt und
fhrt mir ber den Mund. Ich
bin nicht sicher, ob ich Sie
richtig verstehe, sagte ich, wo
llen Sie sagen, da Menschen,
die sich ganz dem Heute widmen
, die, wie man sagt, mit der
Zeit gehen, gereizt auf Kritik re
agieren? So ungefhr, sag-
te Loos, aber es ist noch zu
frh. Zu frh wofr? Zu
frh, um ber den Zeitgeist
zu reden und ber das Gezcht
der Anschmiegsamen, ich brau
che vorher noch einige Gl-
ser, und Sie knnen den Grad meiner Einschchterung so-
wohl daran ermessen als auch
daran, da ich auf dieser
schnen Terrasse, seit wir hier s
itzen, kein einziges Mal die
Stirn gerunzelt habe, obwohl do
ch whrend dieser Zeit, ich
habe es gezhlt, nicht weniger als vierzehnmal ein Handy
piepste oder zirpte und so weiter, kurzum, es mu ernch-
ternd sein, nicht wahr, sich st
ndig konfrontiert zu sehn mit
Scheidungssachen, bringt Sie
das nicht in Versuchung, die
Ehe fr undurchfhrbar zu halte
n? Versuchung, sagte ich,
richtige sei Gewiheit. Fast
gentigt, die Ehe als Irrweg
zu sehn beziehungsweise als
glatte berforderung der me
nschlichen Natur, die einfach
zu schweifend scheine, als da
sie sich auf Dauer zhmen
lasse und auch nur die paar Re
geln akzeptieren knne, die,
wrden sie befolgt, die Ehe vi
elleicht mglich machten. Es
spotte jeder Beschreibung, sagte ich, was sich Paare in
Scheidung antten, sei es in
sich whrend der Ehe schon an
Entwertung einstigen Glcks.
Das Verrckteste aber sei,
da sich die Leute, obwohl bere
its jede zweite Ehe geschie-
den werde, von der Heiraterei
nicht abhalten lieen, und als
noch verrckter msse der Umsta
nd gelten, da es sich bei
ber zwanzig Prozent der Eh
eschlieungen um Wiederver-
Loos, der mir mit so gro
er Aufmerksamkeit zugehrt
hatte, da ich meine Darlegung
en gern noch vertieft und
Junggeselle. Ein berzeugter, wie Sie gemerkt haben drf-
ten. Dann ist ja Ihre mensch
liche Natur nicht berfordert,
das freut mich, sagte er, und
whrend ich noch berlegte,
wie er das meinen knnte, mokant oder ernst, sagte er leise:
Mir ist sie Heimat gewesen. Ic
h suchte seinen Blick, Loos
aber schaute bers Tal. Wer? fr
agte ich. Die Ehe, sagte er.
Gewesen? Er nickte. Sind Si
sen Sie, sagte er dann, Ihre
Statistiken sind mir nicht unbe-
kannt, ich wei sogar, da in
Staubmilben toben, und einer
noch verstrenderen Untersu-
chung habe ich entnommen, da deutsche Paare nach sechs
Ehejahren im Schn
der reden und amerikanische
vier Komma zwei. Eben,
eben, sagte ich nur. Und nun frage
ich Sie, fuhr er fort, ob
dieser Befund Rckschlsse
auf die menschliche Natur zu-
lt oder vielleicht doch eh
er und unter anderem aufs
abendliche Fernsehritual.
ich, denn einmal angenommen, das wachsende Schweigen
der Paare liege am wachsende
n Fernsehkonsum, so stellt
sich immer noch die Frage,
warum der Bildschirm einer
Plauderstunde vorgezogen wird.
Es ist nicht so ich hre es
nein, man sieht fern, weil es nichts mehr zu reden gibt, weil
man sich nichts mehr zu sage
n hat, schon gar nichts Neues
oder Spannendes,
es hat sich totgelaufen:
dung, die ich am hufigsten h
re, und daraus schliee ich,
da sich die menschliche
Natur nach Abwechslung und
Farbe sehnt und sich nicht an
Gewohnheit gewhnt. Um
recht zu haben, sagte Loos, ha
ben Sie allzu recht, und wie
gesagt, ich habe es anders erlebt, zum Wohl.
te Ihnen nicht zu nahe
Das interessiert mich nicht,
sagte er. Verzeihung, ich
dachte, das sei unser Thema.
Es ist schon kurios, sagte er,
je herrischer der Zeitgeist in
unsere Seelen sickert und unser
Verhalten bestimmt, um so bor
nierter beruft man sich auf
die Natur des Menschen. Man
knnte meinen, es handle
sich dabei um Heimweh, weil
unsere Natur ja lngst ver-
kmmert ist, und nicht um eine
n Trick, der dazu dient, uns
schaut euch doch die Schimpan
sen an, sie schlieen keine
und bleiben mobil.
Da sich, whrend er sprach
, zwei Fliegen auf seiner
Kopfhaut paarten, schien Loos
nicht zu merk
en. Er ist,
schlo ich auch daraus, seltsa
m erregt, ich mu besnftigen.
Er glaube doch wohl nicht, da
ich Jurist geworden wre,
wenn ich Zurechnungsfhigkeit
und also Schuld in Frage
stellen wrde, sagte ich. Nur se
i es einfach so, da ich mich
nicht verschlieen knne,
und diese zeige einwandfrei,
wie wenig Freiraum uns die
Gene lieen. Loos tr
ank und schttelte den Kopf und sagte,
vor fnfundzwanzig Jahren habe die Wissenschaft noch
einwandfrei bewiesen, da s
ogar Schwachsinn lernbar sei
und da das Individuum bis in sein Mark hinein geformt,
genormt und in der Regel veru
kungen von auen. Ich sagte, die Wissenschaft pflege nicht
stehenzubleiben, ich rumte ab
er ein, da die Wahrheit viel-
leicht in der Mitte liege. Er bat mich, ihn mit der Mitte zu
verschonen, er sei zu alt fr
sie. Ihm schwebe jedenfalls
nicht vor, bis an sein Ende hf
lich auf jede Seite zu nicken,
flchtig Besprochenen. Wie es komme, da die Menschen
glckselig vor dem Fernsehe
r sen, Abend fr Abend,
schtig nach dem Immergleiche
n, nach ihren Serien zum
Beispiel, nach ihren Quizsend
ungen und so fort, deren Be-
liebtheit offenbar darin bestehe,
da sie das Immergleiche
de auf den Schnauzbart eines Moderators oder Talkmasters
fixiert seien und ein Aufheule
n durchs Land gehe, wenn der
Moderator oder Talkmaster ur
pltzlich ohne Schnauzbart
dester Gleichfrmigkeit nur
vor dem Bildschirm rege,
nicht aber im restli
chen Ehealltag. Kaum
nmlich habe man
sich aus dem Fernsehsessel erhoben, denke man schon an
Scheidung, nur weil der Partne
r sich die Zhne so wie ge-
stern putze und anschlieend gurgle wie immer. Wonach,
Die Frage schien mir nicht einfach. Ich sagte, im Augen-
blick sei mir ein wenig khl, ich wolle schnell die Jacke aus
meinem Wagen holen, ob er mich kurz entschuldige. Nicht
hungern, nicht drsten, nicht frieren, sagte Loos, soweit
sind wir uns einig, vielleicht
iteres ein.
, als ich zurckkam, und frag-
te: Und? Ich sah mich als
Gymnasiast vor der Wandtafel
des Lehrers mit einem Blackout reagierend.
Ob mir nicht gut sei, fragte Lo
os. Doch, sagte ich, ich sei
mir nur Sekunden lang so
vorgekommen wie frher, als ich
vom Lehrer geprft worden se
i. Um Gottes willen, rief
Loos, das tut mir leid, nichts lie
gt mir ferner, als den Lehrer
zu spielen, ich habe aus ehr
ein junger Mann mit einem anderen Horizont, mit einem
anderen Wissen, ich aber bin ei
n lterer Herr und nicht frei
shalb ich mich hllisch be-
mhen mu, ein bichen bele
hrbar zu bleiben. Er
schwieg. Ich berlegte mir eine Antwort. Im Tiefsten aber,
sagte er gedmpft, bin ich nicht aufgeschlossen, das ist der
Fluch der Treue. Er gebe mi
r damit das Stichwort, sagte
ich, es sei womglich so, da
unsere Natur nach beidem
verlange, nach Festem und n
ach Flssigem, nach Wiederho-
lung und nach Abwechslung,
nach Halt und Haltlosigkeit.
Loos sagte, er wrde meine
Diagnose unterschreiben, wenn
sie nicht gar so berzeugend klnge. Es sei mir bewut, sag-
te ich, da alles komplexer sei.
Auch das leuchte ein, meinte
Der Kellner wechselte die Aschenbecher. Man hrte fer-
nes Donnern, ich hob den Kopf
und sah nur Sterne. Loos
stieg von ihr auf, und wieder dachte ich an Valerie, der es
schen. Er knne sich tuschen,
Art, wie ich meine Brille geput
zt htte, glaube er gesehen
zu haben, wie selbstverstnd
lich ich im Leben stnde, ob
seine Vermutung stimme. Er sp
innt wohl doch ein wenig,
dachte ich und fragte zurck,
ob er die Art und Weise mei-
selbstverstndlich, sagte er, halt
wie nebenbei und ohne alle
Angst, da eins der Glser sp
ringen knnte, da Ihnen Ihre
Brille aus den Hnden fallen un
d in die Brc
he gehen knn-
te. Von dieser Angst sei ich ta
tschlich frei, sagte ich, und
wre ich es nicht, so stiege
die Wahrscheinlichkeit, da das
sich in stndiger Angst zu stolpern fortbewege, der stolpere
garantiert, kurzum, es sei mi
r vllig fremd, die Dinge des
Lebens schwerer als ntig zu ne
hmen, insofern habe er sich
und trotzdem sei er berzeugt
, da man weit hufiger aus
mangelnder Achtsamkeit stolpe
re als aus Angst vor dem
Stolpern. Er mge mich nicht auf das Stolpern festlegen,
bat ich ihn, ich htte einfach
sagen wollen, da man Un-
glck gleichsam herbeifrchten
knne, was berhaupt nicht
heie, da es nicht auch das
andere Unglck gebe, das uns
als Blitz aus blauem Himmel treffe.
Loos kramte in seiner Jacken
tasche und holte ein kleines,
schwarzes Spiralheft hervor und einen kleinen, schwarzen
Bleistift. Er bltterte und such
te offenbar nach einer leeren
Seite. Obwohl er sich bemhte,
sein Heftchen mit der linken
Hand ein wenig abzuschirmen,
sah ich, da es voll von No-
konnte nicht mehr als ein Wort
sein, und steckte das Heft
wieder ein. Dann sagte er mehr zu
sich selbst als zu mir: Es
ist was dran, immer habe ich
Angst gehabt, meine Frau zu
verlieren, und eines Tages
habe
ich sie verloren, und trotz-
dem wars ein Blitz aus blauem Himmel. Das tut mir leid,
sagte ich. Er nickte und trank.
Nach einer Weile fragte ich,
wann sie gestorben sei. Im
Augenblick knne er darber
nicht sprechen, spter vielleic
ht, sagte er, ich solle ein we-
nig von mir erzhlen, zum Beispiel davon, ob mir mein
Junggesellentum behage. Ich sa
gte, da ich, wie schon er-
whnt, kein Junggeselle wider Willen sei, mein Status sei
gewollt und mir gem. Auf Un
stimmung zu verzichten, sei
undenkbar fr mich und um so
weniger ntig, als man als Unge
bundener die Freuden, die
Vorwurf, ich scheute mich da
vor, Verantwortung zu ber-
nehmen, msse ich von mir we
isen, schon darum, weil ihn
nicht vor Gericht, sagte Loos
, aber erzhlen Sie weiter.
Natrlich komme es manchmal
zu Trnen, sagte ich, wenn
ich einer Frau gegenber, die me
hr von mir erwarte, als ich
investieren knne, ehrlich se
Art Ehe-Elend. Meistens sei
ja die Sache auch bald ver-
schmerzt, ich htte mich zum Be
ispiel heute, auf dieser Ter-
rasse, an eine Freundin erinnert
, mit der ich hier vor lnge-
vor einem traurigen und her
kmmliche Paare selten ver-
schonenden Schicksal. Hier
pausierte ich kurz, um einen
Schluck zu trinken,
und Loos, ganz bei
der Sache, fragte:
Nmlich? Ich habe es schon an
de von der ehelichen Stufenle
iter, die vom Begehren ber
das Mgen ber die liebe Ge
wohnheit ber die Lustlosig-
keit hinabfhrt bis zur Abneigun
g, womglich bis zum Ha,
und dann kommt die Stunde de
r diplomierten oder undi-
plomierten Berater, und vielleic
ht sorgt ein durchsichtiges
Neglig oder ein verzweifelte
Funken, und dann kommt die Stunde des Anwalts.
das Gegenteil. Die Ehe entspr
icht nur wenigen und berfor-
dert die meisten, ich mchte Sie einzig bitten, das Wort
nicht zu verwenden, we
nn Sie von Beziehungen
reden, denn schauen Sie hier
zog Loos den rmel seiner
Jacke ein wenig hoch und zeigte
mir seinen Unterarm, auf
dem ich ein paar rote Tpfchen
sah , schauen Sie, ich bin
ubte an einen Scherz, er aber
blieb ernst und sagte, er lese
oft und gern Kontaktanzeigen,
weil er auf der Hhe der Zeit
bleiben wolle, deren Beschaf-
fenheit sich unter anderem ja
auch in den Kontaktanzeigen
widerspiegle. Da sei er neulich auf die Annonce eines Drei-
igjhrigen gestoen, der sich selbst als
weltkompatibel
schrieben habe und anschlie
end, unter dem Stichwort
forderungsprofil,
die bentigten Eigenschaften seiner
, worauf er, Loos, auf sei-
nen linken Unterarm aufmerksam geworden sei, weil sich
darauf innerhalb krzester Zeit
Ich sagte, halb lachend, ha
lb verstimmt, ich wolle mich
bemhen, Rcksicht auf seine Allergie zu nehmen, auch
wenn es mir ein wenig widers
trebe, jedes Wort auf die
Goldwaage zu legen. Nicht je
des, jedes nicht, sagte Loos,
und eigentlich beneide ich Sie
ja darum, da Sie, was Ihre
Gefhle betrifft, ein zaudernde
r Investor und Anleger sind,
so bleiben Verluste verkraftba
r. Andrerseits ist freilich zu
bedenken, da sich, je kleiner
das Risiko ist, auch die Ge-
winnaussichten minimieren, denn was wirft ein Sparheft
schon ab? Gerade so viel, da
es fr ein paar Reisen von
Zrich nach Oerlikon reicht,
whrend sich doch, wenn man
sein Kapital waghalsiger angelegt htte, im Glcksfall so
viel gewinnen liee, da ma
n die Welt umsegeln knnte,
oder nicht? Sie drfen mich
ich, ich bin nicht sehr empfind
lich, im brigen habe ich ver-
standen, was Sie meinen, nur hat Ihr Gleichnis einen Haken
und nimmt mich zu streng beim Wort. ber Gefhle haben
wir keine Verfgungsgewalt, das
wei ich auch, es ist nicht
fair, mir einen Strick daraus
zu drehen, da ich die soge-
nannte groe Liebe noch nicht
erfahren habe. Mu ich, nur
elung zu winken scheint,
auch auf Landpartien verzicht
en? Ja sehen Sie, sagte
Loos, vorher hat eben alles se
hr vorstzlich geklungen, so
als htten Sie alles im Griff, je
tzt klingt es menschlicher,
aber es steht mir so oder so
nicht zu, Ihre Lebensgestaltung
zu werten, ich will Sie auch nich
t fragen, ob es bei den paar
Trnen bleiben wrde, wenn Si
Sie blind und verbindlich liebt
, und ob dann Ihre, wie soll
ich sagen, Tragdienverhinderungsmanahmen auch noch
greifen wrden. Doch wie erwhnt, das drfen Sie mir
glauben, aus mir spricht auch
mir hegt Sympathie fr den flc
htigen Eros, fr die spieleri-
sche Form der Liebe, nur ke
nne ich sie kaum, ich bin zu
schwer dafr, und nicht einmal
scheinbar frei bin, traue ich si
e mir zu. Ich habe Sie gefragt,
ob Ihnen Ihr Junggesellentum
behage, ich wollte Lobendes
hren, weil es
h die positiven Sei-
ten zu wenig sehen kann. Was
ich hingegen sehe, um nur
zwei Dinge zu nennen: Wie tr
aurig schaut eine Zahnbrste
aus, die einsam im Zahnglas steht, und wie oft fehlt mir am
Abend ein Grund, um einzusch
lafen, eine Umarmung etwa,
lauben wrde, mich zur Wand
zu drehen und als ein wohlig
oder renitent Verkrmmter zu
versinken, Entschuldigung,
ich spre den Wein, ich glaube
, es wird Zeit. Sie wollen
schon gehen? Zeit fr den Ze
itgeist, sagte Loos, aber vor-
her mu ich noch rasch auf mein Zimmer, bis gleich. Ich
sagte, whrend er schon aufs
tand, da wir doch ber den
Zeitgeist schon dies und das
murmelte Loos, ging ein paar
Schritte, er ging wie ein Br,
blieb stehen, drehte sich um un
d rief so laut, da die ande-
Auch ich sprte den Wein, aber keinerlei Mdigkeit. Mit
em htte ich ihn eben, als
ich glaubte, er breche schon
auf, mit Krallen festhalten m-
gen. Wie kommt das nur?
So, sagte er, da wre ich wieder, ist Ihnen auch schon
sachen empfangen? Strt Sie das? fragte ich. Nein, sagte
er, es schchtert mich nur ei
n, hingegen strt es mich emp-
wieder im Zimmer bin und kurz
den Fernsehapparat einschalte
, blhende Frauen sehe, die
sich dank dieser Damensachen
selig am Meeresstrand tum-
espots vielleicht mit mehr
Humor begegnen. Es will mir
nicht gelingen, Herr Clarin.
Aber eigentlich habe ich ob
en, im Badezimmer, ber die
eheliche Stufenleiter nachgedach
ben und die fr Sie vom Himmel in die Hlle fhrt. Die
habe zwlf Jahre Erfahrung,
Ich fragte, whrend er Heftch
en und Bleistift hervorzog,
ob er gestalterisch ttig sei.
Nur privatim, sagte er unwirsch
Flammen umlodert war, um die
zwei gehrnte Teufelchen
tanzten, und deren oberes Ende
sich an eine Wolke lehnte,
auf der ein Engel sa. Mag sein, sagte Loos, da man ge-
meinsam auf der obersten Spro
sse beginnt, knapp unterhalb
des siebenten Himmels. Verliebtheit, Leidenschaft, Trieb.
Mag sein, da man gemeinsam
dgot, Ha. Ich sage
denn nicht einmal das ist
gewi. Vor allem aber scheint
mir Ihre Vorstellung verfehlt,
da Paare zeitgleich und quasi
gefhlskongruent von Spros-
se zu Sprosse hinuntersteigen,
gemchlich die einen, die
andern rasant, aber immer Schulter an Schulter. So mecha-
nistisch, fast htte ich gesagt:
harmonisch, geht es nicht her
und zu auf dieser Leiter, da
beide Teile steigen auf und ab
, sie kreuzen sich dabei und
sitzen vielleicht dann und wa
nn ein Weilchen auf der glei-
chen Sprosse, wenn mglich auf einer hohen, wo sie Ver-
trauen und Gefhle der Nhe er
einander wieder fern zu sein, einander zuzuwinken auch
ber diverse Sprossen hinweg. Im Glcksfall dauert das
dynamische Geschehen auf dies
er Leiter lebenslang, und im
Extremfall wird man sogar di
nicht tten mu, im Gegenteil.
se? Sind Sie dabei?
Gern, sagte ich, aber was heit
im Gegenteil?
klappte sein Heftchen zu und an
und fragte: Was ist das? Es
gleicht einer Acht, sagte ich,
es knnte eine Sanduhr sein.
Er nickte. Es ist die Figur
meiner Frau, sagte er und rief
den Kellner. Nachdem er be-
stellt hatte, sagte ich, da ich
mit Glcks- und Extremfllen,
wie er sie beschrieben habe, in
meiner Anwaltspraxis nicht
in Berhrung kme und sie au
ch auerhalb davon nur selten
ausmachen knne. Knnten Sie
es hufig, so wren es ja
was Sie nicht verstehen, nicht einmal ich verstehe es, nm-
lich es kann geschehen, da man
erst recht, vielleicht erst
richtig lieben kann, was man gehat hat. Das klang mir zu
verstiegen, dazu fiel mir nich
ts ein, wir aen den Kse
stumm.
Ich suchte nach einem Anknpf
ungspunkt. Er zeichne al-
so privatim, sagte ich, ob er mir auch verrate, was er beruf-
lich mache. Er unterrichte tote Sprachen, sagte er, doch dar-
lich sagte ich, bevor er auf se
in Zimmer gegangen sei, habe
er den Ausdruck
zu zahm
gebraucht, und zwar verhltnis-
mig laut, so da er mir im Ohr geblieben sei. Ob er mir
Stimmt, unterbrach mich Lo
os, man it und trinkt und
mte mich, meinem vorgerckten Alter und dem damit
verbundenen Zucken zum Trot
z, wieder weit intensiver,
und Welt befassen und jeder
Regung von Mildheit mitraue
n. Wer soll noch wittern, was
vorgeht, wenn die Jungen vor la
keit, das heit vor Apathie ve
rblden und die Alten vor lau-
ter Nachsicht? Kurzum, ich habe
mir verbissen in den Kopf
dings einrumen mu, da mein Verzicht auf Resignation
meine seelenhygienisch, verstehen Sie? Nicht sehr, sagte
ich, und Loos erklrte, der
Sachverhalt sei simpel. Wenn
sein Verzicht auf Resignation
wrde das bedeuten, da er de
n Irrsinn, der alles und alle
durchwirke, fr reversibel und kurierbar halte, da er, an-
wie die Hoffnung, aus einer Ja
uchengrube knnten pltzlich
Jasmindfte steigen. Wenn er
nun schon nichts ndern kn-
ne am Gestank, so wolle er ihn wenigstens beim Namen
nennen und ihm gleichsam mit offenen Nstern begegnen,
das sei er seiner Seele schuldig.
Sie, seine Seele, empfinde
Ohnmacht zwar als Krnkung,
lich als Schande empfnde sie es, wenn er die Fenster
schlieen wrde, pfei
fend auf Zeit und Welt.
Loos trank, ich staunte, wie vi
herrscht, stie kaum je an un
d sa wie ein Fels. Allerdings
schwitzte er ziemlich und fuhr
sich von Zeit zu Zeit mit
dem Taschentuch ber die sc
himmernde Glatze. Sie has-
sen die Welt, nicht wahr? fragte ich ihn, und ohne das ge-
ringste Zgern sagte er: V
on ganzem Herzen. Dann bin
ich beruhigt, sagte ich und br
achte ihn damit ein wenig aus
der Fassung. Er kratzte sich im
Nacken. Er suchte in allen
Taschen nach seinem Feuerzeu
g, das vor ihm lag. Wissen
Sie, sagte ich, es hat mir ne
ulich jemand erklrt, da Ha
eine Vorbedingung de
r Liebe sein knne. Loos lief rot an,
ser, lachte er kurz auf und dann, um Kontrolle bemht,
glucksend in sich hinein. Sein
Lachen erleichterte mich und
lste die Verkrampfung, in die
sein steinerner Ernst mich
hatte geraten lassen. Ich traute
einer jener geknickten Idealisten
sei, die es in seiner Gene-
und die es dem Weltlauf verargten,
da er sich nicht um ihre Tr
ume habe scheren wollen. Ob
es sein knnte, da er es leic
hter finde, die Wirklichkeit zu
hassen, als seine jugendliche
Wunschvorstellung von ihr zu
revidieren. Ob er mir bse sei, wenn es mich rgere, da er
die Welt verdamme, ohne viel mehr gegen sie vorzubrin-
gen, als da ihn das Vorhan
densein von Handys und von
Hygienebeuteln bezi
ehungsweise die Reklame fr das, was
in den Beuteln lande, stre. Loos schwieg. Wo soll ich
beginnen? fragte er schlielic
h und schwieg erneut. Dann
nelles und universelles, wie Sie
mir leider nicht ein. Und au
f die Beutel komme ich nicht
mehr zurck und au
f die Ausschlachtung
von Krpersften
des tobenden Umschlagplatzes, auf dem sich inzwischen
fast jeder und jede als ein
Markenprodukt prsentiert, das
die anderen berflgeln und au
sstechen mu inmitten die-
ses Schlachtfelds, sage ich, fh
lt sich der einzelne, sofern er
noch fhlt, ein wenig leer, ein wenig berfordert und ziem-
lich sehr vereinzelt. Nun kom
mt das Segensreiche: Der
Markt lt seine Opfer nicht im
Stich, er zeigt Verantwor-
tung an, dem berforderten
ein Antistreprogramm plus
Ginsengkapseln und dem Vere
inzelten ein Handy. Ist das
nicht rhrend? Wie kommen Sie auf die Idee, da ich die
Welt aufgrund der Handys hass
e? An Ihrer Unterstellung,
Herr Clarin, ist trotzdem nicht
alles falsch. Es stimmt, ich
habe vor einigen Jahren, als der besagte Aufschwung be-
gann, das Handy als Alptraum
empfunden, als lstige Er-
scheinungsart des Exhibitioni
smus, der damals auch am
Fernsehschirm Furore zu mach
en begann. Ich habe meinen
und ich schtze sie nach wie vor, auch wenn es heute aus
ihren Hand- und Jackentasche
n dudelt. Kritik allerdings
den Ruf einhandeln, ein unelas
tischer Geist zu sein. Ich
Ich sagte, ich htte ihm Fragen
gestellt, um Antworten zu
hren. Ich danke Ihnen, sagte er
, ich bin ja, seit ich meine
Frau vor einem runden Jahr ve
rloren habe, nicht mehr ge-
sprchig, und wenn ich es doch
einmal bin, so spre ich,
da man mir nur noch aus Hflichkeit zuhrt. Also. In dem
noch so irre Zge tragen, ist
sie auch schon im Recht. Was
viele tun und billigen, kann gar
nicht falsch sein: das ist die
Logik, nicht wahr, die Logik
ker fr bld erklrt, nicht wah
r, ich verliere den Faden. Ur-
sprnglich wollte ich sagen,
da mich das Handy abstt,
weil es die Liquidierung des Pr
und nebenbei den
aber empfinde ich es, da Vorb
ehalte verboten sind. Hat das
Virus welches auch immer erst
einmal alle befallen, darf
hat man jede Menge von Verb
aber anschwillt, je selbstverstndlicher, je nrrischer, je dik-
sie mir zubrllen, im Chor, sind die Worte: Nur wer sich
ndert, bleibt sich treu!, und
unsereins steht als verkalkter
Sack am Ufer. So ist das, Herr Clarin, so war es immer,
die Speichen greifen woll-
ten, und dabei war der damals
herrschende Geist, den wir in
unserer Frhlingszeit zu Re
cht als menschenverachtend
empfanden, noch eine Spur humaner als der, dem sie sich
spter nicht nur anbequemten, sondern auf allerlei Posten
zum Durchbruch verhalfen. Als,
um ein Beispiel zu nennen,
der einigermaen gebndigte Markt unbndig zu werden
begann, ja auer Rand und Ba
lich zeigte, da er Moral nicht
einmal mehr als Mntelchen
Relikt der krepierenden Linken
begriff, da saen viele Al-
terskameraden bereits in ihre
n Sesseln und machten mit und
sagten sich: Nur wer sich nde
rt, bleibt sich treu. Und
doch, Herr Clarin, gibt es neuerdings Hoffnung, ich habe
neuerdings in einem Wirtschaft
sblatt gelesen, da sich ge-
lebte Menschlichkeit am Arbe
itsplatz und berhaupt emp-
fehle. Es bahnt sich also, ha
be ich gedacht, eine neue
Menschlichkeit an. Dann habe
ich weitergelesen und einen
Ausschlag bekommen, ich meine auf dem Unterarm. Sie
zahle sich aus, die Menschlichk
bewerbsvorteile, sie steigere di
e Produktivitt,
und Sie, Herr
Clarin hier verlor Loos di
e Beherrschung und schlug mit
der Faust auf den Tisch , Si
e unterstellen mir, da ich die
Welt aufgrund von Hygienebeu
teln und von Handys hasse.
Loos fate sich sofort wied
er und entschuldigte sich fr
seinen, wie er sagte, Impulsdurch
bruch. Ich fragte ihn sanft,
ob er wirklich den Eindruck ha
be, in einer verdorbeneren
Zeit zu leben als vor fnfundz
wanzig oder dreiig Jahren.
Er habe bereits erwhnt, antw
nenblick zurck verbiete. Jede Zeit sei auf ihre eigene und
neue Art verdorben, wobei es
allerdings Epochen gebe, die
den Ehrgeiz htten, die andere
n an Schwachsinn oder Nie-
schichte durchaus nicht als Ve
rfallsgeschichte, das heie als
Proze zum immer Verfehlteren
hin, freilich auch nicht als
Heilsgeschichte, in deren Verlauf sich alles zum Besseren
wende, vielmehr verstehe er historische Entwicklung als
hektischen Austauschproze.
Schwinde ein bel von ge-
stern, so werde es heute durch
Es sei wie mit der Maul- und
Klauenseuche: kaum scheine
sie ausgestorben, beginne de
r Rinderwahnsinn. So laufe
alles, und die Summe der bel bl
eibe sich ungefhr gleich,
und zwar auf hohem Niveau tr
ender durch dank der globa-
len Kanonaden, so da innerhal
b weniger Wochen fast jedes
Kind mit einem Gameboy spiele und fast jede Frau sich
praktisch ber Nacht in eine
phosphoreszierende Radlerho-
se strze beziehungsweise, sobald ein anderes Diktat erfol-
ge, in Dreiviertelleggings mit
Raubkatzendruck. Das seien
zwar eher harmlose und bereits wieder verstaubte Beispiele,
doch anschaulich seien sie trotzdem.
Ich fragte Loos, ob seine Frau je Radlerhose oder Leg-
was mich strt, sagte ich, Ihr Urteil ist immer pauschal. Sie
halten die Radlerhose fr ein b
el, gut, das ist Ihr Recht,
aber Sie tun so, als sei das bel
allgegenwrtig, als gbe es
nichts anderes mehr daneben.
Ich bin berzeugt: wenn Sie
neun prchtige Rosen bekommen, dann sehen Sie nur die
so halten Sie ihn fr blind od
er bld. Wer so wahrnimmt
wie Sie, mu zwingend zu einem verheerenden Weltbefund
kommen, und man fragt sich, wie und warum er es aushlt
in dieser Finsternis. Wenn Si
lichkeit mit einem Rosenstrau vergleichen, dann wahren
Sie doch bitte und wenigstens
die Proportionen. Von Ihren
neun Rosen sind nmlich acht
beschdigt, und hchstens
eine ist heil. Wer nimmt nun angemessener wahr: der, der
den bedenklichen Zustand des
Straues sieht, oder jener,
der mit Entzcken das eine R
slein preist, an dem nichts
Proportionen stimmen, fllt eine
Antwort leicht: am ange-
messensten nimmt jener wahr, der beides sieht, denn am
Verfehlten schrft sich der B
lick fr das Gelungene und am
Gelungenen fr das Verfehlte. Nicht schlecht, nicht
vergessen den springenden Punkt,
ich will ihn gern an Ih-
rem Beispiel demonstrieren. Nehmen wir an, vier Rosen
seien objektiv in schnster
Verfassung und fnf seien ob-
jektiv versehrt. Wenn man nun meinen wrde, das shen
alle so, weil es so augenfllig
ist, so lge man falsch. Man
braucht den Leuten nmlich nur
so intensiv wie mglich
einzuhmmern, die Versehrten Rosen seien Prachtexempla-
re, so pat sich die Wahrne
hmung an, und die Leute emp-
finden das Welke als frisch und umgekehrt. Nie alle natr-
lich, aber gewhnlich so viele, da jene, die ihren eigenen
Augen und ihrem eigenen Urteil
trauen, sich fremd zu fh-
len beginnen und sich sogar fragen, ob sie am Ende
Schwarzseher seien, Nrgler
und Wichtigtuer. Entschul-
digen Sie, Herr Loos, aber wenn
zeit jemand mit der Behauptung daherkommt, er wisse, was
gut und schlecht und richtig und fa
lsch sei, so ist er wirklich
ein Wichtigtuer, und man mu ih
m die Frage stellen, woher
er die Mastbe nimmt, die ih
m, wie er glaubt, ein objekti-
ves Urteil erlauben. Sie besttigen mich indirekt, antwor-
Menschen eingeimpft, da alles beliebig und relativ sei, und
dann erklrt man jene, die auf Verbindlichkeit bestehen, zu
Wichtigtuern beziehungsweise,
was noch schlimmer ist, zu
Hinterwldlern. Schon gut, be
schwichtigte ich, es interes-
siert mich nun einmal, worauf Sie Ihre Werturteile grnden.
Loos rauchte, trank und ber
legte. Dann sagte er: Neh-
men wir Menschen statt Rosen, und schauen wir uns um auf
allen Kontinenten und in alle
n Zeiten. Es war und ist ein
Kinderspiel, die Menschengr
uppe X davon zu berzeugen,
da es sich bei der Menschen
gruppe Y um Ratten handle,
die zu vertilgen seien. Man mu
es einfach laut und lange
sagen und wird beliebig viele
auch beliebig viele Frauen, di
e schrill und willig mitgeifern.
Ich werte diesen Sachverhalt als schrecklich, und sollten Sie
neugierig darauf sein, worauf
ich mein Werturteil grnde,
so mte ich den Tisch verlassen.
Da er mir drohe, sagte ich, sei mir nicht angenehm, es
sei auch berflssig, da es
mir nie in den Sinn kommen
wrde, jemanden zu fragen,
aus welchem Grund er Un-
menschlichkeit unmenschlich finde. Ich htte ihn, Loos, nur
nach den Mastben gefragt, mi
t deren Hilfe er Tendenzen
der Zeit zu beurteilen pflege, Strmungen, Moden, die je
nach Standpunkt die unters
chiedlichsten Einschtzungen
zulieen. Von Verbrechen sei
nie die Rede gewesen, und
was das Rattenprinzip angehe, so
sei ich vllig seiner Mei-
nung, nur htte ich, wie scho
n erwhnt, den Eindruck, da
er nur noch die Schrecken au
m er es aushalte hier. Und
inbegriffen sei in dieser Frage
natrlich eine andere: ob es
fr ihn auch Helles und Sch
nes gebe. Und ob, sagte
Loos, ohne sich besinnen zu
mssen, und ob, Herr Clarin,
zum Beispiel die Musik, zumindest bis vor kurzem, aber
ich gemacht habe mit ihr. Vor kurzem nmlich habe ich
eine Nacht lang Mozart gehrt, die heitersten, herrlichsten
Sachen, und den Welth
a trotzdem nicht aus mir herausge-
bracht und nicht berwunden, im
Gegenteil, es hat mir die
it kein Trost ist, sondern
ein Beleg fr den Jammer. Zw
ar will sie mich vergessen
machen, was ringsum ist und g
ilt, doch ebendadurch erin-
nert sie daran. Oder nehmen Sie Haydns
Schpfung,
man
selig zu sein, um weinen zu mssen,
wenn man gewisse Stellen hrt,
aber man wei nicht, ob
man wegen der Schnheit der
Musik weint oder wegen des
erschallenden Schpferlobs od
er wegen der Kluft zwischen
dem Schpferlob und der ve
rstmmelten Schpfung.
Hauptsache, man weint, nich
t wahr, wird geschttelt und
aufgeweicht und merkt daran, da man kein Stein ist, ob-
Obwohl? Loos schneuzte si
ch und sagte: Obwohl das
auch wieder Nachteile hat, denn
runabhngiger, doch wie auch
immer, zum Schnen, Hel-
len, nach dem Sie mich fragen, gehrt auch die Erinnerung,
ich meine die an meine Frau,
an das Zusammensein mit ihr,
an einzelne Stunden,
Gebrden, Stze. Es ist schn, sich an
Schnes zu erinnern, nur geht
auch das nicht ohne Pein, da
man das Schne nicht erinnern
kann, ohne die Wunde zu
spren, die sein Verlust gesc
hlagen hat, und nun mchten
Sie also noch wissen, wie und
warum ich es aushalte hier.
Sie htten auch plump fragen k
nnen, ob es
fr unsereins
nicht sinnvoll wre, die Selbstbeseitigung zu planen. Man
denkt durchaus daran und wre
morsch genug. An Lebens-
ingrimm fehlt es so wenig wie
an der Neigung, nicht mehr
mitzumachen. Und glauben Si
e mir, das Zerflieen ins
Nichts ist mir kein Schreckb
ild, ich zaudere trotzdem. Ken-
nen Sie Kleist? Er ist mir nah,
und sein alleiniges Thema
war die gebrechliche Einrichtung der Welt, aber am Schlu,
bevor er Hand an sich legte, ist dieser konsequente Mensch
inkonsequent geworden und ha
t in seinem Abschiedsbrief
geschrieben:
Die Wahrheit ist, da mi
r auf Erden nicht zu
helfen war.
Das heit doch wohl: Es lie
gt nicht an der Welt,
es liegt an mir und meiner Blutarmut, wenn ich mich ber-
zweifelt hflich, sie nehmen di
e Schuld auf sich und entla-
viel schroffer klingen? Ich fnde es jedenfalls statthaft,
wenn Kleist geschrieben htte:
Die Wahrheit ist, da sich
auf dieser Erde nur Lu
mpen heimisch fhlen.
Nur wre das
und zweitens eine Krnkung
der zufrieden Lebenden, die se
iner doch freundlich geden-
ken sollten, nicht wahr. Was mi
ch angeht, ich zaudere, wie
gesagt, und bis ich so weit wre, mich selbst so auszul-
schen, wie es mir vorschwe
ben wrde, nmlich gelassen
und fast so nebenbei, wie
man am Wegrand einen Halm
ausrupft bis dann wird die
Natur das Ntige vermutlich
ohnehin veranlat haben. Es
verlockend das Ende auch sein
mag, so unverantwortlich
wre es, meine geliebte Frau
allein zu lassen, sie unge-
Loos schneuzte sich erneut,
mir helfen: Ist Ihre Frau denn
nicht gestorben? Er schwieg
und schaute mich mit Augen an
, die fiebrig wirkten. Ge-
storben wohl, sagte er dann,
aber gleichsam nicht richtig
begraben, und wenn ich von A
lleinlassen rede, so meine ich
das in einem kaum verstndlic
hen Sinn, ich habe sagen wol-
len: Wer liebt sie, wenn ich nicht mehr bin, wer erinnert
sich ihrer dann noch, wer ehrt
und schtzt ihr Andenken in
einer gedchtnislosen Zeit? Ve
ich lebe, ist sie aufgehoben.
Er will sie bers Grab hinaus
behten, dachte ich und sagte:
Ja, ich verstehe, nur finde ich
es seltsam, da Sie Ihr Leben gewissermaen als Dienst an
einem Menschen definieren, de
n Sie verloren haben. Es
kommt mir vor, als sei fr Si
e das bloe Akzeptieren des
Verlusts schon eine Treulosi
gkeit. Das mu Sie doch lh-
Ihr eigenes Leben mit allem,
was dazugehrt. Loos hrte
nicht zu, sa abgewandt, den Blick auf die dunklen Anh-
laut in die Nacht hinaus, dann
schwieg er wieder. Sollte es
doch noch irdische Gensse fr ih
n geben? Ich fragte, ob er
Lust auf Himbeeren habe und
ob ich, falls vorhanden, wel-
che bestellen solle. Dort drb
en, dort oben, fast alle Fen-
demario hat man die Henkersmahlzeit eingenommen, und
meine Frau hat auf dem Menp
lan gesehen, da es zum
Dessert Himbeeren gab, und da
ist sie in groer Angst gewesen, da die Himbeeren ausge-
hen knnten, bevor wir mit der
Hauptspeise fertig sein wr-
den. Und obwohl ich gesprt ha
be, da dies ein Unglck fr
sie wre und da sie von mir
lsbar. Da hat sie mir vorge-
fhrt, wie unntz ich war. Di
e frischen Himbeeren, hat sie
zum Kellner gesagt, wnsche si
e sofort serviert, als Vor-
speise sozusagen. So praktisch
ist sie gewesen, so gern hat
sie gelebt und Himbeeren
gegessen. Und warum Hen-
kersmahlzeit? fragte ich. Weil
ben nicht, wie ich sie manchm
al dafr hasse, da sie mir
einfach erlosch, nach zwlf Ja
hren Ehe, Liebesjahren alles
in allem, lst sie sich auf, s
tiehlt sich davon, macht mich
zum Hinterbliebenen auf dies
dabei war sie auf dem besten
Weg zu genesen, der Tumor
dem Kopftuch wuchs das blond
e Haar, das wegen des Ein-
griffs hatte entfernt werden
mssen, mit groer Schnellig-
keit nach. Was ist geschehen?
fragte ich zgernd. Im
Augenblick kann ich nicht spre
chen darber. Nach einer
Pause sagte ich, als knnte ihn das interessieren, da die
Freundin, mit der ich hier einm
al gegessen htte, auch Gast
in Cademario gewesen sei.
Ich kann nicht sprechen dar-
ber, wiederholte Loos, ich habe
wei Gott warum ich einen fre
mden Menschen mit meinen
Innendingen maltrtiere, best
Halben? Sie maltrtieren mich
noch weitertrinke, wie komm ich dann die Kurven hoch
Kopf, und morgen sitzen Sie
frisch am Tisch und schreiben
Es sei auch nicht
wichtig, sagte ich, und ich sagte es
heit verbelt htte, sondern weil ich meinem Vorhaben auf
einmal fast keine Bedeutung
mehr beima. Da Loos auf
einer Antwort bestand, erklrte ich nochmals, es gehe um
Fragen des Scheidungsrechts b
eziehungsweise um die Aus-
und Umgestaltung der diese Ma
in einzelnen Kantonen, und zw
Beginn des 20. Jahrhunderts. Er wisse vielleicht, da das
tiv jung sei, es sei, um genau zu sein, erst seit dem 1.
Januar
1912 in Kraft. Bis dahin h
tten die meisten Kantone ihre
tzbcher gehabt, und deren
einschlgige Paragraphen seien das Thema meiner Arbeit.
So ein Zufall, sagte Loos, da
s ist auch das Geburtsdatum
meines Vaters, aber glauben
Sie, da Sie das schaffen ber
Pfingsten? Beschwren knne
ich es nicht, aber erstens
falle mir das Schreiben leicht
zweijhrigen Ttigkeit als Gerichtsschreiber, zweitens sei
tes Gedchtnis eigen, und
drittens sei das gesamte Material beisammen. Sie haben
eine halbe Bibliothek mit ins Tessin geschleppt? fragte
Loos. Wo denken Sie hin, nur
sagte er, verzeihen Sie, ich
denke manchmal noch in alten und grobsinnlichen Katego-
rien, vor allem seit kurzem wieder verstrkt, seit ich in
chert. Loos fllte die Glser.
Er sagte, er brauche meinen
Sachverstand und meinen Rat.
Worum es denn gehe, frag-
te ich. Es gehe um die Frag
e, wie er Windows 2000 wieder
loswerden und mit Windows 98 weiterarbeiten knne. Es
habe sich nmlich gezeigt, da er nach der Installation von
Windows 2000 seinen Trackba
ll nur noch als PS-2-Maus
mit zwei Tasten habe lauf
en lassen knnen. Und dazu
komme der leidige Umstand, da
der PageScan nicht mehr
scannen und das Bandlaufwerk
nicht mehr sichern mge.
Auch der Wizard-Maker verwei
gere sich, kurz, die ganze
Konfiguration, die unter Wi
ndows 98 einwandfrei funktio-
niert habe, sei quasi im Eime
r. Ich starrte Loos an. Mo-
mente lang sah ich ihn doppe
lt, und zwar, aufgrund eines
Schattenspiels, mit einem gewalti
gen Schnurrbart, es sah so
geln auf jedem seiner zwei M
da ich passen msse und ke
ine Ahnung htte. Macht
nichts, sagte Loos, ich kenne die Lsung. Sie wollten
mich also testen beziehungswei
se blamieren, sagte ich. Mit-
was Eindruck schinden, vor a
llem aber schnell kundtun, da
man kein digitaler Depp sein mu
, kein gestriger Geist, um
die totale Elektronisierung und
Informatisierung manchmal
zum Teufel zu wnschen. Wisse
n Sie, was ich mir dann und
wann ausmale, wenn ich auf
meinem Sofa liege? Die Welt
am Ende, die Akkus leer, die
Batterien ausgelaufen das
denen sie verwachsen waren, he
rausgerissen aus ihrer vier-
eckigen Schattenwelt und gebl
ren. Hren Sie berhaupt zu?
Tatschlich war ich, whren
d Loos immer wacher zu
werden schien, fast eingenick
t und hatte seine Stimme wie
, sagte ich und unterdrckte
ein Ghnen, Sie haben mir we
ismachen wollen, Sie seien
nicht rckwrtsgewandt, dann ab
timmt, sagte Loos, das ist das
Dilemma der heutigen Sofatrumer: gehen sie vom Beste-
henden aus, ohne es anzutast
en, starten sie also auf der
Rampe des Status quo und pha
ntasieren sie sich vorwrts
zu bringen, dann scheitern si
e. Denn in der Zukunft wird
das heute Faktische, das sie
ja mittrumen mssen, noch
dreimal faktischer sein. Da bringt man kein Luftschlo
mehr unter. Zukunftstrume,
mit anderen Worten, knnen
nur Alptrume sein, zumindest fr jene, denen schon vor
der Gegenwart graut. Und wenn
man sich diese wegtrumt,
indem man der Menschheit vom Sofa aus eine partielle
i mu man schlucken. Wer
alles gern langsamer htte, stille
r, sinnlicher, weniger grell,
hat keine andere Wahl, als sich ins Einst hineinzuphantasie-
ren, denn wie erwhnt, das Knftige wird so gewaltsam
wirklich sein, da sich kein
Trumchen mehr nach vorne
Ja, ich verstehe, sagte ich,
Verstndnis htte fr Ihren An
schlag auf die Energieversor-
gung, der brigens auch Sie schwer treffen wrde: kein
Mozart und kein Haydn mehr
in Ihren nchtlichen Stunden!
O Gott, sagte Loos, das habe
ich nicht bedacht, aber ich
kann es verwinden, ich werd
vormusizieren. Wein, fuhr ic
h fort, wird zur Mangelware
Logistik. Sie qulen mich, sa
gte Loos, Sie machen mir die
Sintflut madig, das ist nicht ne
tt. Ich warne Sie ja nur vor
deren Folgen fr Sie selbst.
Gut, sagte er, dann mssen
knnte. Vorne kein Stauraum
fr Trume, hinten Romantik
mit Mngeln und in der Mitte jener pralle Wahnwitz, der
unseren Fluchtwunsch verursach
t. Wohin also? Was tun?
Fast htte ich, als wir zur
Erleichterung des Personals
ren. Loos, selber leicht schw
ankend, wenn auch souverner
als ich, sah es und bot sich an
, mich nach Agra hinauf zu
begleiten. Ich sagte, da ich
sein Angebot zu schtzen wis-
se, er knne aber ruhig schlafen
gehen. Es handle sich nicht
um ein Angebot, sagte er, sonde
rn um ein Bedrfnis. Ich bin
noch fit, ich fahre, sagte ich,
es geht ja fast nur aufwrts,
abwrts wre heikler. Komm, sagte Loos, mach kein
Theater. Ich holte die Taschenlampe aus dem Handschuh-
fach meines Wagens, Loos st
and daneben und sagte: Oh,
ein Cabrio. Ein Gebrauchtw
agen, sagte ich und warf die
Taschenlampe, da sie nicht funktionierte, ins Auto zurck.
Wir haben ja den Halbmond, sa
gte er, hakte mich unter und
zog mich weg. Nach
wenigen Schritten lie
er mich wieder
frei, abrupt, wie erschrocken b
er die pltzliche Nhe. Wir
gingen ohne zu reden durchs Dorf. Vor dem kleinen Kiosk
neben der Post blieb er stehen
und sagte, hier wrden auch
Kunstpostkarten verkauft mit Aquarellen von Hesse, seine
Frau habe sie sehr geliebt.
Und Sie? fragte ich, was halten
Sie davon? Fr ihn, sagte er
, sei das, was seine Frau ein-
mal geliebt habe, irgendwie
unantastbar. Ich fragte im
Weitergehn, ob das schon zu Lebz
eiten seiner Frau gegolten
habe. Wenn es ihm unmglich
gewesen sei, ihre Liebe zu
teilen, so habe er doch immer
versucht, das von ihr Geliebte
gelten zu lassen und das Lieben
swerte daran zu erahnen.
Und wenn sie eines Tages eine
n Gartenzwerg heimgebracht
htte? Loos sagte, normale
rweise wisse man schon vor
der Heirat, ob die Erwhlte je
einen Gartenzwerg nach Hau-
se bringen werde oder nicht. Im brigen habe seine Frau
nicht nur die Aquarelle Hesses,
sondern auch seine Literatur
geliebt, wahrscheinlich, weil
sie immer ein wenig auf der
Suche gewesen sei, und fr Such
er aufschlagen, wo man
bensregel, was er, Loos, eher
zum Verzweifeln finde, wh-
rend sich seine Frau in einem karierten Heftchen eine
Sammlung von solchen Weisheiten
angelegt habe. Aber er
wolle nicht sptteln, er habe
ihre Vorlieben, wie gesagt,
den Wunsch geuert habe,
ber ein Wochenende mit ihm
nach Montagnola zu fahren,
um das Hesse-Museum in der
Torre Camuzzi zu besu
chen, sei er sofort
einverstanden ge-
wesen. Allerdings, das habe er in diesem kleinen und ei-
gentlich recht hbschen Museum dann doch merken ms-
sen, htten ihn die ausgestellte
Brillen oder ein Telegramm Adenauers zum Fnfundsieb-
zigsten des Dichters nicht sonderlich berhrt, am wenigsten
seine Frau frmlich ergriffen zu haben.
Loos blieb stehn und atmete
schwer. Seit ich allein bin,
rauche ich wieder, das rcht sich, sagte er. Fnf Jahre lang
habe ich nicht mehr geraucht, obwohl mich meine Frau, sie
selbst war Nichtraucherin, ni
emals dazu gedrngt hat auf-
Sucht befreit hat. Eine Ha
ndauflegerin? Nein, keine
Handauflegerin, sondern eine Pe
rson, die mir in einem Caf
gegenbersa und diverse Sspe
isen verzehrte, hastig und
mit geradezu schamloser Gier
. Ich empfand Ekel. Wie kann
man so haltlos und willenssc
hwach sein, fragte ich mich,
ren kam es zu keinem Rckfall, so, von mir aus kann man
die Sache mit Hesses Regenschirm. Was hat Ihre Frau so
beeindruckt an ihm? Das habe
er sich auch gefragt, sagte
n wirklich ein simpler schwar-
zer Herrenschirm gewesen sei so
wie sein eigener und so
sich selbst habe er ge-
fragt, sondern spter im Hote
lzimmer sie htten im Belle-
habe er zu ihr gesagt, besit
ze einen Regenschirm, aber of-
fenbar sei sein Regenschirm fr sie der Inbegriff des Unbe-
deutenden, whrend sie vor
Hesses Regenschirm fast wie
vor einem Heiligtum gestanden
habe. Ob sie ihm nicht er-
klren wolle, was sie an diesem Regenschirm verzcke. Sie
habe ihn angelchelt und ihn
ans Freud-Museum in Wien
erinnert, das sie einmal zusammen besucht htten und in
dem eine angerauchte Zigarre von Sigmund Freud ausge-
stellt sei, die er, Loos, im Un
terschied zu ihr geradezu an-
mssen, denn diese Zigarre habe
ihn tatschlich intensiv
habe ihm seine Frau dann noch
ein Gedicht vorgelesen, das,
auf ein DIN-A4-Blatt gedruckt, im Hesse-Museum aufgele-
gen habe und von dem sie sehr
Zeilen daraus habe sie ihm dr
eimal vorgelesen, weshalb er
Es mu das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne.
Als sie ihn gefragt habe, ob das nicht schn sei, habe er
taktloserweise nur schlfrig gegrunzt, worauf sie das Licht
gelscht habe.
Es berraschte mich angenehm
, da Loos nicht nur rso-
nieren und debattieren, sonder
n auf einmal auch erzhlen
konnte. Und da er vorher so
wenig von seinem Leben preis-
gegeben hatte, ergriff ich je
tzt die Gelegenheit und fragte
ihn, ob ihm die Schule Spa m
ache, ob er gern unterrichte.
Im Klassenzimmer stehe er
auerhalb aber walte der Ungeist, denn im Verlauf der ver-
gangenen Jahre sei die Schule fast berall in die Klauen von
Funktionren geraten, von p
gung hinter uns hatten und da
s Plateau der Collina dbro er-
reichten. Die Sterne waren weg, ein Wind kam auf. Was
denken Sie? fragte Loos. Ach,
sagte ich, ich habe mich
eben zu erinnern versucht,
wann genau ich mit der Freun-
din, von der ich Ihnen erzhlte, Schlu gemacht habe. Ja,
behalten. Ist es so wichtig? b
erhaupt nicht, es ist mir nur
pltzlich eingefallen, da dies
e Freundin, die ja auch Kur-
gast in Cademario war, Ihrer
falls sich die beiden zur glei
chen Zeit dort aufgehalten ht-
ten. Meine Frau war nur fnf
Tage lang dort, bis zum elf-
ten Juni vergangenen Jahres,
falls Ihnen das weiterhilft.
Das heit, bis bermorgen vo
r einem Jahr? Ja, sagte er
leise, am Pfingstsonntag jhrt
sich das Unglck. Ich traute
mich nicht, ihn nochmals nach
den Umstnden ihres Todes
die fr drei Wochen in Ca
demario weilte, von diesem To-
desfall gehrt haben wrde, wenn er sich zur Zeit ihres
bekannt gewesen wre mit Loos Frau.
Kurz vor Bigogno fielen erst
e Tropfen, ein Blitz erhellte
das schlafende Dorf, die Gr
zudem seien zwischen Blitz und Donner gut sechs Sekun-
den vergangen. Dividiere man
diese Zahl durch drei, so
wisse man, wie weit das Gewitter entfernt sei ganze zwei
Kilometer in unserem Fall. Er kehre also nicht um, hinge-
gen wre er froh, wenn er sc
seit lngerem auch mein Bedrfn
is, sagte ich. Wir stellten
uns an den Straenr
and, einen Abstand von zirka zwei Me-
tern wahrend. Ich erzhlte,
da ich krzlich einen schei-
dungswilligen Mann in meiner
Praxis gehabt htte, der von
seiner Frau dazu dressiert wo
rden sei, auf dem WC nur sit-
zend zu schiffen, zwecks Verm
eidung von Spritzern, und
die Gngelung urpltzlich al
s Scheidungsgrund. Loos
ging nicht darauf ein, er summte vor sich hin. Ich hatte
erstmals den Wunsch, ihn
zu duzen. Was summen Sie?
fragte ich.
bertlied, ein Lieblingslied meiner
Frau. Das habe ich fast
angenommen, sagte ich, Sie se
hen die Welt ja anders. So
ist es, man hat sich harmonisc
h ergnzt. Ob diese Harmo-
worden sei, fragte ich und
zog den Reiverschlu hoch.
So selten, sagte er, da ich
keinen vergessen habe, am we
nigsten den letzten, bei dem
es um Gurkenglser ging.
Um Gurkenglser? Um leere
Essiggurkenglser, sagte Loos,
war. Der Fall knnte Sie interessieren, ich meine juristisch.
unseres Briefkastens stand ei
nes Tages ein leeres Gurken-
glas, am bernchsten Tag ein
zweites. Zuerst empfand ich
die Glser als eine Art scherz
haften Gru, nach einem Mo-
nat aber, als ich bereits ein gutes Dutzend entsorgt hatte,
wurde ich ungehalten. Gleichzeiti
g merkte ich, da ich fast
ausblieb. Nach weiteren zwei
Monaten kicherte meine Frau
noch immer und nannte das Problem ein nichtiges, whrend
ich es erdulden mute, da
diese Gurkenglser in meine
Trume eindrangen. Nachts
stand ich manchmal in der
lichtlosen Kche, von
wo aus ich den Tatort berwachen
e sich nie. Es ist genug,
sagte ich nach dem sechzigsten Glas, ich gehe zur Polizei,
bevor ich wahnsinnig werde. We
it du, was du bist? fragte
meine Frau, und ihre Augen
mut, wenn nicht Verachtung. Ei
n Bnzli bist du, sagte sie.
Also habe ich keine Anzeige er
nun bitte ich Sie, Herr Clarin,
den Fall aus juristischer Sicht
Nicht einfach, sagte ich. Mute der Tter Ihr Grundstck
teres, sagte Loos. Gem
friedensbruch also kaum in
sich auf das Umweltschutzges
Fr die Umtriebe schlielich, die Ihnen erwachsen sind,
htten Sie nach Obligationenr
echt Anspruch auf Schadener-
sus ist schwer einzuordnen,
Sie haben gut daran getan, die
Gerichte nicht zu bemhen.
Danke, sagte Loos, Sie sind be
wandert, haben Sie eine Visi-
tenkarte? Im brigen nahm de
r Spuk ein Ende, schon bald
nachdem sich meine Frau de
r Sache angenommen hatte. Sie
stellte eines Abends ein Glas
dieses mu den Delinquenten so tief verunsichert haben,
da er nicht wiederkam. Ha
t er die Gurken mitgenom-
men? Nein, sagte Loos, er
glaubte vermutlich, sie seien
mit Gift prpariert. Sie hatte
n eine kluge Frau. Ja, sie
war lebensklug, im Unterschie
d zu mir, sie ist mir in man-
chem berlegen gewesen, obwohl sie zwlf Jahre jnger
war, vor allem aber war sie sanft, weshalb es, wie gesagt,
nur selten zu lauten Worten
kam und nur einmal zu einem
Loos keuchte, ich drosselte
das Tempo. Das Gewitter
schien nicht nher gekommen
zu sein, und als ich schon
glaubte, da wir Agra halbwe
gs trocken erreichen wrden,
nt, so da es keinen Sinn
mehr hatte, irgendwo unterzu-
stehn. Wir sprachen nichts me
hr. Erst unter der Haustr
loch finden konnte fragte ich
ihn, ob er noch Lust auf ei-
nen Schlummertrunk htte, auf
ein Kaminfeuer vielleicht.
Sie fragen aus Hflichkeit, sagt
e er, Sie haben morgen viel
vor. Im Moment sei ich berwach, sagte ich wahrheitsge-
m. Wir traten ein, scheu sc
haute Loos sich um. Ich kann
Ihnen keine trockenen Kleider
Feuer. Entschuldigen Sie, sa
gte er, ich mchte lieber ge-
hen, ich merke, da es Zeit is
t. Schade, sagte ich und war
wirklich enttuscht. Man knnt
e sich ja morgen nochmals
treffen, wenn Sie mchten, vi
elleicht am Abend. Ich sag-
te, wiederum wahrheitsgem, da mich das freuen wrde
und da ich ohnehin vorgehabt htte, den Wagen erst
abends zu holen. Im Stehen tr
anken wir noch einen Cognac,
ich dankte Loos fr die Begleitung.
nachgelassen, aufreiendes Gew
lk gab kurz den Blick auf
den Mond frei. Gute Heimkehr,
sagte ich. Gute Ruhe, sagte
er, und seine Gestalt, ein brenhaft schwankender Schatten,
verlor sich im Dunklen.
Obwohl es schon fast ein Uh
r war, machte ich noch ein
Morgenrock davor, um ber das Erlebte nachzudenken, um
mein diffuses Bild von Loos
zu klren. Statt dessen aber
hatte pltzlich die Empfindu
ng, empfindungsarm zu sein,
lau, flach, ich war mir unangenehm. Von Zeit zu Zeit
knackte ein Scheit und warf ein paar Funken. Ich trank ei-
nen weiteren Cognac.
, schob die Gluten zurck,
Kein Heilschlaf also, obschon
ich, sonst ein Frhaufsteher,
ganze zwlf Stunden lang liege
n blieb und erst gegen zwei
Uhr mittags, verrenkt an Geist
stieg. Und dabei ha
tte ich vorgehabt, um neun mit meiner
Arbeit zu beginnen; so da
zum Unbehagen und zum Kopf-
weh auch noch die Selbstverach
tung kam, die disziplinge-
wohnte Menschen heimsucht,
wenn sie aus Willensschw-
che nicht tun, was sie zu tun
sich vorgenommen haben. Es
war recht khl im Haus, und
whrend ich den Eisenofen im
Arbeitszimmer anheizte, erinnerte ich mich an meinen im
Halbschlaf erstmals aufgestie
genen Verdacht, Loos Frau
knnte sich umgebracht haben.
Wachen, noch gewisser, es erkl
rte plausibel Loos Scheu,
ber die Umstnde ihres Todes zu
reden. Ich machte mir ei-
nen starken Kaffee. Aber nimm
t sich ein Mensch, der offen-
die Erholung entlassen worden
ist, das Leben? Und hatte Loos
nicht gesagt, seine Frau habe
gern gelebt? Ich trat vor die Ha
ustr, es war trb, es sah nach
ingsten aus. Die Ehe mu glcklich
ksfall laut Loos.
Vielleicht eine
postoperative Embolie? Und da
es auch postoperative De-
ein Freitod? Ich putzte im
Stehen die Brille und hatte A
ngst, da sie mir aus den Hn-
den fallen knnte. Nach einem
weiteren Kaffee ging ich ins
zehn Minuten merkte, da ich ni
cht bei der Sache war, da
mich ein Nebel trennte von
Bildschirm und Tastatur.
Ich ging zurck in die Woh
kalten Kamin, sah eine dicke
Spinne ber die Dielen ren-
nen, sprang auf, schlug sie mit dem Pantoffel tot. Innende-
fekt. Loos hat einen Innendefek
t, dachte ich, ohne zu wis-
sen, woher mir das Wort zufl
og. Ich schrieb es auf einen
Notizblock. Ich notierte Wrte
Loos und von Loos, wirr, o
hne Zusammenhang. Ich fror
und ging in den Schopf nebenan,
um Holz zu spalten. Viel-
leicht bin ich zu normal, dach
te ich. Immer noch besser als
halbverrckt, dachte ich. Sein
Totenkult! Es wrde mich
nicht wundern, wenn ihre Urne
auf seinem Nachttisch stn-
de. Manchmal stt er mich ab
zu spren, das verwandt sein
knnte mit dem, was ein Sohn
seinem gebrechlichen Vater entgegenbringt. Ich schlug die
Axt in den Spaltstock, begab
mich nochmals ins Arbeits-
zimmer und nahm einen zweite
n Anlauf. Ein paar einleiten-
de Bemerkungen zu Thematik
und Intention aus dem rmel
zu schtteln: das htte ich so
nst auch in verkatertem Zu-
Natrlich htte es nahegelege
n, das Treffen mit Loos ab-
zusagen, um die Abendstunden
der Arbeit zu widmen und
am Pfingstsonntag frh und leic
hten Kopfes darin fortzufah-
ren. Warum unterlie ich es? Gewi nicht aus Hflichkeit
oder Rcksicht. Loos brauchte
mich nicht. Er war, so glaub-
te ich, nicht einer, der wie ein Seemann Geschichten los-
werden mu, und nicht einmal
sein Weltlamento schien an-
gewiesen auf Widerhall, gar A
nklang. Es konnte sogar sein,
regt zu haben, und dies am
Abend vor dem Todestag seiner
Frau, einem Abend, den er, wi
e ich mir vorstellen konnte,
dem unbehelligten Gedenken htt
e widmen wollen. Fr eine
Absage sprach also alles m
it Ausnahme jenes Motivs of-
fenbar, das sich als bestimmend erwies, auch wenn es mir
zum Zeitpunkt des Entscheids
nicht wirklich klar war. Loos
zog mich an. Genauer, unverdchtiger: Ich suchte wider-
strebend seinen Bannkreis und
nenne dieses Phnomen ma-
Ich ging in die K
che zurck und reinig
te den Backofen,
den mein Vorgnger und Miteig
entmer an Ostern zu reini-
e in einer Frauenzeitschrift,
die, ich erinnerte mich, noch von Valerie stammte. Die Fra-
war neuen Untersuchungen zufolge entschieden. Je nach
Zyklusphase, las ich, variiere
das Schnheitsideal von Frau-
en, und zwar bevorzugten si
e in den fruchtbaren Tagen
mnnliche Mnner mit Muskel
n und breiten Schultern, in
der restlichen Zeit eher den we
icheren Typus. Die restli-
che Zeit ist punkto Dauer die
Hauptzeit, dachte ich und
machte trotzdem ein paar Lieg
esttze. Ein anderer Artikel
zitierte eine Studie, wonach Mnner wie Frauen Menschen
mit blauen Augen als attraktiv
er und intelligenter einstufen
als solche mit braunen oder
grnen ein Forschungsresul-
tat, das mich begnstigte. Al
s ich die Zeitschrift weglegte,
fiel mein Blick auf ihr Ersche
inungsdatum, den 21. Juni des
nach dem Tod von Loos Frau,
mute ich Valerie in Cade-
mario geholt, zum Apro hierhe
rgebracht und dann ins Bel-
levue ausgefhrt haben. Da dies
, wie ich ganz sicher wute,
gegen Ende ihrer dritten un
stattgefunden hatte und da L
oos Frau am 11. Juni nach
fnftgigem Aufenthalt gestorben war, so konnte ich fol-
gern, da die zwei Frauen
whrend ihrer Anfangswoche
gleichzeitig im Kurhaus Cade
mario gewesen sein muten.
Obwohl fr mich feststand,
da sie einander nicht kennen-
gelernt haben konnten das Kurhau
s ist ja auch riesig , da
Valerie sonst, wie schon erw
hnt, von diesem Todesfall
Aufgeregtheit, die ich mir schw
er erklren konnte. Irratio-
nalerweise schien ich den Um
stand, da sich Loos Frau
und Valerie vielleicht einmal
kurz angeschaut und zugel-
Loos verband. Er selbst hatte
freilich zu erkennen gegeben,
knapp, fast harsch, da ihn derl
ei Koinzidenzen nicht inter-
essierten, weshalb ich mir vor
nahm, ihn damit in Ruhe zu
lassen. Es war ja ohnehin unk
lar, ob es nochmals zu einer
Unterhaltung kommen wrde. Ma
n knnte sich ja morgen
nochmals treffen, hatte Loos
wrtlich gesagt daran erin-
nerte ich mich so genau wie an
manch anderes, denn nie,
fast nie hat sich das alte Wort vom Wein, der das Gedcht-
nis tte, an mir bewhrt , und dieses
konnte einen
Hndedruck bedeuten, eine kurze Verabschiedung, aber
auch ein zweites gemeinsames Essen. Was wre mir lieber
gewesen? Ich wute es nicht so recht, neigte dann doch zu
Buch weglegen mchte, schliel
ich doch darin weiterliest
sei es in der Hoffnung ode
r Ahnung, das Entscheidende
komme noch, sei es weil ihm da
s halb Erfahrene, das Abge-
brochene und Unerledigte ungute Gefhle macht. Der Ver-
gleich hinkt zwar insofern, al
s ich nicht selbst bestimmen
fand: Loos Lage u
nd sein Altersvorspru
ng gaben ihm frag-
los das Wunschrecht. Und was
Den Rest des Nachmittags verb
rachte ich mit Nichtstun.
Ich sa und ging in der Wohnung herum, hob eine Fussel
auf, blies eine Krume vom Tisc
h, nach der ich mich nach
einem neuerlichen Rundgang
mand vernommen. Nun aber vernahm ich es, und es wurde
wie blich erhrt, so da ich
mich gegen sechs Uhr auf den
Weg machen konnte, versehen
mit einem Regenschirm und
irgendwie bang gestimmt.
Die Terrasse war leer, ein Kellner damit beschftigt, die
nassen Tische und Sthle abzutrocknen. Als er merkte, da
ich ihm zusah, blickte er me
hrmals zum verhangenen Him-
mel auf, skeptisch, wie um zu
liche Vergeblichkeit seiner Ve
rrichtung bewut sei. Ich
fragte, ob ich einen Aperitif
bekommen knne. Er nickte,
aber auf den Stuhl, auf dem Lo
os gesessen hatte, und als der
Kellner meinen Campari holen
ging, schaute ich die Fassa-
de des Hotels hoch und ersta
rrte. Das Fenster des Zimmers,
das mir Loos als das seinige be
und wenn es auch kein Jag
dgewehr war, das ich auf mich
hchst unbehaglich, ja bedroht
. Aber bevor ich Loos wirk-
lich bse sein konnte, zeigte er sich im Fenster und winkte
mir zu, begtigend, wie mir sc
hien, und wenig spter stand
er verlegen vor mir. Das war ta
ktlos, sagte er, ich bitte um
Entschuldigung, ich war dabei,
den Dunst zu durchdringen,
da sah ich Sie und konnte nich
sier zu nehmen, verzeihen Sie,
mein kleines Fernrohr dient
sonst nur dazu, das Kurhaus Cademario heranzuholen, Sie
sind recht bla, wie geht es
Ihnen? Offen gestanden m-
ig, sagte ich, und Ihnen?
Ich bin in spielerischer Laune,
wei Gott warum, sagte er und
Tatschlich wirkte er anders
als am Abend zuvor, gelster,
aufgerumter, er strahlte Zug
nglichkeit aus. Sie bleiben
doch zum Essen? fragte er. Gern,
sagte ich, sofern Sie nicht
lieber allein sein mchten.
Dann htte ich nicht gefragt,
von Pflichtgefhlen lasse ich mi
ch kaum noch leiten. Je l-
ter ich werde, desto penibler
verlese ich sie und folge nur
noch den paar wenigen, die si
ch auf halbem Weg mit mei-
nen Neigungen treffen. brige
ns habe ich einen Tisch re-
serviert, drinnen, denn es besteht wenig Aussicht auf einen
trockenen Abend. Warum geht
es Ihnen nur mig? Ich
erzhlte von meiner schwierige
n Nacht, von meinem langen
Liegenbleiben und meinem Unmut darber, vom lahmen,
verlorenen Tag. Verlorene Tage gebe es nicht, meinte
Loos, und Antriebsmangel, ve
rstanden als ziviler Ungehor-
sam, als Gegenkraft zum groen Treiben, sei ein Symptom
der Gesundheit. Alles, was de
r Verlangsamung diene, sogar
ein ausgedehntes Frhstck,
komme der Volksgesundheit
mehr Menschen das Gefhl h
tten, der rasenden Mechanik
nicht mehr gewachsen zu sein und auf der Strecke zu blei-
ben. Ob sie es wahrhaben wollte
n oder nicht, ob sie es mit
spielten oder nicht: sie seien alle berfordert, restlos und
pausenlos, und das mache krank.
Hingegen die Tiere. Kein
Tier auf Erden arbeite, mit Ausnahme vielleicht der Amei-
sen, Bienen und Maulwrfe, de
ren Geschftigkeit aber nicht
motiviert sei durch einen mo
ralischen Imperativ. Die bri-
gen flanierten auf der Suche n
ach Futter ein bichen herum,
sofern es sich nicht um Haus
tiere handle wie Hunde oder
zum Beispiel schlafe oder
dse zwanzig Stunden am Ta
g, und ebenso gemtlich
machten es sich die Katzen, sein
e Frau und er htten ja eine
gehabt, eine schwarze mit weien Pfoten, seine Frau habe
die Katze geliebt, er habe sie
zu mgen versucht, aber gele-
gentlich Mhe gehabt
, ihre unsgliche Fa
ulheit zu billigen,
sie habe sich einfach bedienen
lassen und sei nach der Be-
dienung schnurrend im Halbsc
hlaf versunken, whrend er
auf die Uhr habe schauen mssen und aufbrechen mssen
zur Arbeit, aber wenigstens seien diese Tiere im Unter-
schied zu den Menschen gesu
Herr Loos, sagte ich, mich ha
t ein ganz normaler Kater
lahmgelegt, dem Sie allzuviel
Ehre antun, wenn Sie ihn als
Ausdruck zivilen Ungehorsams
deuten und zum Anla ei-
nes Exkurses ber Tierwelt un
d Volksgesundheit nehmen.
Loos bestellte ein Glas Weiwein, schwieg lange und ant-
sei ihm bewut, sagte er, oft ha
be seine liebe Frau ihn dar-
auf hingewiesen. Zudem erinnere
er sich dunkel, von ber-
forderung schon gestern gerede
t zu haben. Er wiederhole
sich also. Exkurse und Wiederho
jedes Gegenber eine Zumutung,
und da er nicht verspre-
chen knne, beides zu lassen,
Loos meinte es ernst. Er
stand auf und gab mir die Hand.
Ich hielt sie fest, konsterniert, und sagte schlielich, ich ht-
te mich auf den Abend mit ih
m sehr gefreut. Wirklich?
fragte er. Wirklich, sagte ic
h und log ein bichen, als ich
ergnzte: Was Sie als Zumutung empfinden, strt mich
Ruhig, als wre nichts vorgef
allen, nahm er den Faden wie-
der auf: Er kenne kaum jema
von der Angst zu versagen. Fast
alle htten, krud und bild-
lich gesprochen, die Hosen voll,
und so wie die wirkliche
Inkontinenz der Scham und dem Schweigen anheimfalle, so
blieben die Versagensngste un
term Deckel. Man habe es
also, in welchem Umfeld man si
ch auch bewege, mit lauter
heimlichen Wrstchen zu tun, die einen Groteil ihrer
Energie dazu bentigten, ihr S
tigma zu drapieren. Ein mas-
senhaftes Coming-out sei nicht in
Sicht, infolgedessen auch
keine Revolution der berforder
ten. In Sicht hingegen, ja
schon Faktum, sei die Verbreit
ung seelischen Unglcks, die
epidemische, in diesem Ausma noch nie dagewesene. Und
so massiv der Einsatz chemischer Mittel auch sei, so bunt
chen: die Wurzel bleibe unbeh
andelt, das Elend wte wei-
Dulden Sie Einwnde? fragte ich Loos. Mag sein, da
ich ein Rechthaber bin, antwor
ich nach Widerspruch. Gut,
sagte ich, ich habe Ihnen er-
zhlt, da ich den Vorsatz hatte, mich heute meiner schei-
dungsrechtlichen Sache zu widmen
, da ich dann aber, statt
zeitig aufzustehen, liegen blie
b und in den Mittagsstunden,
gerdert wie ich war, nichts mehr zustande brachte. Und
Willensschwche eher, erfllte
mich mit Unmut, ja mit Selbst
verachtung. So das war der
Anla Ihrer Abhandlung, das war die Mcke, aus der Sie
einen Elefanten machten.
rungsgesellschaft mag zwar ih
r Richtiges haben und ist ja
auch nicht nagelneu, nur hat si
e nichts mit meinem Fall zu
tun. Das ist das eine, und nu
gestern doch erklrt, Sie seie
n kein Geschichtspessimist.
konstant, da jedes alte von
einem andersartigen abgelst
werde. Ich stimme dem bei, ic
h gebe auch zu, da das Ge-
fhl, berfordert zu sein, eine
Quelle des Unglcks sein
kann, aber keineswegs eine ne
ue. berforderte gab es schon
immer, jede Zeit bringt ihre W
rstchen hervor und jede Ge-
sellschaft ihr seelisches Elen
d Und weil das immer so
war, fiel Loos mir ins Wort, soll man die Klappe halten,
nicht wahr, vor allem dann,
wenn man zur Problematik
nichts Nagelneues beizusteuern
hat. Durchaus nicht, sagte
ich, darf ich noch ausreden?
Entschuldigung, sagte er.
Ich mchte Sie an eine Zeit erinnern, fuhr ich fort, die ich,
im Unterschied zu Ihnen, nur vom Hrensagen kenne, und
zwar an die offenbar muffige Zeit der fnfziger und frhen
sechziger Jahre. Wie engmaschig war das Moralgeflecht
damals, wie starr das System der Werte, wie vorwurfsvoll
das Auge Gottes. Soziale Kontrolle und Repression allent-
halben und eine Pdagogik,
die ohrfeigend nur das Beste
stwertgefhls, das als Vor-
witz und Frechheit galt, die Ab
richtung der Menschen zwar
nicht zu Versagern die leisten
ja nichts , wohl aber zu
Wesen, die sich vor dem Versagen
frchten
und darum alles
tun, was ihnen abverlangt wi
rd. Ich frage Sie als Zeugen
jener Zeit: Stimmt meine Eins
chtzung? Sie knnte von
rungsgesellschaft, sagte ich, dann aber kam der frische
Wind, die Gngelbnder wurd
en gekappt, die Haare lnger,
die Rcke krzer, Atem, Gang und Rede freier. Die Relati-
und erweiterte Wertvorstellunge
n ermglichten neue Le-
bensformen, kurzum, der Dere
gulierungsproze im weltan-
schaulichen Bereich schafft so
viel Freiraum und Spielraum
wie nie, und doch sind Sie der Ansicht, der heutige Mensch
sei berforderter und seelisch be
drckter als je nur des-
halb, weil er das Tempo der Vernderungen nicht verkrafte.
Ich knnte nun sagen so Lo
os nach einer lngeren Pau-
se, whrend der seine Kiefer ma
hlten , da es das Vorrecht
der Alternden sei, die neue Zeit mit ihren neuen beln als
weit verfehlter zu empfinden als die entschwundene. Ich
knnte weiter sagen, es stehe
im Ermessen jedes einzelnen,
die bel zu bewerten, wie er
wolle, da ihre Gre nicht mit
wohl wir dann einig wren. Ab
er einig sind wir uns nur in
der Beurteilung einer miefigen
Zeit und darin, da wir ihren
Untergang begren. ber das hingegen, was folgte, den-
ken Sie frohgemuter als ich.
Sie fragen nicht nach dem
Preis. Sie reden nicht von de
r vertrackten Lage derer, die
von der Leine losgebunden wu
rden und nach den ersten
paar Luftsprngen ins Grbeln
darber geraten, wohin sie
sich nun wenden knnten in de
r weiten, bunten, aber weg-
ner Frau von 1950, die vor de
m Kleiderschrank steht. Hier
hngen zwei, drei Sachen f
r den Werktag sowie ein Sonn-
tagskleid. Sie zaudert kaum, ih
von heute aber steht eine halb
e Stunde lang vor ihrem ber-
vollen Schrank, ein leichter Schwindel sucht sie heim, und
lich zum Schlu, sie habe nichts
anzuziehn. Gut. ber diese
Art Not darf man lcheln. Nun hat die Frau aber Kinder, die
zu erziehen sind. Nach welc
thoden? Auf welche Ziele hin?
Das Angebot ist breit und
widersprchlich und von beschr
nkter Gltigkeit. Kennen
Sie Eltern, die nicht aufs tiefs
te verunsichert wren? Ken-
nen Sie eine Mutter, die nicht das Gefhl hat, fast alles
falsch zu machen oder, rckbl
ickend, falsch gemacht zu
haben? Als Zyniker knnte man sagen: Die Mtter, die El-
tern empfinden sich zu Rech
t als Versager, denn schaut
euch ihre Frchte an: lauter Verhaltensgestrte, lauter labi-
le, schwankende, orientierungslose Daseinszapper und -
surfer. Aber das wre, wie gesa
wenn man dem Kapitn eines
Schiffs, dessen Navigations-
sfiel, die Schuld dafr geben
wrde, da er die Passagiere ni
cht auf festen Boden brachte.
Kurzum, in der vergangenen Ep
oche hat ein verbindlicher
Kanon von Werten, eine enge
und strenge Moral uns gemo-
delt und hufig verkrmmt und st
tigen Zeit, in der die Rangordnung der Werte aufgehoben ist
und diese selbst insofern priv
atisiert worden sind, als es
dem einzelnen freisteht, von welchen er sich leiten lassen
mchte, macht sich Ratlosigkeit
breit: nichts schwieriger,
nichts berfordernder, als ohne
Beistand suchen und whlen
zu mssen. Ich will die alte und die neue Art der berforde-
rung nicht nher qualifizieren
und sage nur, damit Sie mich
nicht in die falsche Ecke stelle
n: Ich halte nichts fr trauri-
ger und fr gefhrlicher als da
s Brllen der Freigelassenen
womglich nach der Peitsche.
Es fielen Tropfen, Loos schi
en es nicht zu merken. Er
machte zwar eine Pause, aber
ich sah ihm an, da er noch
nicht zu Ende war. Nun ja, sagt
e ich. Nun ja, sagte er, wenn
wir zur neuen und erwhnten Fo
noch die neuere addieren, di
e durch die strmische Ent-
wicklung in Wissenschaft und
Technik bedingte, die darin
besteht, da wir das Tempo
Erfolg zu halten versuchen und
da wir bleich konstatieren
mssen, wie das, was wir heute an Wissen und Meinung
erworben haben, morgen scho
n Schnee von gestern ist
dann, glaube ich, erweist si
ch meine Behauptung, das Aus-
ma an seelischem Unglck sei ein noch nie dagewesenes,
soll das weitergehen? Darf man
auf eine Revolution der Schne
cken und der zu Schnecken
Gemachten hoffen? Was meinen Sie? Ich meine, da es
Nachdem wir an unserem rese
rvierten Tisch im vergla-
sten Anbau Platz genommen und unseren halben Weien
bestellt und bekommen hatten,
volution der Schnecken! sagte ich. Auf baldiges Krachen
im Geblk! sagte er und schenkte
mir sein so seltenes, halb
schalkhaftes, halb wehmtiges
Lcheln. Da er nach Wi-
derspruch lechze, sagte ich dann, wolle ich ihn mit zwei
empirischen Befunden konfrontieren, die seine Diagnose in
andere aus eigener Anschauu
ng gewonnen. So zeige eine
neue und reprsentative Erhebung, die das psychische, phy-
sische und materielle Befinde
Gegenstand habe, da sich di
ese nach eigener Einschtzung
bedeutend wohler fhle als die
gleiche Altersgruppe, die vor
zehn und zwanzig Jahren befragt worden sei. Die Jungen
wiederum, die zirka Fnfzehn-
bis Dreiigjhrigen, legten
nach meiner Beobach
tung ein durchaus fideles, genufreu-
diges, dem Spa und dem Verg
ngen zugeneigtes Verhalten
an den Tag und keineswegs das depressive, triste, das zu
erwarten wre, wenn seine Schilderung der Lage stimmen
rade beiwohnen, dann sehe ma
n, wie aufgedreht und hoch-
gestimmt sehr viele Junge seie
n. Und was mich selbst be-
treffe, mich als Mittdreiige
r, so knne ich mit Unglck
ebenfalls nicht dienen: mir fa
lle das Leben leicht, und des-
sen Krze sei fr mich ein Aufr
uf, das Leckere nicht zu ver-
und zeigte auf die Speise-
ein Ablenkungsmanver oder nehmen Sie mich nicht ernst?
fragte ich. Ich habe doch gesa
gt, ich sei in spielerischer
Laune, erwiderte er, und aue
rdem bin ich der Meinung,
da wir bestellen sollten, be
hole. Ich kenne es, sagte ich.
Er fragte: Was? Das Ka-
Terrasse. Ich verstehe nicht
ganz, sagte Loos. Sie haben
vielleicht berhrt, da ich ei
nmal mit einer Freundin hier
war, die drben im Kurhaus logierte und der ich hier, in
diesem heiteren Rahmen, das
Ende der Beziehung nahele-
gen wollte. Da haben wir beide ei
sen. Schn, sagte Loos,
und warum war sie drben?
schwieg eine Weile. Das bringt
uns ja wieder zum Thema,
sagte er dann, das Unglck hat viele Gesichter, und ein ge-
strtes Nervensystem ist eines davon, ein stilles, sympathi-
Maske ist, eine Ausdrucksfor
m, die das Leiden unkenntlich
macht, nmlich der hektische
Frohsinn. Ihre muntere Ju-
gend, Herr Clarin, wei instinktiv, was Besinnung und Stille
bedeuten wrden: Absturz in
den Rachen der Realitt. Ob
Sie es glauben oder nicht, ich
war einmal dabei, am Stra-
habe, war ein Trauerzug, freilic
benslust ist also ein Symptom
der Trbsal, sagte ich, sind
Sie bei Trost? Bei Trost bin ic
h nicht, nur ist das kein Be-
leg fr den Widersinn meiner
Deutung. Und wre ich auch
ein Narr, so mten Sie mir im
merhin Sinn fr das Nrri-
sche zubilligen, fr Maskerad
en und Tarnungen aller Art,
fr die Vermummungsknste der traurigen Seele. Mir
schen Kleidung und Verkleidun
g daher Ihr heftiger Pro-
test. Ich gebe Ihnen gern und
vterlich einen Satz mit auf
den Lebensweg, den ich irgend
wo aufgeschnappt habe und
sinngem zitieren kann: Wenn
du einen Riesen siehst, so
frage dich zuerst, ob es sich nicht um den Schatten eines
Zwerges handelt. Schn, sa
gte ich, schn und beherzi-
genswert, Sie sollten sich da
schen Schlu daraus ziehen, da
jedes
Sein nur Schein ist
beziehungsweise jede Lebenslust verkappte Trauer. Die
Existenz von echten Riesen stellt
das Zitat ja nicht in Frage.
Stimmt, sagte Loos, dann woll
heit, die glcklichen Alten si
nd noch rasch abzuhaken, fast
htte ich sie vergessen. Fr welche Altersgruppe gilt der
statistische Befund genau? F
r Rentnerinnen und Rentner.
So so, fr Rentnerinnen u
nd Rentner, zugegeben, das ist
eine umfngliche Gruppe, es
freut mich, wenn sie sich woh-
ler fhlt als in frherer Zeit, ab
er es wundert mich nicht, sie
hat das Grbste ja hinter sich
, ist von vielen Zwngen be-
freit und besser gepolstert al
s frher. Von der Verbldung
wohl sie ebenfalls zum Wohl
befinden beitrgt. Wie auch
immer, das Ergebnis der Erhebung besttigt meine Diagno-
se, ich meine nmlich, da sich
am Grad des Wohlbefindens
das Mivergngen messen lt
, das ihm vorausging. Wenn
sich die Pensionierten also weit besser fhlen als je, dann
mu die Situation, der sie en
tronnen sind, so qulend sein
wie nie, nicht wahr, dann k
Ich schlo mich an. Und da es
mir sinnlos schien, noch
weiteres zum Thema beizusteuern, kam das Gesprch ins
ich, und sammelt Belege fr
das Unglck der Welt, beses-
sen wie jeder Sammler. Es mag
als sei ich auf die schbige
Genugtuung des Rechtbehakens
aus, und das hat damit zu tu
n, da man meine zweite und
flehende Stimme nicht hrt, we
nn ich rede. Sie nmlich sagt
nach jedem meiner Stze: Lieb
e Welt, bitte, strafe mich L-
gen. Und? fragte ich, gibt
sie ab und zu Antwort, die
Welt? Ja, aber eine auswei
chende und eher ohnmchtig
stimmende. Ihr lieben Stzchen a
lle, sagt sie, ihr knnt mich
nicht fassen, ich lasse mich, sa
gt sie, seit lngerem nicht
mehr begreifen und darstellen,
sorry. Sie knnte recht ha-
ben, sagte ich, und htte sie re
cht, so mten wir eigentlich
ber sie schweigen. Nur nicht
so strmisch, nur nicht so
keiten, und zwar mindestens zwei: die Beschimpfung der
Welt und die Beschreibung der
Ohnmacht, in die uns ihre
fllt mir gerade ein, gibt es ja
Stze, die nicht den Ehrgeiz
haben, die Weltverfassung zu
ergrnden, zum Glck kann
man auch ber Fuball reden,
ber Hunde und Todesursa-
chen, man kann sich Geschichten erzhlen, die man erlebt,
gehrt oder erfunden hat, kurzu
m, wir sind, bildlich gespro-
chen, nicht darauf angewiesen, die Dame, die uns die kalte
Schulter zeigt, zu unserem Th
ema zu machen, wir haben
anderen Stoff genug.
schon am Abend zuvor fr einen Moment die Augen und
griff dann erst zu Gabel un
d Messer. Nach ein paar Bissen
hielt er inne und sagte, es habe
Frau, wenn er ein feines Fleischgericht gegessen habe, nie
mit ihm habe mitgenie
en knnen, da sie es abgelehnt habe,
Fleisch von warmbltigen Tieren
zu essen. Am Anfang, als
sie sich kennengelernt htten, kurz nach ihrer Konversion
nd habe sogar, zu seiner Bestrzung,
erklrt, sie ksse prinzipiell keine fleischfressenden Mn-
ner. Gottlob sei die Liebe dann
tischer Vorsatz, so stark sogar,
da sie, seine Frau, die zwar
bei der pflanzlichen Kost geb
lieben sei, von Zeit zu Zeit ein
Hhnchen fr ihn gebraten
habe, ein Schnitzel, Lamm-
fleisch und so weiter, allerdings immer in der rhrenden
aber nie miraten gewesen, sondern im Gegenteil. Manch-
grnblauen, ngstlich-erwartun
gsvollen Augen auf sich ge-
Erscheinung vergegenwrtige.
Zum Glck, sagte ich, habe
seine Frau wenigstens beim
Weintrinken mitgehalten und zu
m Beispiel den Merlot bi-
anco, den wir trnken, mit ih
m zusammen genieen knnen.
Loos hrte zu kauen auf, st
arrte mich an, schluckte und
fragte, warum ich das wisse.
Weil er mir gestern auf mei-
ne Frage, ob er mir seinen Wein empfehlen knne, die
merkwrdige Antwort gegeben habe: Wir haben ihn immer
als stimmig empfunden. So eine Antwort vergesse man
nicht, und ich htte daraus je
tzt einfach gefolgert, da mit
dem
seine Frau und er gemeint
gewesen seien. So sei
es in der Tat, sagte Loos, er habe hier vor einem Jahr gele-
gentlich ein Glas mit seiner Frau
ich daraus schlieen knne,
da er sie in den Rekonvales-
sagte er, nur wre er froh, we
nn er einstweilen nicht darber
reden mte. Wie denn mein he
utiger Tag gewesen sei?
Ich kann mich nur wiederholen, sagte ich, mein Tag war
kurz und de, es hat mir an Sc
hwung gefehlt, an Klarheit im
ben, und das Nichtstun hat
mich verstimmt, mein Tag war
Meiner hat unfein begonnen,
sonst kann ich nicht klagen.
Kater? Kopfschmerz? Nicht
nach dem Luten des Weckers,
das natrlich kein Luten
ist, sondern eine Abfolge von
Piepstnen wie alles heutzu-
tage, bin ich nochmals kurz eingenickt. Da hat mich ein l-
stiges Trumchen geplagt,
ein LQS-Trumchen. Loos
kaute, ich fragte, ob das ein psychologischer Fachausdruck
einmal. LQS bedeute Lohnwirksames Qualifikationssystem
und sei unter dieser bombastis
chen Bezeichnung auf Gehei
der Wirtschaft und ihrer hndi
schen Vollstrecker auch in
die Schulstuben eingedrungen. Zwecks Qualifizierung der
Lehrperson schneie nmlich
von Zeit zu Zeit ein Visitator
und eine Checkliste vor sich aus und achte whrend des Un-
weniger als neununddreiig Be
urteilungskriterien zur Ver-
fgung stnden. Damit er wisse,
was beispielsweise zur So-
Punkte aufgefhrt, unter a
nderem Gestik und Mimik der
lohnwirksam zu qualifizierende
n Lehrkraft, ferner, was
immer das heien mge, ih
re Vorbildwirkung, und zwei
weitere Punkte seien Durchha
ltevermgen und Humor, bei-
troffener dieser Veranstaltung
allerdings fters vergeblich
ringe. Kurzum, so Loos weiter, bevor er wieder zu Messer
und Gabel griff: Wenn das Lohn
wirksame Qualifikationssy-
stem schon als Wortschpfung ein Alptraum sei, wie sehr
dann erst das mit ihr Gemeinte
und wie entschiedener noch
der morgendliche Traum davon.
Was haben Sie denn ge-
trumt? Das bliche halt, ic
h kam zu spt
und ohne jede
Vorbereitung in die Klasse,
was beides in Wirklichkeit nie
geschieht. Die Schler blieben stumm, kauten Kaugummi,
verschickten und empfingen SM
S-Botschaften, der Visita-
tor machte Kreuzchen, nahm mi
ch nach Schlu der Lektion
beiseite und sagte mir ins Ohr, meine Nasolabialfalte sei zu
ausgeprgt, das gebe etwas Abzug, worauf ich erwacht bin.
Leider hat mich die Nasola
bialfalte, die im Volksmund
Kummerfalte heit, den ganzen
Tag lang verfolgt, und in
Lugano, beim Spazieren, habe ich alle Gesichter wie unter
Zwang darauf hin abgesucht, aber sonst, wie gesagt, war
mein Tag durchaus ertrglich.
Gestern, auf unserem Nachtg
ang nach Agra, sagte ich,
habe er ber das Thema Schule nicht reden mgen und le-
chen. Ob er damit das eben
geschilderte Qualifikationssystem gemeint habe. Am
Rand auch dieses, sagte Loos,
denn es sei Teil der Barbarei,
die in den Schulhu
sern wte. Seit sich die sogenannten
Bildungs-Politiker darauf geeini
gt htten, die Schule msse
frontorientiert werden ein
Ausdruck brigens, der alles
sage ber die Geisteshaltung
dieser Leute , seither hallten
die Schulhuser wider vom He
cheln und Keuchen der Sch-
ler und Lehrer. Aber solange no
ch ein Stcklein Kaninchen-
eser Angelegenheit, denn schon
das LQS habe seine Elust ge
drosselt. Whrend des Essens
sei grundstzlich zu verzic
hten auf unerquicklichen Ge-
sprchsstoff, dies habe ihn se
ine Gattin gelehrt, und daran
htten sie sich in der Regel
auch gehalten, was ihn aller-
dings zu einer gewissen Einsilb
igkeit verurteilt habe, vor
allem dann natrlich, wenn
der Mahlzeit die Lektre der
Zeitung vorangegangen sei. Er
sei ja, nebenbei erwhnt, ein
schtiger Zeitungsleser, aber
whrend die Befriedigung ei-
ner Sucht normalerweise Lust bereite, bewirke sie bei ihm
vorwiegend Ekel, ob das nicht paradox sei? Nur auf den
ersten Blick, sagte ich, denn
es gibt Menschen, die sich
nicht ungern ekeln und frmlich scharf sind auf alles Uner-
freuliche. Sie meinen mich,
sagte Loos, ich habe mich
gegen Ihren Verdacht schon me
mssen, und trotzdem, auf einer allgemeineren Ebene haben
Sie recht: Ohne ein Quentchen Kotlust mte sich jeder
halbwegs empfindsame Mensch
nach dem Lesen der Zei-
tung die Hnde waschen, aber
wir sind ja noch immer am
Essen, verzeihen Sie, und me
in heutiger Tag war wirklich
arm an Mivergngen, sofern
Traum und vielleicht noch davon
, da ich in diversen Ge-
schften Luganos erfolglos na
kaum noch hergestellt zu werden
scheint, weil sich die Tex-
tilindustrie immer weniger um die Bedrfnisse und Ge-
schert. Fnfzig Jahre lang
habe ich Unterhosen mit ffn
ung beziehungsweise Eingriff
Deutschland , aber diese Ho
sen mit ffnung oder Eingriff
sind mehr und mehr vom Markt verschwunden. Meine Frau,
fllt mir gerade ein, hat einmal
hnliches erlebt. Eine Zeit-
Mode, da sie die grte Mhe hatte, noch irgendwo nor-
male aufzutreiben. Einen Me
tallbgel-BH konnte sie ein-
fach nicht tragen, weil er sie an die schrecklichste Begeben-
heit in ihrem Leben erinnert
htte, doch das gehrt jetzt
nicht hierher, ich wollte sagen,
da die normalen Unterho-
sen systematisch verdrngt wo
rden sind von unzweckmi-
gen Slips, die keinen Eingriff
mehr aufweisen und sich von
den Damenslips kaum noch abheben, so da in Sachen
mnnlicher Unterwsche von ei
ner schleichenden Femini-
sierung und also Abschaffung
der Differenz gesprochen
werden mu. Ich bitte Sie,
Herr Loos, es gibt doch auch
noch Boxer-Shorts, und die sind frei von jedem femininen
Touch! Auch ausprobiert, sa
gte Loos, sie sind mir zu ge-
rumig, in ihnen kommt keine Geborgenheit auf, aber eben,
die Welt ist aus den Fugen, un
d vieles sucht man vergeblich
Loos pausierte und wirkte er
fand. Entweder war er ein
Verstellungsknstler oder ich
hatte es eben doch mit einem
Gestrten zu tun. Trotz mei-
nes Befremdens hob ich mein Glas und sagte trstend: Auf
und stie mit mir an. Dann tran
k er in einem Zug aus. Im
Grunde bin ich aufgerumt, sagt
e er, denn ich habe in Lu-
soll ich es Ihnen erzhlen, oder wrden Sie es begren,
wenn ich ein wenig stiller wr
e? Ich fragte zurck, ob er
sich denn nicht vorstellen k
nne, wie neugierig ich darauf
sei, fr einmal nichts Vern
einendes aus seinem Mund zu
hren. Anklagen ist mein Amt und meine Sendung, sagte
Schiller. Und dann erzhlte er
der Kellner hatte mittler-
weile abgerumt , er habe
am Bahnhofskiosk von Lugano
eine Zeitung gekauft, die Dame
habe ihn freundlich bedient,
wie es das Schild hinter der Scheibe mit dem Aufdruck
Freundlichkeitsgarantie
ja auch versprochen habe. Er sei
dann auf dem Bahnhofsvorplat
z an zwei Automaten vor-
bergekommen, Pafoto-Automa
ten, und habe sofort den
Wunsch gehabt, sich wieder ei
nmal auf einem Foto zu sehn.
gen, er habe sich in die ande
worfen und sich mit aufgeri
ssenen Augen gefat gemacht
auf den Blitz, der ihn dann trot
zdem erschreckt habe. Die
Person nebenan sei fast gleich
zeitig mit ihm aus der Kabine
fach zugenickt habe, so wie er
ihr, sondern zugelchelt, sehr
zugelchelt, er sei verlegen
gewesen, er habe geschwitzt.
Entwicklung der Fotos htten
sie noch einige Male Augenk
ontakt gehabt, der Blick der
Frau sei warm und forschend gewesen, der seinige wohl
eher scheu, er habe jedesmal
als erster weggeschaut. Ge-
sprochen worden sei nicht, ihm habe nichts einfallen wol-
len, denn er sei nie ein Mann
von Welt gewesen. In puncto
einmal formuliert, wrtlich,
doch voller Nachsicht. Als das
Papier mit den vier Pafotos
endlich in den Ausgabeschacht
gerutscht sei, habe er sich erleichtert gefhlt und es sofort
herausgenommen, es sei noch
wesen. Wie vor den Kopf geschl
agen habe er die Fotos be-
Bild eines halbdebilen und st
chers das Abbild seiner selbst
sei. Zwar sehe er sein Ge-
sicht, so wie es ihm der Spie
gel zeige, als schattige Herbst-
landschaft, was aber nicht bede
ute, da er es untragbar fin-
de. Das Gesicht auf dem Foto hingegen sei eine Zumutung
gewesen, und seine Bestrzung
habe den Gipfel erreicht, als
die Frau, die ihn offenbar beob
auch im Besitz ihrer Fotos ge
wesen sei, ihn angesprochen
Taschentuch umstndlich-sorg
sam den Schwei von Stirn
und Nacken ab. Er trank. Er
trank zgig wie am Abend zu-
vor. Er sah nicht aus wie ein Ve
rbrecher, es ist mir wirklich
er das Wort
schreckliche Gedanke streifte,
da Loos seine Frau viel-
leicht umgebracht hatte. Kaum
ken war mir auch schon sein
Aberwitz bewut, und zur
Rechtfertigung blieb mir nich
ts brig, als meinen Sekun-
denverdacht als Zeichen dafr zu nehmen, da mir mein
Gegenber noch immer vllig fre
md und nicht geheuer war.
Wohl neige ich dazu, grundst
denn wer Gerichtserfahrung ha
t, kann gar nicht anders. Und
dacht Loos gegenber, der ersten
s nicht so wirkte, als sei er
auf Hafturlaub, und zweitens derart liebevoll von seiner
Frau gesprochen hatte, von seiner harmonischen Ehe mit
ihr, da man fast neidisch htte werden knnen. Worber
denken Sie nach? fragte Loos.
Ach, sagte ich, eigentlich
ber nichts, ich habe mich nu
tomaten-Fotos hufig ein biche
n schwachsinnig, sogar fast
es eher bei Mnnern als bei
Frauen der Fall ist. Knnte es sein, fragte Loos, ohne
mich anzuschauen, da Sie
ber anderes nachgedacht ha-
ben? Ich schluckte leer
und verneinte. Die Gedanken
sind frei, sagte er, im brigen tr
ifft Ihre Beobachtung zu, die
fremde Frau jedenfalls hat auf
den Fotos fast ganz so ausge-
sehen wie in natura, nmlich
sehr angenehm, um nicht zu
sagen bezaubernd. Ab
er der Reihe nach. Ich wollte gerade
gehen und einen Abfallkorb such
en, da hat die Frau mich
angesprochen und mich gefragt
, ob sie die Fotos sehen dr-
fe. Ich wei nicht, was mich perplexer machte: das eigen-
tmliche Ansinnen oder die
hnlichkeit ihrer Stimme mit
der meiner Frau. Ich stotterte,
die Fotos seien grauenhaft,
sie seien so miraten, da es mir peinlich wre, sie zu zei-
gen. Die Fremde lchelte. Ihr
Tuch, lose umgebunden, warmes
indisches Orange, erinner-
te mich ebenfalls an meine Fr
au und an die schlimme Zeit,
finde Miratenes spannend. Au
f mein Warum ging sie nicht
ein, sie trat einen Schritt auf
mich zu und griff, wieder l-
chelnd, sehr sehr behutsam na
ch dem Papier in meinen wil-
die metallene Bank neben den
Fotokabinen. Dort schaute
sie die Fotos an und uerte si
ch nicht. Nach einer Weile
fragte sie: Darf ich eines davo
n haben? Wieso denn? frag-
nicht, sagte ich, nur, so entstellt verschenke ich mich un-
gern, oder sammeln Sie Fratzen
? Sie nestelte in ihrer
Handtasche und entnahm ihr ei
ne winzige Schere, und da
ich einfach zu verdattert wa
es geschehen, da sie eins de
r vier Bildchen ausschnitt, su-
be, hat sie gesagt und eins vo
ust verkrampfte Hand genom-
men, hat einen Finger nach dem andern gleichsam aufge-
klappt und mir das Foto
auf die Hand gelegt.
Loos schien bewegt. Er sagte, er msse schnell auf sein
n er trug, falsch angezogen
hatte: Der V-Ausschnitt war hinten, und hinten rechts, auf
der Hhe des Schulterblatts, war ein schwarzer Trauerknopf
angesteckt. Der Anblick belustigte mich nicht, ich fand ihn
lieb gut zehn Minuten weg und
sah verndert aus, als er zurckkam. Er habe, sagte er, den
Drang gehabt, sich zu rasieren, nun sei ihm wohler. Den
Ich habe mein Erlebnis wundersam genannt, was es auch
war, sagte er, aber es hat mich
nicht nur gehoben, sondern
zugleich auch gebeugt. Ents
chuldigen Sie, unterbrach ich
ihn, Sie haben noch gar nicht
zu Ende erzhlt, wie ist es
weitergegangen? Es ist nicht weitergegangen, ich mu
geflohen sein, ich fand mich wi
eder im Postauto nach Mon-
mich daran erinnern zu knnen
, wie ich zur Haltestelle ge-
langt war. Wte man es nicht besser, so knnte man fast
meinen, die Fremde habe mich verhext, nicht wahr? Mein
Gott, Herr Loos, was heit ve
rhext? Bezirzt hat Sie die
Frau, sind Sie denn blind, di
e hat sich Ihnen frmlich auf-
zugreifen, laufen weg, es ist
wahrhaftig nicht zu fassen.
Ja, es ist schwer zu fassen,
ne Naturen und andere Allzeitber
eite, und andererseits ist es
leicht zu verstehn und eigentlic
h leicht zu erklren. Ich ge-
hre ja, seit mir das Schicksal meine Frau genommen hat,
der untersten Kaste an, der Kast
e der Unberhrbaren. Es ist
mir im Moment noch nicht ganz
klar, wem ich mich anver-
traue, ich kenne Sie kaum, Si
e sind jung, und Sie sind an-
ders, und Ihre Souvernitt in
Sachen Frauen erleichtert es
Ihnen auch nicht gerade, mich zu verstehen, egal, egal, ich
sage laut: Ich bin behindert!
Loos sagte das wirklich laut, und am Nebentisch wurde
es leise. Ich sah, da Loos H
nde, die brigens nichts Flei-
schiges und Prankenhaftes hatten, sondern in ihrer Feinheit
seltsam kontrastierten mit seiner schweren Statur, ein wenig
behindert
klinge mir zu stark, es handle sich wohl eher um
eine temporre Verkrampfung
. Nach dem Verlust seiner
Frau scheine er die Erotik so
unbarmherzig ausgesperrt zu
schade, und zur Behinderung we
rde es dann, wenn er die
Sperre aufrechterhalte aus fals
ch verstandener Treue. Ob er
denn glaube, im Sinne der Verstorbenen zu handeln, wenn
er sich sozusagen selbst entm
anne, wenn er, womglich bis
ans Ende, ein Klosterbruderleben fhre?
Es gebe Seelensachen, sagte
Loos, die sich nicht steuern
lieen, bekanntermaen, es ge
be innere Behinderungen, die
willensunabhngig seien und also
unerreichbar fr Appelle,
weshalb mein Rat, die Sperre
abzubauen, zwar gut gemeint,
er sei ein sinnlicher Mensch, un
botage, sobald er sich dem Feuer nhere. Irrtmlicherweise
handle es sich hier nicht. De
nn Treue entspringe einem Wil-
lensakt, weshalb sie als mora
lisches Verdienst empfunden
werde, er aber
die Sperre gar nicht und sei im brigen
nur darum auf sie aufmerksam
halben Jahr, wenn auch nur selten, durchaus bereit gewesen
Ich habe einen Freund, sagte
ich, der glck
anderen Frauen ein. Sein Bege
kussierbar auf eine einzige Fr
au. Kurzum, er nimmt es mit
der Treue nicht allzu genau,
sprnge mit groer Toleranz. So scheint es jedenfalls, so hat
er es immer vermittelt, vor ku
rzem aber kam er zu mir,
sptabends, angeheitert, elend.
Er sagte, er grble ber eine
Frage und komme zu keinem Er
gebnis. Er bitte um meine
Beziehung trotz aller Lust sich nicht verhrten mag: was
Ich wei nicht, was Sie wolle
n, sagte Loos schroff, mein
Hemmnis ist nicht leiblicher
Natur, was kmmern mich die
Nte eines Seitenspringers?
Nun, sagte ich, sie knnten
darauf verweisen, da sich di
e Treue, entgeg
en Ihrer Auf-
fassung, nicht einem Willensakt
verdankt, sondern, wie soll
ich sagen, einem unterirdische
n Gngelband. So sehr sich
Ihre Sperre von jener meines
Freundes unterscheiden mag,
ich deute beide als Folge eines inneren Machtworts, das auf
In diesem Augenblick piepste
ein Handy. Loos schttelte
den Kopf und lief rot an. Ic
bruch. Er griff nach seiner
Jacke, die ber der Stuhllehne
Auentaschen, das Piepsen ve
rstummte. Entschuldigung,
sagte er, ich habe vergessen, es
auszuschalten. Schon gut,
sagte ich. Wissen Sie, sagte
er, man kann auch das ehrlich
verfluchen, woran man selber
teilnimmt, zum Beispiel das
Leben, zum Wohl! Ein Hoch
auf die Inkonsequenz, sagte
ich, sie erhlt uns geschmeidig.
Sie raubt uns die Selbst-
achtung, aber ich sage zu me
inen Gunsten: Ich habe das
Ding geschenkt bekommen, u
nd kaum jemand kennt meine
te. So ungefhr, sagte Loos
, aber zurck zu unserem
Thema. Wissen Sie, meine Frau reiste ein- oder zweimal im
Jahr nach England, um eine
Freundin zu besuchen, die
Mdchen war. Da sie von diesen
Besuchen nicht sonderlich
viel erzhlte, beschlich mich
eines Tages ein mir sonst
fremder Argwohn. Ich zwang meine Stimme zu einem hu-
morigen Ton und fragte mein
e Frau, ob diese Freundin
wirklich existiere oder am Ende ein Freund sei. Sie wurde
sehr bleich. Sie schwieg so la
nge, bis ich vermutlich auch
erbleichte, da ich glaubte, in
Wir htten nie ber Treue gerede
t, sagte sie schlielich, und
deshalb habe sie angenommen,
sie sei fr uns selbstver-
stndlich. Fr sie jedenfalls sei Treue ein Bedrfnis, ein
stiller Naturtrieb, so wenig anstrengend wie die Liebe
selbst, und solange sie, die Lieb
e, bestehe, knne ich unbe-
sorgt sein. Es scheint also eine Treue zu geben, die weder
einem Willensakt entspringt, wi
noch einem unbewuten Machtwor
ben. Und diese natrliche Treu
e habe ich damals als beruhi-
gend empfunden, zu Unrecht,
sie mte uns in Angst ver-
Warum denn das? fragte ich. Wie auch immer, fuhr
Loos fort, es gab diese englisch
e Freundin, sie starb im Juni
auch das Ende meiner Frau
sein knnen. Di
e beiden spa-
zierten zusammen im Hyde Park
, als unheimlich schnell ein
Gewitter aufzog. Sie rannten au
f eine Baumgruppe zu, um
Schutz vor dem Regen zu suchen, wobei meine Frau eine
sich nach ihr und stellte fe
st, da ein Riemchen gerissen
war. Ihre Freundin hatte die
Baumgruppe inzwischen er-
reicht, und whrend sie meiner Frau aus zirka vierzig Me-
tern Entfernung zuwinkte, als
wolle sie sie zur Eile antrei-
ben, traf sie ein Blitz. Sie st
arb auf der Stelle und vor den
aber zur Abklrung ins Kranke
nhaus gefahren werden mu-
te, da ihre Beine sie nicht mehr
tragen wollten. Sie rief mich
am gleichen Abend noch an,
sprach, als wrge sie jemand. Anderntags flog ich nach
dizinischen Befund gab es ni
cht, man sprach von einer vo-
rbergehenden, durch Schock
verursachten Lhmung. Am
zweiten Tag konnte sie weinen, sie weinte lange, zuerst
krampfartig, dann immer gelster, und am Morgen des drit-
ten Tages, als ich in ihr Zimmer trat, sa sie auf einem
Stuhl, stand auf und kam mir
teilte ein Arzt uns schier U
nglaubliches mit. Der Tod der
tdlicher Leiter. Es handle sich
seines Wissens, so der Arzt,
um den zweiten auf diese Art
verursachten und ihm bekannt
gewordenen Todesfall. Auf me
ine Frage, was meiner Frau
geschehen wre, wenn sie im
Augenblick des Einschlags
dicht neben der Freundin gesta
nden htte, sagte der Arzt, sie
htte kaum berlebt. Whrend
ich die Hand meiner abwesend
wirkenden Frau. Was ist ein
Leben noch wert, sagte sie pltzlich, das sich dem gerisse-
da ich sprte, wie sie wieder in sich versank. Ja, so war das,
dazu veranlat hat, von diesem Geschehnis zu reden.
Es sei, sagte ich, um seinen
Zweifel gegangen, ob diese
Freundin berhaupt existiere be
ziehungsweise um die Treue
seiner Frau. Und dabei habe
er wie nebenbei auch angedeu-
chen mssen. Wie er das geme
unklar geblieben, es interessi
ere mich aber. Loos sagte
nach einigem Nachdenken, das Problem der natrlichen
Treue, wie seine Frau sie verstanden habe nmlich als
dauere, Begleitendes , das Pr
oblem dieser Treue bestehe
darin, da sie in Wahrheit kein
e sei, auf jeden Fall nur eine
virtuelle. Es sei wie mit dem Mut. Wer sich nie in Gefahr
begebe, dessen Mut bleibe ungeprft und unbewhrt und
also unverwirklicht. So auch die Treue, die, um real und
wertvoll zu sein, der Versuch
ung bedrfe, oder noch besser:
der vollzogenen Treu
losigkeit. Ja, der im strengsten Sinn
treue Mensch sei der untreu
Partner die Treue bewahre. Was allerdings, wie ich als
Scheidungsanwalt ja wissen msse, ebenso selten sei wie
auf der anderen Seite das groe, verzeihende Herz.
Ich fragte Loos, da er kurz
innehielt und einen Schluck
te er. Das groe Herz, sagte
ich. Sie verstehen wohl gar
nichts, ich htte, rein hypothe
tisch gesprochen, mein Herz
gar nicht brauchen knn
en. Wenn eine Frau mir sagt, sie sei
mir treu, solange sie mich liebe, so mte ich eine Untreue
wohl oder bel als Zeichen erloschener Liebe deuten, und
diese pfeift auf ein verzeihe
ndes Herz, verstehen Sie?
Durchaus, sagte ich, und ich ve
natrliche Treue, wie Sie si
e nennen, eigentlich angst ma-
chen mte. Htten Sie lieber eine Frau gehabt, deren Treue
durch eine Untreue erprobt wo
rden wre? Sie war, wie sie
war, Herr Clarin, und Sie mten drei Leben haben, um
eine Frau von solcher Wesensart zu finden, von solcher
Feinheit, innerer und also
uerer. Schn fr Sie, sagte
ich, da Sie bereits in Ihrem
ersten Leben fndig wurden.
Unschn fr mich, da Sie so wenig von mir halten. Ich
habe nicht Sie persnlich geme
int, verzeihen Sie, sondern
eher die Mnner schl
echthin, mich inbegr
iffen, ich selbst
war nicht viel mehr als eine
blinde Sau, obwohl ich den
Vergleich nicht mag, da mein
glichen werden mte als nur mi
t einer Eichel. Vielleicht
mit einer Trffel? fragte ich. Das wre schon besser, aber
Schweine, soviel ich wei, finden Trffel problemlos mit
ihrem Geruchssinn, auch wenn sie blind sind. Die Redens-
art, von der wir sprechen, verlr
e also ihren Sinn, wenn wir
die Eichel durch eine Trffel
schlielich, wenn ich das sa
gen darf, hat meine Frau mich
ihrerseits nicht selten als Ge
Obwohl ich Loos ansah, da
er die Frage nicht mir, son-
dern sich selber stellte, sagte ich, er sei vielleicht ein allzu
fest verschnrtes und quasi he
nichts daran liege, gefunden
und ausgepackt
zu werden.
lassen. Zum Beispiel habe e
r, was mich erstaunen werde,
gewesen, wahrscheinlich sogar
schmalzig, es sei darin von
der samtenen Decke des Sterne
nhimmels die Rede gewesen,
unter der sie, die Inserentin, einem reifen Mann zu begeg-
Deine Penelope
so sei die Anzeige unterschrie-
ben gewesen, und das Pseudo
nym habe den Altphilologen
in ihm so angesprochen und ne
ugierig gemacht, da es mit
zu einem Antwortbrief ge-
kommen sei, den er allerdings, um keine bertriebenen Er-
wartungen zu wecken, nicht mit
unterschrieben
habe. Zwei, drei subtile Ansp
ielungen auf den antiken Stoff
habe er immerhin einflieen
lassen. Nach wenigen Tagen
Erstaunen tatschlich Penelope
geheien, allerdings Pene-
lope Kndler, was ihm einen le
be, ebenso wie ihre Antwort au
f seine Frage, woran er sie
im Weinlokal, in dem sie sich
knne. Sie habe nmlich gesa
gt, ihr besonderes Kennzei-
chen bestehe darin, da sie nur
ein Ohr auf der rechten Seite
habe. Er habe beflissen gelacht,
sie nahezu gellend. Aber er
merke gerade, da er zu ausfhrli
Brokauffrau und an und fr sich
attraktiv, nur habe sie lei-
der die Unart gehabt, sich stndig selbst zu definieren, stn-
dig zu sagen, was ihre Art sei und was nicht. Es sei nicht
ihre Art, habe sie beispielsweise gesagt, Kontaktanzeigen
aufzugeben, das habe sie nicht ntig, da es fr sie ein leich-
tes wre, in jeder beliebigen Ba
r einen Mann vom Tresen zu
schlen, was aber nicht ihre Art sei. Kurzum, obwohl er,
n wenig gelitten habe, sei er
nicht abgeneigt gewesen, als
sie ihn noch auf ein Glschen
zu sich nach Hause eingelade
n habe. Er sei ein Ausnahme-
fall, habe sie gesagt, als sie
sie gehre nicht zu den Frauen
dem ersten Rendezvous in ih
re Wohnung mitnhmen. Die
Tr zum Schlafzimmer sei offengestanden, er habe ein
enormes Bett gesehen und darauf
irgendwann im Bad verschw
unden und nach lngerem Du-
schen duftend zurckgekommen. Sie habe nur noch ein
schlitzen, habe sich zu ihm aufs
Sofa gesetzt, sich an ihn
seinem Naturell heraus agiere
. Dann habe sie ihn Kuschel-
br genannt. Kuschelbr m
u vorher auch noch duschen,
habe sie ihm ins Ohr geflstert
, wrtlich, und statt sich so-
fort zu verabschieden, habe er
sich, von ihren Hnden leicht
geschubst, ins Badezimmer dirigieren lassen, wo sie ihm
einen giftgrnen, ihm vllig
wesensfremden Waschlappen
aufgedrngt habe. Sobald er alle
in gewesen sei, habe er sich
nchtern gefhlt, seine Willens
kraft wiedererlangt und sich
zum Aufbruch entsch
lossen. Erwartungsgem habe Pene-
lope, als er aus dem Badezimmer gekommen sei, schon un-
und habe mit freundlichen Worten
erklrt, da er nicht blei-
ben mchte, da es fr sein Gefhl nicht stimmen wrde.
Sie habe wie ein Kleinkind
zu wimmern angefangen und
sich in ihn beziehungsweise in
sein Hosenbein verkrallt.
Und dann, nachdem er sich ha
be befreien knnen, was so
sanft wie mglich geschehen sei, habe sie alle Fassung und
allen Anstand verloren und un
ter anderem gesagt, an ihm
sei ein zickiges Weib verlor
engegangen. Am ordinrsten
Mund vernommen habe, nm-
lich: du rostiger Wichser. So
klglich, ja brutal sei sein
sondierender Vorsto miraten
und sein Versuch, sich zu
So Loos mit groem Ernst
und trauriger Stimme. Aus
Rcksicht darauf, ich wollte ih
n nicht krnken, verbi ich
mir mehrmals das Lachen, erst ganz am Schlu verlor ich
die Selbstkontrolle. Loos lachte
nicht mit, schien aber auch
Ich fate mich rasch. Ich sagte,
da ich mich an seiner Stel-
le nicht zweimal htte bitten la
ssen. Ich wei, ich wei, sag-
ch wenn es immer heit, wir
Mnner seien alle gleich in
puncto puncti. Vergessen Sie
nicht, sagte ich, es sind die Fr
ten, und die mten es eigen
tlich wissen. Die Frauen sind
mit diesem Ammenmrchen au
fgewachsen, sagte Loos, ich
kenne Mtter, deren Mnner
durchaus nicht diesem Bild
entsprechen und die den Tchte
rn trotzdem und wider bes-
nner immer nur das eine wol-
len, und zwar so whl- und um
standslos wie mglich. Fast
knnte man unfeinerweise vermuten, das Bild vom Mann
als geilem Bock sei fr die
Frau nur vordergrndig ein
Schreckbild. Ob Schreckbild oder Wunschbild, abwegig
ist es nicht, Herr Loos. Wissen Sie, wie oft ein Mann im
Durchschnitt und pro Tag an
Sex denkt? Ich habe nie
nachgezhlt. Sie vielleicht ni
cht, aber ein Forscherteam,
und dieses kam auf zweihunder
tundsechs, da staunen Sie,
nicht wahr? Ja, sagte er, das wre ein verstrender Be-
fund, wenn es ein seriser wre. Wenn mir ein Forscher-
team befehlen wrde, einen
Tag lang bei jedem Gedanken
an Sex ein Kreuzchen in mein
Notizbuch zu
machen, so
knnte ich nichts anderes me
hr denken, und mein Notiz-
buch wre schon am Mittag voll.
Ich gehe davon aus, sag-
te ich, da die Versuchsanordnung nicht ganz so simpel
war, doch wie auch immer,
wie knnen Sie von Ammen-
mrchen sprechen, wo doch die groe Mehrzahl der Mnner
Erfahrung mit kuflicher Liebe ha
nur um das schnelle eine geht
und sonst um nichts? Im
Unterschied zu Ihnen, sagte
Loos, begreife ich den Sach-
verhalt nicht als Beleg fr die natrliche Beschaffenheit des
denn sonst? Als Zeichen er
otischer Unkultur und sexuel-
ler Barbarei. In allen Lebensbere
ichen, so glaube ich, zeugt
rasches Zur-Sache-Kommen und umstandsloser Vollzug
von Verrohung. Allein das Z
gern ist human. Ich wollte
eigentlich sagen: Was Sie fr
ein Naturbedrfnis halten,
sehe ich eher als Perversion, und was fr die Hunde natr-
lich ist, braucht es nicht auch
fr den Menschen zu sein.
Wie kann man so blind sein, zumindest so naiv, sagte ich,
darf ich Sie fragen, ob Sie si
ch schon einmal einen Porno-
film angeschaut haben? Ja,
sagte Loos, versehentlich, in
einem Hotelzimmer bin ich einmal versehentlich auf einen
Pay-TV-Kanal geraten. Nun gut, sagte ich, Sie werden
wissen, da es sich hier um
einen blhenden Wirtschafts-
zweig mit Milliardenumstzen
handelt, und Heerscharen
von Mnnern schauen sich diese Filme an, und zwar aus
dem einfachen Grund, weil sie
ein Bedrfnis bedienen, weil
sie zeigen, wonach ihnen selb
st der Sinn steht und wovon
ihre Triebe trumen, nmlich
von einer direkten, schnellen,
durch nichts gehemmten Befri
edigung. Bestnde kein ech-
ter Wunsch danach und keiner
lei Nachfrage nach solchen
Filmen, so gbe es auch das
riesige Angebot nicht. Glauben
Sie wirklich, da all die Mnne
r, die diese Sachen konsu-
Dann sagte er: Nicht das geringste spricht dagegen. Ich ha-
be gestern abend schon erklr
tiziert wird, allmhlich als normal, ja als natrlich gilt, auch
wenn es noch so pathologisch,
noch so verbog
en oder pri-
mitiv ist. Ich mchte einen Sa
tz zitieren, der mir im Kopf
geblieben ist, weil mich, als ic
h ihn hrte, ein Grauen ber-
kam. Er stammt aus dem erwhnten Hotelzimmerfilm, er
stammt aus dem Mund einer Frau und ist oder war an ihren
hat sie ihm zugerufen, und sie hat es als anspornendes Lob
gemeint. Wenn Mnner oder Frauen wirklich
davon
men sollten, wenn sie sich wirk
lich wnschten, einander auf
so rohe Weise abzufertigen
mte man diese Trume und
s bezeichnen? Sie sind ein
Meister im Finden von Extrembeispielen, sagte ich. Mir ist
es aber, wenn ich mich wiederholen darf, nur ums Prinzip
gegangen. Der Trieb heit Trieb,
ohne Aufschub mit dem begehrten Objekt zu paaren. Und
ohne Aufschub heit auch:
Hemmung, ohne Scham. Das ist ein purer Naturwunsch. Im
Einen Naturwunsch htte ich auch, sagte Loos, mein Glas
nen? Ohne Aufschub, sagte
ich, nur wird es mit dem Fahr
en wieder kritisch werden.
Notfalls laufen wir wieder, sa
gte er. Und unvermittelt fuhr
er fort: Als ich ein Jngling wa
r, bedurfte es nur einer bra-
ven BH-Reklame in einer Schw
arzwei-Illustrierten, um
meine Ohren hei zu
machen und meine
Phantasie zu nh-
ren. Ich fragte nicht nach str
keren Reizen und suchte nicht
danach. Im Lauf der Jahre aber wurde immer mehr gezeigt.
Freizgigere Darstellungen bot
en sich an, und natrlich
schaute man hin, auch wenn man nicht nach diesem Ange-
bot gerufen hatte. Und dann ge
whnte man sich an den An-
blick, was die Empfnglichke
it fr noch eindeutigere Kost
bei vielen erhhte. Und am Schlu steht der Porno als mut-
malicher Maximalreiz. Und
am Schlu der subtilen Be-
drfnislenkung und Abrichtung
von Auge und Geschmack
Nachfrage der Kunden und de
ren authentischen Wnschen
leiten. Auf gleich verlogene
und kriminelle Art rechtferti-
n und die Fernsehbosse den
ungeheuerlichen Schrott, m
it dem sie die Massen fttern.
Erst trimmt man die Geschmcker auf das Abgeschmackte
und frdert Tag fr Tag die Ei
nfalt, und dann beruft man
sich auf sie und das Bedrf
nis der angeblich mndigen
Kundschaft, stimmts oder habe ich recht?
Ich frchte, weder noch, sagte ich. Der Streit um Huhn
und Ei ist zwar wie immer spannend, wir werden ihn aber
kaum beilegen knnen. Ich fra
ge mich nur eins. Wenn der
Mensch so form- und lenkbar is
t, wie Sie ihn sehen, warum
nur in Richtung des schlech-
ten Geschmacks, der Anspruch
slosigkeit, der Primitivitt
auf allen Ebenen? Wenn sich di
e Massen so leicht und ger-
ne prgen lassen, so knnte
man sie doch auch dazu brin-
gen, den Schrott als Schrott
zu empfinden und empfnglich
zu werden fr edlere Kost.
Und diese zu verbreiten wre
dann, da massenhaft gewnscht,
genauso profitabel. Natr-
lich wird das alles nie geschehe
n, es bleibt dabei: je primiti-
Auflage, je doofer die Sen-
dung, desto hher die Quote.
Es fragt sich nur, warum das
so ist, und Ihre Antwort darauf, entschuldigen Sie, kann
mich nicht berzeugen. Mich
auch nicht ganz, sagte Loos,
und doch ist sie immer noch be
sser als Ihre, auf jeden Fall
Welt, zumindest aber mit dem
instinktiven Hang, das Be-
scheuerte vorzuziehen. Als P
dagoge kann ich mir diese
Ansicht nicht leisten, nicht vo
r der Pensionierung. Ich kor-
rigiere mich: Es geht nicht da
rum, da ich mir diese Ansicht
aufgrund meiner Erfahrung
sich schlauer zu machen, da
es Interesse gibt fr Neues
und Anspruchvolles. Die Lust
am Denken und Erkennen ist
vorhanden, wenn auch nicht unb
edingt stndlich. Ich rede
von den Schlern, wohlversta
nden, und weniger vom Rest.
Ich nehme an, der Rest ist
das Kollegium? Loos nickte
Er sei ja blutjung in den Sc
huldienst eingestiegen, sagte
er dann, und die lteren und
alten Kollegen von damals sei-
en inzwischen zum Teil schon gestorben, zum Teil in Pfle-
geheimen und anderen Anstalten untergebracht, wo sie alz-
heimerkrank oder hirnschlagge
schdigt vor sich hin vege-
tierten, vermutlich in Windel
n gewickelt, und dabei htten
sich diese Kollegen, von we
nigen Ausnahmen abgesehen,
vor kurzem noch, wie ihm
spielt und schneidend artikuliert in den endlosen Konferen-
zen, in denen es unter ande
hungsweise um die berprfun
g ihrer Noten. Meine Note
mu bleiben! htten die meiste
n der angesprochenen Lehrer
mehr gebrllt als gesagt und ih
re Noten bis auf drei Stellen
nach dem Komma zu Protoko
ll gegeben und deshalb als
extrem exakt und unumstlich
empfunden. Und all diese
l spielenden und Lebenslufe
dirigierenden Richter dmmerten
ten, debil vor sich hin, so
wie die mchtigen Politiker und
die anderen Scharfmacher und
Schreihlse von einst heute
entweder tot seien oder umfassend verlottert. Mit eigenen
Augen habe er selbst, Loos,
gesehen, und zwar im langen Fl
ur des Pflegeheims, in dem
auch seine Mutter wohne. Ein
gekommen, tappelnd, und habe
einen Fhrenzapfen, befe-
dieser Greis sei in der Tat ke
in anderer gewesen als sein
einstiger Englischlehrer, ei
n launischer und ekelhafter
Hund, den alle gehat und ge
die Opfer dieser Menschen
und Machtinhaber und Schand-
tter mte es eigentlich ei
n Trost und eine Genugtuung
sein, deren Tod oder Verbldu
ng zur Kenntnis zu nehmen,
aber die Schrfungen heilten
deswegen nicht rascher. Im
brigen sei er selbst, Loos,
durchaus nicht ohne Schuld,
auch er habe Schler mitunter
gekrnkt und
werde nie allen
gerecht, aber da seinen Verg
ehen die Vorstzlichkeit fehle,
wrden sich seine dereinst
ehemaligen Schlerinnen und
Schler, wenn sie ihn auf der Strae trfen, vielleicht zu-
friedengeben mit seiner tropfenden Nase und seinem H-
rappartchen und ihn nicht hrter bestraft sehen wollen.
sprunghaft und zuchtlos ich
rede, schon wieder bin ich ab-
Natrlich vermuten Sie, ich sei vor ihr geflohen, weil der
Geist meiner Frau es so wollte, vielleicht auch, weil Sie
mich fr triebschwach halten. Ic
h glaube, beides trifft nicht
was mehr bentigt als einen duftenden Leib, als schwach
bezeichnen mchten. Um dieses
Mehr ist es gegangen, es
hat gefehlt, sein Fehlen htte den Beischlaf, obwohl Pene-
lope ihn begrt haben wrde,
zur Schndung gemacht, ich
meine, zur mechanischen Ve
einander einvernehmlich und
in Ermangelung verbindender
ieren, nur bringt das mehr
Tristesse als Wonne. Also, ich
htte mich vergangen, auch
an mir, wenn ich Penelopes Appell, mich zu ihr unter das
Sie mich recht, ich habe Lust dazu gehabt, doch neben die-
ser Lust empfand ich eben auch
anderes, das sich als strker
und darum als handlungsbes
timmend erwies, und zwar das
Gefhl der fehlenden Gemeinsamkeit, der unstimmigen
Seelenchemie, und so weiter un
d so fort, ich verble Ihnen
Ihr Nicken, es verstrkt me
ine Redseligkeit, ich gehe
Ich war froh um die Pause, froh, fr Minuten befreit zu
sein von der bedrngenden Pr
senz dieses Mannes. Aber
nicht eine Sekunde wnschte ich mir, er mge oben bleiben
und mich sitzenlassen. Ich fragte mich, ob mein Interesse
fr andere Menschen in Wahr
heit immer lau gewesen sei,
oder, gemessen am berma des In
teresses, das Loos in mir
erregte, nur lau
Ich wute es nicht. Ich fragte
mich, wie seine Frau es ausgeh
alten hatte mit diesem in je-
der Hinsicht schweren Mann. Ich versuchte, mich nichts
mehr zu fragen un
d mich zu entspannen. Als Loos nach
zehn Minuten noch immer nicht zurck war, bemerkte ich,
da meine Finger unruhig wurden, als sei ich auf Entzug.
Loos nahm sich das Recht, mi
ch warten zu lassen. Ich be-
schimpfte ihn innerlich als sc
hwadronierenden Halbgreis.
zurck ist, fahre ich los. Nach
Ablauf dieser Frist gab ich
ihm nochmals drei Minuten. Er kam kurz vor halb elf, ich
n ich am Fenster gestanden,
und die Vergeblichkeit des Ausschauhaltens hat mir zur
Einsicht verholfen, da de
r Gedenkende auf Augen gar
nicht angewiesen ist. Auch ei
ne schlichte Erkenntnis lt
sich gelegentlich Zeit, bis sie uns zufllt, nicht wahr? Im
brigen stimmt es natrlich nich
t, da es Ihr Nicken ist, das
Ich glaube, ich habe schon ir
die Sache verhlt: Ich habe m
it meiner Frau auch meine
Sprache verloren, zumindest die Geselligkeit, zu der sie ge-
hrt, die Sprache, und in der
sie die Hauptrolle spielt. Ich
habe mich zurckgezogen, au
ch von Freunden, und rede
praktisch nichts mehr, schon
gar nichts Privates. Meine
melt, wenn ich die Schule
nicht htte, die mich zum Spre
chen zwingt. Als Sie sich
da Sie mich ansprechen knnten, so groe sogar, da ich
mir eine Tarnkappe wnschte,
um Ihnen zu entgehen und
nicht mit Ihnen reden zu mssen. Sie aber sind ein Vogel-
fnger, ein tchtiger obendrein
, Sie haben mich aus dem
Busch gelockt, mich gefang
engenommen und so gefgig
gemacht, da ich sogar zu zwitschern begann, so zwanghaft
eifrig wie ein Vogel, der einen Winter lang geschwiegen
hat. Soviel zur Erklrung
meines Mitteilungsdrangs, ich
mu um Nachsicht bitten, sa
gte ich, ich habe mich
Ihnen aufgedrngt und Ihre Krei
se gestrt. Es fllt mir sehr
leicht, Kontakte zu knpfen, und
als extravertierter Mensch
laufe ich offenbar manchmal Ge
fahr, nicht zu merken, da
andere anders sind. Ich fhle
mich wohl unter Leuten und
bin ungern allein, fr mich
ist Menschenscheu ein Fremd-
wort. Wie es sich ohne Umgang
lebt und leben lt, ist mir
ein Rtsel. Gut, Sie haben zu
m Glck noch die Schule, was
aber geschieht in der Freizeit?
Was tun Sie in den Ferien?
Reisen Sie wenigstens manchm
al? Ich halte es mit Ovid,
sagte Loos, bene qui latuit, bene vixit. Das mten Sie
Latein war nicht meine Strke
. Wer gut verborgen war,
hat gut gelebt, sagte Loos, aber von solcherlei Wahrheit
ahnt das Rudeltier nichts. Im b
rigen, so arg allein bin ich
nun auch wieder nicht, ich bin
ja innerlich vereint, aber las-
sen wir das. Also, was tue ich in meiner Freizeit? Sie wer-
den staunen, ich tue das, wa
Geburt, nmlich nichts. Das gelingt mir natrlich nicht im-
mer, aber ich be und be und
bin auf dem Weg. Der Kl-
gere gibt nach, sage ich mir
und berlasse es den Ttigen,
sich gegen die Schwerkraft zu stemmen. Wie sieht das
ben? fragte ich Loos. Nun,
sagte er, ben heit hier wie
Nehmen Sie an, Sie liegen au
f dem Sofa, am Samstagmit-
zu bleiben, ruhig, aber ohne
zu schlafen. Sie hren, wie eine
Nachbarin staubsaugt oder je
mand den Rasen mht. Statt
Sie nur die Spinne betrachten,
die reglos an der Zimmer-
decke sitzt, und dabei keines
falls dem Wunsch nachgeben,
sie aus dem Weg zu rumen. Je
nur dann bedenklich, wenn Si
e aus Ihrem Versagen nichts
lernten. Gehen Sie in sich, be
die Sie zu einem Tun verlei-
ten wollen, nicht mehr zu reagieren.
Ich verstehe, sagte ich, aber wozu das alles, was ist der
Sinn der bung? Vielleicht, sa
gte Loos, erfahren Sie zwei
Stunden lang, wie es sich anfhlt, kein Sklave zu sein, wie
zu mssen, fr eine Weile verlieren. Jedem das Seine,
dann, wenn hinter meiner Ttigkeit ein Mssen steht und
nicht das eigene Wollen. Ja ja, sagte Loos, sich regen
bringt Segen, das sagt auch
der Volksmund, das habe ich
mir auch gesagt, nein eingehmmert, um mich zu berre-
den, nach Zakynthos zu fliegen.
waigen Reisen gefragt, nicht wahr, ich habe eine unter-
nommen, acht Tage Zakynthos im September vergangenen
Jahres, und die Vollmundigkeit des Volksmunds hat sich
dabei als himmelschreiend er
wiesen. Mein Urlaub war
scheie. Ich verwende das Wort
bewut, es ist das einzige
vulgre Wort, das ich je aus
dem Mund meiner Frau ver-
nahm, und auch das nur ein ei
nziges Mal. Sie fluchte nm-
lich nie, sie brauchte fast nie Kraftausdrcke, es wre aber
der gewesen, sie war nur fein,
und klnge es nicht so ma-
donnig, so wrde ich sagen:
rein. Sie stand eines Morgens
vor dem Schlafzimmerspiegel,
nackt, und meinte wahr-
scheinlich, die Tr zur Stube, in
der ich sa, sei zu, ich kn-
ne sie nicht hren. Bekanntermaen gibt es am weiblichen
Krper bestimmte Zonen, die
als Problemzonen gelten, weil
ne Frau war da und dort ein
bichen flliger als frher, und
Das glaubte sie mir nicht, obwo
hl ich es ihr zu vermitteln
versuchte. Es war ihr unangeneh
m, an einer solchen Stelle
berhrt zu werden, sie zuckte
frmlich zurck, kurzum, sie
stand eines Morgens vor dem
Schlafzimmerspiegel und sag-
Loos blickte ber mich hinw
Als er wieder anwesend schien
ich sah es daran, da er
sein Taschentuch herausnahm,
um ein paar kleine Schwei-
ung Augenbrauen krochen ,
erinnerte ich ihn an Zakyntho
s und fragte ihn, warum sein
dortiger Urlaub nicht erfreulich gewesen sei. Das Be-
schwerliche, sagte er, habe
schon whrend des Hinflugs
begonnen, da ihn die Dame, di
e neben ihm gesessen sei, mit
Intimitten behelligt habe. Sie sei vor kurzem geschieden
worden, nach einund
zwanzig Ehejahren, habe sie ihm er-
auch der Meinung sei, da je
des Ende zugleich Neuanfang
bedeute und dementsprechend au
ch die Chance berge, zu
neuen Horizonten oder Mensch
Er, Loos, habe so wenig wie mglich gesagt, in der Hoff-
nung, ihren Schwall zum Versiegen zu bringen, was aber
nicht geglckt sei. Es gebe
Leute, die kein Distanzgefhl
htten, kein inneres und manchm
al nicht einmal ein ue-
mer nher, und sobald man m
it einem Rckwrtsschritt den
ntigen Abstand von zirka f
bert habe, verkrzten sie ihn
durch einen Schritt nach vorne
wieder auf unertrgliche zwanzig. Er habe einen Kollegen,
rckwrts durchs Lehrerzimmer
treibe. Doch wie auch im-
mer, nach der Ankunft in Zaky
nthos habe er die Frau aus
den Augen verloren und sei er
schpft ins Taxi gestiegen,
das ihn im Auftrag des Hotels
abgeholt habe. Es fehle noch
eine zweite Person, die im glei
chen Hotel logiere, habe der
Fahrer gesagt. Nach lngerem Warten sei eine drre Dame
schon kurz nach der Abfahrt
intim geworden sei und von
ihrer Scheidung zu erzhlen bego
sicher gewesen, da ihm sein
Reisebro verschwiegen habe,
welche Zielgruppe nach Zakynthos
reise. Mit zwei oder drei
Fuoperationen habe die Dame
ihn auch noch geqult sowie
mit dem Umstand vertraut gemacht, da sie bis zur krzli-
chen Frhpensionierung Kripobea
mtin gewesen sei. Im Ho-
tel angekommen, habe es rge
r gegeben. Er
habe ein Dop-
pelzimmer mit Balkon und Me
wohlwissend, in was fr wa
ndschrankgroe Dunkelzellen
man Einzelreisende zu stecken
pflege. So eine habe man
Gegenwehr sei ihm am Ende Recht widerfahren. Er habe
scherdorf, in Wirklichkeit nur ei
ne lange, laute Strae mit
ungezhlten Tavernen, Discos
und Bars. Am Abend sei er
er hier sei. Er habe sein Hi
zugleich gemerkt, da ihn di
e Unntigkeit des Daheimseins
gejault, und am Morgen, als er gefrhstckt habe, sei pltz-
lich die Kripobeamtin vor ihm gestanden, habe hallo ge-
schrien und sich schwatzend an
Horror habe sich am Abend wi
ederholt. Er sei in einer der
hundert Tavernen gesessen, im
Freien natrlich und erst-
mals entspannt, wenn auch ei
n wenig gestrt von der ewi-
gen Sorbas-Musik und den Bodylotiongerchen der mehr-
heitlich stummen Paare um ihn
herum. Als er sie kommen
gesehen habe, die Kripobeamtin
fallen lassen und sei unter den
verstecken, doch sei sie, die Beamtin, bereits vor ihm ge-
habe er
bitte
gesagt und dabei seine Eltern gehat, denn
htteln als Wohlerzogenheit.
Loos trank, fixierte mich dabei und fragte, ob mich sein
Zeug berhaupt interessiere und
ob ich, falls nein, den Mut
htte, es zu sagen. Ich antwor
essiere mich, er solle sich ke
ine Sorgen machen und ruhig
weitererzhlen. Gut, sagte Loos, ich will mich trotzdem
bemhen, mich nicht zu verlieren. Ich sage nur, damit es
nicht so aussieht, als sei ich
ein Misogyn, da
die Berner
Beamtin nicht einfach unanse
hnlich war, sondern auch frei
von Feinfhligkeit. Ihre Sprach
e war grob, ihre Stimme war
laut, ihr Reden Geschwtz. Was mich ein Stckweit ent-
schdigt htte, nmlich einen
fesselnden Kriminalfall er-
zhlt zu bekommen, blieb aus. Auf meine diesbezgliche
Frage sagte sie nur, sie sei im
Innendienst ttig gewesen und
weniger an der Front. Instinkt
schien sie trotzdem zu haben,
denn es gelang ihr in den nch
sten Tagen, mich praktisch
berall aufzuspren. Wenn ich
am Strand einen Liegestuhl
Sthlen umgeben war, dann fhlte ich mich zwar beengt,
aber wenigstens abgeschirmt.
So blieb ich manchmal un-
entdeckt, doch gelassen genieen konnte ich nicht. Ich sa
nur auf dem Stuhl und scharrte
von Zeit zu Zeit mit den F-
en im Sand, und meine trostlo
se Stimmung hellte sich ein-
zig bei der Vorstellung auf, da
smtliche Leiber um mich
herum eines Tages zu Staub we
rden wrden. Ich zog mich
mehr und mehr auf mein Zimm
er zurck beziehungsweise
auf den Balkon, aber es zeigte
sich rasch, da der Balkon
nicht wirklich benutzbar war.
Sa ich am Na
so sah ich vor und unterhalb
von mir Distanz kaum zwan-
gend, teils sitzend, und manchmal schaute eine zu mir hoch,
stie eine andere an, die eb
enfalls hochschaute, und un-
schwer konnte ich ihrem Kichern entnehmen, wofr sie
mich hielten. Der Balkon fiel
also aus, und nicht einmal
sptabends war es mir vergnnt,
in Ruhe dort zu sitzen und
einen Ouzo zu trinken, denn
auf dem Nachbarbalkon spiel-
ten zwei deutsche Paare ein Sp
iel, ich glaube ein Karten-
spiel, bei dem man stndig
mau oder maumau sagen zu
mssen schien, es wurde st
undenlang mau oder maumau
gesagt und geschrien. Der Urlaub zehrte an mir, ich gehe
davon aus, da der Traum, den
ich in der Nacht vor der Ab-
reise hatte und von dem mir
nur noch das Hauptbild erin-
nerlich ist, die Bilanz meiner
Zakynthos-Tage symbolisch
hat ausdrcken wollen. In dies
em Traum sah ich mich selbst
in grotesker Gestalt, und zw
ar als abgenagten Knochen.
einem Stck, der unten zwei
Hcker hatte, auf denen er
notdrftig hpfen konnte, aber
nur rckwrts. Kurios, nicht
als Knochen sehen. Vielleicht hat mir das Traumbild auch
einfach sagen wollen, da ich mit meiner Fresserei aufhren
sollte. Sie mssen wissen, ich ha
be in den ersten zwlf Wo-
chen nach dem Verl
ust meiner Frau zirka acht Kilogramm
zugenommen. Ich habe keinen
Wein mehr trinken mgen,
statt dessen habe ich mich exzessiv befressen und bin
schwerer als ntig geworden. Ich schme mich ein wenig,
von dieser Sucht zu reden, auch
darum, weil es ja heit, da
dumme Menschen fressen und ge
scheite trinken. Erinnern
An das Gewitter von gestern n
acht? Aber natrlich, wie
meine das Gewitter im Hyde
blitz, ich wollte sagen, da si
ch meine Frau nach diesem
schweren Schlag verndert hat,
und eines der Zeichen dafr
bestand im Essen ser Sachen. Sie tat es heimlich und in
erheblichen Mengen, ich kam
durch Zufall dahinter. Im
Wissen um meine Zuneigung f
r Qualittsbleistifte hatte
mir meine Frau einen Bleistiftspitzer aus Messing ge-
schenkt, und eines Tages, ic
h stand gebckt ber dem Keh-
richtsack in der Kche und wa
r im Begriff, einen Bleistift
zu spitzen, fiel mir der Spitzer
aus der Hand. Er verschwand
so spurlos im Kehricht, da
ich den Sack ausrumen und
umfllen mute, wobei mir die groe Anzahl von zerknll-
Entdeckung, und irgendwie tat es mir weh, meine Frau auf
so heimlichen Wegen gehen zu
sehn. Sie mute doch wis-
sen, da ich ihr mehr an Sem gnnte, als sie je essen
chts, ich wollte keinesfalls,
da sie sich schmte wie ein Kind, das beim Naschen er-
gestoen war, erwhnte ich ni
cht, obwohl ich gern mehr
gewut htte ber den Sinn des
Satzes, den sie in flchtiger
Handschrift darauf geschrieben hatte:
Ich will keinen Him-
mel, der an der Fensterscheibe kleben bleibt.
Bild, nicht wahr? Meine Frau ha
t sich also ein wenig vern-
dert nach dem Unglck im Hy
de Park, und am verstndlich-
sten fr mich war der Umstand, da sie, die mit Gewittern
Und leider war es nicht mglich,
sie zu beruhigen, sie in die
Arme zu nehmen, sie ngstigte
sich in den Momenten der
Angst auch vor jeder Berhrung,
so da es fr mich fast so
aussah, als nhme sie mich al
s Teil des Bedrohlichen wahr.
trsten. Und einmal erzhlte
ter, die im fnften Stock eines Wohnblocks lebte, nicht
mehr im Aufzug fahren knne
, ohne von Angst vor der N-
he der Mutter befallen zu werd
en. Gewisse Eigenheiten und
Empfindlichkeiten meiner Frau
sind allerdings schon immer
vorhanden gewesen und nach
dem Erlebnis in London nur
len aller Art aufs empfindlichste
reagierte. Wir haben in den
ersten Ehejahren zweimal di
von Zrich gewechselt und in
jeder mehrmals den Standort
einmal durch niederfrequent
trchtigt fhlte. Auch Fhn
Trotz alledem, Sie htten ein fa
lsches Bild, wenn Sie meine
Frau fr krank halten wrden
, fr wehleidig oder nerven-
schwach. Feinnervig ist sie ge
wesen, nicht nervenschwach,
und da sie nicht wehleidig war,
lich erkrankte und mit dem Sc
hlimmsten rechnen mute,
wei Gott zur Genge bewiesen.
im Stich, habe ich gestern
schon davon erzhlt, ich meine
von dieser Erkrankung?
Sie haben von einem Tumor ge
sprochen, aber nur andeu-
tungsweise, Sie sagten auch,
da dieser Tumor mit Erfolg
operiert worden sei und da di
e blonden Haare Ihrer Frau,
die man des Eingriffs wege
nachgewachsen seien. Alle
Achtung, sagte Loos, Sie w-
Ich wei nicht, was Sie meinen. Nur ein Scherz, sagte
Loos, nur eine Anspielung au
f Quintilian, der meint, da
Lgner angewiesen seien auf
ein vorzgliches Gedchtnis.
de Park begann meine Frau
unter nchtlichem Kopfschmerz
zu leiden. Und manchmal, noch vor dem Frhstck, mute
sie sich erbrechen. Ich nahm nu
stierte auf einem Schwangerschaftstest und hoffte auf ein
Kind. Aber damit war nichts,
die spte Erfllung unseres
Wunsches blieb uns versagt.
Eines Morgens sagte meine
Frau zu mir, sie sehe mich ve
krank bei ihrem Arbeitgeber, trotz ihres Widerstands. Sie
war ja, wahrscheinlich habe ic
h es schon erwhnt, in einem
als Sachbearbeiterin den Trau
nebenbei. Als dann in ihrer
linken Krperhlfte noch Taub-
heitsgefhle auftraten, ging meine Frau zum Arzt. Er veran-
late sofortige Klrung. Die Diagnose kam rasch und mit
rns. Meine Frau blieb ge-
spenstisch gelassen, so da ic
h glaubte, sie unterschtze die
Gefahr, in der sie schwebte. Sie lie einen Klavierstimmer
der kam und stimmte ihr Klavier, auf dem sie kaum je spiel-
te. Zwei Tage spter, als ich aus der Schule kam meine
Frau war noch beim Arzt ,
hrte ich den Anrufbeantworter
ab, hrte die Stimme des jungen Blonden, Rossi hie er, der
Folgendes sagte: Frau Loos, ich mchte Ihre Beine kssen.
Mehr sagte er nicht, und ic
dings auch besorgt. Der Bengel
mute im Verhalten meiner
animierte. Dabei war meine Fr
au, was ihr Benehmen ande-
extrem verhalten, abwei-
send fast, nie habe ich bemerken
knnen, da sie, so wie die
gnalen spielte. Ich war also
besorgt, weil ich einmal gelese
n hatte, da Hirntumore auch
zu Persnlichkeitsvernderungen
fhren knnen, und eine
solche schien hier vorzuliege
n, falls meine Frau dem jungen
Mann tatschlich ein Zeiche
n der Ermunterung gegeben
haben sollte. Ich sagte zu ihr, als sie nach Hause kam, auf
dem Anrufbeantworter befinde si
ch eine Nachricht fr sie.
Sie hrte sie ab und lachte laut
und herzlich. Ob sie denn
gar nicht schockiert sei, ob ma
n den Burschen nicht in den
Senkel stellen sollte, fragte ich.
Ach wo, sagte sie, weit du,
ich htte seine Annherung vor kurzem noch als unver-
dazu, an mein baldiges Ende
zu denken. Und sonderbarer-
che, irgendwie lustig vor, vers
tehst du, es verliert an Ge-
wicht. Als ich meiner Frau
zu erkennen gab, da ich wis-
und auch heute noch nicht verste
he. Sie habe sich, sagte sie,
oft vergeblich gewnscht, von mir nicht immer verstanden
zu werden. Ich bat sie darum, den Satz zu erlutern, sie
lehnte ab. Kurzum, ich wollte
eigentlich nur sagen, da
meine Frau, entgegen meiner
Vermutung, den Ernst ihrer
Lage durchaus nicht verkannte. Und doch ist sie heiter ge-
blieben, whrend ich selbst fa
st verrckt geworden bin vor
Angst und Sorge und Ohnmacht.
gekehrt. Sie erzhlte zum Beispiel, sie habe vor lngerem
eine Radiosendung gehrt, in
der es um ein altes Volk ge-
gangen sei, um dessen sonderbaren Brauch, die Neugebore-
nen wehklagend willkommen zu
heien und alle bel auf-
Volk mit Freude und unter Sche
Leiden des Lebens endlich en
tronnen seien. Ob mir diese
Sitte nicht auch gefalle, fragt
e mich meine Frau. Ich ver-
schwieg, da mir die Sitte
sagte: Irgendwie schon, trotzd
em macht mich die Vorstel-
lung von Freudentnzen um me
in Grab herum ein bichen
melancholisch. Mich nicht, sa
gte sie, mich wrde es freu-
en, dich tanzen zu sehn. Du wirst es erleben, sagte ich zu
ihr, sobald du geheilt bist, we
Wir haben dann doch nicht ge
tanzt, sagte Loos, wir ha-
ben nur einmal miteinander ge
tanzt, an unserer Hochzeits-
feier, dann aber nie mehr. Ich habe mit siebzehn einen
Tanzkurs besucht, am ersten Abend hat ein Mdchen, das
nach Lavendelseife roch, zu mi
r gesagt, ich solle nicht so
hopsen. Am Schlu des dr
itten Abends wa
den, und blieb als berschssi
g sitzen. Ich kam mir vor wie
ein verkrppeltes Kalb auf de
m Viehmarkt, fr mich stand
auer Frage, da ich nie eine Freundin finden wrde, ge-
schweige denn eine Frau. Den
Tanzkurs habe ich abgebro-
da nur ganz kurz und gleichsa
m selbstironisch. Sie knne
jederzeit tanzen gehn, wenn ih
r der Sinn danach stehe, habe
ich spter noch manchmal gesagt, und sie hat immer erklrt,
das Tanzen bedeute ihr nichts.
Und dabei hatte ich, als ich
sie kennenlernte, sogar geglau
bt, sie sei womglich eine
Ballerina, so nmlich hat sie ausgesehen mit ihrer grazilen
Figur. Eine Ballerina mit Hund,
die mir auf einem Feldweg
entgegenkam. Ich ausnahmswe
ise auch mit Hund, mit dem
Tage lang fr ihn zu sorgen,
da sie ins Elsa fahren wollte.
Der Hund war eine Hndin, hi
e Lara und war lufig. Des-
schreckspray sowie die Anweisung, die hintere Partie von
Lara vor jedem Ausgang einzun
ebeln. Dies schien mir so-
wohl bertrieben als auch un
sympathisch, ich unterlie es
also, und diese Unterlassung ha
t sich als schicksalhaft er-
mir her, ich hatte sie von der Le
ine befreit. Da also kam mir
eine junge Frau mit einem Labrador entgegen. Als uns noch
dor, an der Leine gefhrt, blie
b ebenfalls stehn. Und dann
ging alles sehr schnell. Mit einem Ruck ri sich der Labra-
dor los und strmte auf Lara zu. Leo, Leo! rief meine zu-
knftige Frau, aber
Leo war nicht mehr ansprechbar, er war
schon intensiv am Schnuppern, und Lara tat ihm durch
Seitwrtslegen des Schwanze
s ihr Einverstndnis kund,
worauf er sofort aufstieg. F
r eine Intervention war es zu
spt. Verwirrt und peinlich berhr
t fast mchte ich sagen:
in Scham vereint standen wi
r beide daneben, und auer
ein paar Entschuldigungsfloskeln
wuten wir nichts zu sa-
gen. Nun aber gab es eine Komplikation, die, wie ich mir
habe sagen lassen, gar nicht so
selten ist. Der Rde nmlich
versuchte nach erfolgter Kopula
tion vergeblich abzusteigen,
er blieb in Lara wie in eine
m Schraubstock stecken. Ein
Verkeilten sich lautlos im
Kreis. Dann legte Leo ein Hinterbein auf Laras Rcken und
drehte seinen Krper ab und um, so da die zwei, noch im-
worauf ein jeder unter Schmer
zensjaulen in seine Richtung
zu zerren begann. Umsonst, sie kamen nicht los voneinan-
in Wellen, und ich fand kein
entkrampfendes Wort. Nach
einer Viertelstunde, der lngsten meines Lebens, erklrte
meine sptere Frau, man msse etwas tun, sonst nehme das
Drama kein Ende. Ja, aber was? fragte ich, und statt eine
Antwort zu geben, nherte sie
sich von vorn ihrem Leo, er
war nicht gro und nicht schwer, fate ihn beidhndig um
seine Flanken, hob ihn behu
tsam ein Stckchen hoch und
zog mit einer leichten Drehbewegung an ihm. Die Sperre
schien sich zu lsen, die Trennung gelang, und jeder der
also lernten wir uns kennen. Nicht auszudenken, was ge-
schehen wre, wenn ich vor
dem Spaziergang auftragsge-
m zum Spray gegriffen htte
. Nmlich nichts. Man htte
sich auf dem Feldweg gekreuzt
und gegrt, und Leo htte,
wenn berhaupt, an Lara kurz
gerochen, sich schaudernd
an der Leine reiend, die
Frau meines Lebens fr imme
r aus meinem Blickfeld gezo-
gen. Gottlob ist es anders ge
kommen. Gottlob hat sich die
junge Frau nach de
mir gesagt, da das Naturereignis keine Folgen hat. Natur-
ereignis! hat sie tatschlich gesagt, das bleibt im Gedcht-
nis, und mir ist sofort klar ge
wesen: Wenn eine derart junge
Frau den Vorgang der Begattu
ng ein Naturereignis nennt,
dann ist sie ein besonderer Mensch. Ich fragte sie, ob ich sie
informieren solle ber die mg
lichen Folgen. Sie bat darum
und gab mir die Telefonnummer. Sie nannte ihren Namen,
ich den meinen, ihr Hndedruck war angenehm. Von Liebe
auf den ersten Blick kann nich
t gesprochen we
rden, ich war
nie schnell entflammbar. Wir haben uns, nachdem wir be-
gonnen hatten, uns re
gelmig zu treffen, nur langsam ver-
schweigen und mir die Mglichke
it zu geben, mich als Zu-
hrer so zu bewhren wie Sie,
Herr Clarin. Reden Sie! Be-
e doch, um Himmels willen,
Er lt mich nicht zu Wort kommen, htte ich denken
vor, da ich schweige. Aber ich dachte es nicht, ich emp-
fand es nicht so. Ich erinnert
e mich an meine Mutter, die
mir in meiner Kindheit oft au
s Grimms Mrchen vorgelesen
hatte. Damals hatte ich zuhren
Zeit verkmmert. Ich merkte es, weil sie auf einmal wieder
da war, wie neuerweckt durch
die starke Gegenwart des
erzhlenden Loos. Ich hatte gar
nicht den Wunsch, das Wort
zu ergreifen, obwohl ich sons
t gern rede und mich unter
meinesgleichen nicht unwohl
fhle in der Rolle des wort-
Bedrfnis zu reden, vermutlich
auch deshalb nicht, weil ich
schien mich so weit gebracht zu haben, da ich mich und
mein Leben fast fad fand. Er sc
le htte ich die Geduld mit mi
r schon lange verloren, sagte
te ich, brauche keine Geduld.
Was mir ein wenig Geduld abve
rlange, sei einzig der Um-
stand, da er fast nichts zu
Ende erzhle und mich sogar im
unklaren lasse, ob Lara trchtig geworden sei oder nicht.
Es stimmt, ich komme nie zu
einem Abschlu, sagte Loos,
und Lara ist leider nicht tr
chtig geworden. Warum denn
te er, Sie haben ja das Wort. Es sei nicht leicht, auf Ge-
hei zu reden, sagte ich, und auerdem wisse ich nicht, was
er von mir zu hren wnsche.
Loos fllte unsere Glser. Ich
mchte Ihnen gern das Du anbi
ist nicht mehr ntig, uns mit der Sie-Form auf Distanz zu
halten. Loos Antrag kam fr
nicht sofort reagieren konnte. Es
mu nicht sein, sagte er, es
war nur eine Anwandlung. Ic
h freue mich darber, sagte
ich schnell, obwohl es nich
t der Wahrheit entsprach. In
Wahrheit war ich froh um die Di
en wollte. Sein Gravitationsfe
ld, wenn ich so sagen darf,
bte schon Kraft genug auf mich
aus. Ich heie Thomas,
sagte ich. Loos stutzte kurz und sagte dann: Das habe ich
habe gestern nacht das Namensschild an Ihrer Haustr ge-
T. Clarin,
und auf dem Rckweg habe ich versucht,
Vornamen, die mit einem T beginnen, aufzuzhlen, ich habe
nur acht gefunden, am eheste
n, so schien es mir, passe
Thomas zu Ihnen. Im brigen
Thomas? Thomas, ja.
Bevor ich mich zu diesem
Zufall uern konnte, sagte
Loos, es sei ihm bei seinem
aufgefallen. Mein Namenssch
ild befnde sich, mit einem
zweiten zusammen, auf dem linken Rahmen der Haustr.
Und auf dem rechten Rahmen ha
be er ein drittes Schildchen
gesehen, aus Messing, von Gr
nspan verfrbt, aber noch
lesbar. Wie ich ja wisse, stehe
darauf, und dieser
namhafte Name habe ihn sehr
verwundert. Sie sind mir
ein Rtsel, sagte ich, du bist mir ein Rtsel, wie kannst du
so viel trinken wie gestern
und trotzdem noch scharfugig
sein? Seine Flle erlaube ih
dieser Tasso sei. Er war
mein bester Freund, sagte ich, wir haben als Studenten
Wand an Wand gewohnt, er
lebt nicht mehr. Ihm hat das
Huschen in Agra gehrt, m
it sechsundzwanzig ist er dort
gestorben.
Im Unterschied zu mir verstehst du es, dich knapp zu fas-
sen, sagte Loos, nur eben, es
fehlt das Fleisch am Knochen.
Mehr Fleisch, Thomas, wenn
ich bitten da
Tasso womglich ein Verwandt
er des berhmten und ver-
er hufig gefragt, und er
pflegte darauf bescheiden zu sagen, er wisse es nicht. Er
stammte aus der Gegend um N
eapel, und als er fnfjhrig
war, verloren seine Eltern be
Man verpflanzte ihn in die Sc
hweiz, nach Bern, zu einer
einem Schweizer Ingenieur, der Engel hie und der, als
Tasso dreizehn war, in einen Lift
schacht strzte. Er hinter-
lie seiner Frau ei
n nettes Vermgen sowie ein Huschen in
Agra, wohin sie sich zurckzog,
als Tasso zu studieren be-
gann. Zwei Jahre spter star
b auch sie, ich glaube an
Lymphdrsenkrebs, und das H
uschen ging ber in Tassos
Besitz. Ist es so recht, Thomas, oder soll ich mehr raffen?
Es wird zu viel gestorben, sagt
e Loos, sonst ist es recht, er-
zhl! Gut, also, im Dachgescho eines stattlichen Hauses,
fand ich gleich zu Beginn
des Studiums ein kleines und
und einer davon war der mir
unbekannte Tasso. Er wohnte
schon lnger hier, er studierte
Geschichte und Englisch im
vierten Semester, und da wir
enge Freunde wurden, grenzt
an ein Wunder. Er war das pure Gegenteil von mir, uer-
lich ohnehin, aber ich rede vom Wesen. Das, was als sd-
lndisch gilt, der leichte Sinn
nehmen, Kontakt- und Redelust
, vielleicht auch Oberflch-
und schwerbltig war, gewisse
nhaft und grndlich. Er hatte,
was mir fehlte, und umgekehrt.
Du kannst dir denken, wie
spannend, aber auch wie vo
schaft war. Wir wurden so ve
rtraut, da wir einander auch
die wechselseitigen gelegentlic
hen Hagefhle eingestehen
konnten. Ich nahm mir beispi
elsweise immer wieder vor,
am Morgen einmal vor ihm aufzustehen, aber ich schaffte
es nie und hate ihn fr meine
Niederlagen. Erst sehr viel
spter bin ich zum Frhaufsteh
er geworden und habe ge-
lernt, mich zu disziplinieren.
Giovannis Ha er hie Gio-
vanni bezog sich eher auf
mein Liebesleben beziehungs-
weise, wie er sagte, auf me
inen zwanghaften Frauenkon-
Wand wohnten. Aber nicht die
die Ha in ihm aufkommen lie
en, auch nicht der Neid,
sondern eher der Umstand, da
ihn mein flatterhaftes Tun
zum Mitleid mit den Frauen
zwinge. Denn seiner Meinung
nach verdienten und ertrgen di
e Frauen es nicht, wegwer-
fend behandelt zu werden, und
wegwerfend meine er wrt-
schaft nie. Einmal hat Tasso
bei mir angeklopft, lange nach
Mitternacht, und leise gerufen,
ob ich noch wach sei. Ein
wenig, sagte ich, komm rein.
Er hielt ein Buch in seinen
Hnden und sagte schchtern, er habe darin einen Satz fr
uns gefunden, und zw
ar den folgenden:
Sei deinem Freund
ein unbequemes Ruhekissen.
sprungen und habe einen Chia
nti entkorkt, und unsere
Falsch, sagte Loos, im Original heit es
lich fr den Hinweis, sagte ich,
der Sinn bleibt zwar der
gleiche. Entschuldige, sagte
er, der Philologe ist mit mir
durchgegangen. Schon gut und
wie auch immer, sagte ich,
wenig spter verliebte sich Ta
sso, und zwar zu
so hoffnungslos vehement, wie es vielleicht nur Sptzn-
dern zustt. Jedenfalls spr
ach er nur noch von Heirat, ob-
wohl er mir gleichzeitig anvertraute, da er das Kssen weit
weniger einfach finde, als es
in Filmen aussehe. Er sagte
mir auch, der einzige Grund,
warum er mir Magdalena bis-
seine Angst vor dem leicht
spttisch taxierenden Blick, m
it dem ich die Frauen anshe.
Nicht weil er befrchte, da
Blick nicht bestehen knnte, s
ondern weil es sein Wunsch
sei, da sie mich mge. Ich versprach ihm, sie so anzu-
schauen, als wre sie eine Bl
ume. Doch als ich sie dann
erstmals sah, verga ich die
Blume, sah nur noch die Frau
und begriff die Verzauberung
Tassos. So sehr ich auch
bei Magdalena, selbst wenn si
e frei gewesen wre, nie htte
landen knnen. Trotzdem war si
e mir sofort sympathisch,
und da ich auch zu sehen gla
ubte, wie gut die beiden zuein-
ander paten, gab ich es auf,
Tasso zu bremsen und ihm all
das unter die Nase zu reiben
, was er versumen wrde,
wenn er die erste Geliebte zu
r Ehefrau mache. Er hatte das
nie hren wollen und einmal verl
egen erklrt, das einzige,
was ihn gelegentlich bremse, se
i seine Sorge, den krperli-
chen Wnschen Magdalenas ni
cht gerecht zu werden. Wie
ich ja wisse und nicht verstehen knne, sei er trotz seiner
mehr als fnfundzwanzig Jahre so gut wie ahnungslos, wo-
gegen Magdalena schon Erfahru
ng habe. Und so sei zu be-
frchten, da sie ihn unzulng
Stmper betrachte, was er ja sei.
Ob er denn, fragte ich ihn,
noch nicht mit ihr geschlafen ha
be. Er sagte, fr ihn sei das
Kssen schon Wunder genug, mit dem anderen eile es nicht.
Mein Gott, sagte ich, mit dem He
iraten scheint es zu eilen,
Das war im Frhling, im Sommer fand die Hochzeit statt.
Die beiden reisten ins Tessin
zwei Wochen
in seinem Haus. Dann kehrte Magdalena zurck, sie war als
Logopdin ttig, whrend Giov
anni noch blieb, um ohne
Ablenkung an seiner
Abschluarbeit zu schreiben. Sie tele-
fonierten tglich, und an de
n Wochenenden besuchte sie
ihn. Ende August rief sie mi
ch an, an einem Mittwoch. Sie
sagte, sie sei am Sonntagaben
d von Agra abgereist, und
seither habe sie nichts mehr
von Tasso ge
sagte ich und beruhigte sie, ic
h lachte sie sogar aus. Es
schien mir wirklich bertrieben, nach zweieinhalb funkstil-
len Tagen schon alarmiert zu
sein. Sie war es aber, und da
sie auch am Donnerstag nichts
von Giovanni hrte, stieg sie
am Freitag in den Zug. Was
sie in Tassos Haus vorfand,
bersteigt jede Vorstellungskraft. Es war so unsagbar ent-
lag verkrmmt auf dem Sofa. Ameisen, Fliegenschwrme
Ich pausierte und trank. Grauenhaft, murmelte Loos,
Mord oder Selbstmord? Weder noch, sagte ich, er starb,
e, eines natrlichen Todes,
und vermutlich verursacht durc
h einen angeborenen Herz-
klappenfehler. Gelitten hat er m
it Sicherheit nicht, das war
der einzige Trost. Magdalen
a hat alles durchgestanden,
was erleben, was sie zusammenbrechen lie. Tasso hat die
Gewohnheit gehabt, fast immer eine Fotokamera bei sich zu
haben, eine leichte, kompakt
e, die er sein Tagebchlein
nannte. Die Fotos, die er m
achte, bekam ich selten zu Ge-
sicht. Sie fielen dadurch auf, da nichts darauf zu sehen
war, was auffiel. Er hatte eine Schwche und einen Blick
frs Unscheinbare. Kurzum, in
dieser Kamera befand sich
noch ein Film, und diesen lie
Magdalena entwickeln, um,
wie sie sagte, zu wissen, wa
Stunden seines Lebens in Ta
ssos Augen gefallen sei. Das
Bildzhlwerk hatte angezeigt, da
waren, und sieben entwickelte
Bilder kamen zurck. Sie
zeigten alle eine nackte Frau, teils von vorne, teils von hin-
ten, die auf dem Sofa mit dem hellblauen berwurf lag, auf
dem auch Tasso gelegen hatte
Loos starrte mich an, ich schw
ieg, er sagte mit sonderbar
heiserer Stimme: Weiter! Wie weiter? sagte ich, die Ge-
schichte ist aus. Nein, sagte
und zu Ende, es gibt nur de
n willkrlichen Abbruch an ei-
nem beliebigen Punkt. Wer war
diese Frau? Wir wissen es
nicht. Magdalena hat aus eine
m der Fotos, auf denen man
Kopf ausgeschnitten und das
Niemand hatte die Frau je gesehen, niemandem ist es zu
glauben gelungen, da Tasso
ein Doppelleben gefhrt ha-
ben knnte. Vergeblich hat Ma
gdalena, um sich Gewiheit
zu verschaffen, in seinen Sa
chen nach Zeichen dafr ge-
sucht, es fand sich nicht das
noch zu erwhnen vergessen,
da auf der Rckseite der Fo-
verbrachten. Ich habe keine an
dere Erklrung, als da mein
Freund, nachdem er sexuell einm
die Kontrolle verlor, nicht an
sich halten konnte und eine
kufliche Frau zum Hausbesuch
bestellte. Zwar pat auch
das nicht zu ihm, doch eine andere Deutung sehe ich nicht,
denn eines ist fr mich todsic
her: Der liebende Tasso hatte
Wie sah sie aus, die Frau? fra
gte Loos. Schwer zu sa-
gen, ich habe die Bilder ja nicht gesehen, nur den Aus-
te Wangenknochen, ro
tblondes Haar, die Zge eher herb
und die reifere Frau verratend,
sie war bestimmt zehn Jahre
lter als Tasso. Warum fragst du? Nur so, sagte Loos, er-
weil mich Loos wieder siezte,
nachtragen kann ich nur
noch, da Magdalena, therapeu
tisch begleitet, allmhlich
wieder herausfand aus der lhm
enden Depression, die nach
dem Doppeltrauma Besitz von ihr ergriffen hatte. Das Haus
kauft: an mich und me
inen Kollegen, meinen Partner in der
Natrlich ist es nicht leicht
, mit dem Abgrund zu leben,
sagte Loos, und die Versuchung ist gro, ihn zu ergrnden.
Man sollte es nicht, es fhrt nu
r zu wtender Trauer. Schaut
man horchend hinab, hrt ma
n sein eigenes Zhneknirschen
oder das Echo davon,
sonst nichts. Wer bist du? Wie sieht
es in deinem Innersten aus?
Zudringlichkeit. Und trotzdem, trotzdem, ein wenig kenne
ich Tasso, auch wenn ich nicht wie du sein bester Freund
gewesen bin. Ich komme nicht
mit, sagte ich, ist es dein
Ehrgeiz, mich zu verwirren?
Hast du Tasso gekannt? Du
machst es mir leicht, dir zuz
liegt mir, nur, es is
t mir peinlich, mein
e Blase, darf ich
nochmals um eine kurze Unterb
hinterher und nahm mir vor, ni
Als er zurckkam, sagte er
: Die Nebelschwaden verzie-
hen sich, der Himmel klart auf,
ich habe die Lichter gesehn,
man knnte glauben, es bahne
sich ein heller Pfingstsonntag
an. Und wie erwhnt, selbst di
e Gehirne unserer Nchsten
sind siebenfach versiegelt. Wa
s ich von Tasso wei, wei
ich von dir, und trotzdem ko
mme ich, was die geheimnis-
die Einzelteile anders werte.
Vergi den Dammbruch. Ver-
gi das berma an Ungeduld
und sexuellem Hunger. Ver-
knpfe Tassos groe Liebe m
it seiner Unerfahrenheit auf
Liebste zu enttuschen und ih
r ein ungeschickter Mann zu
sein. Stell dir vor, er lse
eine Zeitung und stoe auf ein
ne Versuchung fr Tasso!
Und zwar die Versuchung, si
ch aus besorgter Liebe zum
Schler zu machen. Er lt
spekulativ: Er merkt, wie sie da
ist, da er sich einen Mo-
ment lang verkannt hat. Er will keine andere Frau, auch
nicht zu bungszwecken
, er kann das nich
t. Sie zieht sich
aus, unaufgefordert, legt sich
aufs Sofa und haucht: Vieni
qua. Er steht eine Weile lang ratlos, bis ihm der Einfall
kommt. Er wolle nichts weiter,
sagt er, als ein paar Fotos
machen. So einer bist du, sagt sie. Und das kann er heiter
Ich zweifelte keine Sekunde da
ran, da Loos den Schlei-
er gehoben hatte, da seine Rekonstruktion und Deutung
richtig waren. Ich hate ihn. Ic
h hate ihn, weil er mich da-
zu zwang, mich vor die Stirn
zu schlagen und innerlich zu-
zugeben, da ich fr die Mo
tive Tassos stockblind gewesen
Loos von meinem besten Fre
und Besitz ergriffen und ihn
mir quasi postum ausgespannt. Du ziehst zu Recht die
Brauen zusammen, sagte Loos, ich kann mich irren. Sag
Magdalena nichts von meiner
Theorie, denn wrde sie sie
berzeugen, so kme sie nach Jahr und Tag in eine doppelte
Not. Sie mte im Rckblick se
nicht gewesen war wie sie gla
ubte, unter Schmerzen verar-
dem toten Tasso gegenber, de
n gegen allen bsen Schein
blindlings in Schutz zu nehm
en ihr nicht gelungen war. Wie
geht es ihr heute? Es geht ih
r gut, sie hat sich wieder ver-
Wie geht es der anderen Fr
au? Welcher anderen Frau?
Der mit den Nervenprobleme
n, mit der du hier einmal
ich, ich habe keine Ahnung,
wir haben uns nach der Trenn
ung aus den Augen verloren,
sie ist, wenn ich nicht irre
, neben Magdalena die einzige
Frau, von der ich wissen kann, da sie in deinem Leben
einmal eine Rolle spielte, du
hast von keiner anderen er-
zhlt. Das hat nur mit dem Ort zu tun, an dem wir sind
und der mich an sie erinnert ha
t. Sie war nicht wichtiger fr
war. Im brigen glaube ich, da
du kein Mann bist, der sich
fr Liebeleien und Affren inte
ressiert. Darf ich erfahren,
was dich zu dieser berzeugung bringt? Das fragst du
noch, du glhender Verfechter
der sogenannten groen Lie-
be! Thomas, sagte Loos, die
Liebe braucht nicht verfoch-
ten zu werden, so wenig wie
die Sonne. Was mir zuteil ge-
worden ist, ohne Verdienst,
hat mich zwar manchmal dazu
verfhrt, all jene zu bedauern
, die in Ermangelung der Son-
ne zu einem Heizstrahler greifen. Und nun, da mein Him-
mel bedeckt ist, htte ich selb
st einen ntig, nur kann ich
nicht umgehn mit ihm. Mein In
teresse aber ist gro. Was
ich nicht kann und darum nich
t kenne, erregt meine Neu-
Schwung, erzhle dem Laien u
nd Bnzli von deinen Aff-
ren. Ich schaute auf die Uhr
und sagte: Du sprichst im
Plural, ich frchte aber, fr mehr als eine ist die Zeit zu
knapp. Dann mut du dich
eben beschrnken, die Qual
der Wahl kann ich dir nicht erspar
en. Gut, sagte ich, ist es
dir recht, wenn ich beim
Nervenbndel bleibe, das ich
schon mehrfach erwhnte? Da
s berlasse ich dir, Haupt-
sache, ich lerne dazu. Ich
wte nicht, was dieser Fall
dich lehren knnte. Ich hab
es doch eben gesagt: wie man
mit einem Heizstrahler umgeht.
Gut, also, sagte ich, ich fange mit dem Anfang an. Er ist
zwar nicht so interessant wie
deine Hundegeschichte, aber
immer noch reizvoll genug, wie
berhaupt der Anfang das
Reizvollste ist, was eine Bezi
ehung zu bieten hat. Nichts
an eine fremde Frau heran-
zutasten! Mit Blicken, mit Worten
und schlielich, falls es
knistert, mit spielerischen Hnden und so weiter. Nach die-
sem Knistern bin ich schtig,
nur berdauert es die An-
fangsphase selten und macht allmhlich einem Knirschen
Platz. Jaja, ich wei, du hast
ein anderes Bild dank deiner
anderen Erfahrung,
ich hab die Skizze deiner Stufenleiter
noch im Kopf. Also, ich wohne
ja am Berner Stadtrand,
gleich in der Nhe eines Einka
ufcenters, zu dem ein kleiner
Park mit Kinderspielplatz geh
rt. Auch Bnke sind da und
ein pltschernder Brunnen.
Und eines Abends, ich hatte
eingekauft, sah ich an diesem
Brunnen einen Mann stehn,
der idiotisch grinste und einen Gegenstand im Wasser
verwundert zu. Er grinste un
d schwenkte. Eine Frau kam
ebenfalls. Der Mann bemerkte unser Interesse und schien es
zu genieen. Schlielich nahm
er das Ding heraus und hielt
es noch fr eine Weile unter
den Strahl der Rhre. Das
fernte sich immer noch grinsend. Wir schauten uns an, die
Frau und ich, sie lchelte, ich
lachte. Sie hatte ein hbsches,
ja schnes Gesicht, und ihr fast schwarzes Haar, sie trug es
allerdings nicht, ich stehe me
hr auf blonde Fr
auen und auf
sportliche, mit denen ich auch Tennis spielen kann. Trotz-
dem begann ich zu plaudern mit ihr, weil ich nicht anders
nglichkeit. Ich machte ein paar lok-
kere Sprche ber die seltene
Form des Entblungsdrangs,
die wir eben hatten beobachte
n knnen. Sie schien mich
ganz lustig zu finden und taut
e so weit auf, da ich es wag-
te, forsch und direkt zu sein
und sie zu fragen, ob sie zur
Feier des 1. Aprils einen Apr
ob meine Frage ein Aprilscherz
sei. Nein, blutiger Ernst,
sagte ich. Sie lchelte, sie sc
haute auf die Uhr und zauderte.
Dann sagte sie wie zu sich se
lbst: Warum eigentlich nicht.
Und diese drei Wrtchen wieder
holte sie auch, als ich nach
dem Campari fragte, ob wir uns wiedersehen knnten. Die
nchste Frage allerdings: ob ich sie dann entfuhren drfe in
den Kinderspielplatz in ei
ner Woche und zur gleichen
Zeit. Mit groer Selbstverst
ndlichkeit nahm sie die Rolle
ein, die ich in solchen Fllen
zu spielen gewohnt war: die
des Herrn ber Wo und Wann.
Und dieser Umstand irritier-
te mich ein wenig, vor allem ab
er reizte er mich. Denn oft,
whrend der Tage des Wartens,
malte ich mir die Stunde
aus, in der die Herrin weiche Knie bekommen wrde. Im
brigen hatte ich bei unserem
Apro so gut wie nichts er-
fahren ber sie, auch ihren Vo
rnamen nicht, was ihren Reiz
fr mich noch steigerte. Und
zogen: Ich bevorzuge reifere Fr
auen. Das war sie. Sie ging
so gegen die Vierzig, schtzte
ich, ein Alter, in dem die
Frauen nach meiner Erfahru
ng die optimale Genureife ha-
Moment, sagte Loos, den Ausdruck mu ich mir notie-
ren, obwohl Er zog sein Notizheft hervor, schrieb aber
nichts und verstaute es wiede
Unterarm und sagte: Die Allerg
ie. Tatschlich sah ich ein
paar rote Punkte und fragte i
hn, ob er den Ausdruck absto-
end finde. Auf Aprikosen
oder Kse angewandt durchaus
nicht, sagte er, mach ruhig
weiter, ich wollte dich nicht un-
terbrechen. Und ich dich nich
t allergisieren, auf jeden Fall
war sie schn reif, und meine Gedanken kreisten tglich um
sie und ihre Erscheinung, was blicherweise als Symptom
Aber wahrscheinlich war ich
so wenig verliebt wie der
Jagdhund ins Wild, dessen Fhr
te er in gedanklicher Aus-
schlielichkeit folgt. Und doch
bemerkte ich, als ich mich
zum vereinbarten Termin dem
Kinderspielplatz nherte, da
ich Herzklopfen hatte, was mi
r lange nicht mehr passiert
war. Sie sa bereits auf der Ba
nk, rauchte und schaute so
gebannt auf die Schaukel nebe
n dem Brunnen, da sie mich
flchtig begrte sie mich, und
als ich fragte, wie es ihr ge-
dem Kopf Richtung Schaukel.
Ein kleines Mdchen sa
darauf, und neben ihm, an den
Pfosten gelehnt, stand sein
mutmalicher Vater, in die Lektre einer Boulevardzeitung
vertieft und die Schaukel vo
n Zeit zu Zeit anstoend. Was
daran so bemerkenswert sein
sollte, da ich zum Schweigen
aufgefordert wurde, war mir ni
schlielich. Nein, trostlos, Herr Doktor, sagte sie. Auf mei-
ne erstaunte Frage, woher sie wisse, da ich den Doktortitel
habe, meinte sie nur, es gebe
Telefonbcher. Sie hatte sich
also mit mir beschftigt,
ebenso ermutigend wie ihre
Lippen. Sie waren nicht ge-
schminkt gewesen bei unserem
Wir tranken dann wieder Campari. Sie wirkte gelst. Auf
meine Frage nach ihren pers
nlichen Lebensumstnden sag-
te sie ohne Schroffheit, sie sc
hlage vor, da wir darauf ver-
es nicht lassen, trotz ihres Vorschlags, sie zu fragen, ob sie
bunden war, ich fhlte mich fre
ier so und auch herausge-
ustiger. Im brigen merkte
ich sehr wohl, ich bin ja nicht
mir gefiel. Nach einer Stunde aber ich wollte sie gerade
stand sie auf und sagte: In ei
ner Woche? Ob es nicht fr-
her gehe, fragte ich. In einer Woche, sagte sie, Sie wissen
ja wo. So hat sie mich zappeln
lassen, so hat sie erreicht,
wahrscheinlich gar nicht mit bewuter Taktik, da ich in
der folgenden Woche noch inte
verliebt, obwohl ich mich an Tassos Satz erinnerte, Ver-
liebtheit sei seelische Seligkeit, von sinnlichem Verlangen
war, ich gebe es zu, von herrischer Dominanz.
Sie schien verjngt, beschwin
gt, ja bermtig wie ein Md-
chen. Sie sa nicht auf der Ba
nk, als ich kam, sie sa auf
der Schaukel und begrte mich
strahlend. Dann trank sie
Wasser aus der Rhre, sah eine Vogelfeder im Brunnen und
fischte sie heraus. Komm, sa
gte sie und lief zum Sandhau-
fen in der Ecke des Kinderspielpl
atzes. Gleich wird sie eine
Sandburg bauen, dachte ich, ab
schrieb mit dem Federkiel
den Namen VALERIE in den
Sand. Danke, sagte ich, du hast
es spannend gemacht, zwei
volle Wochen lang hast du
mich dazu verdammt, von einer
Frau zu trumen, von der ich lediglich wute, da sie Frau
Bendel heit. Du httest mi
ch ja einmal fragen knnen,
hast es scheinbar berhrt.
sie, ich bin nmlich hungrig. Okay, sagte ich uerst ver-
gngt, ich rufe sofort ein Ta
xi. Sag nicht okay, bitte, ich
hasse dieses importierte Wort. In Ordnung, sagte ich,
wirst du als nchstes meine Nase
tadeln? Zeig! sagte sie.
Ich senkte brav den Kopf, si
e schaute prfend und sagte
Beim Abendessen, wir aen
Chateaubriand und tranken
einen Chambertin von schnste
r Rasse, fragte ich sie, war-
um sie pltzlich so verwandelt
sei, so leicht und heiter.
Damit ich besser zu dir passe,
Morgen mich ausnahmsweise ni
cht beschweren. Das freut
mich, sagte ich, es geht mi
r gleich, und zwar nicht aus-
nahmsweise, sondern meistens
. Ich wei, ich wei, ich
war von Anfang an im Bild,
ein loser Vogel braucht sich
nicht zu outen. Gut, sagte
ich, dann wird es dich auch
nicht erstaunen, wenn ich di
ch frage, ob du noch fr ein
Stndchen zu mir kommst. Sie zgerte, sie berlegte, sie
sagte: Warum eigentlich nicht. Sie blieb bis zwei Uhr
morgens, ich kann dir sagen, es war traumhaft.
Ach Gott, sagte Loos, wie frei ih
r alle seid! Du bist es
ja auch, sagte ich, und als reifer Beschtzertyp knntest du,
wenn du nur wolltest, so viel
e Frauen wie Finger haben,
auch und gerade junge. Ja, sa
gte Loos, frei bin ich, und
nichts scheint mir wertloser. De
r graue Satz stammt leider
nicht von mir, obwohl er mich
exakt ausdrckt. Dies neben-
an. Die Frage pate nicht zu ih
m, weshalb ich glaubte, er
stelle sie, um sich ber mich
und mein Heldentum lustig zu
machen, vielleicht aber auch,
um mein Niveau zu testen.
da ihn die Antwort interessier
e. Du hast mir Spannendes
gern? Ich lachte und sagte:
Nun gut, von Ma
nn zu Mann,
sie war phantastisch, sie war, wie soll ich sagen, auf seltsam
reservierte Weise leidenschaftlich und schrie wie mit ver-
bundenem Mund. Gengt dir
das? Vollkommen, sagte
Loos. Er trank, verschluckte si
belegter Stimme: Wie ging di
sagte ich, und wieder dir zuhren. Ganz wie du meinst, du
mut mir allerdings helfen: Wo bin ich stehengeblieben?
Schwer zu sagen, du hast mir
und deine Frau mit Hilfe zweier Hunde zusammengekom-
n Exkurs, und stehengeblieben
bist du eigentlich vorher: bei der Krankheitsgeschichte dei-
Richtig, ja, beim Astrocytom
. Als ich ihr sagte, astro
komme vom griechischen astron und bedeute Gestirn,
whrend cytus lateinisch Ze
lle bedeute und vom griechi-
schen kytos gleich Hhlung
abstamme, da lchelte sie
trumerisch und sprach nicht
mehr von Geschwulst oder
Tumor, sondern vom Stern in
ihrer Schdelhhle oder ein-
fach von ihrem Stern. Mein
Stern, sagte sie fortan, und
nicht: mein Tumor. Und da sie
mitunter ein wenig verstie-
gen war, sagte sie auch, ein Stern knne niemals ihr Feind
sein. Es schien ja tatschlich
auch so ich habe es angedeu-
ins Auge blicke, sondern irge
weigern knnte, was sie, vo
n den Symptomen schwer ge-
qult, zum Glck dann doch ni
cht tat. Man wute brigens
nicht, ob die Geschwulst gut
- oder bsartig war, das konnte
erst der Eingriff zeigen, der uns, aufgrund der gnstigen
Lage des Tumors, als aussichts
bestenfalls auch eine Nach
behandlung mit Strahlen- oder
Chemotherapie unntig machen w
rde. In dieser nicht sehr
langen Zeit des Wartens besorgte ich den Haushalt und las
zwar nicht neu, das erstere sc
hon eher. Ich kaufte mir ohne
ihr Wissen ein Kochbuch, ein ve
dierte es in der Schule whr
end der Klassenarbeiten, notier-
te mir die Zutaten, kaufte das Ntige ein und berraschte
meine Frau fast jeden Abend
mit einem raffinierten kleinen
hin, denn meine stndige A
ngst vor dem Schlimmsten und
eigentlich Unvorstellbaren schi
en meine Luft- und Speise-
rhre einzuengen. Es war eine
unschne Zeit. Es war auch
eine schne Zeit. Wir hatten uns
noch. Wir waren vereinigt.
lesen sah, das den Titel
Die hundert Schritte zum Glcklich-
trug. Es zeigte mir, da sie nicht abgeschlossen hatte,
da sie dem Leben noch zugewandt war. Es brachte mich
zugleich ins Grbeln, da ich
mich fragen mute, warum sie
ein solches Buch konsultiert
e. Sie war, von ihrem momen-
tanen Leiden abgesehen, doch
immer glcklich gewesen.
Auch mit mir. Vielleicht nicht
immer, klar, Glck ist kein
Dauerzustand, sonst knnte
man es gar nicht mehr als
Glck empfinden, nicht wahr, nur Unglck ist ein Dauerzu-
stand, wie es scheint, kurzum,
sie las ein solches Buch und
konnte vllig unverm
ittelt zu mir sagen, sie wnsche keinen
Grabschmuck und insbesondere
keine Krnze und keine
sogenannten Grabgestecke mit Tannenzapfen und so weiter,
das alles sei schauderhaft. Geschmackliche Differenzen hat-
ten wir selten und diesbezglic
h nicht, und doch blieb mir
die Sprache weg, wenn sie so
erstmals die Rollen. Ich bte mich als Pessimist in Zuver-
sicht und bernahm
das positive Denken, und sie sah immer
schwrzer, allerdings ohne zu
klagen oder in Angst zu ver-
sinken, sondern ganz fatalistisc
h. Wahrscheinlich sterbe sie
noch unterm Messer, sagte sie,
obwohl sie darber infor-
miert worden war, da operations
bedingte Todesflle sogar
bei dieser heiklen Art von Ei
ngriff selten waren. Die Opera-
ne Frau bestand darauf, zu di
esen zu gehren. Als ich sie
fragte, wie sie zu diesem Gl
auben komme, sagte sie: Der
Stern will in mir bleiben, er wi
rd sich wehren. Mehr sagte
sie nicht, mehr habe ich nicht aus ihr herausbringen knnen.
Es ist dann alles gutgegan
gen, sehr gut sogar. Man
sprach von einem Idealfall, de
nn erstens war es dem Chir-
urgenteam gelungen, die Tumo
rmasse vollstndig aus dem
Grohirn zu entfernen, und zw
eitens zeigte die Gewebepro-
be, da die Geschwulst zwar nicht absolut gutartig war,
wohl aber, wie die Mediziner sagten,
Komplikationen nach dem Eingri
also ohne bertreibung sagen,
ging, besuchte ich sie und hie
sie war unendlich matt, und dies
er Mattigkeit schrieb ich es
zu, da ihr so oft die Trnen
kamen und da es ihr nicht
gelang, sei es mit Worten, sei es mit ihren verschleierten
Augen, Erleichterung
und Freude auszudrcken. Du bist mir
neu geschenkt, sagte ich zu ih
Trat ich am Abend nach de
n Spitalbesuchen in unsere
Wohnung, ging deren Leere in
mich ber. Ich sa verloren
herum, und da ich unfhig wa
r, mich sinnvoll zu beschfti-
gen, schaute ich stundenlang fe
rn, empfnglich fr den stu-
pidesten Schmarren, ich hatte
Schlaf war flach, fast nur ein Halbschlaf, aus dem ich
manchmal aufschrak, geweck
t von gemurmelten Liebes-
worten oder auch nur vom Na
rn gehabt habe, da er so
daunenweich klingt. Zwlf Jahr
e sind eine lange Zeit, und
liegt man dann pltzlich allein im
sich selbst abhanden gekommen,
als knne man selbst nicht
mehr atmen, weil das Atmen des anderen fehlt. Und trotz-
dem glaube ich, da wir eina
nder nie zum Requisit gewor-
den sind, denn dieses nimmt ma
n fr selbstverstndlich und
behandelt es achtlos. Die dump
fe Gewohnheit, die sich, ich
gebe es zu, oft in die Ehen
einschleicht und dazu fhren
kann, da man sich kaum noch
anschaut, hat uns, wer wei
warum, verschont. Ob du es glaubst oder nicht.
Warum sollte ich es nicht glauben? Ich wei ja, wie du
ber die Ehe denkst, sagte Loos
, du hast dich klar genug
dazu geuert und mir den Stan
dardseufzer deiner Klientel
Die Sache hat sich totgelaufen.
Du wirst den Satz
auch auerhalb der Anwaltsprax
is hren, im Rahmen deiner
Eskapaden, und zwar von je
nen Ehefrauen, die deinem
Charme erliegen, weil sie in
einer totgelaufenen Beziehung
leben, von dieser Amlie zu
erzhlt hast. So wirst du pausen
los bestrkt im Glauben an
die Verkehrtheit der Ehe. Erstens hat sie nicht Amlie
geheien, sondern Valerie, und zweitens hat sie die beste-
hende Beziehung nicht herabgesetzt, nicht als Rechtferti-
gung fr ihr Verhalten benutzt, zumindest nicht mir gegen-
ber, sie hat berhaupt nicht da
rber gesprochen, so oft ich
Mann erzhlte sie fast nichts
und also auch nichts Negati-
ves, was mich ein wenig eiferschtig machte so brigens
wie die Vorstellung, sie knnte weiterhin, als wre nichts
geschehen, mit ihrem Musiker schlafen. Denn da er Musi-
ker, genauer Cellolehrer war, da
s wenigstens durfte ich wis-
sen. Und da er Felix hie. Du
siehst, dein Beispiel ist
schlecht gewhlt, ich gebe ab
er zu, da du zum Teil auch
dem ersten Ku schon ber ihre
Ehe klagten und ber ihre
ist ein Warnsignal fr
mich: Wenn die Beziehung nm
lich lottert und zugleich ein
anderer Mann auftaucht, wchst bei der Frau der Mut zum
Absprung sowie ihr Glaube, de
r andere sei ihr Sprungtuch
iffen zu werden. Ich will mich
spielerisch balgen und vers
chweige das keiner, und wenn
sie trotzdem zu klammern beginnt, so breche ich ab. Im b-
rigen ist es nach meiner E
rfahrung nicht so, da nur unzu-
friedene, unausgefllte Frauen
in Versuchung gefhrt wer-
den knnen. Ich habe ein andere
s und gar nicht sehr seltenes
Phnomen sowohl von aue
auch selbst erlebt, ein Phnomen, das mir willkommen ist.
Oft scheinen Frauen, die in
festen Hnden sind und sich
darin durchaus geborgen fhl
brauchen. Sie lieben ihren Ma
nn als Ruhepol und empfin-
den die Ehe als Hort, als emotionales Festland, auf dem sie
gte und unberechenbare
Meer eine star-
ke Anziehungskraft auf sie aus. Was spricht gegen ein auf-
regendes und nicht ganz u
ngefhrliches Bad? Eigentlich
nichts, solange das Festland in
Sicht bleibt. Verstehst du,
gemtliche Wrme ab, romantis
cher und knisternder hinge-
, die Ehemnner sind die Fla-
schen und du der Feuerteufel.
Was du behauptest, mag ja
nicht ganz falsch sein, nur tust
du so, als sei der Sprung ins
wilde Meer ein typischer Frauen
traum. Es gibt auch die ge-
bundenen Mnner, die ihre trau
te Frau und Hemdenbglerin
nicht missen mchten und sich trotzdem die Freiheit neh-
men, auf einer zweiten und scheinbar aparteren Hochzeit zu
tanzen. Ich selbst habe nie da
s Verlangen gehabt, mich an-
derweitig umzutun, und zwar
aus dem einfachen Grund,
weil meine Frau so reich und
vielfltig war, da mir nicht
das Geringste abging, sie gab und war mir alles. Doch wie
auch immer, was ich noch frage
n wollte: In welche deiner
zwei Seitensprunggruppen gehr
te Valerie? Kam sie aus
einer lotternden Ehe oder aus einer intakten? Ich habe es
nie herausfinden knnen, sagte ic
h, ich habe ja erwhnt, da
Es war berhaupt, als kme
sie aus dem Nichts, als htte
sie kein Vorleben, keine Ge-
da dies fr sie das Reiz-
vollste an unserer Affre war. Ich merkte, wie sie es geno,
ein unbeschriebenes Blatt zu se
in und mich, vielleicht auch
sich, mit allem, was sie sagte,
wnschte oder tat, zu berra-
schen. Ich glaube, sie wurde sich
selber neu, indem sie spr-
te, wie spannend neu sie fr
mich war. Auch ich geno es
natrlich, eine Geliebte zu ha
ben, die mich mit jeglichem
Ballast verschonte und auch ni
cht das Bedrfnis hatte, unser
Verhltnis zu definieren oder
mich gar zu erschrecken mit
Andeutungen punkto Zukunft.
s kennengelernt hatten, erschrak ich
dann doch. Wir waren, da wir
beide gern Tango tanzten, in
einem Dancing gewesen, und
weg zu mir, warum sie auf einmal mehr Zeit fr mich habe
und wie sie ihr hufiges Ausgeh
n zu Hause erklre. La das
off. Aber fr einmal lie ich
nicht locker, bis ich von ihr erfuhr, da sie zur Zeit bei ihrer
Schwester wohne. Und da erschrak ich. Was konnte ich an-
deres daraus folgern, als da
uns doch, wenn auch ohne
Worte, darauf verstndigt,
es komplikationslos schn zu
haben miteinander. Ich war de
r Meinung gewesen, auch
Valerie verstehe unsere Beziehung als Romanze, geniee
Ehe zu rtteln. Ich machte ihr
Vorhaltungen und nannte ih-
ren Auszug einen Fehlentscheid.
Ich fragte sie, warum sie
das Bestehende gefhrde und
ihren Mann, von dem sie ja
nie schlecht gesprochen htte
klang so, als htte ich mit ihm das brderlichste Mitleid.
ch und erkannte den Grund
meines Unmuts. Jedenfalls sagt
e sie, wie um mich zu beru-
higen, es gehe um eine Tren
nung auf Zeit, um eine Atem-
pause. Ich hatte sie schon eini
ge Male gefragt, ob ihr Mann
te ich annehmen, da er im
Bild war. Zur Sicherheit fragte
ich nach. Sie fragte zurck, warum mich das so brennend
interessiere. Ich wute es nicht,
ich glaube, es irritierte mich
waren. Fast wtend heftig, ohne
Vorspiel, schlief ich mit ihr
Loos ghnte und schaute auf die Uhr. Ich sehe, du lang-
weilst dich, sagte ich zu ihm,
und ich begreife es sogar. Du
denkst an deine Frau, an ih
ren morgigen Todestag viel-
leicht, und ich martere dich mit Weibergeschichten und
sagte Loos, das hat mit Sauers
toffmangel zu tun und nicht
mit Desinteresse. Was dir belanglos erscheint, empfinde ich
als Auenstehender und Amateu
r als spannend, gehst du zu
Fu nach Agra? Es wird ve
rnnftiger sein, warum fragst
du? Erstens weil die Belegsch
aft hier seit lngerem auf
ten mchte. Du bist mir sch
sowie das Ende der Geschichte
schuldig. Gut, gern. Ich
nehme an, du weit, da du mi
Eins nach dem andern, sagte Loos.
Ich holte meinen Regenschirm, den ich auf der Terrasse
tragen zu drfen, er brauch
kurz stehn und sagte: Fleisch is
t launisch. Wie er das mei-
ne, fragte ich, er gab aber ke
ine Antwort, er gab mir nach
einer Weile das Stichwort zum Weitererzhlen. Ich fasse
mehr Freiheit verschaffte, indem sie von zu Hause auszog,
hast du die deinige bedroht ge
sehen, stimmts? Sie hie
zwar Valerie, sonst aber sch
ilderst du den Sachverhalt kor-
rekt. So sehr es mich auch fre
ute, weit hufiger als vorher
mit ihr zusammenzusein, so gr
o war meine So
rge, da ihr
gewichtiger Schritt das bisher
so wunderbar Leichte pltz-
lich beschweren knnte. Fr
eine enge Bindung bin ich
nicht geschaffen, in dieser Sparte bin
der Amateur.
Bist du denn sicher, da sie
sich das ersehnte, was dir ein
Graus ist? Gab es dafr noch
andere Indizien als ihren
Wohnungswechsel? Hat sie zum
Beispiel von Liebe gespro-
chen? Das nicht, sagte ich, si
e hat alles zu tun und zu sa-
gen vermieden, wovon sie zu
ahnen schien, da es mich
htte bedrngen knnen. Gerade
das zeigte mir ja, wie viel
ihr daran lag, mich nicht zu
verlieren. Manchmal versagte
sie sich mir, manchmal erschien sie nicht zu einem Rendez-
vous beides ohne Begrndu
ng und beides, davon bin ich
berzeugt, um mir entgegenzukommen, um Unabhngigkeit
und Unverbindlichkeit zu demo
nstrieren. Es gab noch wei-
tere Zeichen. Ich ha
be schon gesagt, da Valerie am Anfang
sehr wenig von sich preisgab
te sein lie. Das strte mich ni
cht, im Gegenteil, wir lebten
ja gegenwrtig wie alle Berauschten. Seltsam war nur, da
sie auch spter, als wir uns nahezu tglich sahen, nicht viel
gesprchiger wurde. Vielleic
darum nicht, weil ich ihr in der ersten Zeit zu erkennen ge-
geben hatte, wie erregend es fr
mich sei, eine verschleierte
Frau zur Geliebten zu haben.
Es knnte also sein, da sie
erregend fr mich bleiben wollte
, indem sie sich auch wei-
terhin verhllte und verschwieg
. Und schlielich gab es ein
drittes Indiz. Nachdem der gr
dest, abgeklungen war, vernderte sich Valerie ein wenig.
Sie wurde ernster. Die weltvergessene Beschwingtheit, die
ich an ihr so mochte, wirkte
alberte nicht mehr gerne heru
m, und wenn, dann konnte es
passieren, da sie mir unvermittelt um den Hals fiel und ein
paar Trnen vergo. Kurzum,
all das hat mir Sorgen ge-
macht, all das schien mir zu
zeigen, wie unterschiedlich
unsere Wnsche pltzlich ware
n. Und schon vernahm ich,
wenn auch erst aus der Ferne, das alte und banale Lied:
Dem Mann schwebt eine Affre
vor, die Frau will eine Be-
ziehung. Ich knnte, wollte ic
h bsartig sein, das Liedchen
weitersingen: Erfllt sich ihr
Wunsch nach Beziehung und
Dauer, nach einem verlliche
n Partner, der ihr Geborgen-
heit gibt, dann wird ihr frher od
, der ihr beides sein kann,
sowohl ein geliebter Gefhrte als auch ein begehrter Faun,
mu erst noch geboren werden.
Du wiederholst dich, sagte
Loos, und eine wiederholte
Halbwahrheit wird nicht zur Wa
hrheit. Erzhl mir lieber
noch, wie du das Unheil eine
hast. Wie lange hat die lose
berhaupt gedauert? Ein
knappes Vierteljahr, sagte ich,
und ungefhr zur Halbzeit,
als ich zu merken glaubte, da
Valerie zu ernsthaft an mir
hing, begann ich mich rarer zu machen. Ich fhrte berufli-
che Grnde ins Feld, wir sahe
eigentlich war es, wenn wir uns
sahen, nach wie vor schn,
vor allem in sinnlicher Hinsicht. Das hatte wohl damit zu
tun, da ihr Krper das einzige war, woran ich mich halten
konnte, da sie ihr Wesen ja
zum Teil verbarg. Ihr Krper
war fabar, alles andere kaum,
und ihre Neigung, sich zum
Geheimnis und also interessant
zu machen, ging mir all-
mhlich nur noch auf den Wecker.
ell. Ich eigentlich auch,
sagte ich. Wir stellten uns, wie in der Nacht zuvor, ge-
meinsam an den Wegrand. Es
gibt Blumenkelche, sagte
scheint. Sie empfinden die Strahlen als Zustimmung, als
in sich selbst zur
ckzuziehen, sich glei
chsam zu verhllen.
Sehr poetisch, sagte ich, se
hr metaphorisch, gehts auch
direkter? Ja, sagte Loos, es geht direkter: Mich erbarmt
in Unmensch, sagte ich, und
zweitens wute sie genau, worauf und auf wen sie sich ein-
lie. Htte sie einen sicheren
Hafen gesucht, dann wre sie
mir aus dem Weg gegangen.
Loos schwieg. Loos brauchte
lnger, ich ging ein paar
Schritte voraus. Als er mir n
achkam ich hrte nur das hel-
le Teck der Regenschirmspitze
auf dem Pflaster , befiel
mich fr Sekunden Angst, ich
fhlte mich verfolgt, abstrus-
erweise, mir war, als drohe mir
ein Schlag von hinten. Loos
holte mich ein. Ich habe dich
nicht attackieren wollen, sagte
er, als wte er um meinen An
fall. Aber darauf bezog er
sich nicht, denn er fuhr for
t: Du hast mir Valerie nahege-
bracht, hnlich wie deinen Fre
und Tasso, und zw
ar auf eine
Weise, die Anteilnahme in mir
weckte, das ist alles. Dann
e ich, ich habe de
in Mitleid nmlich
als Vorwurf empfunden, un
d vorzuwerfen habe ich mir
wirklich nichts, es
sei denn meine Feig
heit: Zu lange habe
ich gezgert, ihr klaren Wein einzuschenken, ihr zu sagen,
da eine Trennung fr beide Teile besser wre. Und selbst
mein Zgern hatte Grnde.
Ich wollte Rcksicht nehmen
auf ihre nervliche Verfassung,
wurde im dritten Monat des Zusammenseins besorgniserre-
gend schlecht. Weinkrmpfe, Schlaflosigkeit, Zuckungen
der Augenlider und manchmal der Finger, es war eine ziem-
liche Qual. Natrlich fragte ich
sie, ob sie die Ursache der
Strungen kenne, und sie spr
ach von Problemen im Behin-
enden Arbeit,
von gruppendy-
namischer Disharmonie und
so weiter. Ich war der Mei-
iater konsultieren. Sie tat es
nach langem Struben. Der
Arzt empfahl ihr einen Aufenthalt im Kurhaus Cademario,
im Juni reiste sie hin. Von Ze
it zu Zeit rief ich sie an, sie
wirkte eher khl und sagte nie, da ich ihr fehle ein Um-
stand, der mich ebenso erleichterte wie ihre Mitteilung, es
von mir und dank der entspa
nnenden Alltagsferne zur
Selbstbesinnung gekommen war, das heit zur Einsicht, da
eine Trennung fllig war. Sie
einvernehmlich zu vollziehen
hielt ich fr mglich, und in
Aufenthalts hab ich mich dazu
aufgerafft. Zu warten, bis
Valerie zurckkam, schien mi
r ein wenig bequem und auch
n befrchten mute, da in
der alten und gewohnten Sphre
der Mut zum Schlustrich
wieder sinken knnte
. Am Vortag des Besuchs rief ich sie
Ich reiste also hin und traf
am Nachmittag,
so gegen vier,
in Cademario ein. Sie sa auf der Terrasse des Kurhaus-
Frau in weier Arbeitskleidu
ng. Valerie wirkte entspannt,
begrte mich zrtlich und ste
llte mir Eva vor, eine Atem-
rtraut schien und die sich
gleich zurckziehen wollte, wa
s Valerie nicht zulie. Sie
sagte scherzhaft zu ihr, ich k
nne schwer allein sein, sie,
Eva, solle mir Gesellschaft leis
ten, whrend sie selbst, da
sie ja ausgefhrt werde, uns je
tzt verlasse, um sich zurecht-
zumachen fr den Abend. Ich unterhielt mich glnzend mit
Eva, in zwanglos lockerstem
Ton, sie war exakt mein Typ.
Sportlich, spritzig, sexy. Ich bi
n ja einiges gewohnt, doch
da es so rasch funkte, erstaunte mich trotzdem ein wenig.
Eva lie ihre Katzenaugen blitzen, unzweideutig, ich bin
nicht blind. Und da ich auch nich
t bld bin, sagte ich zu ihr,
es sei ein Jammer, da ihre Ka
ffeepause schon bald ende.
Sie knne mir den Jammer nicht
ersparen, sagte sie, hinge-
gen htte sie anderntags frei,
ob ich dann noch in der Ge-
gend wre. Ich sagte, ich htte
geplant, am Morgen heimzu-
fahren, sei aber notfalls bereit,
den Plan zu revidieren. Hier,
fr den Notfall, sagte sie, ga
b mir ein Visitenkrtchen und
verlie die Terrasse elastisc
hen Schritts. Du wirst dich
wundern, wie ungeniert sich Eva an mich herangemacht hat,
obwohl sie mit Sicherheit wut
e, da ich mit Valerie liiert
war. Ich selber wunderte mich
kaum, in diesen Dingen ken-
nen Frauen nmlich keine Skru
pel, ich habe das oft beo-
bachten knnen. Sobald ein Ma
nn ihr erotisches Interesse
erregt, so wird ihr dessen Part
nerin zur Quantit ngligeable
beziehungsweise zur Rivalin.
Die weibliche Natur wei
nichts von schwesterlicher Rcksicht.
Schwer atmend blieb Loos stehen, in leicht gebeugter
Haltung mit beiden Hnden au
f den Regenschirm gesttzt,
und da es totenstill war, hrte
ich, wie er ein paarmal die
Zhne aufeinanderschlug. Gehts dir nicht gut? fragte ich.
Doch, doch, sagte er, es strengt
mich nur ein wenig an, dich
zu bewundern. Du hast in brderlicher Rcksicht auf Vale-
ries Mann gehandelt, als du nach
seiner Frau gegriffen hast.
Du hast mit Eva, als Valerie dabei war, sich schn fr dich
zu machen, mit hundert Skrupeln angebandelt. Die mnnli-
che Natur ist einfach nobler, komm, gehen wir, es ist fast
Nun ja, sagte ich, ich gebe zu, ganz astrein war die Flirte-
rei mit Eva nicht, im brigen is
t nichts daraus geworden als
eine heie Schferstunde am
anderen Nachmittag, mehr hat
sie offenkundig nicht gewollt.
Ich habe sie manchmal noch
angerufen und ein Wiedersehn angeregt, doch meine Vor-
schlge paten ihr nie, und di
wie ging es mit Valerie weite
Abend mit ihr? Gedmpft, sagte ich, obwohl sie frhlich
war wie in der ersten Zeit
als sie auf die Terrasse zurckkam. Ihr Ringfinger steckte in
einem Verband, sie war, wie sie erzhlte, auf einem Wald-
spaziergang dumm ber einen As
t gestolpert, wobei es zum
Fingerbruch kam, und zwar scho
n in der ersten Woche. Auf
ren Unfall in keinem unserer
Telefonate auch nur ein Wort
verloren habe, erklrte sie
nur, sie habe nicht wehleidig
tun wollen. Wir fuhren plau-
dernd nach Agra, mit einer Un
terbrechung in Agno, wo ich
den Wagen auftanken lie und
eine Frauenzeitschrift kaufte.
In meinem Haus roch es ein
Fenster. Valerie umarmte mich. Ich sagte, ich msse noch
nen Cynar ein und ging in den Garten, von wo aus ich mei-
verschieben, die ich vereinbart
hatte fr den andern Tag.
Als ich zurckkam, sa Valerie auf dem Sofa und bltterte
in ihrer Zeitschrift. Sie fragte,
ob ich wisse, wie lange eine
Stubenfliege hchstens lebe.
Nein, sagte ich. Nur sechs-
undsiebzig Tage, sagte sie.
Ich sagte, verglichen mit der
Eintagsfliege sei das ein beac
und umarmte mich wieder. Du fr
emdelst, sagte sie, was ist?
Nichts, sagte ich, ich bin ei
n wenig gestret. Sie fragte,
ob sie mich massieren solle. Ich sagte, ich sei hungrig. Wir
fuhren hinunter zum Bellevue.
wrgend, und sie erzhlte lebhaft von ihrem Aufenthalt im
Kurhaus, auch davon, da sie
sich mit Eva ein wenig ange-
Ich wei, was du meinst, sagte Loos, ich hatte ihn auch
Momente lang, ich glaube aber,
da Valerie, so wie ich sie
durch deine Schilderungen kenn
e, nicht fhig gewesen w-
re, an Hinterlist auch nur zu
denken. Sie htte Eva nie gebe-
Dein Rntgenblick ist furchterre
gend, sagte ich, tatschlich
war dies mein Verdacht, und
so wie du hab ich ihn sofort
verworfen. Kurz und gut, ich
hatte eigentlich vorgehabt, das
Gesprch auf unser Verhltnis
zu bringen und Valerie so
schonend wie mglich zu sagen, da es fr mich nicht mehr
stimme und da ich den Eindruc
k htte, fr sie der Falsche
zu sein und ihr das schuldig zu bleiben, was sie von mir
erwarte. Ich schaffte es nicht. Sie war so lieb und munter,
ich schaffte es nicht, ich wa
wortkarg, in der Hoff
nung, sie frage mich ein zweites Mal,
was mit mir los sei. Sie fragte ni
cht. Ich brachte sie, so ge-
gen zehn, zurck nach Cademario.
Sie summte whrend der Fahrt. Ich ging mit ihr aufs
Zimmer, sie wollte, da ich es sehe. Auf einem Tisch stand
eine Flasche Rotwein mit zwei
Glsern, daneben ein Fern-
sehgert, von Valerie mit eine
m kleinen Tuch verdeckt. Sie
te den Sessel. Auf uns zwei! sagte sie, nahm einen
Schluck, stellte das Glas auf
den Nachttisch und legte sich
hin. Valerie , sagte ich.
Thomas, sagte sie schchtern,
komm noch ein bichen zu mir, ich meine in den Kleidern,
einfach so. Ich konnte mich
auf. Ich werde es verkraften, sagte sie. Ich fragte: Was
denn? Das, was du mir erffnen mchtest, sagte sie.
Dann hrte sie mir zu, gefat
, nur manchmal zitterte ihr
war, als sei sie einverstanden.
Sie fragte nichts. Mit leiser, fast unhrbarer Stimme sagte
sie: Ich fhle mich armselig.
Nach einer Weile stand sie
Das wars, wir haben uns nie
mehr gesehen und nie mehr
gehe davon aus, da Valerie
die Trennung rasch verwunden
hat, sonst htte sie sich kaum
so konsequent zurckgezogen,
sondern noch eine Zeitlang Terro
r gemacht. Vielleicht ist
sie zurckgekehrt zu ihrem angestammten Ankerplatz? sag-
te Loos. Kann sein, sagte ich,
es soll ja Mnner geben, die
ihre Frauen trstend in die Arme nehmen, wenn sie nach
einer bitteren Enttuschung ve
rweint nach Hause kommen.
Hatte sie eigentlich Kinder? fragte Loos. Nein, sagte
ich, sie hat nie welche gewollt.
Die Welt sei vo
ll genug, hat
sie einmal gesagt, und jeder
neue Fuballfan sei einer zu-
viel. Das hat sie natrlich als Scherz gemeint, weil sie wu-
te, da ich einer bin. Die wahr
en Grnde hat sie wie blich
? Um mein Bild abzurun-
Wenn ich mir schon kein Bild
machen kann von dieser
abrunden? Auch Leerstelle
n gehren zum Text, sagte
Loos, und wenn es so ist, wi
e du meinst, dann runde ich halt
Haus erreichten. Ich war
nicht mde und regte noch eine
n Schlummertrunk an. Loos
strubte sich nicht. Ich machte Feuer im Kamin, er stand
sinnierend daneben. Er zeigte
auf das Sofa und fragte, ob
dies das Todeslager Tassos sei.
Es sei am gleichen Ort ge-
standen, sagte ich, man habe
es entsorgen und verbrennen
mssen damals. Ich rckte die zwei Sessel zum Kamin, fll-
te die Cognacglser und fragte, worauf wir noch anstoen
knnten. Auf die Geisterstunde,
sagte er. Ob er an Geister
glaube, fragte ich. Er starrt
e in die Flammen und uerte
sich nicht. Ich schaute sein
lich, da ihn das offene Feuer
an eine Ballade erinnere, sie
Die Fe im Feuer,
ob ich sie kenne. Wir htten sie
einmal in der Schule gelesen,
sagte ich, worum es gehe, sei
mir nicht mehr gegenwrtig bi
beeindruckt haben msse. Ob darin nicht ein Mann vor-
te weiter. Ich bat ihn, mir de
n Inhalt der Ballade zu erzh-
len. Er schttelte den Kopf. We
nn er allein sein mchte,
sagte ich, so zge ich mich
zurck, ich wisse ja, woran er
denken wolle. Er k
nne auch hier bernachten, im Sessel
oder auf dem Sofa. Er sagte leis
dig, mir endlich mitzuteilen, was sich vor einem Jahr ereig-
Die Zeit bis zur Entlassung sein
er Frau aus dem Spital sei
leer gewesen und wie stillgesta
nden. Da sie vergehe, habe
er nur noch am langsam sich
fllenden Mlleimer erkannt.
Sein Glck sei gro gewesen,
nochmals entbehren zu mssen,
denn ein Erholungsurlaub
sei unabdingbar gewesen. Da eine Nachbehandlung mit
der Ort ihres Aufenthalts frei
gestellt worden. Sie habe di-
verse Prospekte studiert, auch einen des Kur- und Wellne-
hotels Cademario, und weil sie si
ch daran erinnert habe, da
sie und er anllich ihres Hesse-Wochenends in Montagno-
la vom Belle-vue-Zimmer aus, eng aneinandergeschmiegt,
htten, ber den glitzern-
sen. Er aber habe Bedenken
geuert, ihm wre es lieber
gewesen, sie in grerer Nhe
zu haben, um sie so hufig
wie mglich besuchen zu knnen.
Sie habe darauf gemeint,
da es am schnsten und einfachsten wre, wenn sie zu-
sammen in den Urlaub fahren
knnten. Er habe unverzg-
lich mit dem Rektor der Schul
e gesprochen und um Urlaub
fr eine Woche nachgesucht,
der ihm gewhrt worden sei,
natrlich unter der Bedingung
, die ausfallenden Stunden
haupt von Tag zu Tag und tr
anflle frohmtiger gewo
rden sei. Das Wort
ge zwar altertmlich, aber es
passe. Sie htten also gebucht,
ein Doppelzimmer mit Sdsicht
und Balkon, und zu Beginn
der zweiten Juniwoche seien sie abgereist, mit dem Auto,
um freier zu sein. Er msse
mir das Kurhotel nicht schil-
dern, auch nicht die berwltig
ende Aussicht, die sich von
rem Balkon gestanden, die Ar
me aufgesttzt auf dem Ge-
lnder, und htten ins Weite geschaut, mit leichtem
Schwindel auch in die Tiefe.
gesagt, sei das Gelnder, das ihr nicht einmal bis zum
Bauchnabel reiche, eine gefhr
lich niedere Schwelle. Er
bedingt mit Lebensmden rechne
. Sie habe ihm recht gege-
ben und seine Hand genommen.
Sie seien auf dem Balkon
gestanden und htten sich wie
neuvermhlt gefhlt. Die er-
ste Nacht sei dann auch wirklic
h die reinste Hochzeitsnacht
geworden, zumindest partiell. An dieser Stelle msse er, so
peinlich es ihm sei, auf eine
Art Krankheit zu sprechen
kommen, die ihn bis heute bedr
nge. Er leide unter Bruxis-
mus.
Loos nahm ein Schlcklein
Cognac, ich sagte: Nie ge-
hrt, ein Mnnerleiden? Er
schttelte den Kopf. Bruxis-
mus sei der Fachausdruck f
oder genauer gesagt: fr das Zhneknirschen im Schlaf. Er
zeitweise sei es allerdings star
k, dann knne es geschehen,
da ihn sein Knirschen wecke,
da er am Morgen Kiefer-
schmerzen habe, Kaumuskulaturbeschwerden, manchmal
auch Ohrenweh. Und
sei das Geschick so tckisch
gewesen, ihm eine Phase aus-
geprgten Knirschens zu besche
ren, so ausgeprgt wie nie
zuvor. Das Knirschen allein w
re wahrscheinlich ertrglich
gewesen, es sei kein lautes Ge
rusch, aber bei ihm alternie-
re es leider recht hufig mit Schnarchen. Und beides zu-
sammen sei fr die Mitwelt
gerdert gewesen. Sie htten das Problem besprochen. Fr
ihn sei klar gewesen, da se
ine Knirsch- und Schnarchakti-
hindern wrde, weshalb er vo
und schlielich traurig zugestimmt. Er habe sich um ein
Zimmer bemht, um ein Einzelzimmer natrlich, und rger-
licherweise sei keines mehr
frei gewesen. Ein zweites Dop-
nicht in Frage gekommen.
Beratschlagend seien sie auf
dem Balkon gestanden, da
habe seine Frau den Arm gehobe
n, zur jenseits des Tals ge-
oro gezeigt un
d geh doch
in unser Bellevue gesagt. Das
se Lsung nicht bereut, im Ge
genteil, das abendliche Ab-
liche Wiedersehen und sich
das Verbundenheitsgefhl intensiviert. Fast knne man von
einem zweiten Liebesfrhling sp
rechen, was zwar insofern
nicht ganz angemessen sei, als
es in ihrem Eheleben kaum
je geherbstelt habe. Kontakte
zu anderen Gsten htten sie
nicht geknpft, sie htten ei
denlang durch Kastanienwlde
r und Birkenwlder gewan-
sie habe ein wenig Angst vor de
r Rckkehr in die wirkliche
wirklichen Welt. Schon, habe
sie gesagt, nur hre man den
Kriegslrm nicht in ihnen.
Sie habe damit angespielt auf
den damals tobenden Kosovo-Krieg, von dem sie tief ent-
empfinde die Untaten dort
wie Schlge auf den eigenen
ben. Er habe gesagt, so gehe
es vielen, und das sei achtbar
und trotzdem gefhrlich, da
strke. Dann knne man also sa
da Ratlosigkeit eine anstndi
ge Antwort auf den verhee-
renden Irrsinn sei und zugleich
eine unanstndi
ge. Es schei-
ne so, habe er zu ihr gesagt. Sie habe ihn heftig umarmt und
an sich gedrckt, wie um zu
zeigen, da es auf Erden auch
noch ganz Einfaches gebe.
vue-Terrasse einen Bianco di Me
glaube, habe sie gesagt, da er
von hier aus, noch besser
von seinem Zimmer aus, hinb
ersehen knnte auf ihren
Kurhaus-Balkon, zumindest mit
wenn sie mit ihrem weien Ba
demantel Winkzeichen geben
wrde. Im Bewutsein, ein weni
g nrrisch zu handeln, habe
er in Lugano ein kleineres Fe
rnrohr gekauft. Am Morgen
des vierten Tages, punkt neun
Uhr, die Luft sei klar, das
Kurhotel besonnt gewesen, habe
der Test stattgefunden und
erregenderweise geklappt. Er
habe ihn deu
wenig grer als ein Taschentuc
h. Dann sei er hinberge-
einzunehmen. Sie sei noch ni
cht angezogen gewesen, er
habe einmal mehr gestaunt, wie zauberhaft sie ausgesehen
habe in ihrem weien Bademantel und ihrem turbanartig
en Kopftuch. Mit kindlicher
Freude habe sie auf seine Mel
dung reagiert, da er ihr Win-
ken deutlich habe se
Freude in ihren
Augen vergesse er nie. Kein Tal,
so habe er damals gedacht,
kein Tal sei breit genug, um ih
htten, whrend sie sich ange
zogen habe, abgemacht, das
Winkspiel anderentags zu wiederholen, wieder um neun,
ins Hallenbad schwimmen gega
ngen. Dann htten sie ge-
frhstckt, der Rest des Tages aber sei ihm nicht mehr erin-
Sehen Sie, sagte Loos und
wandte den Blick erstmals
vom Feuer weg zu mir, sehen Si
An Pfingsten zngeln die Fla
mmen. Thomas, sagte ich,
wir duzen uns. Er hrte mich
nicht, er starrte bereits wie-
der in den Kamin. Minuten ve
rgingen. Frische Himbeeren,
sagte er pltzlich, Himbeeren,
daran erinnere ich mich, die
gab es am Abend zum Dessert. Ich wei, sagte ich, deine
Frau hat sie als Vorspeise best
knnten, bevor sie mit dem Hauptgang fertig war, schon
von den anderen aufgegessen se
in. Einen Dreck wei er,
murmelte Loos. Obwohl mir
klar schien, da er, wahr-
sprochen hatte, war ich ziemlich perplex und konnte mir
seine Grobheit so wenig erklr
en wie seine Rckkehr zum
Sie. Wieder vergingen Minuten
. Er sank zusehends in sich
zusammen. Ich stand auf und ho
lte ein Glas Wasser fr ihn.
Handschellen httest du bringen
sollen, sagte er, bevor er
das Wasser trank. Fr mich
oder dich? fragte ich. Fr
mich natrlich, sagte er. Ich fragte, was er denn verbro-
chen habe. Er schwieg. Sein K
rper straffte sich. Dann sag-
te er: Verzeih, ich war ein wenig durcheinander, es geht
brauchst kein Scheit mehr aufzulegen, ich mach es kurz.
Wir saen nach dem Abendessen noch lange auf dem
wei nur noch, da meine Frau
beim Abschied weinte. Ich
sagte, ich kme ja in Krze
anderen Morgen, einem Freitag, es war der elfte Juni, stand
ich zeitig am Fenster. Der Tag
war wieder klar, das Fern-
rohr auf dem Stativ, die Linse scharf. Vor lauter Furcht,
vor neun zu schauen. Um ne
un war ich bereits ein wenig
ungeduldig, da sie nicht auf
den Glockenschlag erschien.
Sie war sehr pnktlich sonst. Es
wurde fnf nach neun und
zehn nach neun, kein weier
Bademantel winkte. Obwohl
ich mir natrlich sagte, da
sie verschlafen haben knnte,
da sie im Hallenbad vielleicht
noch aufgehalten wurde von
einer Plauderei, da sie die Abmachung vielleicht sogar
g nervser. Ich rief sie an
halb zehn, versuchte sie nochmal
s anzurufen, e
rfolglos, und
fuhr dann halb verrgert, halb
besorgt hinber und hinauf
zum Kurhaus. Ihr Zimmer war abgeschlossen, ich klopfte
eine Weile nichts. Dann warf ich einen kurzen Blick ins
Hallenbad, zur Sicherheit auch in den Fitneraum. Da sie
auch nicht auf der Terrasse sa
und nicht im Speisesaal,
begann ich sie im Park zu suchen, am Auenpool, sogar im
verglasten Kakteen-Haus. Nichts
. Ich eilte ins Haus zurck
nas Zimmertr. Dann ging ich
an die Rezeption und fragte
atemlos nach meiner Frau. Di
e zwei Damen schauten sich
an und sagten beide: Da sind
Sie ja endlich! Mit leiser
Stimme bat mich die eine nach hinten in ihr Bro. Sie sagte,
man habe mich nicht benachri
chtigen knnen, es habe nie-
mand gewut, wo ich wohne. Es
falle ihr schwer, mir sagen
zu mssen, da meine Frau verunglckt sei, im Hallenbad,
um halb neun. Sie sei auf dem
Beckenrand ausgerutscht und
Hinterkopf, sonst wre sie nicht bewutlos gewesen. Es
msse nichts Schlimmes sein. Man habe sie ohne Verzug
nach Lugano gebracht, ins Ospe
dale Civico, ob ich gleich
anrufen wolle. Ich fahre hin, sagte ich und lie mir, ohne
folgen zu knnen, die Lage de
r Klinik beschreiben. Nach
lngerer Irrfahrt traf ich dort ei
n, so gegen zw
te mich in die Intensivstati
meiner lag, schlo sie die Augen. Mit dem Erkalten ihrer
An alles andere nicht mehr.
Was zu veranlassen war, zu
ordnen und zu regeln war, ta
t ich mechanisch. Zwei Wo-
chen vergingen, bis die Gef
hlstaubheit wich. Und das ge-
der, der Rcke, Blusen, Jak-
ken, die tot und doch erwart
ungsvoll an ihren Bgeln hin-
gen, erlste mich, ich sprte,
wie der gefrorene Klumpen in
mir sekundenschnell schmolz. Und wenig spter entdeckte
neue, noch ungebrauchte blau
e Koffer, die ich noch nie ge-
sehen hatte. Ich konnte mir wede
r ihr Dasein erklren noch
Loos schwieg. Ich fragte le
sei. Ihr groes Kopftuch,
sagte er, obwohl zu einer Art
gehe von einer Gehirnblutung aus, was zwar nicht verifi-
ziert worden sei. Er habe ei
ne Autopsie verweigert. Den
en Hnden zu schtzen sei ihm
weit wichtiger gewesen, als de
n Grund ihres Todes zu ken-
Thomas, sagte ich, das alles tut mir sehr sehr leid, ich
hoffe als Freund, wenn du mir
diese Bezeichnung gestattest,
da du endlich darber hinwegkommst. Ich bin schon fast
soweit, sagte Loos und stand
auf. Im brigen bist du der
erste und der einzige, der me
ine Geschichte vernommen
hat, dies nur ganz nebenbei,
den Weg. Du, sagte ich, ich m
chte nicht lstig sein, aber
ich she dich gern noch einm
al, nur schnell, ich hole am
Morgen den Wagen. Loos berl
er, ich werde um elf auf der Te
rrasse sitzen, sofern es die
Umstnde erlauben. Ich komme
, sagte ich, ich freue mich.
Ich begleitete ihn bis zum Gartentor, wo er unschlssig
stehenblieb. Ich sagte: Also, bis morgen, und gute Trume
heute nacht. Er schien mich
nicht zu hren, schien auch
war weg, die Stille gro. Man
hrte nur das leise Rauschen
der Bambushecke neben uns sowie es tnte ziemlich
schaurig das Aufeinandersch
was nicht stimme, fragte ich
Loos, ob er nicht doch hier
bernachten wolle. Sie haben mir geholfen, danke, sagte
er. Inwiefern denn? fragte ich.
Du hast mir sehr gehol-
fen, sagte er. Ich habe dir
gern zugehrt, du brauchst mir
nicht dafr zu danken, und da
dich das Reden, wenn ich
dich richtig verstehe, erleichtert hat, das finde ich schn.
Loos trat einen Schritt auf mich
zu und sagte mit gepreter
deiner Fehldeutung, und vergi
nicht, die Tr zu verriegeln.
Dann wandte er sich ab, gru
los, und verschwand in der
Obwohl ich noch fast eine St
unde lang vor der erkaltenden
Asche sa, blieb mir sein sonde
rbarer Abgang unerklrlich.
Ich konnte lediglich vermuten
, da Loos durch das erzh-
lende Vergegenwrtigen des tr
agischen Geschehens in ei-
nen Zustand geraten war, in
dem sich das innere Aufge-
irrtheit ausdrckte. Wenn dem
so war, so schien es
aussichtslos, sein Benehmen zu deuten
und einen Sinn in seinem Schluwort zu finden.
um endlich zur Ruhe zu ko
mmen, endgltig fr verrckt
erklrt. Die Handschellen fielen mir ein. Wenn einer in
Handschellen gelegt werden w
ill, so hat er Schuldgefhle.
Wenn einer Schuldgefhle hat,
so hat er Schu
ld auf sich
geladen. Er mu kein Mrder
sein. Er mu die Frau im Hal-
lenbad nicht durch Ertrnken
nicht im Hallenbad verunglckt
sein. Sie ist nie ausge-
rutscht. Loos hat sich eine
Todesversion zurechtgelegt, die
ken und in einer der steilen Ha
arnadelkurven auf der Strae
nach Cademario die Herrschaf
t ber den Wagen verloren.
Todesfolge fr seine Frau. Zum Beispiel. Zum Beispiel
auch: Er sitzt im Kurhauszimme
r, und sie steh
t drauen auf
dem Balkon. Er sieht vom Sesse
l aus: Sie beugt sich ber
das Gelnder, mehr und me
hr, und er springt auf und
Und seither Schuldgefhle und
Verrcktheit. Klar. Vergi
nicht, die Tr zu verriegeln! Da
s heit: Schtz dich vor mir,
Fehldeutung! Das heit: Wie knnte ich erleichtert und be-
freit sein, wo ich die Wahrheit
doch fr mich behalten habe.
Nur eines bleibt unklar: Wa
rum und wofr hat Loos mir
gedankt? Womit knnte ich ihm
geholfen haben? Ich frage
ihn nochmals, morgen. Er ha
t sich mir umfassend anver-
traut, als einzigem, wie er sa
gte. Er mag mich. Warum soll-
te er mich belgen? Was htte
er davon? Ein Badeunfall mit
Todesfolge: Was soll daran de
tina wird ins Krankenhaus gebr
acht und stirbt. Kein Kurho-
tel der Welt wird einen solche
n Vorfall an die groe Glocke
hngen. Vorzeitig abgereist, heit es, wenn jemand nach-
fragt. Ich mchte endlich schl
afen. Loos mag gestrt sein
oder nicht, ich mchte schlafen
. Oder Franziska anrufen, sie
wre vom Fach, sie hat einmal behauptet, da jeder
ze zwischen krankhaft und normal mehrmals pro Tag ber-
schreite. Absurd. Als ob wir
alle mit einem Bein im Toll-
haus stnden, gute Nacht!
Pfingstsonntag: Nach miesem Schlaf, ich habe wirr und
knnen und rgerte mich ber
den Elfuhrtermin. Den hatte
ohne auch nur einen Moment lang an meine Pflicht und
mein Projekt zu denken. So ha
tte Loos mich vereinnahmt.
Ich sprte berdru, Loos-be
rdru. Es ging mir, wie es
mir oft mit One-Night-Bekanntschaften geht. Ich fhle
mich, von Wein und Lust bele
bt, fr ein paar Stunden aus-
gefllt und irgendwie weltfern,
und wenn ich am Morgen
erwache, weil mich ein fremder
Frauenfu anstt, zuck ich
vor Schreck und berdru zurck.
Es nderte sich alles wieder, als ich unter milchigem
Himmel hinunter zum Bellevue
ich mich freute. Mein Vorsatz, nicht lnger als eine halbe
Stunde zu bleiben, machte
dem Wunsch Platz, mit Loos
zusammen zu essen und noch ei
nmal, solange er es wollte,
fast elf und Loos noch nicht
in Sicht. Die Fenster seines
Zimmers standen offen, ein Zeichen, da er wach war. Ich
bestellte einen Campari. Loos lie sich Zeit, ich reinigte die
Brille. Von Zeit zu Zeit sah ich
die gelbliche Fassade hoch,
im Fenster regte sich nichts. Vi
elleicht war er ins Freie ge-
gangen. Der Kellner begann di
e Tische zu decken. Es war
ein anderer als an den beiden
Abenden zuvor. Nach einer
halben Stunde ging ich ins Re
staurant, es war ja mglich,
da Loos vergessen hatte, wo
wir uns treffen wollten. Er
sa nicht da. Als ich zu meinem Tisch zurckkam, war
mein Glas abgerumt. Der Tisch sei leider reserviert, ab
zwlf Uhr, sagte der Kellner.
Fr zwei Personen? fragte
ich. Er nickte irritiert. Ich sagt
e, ich sei eine davon, so ber-
zeugt war ich, da Loos fr
uns vorgesorgt hatte. Ach so,
noch einen Campari. Mit wachsender Ungeduld schaute ich
hoch zu Loos Fenster. Pltzlich
erschien eine Frau in ihm
und schttelte kurz einen Staublappen aus. Im Zimmer war
Loos also nicht. Um zwlf kam der Kellner zu mir, gefolgt
von einem lteren Paar, und
fragte, auf welchen Namen
mein Tisch reserviert worden
sei. Loos, sagte ich, Herr
Loos ist Hotelgast hier. Mo
weg, kam eilend zurck und sa
gte, da auf den Namen Loos
nichts reserviert sei. Sonderbar, sagte ich, vielleicht ein
Miverstndnis, entschuldigen
Sie. Ich nahm mein Glas.
Seitlich oberhalb der Terrasse
, auf dem Niveau der Ein-
gangstr zum Restaurant, gab es zwei ungedeckte Tisch-
und die Terrasse berblicken ko
nnte. Es wurde halb eins.
Loos hatte gesagt, er sitze ab
elf Uhr auf der Terrasse, so-
fern es die Umstnde zuliee
n. Und ich hatte angenommen,
vielleicht ein Irrtum. Vielleicht
gab es andere Grnde, die
ihn am Kommen hinderten. Er hatte vielleicht, fiel mir um
Ich ging zur Rezeption. Ic
h nannte meinen Namen und
fragte die Dame, ob eine Nachricht fr mich da sei, von
Thomas Loos, der hier logier
e. Loos? fragte sie und run-
zelte die Stirn und griff nach
einem Buch. Wir haben kei-
nen Gast mit diesem Namen, sa
gte sie. Doch, doch, sagte
ich, wir haben zweimal hier
gegessen, gestern und vorge-
stern abend. Die Dame schaute noch einmal ins Gste-
buch und fragte mich, ob ich die Zimmernummer wisse.
Das nicht, sagte ich, aber se
in Zimmer liegt im obersten
Stock, von der Terrasse aus ge
sehen ist es das uerste
links. Aha, sagte die Dame, wa
rf einen dritten Blick in ihr
Buch, warf keinen sehr freu
ndlichen Blick auf mich und
sagte: Ich kann Ihnen leider ni
cht helfen. Hren Sie, sagte
ich, Herr Loos ist mein Freund
, wir haben uns hier treffen
wollen, um elf, er ist aber ni
cht erschienen. Es ist mir un-
verstndlich, warum Sie mir jede Auskunft verweigern.
Ich darf Ihnen lediglich sagen,
sagte die Dame, da sich
kein Gast namens Loos bei
uns aufhlt beziehungsweise
rr, der in besagtem Zimmer
wohnte, heute, am frhen Morgen, abgereist ist. Ein ziem-
lich groer, massiger Mann
fragte ich. Sie zuckte nur di
e Achseln. Ich starrte sie an,
bestrzt, ich fragte sie nach seinem Namen. Tut mir leid,
schutz. Aber er ist doch mein Freund, wiederholte ich,
ohne in meiner Verwirrung zu
diese Feststellung war. Die
Dame sagte denn auch, da man
den Namen eines Freundes normalerweise kenne.
Normalerweise, dachte ich,
als ich im Auto Richtung
Agra fuhr, bin ich ein Mensch
mit klarem Kopf und analyti-
schem Verstand. Im Augenbl
ick bin ich kein solcher
Mensch. Im Augenblick ist mein Gehirn ein Knuel, wes-
halb ich auch vergessen habe, die zwei Campari zu bezah-
zitternden Fingern beglich.
Zu Hause duschte ich mich
kalt und lange, bis meine
berhitzung nachlie. Die Fakt
enlage war eigentlich klar,
die Auslegeordnung einfach: Lo
os hatte mich sitzenlassen.
Wir waren uns nahe gekommen, wir hatten zwei Abende
lang intensiv miteinander ge
von Stunde zu Stunde, wir ware
n fast Freunde geworden
und trotzdem hatte Loos mich
sitzenlassen und sich ohne
Abschied verflchtigt. Dies wa
r das eine Faktum, das laut
nach einer Deutung schrie. No
ch lauter aber schrie das
zweite und ziemlich unerhrte
Mensch, quartiert sich unter
falschem Namen in einem Ho-
Ich berlegte zuerst, ob ich
am Abend zuvor vielleicht
da er es vorzog, mich nicht
mehr zu sehn. Es fiel mir
nichts ein. Zwar hatte es Diffe
renzen gegeben, das aber war
zweiung. Wahrscheinlicher sc
hien mir, da Loos, hnlich
wie ich, am Morgen einfach berdru empfunden hatte,
da er allein sein wollte, st
ill sein wollte, sich irgendwo
verkrochen hatte, um ungestrt
an seine tote Frau zu den-
ken. Mglich schien aber auch, da er aus Scham, gemischt
mit Unmut, vor mir geflohen war. Es kommt ja vor, da
sich ein Mensch, der sich je
mandem anvertraut und preis-
gegeben hat, nachtrglich sc
hmt und dem ins Vertrauen
wisser mag man nicht immer un
d verbelt es ihnen mitun-
ter, da man sich quasi entblt hat vor ihnen. Und somit
war das erste Faktum befriedigend erklrt. Mehr Kopfzer-
brechen machte mir das zweite. Was konnte Loos dazu ver-
anlat haben, sich unter fals
chem Namen einzutragen? Ich
suchte zuerst nach harmlosen
Grnden. Vielleicht war diese
Art der Maskerade ein bloer Spleen. Vielleicht fand er es
lustig und erleichternd, den
wahren Namen abzulegen und
wenigstens fr ein paar Tage
inkognito zu sein. Nachfhlen
konnte ich das nicht, was freilic
h noch nichts heit; es gibt
genug Verschrobenheiten, in die ich mich schwer hinein-
denken kann. Und doch fiel es
mir leichter, an diese Deu-
tung zu glauben als an die ab
enteuerlichere, die Loos als
chten sah, womglich als
entwichenen Strfling, der inne
rlich dazu getrieben wurde,
die Nhe des Tatorts zu suchen
, die Nhe des Orts, wo seine
Frau, auf welche Art auch im
mer, jedoch durch sein Dazu-
tun, zu Tode gekommen war.
Befallen von nie gekannter
Nervositt, lief ich in Wohnung und Garten herum. Auf
einmal blieb ich stehen. Auf einm
al fiel mir ein: Loos hatte
ja vor einem Jahr fr ein paar
Tage im Bellevue gewohnt.
Und also kannte man ihn sch
on, man hatte den markan-
ten Mann mit Sicherheit noch
nicht vergessen und wohl
auch seinen Namen nicht. Wi
e also htte Loos es wagen
knnen, sich unter einem anderen, falschen einzutragen?
Dies schien mir ausgeschlosse
n. Wenn ich es aber aus-
schlo, blieb mir nur eine Folgerung. Sie lie mich erstar-
ren. Ich, ich also war der Ge
tuschte. Mir gegenber hatte
sich dieser Mensch als Loos
ausgegeben, im Gstebuch
hingegen stand aller Wahrsc
heinlichkeit nach sein wirkli-
cher Name. Ich legte mich aufs
Sofa, stand aber, da ich im
Liegen schlecht denken kann, nach wenigen Minuten wie-
ch die Sache so umtrieb.
empfand ich kein Gefhl mora
lischer Entrstung. Ich kenne
es ohnehin kaum. Auch
konnte es mir ei
gentlich egal sein,
ob Loos nun Meier oder Mller
dem, und es war unausweichlich, da ich mich fragen mu-
te: Was darf ich einem Menschen glauben, der unter fal-
schem Namen Kontakt mit mir aufnimmt und zwei Abende
den Argwohn wecken, er habe mir noch andere Mrchen
erzhlt? Dies schlo ich aus, weil es dafr nicht den ge-
ringsten Grund gab.
Einzig an seinem Bericht ber den Tod
seiner Frau lie sich zweifeln, nur dann allerdings, wenn
man ihm eine Schuld oder Mits
chuld an diesem Tod unter-
s, was ich von Loos vernommen
hatte ich bleibe bis auf weiteres bei diesem Namen ,
glaubhaft. Was htte er da
von gehabt, Erfundenes als
Ich grbelte noch eine Weile weiter, bis ich kapitulieren
mute, bis ich mir eingestehen
mute, da ich auf die zen-
Wenn es denn zutraf, da
Loos in Wirklichkeit nicht Lo
os hie: Aus welchem Grund
hat er sich dann dem vllig Fr
emden, Unbekannten, der ich
fr ihn doch war, mit einem
falschen Namen vorgestellt?
Eine simple und spleenige La
une als Erklrung dafr gelten
dagegen. Mein Gefhl sprach
dafr, da Loos Loos hie.
Was htte ein Deckname decken sollen? Kein Einfall er-
kaum noch ertrgliche Unru
he tilgten den Rest meiner
Denkkraft.
Ich griff zur Axt. Ich hackte Holz wie ein Verrckter, bis
ich schweina und ruhiger wa
r. Dann duschte ich mich
Wie ferngesteuert, fast ohne mein Dazutun, fuhr es nach
Cademario.
Ich stellte mich an die Hotelb
ar. Ich trank, da mein Ma-
gen verkrampft war, einen
Kurhaus, sagte ich mir, hat das Entscheidende sich abge-
spielt. Wo, wenn nicht hier, erfahre ich die Wahrheit. Nur,
was geht sie mich eigentlich an? Was kmmert sie mich,
der ich nie neugierig war? Wa
rum, zum Teufel, soll ich es
nicht schaffen, die Angelegenhe
it, die nichts mit mir zu tun
hat, energisch ad acta zu legen? Ich brauchte mir nur einen
Ruck zu geben, ich mte mi
ch nur rational entscheiden,
den Kasus fahrenzulassen, und
wre wieder frei. Ich gab
mir einen Ruck, trank aus und zahlte und steuerte dem Aus-
gang zu. Es zog mich kurz davor nach links zur Rezeption.
Ich fragte, ob Eva, eine At
emtherapeutin
ihr Nachname
war mir entfallen , noch hier
im Kurhaus ttig sei, ich sei
ein Bekannter von ihr und wrd
e sie gern schnell sehn. Man
fragte mich nach meinem Namen, ich nannte ihn samt Titel
und durfte sofort erfahren, da
Eva Nirak, da ja Pfingsten
sei, frei habe, sich aber im Ha
us aufhalte, vermutlich in ih-
rem Zimmer. In der groen Empf
nahm mir vor, nicht mit der Tr ins Haus zu fallen. Es sollte
nicht so aussehn, als sei ich nur gekommen, um sie zu fra-
gen, ob sich vor Jahresfrist
im Kurhaushallenbad ein tdli-
plaudern und meine Frage ir
gendwann wie nebenbei ein-
flechten. Sie war bestimmt im Bild, sie gehrte ja zur Be-
legschaft. Da sie vor einem
Jahr, anllich unseres Sch-
ferstndchens, nicht ber den
schon darum nichts, weil wir an jenem Nachmittag natur-
gem nur wenig miteinander sprachen.
Ich erkannte Eva kaum wied
er, als ich sie kommen sah.
Ihr offenes und platinblondes
und hochgesteckt. Sie wirkte st
reng, fast bieder, ihr graues
Hosenkleid verstrkte diesen
Eindruck. Die Augen khl, die
ungeschminkten Lippen ohne L
cheln, ein schwacher Hn-
du wegen ihr oder wegen mir?
Ich wei nicht, was du
meinst, sagte ich. Du bist zu spt, sagte sie, sie ist vor ei-
ner Stunde abgereist. Wer denn, um Himmels willen?
Verstell dich nicht, du hast
doch irgendwie herausgefunden,
da Valerie die Pfingsten hier
ich glaube kaum, da ihr der
Sinn nach einem Wiedersehen
mit dir steht, la sie in Ruhe
! Eva, ich hatte keine Ah-
nung, da Valerie hier war, ich
wei ja nicht einmal, wo sie
nichts mehr von ihr gehrt.
Mit leichtem Schwindelgefhl folgte ich ihr auf die Aus-
sichtsterrasse. Ich bestellte noc
Rotwein. Warum ist Valerie hergekommen? fragte ich sie.
Um mich zu besuchen natrlich, antwortete Eva. Ihr
habt also noch Kontakt, ersta
unlich, sagte ich. Sie ist mei-
ne Freundin. Immerhin bist
du damals , du weit schon,
hast du es ihr erzhlt? Es gi
bt Dinge, sagte Eva, die zu
belanglos sind, als da man
sie erzhlen mte. Danke,
damals, im nachhinein zumindest, nicht ber mich gewun-
dert htte. Da ich so sein ka
nn, hat mich erschreckt. Wir
haben uns halt angezogen, sagte
ich, das kann passieren, sei
nicht so streng. Hat Valerie di
r eigentlich von unserer Tren-
nung erzhlt, ich meine damals schon? Ja, das hat sie, am
gleichen Tag, an dem ich be
i dir war. Aus welchem Grund
mir nichts davon gesagt?
Wahrscheinlich habe ich
gedacht, es trne dich besonders
an, einen liierten Mann zu
verfhren. So ein toller Hecht wie du, sagte Eva, macht
unsereinen immer hei, ob er liiert
ist oder nicht. Es wirkt
auf mich ein wenig seltsam, den Hecht, auf den man abge-
fahren ist, nachtrglich verspo
ne Aggressivitt nicht recht er
Techtelmechtel nichts zu tun, sa
gte Eva, eher mit Valerie.
Du mtest schon deutlicher we
rden, sagte ich, hat sie
hren ber andere Menschen?
Eigentlich nicht, sagte ich.
t die Schuld an ihrem Elend
sich allein gegeben. Elend!
Ich bitte dich, wir haben eine
schne Zeit gehabt, und als sie abgelaufen war, hat Valerie
es akzeptiert, mit Fassung. Sie
hat doch auch gemerkt, da
wir nicht zueinander paten, ni
Ja, sagte Eva, du httest se
hen sollen, wie abgeklrt sie
war am Tag nach deinem Besuch
. Sie heulte nicht, sie rauf-
te sich die Haare nicht, Mensch, bist du ahnungslos, und
mute sie in die Arme nehmen
und trsten, obwohl ich viel-
leicht noch nach dir roch. Wie
mies ich mich dabei fhlte,
wirst du dir denken
knnen. Ich hoffe ni
cht, da du mich
gte ich, du hast dich, wenn
ich mich nicht irre, hchst freiwillig mit mir vergngt.
Stimmt, sagte sie. Ich habe
immerhin, dank dir, gemerkt,
wie wenig mir die schnelle Tour zusagt, sie war mir nm-
u, obwohl du natrlich das Gegenteil
ahlt, das Gegenteil. Mglich,
sagte sie, doch lassen wir das.
Ist dir wirklich nicht bewut,
in welch verzweifelter Verfa
ssung du Valerie zurckgelas-
ne vergossen, und in der Zeit
danach ist keinerlei Zeichen
mehr von ihr gekommen, kein
Vorwurf, keine Klage, auch
nicht der Wunsch, uns nochmals
auszusprechen. All das
hast du auf deine We
ise ausgelegt, sagte Eva, so, wie es fr
dich bequem war. Das
Bild der stillen Valerie, die klaglos
und gelassen zur Tagesordnung
bergeht, hat dir sowohl die
Einfhlung als auch die Skrupel
erspart. Ich bin kein Hell-
seher, sagte ich ungehalten, wi
e kann ich wissen, da je-
mand Schmerzen hat, wenn er das Gesicht nicht verzieht?
Und berhaupt, du nervst mich
ziemlich, mit Predigten habe
ich Mhe. Es steht dir frei zu
gehen, sagte sie. Ja, sagte
ich, das wre gescheiter. Und
doch sieht es so
aus, als ob
du dir stndig auf die Unterli
ppe beit und weil ich nicht
unbedingt glaube, da du hi
erhergekommen bist, nur um
mir guten Tag zu sagen. Hm
, sagte ich, und Eva fragte:
g gezogen und lebt allein,
Wir schwiegen eine Weile. Dann sagte ich, obwohl ich
berzeugt war, da Eva bertrieb und offenbar bemht war,
mir Schuldgefhle zu machen, es
tue mir sehr leid, da Va-
lerie unsere Trennung so trag
isch genommen habe. Ihr so
sie habe sich nie so geuert. Anscheinend, sagte Eva,
zhle fr mich nur Gesagtes, f
r anderes sei ich blind. Zwar
sei auch Valerie blind gewesen,
aber auf eine ganz andere
Art. Ich sagte, es sei doch
eine hbsche Laune der Natur,
wenn sich zwei Blinde fnden.
Darauf ging Eva nicht ein.
Es habe sich, so sagte sie,
ein kleines Miverstndnis einge-
schlichen. Was Valerie nie ha
be verschmerzen knnen, sei
die Trennung von ihrem Mann ge
wesen, nicht die von mir.
Ich schluckte leer und fragt
e Eva, warum sie mir dann
eben noch, und zwar in drama
tischen Tnen, von Valeries
Schmerz und desolater Verfass
ung nach unserer Trennung
habe mich ja dies seien ihre Worte
rtselhaft hitzig
liebt. Und doch habe sie immer
uns nicht stimme, sie habe ihr,
Eva, einmal von einer Szene
erzhlt, die sie und ich beobachte
t htten, auf einem Kinder-
spielplatz. Ein Kind sei auf de
r Schaukel gesessen, sein Va-
ter, danebenstehend, habe in
einer Zeitung gelesen und die
Schaukel, ohne den Kopf zu
heben, von Zeit zu Zeit me-
chanisch angestoen. Ich htte nicht gemerkt, wie lieblos
Valerie, sei damals darber hi
nweggegangen wie ber ande-
res auch, das sie an mir gese
habe. Ihr Herz samt allen Sinnen sei quasi mit ihr durchge-
brannt, habe Valerie wrtlich
gesagt, sie habe diesen Vor-
gang besinnungslos genossen, w
obei ihr sehr bald klar ge-
worden sei, da sie sich ih
rem Mann in diesem Zustand
nicht habe zumuten drfen. Si
e habe ihn darum verlassen,
wenn auch nicht im Gefhl
der Endgltigkeit, und ihre
Schuldgefhle unterdrckt. Es
Eva weiter, als habe Valerie ihr alles anvertraut, was mich
Wahrheit wenig erzhlt und taste
nd erzhlt, so als versuchte
sie sich auf einen Traum zu
besinnen. Vor allem ber die
Ehe mit Felix der Name sei mi
r ja sicher bekannt habe
sie fast nur in Andeutungen gesprochen.
Das komme mir bekannt vor, sagte ich, auch mir gegen-
ber habe sie es so gehalten,
mit nichts sei sie wirklich her-
ausgerckt, sie habe es vorge
zogen, geheimnisumwittert zu
ven gegangen. Es sei ein Fehl
er, meinte Eva, von sich auf
andere zu schlieen. Da viel
es an meinem Verhalten Ma-
sche sei, berechtige mich nich
t dazu, auch Valeries Verhal-
ten in diesem Sinn zu deuten
fragte Eva, ob sie psychologische
Kurse besuche. Sie sag-
te, damit knne sie nicht dienen, mir aber wrde sie das
warm empfehlen, obwohl sie
Einfhlung erlernbar sei. So ode
r so, sie sehe Valeries Ver-
haltenheit und ihr so zgerndes Reden zuerst einmal als
Zeugnis ihres Scham- und Ta
ktgefhls. Und dazu kmen
das Gespr und die Erfahrung,
wie unendlich schwierig es
Stzen in den Griff zu kriege
n. In Valerie habe das Chaos
geherrscht, das habe sie ihr, Eva, selbst gesagt, sie habe sich
schuldig und unschuldig gefhl
t, bedrckt und glcklich,
leer und erfllt und zwar oft a
lles zugleich. Auch dies sei
nur eine Andeutung ihrer damaligen Lage gewesen, und
eigentlich msse man froh sein,
da sie, statt frmlich ver-
rckt zu werden, mit Nerv
enproblemen davongekommen
sei. Die Nervensache htte ich zwar mitbekommen, sagte
ich, nur habe Valerie sie v
Chaos der Gefhle sei nie die Rede gewesen, und ich htte
davon so wenig bemerkt, da es mir ziemlich schwerfalle,
daran berhaupt zu glauben.
Eva seufzte, so wie man seufzt, um jemanden wissen zu
lassen, da man ihn mhsam fi
sich weiter mit ihm abzugeben. Ich fragte trotzdem noch
obwohl mir eigentlich mehr daran lag, das Gesprch endlich
auf Loos zu bringen , ob
Valerie zu mir gekommen sei,
weil es gekriselt habe in der Eh
e. Das wisse sie nicht, sag-
te Eva, da Valerie auch ihr kaum einen Einblick ins Innere
ihrer Beziehung habe geben
knnen. Sie habe gleichsam
einen Schutzwall um diese Ehe e
das respektiert und nie einzudr
ingen versucht. Wenn Vale-
rie doch einmal wie nebenbei auf Felix zu sprechen ge-
kommen sei, so sei ihr Ton ein seltsam warmer gewesen,
man habe Achtung, ja Liebe he
raushren knnen, so da es
ihr, Eva, schlicht schleierhaft sei, was diese Frau dazu ge-
trieben habe, sich in fremde Arme zu werfen. Sie knne nur
knne sie sagen, da weder pure Abwechslungslust noch
sen seien. Ich berging de
n Schrzenjger und sagte, ich
fnde es schade, da sich die Ehesache nicht wieder einge-
renkt habe, ich htte eigentlich
gehofft und beiden gewnscht.
Edel sei der Mensch, hilf-
reich und gut, sagte Eva. Un
gerhrt berging ich auch
diese Bemerkung und fgte an, da ich andrerseits Ver-
stndnis htte fr Felix, es sei
ja nicht jedem gegeben, eine
untreue Frau, die wieder an
die Tre klopfe, herzlich will-
kommen zu heien. Ihm sei es
gegeben gewesen, entgeg-
Ob das denn heie, fragte ich, da Valerie nicht mehr habe
zurckkehren wollen zu ihm.
So sehe es aus, sagte Eva.
Untrgliche Zeichen aber sprchen dafr, da Valerie
zurckgehen wollen, diesen Wu
nsch aber unterdrckt habe.
Wenn dem tatschlich so sei,
sagte ich, dann wre ich u-
erst gespannt auf die Grnd
e. Die seien filigran und
schwer zugnglich, sagte Eva.
Ob sie sie also kenne, frag-
te ich. Sie sagte, sie knne sie fhlen.
llte ein Wasser. Hast du ihn
jemals kennengelernt, ich me
ine den Felix Bendel? fragte
ich dann. Nicht kennengelernt
, sagte sie, nur per Zufall
schnell gesehen, damals, nach
seinem Kurzbesuch bei Vale-
rie. Er hat sie hier besucht? Ja, das hat er, und zwar ge-
gen Ende der ersten Aufenthaltswoche, das wei ich noch,
das hat sie mir spter erzhlt.
wer htte das gedacht. Ich
kann dich aber beruhigen, si
mchte ich sagen: leider. A
Das heit, da Felix verzwe
zurckzugewinnen, vollkommen ge
scheitert ist. Sie hat ihn
sein fr beide. Und als mir
tungsweise wie immer, da war
mir sofort klar, da es Felix
gewesen sein mute, dem ich
an jenem Abend kurz begeg-
als er ankam und ich die Tre
nn mit fahlem Gesicht gegen-
ber, der mich verstrt anstarrte.
Ich grte i
hn und trat zu
ihm in den Aufzug, und da er
von oben gekommen und im
Parterre nicht ausgestiegen wa
r, nahm ich an, er wolle wie
ch dort nicht aus, ich fragte
heiser. Ich sagte, er msse wieder einen Stock hher, dann
rechts den Flur entlang, dann
komme er zum Ausgang. Das
Sie scheint dich, wie ich
sehe, nicht zu interessieren
, du trommelst unablssig mit
den Fingern, also, heraus mit der Sprache: warum bist du
gekommen?
Das Trommeln war mir nicht bewut gewesen, und ich
entschuldigte mich dafr und fragte Eva umstandslos, ob ihr
schttelte den Kopf und sagte:
Nie gehrt, wer ist das?
sie htte dir ber den Weg la
ufen knnen. Eva schaute
mich an, prfend, mit zusammengekniffenen Augen. Aha,
sagte sie, ich verstehe, du bist
also dreifach aktiv gewesen.
Hast du geglaubt, sie sei hier? Oder gehofft, ich knne dir
sagen, wo sie momentan steckt
? Bldsinn, sagte ich, ich
hatte nichts mit ihr, sie war ja
in Begleitung ihres Mannes.
Ich spre, du bist ihretwegen
hier. Mag sein, sagte ich,
aber nicht so, wie du denkst,
ich habe sie erstens nie ge-
kannt, und zweitens lebt sie ni
cht mehr. Es beginnt mir zu
dmmern, sagte Eva, du bist do
ch Rechtsanwalt, geht es um
einen Kriminalfall? Vielleic
ht. Und warum hast du mir
nicht gleich gesagt, warum
du mich sehen wolltest? Du
hrst dir hflich Geschichten von
Valerie an und hast ganz
anderes im Kopf. Ja, nein, ich wei nicht recht, Eva, ent-
schuldige, ich bin ein wenig
durcheinander, und ich komme
mir irgendwie lcherlich vor. Dein erstes sympathisches
Ich schicke voraus, da mein Interesse rein privat ist, ich
bin nicht als Anwalt hier. Ich
mchte dich einfach fragen,
ob sich im Juni vergangenen
Jahres hier, im Kurhaushallen-
folge. Das Opfer, eine Frau
um die vierzig, soll auf dem
Beckenrand ausgerutscht und Stunden spter in einem Lu-
ganeser Krankenhaus an ihre
Hast du von diesem Unglck
gehrt? Nein, sagte Eva,
nein, von einem solchen Unglck wei ich nichts. Knnte
es sein, da es passiert ist,
ohne dir zu Ohren zu kommen?
Das scheint mir fast ausgesch
lossen. Natrlich htte man
was durchgesickert. Geht es be
i dieser Frau um die erwhn-
te , wie hie sie noch glei
steris, sagte Eva. Es schein
t so, sagte ich, und doch wre
schon vieles geklrt, wenn du zwei Dinge herausfinden
knntest: Ist eine Frau dieses
Namens vor einem Jahr hier
Gast gewesen? Ist zweitens eine
Frau, die vielleicht anders
hie, zu jener Zeit im Hallenbad
verunglckt oder sonstwie
zu Tode gekommen falls ja,
meiner berraschung sagte Eva:
In fnf Minuten weit du
beides, der Direktor ist da, ic
h habe ihn eben gesehen, er
wte von dem Unfall, und die
spuckt der Computer in drei Sekunden aus, bis gleich.
Mein Magen tat noch immer nervs, ich bestellte einen
jenseits die Collina doro.
Montagnola war nur ein ver-
schwommener Fleck, und ich put
zte die Brille mit ungedul-
nichts, fragte sie, woher ich
Sie stimmen also? fragte ich. Sie stimmen nicht, sagte sie,
vom Balkon gesprungen? fragte ic
h. Auch das nicht, Herr
Kommissar, sagte sie lachend,
ich habe alles abgecheckt,
hingegen ist mir eben wieder ei
Juni doch einen Unfall gab
im Hallenbad, wenn auch nur
einen kleinen und glimpflich abge
ja weit.
Treib mich nicht in den
Wahnsinn, ich wei von gar
nichts. Du scheinst vergelich,
sagte Eva, bist du nie einer
Frau mit gebrochenem Ringfin
trlich, sagte ich, nur ist da
s nicht im Hallenbad passiert,
sondern im Wald, sie hat einen Ast bersehen, vielleicht
eine Wurzel, und ist darber ge
stolpert. Das hat sie allen
erzhlt, sagte Eva, es schien ihr weniger peinlich als ihr
Ausrutscher am Beckenrand.
Sehr sonderbar, sagte ich.
Und da der Finger angeschwo
llen war, sagte Eva, mute der
Arzt ihren Trauring mit eine
m Znglein kappen, hat sie da-
Natrlich nicht, sie hat nie
wir zusammen waren. Kann ich verstehen, sagte Eva, und
Mrchen her, was suchst du hi
so stark, da du geradezu versunken wirkst?
Ich habe einen Mann kennenge
lernt, per Zufall, im Bel-
levue von Montagnol
a, einen merkwrdigen Mann knapp
ber fnfzig, Altphilologe, wi
r haben uns irgendwie ange-
er, Thomas Loos, ein Br von St
atur, und hergereist war er,
wie er mich nach und nach
hat wissen lassen, um seiner
Frau zu gedenken, seiner tote
rckt vorkam, wie eine Heilige
verehrte. Er war fraglos ge-
strt, von Zeit zu Zeit fast ir
r dann wieder ganz normal
den Nachweis ging, wie schrecklich die Gegenwart sei, wie
unertrglich die Welt. Nur sein
e Frau lie er gelten, seine
ben, nach ihrem Tod vermutlich
vorher. Kurzum, er hat mir erzhlt, da sie nach einer Ope-
ration, es ging um einen Hirntumor, zur Kur nach Cadema-
rio gefahren sei, und zwar in
seiner Begleitung, und ein paar
Tage danach sei dann das Un
glck passiert. Man habe sie
noch nach Lugano gebracht, in
s Ospedale Civico, wo sie
gestorben sei, am elften Juni
. Der Rest ist schnell berich-
wo er wohnte, noch einmal kurz
zu sehen. Er ist aber nicht
erschienen, und als ich nach
ihm fragte, erklrte mir die
Dame am Empfang, es gebe
keinen Hotelgast mit Namen
Thomas Loos. Ich beschrieb ih
r die Lage des Zimmers. Sie
t und Namen drfe sie nicht
nennen. Ich dachte zuerst, er
habe sich mit falschem Namen
mute demnach folgern, da dieser Kauz
delt hatte und gar nicht Thomas
Loos hie. Die Sache hat
finden, hierhergefahren bin, ve
Ich sage noch gar nichts, sa
gte Eva, ich wei noch zu
wenig, erzhl mir mehr. Worber, zum Beispiel, reden zwei
Mnner zwei Abende lang?
Nun, wir haben zuerst, wie
mhlich aber sind wir persnlicher geworden, intimer sozu-
sagen. Er fragte mich zum Beis
piel nach meinem Junggesel-
lenleben und nebenbei nach me
inem Liebesleben. Hast du
Das lag natrlich nahe, sag-
te ich, das drngte sich doch
auf, nachdem sich herausge-
e Frau fr kurze Zeit zusammen
hier im Kurhaus waren. Was
sich inzwischen zweifelsfrei
als falsch erwiesen hat, sagte Ev
a. Hat er sich sehr fr deine
Liebschaft interessiert? Nicht rasend, sagte ich, er hat
zwar hflich zugehrt, dazwis
chen aber auch geghnt.
Und Loos, was hat er dir ber
vielleicht? Diverses, sagte
ich, warum fragst du? Aus
weiblicher Neugier. Ja also, sagte ich, ihr blondes Haar
hat er erwhnt und ihre Sanduhrfigur und da sie kein
Fleisch a, aber Himbeeren liebte. Mehr fllt mir nicht ein
im Moment, doch, warte, sie rauchte nicht und machte sich
nichts aus dem Tanzen, sie mochte ein bestimmtes Schu-
bertlied, das die Schnheit der
Welt besingt, sowie, im Un-
terschied zu Loos, den Rege
nschirm und einen Vers von
Du, mich frstelt, sagte Eva, ich hole mir schnell eine
Sie kam zurck und schwieg.
Sie schaute mich an, nicht
als wolle sie sagen: Ich kann di
r leider nicht helfen. Nach
einer Weile fragte ich sie, wa
rum sie nichts sage. Wahr-
scheinlich, weil sie sprachlos sei, erklrte sie. Ich sagte,
das verstnde ich, der Fall sei
gar zu nrrisch. Sie finde
ihn todtraurig, sagte sie und fragte unvermittelt, ob mir be-
kannt sei, was Felix beruflich
mache. Ich sagte, Valerie
habe mir erzhlt, da er Musiker sei und Cellounterricht
erteile. So, sagte Eva. Waru
m, stimmt es denn nicht?
fragte ich. Jedenfalls spielt er
tust ja richtig sibyllinisch,
sagte ich. Thomas, ich mu
Atemtherapeutin, Blinde kann ich nicht heilen. Was das
nun wieder heien solle, fragt
e ich. Sie fragte zurck, ob
ich durch Loos zufllig wisse
, worum es gehe in jenem
Hesse-Vers, den seine Frau
den habe. Ja, sagte ich, so ungefhr, um irgendeine Aller-
weltsweisheit zum Thema Herz und Abschied. Schau,
sche, das geb ich dir mit auf
den Weg. Machs gut, sagte
sie, stand auf, gab mir die Hand und lie mich sitzen. Das
Blatt war kariert und zusammengef
und stierte bld in die Landsc
haft, rief schlielich den Kell-
Unterwegs, ich wei nicht me
hr wo, hielt ich an und hol-
erkannte die beiden Zeilen:
Es mu das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne.
Ruhig Blut! befahl ich mir. Da
s Blut gehorchte nicht, ich
fuhr unkonzentriert weiter. Ei
Beweis. Wie viele Frauen lie
ben Hesse? Wie vielen spre-
chen diese Zeilen, gerade dies
e, aus dem Herzen, und zwar
trotz des furchtbaren Dative
am Ende jeder Zeile? Wahr-
scheinlich Abertausenden. Na
, auch wenn sie sie mir vor-
enthalten hat. Zwei Frauen, di
rchlein m-
gen, verwandeln sich deswegen nicht in
Und Eva hat
sich nur wichtig gemacht, ha
t ihr scheinbares Wissen fr
sich behalten, um mich ein wenig zappeln zu lassen, und
lich, das sie zu ihrem aberwitz
Kein Grund zum Zappeln also
, dachte ich und stie dann
trotzdem, kaum angekommen in
Agra, das frisch gefllte
Weinglas um.
Ich rief kurz den Redaktor der Juristen-Zeitung an, um
mitzuteilen, da ich mich krankh
eitshalber nicht in der Lage
she, meinen Aufsatz term
machte ich ein Feuer im Kamin.
sel davor und schlo, um mich
zu sammeln, die Augen.
Momente lang schien meine nc
hterne Natur sich wieder
mir, der sich von einer wilden
Spekulation fast htte irre-
machen lassen. Ich sagte mir, wer sich aufs Unwahrschein-
lichste einlasse, verliere die Spur, die zum Wahrscheinli-
Schon nach dem dritten Glas
Grbeln und also ins Schwanke
n. Stze fielen mir ein,
Loos-Stze, die ich auf einmal verdchtig fand, zweideutig
oder lauernd. Ich berlegte mir
so spielerisch wie mglich,
zu welchem Zeitpunkt er wenn er denn Bendel gewesen
wre htte merken knnen,
wer ihm gegenbersa. Spte-
stens dann, dachte ich, als ic
h Valeries Namen nannte, viel-
leicht schon frher, als ich erwhnte, da seine Frau und
meine Freundin zur gleichen Zeit im Kurhaus gewesen sein
muten. Das aber hatte
ihn, wie ich mich
nicht wirklich interessiert. A
ndere Schnittstellen fielen mir
ein, andere Zeichen, die
mich kenntlich gemacht haben
mit einem Schlag unterband: Ic
h hatte mich gleich zu Be-
ginn mit meinem Namen vorge
stellt, mit meinem unalltg-
wute, einmal gefragt, wie di
eser Typ denn heie; gesetzt
den Fall, sie htte ihm Antwor
t gegeben dann wre Loos,
nein, Bendel, von Anfang an im Bild gewesen. Und darum
dann die ganze Maskerade, se
in falscher Name und seine
Ich glaubte nur fr kurze Zeit an diese Version, dann
glaubte ich, da
Gespinste wob. Htte Bendel sich ange-
funden? Htte er Valerie sterben lassen, nur um mich zu
tuschen? Das alles war doch
allzusehr an den Haaren her-
beigezogen. Und erst der Blitz
im Hyde Park! Ein derart
prgendes und unerhrtes Erle
bnis htte mir Valerie doch
erzhlt. Und Bendel htte es mir nicht erzhlt, er htte sich
damit verraten. Er htte mit Bestimmtheit angenommen,
da ich von diesem Vorfall wu
te. Wie aber, wenn die
Blitz-Geschichte frei erfunden
war? Oder einfach nur auf-
geschnappt in irgendeiner Ze
itung? Allein wozu? Loos
mochte ein bichen verrckt sein mitunter, aber geistes-
Ich kochte Nudeln und machte
mir zwei Spiegeleier, ich
a zerstreut und lustlos. Und
nachher, am Kamin, ging das
Sinnieren wieder los, das Grbeln, das ekelhafte Hin und
Her. Ich hatte Schwindelgefhle, und das Flackern der
Flammen, das mich sonst imme
r beruhigt, verstrkte sie
noch. Ich starrte ins Feuer und
starrte. Und erstmals wurde mir bewut: Wenn
Bendel
hier
gesessen htte, dann wre mir
sein Ha gewi, dann htte
was tun, um den Rummel in mir zu dmpfen, um mich zu
entwirren und zur Besinnung zu
bringen. Gewiheit suchte
ich im Augenblick nicht unbedi
ngt, nur Ordnung und ber-
Ich ging ins Nebenzimmer, ic
top. Es klopfte. Und sofort
klopfte auch mein Herz, ich
sprte: Loos ist da. Loos ko
mmt, um zu begrnden, warum
er heute morgen weggeblieben ist, er kommt, um Abschied
sehn, ich schien mich verhrt
zu haben: Die Dielen verzo-
gen sich manchmal und knackten dabei.
Ich schlo die Haustr ab un
tippte ich zwei Stze.
um ihn.
Ich kam nicht weiter. Ich konnte, was mich um-
trieb, nicht in die Tasten h
acken. Ich ging im Zimmer her-
um. Tassos Foto, es steht auf
dem Bcherregal, erinnerte
mich an seinen F
Andenken bekommen hatte. Nat
rlich, dachte ich und holte
ihn samt Tintenfchen aus der untersten Schreibtisch-
schublade hervor. Er roch ein wenig so, wie meine Gro-
mutter gelegentlich gerochen ha
tte, ich glaube, nach Kamp-
fer. Ich reinigte die Innente
ile und das Reservoir mit Was-
ser, und dann zog ich die alte
schreiben begann, nahm er sehr rasch die Temperatur mei-

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