Die Kinder Des Gral — Peter Berling


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ANNO DOMINI 1244.
Scanvorlage:
BASTEI-LÜBBE-TASCHENBUCH Band 11060
Korrektur- und Layoutvorlage:
Erste Au”
age 1993 Byblos Verlag Berlin - ISBN 3-929029-14-6
Unter Verzicht auf die ŒIllustrationen der TB-Ausgabe.
Einbandgestaltung: Achim Kiel AGD/BDG, PENCIL CORPORATE ART
Braunschweig Maße des Originals 641 mm x 1363 mm x 100 mm unter Verwendung
D E \b\t\n
Elgaine de Balliers
INHALT
ANMERKUNG
DES VERFASSERS 8
DRAMATIS PERSONAE 9
PROLOG 13
Dem Andenken der Kinder aus königlichem Blut
I. MONTSÉGUR 19
Die Belagerung € Die Montagnards € Die Barbarcane € Die Kapitulation
VII. DIE SARATZ 393
Der Graue Kardinal € Die Brücke der Sarazenen € Glühende Eisen
Die Räucherkirche € Byzantinische Verschwörung € Die Hirtinnen
VIII. SOLSTIZ 449
Des Bischofs Schatzkammer € Der Liebesdienst € Die Speisefolge
Der Tag vor der Hochzeit € Ein seekranker Franziskaner
Der Herzenshüter
IX. DIE FÄHRTE DES MÖNCHS 499
Ein heißes Bad € Die Mausefalle € Ein Brief ohne Absender
Roberto der Kettensprenger € Ärger in Ostia € William der Unglücksrabe
Eine Schnur im Wasser
X. CHRYSOKERAS \f57
Die Äbtissin € In Erwartung der Dinge € Falsificatio Errata € Die Triëre
XI. IM LABYRINTH DES KALLISTOS 609
ANMERKUNG
DES VERFASSERS
Die in diesem Buch auszugsweise zitierten Aufzeichnungen des
Franziskaners William von Roebruk (*1222) galten lange Zeit
als in arabischen Bibliotheken verschollen. Niemand suchte
DRAMATIS
PERSONAE
DER CHRONIST
Willem von Roebruk,
gen. ‰Williamˆ,
vom Orden der Minderen Brüder
DIE KINDER
Roger-Ramon-Bertrand, gen.
Isabelle-Constance-Ramona, gen.
‰Yezaˆ
IM DIENST DES GRAL
\n   Pierre Roger Vicomte de Mirepoix,
Kommandant des Montségur
Ramon de Perelha,
Kastellan
Esclarmonde de Perelha,
seine Tochter
Bertrand de la Beccalaria,
Baumeister
\n  Tarik ibn-Nasr,

Kanzler der Assassinen von Masyaf
Crean de Bourivan,
Sohn John Turnbulls,
zum Islam konvertiert
IM DIENST FRANKREICHS
König Ludwig IX.,
gen. der Heilige
Graf Jean de Joinville,

Seneschall der Champagne, Chronist
Hugues des Arcis,
Seneschall von Carcassonne
Oliver de Termes
, katharischer Renegat
Benedikt von Polen
Bartholomäus von Cremona
Walter dalla Martorana
  Pierre Amiel,
Erzbischof von Narbonne
Monsignore Durand,
Bischof von Albi
 \n Albert von Rezzato,
Patriarch von Antiochia
   Galeran,
Bischof von Beirut
  - Nicola della Porta,
Lateinischer Bischof
 Yarzinth,
sein Koch
IM DIENST DES REICHES
Kaiser Friedrich II.,
auch genannt der Staufer
  Elia Baron Coppi von Cortona,
ehem. General -
minister der Franziskaner, gen. ‰Il Bombaroneˆ
Gersende,
seine Haushälterin
Biro,
Wirt der Schenke ‰Zum Güldenen Kalbˆ
   Laurence de Belgrave,

Grä“
n von Otranto, gen. ‰Die Äbtissinˆ
Hamo LEstrange,
ihr Sohn
Clarion von Salentin,
ihre Ziehtochter
Guiscard der Amal“
taner,
ihr Kapitän
 \n Sigbert von Öxfeld,
  
Komtur des Deutschen Ritterordens
Konstanz von Selinunt,

alias Fassr ed-Din Octay, gen. ‰Der Rote Falkeˆ
\n   Rüesch-Savoign,
eine Saratz-Tochter
Xaver,
ihr Vater
Alva,
ihre Mutter
Firouz,
ihr Verlobter
Madulain,
ihre Base
Zaroth,
der Podestà
SONSTIGE
Roberto,
der Kettensprenger
Ruiz,
der Pirat
PROLOG
In memoriam infantium ex sanguine regali
Dem Andenken der Kinder aus königlichem Blut
(Aus der Chronik des William von Roebruk)
Goldglühendes Licht einer für mich schon versunkenen Abend-
sonne lag noch auf der Ketzerfeste, als wolle Gott sie für unser
ahnungslosen Franziskaner-Tölpel an der Schwelle zu einer nie
Schweinemast zu, meine Mutter hoffte noch heftiger auf eine
Art wundersame Kanonisierung, zumindest Seligsprechung. Mit
nicht einmal neunzehn Lenzen verfrachtete man mich …
viribus
unitis …
nach Paris.
Ha, welche Stadt, doch welch t
eures Pflaster! Hier verfeinerte
ich meine ordensmäßig anerzogene Gabe des Schnorrens zu ho-
her Blüte. Almosen? Welch demütigendes Konzept unwür digen
Daseins! Ich hielt die Gesellschaft derer aus, die mich aushielten:
freien Austausch gegenseitiger Gunstbeweise möchte ich es ge-
nannt wissen!
Dem schwer vermeidbaren Studium der klassischen Theologie
entzog ich mich weitgehend, mein ‰Missionarsgewissenˆ immer-
hin beschwichtigend, indem ich das Arabische als Pflichtfach auf
Scham über meine jugendliche Ignoranz im Boden versinken,
erhebt mich der Wohlklang ihrer Verse doch in lichte Höhen
sonst nirgendwo erfahrener sprachlicher Schönheit.
Mein König hatte weit weniger im Sinn. Sich den ehrwürdigen
Meister Ibn Ikhs Ibn-Sihlon, bei dem ich lernte, an den Hof kom-
men zu lassen traute er sich wohl nicht recht. So wurde ich als
harmloser Mittler auserkoren, denn alle hielten mich für diesem
Der Viterbese sorgte dafür, daß ich sofort meine Be stal lungs-
der Templer noch Signum Christi? Das grüne Tuch der Muslim,
Versprechen oder Verdammnis? Die Feldzeichen der Mongolen,
Brandeisen des Teufels? Oder die weißen, wehenden Gewänder
der Katharer -verhießen sie doch das Paradies? Ich erfuhr Barm-
herzigkeit von den Assassinen, bedingungslose Treue von den
Tataren, fand Freunde unter christlichen Rittern und Edelmut
bei den arabischen Emiren. Ich erlebte Gift, Niedertracht und
gräßlichen Tod, ich sah Liebe und Opfer, doch kein Schicksal hat
mich mehr bewegt als das der Kinder … der Infanten des Grals.
MONTSÉGUR
Die Belagerung
Montségur, Herbst 1243
Als schroffer Felskegel ragt der Montségur aus der zerklüfte-
ten Niederung … entrückt, wie nicht von dieser Welt und nur
himmlischen Heerscharen sich öffnend, so sie denn aus ihrer
Engelsperspektive eine Handbreit platten Grundes erspähen,
um ihre Himmelsleiter aufzusetzen. Naht ein menschlicher
Eindringling vom Norden her, scheint der Berg zum Greifen
er rückwärts in das dunkle Grün des Waldes stürzt, den er nicht
hätte verlassen sollen.
Das Feldlager hatte sich auf dem gegenüberliegenden Wiesen-
hang breitgemacht, in respektvoller Distanz zum Pog und in
sicherer Entfernung vor der Reichweite der Steinschleudern.
In seiner Mitte hatten die beiden Anführer ihre Zelte aufge-
schlagen: Pierre Amiel, Erzbischof von Narbonne und Legat des
Papstes, der sich die Vernichtung der »Synagoge Satans« eifernd
aufs Panier geschrieben, und in gebührendem, wenn nicht ge-
suchtem Abstand zu diesem lagerte Hugues des Arcis, Seneschall
von Carcassonne, den der König zum militärischen Führer der
Unternehmung bestellt hatte.
Obgleich der Legat dem Heer wie jeden Morgen die Messe ge-
lesen hatte … viel lieber wäre er wohl an dessen Spitze mit Leitern
Er stand auf und entließ seine Kaplane mit einer schroffen
Handbewegung. »Die Ketzerverfolgung, die Euch so am Herzen
liegt, muß sich diesem Primat beugen. Sie von einem Toulouse
zu erwarten zeugt von wenig politischem Fingerspitzengefühl:
handelt es sich doch bei den Verteidigern um seine eigenen ehe-
maligen Vasallen, oft sogar um Blutsverwandte!«
»Faidits!«
schnaubte der Erzbischof. »Treulose Verräter, Auf-
rührer! Und der hier zuständige Lehnsherr, der Vicomte von Foix,
hält es nicht einmal für nötig, bei uns zu erscheinen!«
Der Seneschall wandte sich zum Gehen: »Sein Nachfolger ist
längst bestimmt: Guy de Levis, Sohn des Kampfgefährten des gro-
ßen Montfort! Soll er für ihn das Eisen aus dem Feuer holen!«
Leben war in höchster Gefahr, wenn der Berg des Heils nicht
»Neben der mangelnden Disziplin unserer Feinde«, fuhr der
Mirepoix fort, »hilft uns vor allem, daß viele der geworbenen
Truppen mit uns sympathisieren. So die aus dem Camon, ehe-
malige Lehnsleute meines Vaters … sie lagern unterhalb des Roc
de la Tour.« Er bemühte sich der jungen Frau Zuversicht einzu-
flößen. »Solange er in unserer Hand ist, reißt die Verbindung zur
Außenwelt nicht ab … und so besteht durchaus Hoffnung ƒ«
»Ach, Pierre-Roger«, sie legte ihre Hand auf seine Schulter,
»hofft nicht auf die Außenwelt, versperrt sie doch nur den Blick
auf die Tür zum Paradies. Das Paradies jedoch ist die Gewißheit,
die uns keiner nehmen kann!«
Sie entließ ihn mit einem heiteren Lächeln.
Dunkelheit hatte inzwischen den Montségur umfangen, dafür
ben, für teures Geld, auch wenn sie sich kaum aufmachen wer-
den, bevor die Ernte eingebracht ist!«
»Gelobt sei der Herr und die heilige …«, begann William.
»Heb deinen flämischen Arsch«, schnaubte der Seneschall, »und
reich mir lieber den Krug rüber! Darauf müssen wir trinken!«
Die Montagnards
Montségur, Winter 1243/44 (Chronik)
Im Spätherbst traf das Korps der ‰Montagnardsˆ aus dem fernen
Baskenland bei uns ein. Mein Herr, der Seneschall, ließ sie gar
nicht erst im Feldlager kampieren, sondern führte sie persönlich
um die Nordwestecke des Pogs herum, unter den Roc de la Por-
taille, hinter dem die Wand am steilsten aufragt, daß man den
Donjon des Montségur von unten kaum noch sehen kann. Hier
Zum Neid meiner Mitbrüder hatte er nur mich erwählt, ihn zu
begleiten. Am Nachmittag brachen wir wieder auf und schlän-
gelten uns unter der Nordwand, vor jedem Blick geschützt, durch
die hohen Tannen des Waldes von Serralunga, dessen Ausläufer
hier bis an den Fels heranreichen.
Ich ging hinter Jordi, einem der Hauptleute der Basken. Nur
mit Mühe gelang es mir, mit ihm Schritt zu halten und ihn in
ein Gespräch zu verwickeln, wobei wir uns mit einem Gemisch
italienischer und latinesker Brocken behalfen. Ich hatte nicht die
leiseste Ahnung, wohin unser geheimer Zug führen sollte.
»Roc de la Tour«, beschied er mich knapp.
Und ich keuchte stolpernd: »Warum?«
»Eine Wurst, die man schneiden will, muß man erst mal zubin-
den. Und das hat man dort vergessen«
Ich schwieg. Zum einen, weil mir bei seinen Worten sofort
Hungergefühle aufstiegen, zum anderen weil mir beim Gedan-
ken ans Essen der ‰Gralˆ durch den Kopf schoß, von dem hier
alle im Lager munkelten, aber worüber mir keiner auch nur eine
im geringsten befriedigende Antwort geben konnte. Es mußte
mehr sein als ein Schatz, eine
Labsal, die keinen Durst mehr
verspüren ließ, ein himmlisches Manna, das einen armen Mönch
wie mich über alle irdische Mühsal erhob.
»Suchen wir den Schatz, diesen Gral?« bohrte ich vorsichtig,
weil ich mich schämte, es nicht besser zu wissen, und weil ich
schon oft die wunderlichsten, schroffsten Reaktionen erlebt hat-
te, wenn unsereins auf den eigentlichen Grund unseres Kreuzzu-
ges zu sprechen kam.
»Nein, William«, grinste Jordi, »es geht um einen Haufen wert-
loser Steine, um die sich keiner gekümmert hat, weswegen sie
für die Verteidiger des Montségur zum bequemen Mauseloch
geworden sind, durch das sie ihren Nachschub holen … doch
Mittlerweile war es dunkel geworden. Der Seneschall verbot,
was die Stimmung nicht gerade hob, jedes Feuer, um Lichtsignale
zu verhindern.
Über uns, dem Auge halb verborgen hinter schnell ziehenden
Wolkenfetzen, reckte sich das Vorwerk der Ketzerfeste in die
mondlose Nacht. Die Montagnards hatten sich die braungegerb-
ten Gesichter zusätzlich noch mit Ruß geschwärzt. Sie trugen
keine Rüstungen, keine schweren Waffen … nur engsitzende Le-
derwämse und zweiseitig geschliffene Dolche, deren Griffe über
die Schulter und aus den Stiefeln ragten.
Auf Befehl des Seneschalls segn
Die Anspannung ihrer Augenlider ließ nach. Es verging noch in
trügerischer Stille die Zeit eines Ave Maria … die Montagnards
sprangen die übernächtigten Verteidiger an, im Sprung zogen sie
ihre Dolche … Röcheln, Stöhnen, dumpfer Fall … ein paar Fels-
brocken prasselten, dazwischen das Zwitschern der Bolzen … die
»An die Mauern der Burg selbst kommen wir nicht heran!«
»Und warum schickt man Euch keine Verstärkung?« wollte ich
schlauer Stratege wissen, »und rückt dem Teufelsnest mit seiner
Schlangenbrut nicht endlich auf den Pelz?«
»Weil«, Jordi pfiff zwischen den Zähnen, »weder der Herr Se-
auch nicht in Gefahr, wenn mir nicht gerade ein verirrter Stein
Die Barbacane
Montségur, Winter 1243/44
Unter schweigend erbrachtem Blutzoll … auch das hatte Loba
die Wölfin dem Hauptmann der Montagnards vorausgesagt:
über ihn. So nahm Gavin den Status eines Beobachters ein, hatte
Geburt unseres Heilands anzweifeln, seine Gottessohnschaft
verleugnen, sondern auch seinen Tod am Kreuze für uns?«
»Gott verläßt niemanden«, wies mich der Templer zurecht,
mit einem Ernst, der mich zwang, über diesen Satz mit all seinen
Konsequenzen nachzudenken. Doch sofort brach wieder sein Sar-
kasmus durch:
»Quidquid pertinens vicarium, parthenogenesem,
filium spiritumque sanctum …
schon die Trinität ist ihnen zuviel.«
Unser zum Stillstand gekommenes Vordringen … ich fühlte mich
frate vento«,
fiel mir die passende Zeile meines Heiligen Franzis-
kus ein,
»et per aere et nubilo et sereno …«
»Es ist nicht zu fassen!« heulte der Bischof auf und schlug
mit seinem Stab nach mir, während über uns in beizendem
Pechrauch und flackerndem Feuerschatten Mann gegen Mann
kämpfte. Losungsworte, Flüche, Todesschreie zerflatterten im
eisigen Wind.
»Soll ich denn nicht beten?« fragte ich kleinlaut.
»Nein, blasen!« Gavin lachte voller Sarkasmus. Er hatte sich
im Dunkeln unbemerkt zu uns gesellt. Schweigend starrten wir
in die Höhe, Körper stürzten über die Klippen und zerschellten
der Bischof auf diesen Ton ein, statt den Templer zu maßregeln.
wissen, daß er bereit sei, die Konditionen einer Kapitulation zu
erörtern.
Allein diese Formulierung zeugte von unglaublicher Arro-
ganz: Nur bedingungslose Übergabe und Unterwerfung auf
Gnade oder Ungnade erschien mir treuem und naivem Sohn
Der Präzeptor begab sich zum Zelt des Seneschalls, der mitt-
lerweile von seiner Bergtour zurück sein mußte; ich folgte ihm.
»Conditio sine qua non!«
beschied ihn Hugues des Arcis ab-
schließend. »Ich bin froh, mit dieser rein zeitlichen Konzession
hatte dem Bedürfnis nach Erholung, nach Schlaf, Platz gemacht.
Sie ging einher mit dem Ordnen der Ausrüstungsgegenstände
für den Abtransport. Doch dann, als alles, was an Vorkehrungen
für die große Stunde zu treffen war, bereit stand, trat eine Leere
ein, die alsbald aufs Gemüt schlug. Ein Belagerungsheer, das
nicht belagert, war ja auch wohl ein Unding.
Das Warten zerrte an den Nerven. Wir begannen die Tage der
zweiten Woche zu zählen. Auf Geheiß des Seneschalls, der uns
Gewißheit macht ihn dazu, obgleich Er als Täter es nicht nötig
hat!«
»Also, kann ich ihm auch vertrauen im Gebet?«
»Ihm schon, aber nicht den Menschen!«
Ich glaube, auch er nahm mich nicht sehr ernst. Auch wirkte
er auf mich, mit seinen aufgekrempelten Ärmeln, nicht wie ein
Bischof. Ich sah mich schon in das Spiel eines Geistes verwickelt,
dem ich nicht gewachsen war, als mein Seneschall vorbeiritt und
mir winkte, daß ich ihm folgen sollte. Er war in Begleitung von
»Wo ist noch Sicherheit«, gab der Bischof leise zu bedenken,
dieses Ereignis, Ergebnis einer spirituellen Präparation ohne-
gleichen, überstrahlte alles, was danach noch kommen mochte,
Seile wieder hochziehen wollten, tauchten aus dem Dunkel der
gischtübersprühten Klamm zwei Ritter auf.
Sie waren vermummt, ihre Brustpanzer wiesen keine Wappen
auf, noch trugen sie Helmzier. Sie hatten das Visier herunterge-
lassen und führten ihre Pferde am kurzen Halfter.
Der eine von ihnen war von hünenhafter Statur; sein Topf-
helm, sein Kettenhemd entsprachen der deutschen Machart.
Sein Begleiter war schlank, und seine Rüstung war kostbare
Arbeit des Orients, wie man sie als Beute nur im Heiligen Land
erringen konnte. Sie sprachen beide kein Wort, sondern griffen
stumm nach den herabhängenden Seilen.
Die Fluchthelfer waren ratlos und eingeschüchtert ob der blo-
ßen Schwerter in der Hand der Fremden. Da erschien oberhalb
der Klamm ein Templer. Er nickte nur kurz sein Einverständnis
und verschwand wieder.
Den Helfern drängte die Zeit. Sie hüllten die Ritter hastig in
die freigewordenen Tücher, und die Basken zogen sie hinauf.
In der versteckten Grotte begrüßte sie mit gedämpfter Stim-
mals Magnus, den Großen, nannten, zog ich des Nachts durch
die Gassen in der Schar meines englischen Mitbruders Roger
Baconius, Magister Artium und
doctor mirabilis;
er wars, der aus
dem flämischen »Willem« den mundanen »William« machte,
ein Name, den ich mir gern zu eigen machte. Ich besuchte auch
den berühmten Astrologus Nasir ed-Din el-Tusi und drängte
mich auf der Universität zu den Vorlesungen des Ibn al-Kifti, ei-
nes weithin gepriesenen Medicus, um von ihnen Einblick in die
Geheimnisse die Orients zu erlangen.
Indes, all dies verblaßte zu unbeschwertem, farblosem Spuk
und zu Spökenkiekerei angesichts der Tatsache, daß in dem tie-
reibend vom Fortgang der Arbeiten überzeugte, wurde mir flau
im Magen, und ich suchte das Weite; das heißt, ich beschloß erst
mal, Gavin Montbard de Bethune mit den Fragen heimzusuchen,
dunklen Augenhöhlen leben; er warf mir schreckliche Blicke zu.
Ich wagte kaum noch einmal hinunterzuschauen. Ihm gegenüber
stand Gavin, und vor ihm lag ein aufgeschlagenes Buch.
Je fünf ältere Ritter flankierten die Tafel. Alle schienen sie zu
Sublimation, schoß es mir durch den Kopf, meiner okkulten
Kenntnisse gedenkend, die Überhöhung des einen durch das
andere. Wem wurde da welches Geheimnis enthüllt? Ging es um
den Gral?
»Als Maria von Magdala hier an Land ging, führte sie das Heilige
Blut mit sich, trug es in sich«, er
scholl die Stimme des Verhüllten.
»Eingeweihte Druidenpriester, erwartungsvolle Schrift gelehrte
des alten Judentums nahmen sie auf, ließen sie niederkommen,
Fleisch werden ƒ«
Gesta Dei per los Francos …
spielte er darauf an, auf diese stän-
dig angemahnte Bevorzugung der französischen Nobilität durch
den lieben Gott? Wir waren zwar hier nicht in Frankreich, aber
kräftig dabei, es hierhin auszubreiten, da mochte Gott schon sei-
ne Vorsorge getroffen haben!
»Das Blut! Ewig kreisender Strom, pulsierend, lebend!« rief der
alte Druide. »Es bedarf nicht der Transsubstantiation, es entzieht
sich ihr, es vergeistigt sich, wird Geist, wird zum ‰Wissen um das
Blutˆ ƒ«
Sublimatio ultima,
dachte ich befriedigt, doch verwirrt; ein
Ich hatte weder verstanden, in wessen Namen hier gesprochen
wurde, noch, wen es zu schützen galt. Wind und Blätter hatten
die Worte verschluckt. Die Templer, Gavin an der Spitze, traten
zustellen? Aus Unzucht geborenes Blut, ohne heiliges Sakra-
ment der Ehe, diese Ehren zu erweisen?
trank nicht. Wieder verfielen sie in diese kontemplative Erstar-
rung … ich weiß nicht, wie lange ich auf dieses strenge Schauspiel
starrte, bis mich drei Schläge aus meiner Verzauberung rissen.
Die Ritter bliesen jeder eine Kerze aus, erhoben sich, küßten die
hinter ihnen stehenden Mundschenke auf Wangen und Lippen
»Ich meine den Schatz im Schatz, das eigentlich Schützens-
werte … den Orden hinter dem Orden, den eigentlichen Lenker,
den großen Steuermann, von dem man munkelt. Was ist mit der
‰Grande Maitresseˆ, die unlängst …«
»Wer hat dir diesen Namen genannt?« fauchte er. Sein Blick
wurde lauernd, fast böse. »Nimm ihn nicht wieder in Mund!«
verwarnte er mich heftig, und ich schwor es mir auf der Stelle.
Ich hatte mir das Maul ohnehin schon verbrannt.
»Nicht alles, was einer unbefugt aufschnappt«, belehrte er
mich dann mit einer gefährlichen Milde, »darf er auch ungestraft
nachplappern.« Er sah mich lange an. »Mönchlein«, lächelte er,
Er war wieder in diesen ironischen Ton verfallen, den er mir
gegenüber anzuschlagen beliebte, und ich ärgerte mich darüber.
Ich nickte wie einverständig. Du
hältst mich nicht länger da-
von ab, dachte ich bei mir, das Geheimnis zu ergründen und
meine Rolle darin.
ihren Bogen über das Firmament zog, so könnte er denken, sie
wäre von hier aufgestiegen, um in den Weiten der großen Kup-
pel zu verglühen.
Knienden war seine Stirnseite in ein magisches Licht getaucht,
dessen Quell er nicht auszumachen vermochte. Seine Augen
hellhaarige Mädchen. Man hatte sie wohl mit einem Schlaf-
trunk betäubt.
»Diaus Vos benesiga!«
Die Tochter Ramons küßte die kleinen
Gesichter noch einmal, bevor sie das kostbare Gut den beiden
Fremden in die Arme drückte. Sie hielt unmerklich inne, als sie
das Bündel mit dem zartblonden Mädchenantlitz in die Hände
von Konstanz gleiten ließ; ein Leuchten des Erkennens trat in ihr
Auge: »Um der Minne willen, Ritter, übertragt die Liebe, mit der
Ihr mir dienen wolltet, auf diese Kinder!
Aitals Vos etz forz, quel
les pogues defendre!«
DIE BERGUNG
Loba, die Wölfin
Montségur, Frühjahr 1244 (Chronik)
»Was ist der Gral?«
Ich wußte, ich hatte diese Frage nicht stellen, das Wort nicht
aussprechen dürfen … aber nichts bewegte mich mehr, als hinter
sein Geheimnis zu gelangen. Ich kauerte nun schon eine Ewig-
keit, zumindest die lange Nacht in der Hütte der Alten. Loba war
nicht das verhutzelte Kräuterweibchen, das ich mir vorgestellt
hatte, noch eine zahnlose Hexe; auch wies ihre Behausung keine
ne geheimsten Gedanken kreisen, immer schneller; mein Kopf
drohte zu platzen; sie drängten mit aller Gewalt nach außen … die
Felsmulde hielt die Schädeldecke schützend zusammen, wie eine
unsichtbare Hand! Schweiß lief über mein Gesicht. In einem
Kesselchen brodelte ein Sud aus Kräutern, deren erdig-muffi-
»Die Raben flattern zur Richtstätte … sie müssen sich sputen«,
flüsterte ein anderer, »sonst sind die Seelen schon davongeflo-
gen!«
Hufschlag und Eisenklirren entfernten sich. »Der Herr Inqui-
sitor«, knurrte die Stimme des Deutschen, der uns befehligte,
»bemüht sich in blinder Hast! Was er sucht …«, lachte er polternd,
sich und sein Gefolge von der Spannung befreiend, »… führen wir
vor der Nase ihm davon! Auf, Mannen!« Und unser Zug setzte
sich wieder in Trab.
Wir ritten scharf den ganzen Tag und die halbe Nacht, immer
durch dunkle Wälder, auf Pfaden, wo uns nur wenige begegne-
ten, die uns schweigend Platz machten, ohne daß wir sie anru-
der Welt erfahren hatte, viel Leid vor allem. Seine grauen Augen
waren voll tiefer Trauer und Müdigkeit am Leben, auch wenn er
und Bastionen zu verstärken, sie noch höher zu ziehen. Schon
Le Bucher
Camp des Cremats, Frühjahr 1244 (Chronik)
Wir brachen wieder auf, noch bevor der Morgen graute. Die Au-
gen wurden mir nicht mehr verbunden. Crean de Bourivan, der
sich im Lande auskannte, ritt vorweg, dann kamen die
faidits.
Sie
umgaben den mit einer Plane gedeckten Karren, auf dem ich saß
und in dem hinten die Kinder im Heu schliefen. Der Deutsche
sie, versteckt sich unter ihnen,
zur Hölle? Wonach gruben sie dort im Pakt mit Dämonen, denen
sie ihre Seele verschrieben hatten? Und die Kinder?
Ich schielte nach hinten. Das kleine Mädchen, das ein feines,
herbes Profil hatte und fast weißblonde Locken, sah mir mit
grüngrauem Blick in die Augen. Kein Vorwurf, keine Klage, aber
helle Animosität. Ich gehörte für sie zu den Schuldigen, zu de-
nen, die sich schuldig gemacht hatten.
»Wie heißt du?« versuchte ich ihre Gunst zu erringen.
Sie verstärkte ihren Blick um eine Prise Verachtung, bevor
sie sich wieder zu ihrem Gefährten hinabbeugte, der jetzt still
vor sich hin weinte. Sie streichelte ihn wie eine Mutter, und ich
me der schroffen Gebirgszüge entlang, was den Vorteil hatte, daß
man sah, was sich in den Tälern bewegte, aber keine Chance ließ,
einem entgegenkommenden Feind auszuweichen. Und so stan-
den ihnen plötzlich hinter einer
»Auf den Gral und seine Erben!« rief der Burgherr, trank und
wischte sich den Wein vom wildwuchernden Barthaar. Nur Sig-
bert hielt mit bei dem kräftigen Zug, Konstanz tat ihm sichtbar
»Legende? Die Gralsfamilie ist kein Hirngespinst!« unterbrach
ihn der Burgherr schroff. »Die edlen Trencavel waren Männer
und Frauen aus Fleisch und Blut, ich hab sie noch gekannt.«
»Erzählt!« sagte Sigbert, der sich schon nachfüllen ließ. »Uns
sang Wolfram von Eschenbach von diesem ‰Schneid-mitten-
durchˆ, dem tumben Parsifal ƒ«
»Er war auch nicht auf den Kopf gefallen«, ereiferte sich Xac-
bert; »er war nur zu gut für diese Welt.« Der Herr von Queribus
fühlte sich nun als Chronist gefordert, zumal auch Crean nun
heranrückte. »Die Vescomtes von Carcassonne, dem Hause Ok-
zitanien wohl verschwippt und verschwägert, waren Lehnsleute
der Könige von Aragon. Wie Ihr wißt, diente auch ich Jakob dem
Eroberer …«
»Ihr wart in Mallorca dabei!« lobte ihn Crean, und Xacbert
kam in Fahrt:
»Das war schon das Ende«, er nahm einen tiefen Schluck,
»aber am Anfang stand der Kreuzzug des Simon de Montfort.
Der gute Trencavel, Roger-Ramon II., den Ihr Deutschen den
‰Parsifalˆ heißt, verteidigte Carcassonne. Die alte Gotenfeste, sie
Sie entledigten sich ihrer Kleider.
»Ich hoffe«, wandte sich der Burgherr an Sigbert, »der absti-
nente Herr de Bourivan trinkt uns das Wasser nicht aus, sonst
müssen wir im Saft der Reben baden!«
Sie lachten beide und stiegen in das warme Naß, in dem Crean
schon Platz genommen hatte.
»Ich weiß mich zu beherrschen«, parierte dieser freundlich,
»und nach solch einer Androhung allemal. Ihr habt wohl lange
keinen Wein mehr gestampft, Xacbert, daß Ihr vergessen habt,
wie klebrig der ist.«
»Für die Füߐ«, vermittelte Sigbert, »mag Wasser gut sein, für
meinen Schlund ziehe ich Wein allemal vor. Reicht mir den Be-
cher, junger Emir«, sagte er zu Konstanz, »und gebt uns die Ehr;
doch munkelte man seit längerem unter den
faidit
s, daß auf dem
Montségur zwei Kinder aufwüchsen, die es weiterführten. Daß
uns zu kümmern, seinem Schlachtroß die Sporen gab und mit
seinem ritterlichen Gefolge den in den Felsen eingeschnittenen
Hohlweg nach oben davonstob.
Wir waren ihm nolens volens mit unserem Karren gefolgt,
trotz des gemauerten Ziehbrunnens am Wegesrand, der uns so
verlockend zu einer Erfrischung geladen hatte. Aber eine Einla-
dung Xacbert de Barberas schlug man wohl besser nicht aus.
Schon die nächste Krümmung des Weges ließ vor uns den
gewaltigsten Donjon aufragen, den meine Augen je gesehen; ein
Brocken wie von Gigantenfaust auf die Spitze des schroffen Ber-
ges getürmt, schien er jeden Feind zu verhöhnen. Der Burghof
war relativ eng und vollgestopft mit katharischen Flüchtlingen,
doch spürte ich gleich den Kampfgeist, der hier noch herrschte,
nicht diese abgehobene Resignation, dieses »Vergeistigte«, wie
auf dem Munsalvätsch!
»Ich muß mal an die Mauer!« hörte ich hinter mir die Stimme
des Jungen. Ich rutschte von meinem Bock und hob ihn herunter.
Sofort war auch das kleine Mädchen da. »Meinst du«, funkelte
es mich an, »ich kann kein Pipi?!«
Also bot ich auch ihr meinen Arm, aber sie bestand darauf,
vom Wagen auf die Steine zu springen. Gerade noch konnte ich
sie auffangen.
»Yeza kann allein!« belehrte sie mich leicht lispelnd, während
der Junge nach meiner Hand faßte.
Wir gingen zur Mauer. Beide schauten mich erwartungsvoll
an. »Wer weiter kann!« sagte Yeza. Da ihr Spielgefährte seinen
Piephahn aus der Hose nestelte und ich schließlich die Herzen
der Kinder erringen wollte, raffte ich also die Kutte und griff
nach meinem Stößel.
Wir pißten gegen die Mauer, und ich war glatter Verlierer.
Dann mußte ich mich nochmals niederhocken, um Yeza Gesell-
schaft zu leisten, und da im Burghof kein Grashalm mehr stand,
griff ich in die Tasche und zauberte einige Huflattichblätter her-
vor, die ich immer eingesteckt halte. Ich wischte ihr den kleinen
Hintern ab, und wir waren Freunde … dachte ich.
»Ich heiße Roger-Ramon«, sagte der Junge. »Du kannst aber
einfach ‰Roçˆ zu mir sagen!«
»Roche!« wiederholte ich.
»Nein,
Rodsch!«
verbesserte mich Yeza, lispelnd vor Aufregung,
»so, wie ich richtig Isabella heiße, und wie heißt du?«
»Ich bin ein Bruder des heiligen Franziskus«, hub ich an.
»Du bist William«, klärte mich Roç auf, »ein Esel, hat Sigbert
gesagt.«
Ich schluckte und scheuchte sie zum Karren zurück, auf den
wälzten sich mit ‰iiiah-yyyahˆ zu meinen Füßen im Heu. »Ein
alter Esel …«
»William! William!« riefen sie.
»Also gut, William, der alte Esel«, lenkte ich sanft ein, »beklagt
sich beim heiligen Franz über sein schweres Schicksal …«
»Yyyhi …«, alberte Yeza, aber Roç knuffte sie, daß sie still wurde,
und ich fuhr fort:
solcher Komplimente.ˆ Da lachten die Esel glücklich und schrien
allesamt: ‰Yyyah-yaah!ˆ«
»Willst du nun ein Esel sein, William?« fragte mich Roç ernst-
haft.
»Ich weiß nicht«, überlegte ich. »Was könnt ich mir noch bes-
seres wünschen, wenn Gott selbst ein Esel ist!«
Yeza überreichte mir den Blumenstrauß. »Du mußt ihn nicht
fressen, William, aber du kannst daran riechen«, und sie legte
blitzschnell ihre Ärmchen um meinen Hals und umarmte mich.
»Von wem ist diese lästerliche Legende, doch nimmer von
diesem Heiligen aus Assisi?« amüsierte sich Konstanz, der mir
unbemerkt zugehört hatte.
»Ihr habt recht!« mußte ich eingestehen. »Sie ist von Bruder
Roberto di Lerici, der dafür vierzig Streiche mit dem Eselsziemer
bekam und vierzig Tage unterm Joch!«
»In meiner Heimat hätte man ihm den Kopf abgeschnitten: Du
sollst dir kein Bild machen ƒ«
»William ist kein Esel!« baut
e sich Roç in Verteidigungsstel-
lung vor mir auf.
Konstanz fuhr lachend fort: »Ihr Christen! Da verbrennt ihr
die Reinen als Häretiker und macht euch Gott den Allmächti-
gen allerliebst familiär und gemein mit Vater, Mutter, Sohn und
knapper Geste unsere Vorfreude und half dem Deutschen aufs
Pferd. Sigbert schien dem Weine tapfer zugesprochen und wohl
als einziger dem Burgherrn, der hinter ihnen erschien, Paroli
geboten zu haben; denn Crean schien genauso stocknüchtern zu
sein wie Konstanz.
»Wann trifft man hier schon
inter pocula
einen so standfesten
Ritter des Kaisers!« Xacbert de Barbera schnaubte vor Rührung in
sein Schneuztuch, küßte den Kindern die Hände, schlug dem wan-
kenden Sigbert nochmals freundschaftlich auf die Schenkel, bevor
Yeza kam zu mir auf den Kutschbock gekrochen, um neugie-
rig am Treiben des fahrenden Volkes teilzuhaben, aber sofort
schloß der bärbeißige Sigbert zu uns auf und hieß mich dafür
zu sorgen, daß niemand die Kinder zu Gesicht bekomme. Yeza
»Es sind Assassinen«, gab sich Konstanz geheimnisvoll, und
sofort zuckte die Hand des alten Sigbert zum Schwert.
»Was geht uns das an!« suchte Crean beide zu beschwichtigen,
und ich hatte den Eindruck, daß ihm diese Entdeckung äußerst
unangenehm war.
Sigbert erlebte ich zum ersten Mal leicht nervös. »Ohne Auf-
trag wären sie kaum hier …«
»Sicher ist ein altgedientes Mitglied des Deutschen Ordens das
ausersehene Ziel ihrer Dolche!« spöttelte Konstanz. »Ich würde
an deiner Stelle heute nacht …«
»Solange sie uns nicht stören«, ging Crean abschließend da-
zwischen, »ist es klüger, sie zu vergessen!« Unserem Anführer lag
nichts an der weiteren Erörterung der Geschichte, die ihn weni-
ger beunruhigte als ärgerte. »Gute Nacht, meine Herren!«
Nachdem ich die Kinder, die in mir inzwischen eine Art dicke
fallen. Ein erklärter Feind der Kirche hätte ihr nicht bösartiger
Schaden zufügen können. Ihr habt die Mäuler gestopft, die
sprechen sollten, Ihr habt die Gehirne ausgelöscht, die wissen
konnten … und wußten!«
Der Legat ist aschfahl geworden wie die nackten Steinwände,
die sie umgeben; er ringt nach Worten für eine angemessene Er-
widerung, eine Zurechtweisung dieses Unverschämten. So nutzt
Durand die Stille.
»Das mystische Heilssymbol der ‰Reinenˆ ist entschwunden«,
spricht er leise, wie zu sich selbst, »nachdem es seinen Gläubi-
Not mein hölzernes Kruzifix entgegen, es verbrennt mir in den
Händen, verwandelt sich zu einer Quelle sprühenden Lichtes,
er noch die abgewetzte Priestersoutane, die er nie ablegte, soweit
ich mich erinnere. Heiliger Gott sei bei uns!
Schnell schlug ich das Kreuz. Und schon war der Spuk vorbei,
im Nebel verschwunden. Die Hände der
faidits
lösten sich vom
Knauf ihrer Eisen, die sie unwillkürlich umklammert hatten. Da
aus Tunis. Auf der Mole stapelten sich Fässer, Kästen und Körbe,
die von gerade angekommenen Seglern entladen, versteigert und
von Lastträgern weggeschleppt wurden.
Das Schiff, das uns erwarten sollte, war noch nicht eingetrof-
fen, erfuhr Crean vor einer Taverne von einem Zwielichtigen, der
sofort wieder in dem Gewimmel verschwand. Also würden wir
in dieser Absteige die Nacht verbringen.
Dem zahnlosen Patron fuhr diese Ehre als Schreck in die
Glieder, die seiner elenden Hütt
e von solch erlauchter Reisege-
sellschaft widerfahren sollte. Ein Goldstück ließ jeden Einwand
verstummen, nicht jedoch das Gebrüll, Gefluch, Gekreisch der
Matrosen, der Dirnen im Schankraum. Aber es verebbte für eines
Schluckes Länge; schließlich wurden solche Orte nicht jeden Tag
von Tempelrittern samt Entourage aufgesucht, noch von Fran-
ziskanern, die auf sich hielten! Doch dann rissen sie ihre Mäuler
wieder auf, wandten sich die Blicke wieder von uns ab … bis auf
die von zwei Gestalten in einer Ecke, die ich sofort wiederer-
kannte: die beiden ‰Assassinenˆ!
Wir erhielten den besten Tisch geräumt, das Gesindel machte
eilfertig Platz, und wir setzten uns zum Mahl, das bald zum Um-
trunk ward. Ein tolosanischer Hufschmied und ein Färbergesell
aus dem Arriege empörten sich neben mir mit gedämpfter Stim-
me über das Wüten der Inquisition in ihrer Heimat:
»ƒ aus den Waisenhäusern, ja selbst aus den Krippen der
Pfarrhäuser zerren sie die Kinder!«
»Sie machen Jagd auf jedes, das laufen und sprechen kann,
vom dritten Lebensjahre an aufwärts bis hinauf zum siebenten,
für das sich nicht ein Elternpaar verbürgt, dessen Geburt und
Taufe nicht von der Kirche bestätigt.«
»König Herodes«, keifte ein Fischweib dazwischen, »hat es
schlagen sie auch die eigene Brut tot, spießen sie auf vor ihren
Augen … es ist eine Schand!«
»Paßt nur auf«, wandte sich der Hufschmied an mich, »daß
Eure beiden Balgen« … er zeigte auf Yeza und Roç, die Gott sei
Dank zu müde waren, um dem immer lauter und erregter ge-
führten Gespräch im Lärm der Taverne zuzuhören … »ihnen
nicht in die Hände fallen, falls Ihr in die Ketzergegend wollt.«
Ich hütete mich zu sagen, daß wir grad von dort kämen, und
lächelte gequält. »Sie sind christlich«, flüsterte ich, »und von
Stande.« Ein hinweisender Blick auf meine Templer unterstrich
die Glaubwürdigkeit meiner Angaben.
Sigbert und Konstanz begaben sich ins Freie, um nach dem
Wahrhaftigkeit gab. Lehrt nicht auch die Kirche, die Beglückung
durch den Glauben über menschliche Besserwisserei zu stellen?
»Und wie könnt Ihr es wagen, Herr Oliver« … Crean hatte seine
Sicherheit wiedergefunden, und An
griff ist bekanntlich die beste
Verteidigung …, »den edlen Seneschall der Champagne in diese
Spelunke zu führen?«
Joinville enthob seinen Attache der Antwort. »In geheimer
Mission ƒ!« Er lächelte mir zu, und ich machte bescheiden
schweigend mein ‰frommesˆ Gesic
ht, die Hände vor dem Bauch
faltend. »Wir kommen gerade vom allerchristlichen König, der
zu Aigues Mortes«, erläuterte er bereitwillig, »seinen Bauplatz
inspiziert, wo er uns um ein anderes Mal leuchtendes Beispiel
seines Sinnes für menschliche Gerechtigkeit und gottgewollte
Ordnung gab. König Ludwig verließ gerade die Kapelle, das er-
ste Gebäude, das er in seiner Kreuzfahrerstadt hatte errichten
lassen, als er den Karren des Profosses von Paris erblickte, mit
den Leichen von drei Männern darauf, die ein Priester erschla-
gen hatte. Es waren aber Sergeanten der Krone. Er ließ den Pro-
foß Bericht erstatten, und es kam zutage, daß diese in einsamen
Straßen Leute überfallen und ausgeplündert hatten, und keiner
hatte es gewagt, sie anzuzeigen, weil sie doch des Königs Rock
trugen.«
Der Graf schien mir ein arger Schwätzer zu sein, doch mußte
er wohl über politische Fähigkeiten … oder Beziehungen … ver-
fügen, sonst wäre er nicht Seneschall! Jedenfalls mußten wir uns
den Kriminalreport lang und breit anhören, während wir wie
auf glühenden Kohlen saßen, ic
plötzlich wieder mit einer Armbrust und einem Schwert. Die
drei Sergeanten lachten noch immer, als er den ersten von ihnen
mitten durchs Herz schoß; da nahmen die beiden anderen Reiß-
aus. Der eine versuchte durch einen Gartenzaun zu entkommen,
doch unser Priesterlein schlug ihm ein Bein ab, daß es allein im
Wir alle, die wir diesem Akt salomonischer Weisheit beiwoh-
nen durften, jubelten unserem ‰Höchsten Schiedsrichterˆ zu.«
Beifallheischend schaute sich der Graf um, als er mit dieser
zischte Oliver, und ich konnte mich endlich als loyaler Diener
meines Königs hervortun:
»Ich habe sie gesehen!« Ich ließ meine gewichtige Aussage
leise und langsam auf der Zunge zergehen. »Sie sind hier, unter
diesem Dach!«
Ich wandte mich vorsichtig um, wollte verstohlen auf die
beiden Fremden weisen, aller Griffe fuhren zu den Schwertern,
doch der Platz, wo diese gesessen hatten, war leer. Die Spannung
löste sich auf meine Kosten; alle lachten, ich wurde ausgelacht
und beim alsbaldigen Abschied mit keinem weiteren Gruß mehr
bedacht.
Wir waren wieder unter uns. Sigbert und Konstanz berichte-
ten, daß das Schiff morgen früh zur Stelle sein werde. Dann erst
richtete Crean das Wort an mich, der ich … nach gekränktem
Konstanz führte uns zielstrebig zu einer abgelegenen Mole, wo
Assassinen lassen uns zwar kaufen, aber nichts schenken … schon
gar nicht das Leben!«
Ich war zu Tode erschrocken. In was für ein Verschwörergesin-
del war ich da geraten? Schlotternd stand ich am Ufer. Ich wagte
nicht, ihnen nachzuwinken. So entschwanden sie vor meinen
Augen, bald nur noch ein kleiner Punkt im Meer ƒ
IN FUGAM PAPA
Mappa Mundi
Castel Sant Angela, Sommer 1244
Sie hatten die flache Barke den Tiber mehr hinaufgerudert denn
gesegelt. Die Bootsleute, Fischer aus Ostia, wo der Fluß neben
den versandeten und versumpften Hafenanlagen des Claudius
suchenden oder die Öffentlichkeit fliehenden Päpsten wie nach-
träglich eingezogenes Gedärm samt Mägen, Nieren und Testikel
in den Tumulus des Hadrian gewühlt hatten. Durch Öllämpchen
schaftsbereich des Emir von Tunis, in die mittlere Wand mit der
Bucht der Syrte, erhob sich wieder mit der Cyrenaica, unterhalb
derer sich
(hic sunt leones)
die Wüste bis zur Fußleiste erstreckte,
bis dann mit dem Erreichen der dritten Wandfläche das Delta
des Nils sich in sein Blau ergoß, dessen Armen Kairo wie ein
darunter die apulische Ferse, das neapolitanische Schienbein,
der Calabreser Rist des verhaßten Stauferimperiums, dessen
Benedikt von Polen steigerte sich in eine seltsame Mischung
von Heidenhaß und Freßtraum.
»Hör zu, Lorenz«, wandte er sich an seinen schmächtigen Mit-
bruder, »und hör auf, dir die Finger zu schlecken!« Ihn ärgerte
es, sich veralbert zu sehen. »Denn es wird Blut sein, daß wir aus
ihnen pressen werden, es wird in der Hitze gerinnen, und sie
werden daran ersticken, sie werden verdursten, weil ihre Brun-
nen vom Irrglauben vergiftet sind, sie werden verhungern, weil
sie das Herz des Heilands nicht ƒ«
»Bruder«, belächelte ihn von der Höhe des Gerüsts der mit
‰Lorenzˆ Angesprochene, »du solltest ein Stück Brot aus deinem
Sack beißen, ehe du dir den Leib unseres Herrn als Sonntagsbra-
ten vorstellst!«
Benedikt erblickte, sich umwendend, den Fremden zwischen
den Säulen, der schweigend die Weltenkarte studiert hatte, ohne
ihnen ein
»Pace e bene!«
»Der frevelhafte Staufer hatte diese Unholde zwar herbei-
»Aber zugegebenermaßen ein genialer Schachzug des bösen
Widersachers: die frommen Prälaten auf hoher See von den ge-
nuesischen Galeeren zu kapern, als sie sich zum friedlichen Kon-
zil vereinen wollten, das den Staufer sicher verdammt hätte ƒ?«
»Das könnte auch Friedrich Euch besorgen«, murmelte Asce-
lin trocken, »wenn ers nicht andere büßen läßt.«
»Aufweicher Seite steht Ihr eigentlich, Bruder?«
»Ich bin ein
canis Domini
wie Ihr, Bruder … was kann ich
nun für Euer löbliches Unterfangen tun, wie Euch zu Diensten
sein?«
»In Marseille wurden sie gesichtet«,
ließ sich die unsichtbare
Stimme noch einmal vernehmen; sie verbarg ihre Enttäuschung
nicht.
»Beratet Eure nächsten Schritte wohl!«
Vitus hatte sich verschluckt und blickte um sich, dann nach
oben in die Höhe. Doch er sah nur Schränke und Borde, angefüllt
mit vertraulichen Dokumenten, Spitzelberichten, Personalakten,
Fälschungen und geheimen Urteilen, offiziellen Bullen und nicht
publiken Verträgen. »Ich dachte mir«, druckste er, »ein ungetreu-
er Franziskaner kann eigentlich nur eine Adresse anlaufen: Elia
von Cortona ƒ«
»Wir haben ein Auge auf den Bombarone, Bruder, sei beru-
higt«, nahm Ascelin das Gespräch wieder auf, »doch wahrschein-
lich ist, daß dieser Minorit nur benutzt wurde, um eine falsche
von ihm, aber keine Studie von Ascelin, nicht mal die Andeutung
einer Skizze. Das machte ihn stutzig.
»Was soll das?!« fuhr er den schmächtigen Minoriten an.
»Ihr habt einen so markanten Kopf«, schmeichelte ihm der
Künstler mutig mit einem Blick auf die mächtigen Pranken sei-
nes Gegenüber, »daß ich nicht widerstehen konnte.«
wohl vom Sturz des Eimers, von Osten her über Bagdad bis nach
Syrien.
Vitus stand noch unschlüssig vor der Mappa Mundi herum,
dachte an Aufstieg und Fall, an viel vergossenes Blut, als eine Per-
gamentenrolle zu seinen Füßen aufschlug. Von nun an wurden
ihm die Aufträge wohl schriftlich erteilt, damit ‰Erˆ ihn besser
nageln könnte. Er bückte sich und hob sie auf. Beim Wiederauf-
richten fiel sein Blick auf den gekreuzigten Christus in der Ecke,
und er tat sich leid.
Der Verfolgten Wahn
Sutri, Sommer 1244 (Chronik)
ner früheren Existenz, unter die Kutte und sprang. Ich paddelte,
bis ich das erste ausgestreckte Ruder erreichte, hilfreiche Hände
zogen mich an Bord.
Ich machte mich so nützlich wie mir möglich, bestrafte mich
mit selbst auferlegtem Fasten, doch die meiste Zeit mußte ich
mich, den hohen Gast, erblickte. Ich ließ mir das Zimmer im
Obergeschoß zeigen, orderte für den nächsten Morgen ein Pferd
Gesäß, der Rock fiel verdeckend herab, während sich ihr Fleisch
an mein Beinkleid preßte und ich kaum gewahr ward, wie sie mir
den zweiten Stiefel abstreifte.
Sie gab mein Bein auch nicht frei, sondern bückte sich … mir
immer noch abgewandt … und nur dem gluckernden Geräusch
Köchinnen, den zachen Flanken der Wäscherinnen, die nie Zeit
hatten, sich für ein Scherzwort aufzurichten, den kichernden
Zofen, die … mit Rücksicht auf ihre Roben … sich nur stehend in
die Ecken drängen ließen, nach all diesen vertrauten Schobern,
in die ich meine Lust hatte einfahren dürfen, war mir dann im
Feldlager und auf meiner bisherigen Fahrt über Land und Meer
das Pferd vorführen, eine Mähre. Samt Burschen, einem Tölpel,
verließ ich leise die Herberge, au
s der ich Ingolindes Schnarchen
Ich entließ Filippo, dem ich die Mähre abkaufte zu einem Preis,
für den man in meinem Dorf ein Vierer-Gespann hätte erwerben
können. Er wollte dennoch maulig werden, aber der Hauptmann
jagte ihn fort.
»Einer aus der Gegend von Pisa! Seid froh, daß er Euch des
Nachts nicht Kopf und Beutel abgeschnitten hat!«
Wir ritten schweigsam landeinwärts. In meinem wirren Kopf
kreiste nur ein Gedanke: So konnte ich dem Heiligen Vater un-
»Wohl mit Recht, so wie der Kardinal bisher höchstselbst den
Staufer gereizt!« fügte er, Vertrauen fassend, seine eigene Mei-
nung hinzu. »Wem ich so übel mitspiele, wie ƒ« Es kamen ihm
nun doch Bedenken ob meines Standpunktes.
»Ich bin Franzose aus dem Norden«, beeilte ich mich zu versi-
chern, »all diese römischen Intrigen …«
»Und ich bin Genuese«, dankte er mir für die Möglichkeit, sein
Herz auszuschütten; »wir werfen uns zwar in die Bresche für Papst
Innozenz, der vorher unser hochverehrter Bischof war … und als
stimmter Furcht erfüllt, einmal Friedrich überhaupt gegenüber-
»Wann Ihr wollt, Eminenz!« antwortete der Dominikaner. Ich
preßte mein Auge an ein Astloch; war das vielleicht der schreck-
liche Capoccio … oder gar der ‰Graue Kardinalˆ selbst? Mir schlu-
gen die Zähne klappernd aufeinander. Ich sah nur eine Hand, die
sich aus einem Ärmel schob und flüchtig das Profil des schmalen
»Selbst Vitus von Viterbo hat anscheinend vergessen, weswegen
wir ihn an den Hof von Paris delegiert haben. Er benimmt sich, als
sei er Gesandter des Königs in besonderer Mission! Nichts als diese
Kinder hat er im Kopf!«
Der Kardinal war hörbar verärgert.
»König Ludwig weiß nichts von der Gefahr, die für das Haus
Schweigen, Schritte, eine Tür schloß sich.
Der Teufel ritt mich in Unterhosen. Mein Generalminister
»Sie bedarf der Hilfe …«, setzte ich meine unvorbereitete Erklä-
rung fort.
es war dieser Fra Ascelin: »Was ist die Nachricht?« Und der Se-
flackerte nun Licht, huschten Fackeln und Schatten, erschollen
Rufe und Befehle, auch Jammern war zu hören. Meine Phantasie
malte sich aus, wie im Schlafgemach des Papstes die Kämmerer
Innozenz beim Ankleiden behilflich waren, wie im Vorzimmer
der Kardinal Rainer auf Eile drängte und sein Hirtenhund Fra
Schnittpunkt zweier Fluchten
Civitavecchia, Sommer 1244
Das Schiff, das sie aus Marseille übers tyrrhenische Meer geführt
hatte, war mit sechs wilden Gesellen bemannt, so daß es mit den
das Wasser des Meeres zu kippen. Doch die Brühe stieg unauf-
hörlich, und Ruiz schlug das Steuer Richtung Küste ein. Es war
Mittag, und eine günstige Brise trieb sie schräg auf den Strand
zu.
Konstanz schon beim Schöpfen mithelfen mußte, solange zwei
Mann sich mit dem Netz abquälten.
patriotismus des Wirtes herausforderte. Er kredenzte ihnen auf
seine Kosten den besten einheimischen Tropfen, bis man sie aufs
Pferd heben und dort anbinden mußte.
Als sie wankend und unter herbem Gelächter den Ort ver-
lassen hatten, erfuhr die inzwis
chen zahlreiche Gästeschar von
ihren zurückgebliebenen Matrosen mit Schaudern, welch furcht-
ziehen vertrauensvoll nach Jaffa, Joppe, wie wir es nennen … na,
und was soll ich Euch sagen? Dreihundert kommen dort lebend
an!«
Ruiz hatte das andere noch mal ausgeworfen und steuerte das
Boot aus der Fahrtrichtung der Kolosse, die sich näherschoben
und auf den Hafen von Civitavecchia zuhielten.
Zum Schrecken aller füllte sich das Netz, so daß Sigbert, um
keinen Verdacht zu erregen, befahl, es einzuholen. Ein Schwarm
von zappelnden, silbrigen, schnappenden und springenden Lei-
bern ergoß sich in das sowieso schon durch Leckwasser und mit
schweren Pferden bedenklich überladene Bootsinnere, doch
der glitzernde Fang verbarg das Geheimnis des Schiffes vor den
such beglückten Bevölkerung vorgestellt … herrschten in Civi-
tavecchia Niedergeschlagenheit und Trauer ob des verlorenen
Jerusalems und wohl auch manch geheimer Zorn; denn wenn
dieser leidige Streit zwischen Friedrich und der Kurie nicht wäre,
hätte der Kaiser längst im Heiligen Land eingreifen können, und
eine solch furchtbare Schmach wäre der Christenheit erspart
geblieben. Es waren die einfachen Leute, die so empfanden und
darunter litten. Für die Honoratioren der Stadt wie auch für die
nen; doch der dachte nur an die dreinschlagende Brauchbarkeit
eines eisenbewehrten Knüppels.
»Unsere zahlreiche Mannschaft vergnügt sich im Hafen«, warf
der Kardinal ihm schneidend vor, »anstatt einen waffenstarren-
den Kordon um die Stadt zu bilden!«
»Der Schutz der Mauern ist …« versuchte Vitus gegenzuhalten,
doch der Kardinal entzog ihm sogleich das Wort:
»… ist kein sonderlich Hindernis für den Kaiser, wenn ihm die
Flucht von Innozenz hinterbracht wird!«
»Und warum sollte er ihn hindern wollen? Jubeln wird der
Antichrist!«
»Vitus!« Der Kardinal schaute erstaunt auf, immer wieder ver-
blüfft von der tiefsitzenden Ignoranz des Viterbesen. »Der Kaiser
will den Papst nicht vertreiben, sondern ihn sich erhalten, mit
Sitz in Rom von Friedrichs Gnade
n, Erster Priester des Heiligen
Römischen Reiches … nicht mehr
und nicht weniger! Willfährig
dem Staufer zu Diensten!« höhnte der Capoccio.
»Umbringen lassen tät er ihn!« brauste Vitus erregt auf. »In-
nozenz … verzeiht, der Heilige Vater … wär seines Lebens nicht
»Ich sehe, du verstehst beide nicht: Dem Staufer nützt ein toter
Papst nicht, der nächste wäre womöglich noch renitenter! Der
Kaiser will eine Stockpuppe mit Tiara auf dem Stuhl Petri, aber
keinen Unruhe stiftenden Märtyrer im Exil!«
»Und was will der Papst?«
Der Capoccio antwortete nicht. Anselm von Lungjumeau war
im Treppenaufgang erschienen.
»Fra Ascelin!« rief der Kardinal leutselig und wohl auch be-
freit; er schätzte den Ehrgeiz, die Brillanz des jungen Dominika-
ners. »Kommt nur her und erteilt dem Herrn von Viterbo eine
Lehre von viertelstündiger Dauer über den Interessenkonflikt
zwischen Ecclesia und Imperium, nur zu!«
Er trat zurück an die Brüstung und nahm zwischen den Zin-
nen Platz, während der Dominikaner sich übertrieben höflich
vor Vitus verbeugte.
»Das Papsttum«, hub er an, »muß sich von der stauferischen
Klammer befreien, die vom deutschen Norden her herandrängt
»So werden ihm Katzen in die Wurzeln pissen!« Die Stimme
des jungen Dominikaners war plötzlich schrill. »Läuse seine Trie-
be verätzen! Raupen und anderes Ungeziefer werden seine Blätter
fressen, die Vögel des Himmels werden seine Früchte zerhacken
»Nenn mich gefälligst nicht Vater, auch nicht, wenn wir allein
sind! Die Macht der Gewohnheit impliziert den Fehltritt!«
Doch der Rüffel regte den Widerstand des Blutes. »Eminenz«,
sche im Netz zu fangen, und sie bedarf dazu keiner kaiserlichen
Order!«
»Was einer nicht in den Beinen hat, muß er im Kopf haben. Du
hast recht, mein Sohn.« Capoccio schaute hinab auf den Hafen.
»Welch ein Fischzug! Nicht nur Genuas einziger Admiral mit
schnappenden Kiemen« … eine Vorstellung, die dem Kardinal
Freude zu bereiten schien, welche er jedoch für sich behalten
konnte …, »nein, auch der vicarius Petri, einzigartiges Exemplar,
einmalig in seiner schillernden Erscheinung, zappelt in den
… nein, nicht heute, nicht so!« Weder denken noch aussprechen!
Als hätte Vitus die verräterischen Gedanken erahnt … in der
Kurie lauerte jeder Fisch darauf
, den vor ihm zu fressen …, kam
ihm in den Sinn, wie gut ihn selbst der Purpur kleiden würde.
Doch sein Einzug in dieses Aquarium der
papabiles
hing erst mal
davon ab, daß sein ehrgeiziger Vater noch lange Hecht im Karp-
fenteich blieb … und nicht im höchsten Ornat die gierigen Bisse
Nachdrängender abzuwehren hatte.
»Zur Ablenkung eventueller Angriffe vom Wasser aus schlage
ich vor, Eminenz« … das Rangve
rhältnis war wiederhergestellt
…, »alle Fischerboote ausfahren zu lassen mit dem Befehl, die
genuesischen Galeeren bis auf die hohe See zu geleiten. Einmal
dort, wird es des Nachts auch den Pisanern kaum möglich sein,
den davoneilenden Schwarm noch rechtzeitig zu orten; ihn zu
stellen, bedarf es aber ihrer geballten Flotte!«
»Ich hoffe, du erwartest kein Lob, mein Sohn … außer, daß ich
dich stolz so nenne … mach dich endlich an die Arbeit, Vitus!«
Der Kardinal reichte ihm die Hand zum Ringkuß, und Vitus von
Viterbo verschwand in der Dunkelheit.
Barken ins Wasser zu schieben und sich zum Auslaufen bereitzu-
reinlassen, bis die Sonne hell am Himmel steht!« … und war dann
auf einem der Türme eingenickt.
Die drei Ritter bahnten sich hoch zu Roß ihren Weg durch
Inzwischen einigermaßen munter geworden, trug der Lieute-
nant in sein Wachbuch ein: »Es verließen die Stadt am Morgen
des Freitags, welcher dem Johannes Baptista geweiht, A.D. 1244
ein Meister des Tempels mit zwei Rittern des gleichen Ordens.
Sie führten zwei Kinder mit sich, beiderlei Geschlechts.«
Kurz darauf verließen sie die nach Rom führende Via Aurelia
und wandten sich landeinwärts.
Der Bombarone
Cortona, Sommer 1244 (Chronik)
Dort wo unterhalb Cortonas die Straßen von Siena und Perugia,
vorzugte Behandlung vor anderen, die dasselbe wollten … oder
das genaue Gegenteil!
Der Ort selbst unterlag gewissermaßen einer ständigen
treuga
Dei,
einem absoluten Fehdeverbot. Nicht daß Biro und seine
Knechte besonders fromm gewesen wären … die ärmliche ver-
fallene Kapelle, die verloren zwischen den verwahrlosten Bauten
stand, zeugte jedenfalls nicht davon; ihre Glocke wurde nur ge-
Benediktiner …, von meinem Pferde stieg, das hatte mein immer
noch gut gefüllter Pisaner Beutel mir erlaubt. Ich zückte ihn auch
gleich, damit Biro wußte, daß ich einiges von ihm wissen wollte.
»… hat sie noch gar nicht zu Gesicht bekommen, denn stärker
»Sechshundertundsiebzehn Ritter«, sprang ihm sein Begleiter
zur Seite, bei dem sich die Trunkenheit in penibler Genauigkeit
bemerkbar machte, »dazu die Ritterorden, die ja dem Papst di-
rekt unterstehen …«
»Wir müssen zum Heiligen Vater!« fiel dem Alten ein. »Noch
»Und was passiert dann?« provozierten sie den Fortgang der
unglaublichen Schilderung. »Dann fassen sich alle an den Hän-
»Ja, so wars!« beteuerte der weißhaarige Patriarch, dem je-
mand den Becher umgestoßen hatte. »Alle marschieren gemein-
sam« , und der Bischof nahm die Becher auf dem Tisch und
stellte die Schlachtordnung auf; »vereint ziehen sie gegen den
Erzfeind Ägypten ƒ«
Den Zuhörern verschlug es die Sprache.
»Gegen den Sultan von Kairo! Dessen Heer« … er sammelte
weitere Trinkgefäße ein, um es darzustellen, man ließ sie ihm
…, »immer noch zahlenmäßig unterlegen, wenn auch durch die
Khoresmier verstärkt« … er zog eine Kanne von Jerusalem ab,
das von einem abgegessenen Teller voller Hühnerknochen dar-
gestellt wurde …, »befehligt ein blutjunger Emir namens Rukn
ed-Din Baibars, genannt ‰der Bogenschützeˆ. Bei Gaza, in den
Dünen trat man sich gegenüber ƒ«
»Weiter, weiter!« drängten die ungläubig verwirrten, staunen-
den Zuhörer, doch da traten Soldaten des Elia in die Taverne,
bahnten sich ihren Weg durch die Menge und forderten die
beiden hohen geistlichen Würdenträger unmißverständlich auf,
ihnen auf der Stelle zu folgen.
denn der Bombarone empfängt nicht jeden! Ich halte sie noch
Elias Auge wanderte zu mir, ich konnte nur hilflos mit den
Schultern zucken. »Ich mache Euch nicht für ihren Zustand ver-
»Es sind Königskinder«, legte ich bedeutsam fest, damit auch
meine eigenen Zweifel mit einem Satz auslöschend. »Sie sind zu
Großem ausersehen«, fügte ich begeistert hinzu, »Gemahnt Euch
nicht alles an die Nacht von Bethlehem? Die Konstellation der
Gestirne, die Verfolgung durch die Schergen des Herodes, Sankt
nachdenklich. Ganz klar war ihm der Grund … auch vor dem
Hintergrund meiner Geschichte und der Sache mit den Kindern
… wohl doch nicht. »Es liegt mir fern, dich in Ketten zu legen,
William«, sagte er dann. »Doch sei mein unsichtbarer Gast; ich
will nicht, daß man dich noch sieht. Du bist vom Antlitz der Erde
verschwunden. In wenigen Tagen reisen wir.«
VERWISCHTE
SPUREN
Wider den Antichrist
Aigues Mortes, Sommer 1244
Das Mauerquadrat von Aigues Mortes war in die ‰tote Laugeˆ,
die Sümpfe der Camargue gesetzt worden, weil König Ludwig in
seinem frömmlerischen Starrsinn nicht auf das sowohl arg sün-
dige als auch unbestreitbar imperiale Marseille zurückgreifen
wollte, andererseits aber eines Kreuzzugshafens bedurfte. Da er
ein gewaltiges Heer zu sammeln dachte, war er vorausschauend
genug, seinen eigenen Glaubenseifer hintanstellend, auch ge-
waltige Verspätungen seiner zum Heiligen Krieg aufgerufenen
Vasallen einzurechnen. Also baute er gleich eine ganze Stadt mit
festen Steinhäusern. In einem solchen Häuschen, sie sahen aus
eins wies andere, tagte ein Consortium gleichgesinnter Domi-
nikaner … halb Inquisitionstribunal, halb Vorauskommando des
päpstlichen Konzils. Daß vor den Fenstern der Galgen stand und
und auf deren Grund und Boden hatte man sich schließlich
versammelt. Seine Gastrolle hinderte ihn auch nicht, als erster
den Mund aufzumachen, und es war auch gleich kaum verhüllte
Häme, die er den älteren Longjumeau spüren ließ.
anhören!« sagte Yves schroff. »Ich komme wieder, wenn Wesent-
liches ansteht«, und er ging hinaus.
Andreas gab indigniert ein Zeichen, mit dem Vortrag zu be-
ginnen. Matthäus und Ascelin er
hoben sich, legten die eng be-
schriebenen Seiten vor sich auf ein Lektionar.
»Wir müssen schweres Katapult auffahren«, sagte Matthäus
einleitend, »denn die Könige von England und Frankreich wer-
den Beobachter entsenden, die unserer Sache keineswegs geneigt
sind, wie Ihr gesehen habt, … und der Kaiser wird sich durch seine
besten Juristen vertreten lassen, seine Großhofrichter. Die Stim-
mung wird gegen uns sein, die Verurteilung des Staufers durchaus
keine ausgemachte Sache, unsere Prälaten könnten schwanken;
»Also kann ich diese Gitanos laufen lassen?« knurrte Vitus,
machte aber keine Anstalten, seinen Gefangenen die Stricke zu
lösen.
»Nein«, sagte Yves trocken, »Teilnahme an einer Konspiration
zum Zwecke, den König zu ermorden: Hochverrat! Sie werden
aufgehängt!«
Die beiden Gitanos verstanden wohl kein Französisch; sie
von Schluchzern und Tränen unterbrochenen Gebet verharren,
bis alle dem Heiligen Vater wohlgesinnten Prälaten es ihm gleich-
Stammlande spontan seinem alten Admiral Enrico geschenkt,
als er von dessen später Heirat mit Laurence de Belgrave erfuhr.
Hier war also die ‰Äbtissinˆ, wie man jene bemerkenswerte
Frau allenthalben nannte, nach stürmischen Jahren vor Anker
gegangen, hatte das Lehen behalten, auch als der Graf auf Malta
sie auf der gegenüberliegenden St
adtseite auf ihre Kosten unter-
hielt. Unabhängig von allen feudalen Wirren, von Parteipolitik,
Beide schwiegen, Sigbert enttäuscht, weil er einen Augenblick
gehofft hatte, eine Spur des Verschollenen aufzutun.
»Ich habe Euch von Eurer eigenen Geschichte fortgeführt.«
Laurence fühlte keine Schuld, aber das Schweigen war ihr in die-
empfand Scham bei dem Gedanken, so unter den Augen aller zu
kopulieren, wie es gar viele machten. Ich schob die erste Nacht,
die erste für uns beide, denn auch sie war noch jungfräulich,
immer wieder hinaus, auf eine ‰würdigereˆ Gelegenheit. Dann
traten neue Strömungen in unserem Zug zutage … kleine eifern-
de Novizen und blasse, verkni
ffene Nonnen übernahmen das
Kommando. Es wurde auf strenge Trennung der Geschlechter
auf dessen Rand Clarion gesessen hatte, zu ihren Füßen einen
Jüngling, dessen fremdländischer Gesichtsschnitt dem Ritter
gleich aufgefallen war. Jetzt umkreisten beide die Fontäne; es war
nicht auszumachen, ob im verliebten Spiel oder im Groll. Clarion
Yolanda bald ab … ihren Sohn empfing sie erst zwei Jahre später
… und wandte sich den Mädchen zu, die vor der Tür als Zofen
wachten. Ana
s stach alle anderen aus, sie zierte sich nicht, der
Kaiser nahm sie im Stehen
a tergo,
vor den Augen der anderen,
während hinter der Tür die gedemütigte Braut in ihre Kissen
schluchzte. Ana
s wurde schwanger; eine Aufnahme in den Ha-
rem des Kaisers zu Palermo … die von ihrem Vater durchaus ein-
nicht heißen muß, daß sie auch bereit sind, sich jedem hinzu-
geben …«
»Clarion benimmt sich wie eine brandige Katze!« zürnte die
Gräfin, und ein Blick hinab zum Brunnen war nicht dazu ange-
tan, sie vom Gegenteil zu überzeugen. »Selbst Blutschande wür-
de sie lustvoll in Kauf nehmen, ob nun Bruder oder Oheim … ein
geiles Luder!«
Sigbert war dieser Ausbruch unangenehm, aber er war viel zu
sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, als daß er irgend
Sprosse für Sprosse die Leiter erklimmend, überkam ihn die
Bewunderung über die Kühnheit der schlanken Linienführung,
mit der die Pfeiler in der Chorwand gut hundert Fuß frei in die
Höhe ragten, ehe sie in spitzen Bögen abgefangen wurden. ‰So
was sollten wir uns zu Albi auch ruhig trauenˆ, schoß es ihm in
den Sinn, ‰und leisten!ˆ Er wechselte vom leicht schwankenden
Baugerüst auf den Laufgang unterhalb des Triforiums und fand
den gesuchten Zugang zu einer der engen Wendeltreppen, die
versteckt in die Arkaden eingelassen waren. Gut und gern ein
Schock steiler Stufen zählte er, sich im Dunkeln drehend, daß
ihm fast schwindelig ward, bevor er am obersten Lichtgaden wie-
der ins Freie taumelte. Der Anblick raubte ihm den verbliebenen
Atem: Sicher fünfzig Fuß schossen die Rippen der hohen Fenster
wie Speere in den Himmel, einen Himmel, den sie mit ihrem fi-
ligranen Maßwerk schon vorweg
nahmen. Monsignore Durand
sah hinab auf den blinkend sich windenden Lauf des Tarn und
hinter dem dunklen Grün der Wälder des Montech ragte die
der Geschicklichkeit eines Steinbocks im Fels. »Ihr wollt, steht zu
Durand schaute lange auf das unter ihm liegende Land, die Stadt
am Fluß, die Burgen und Klöster auf den Hügeln, die Marktflek-
ken und Höfe in den Tälern, zwischen Feldern und Wäldern. Ein
Bild des Friedens, wohlanständig und gottesfürchtig … doch trü-
wo aus dem Dunst die schneebedeckten Wipfel der Pyrenäen
ragten. »Blanchefleur, so wurde das Mädchen gerufen, war in
jenem Jahr sechzehn geworden, ein hübsches, empfindsames
Kind. Die Mutter, wir können sie wohl ‰die Herzoginˆ nennen …«
er versuchte das Zeichen eines Einverständnisses zu erhaschen,
aber Beccalaria schaute stumm den dahinziehenden Wolken
von dem richtigen Anbringen, von Krümmung, Neigung, Stärke
und Auflager des Strebwerks abhängt. In diesem Punkt kamen
fangene mit Zuvorkommenheit, soweit ihm seine konspirativen
Machenschaften Zeit und Gedanken dazu ließen. Er warb nicht
cassonne hatte er sich dem König von Frankreich zur Verfügung
gestellt, war also zur anderen Seite übergelaufen … Blanchefleur
schenkte kurz darauf, ich hab sie nicht mehr gesehen, auf dem
Montségur einem Knaben das Leben. Sie gab ihm den Namen
‰Roger-Ramon-Bertrandˆ!«
»Das brachte mich auf Eure Spur«, sagte der Bischof mit be-
legter Stimme. »Sie tauchte noch einmal kurz ohne das Kind
in Prouille auf, verließ es dann aber, um in einem unbekannten
Kloster vor der Welt, vor allem aber vor den Nachforschungen
ihrer Mutter für den Rest ihres Lebens sicher zu sein; mehr ver-
traute sie mir nicht an.«
»Und wie das Schicksal so spielt«, sagte der Baumeister, »hat
sie vielleicht mit der Wahl des Vaters für diesen Sohn die hoch-
zielenden Erwartungen ihrer Mutter … falls diese in die Richtung
gingen, die ich vermute … weitaus besser getroffen, als die hohe
Herrin es planen oder wünschen konnte. Die Blutsbande mit
dem aussterbenden Haus der Trencavel kommen der direkten
heiligen Linie, der des Gral, verdammt nahe!«
Das klang verbittert, und der Bischof konnte es nicht lassen,
»Wer der Vater war, kann ich Euch sagen: der Kaiser! Doch
von Euch will ich hinter das Geheimnis der Herzogin geführt
werden.«
einer, dann zwei, drei, schließlich alle … ihr Stürzen übertön-
te das kratzende Geräusch des Risses in dem dazugehörigen
Strebepfeiler, er wankte unentschlossen, sein des Widerstandes
beraubtes Gewicht neigte sich, un
d er brach zusammen, worauf
auch das gegenüberliegende, gestützte Wandstück nicht mehr an
sich hielt, es kippte in einer ruhigen Bewegung nach außen, zer-
schlug im Fall die Streben der anderen Pfeiler, riß sie mit sich, bis
wie ein Buschfeuer, das sich von drehenden Winden nach beiden
freien Zutritt zum Weinkeller, und des Nachts gestattete sie mir
für ein paar Stunden, im Küchenhof Luft zu schnappen. Was sie
Gersende brachte mir also das Gewünschte, dazu auch Talg-
lichter, und ich zog mich in meinen Verschlag zurück, holte
Und schließlich erschien Mohammed, der den irrenden Völ-
kern den einfachen Weg wies, ohne Schuld und Vergebung, den
geraden Weg ins Paradies durch ein frommes und gerechtes
Leben auf Erden.
W Gott Israel straft seit dem Auszug aus Ägypten, so zürnt
Er den Muslimen seit der Hedschra, dem Auszug aus Mekka.
Seitdem ist das Erbe Mohammeds zerrissen zwischen denen,
die blind nur die Sunna, die Botschaft, hören, und denen, die
taub nur auf die Schia, die Blutslinie starren. Gott allein weiß,
welcher Weg der richtige ist. Die Muslime wissen es nicht.
Stumm vor Zorn aber ist der Herr, wenn er das Ungeheuer
Arme ausstrecken, alle Menschen
an seine Brust ziehen und die
Straßenräubern gleichgestellt. Wer sich vor der Kreuzigungs-
justiz der Römer retten konnte, wurde totgeschwiegen.
Ein ähnliches Schicksal erlitten die Gemeinden der übrigen
Apostel. Kaum war das Tier aus den Katakomben gekrochen,
hinauf auf den Thron der römischen Staatskirche, begann eine
grimme Verfolgung derer, die vom rechten Glauben abwichen.
Erst wurden sie als Sektierer verunglimpft, dann als Häretiker an
den Pranger gestellt. Wer sich dem Anspruch der
Ecclesia cato-
lica …
Das Tier saß in Westrom. Im Niedergang des Reiches ging die
imperiale Macht erst an germanische Soldatenkaiser, dann an
das ‰Sacrum Imperium Romanumˆ in der Hand der Deutschen.
Doch die von ihren Anfängen an auf irdischen Erfolg abgerich-
tete Kirche war keineswegs gewillt, auf den Primat der Macht zu
verzichten. Die ‰Päpsteˆ, so nannten sich die obersten Priester des
Ungeheuers, schmückten sich mit der Tiara, der dreifachen Kro-
ne, auf dem Haupt und zeigten ihren angehäuften Reichtum ohne
Scham: Sie sahen sich als die wahren Nachfolger der Caesaren.
Diese
vicarii Christi,
Der reiche Südwesten, Toulouse und das Languedoc, war weder
ihm noch Rom botmäßig. Hier hatten sich Gnosis und Mani wie
Tau auf fruchtbarer Erde niedergeschlagen, war das ‰sang réalˆ,
das königliche Blut, zum ‰San Gralˆ, dem Heiligen Gral geworden.
Der Legende nach waren hier die Kinder Jesu an Land gegan-
gen, waren von den Juden im Exil aufgenommen worden. Ihr
Blut, das der Belissen, hatte sich erst mit den keltischen, dann
mit den gotischen Königen vermischt. Das Haus Okzitanien, die
Merowinger, die Trencavel, ja, die gesamte Nobilität des Landes
D konnte das Tier nicht ertragen. Ohne Not beschwor Rom
das offizielle Schisma herauf. Byzanz weigerte sich nun endgül-
tig, die Oberhoheit des Papstes anzuerkennen.
Etwa ein Jahrzehnt später kommt es zu einem folgenschwe-
ren Gefecht im Norden Europas. Die Normannen setzen über
den Kanal und erobern das Königreich England, wodurch auf
französischem Boden die Kräfte aus dem Gleichgewicht geraten
und fortan mit sich selbst befaßt sind, ohne Rücksicht auf Kai-
ser und Papst.
Ein weiteres Jahrzehnt danach demütigt Papst Gregor VII.
den deutschen König Heinrich IV, indem er ihn vor der Burg
von Canossa mehrere Tage warten läßt, bevor er ihn vom Kir-
chenbann befreit. Heinrich rächt sich, er treibt Gregor in die
Engelsburg, läßt sich durch einen Gegenpapst zum Kaiser krö-
nen. Gregor ruft die Normannen Süditaliens zu Hilfe, aber die
wüten in Rom derart, daß es zum Aufstand der Römer kommt.
Gregor muß mit den Normannen aus der Stadt flüchten, stirbt
im Exil in Salerno.
I dieser Not ruft sein Nachfolger Urban II. auf dem Konzil
von Clermont zum Kreuzzug auf.
»Deus lo volt!«
Ob Gott den Kreuzzug gewollt hat, steht dahin; gewiß gehörte
er zu den Geißeln, mit denen Er die Menschheit zu züchtigen
gedachte, und was Er will, läßt Er auch geschehen.
Das Tier hatte diese Lawine aus Blut und Tränen, Haß, Gier
losophie, Geister des freien Gedankens. Geister, die das Abend-
land nicht mehr losließen, so sehr das Tier auch schnaubte und
Feuer spuckte. Es spürte, daß dieser Wind des Orients seinen
Giftodem eines Tages vertreiben würde und daß es in der kla-
ren Luft der Vernunft nicht mehr zu gedeihen vermöchte.
Der erste Kreuzzug nahm seinen glorreichen Abschluß mit
standen. Es ging nur noch um Handel und Häfen. Es herrschte
zwar kein Frieden, aber eine kaum unterbrochene Folge von
Waffenstillständen: Mal zahlen die Emirate von Homs und
Hama Tribut an den christlichen Herrn von Beirut, mal erheben
die Assassinen Steuern von Sidon und Tripolis; die Engländer
leihen sich das Heer von Mossul und führen es gegen die Fran-
zosen von Jaffa oder Tyros. Und der Hof des Königreichs von
Jerusalem« residiert in Akkon.
H\n Jahre sind seit dem Beginn der Kreuzzüge vergan-
gen. Unter der glühenden Sonne des Morgenlandes hat jeder
sein schattiges Plätzchen gefunden, ob Christ oder Moslem;
man hat sich zusammengefunden. Da kreißt das Tier und ge-
biert ein Ungeheuer, einen Purpurträger, wie ihn die Welt noch
nicht gesehen: Innozenz III.
S Instinkte hatten das Tier nicht im Stich gelassen. Es
tödliche Stiche, unter denen das gesamte Abendland erschau-
ert.
M teuflischer List wird der nächste Kreuzzug mit Hilfe
Venedigs, das seine Händlermacht beachtlich ausweiten kann,
frühen Tod seiner Eltern schon als Knabe auf den Thron ge-
langt. Der junge Staufer war zwar so weit vergiftet, daß auch er
bis auf den heutigen Tag in den Katharern nichts als auszurot-
landes, ist der Zeitpunkt gekommen, verantwortungsvoll dieser
beschämenden Entwicklung gegenzusteuern.
Ich bin ein Sohn des Languedoc, wo für mich der Kelch des
Abendlandes stand … dort und nicht in Rom, und das schon
lange vor der Ankunft des Tieres! Wenn mich sein giftiger
Odem auch in das Exil des Orients getrieben hat, denke ich im-
mer noch als Okzitanier:
Ich kann im Wahlkönigtum den Finger Gottes nicht erblik-
ken. Der gesalbte Herrscher wird gegeben, eingegeben!
Aber die Dynastie, derer das mediterrane Reich bedarf, gibt es
nicht. Noch nicht!
H, ich bitte dich um Erleuc
htung, welche Elemente des
Abendlandes dem Schmelztiegel beizugeben sind, welchen
Adern der Lebenssaft entströmen soll, welche Tropfen Bluts
der göttlichen Mischung unerläßlich sind. Herr, laß mich des
lapis excillis
teilhaftig werden, um das Große Werk zu voll-
bringen!
Sicher ist die Basis in der Nachkommenschaft des Hauses Da-
vid, im aussterbenden Geschlecht der Trencavel. Ihr Anspruch
ist unzweifelbar und erfüllt mein Herz mit Stolz; ihr Blut kreist
beiderseits der Pyrenäen und vertritt ganz Okzitanien.
Und dann der Adel Frankreichs! War es nicht der große Bern-
hard aus dem Hause Chatillon-Montbard, der initiierte, daß der
I vermag heute nur für das Abendland zu sprechen. Sein
die Muslime nicht mehr bereit,
einer solchen Wendung Glauben
zu schenken. Also müssen wir Abschied nehmen von Jerusalem.
M&ß  also die Religionen neu bedacht werden? Auszu-
schließen von jeder zu formenden Gemeinschaft ist als erstes
das Tier. Aber auch der Islam weist inzwischen Züge von Intole-
eine Insel im Meer.
Lapis ex coelis.
Eine Insel? Zypern wäre dem
Abendland zu entrückt, Rhodos ist zu griechisch, desgleichen
Kabbala hin, Kabbala her: 6 und 2 waren , und auf die Zwei
kam es an … das Friedenskönigspaar. Und 622 und ## ergaben
eben 1244!
Meine Kopie sah so aus, wie das Original einstmals ausgesehen
haben mochte, wenn nicht besser. Ich rollte beides behutsam zu-
sammen und versteckte es unter meinem Lager. Und wie zur Be-
lohnung für mein löbliches Tun … es waren inzwischen gut drei
Monde vergangen, seit ich in Cortona eingetroffen war … brach-
ten mir Soldaten des Elia ein Paar weite lederne Reithosen, die
mir indes trotzdem viel zu eng waren.
Zwar hatte ich gehofft, meine franziskanische Identität wie-
derzuerlangen … ich lief und schlief und soff immer noch in der
Benediktinerkutte herum, derer ich herzlich leid war …, doch
dernd dem alten Maurer, der wohl das Vertrauen des Hauses
genoß. »Es soll ein Splitter von dem Splitter sein, den die heilige
Helena ihrem Sohn Konstantin schenkte. Der Bombarone hat
die Reliquie vom Kaiser Johannes Dukas bekommen, dafür daß
er dem Vatatses eine Tochter des Kaisers Friedrich besorgte.« Sie
lachte schelmisch, in ganz anderem Ton, als ich von ihr gewohnt
verbotenen Tiefkeller. Ich erreichte den alten Maurer gerade
noch, bevor er den Schlußstein eingefügt hatte.
Ich drückte ihm die Münze in die Hand und bat ihn, mein
‰Testamentˆ … wie ich es flugs nannte … mit einzumauern. Er
tat es gerne, wenn er sich auch über den zusammengebackenen
»Mein Darm wird ein schweigendes Grab sein, grad der rechte
Ort für alles, was diesen Bastard betrifft!«
sche Emir verliebte sich gar zu sehr in Esclarmonde und machte
ihr den Hof in aller minniglichen Sitte, wie es sich geziemt. Doch
Esclarmonde verhielt sich, bei
allem Liebreiz, ablehnend und
ging auf das Werben des schönen, kriegerischen Emirs nicht
ein, gleich ob er für sie ins Turnier ritt oder mit wohlklingender
Stimme für sie sang.
Der Kaiser machte ihr, in Gegenwart ihres Vaters, spöttische
Vorhaltungen, ob sie die Blüte ihrer Jahre als Nonne zu versäu-
men gedenke. Esclarmonde antwortete ihm selbst, daß sie sich
höherer Minne geweiht habe, worin für eines Mannes Gunst
weder Raum sei noch Zeit. Sie sei Dienerin des Gral, und er täte
gut daran, dem Montségur ritterlichen Beistand zu senden. Der
Kaiser war ärgerlich über ihr Begehr. Weder wolle er der Kirche,
wie sie ihn auch anfeinde, diesen Tort antun, noch dem König
Ludwig, der ihm bisher nicht in den Rücken gefallen, so sehr ihn
gefallen sein. Noch am nächsten Morgen, in aller Herrgottsfrü-
he, läßt er sie und ihren Vater und alles Gefolge an Bord eines
seiner Schiffe bringen, nach Barcelona, von wo die Aragonesen
sie zurück auf den Montségur eskortierten. Esclarmonde hatte
weder geschrien noch geklagt; sie verlor über die Vergewalti-
gung kein Wort. Sie konnte sich auch nicht von ihrem Verehrer,
dem jungen Emir, verabschieden, der sich Vorwürfe ob ihrer
überstürzten Abreise machte und in tiefen Kummer verfiel.
Friedrich besänftigte sein schlechtes Gewissen damit, daß er
ihn an Ostern zum Ritter schlug und ihm auch den Titel eines
Prinzen von Selinunt verlieh. Er selbst begab sich … sein alter
Widersacher Gregor war im August verstorben … nach Pisa, wo
»Wenn also aus dieser erzwungenen Begegnung dem Staufer
ein weiterer Bastard entsprungen wär, dann müßte er zwischen
Christfest und Dreikönig auf dem Montségur das Licht der Ket-
zerwelt erblickt haben.«
»Wenn ƒ«, sagte die Frau und erhob sich. »Meine Herrin sah
keine Veranlassung, den Mantel des Schweigens von diesem Vor-
fall zu lüften, noch fürderhin ihn zu verfolgen.«
därm schlug. Er schloß die Tür zum Altarraum und hockte sich
in eine Ecke.
Er hatte noch nicht ausgeschissen … es war inzwischen dunkel
geworden …, da erschien vor dem Gitterwerk des Fensters eine
Wasserspiele
Otranto, Sommer 1244
»So habt Ihr am eigenen Leibe gespürt«, sprach die Gräfin von
Otranto, »wie der Nornen Wirken wenig Freud und manche
Pein verursacht, wie auch das Wissen um Zuviel zur Last werden
kann.
=�@[\
]^_\
»Ihr tragt es mit Anmut und Würde, Gräfin«, tröstete sie in
seiner bärbeißigen Art der Deutschritter, »und Ihr habt mich
neugierig auf mehr gemacht … noch ist das Schiff nicht zu sehen,
und Kopf als Trittleiter. Dann zog sie sich an der überhängenden
Bougainvillea hoch, bis sie flach in der Rinne hinter den Vasen
lag. Sie verzog keine Miene, als
er ihren ausgestreckten Arm fast
ausrenkte, um sich neben sie zu pressen, vor den Blicken der
Erwachsenen, deren Stimmen sie über sich hörten, durch die
Brüstung und die davor verankerten Vasen geschützt.
Sich sonnende Eidechsen kehrten bald zutraulich zurück, denn
die Kinder rührten sich nicht … schon gar nicht, als sie vernah-
men, daß sie gesucht wurden. Selbst von unten waren sie kaum
zu entdecken; wer hätte die farbigen Stoffetzen von den üppig
wuchernden Strelizia unterschieden können, und ihre braunen
Arme und Beine hoben sich gegen die Ziegelmauer kaum ab,
zumal die überhängenden Oleandersträucher, die vom Wind
bewegten Jasminbüsche und Stauden des Hibiskus unruhig sich
bewegende Schatten warfen.
Dann wurde es ihnen zu langweilig, und die Ameisen began-
nen über sie zu krabbeln.
Clarion, die die graugrünen Augen der Gräfin auf sich ruhen
oder mehr wie eine Ohrfeige brennen fühlte, hatte sich sofort
In der Tat war auf dem Söller Laurence wie eine feinfühlige
Eidechse an den Rand der Brüstung geschnellt, als sie die beiden
Ritter sich ihrer Ziehtochter nähern sah. Clarion schlug die Au-
gen nieder und lächelte Crean nur verstohlen ihren Dank.
»Ihr seid eine Dichterin von hohem Rang, ich wünschte mir,
ich hätte die Gabe, meine geheimsten Regungen in so traurige
Worte zu fassen, wie Tautropfen schmiegen sie sich an die einsa-
me Kirsche …«
»Wie Tränen um ihren einsamen Mund! Crean, Ihr seid auch
der spürt, statt zuzugreifen, oder wie Ihr, eitler Konstanz, der lose
ihn ein, daß sie nun endlich den Heiligen Vater sehen müßten,
und er sei sicher auch au
sgeschickt, sie zu holen.
Lorenz wandte sich hilfesuchend an Gersende, die ihm zuflü-
sterte, alles zu unternehmen, daß die beiden Schluckspechte nie
zum Konzil des Papstes gelangten!
Gersende stellte den beiden Kirchenmännern ihr ‰Frühstückˆ
hin … Brot, Speck, harte Eier und einen gewaltigen Krug jungen
Weines … und zog Lorenz mit sich in die Küche.
»Eigentlich sollt ich ja den Bombarone warnen!« vertraute
er der Haushälterin an. »Die Engelsburg verdächtigt ihn, einem
gewissen William als Anlauf zu dienen, der Graue Kardinal hat
ein scharfes Auge auf unseren Herrn Elia wegen des Verbleibs
gewisser Kinder ƒ«
»Ich weiß von keinen Kindern«, versicherte ihm Gersende,
»doch dieser William war schon hier, allein, und der Herr hat ihn
eiligst mit sich geführt, zur Gräfin von Otranto!«
»Otranto?« Lorenz verzagte. »Aber das liegt doch …«
»Im tiefsten Apulien«, bestätigte Gersende seine Befürchtung.
»Am Ende der Welt!«
»Dann kann ichs auch nicht helfen.« Lorenz zog das Portrait
hervor, das er von Vitus in der Engelsburg gefertigt hatte. »Das
ist der Häscher des Kardinals«, er übergab es ihr, »merk dir die
Visage gut!«
»Welch hübsches Bild!« lobte ihn Gersende. »Wie begabt du
bist, Lorenz!«
»Der Bursche ist gefährlich«, murmelte der kleine Mönch, ge-
»Führ sie in den Wald, ersäuf sie in einem Fluß … alles, nur weg
von hier … und daß sie niemals den Papst erreichen!«
So geschah es, daß Lorenz von Orta gefolgt von dem Patriar-
chen von Antiochia und dem Bischof von Beirut die Burg des
Elia verließ. Er wußte nicht, wohin mit ihnen. Sie aber wußten
genau, wohin sie wollten:
»Zum ‰Güldenen Kalbˆ!«
Ort zwei hohe Würdenträger der
Terra Sancta
in schlichter, wenn
nicht schlechter Gesellschaft eines Franziskaners anzutreffen,
Aber da war er beim Patriarchen an die falsche Adresse ge-
kommen. »Der Heilige Stuhl kann und darf die Orthodoxen
nicht auf die gleiche Stufe stellen wie seine treuen Diener!«
»Wir wollen zum Papst!« insistierte Galeran, auf den schon gar
keiner hörte.
»Soll ich also nach Antiochia?« fragte Lorenz belustigt.
»Nein«, fauchte Vitus entnervt, »nach Lyon!«
»Elia wollte uns zum Papst bringen«, jammerte Galeran, und
Lorenz schlug den Weg gen Assisi ein, dort konnte er mit
Brüdern beten und dann bis zur Adriaküste weiterwandern,
gegnung mit der Sünde und beschämt die Augen niederschlug,
Zum ersten Mal drehte sie sich zu ihm um, und Lorenz sah das
Funkeln der Liebe in ihren dunklen Augen.
»Nehmen wirs mal an«, murmelte er und versuchte, Zeit zu
gewinnen. Eine absurde Idee nist
»Kommen wir ins Geschäft«, schlug Lorenz vor. »Ich sage dir
Weg und Ziel, und du überbringst dafür eine Nachricht …?«
»Gebt nur her!« Sie streckte ihre Hand aus, doch Lorenz ließ
sie zappeln.
»Danach halt ich mich ans Original!« lachte Ingolind aus
Metz, gab ihrem Fuhrknecht ein Zeichen und rollte mit ihrem
Hurenwägelchen davon. Die Glöckchen bimmelten, und die
bunten Bänder der Liebe flatterten.
Sie waren wieder in Cortona angekommen, und Lorenz
schaute ihr lange nach, seufzte tief und beschloß, bei Gersende
auf dem Schloß vorbeizuschauen, bevor er sich, mit Pferd und
Burschen versehen, nun doch auf die Reise nach Lyon zum Papst
aufmachen würde.
Jeder ist sich selbst am nächsten, dachte er. Und wenn Gott
den Elia warnen und die Kindlein beschützen wollte, würde er
die Hur mit der Botschaft sicher nach Otranto geleiten. Bruder
William mußte ein arger Bock sein, daß so eine ihm durch ganz
Italien nachreiste!
Die Gräfin von Otranto
Otranto, Herbst 1244
»Das Schiff! Das Schiff!«
Roç und Yeza hatten es zuerst gesehen. Sie stürmten die enge
Treppe hinauf vom Garten zur Ringmauer.
Clarion sprang auf und folgte ihnen, ohne auf die Begleitung
der beiden Ritter zu warten, die zu ihren Füßen in der Sonne
lagen. Konstanz hatte sie mit arabischen Liebesliedern besungen,
während Crean ihr in seiner stillen, dafür um so eindringliche-
ren Art den Hof gemacht hatte.
Welch grausames Spiel! Beiden war die Minne nur ein Zeit-
getroffen. Sie verstanden sich gut, auch ohne daß sie viele Worte
wechselten, ob sie sich unterhielten oder dem Meer zusahen und
den Düften nachhingen, die Farb
en wahrnahmen, die die Blätter
veränderten oder nur der herbstlichen Stille lauschten.
mehr laufen?« Tatsächlich waren inzwischen die Träger mit der
Sänfte der Gräfin an Bord gegangen, und die beiden alten Herren
bestiegen sie ohne Verzug, so den Blicken aller entzogen.
»Die haben gesehen, wie neugierig und naseweis du bist, des-
wegen verstecken sie sich«, frotzelte Konstanz die Kleine, doch
Yeza gibt sich nicht so schnell geschlagen. »Von da unten kann
man nicht mal einen Pfeil zwischen die Schießscharten schießen,
also sieht mich auch keiner … denn
ich bin ja nicht so blöd und
steig rauf, wo mich jeder treffen kann.«
‰Johnˆ, das war John Turnbull, emeritierter Sonderbotschafter
beim Kaiser, Ehrenkomtur des Deutschen Ordens zu Starken-
berg und im Alter … er war inzwischen fünfundsiebzig … Träger
und Inhaber ungezählter Auszeichnungen und meist höchst
»Crean!« Die Umarmung Johns, der ihn am Fuß der Treppe
Sie kamen nur bis zur Mittelwache, dort, wo die Stiegen eine
Falltür verbargen, mit der man Roß und Reiter in die Tiefe stür-
zen lassen konnte. Die Wachen wußten genau, daß sie die Kinder
nicht passieren lassen durften, und Yeza und Roç wußten das
sie zu verwenden. Es war einfach lustiger mit ihr, so anstrengend sie
auch sein konnte! Roç seufzte und machte sich auf seine Runde.
»ƒ Der Orden kann dir Heimat sein!« hörte er eine Stimme.
Es herrschte langes Schweigen, und Roç wollte schon weiter-
wandern, als er Hamos Antwort vernahm:
»Danke, Herr Sigbert, für Eure großmütige Geste, aber ich wäre
des Ordo Equitum Theutonicorum nicht wert noch würdig …«
»Das zu entscheiden obliegt den Oberen …« unterbrach der
Ritter solche Verzagtheit, aber er schätzte die Einsichten seines
jugendlichen Gegenüber damit völlig falsch ein.
»Ist nicht sein wahrer Name in voller Länge ‰Ritter und Brüder
des deutschen Hauses unserer lieben Frauen zu Jerusalemˆ?«
Sigbert nickte einverständig. »Meine Frau Mutter hat mich so
erzogen, daß in meinem Kopf nur eine ‰liebe Frauˆ existiert
berg vergraben und Konstanz sich zum Emir Fassr ed-Din zu-
rückverwandeln. Sie kehrten nach Syrien zurück.
Als erster trat, leise und bescheiden, Tarik, der Kanzler, ein.
Laurence klatschte in die Hand. Ein Becken temperierten Was-
sers, auf dem Rosenblüten schwammen, wurde dem Gast ge-
»Das kann man so nicht sagen«, schmunzelte Tarik. »Als
damals das ganze Elend über die Familie hereinbrach, und der
gute alte John sich völlig unfähig zeigte, irgendwelche Initiative
zugunsten seines Sohnes zu ergreifen, wandte er sich an mich.
Da habe ich die drei erst mal in Persien in Sicherheit gebracht,
wo wir herrschen und unser Hauptquartier ist. Crean wurde
ja von der Inquisition so grimmig verfolgt, daß in christlichen
Ländern, also auch in Syrien, seines Bleibens nicht war. Es
waren dann seine heranwachsenden Töchter, die bei uns zu
bleiben wünschten und freiwillig in den Harem unseres Groß-
meisters gingen …«
»Seltsame Geschöpfe«, erlaubte sich Laurence einzuwerfen.
»Wie kann eine freie Frau …«
»Wie frei sind Frauen wirklich?« unterbrach sie milde der
Kanzler. »Ihr seid eine Ausnahme. Doch sonst? Der Harem ge-
»Ohne das gewünschte Ergebnis: Hamo will sich seine Hände
wohl beschmutzen, aber nicht im Zeichen des schwarzen Kreu-
zes auf weißem Tuch!«
Laurence hob die Tafel auf. Sie trat mit Tarik und John an die
Fenster.
»Wenn ich Ritter werde«, sagte Roç, »dann kann mir keiner
Von Cortona aus waren wir durch das kaiserliche Perugia
gezogen, hatten unterhalb von Assisi demonstrativ in Portiun-
»Nein«, sagte ich schnell, »es ist ein genereller Vorschlag, eine
ganz allgemein gehaltene Fürbitt.«
Bartholomäus musterte mich. »Wie heißt Ihr denn?«
phantasierte mein Mitbruder Bart mit beachtlicher Überzeu-
gungskraft.
»Ich danke Euch«, sagte ich. Mir war ein Stein vom Herzen
gefallen.
»Laßt uns früh zu Bett gehen«, schlug die Spitzmaus vor, »wir
müssen früh aus den Federn!«
»Aus dem Heu!« scherzte ich, denn man hatte uns im Stall un-
tergebracht; und ich rollte mich froh in meine Decke und schlief
»Dacht ichs mir«, sagte Elia und übergab sich.
Von der Pergamentrolle natürlich keine Spur und auch nicht
von Bruder Bart. Wir ritten schweigend weiter. Elia begann hef-
tig zu fiebern.
Ich hatte gewiß ein Dutzend Pfunde eingebüßt, als wir in Lu-
cera einzogen. Die lederne Reithose, die mir Gersende eigens erst
weiter gemacht hatte, saß nun leicht und locker.
Der Hauptmann der Sarazenen hatte Mitleid mit mir und
schickte seinen arabischen Garnisons-Medicus. Der bestrich
mich mit einer Salbe, die erst wie feurige Messer brannte, aber
dann sehr schnell wundersame Linderung verschaffte. Nicht nur
das, er versprach mir auch, eine Sänfte für den weiteren Weg be-
reitzustellen. Ich hätte ihm dafür die Füße küssen mögen, auch
wenn er ein Heide war.
»Idha dschaa nasru Allahi
al-fathu ƒ«
DAS OHR
DES DIONYSOS
Die Fontäne
Otranto, Frühjahr 124
Die erste Frühlingssonne stand vor dem Mittagsläuten zwar
noch nicht ganz hoch am Himmel, aber ihre Strahlen brann-
ten dennoch schon sengend heiß auf die Mauern der Burg von
Otranto. Nur im Schatten der Innenhöfe und Arkaden war die
Muße erträglich, denn auf dem flachen Söller war zwar eine Bri-
se vom Meer aufsteigend als Hauch zu spüren, aber sie brachte
keine ausreichende Linderung gegen die über den farbigen Bo-
denkacheln flimmernde Hitze.
Still lag auch der kleine Hafen am Fuß des äußeren Walls, den
die Burg wie die Pranke eines wachsamen Löwen bis an den
Rand der Bucht schob. Die wenigen Bootsleute dösten in ihren
Unterkünften; die Triëre des Admirals war noch nicht von ihrer
Reise in die Terra Sancta zurückgekehrt.
Grund genug für ihre Herrin Laurence, sich immer wieder von
ihrem Lager zu erheben, die langen dunklen Vorhänge auf einen
Spalt zu öffnen und über das sich schier endlos erstreckende Blau
nach Süden zu spähen. Ohne ihren Augapfel, ‰ihrˆ Schiff, fühlte sie
diesen Mauern, über sich eine zum Bersten parate Clarion, ei-
nem jener dünnwandigen Tontöpfe gleich, gefüllt mit griechi-
schem Feuer, das sich beim Aufschlag weithin ergoß und nicht
mit Wasser zu löschen war. Clarion von Salentin war weniger
die natürliche Tochter des Kaisers als … auf fast unnatürliche Art
… Stiefkind, Sklavin, Schmuckstück, Komplizin und Gesellin der
Gräfin, eines Drachen, der seinen Schatz bewachte. Ein Wunder,
daß die einsame Prinzessin nicht in einen festen Turm gesperrt
war, zu dem nur die alte Zauberin die Schlüssel verwahrte. Sein
Blick schweifte hinauf zu dem hohen Donjon, der inmitten der
Burganlage steil und unnahbar über Dächer, Söller und Mauern
emporragte. Ein Wunder, daß sie Clarion nicht dort hineinge-
sperrt hatte!
Aber es war nicht nur die eifersüchtige Gräfin, die ihn davon
abhielt, Clarions schon schamlosem Drängen nachzugeben, es
war auch die Anwesenheit seines Kanzlers, die ihn an sein Ge-
lübde gemahnte. Er hätte es nicht abzulegen brauchen; er konnte
es sogar jederzeit widerrufen, doch dann wäre er gleichsam wie
ein Stein, wie ein fauler Apfel um mehrere Initiationsstufen nach
unten gefallen, geistige Ränge, um die er mühsam gerungen hat-
te, geistige Freiräume, zu denen er sich aufgeschwungen hatte, in
denen er sich losgelöst fühlte und aufgehoben zugleich. Das soll-
te er hingeben, für ein paar Augenblicke fleischlicher Lust, Sin-
ein hastiger Schluck kalten Wassers, weil er gerade Durst hatte
und der Quell sich anbot. Er hatte gelernt, seinen Körper zu
beherrschen, und sie wollte den ihren erstmals erfahren. Crean
hatte Mitleid mit ihr.
Clarion war bereit zu leiden, aber vorher wollte sie den
»Ich nehme an, Elia ist eingetroffen?« warf er noch als Frage hin,
benutzte sie aber nur, um sich schleunigst zu entfernen.
»Hure!« hörte er noch, Clarions Lachen, das Klatschen eines
Schlages in ihr Gesicht; die Tränen beider sah er nicht mehr ƒ
Dafür traf Crean im Weggehen auf Hamo, der ihn feindselig
anstarrte; wahrscheinlich hatte er sie belauscht. Darin ähnelten
sich die Gräfin und ihr Sohn, beide umlauerten Clarion wie
Schakale die Gazelle in der Wüs
te. Wie sie sich wohl verhielten,
wenn keine Gäste auf der Burg waren?
Er kam nicht dazu, es sich auszudenken, denn ein Schwall kal-
ten Wassers traf ihn voll ins Gesicht. Aus dem Brunnen tauchte
»Ich versteh das nicht«, sagte mir Elia, der an meine Sänfte
herangeritten war. Es war das erste Mal seit unsere Ankunft in
Lucera, daß er mit mir spracht. Er war noch arg blaß um die
ich wurde, immer noch auf mein
em Pferd sitzend, eine steinerne
Rampe hinaufgeführt, und dann, nach kurzem Wortwechsel im
… mich deuchts … griechischen Idiom, wurde ich abgeladen und,
den! Dafür erhielt ich einen Stoß von unten, unter die Matratze.
befohlenen waren kleine, selbstbewußte Persönlichkeiten gewor-
»Wie?« fragte ich.
»Erst mußt du uns versprechen, daß du uns mitnimmst!«
»Warum ist meine Mutter nicht mit dir gekommen?« Yeza be-
klagte sich nicht, aber ich empfand es als Anklage, zumal ich ihr
»Es war gefährlich wie Ertrinken!« Darauf beharrte Yeza.
»Man mußte aufpassen, daß sie einen nicht an den Kopf trafen
wie den …« Ihr fiel der Name nicht ein.
»Und dann?« fragte ich neugierig weiter. »Hat euch denn kei-
ner beschützt? Deine … eure … Mutter?«
»Die hatte keine Zeit … weil sie sich ‰bereitˆ machte …«
»Wofür?« bohrte ich.
»Ich weiß nicht, dann sind wir eingeschlafen, und als wir wie-
der aufwachten, waren wir schon bei dir!«
»Wie bist du rauf auf den Berg gekommen?« wollte Roç wis-
sen.
»Ganz einfach«, fabulierte ich. »Des Nachts, keiner hat mich
gesehen!«
»Keiner hat auf dich geschossen?« Roç blieb ungläubig.
»Es war nämlich Kriegs«, pflichtete ihm Yeza bei.
»Ich war ganz leise und sehr flink!«
Die beiden sahen mich zweifelnd an und schwiegen.
»Gut, William«, meinte Roç, »dann kannst du uns ja auch hier
wieder rausholen. Wir wollen nämlich nicht hierbleiben!«
Das war mit solcher Bestimmtheit erklärt, daß ich mir Sorgen
machte, wie ich sie nicht enttäuschen sollte. »Ich weiß ja nicht
einmal, was man mit mir vorhat …«
»Das kannst du hören.« Roç stand auf und winkte mir, ihm zu
wollte in solch delikater Frage nicht allein die Entscheidung tref-
fen … und Euer Schreiben, lieber Freund Turnbull, hat mich ja
leider nicht erreicht.«
Also, zählte ich zwei und zwei zusammen, mußte es sich bei
»Er könnte die Baustelle von Castel del Monte besuchen, wo
mein Kaiser sich gerade ein Jagdschloß baut … und dabei vom
Gerüst stürzen!«
»Warum nicht noch komplizierter?« höhnte der scharfe Mus-
lim. »Ihr wißt wohl nicht, wie schnell und einfach man Verräter
beseitigt? Laßt das nur meine Sorge sein, ich habe meine Leute
dafür. Ich nehme sie nie umsonst mit, wie sich wieder einmal
»Aber außerhalb meiner Bannmeile!« hakte die Gräfin in be-
sorgter Autorität nach.
»Auf Eure berühmte Gastfreundschaft, liebe Gräfin, wird kein
Schatten fallen!«
»Dann laßt uns essen, meine Herren!« Und ich hörte ein zu-
stimmendes Murmeln und sich entfernende Schritte.
»Ah, Mittagessen!« sagte Roç. »Dann müssen wir auch gehen,
sonst suchen sie uns!«
»Kriegt William denn kein Essen?« Yeza zeigte wenigstens
Mitgefühl für mein leibliches Wohl, obgleich mir jeder Appetit
vergangen war. Henkersmahlzeit!
mußte die Nahrungsaufnahme verweigern. Ich kroch in mein
Um so mehr erregte ein gemauerter Ziehbrunnen sein Interesse,
der sich unweit von ihnen am Weg
gann zu wimmern. Tränen der Angst schossen ihr in die hellen
Augen.
»Laßt ihn leben!« flehte sie. »Er kann nichts wissen, er war ein
einfacher Soldat …«
»Und Ihr, junge Frau?« lockte Fulco. »Seid Ihr uns bereit …«
»Zieht ihn herauf!« schrie sie gellend, »und ich werde Euch
alles …«
Sie kam nicht weiter, denn in diesem Moment preschte ein
Trupp von vier Rittern um die Wegbiegung.
»Zu den Waffen!« rief die Stimme des Hauptmanns, und die
Soldaten des Inquisitors rissen ihre Armbrüste in den Anschlag
und reckten die Spieße.
Tier, bemüht, auch seine Augen nicht zu bewegen. Sie starrten
sich gegenseitig an, und es erschien Crean, als würden die Se-
kunden so langsam verrinnen wie die Schweißtropfen, die seinen
Hals hinabkrochen.
den Schabernack zu beschweren. Sie wirkten sowieso merkwür-
dig verschlossen und begrüßten ihn auch nicht mit dem übli-
chen Freudengebrüll. Sie löffelten still ihre Suppe und sahen sich
bedeutungsvoll an, als sie seiner ansichtig wurden … welchen
»Ich war schon im Wasser … bis zu den Korallen bin ich ge-
taucht, das reicht mir für heute.«
Crean warf seine Dschellabah ab und schämte sich seiner wei-
ßen Haut.
»Könnt Ihr überhaupt schwimmen?« spottete Hamo. »Ich rette
Euch nicht … es wimmelt auch von Haien!« Crean sah das breite
Messer, das sich der Junge mit Lederschnüren ans Bein gebun-
den hatte.
»Warum sollte ein Hai mich fressen, wenn Ihr mich schon
»Ich soll mich an eine Gräfin halten, ich habe eine Botschaft
für sie …«
»Wollt Ihr sie mir nicht anvertrauen?« Crean wußte nicht, wie
er sie einordnen sollte. Schon wieder hatte dieser tölpelhafte
William eine Spur hinterlassen! Tarik hatte wirklich recht: Der
Mönch war in seiner Dummheit unberechenbar und damit
höchst gefährlich!
»Ich darf und will sie der Frau Gräfin nur persönlich anver-
trauen.« Ingolinde stand auf und steckte Williams Portrait wie-
der weg; sie stopfte es sich unter den Rock. »William gegen Bot-
schaft!« sagte sie, die Hände in die Hüften gestemmt, und blickte
herausfordernd auf Crean herab.
»Legt erst mal an; ich werde sehen, was ich für Euch erreichen
kann.« Crean schwamm voraus und zog sich die Felsen hoch.
»Du hast ja wieder nicht gegessen!« warf Yeza mir vor, kaum
daß sie der Herrlichkeiten auf dem Tisch ansichtig wurde: kalter
Hummer, ausgelöstes Kalbfleisch mit gehackten Oliven, Kräu-
»Wenn eins da ist!« berichtigte ihn Yeza. »Ich glaub nicht, daß
die Dame die Rutsche hochgekommen ist …«
»Sie hat natürlich die Treppe genommen, die ist genau dane-
ben, das weiß aber niemand.«
»Und wer war nun die Frau?« drängte ich, ohne auch nur die
leiseste Ahnung, um wen es sich handeln könnte. »Hast du sie
gesehen?«
»Nein«, sagte Yeza, »wir waren ja auch hinter der Wand, aber
die Gräfin war wütend und hat den Bombolone angeschrien, der
dich hierhergebracht hat ƒ«
»Und dich mögen sie auch nicht leiden!« fügte Roç hinzu,
offen lassend, ob er sich dem anschloß oder ob er mir meinen
kleinlichen Geiz vergeben hatte.
»Aber wir mögen dich leiden, William!« Yeza war bemüht, je-
den Zweifel auszuräumen.
Roç hatte sich inzwischen wieder in die Ecke des Raumes be-
geben. Es war noch nichts zu hören.
»Das ist das Ohr des Nasengotts!« klärte mich Yeza auf.
»Eher sein Nasenloch!« scherzte ich.
»Doch«, sagte Yeza, »Sigbert hat es gesagt: ein Ohr des ‰Dio
Nasoˆ, weißt du, der, der an einen denkt, wenn man niest!«
Ich war gerührt: »Wenn Sigbert das gesagt hat ƒ«, und beließ
sie bei dieser Einsicht. Heidenkinder waren sie allemal, und hier,
bei der Gräfin, wurden sie sicher auch nicht in Weihwasser ge-
»Und wer ist der ‰Rote Falkeˆ?«
»So heißt der Konstanz wirklich, ich meine, bei sich zu Hause«,
klärte mich Roç auf, »und der alte Mann ist der Vater von Crean,
obgleich er ihn ‰Johnˆ nennt, damit es keiner merkt!«
»Und der ist mit wem zusammen gekommen?«
»Von einem Mönch, einem Franziskaner mit Lockenkopf,
den sie angeblich vor dem Zugriff eines päpstlichen Häschers
bewahrt hat«, ergänzte die Gräfin den Bericht von ihrer Unter-
haltung mit der aufdringlichen Frauensperson.
»Das kann nur einer gewesen sein: mein Vertrauensmann im
Castel Sant Angelo …« Elia dachte nach. »Eigentlich müßte Lo-
renz auf dem Weg nach Lyon sein, zum Papst …«
»Schöner Vertrauensmann!« höhnte Yezas Turbanträger.
»Er wollte mich unbedingt warnen, traf mich aber nicht mehr
an.« Elia wehrte sich nicht, sein Verhalten wurde offensichtlich
von den anderen als töricht angesehen; er hätte mich in die
Wüste schicken, auf Cortona einkerkern sollen, wenn er schon
nicht übers Herz gebracht hatte, mich durch Gersende vergiften
zu lassen. »Lorenz hatte keine Zeit, wurde überdies verfolgt, so
wie sie die Kirche vorschrieb, auf jeden Fall. Ihr waren die Hände
gefesselt, und die Wucht des Stoßes, mit der die Knechte sie über
ihn geworfen hatten, ließ ihr Handgemenge genau auf sein Ge-
kröse treffen und dort zuckend, rüttelnd, schaukelnd nicht zur
Ruhe kommen, und er fühlte, so sehr er sich auch wehrte, bete-
te, fluchte, sein Geschlecht in ihre Hände wachsen. Ihr weißer
Busen preßte sich auf sein bartloses Gesicht. Fulco von Procida
kniff die Lippen zusammen, um seine Zunge nicht auch noch die
Lust verspüren zu lassen, die schon seinen geschlossenen Augen,
seiner Nase widerfuhren.
Als die knirschenden Stöße nachließen und das ächzende
Schleudern der Kutsche in ruhigere Fahrt überging, wußte Ful-
co de Procida, daß die unmittelbare Gefahr vorbei war, und die
Geilheit wich aus seinen Gliedern, dann aus seinem Kopf.
Er wühlte sich im Halbdunkel des Gefährts unter ihrem Kör-
per hervor, schnaufte verärgert, als er sah, wie sie regungslos
liegengeblieben war, wie erschlafft von einem stürmischen Akt,
So rumpelte die Kutsche auf die Burg zu, deren glatte Mauern
mit dem Näherkommen unheimlich in die Höhe strebten. Sie
zeigten weder Zinnen noch Türme,
nur ein leicht angeschrägter
Kubus, der fremd zwischen den Tannen herauswuchs, als habe
ihn eine Faust vom Himmel dort in das Erdreich gepreßt. Eine
Wildwasser führende Schlucht erzwang die Anlage einer Zug-
brücke, und das tiefliegende Tor da
hinter ließ keinen unbefugten
Einblick in das Innere nehmen.
Kaum hatte das Gefährt des Inquisitors die Brücke überquert
und war in den Torraum gerollt, fiel ein eisernes Fallgitter hinter
ihm, die Brücke ging hoch, und der Besucher sah sich in einer
dunklen Steinkammer gefangen. Aus einer Schießscharte kam
die knappe Frage nach dem Begehr.
Der Inquisitor bewahrte bei allem Zorn die Ruhe und wies
sich als der aus, der er war:
»Ein Diener der Kurie in besonderer Mission.«
Er fragte nach dem Namen der Burg und dem des Präzeptors.
Der Inquisitor Fulco von Procida erbäte Unterkunft und Schutz
für eine Nacht.
Die Stimme des Pförtners blieb ungerührt. »Die Burg trägt
keinen Namen und ist auch keine. Sie kann Euch wohl Sicherheit
»Ihr fahrt durch das vierte Tor der Apokalypse, durchquert
die Grotte des apokryphen Evangeliums, biegt dann links in den
zweiten Stollen der Hure Babylon, dann die erste rechts, und Ihr
seid in der Kathedrale des Großen Tieres. Dort mögt Ihr Euch
»Fahren wir mit der peinlichen Befragung fort«, sprach er mit
geben zu schweigen. Er lächelte der Frau dabei ermutigend zu,
als wolle er ihr verkünden, daß ihre Not bald ein Ende haben
würde.
Der Inquisitor fuhr herum … und starrte auf das Gold, unbe-
Edelsteine, blutrote Rubinsplitter von herrlicher Leuchtkraft,
eine Druse von Smaragden, frisch aus dem Fels gebrochen und
Diamanten in ihrer kristallinischen Reinheit, in nie gesehener
Größe geklumpt. Dem Inquisitor fielen die Augen fast aus dem
Kopf; er starrte dem Sergeanten nach, der schwer an seiner Last
trug und in einem Gang verschwand.
»Woher!?« röchelte er. »Die Namen!« schrie er sie unvermittelt
an. »Sag mir die Namen, Weib! Oder ƒ«
Die Frau lächelte ihn unter Tränen an. »Roger-Ramon-Ber-
trand und Isabella-Constanze-Ramona!« sagte sie stolz.
Da kehrte der erste Templer zurück und sagte mit beiläufigem
Ton: »Wenn es Euch interessiert, zeig ich Euch gern die Höhle,
wo wir gerade fördern«, und als er die verhalten-begierige Zu-
stimmung fühlte, fuhr er verschwörerisch fort: »Nehmt Eure
Der Inquisitor wollte sich an der Suche beteiligen, da fiel sein
Blick auf die Frau. Der klaffende Mantel gab den Blick auf ihre
Schenkel frei, und er ging zu ihr.
Sie ließ sich von ihm zum Wagen führen, glitt vor ihm in sein
Sie enthob ihn der Entscheidung: »Esclarmonde brachte eine
Tochter zur Welt und ihr zur Seite wurde das neugeborene Kind,
ein Knäblein, der anderen in die Wiege gelegt. Als ich …«
»Monsignore«, rief leise der Fuhrknecht, er schämte sich, den
hohen Herrn bei Ausübung seines Amtes zu stören, »dieser
Stollen ist tot, er hat keinen Ausgang, und der Templer ist nicht
zurückgekommen …«
»Sucht ihn!« stöhnte der Inquisitor, der sich immer unsicherer
wurde, welches Geheimnis ihm nun eigentlich wichtiger sein
sollte: das um die Herkunft der Kinder, das der Herkunft des
vorbei, die mit schweren Vorschlaghämmern die Stempel des
Stolleneingangs umschlugen. Ihrem dumpfen Fall folgte erst
ein Knistern im Gebälk, dann das Krachen der herabstürzenden
Gesteinsmassen.
Der Inquisitor und seine Knechte waren mit Kutsche und Pfer-
bruk nicht verzichten. Die Gefahr, die es nun einzig und allein zu
bannen gilt, ist, die Schergen des Antichristen von den Kindern
fernzuhalten, nach deren Blut sie lechzen. Vielleicht stehen die
Henker des Papstes schon vor der Tür, vielleicht sind Meuchel-
mörder schon hier eingedrungen. Das
sang
réal
muß sofort …«
»Beruhigt Euch, ehrwürdiger Meister«, unterbrach ihn Elia.
Johns Stimme war zitternd vor Erregung abgebrochen. »Noch ist
keine Gefahr, Otranto ist sicher …«
»Innen und außen«, beeilte sich die Gräfin zu versichern.
»Meine Leute sind mir treu ergeben; sie würden sich für mich in
Stücke hacken lassen! Und so erginge es auch jedem Verräter!«
»Die Lage ist ernst«, faßte der kühle Moslem zusammen.
»Ach Laurence«, säuselte Elia, »was wären wir ohne Eure Tat-
kraft!«
»Das, was Ihr seid, Elia, ein schwacher Mann!«
»In dem Fall, Gräfin«, unterband der Assassinenkanzler auf-
Doch ich dachte nicht daran. Ich fühlte mich den Kindern
»Fehler darf die Prieuré nicht verzeihen, unser Pakt mit den
Assassinen ist der Garant für die notwendige Konsequenz, aber«
… der alte John gab sich menschlich; er durfte es wohl, seine Stel-
lung erhob ihn nicht über jede, aber über gewöhnliche Kritik
… »Ihr konntet nicht wissen, daß William verfolgt wurde. Daß er
überhaupt noch lebte, hatte Crean, mein Sohn, zu verantworten
Unternehmen zur Verfügung gestellt habe. Er war durch seine
Ortskundigkeit prädestiniert und hat doch in der Verantwortung
»Ich brauche Crean für andere Aufgaben.« Der Kanzler blieb
hart.
»Ich werde sie führen!« erklang plötzlich Hamos Stimme über
mir. Es war mir nicht aufgefallen, daß er mein Zimmer längst
wieder verlassen hatte … wahrscheinlich hatte er aber dennoch
dem Gang der Dinge gelauscht.
»Warte bitte draußen, bis man dich hereinruft!« war die erste
Reaktion, die der Gräfin, der nicht anzumerken war, ob sie stolz
war auf ihren Sohn, zufrieden, ihn aus dem Haus zu bekommen,
oder als Mutter voller Angst und Sorgen. Bevor eine allgemeine
Diskussion einsetzen konnte, hatte Laurence die Zügel wieder in
der Hand. »Zu Tisch, meine Herren!«
Der Raum über mir leerte sich schnell. Kurz darauf wurde auch
mir ein reichliches Abendessen gebracht, und in der Gewißheit,
daß man mich noch lebend bis zu den Tataren verfrachten wollte,
fraß ich mit größtem Appetit. Vorweg frische Austern, von mir mit
Pfeffer bestreut und mit dem Saft einer Zitrone besprüht. Sie zuck-
ten, wie es sich gehört, und meine Lebensgeister erwachten wieder
in mir. Jetzt sollte Ingolinde mir gegenübersitzen; wir würden sie
uns gegenseitig in den Mund stopfen, sie von unseren Zungen
Haar straff zurückgekämmt, grüne Augen von einer leuchtenden
Gefährlichkeit. Sie trug kaum Schmuck, einen kostbaren Ring,
einen breiten Armreif.
Ich war sofort aufgesprungen. Während sie ans Fenster trat,
befahl sie zwei ihrer Wachen, die rechts und links an der Tür
sie dann sachlich hinzu, ohne sich umzudrehen. Sie verließ den
Raum schnellen Schrittes.
Das wird sie ihrem Sohn nicht vergessen, dachte ich, diese Frau
kann hassen ƒ
»Ihr, William, folgt mir nun.« Hamo hatte das Kommando
übernommen. »Ich möchte vermeiden, daß man Euch noch in
diesem Zimmer antrifft.« Ich wußte, er meinte die Kinder, und
mir wars auch recht so. Der Abschied hätte mir das Herz zerris-
sen, hofften sie doch, mit mir reisen zu dürfen.
»William«, sagte Elia, »auch ich muß sofort abreisen, der Kai-
ser bedarf meiner. Mach unserem Orden der Minderen Brüder
keine Schande.« Er klopfte mir aufmunternd auf die Schulter.
Etwas wenig für das, was er mir eingebrockt hatte. Doch sind wir
alle Diener irgendeines Herrn, und in seinem Falle waren deren,
»Ich hoffe, mein Stuhlgang wird sich rechtzeitig einstellen«,
versicherte ich ihm. Hamo lachte.
»Ich meine mehr die seelischen Blähungen, die kleinen Her-
zensfreuden!« Ich war verwirrt … was hatte er mit mir vor …,
zumal seine nächsten Worte meinen Argwohn noch steigerten:
»Keiner sieht Euch zu, aber denkt daran, daß die Regel bereits
Gültigkeit hat: Ein Wort nur, ein einziges Wort … und Ihr seid
des Todes. Und nicht nur Ihr, sondern auch die Person, die es
vernahm!«
Er schob mich in eine Kammer und schloß die Tür hinter mir:
Auf dem Heu hingestreckt lag vor mir, im Halbdunkel des Rau-
mes, Ingolinde.
»Mein William, endlich!« Sie breitete ihre Arme aus und war
bereit, mich an ihren bereits entblößten herrlichen Busen zu
ziehen. Ich legte den Finger auf den Mund und versuchte, ihr
durch Gestik klarzumachen, daß mir das Sprechen untersagt
war. Sie mußte denken, ich spinne, bin infolge Haft und Folter
nicht mehr Herr meiner Sinne. »Mein armer Kleiner, was haben
sie mit dir gemacht?«
Ich beschloß, ihr den Mund zu stopfen, denn auch unbeant-
stöhnte, ihre schönen Augen füllten sich mit Tränen, sie schrie
vor Lust, und ich vögelte sie ratlos weiter, immer nur an mein
blödes Schicksal denkend, an eisige Nächte in fernen, felsigen,
menschenleeren Gebirgen, an Durst und Hitze in Steppe und
Wüste, ich erlosch langsam zur völligen Leblosigkeit, nur noch
Aigues Mortes
Aigues Mortes, Herbst 124
»Ihr seid eine freie Frau … Ihr könnt gehen, Roxalba Cecilie Ste-
»oder auch der weiteren Verhandlung beiwohnen, damit Ihr eine
»Keine Not!« fauchte Loba. »Wem sein Augenlicht lieb, bleibe
mir fern! Wollt Ihr mich tot oder geständig?«
»Laßt sie reden!« befahl der Inquisitor, und Vitus gab sich
drein.
»Das Kind der Blanchefleur war eine Totgeburt: Ich habe den
Sud zum
abortus
Abgang erst ein, als ich sicher war, daß die Tochter des Kastellans
Zwillinge unterm Herzen trug.« Angelockt durch den spekta-
Der Inquisitor samt seinen Beisitzern, dem Schreiber und dem
mitgeführten Protokoll, erreichte Albi nie. Es hieß,
faidits,
ange-
chen. »Was treibt eigentlich diese Dirne«, lenkte Clarion ab und
begann wieder Ordnung in die Schatullen zu bringen, »die so
scharf auf unseren Mönch ist?«
Keine Antwort. Nur das Mondlicht fiel durch das vergitterte
Fenster. Sie stieß die Klappe mit aller Kraft unter die Matratze, ei-
nige Male, mit zunehmender Sorge, die sich zur Angst wandelte.
»Er ist weg«, sagte sie traurig zu dem sie haltenden Roç.
»Bist du sicher?«
»Wenn er schläft, schnarcht er«, flüsterte Yeza. »Sie haben ihn
weggebracht!«
»Aufs Schiff, Yeza!« knurrte Roç und zog sie heftig an ihren Bei-
nen zurück. Die Klappe knallte über ihren Köpfen. »Aufs Schiff«,
fauchte er in wütender Genugtuung, »wie ich dir gesagt habe!«
Sie krochen den Gang zurück, bis sie an eine Maueröffnung
kamen, von der aus sie den Lastensegler an der Mole sehen
konnten. Er war also noch da.
»Komm!« sagte Roç energisch. »Die legen uns nicht rein!«
Sie stiegen die in der Mauer verborgene Wendeltreppe hinab,
sich in völliger Finsterkeit vortastend.
gesundes Mißtrauen bewies, wurde Roç mit zunehmendem Ein-
stieg ins Abenteuer vom aufmerksamen, beharrlichen Forscher
zum tollkühnen Draufgänger. Angst kannten sie freilich beide
nicht.
»Ach was«, sagte Roç.
»Wir waren bis da unten doch noch nie!« insistierte Yeza.
»Ich weiß es aber!« beharrte Roç.
»Ich weiß, es ist gefährlich, wie Ertrinken«, sicherte ihm Yeza
zu. »Deswegen ist es ja auch schön!« Sie lachte ihr silberhelles
Elfenlachen im Dunkeln. »Vor allem, wenns keiner weiß!«
Roç kamen Bedenken: »William müssen wir aber Bescheid
sagen! Er muß uns ja auch verstecken!«
»Quatsch!« sagte Yeza. »Wir verstecken uns selber auf dem
Schiff, und wenn wir dann auf dem Meer sind, machen wir Wil-
liam eine freudige Überraschung!«
Roç wußte, daß jeder Widerspruch sinnlos war. »Wir müssen
uns beeilen, sonst fährt er ohne uns ab!«
Der Normanne hatte schon dem verstorbenen Grafen als Boots-
mann gedient, hatte alle Ecken des Mittelmeeres besegelt, bevor
er auf dem Kastell von Otranto als gräflicher Waffenmeister zur
Landratte geworden war.
»Guiscard ist ein kartographisches Genie … er hat Land und
Wüsten im Kopf wie andere die
Aeneis
des Vergil; mit wenigen
ich mir keine Sorgen. Häftlingssc
hicksal ist wahrscheinlich nur
gräßlich, wenn man ohne Hoffnung und persönliche Ansprache
Teil einer grauen Masse ist. Hat sich einer über diese erhoben,
Beachtung erzeugt und gefunden, ist gute Behandlung eigentlich
die logische Folge. Ich könnte mir den Rest meines Lebens als
Sonder-Gefangener gut vorstellen. Gefahr ist nur gegeben, wenn
das Interesse der Höheren an dir erlischt, dann lassen sie dich tief
fallen, präzise in den Tod, während in dem grauen Heer der Na-
menlosen ein Überleben gegeben ist. Doch was für ein Leben?
Im Morgengrauen zogen wir an den Mauern von Lecce vorbei.
Die zum Markt strömenden Bauern zogen den Hut vor mir ƒ
Böses Erwachen
Otranto, Herbst 124
»Die Kinder! Die Kinder sind verschwunden!«
Von diesem Lamento ihrer Zofen und Zimmermädchen
wurde die Gräfin jäh aus ihrem Tiefschlaf gerissen. Die Sonne
stand schon hoch am Himmel. Sie sprang aus dem Bett, stieß die
Ankleiderin, die Badefrau und die Kämmerin beiseite und raste
zum Zimmer der Kinder. Die Decken der Betten fehlten, wie
zitterte am ganzen Leibe: »Ist es möglich, Crean, daß die Kinder,
ich meine, die richtigen, mit den falschen vertauscht wurden?«
Crean schüttelte den Kopf, doch Laurence war nicht zu beru-
higen. »Sollte Hamo so weit gegangen sein, mir nicht nur Clarion
zu rauben, sondern mir auch noch die Kinder wegzunehmen?«
»Auf keinen Fall! Ich meine, wir sollten zunächst die zuständi-
»Wer«, funkelte die Gräfin aufgebracht, »will denn noch alles
Heraus stürmte die Gräfin, begleitet von Crean, den Ingolinde
hier als ersten und als einzigen umgänglichen Menschen ken-
nengelernt hatte; aber dahinter kamen Wachen und ein paar
aufgeregte Weibsbilder.
»Wo sind die Kinder?« fauchte die Gräfin sie an. »Ihr habt sie
entführt!«
Ingolinde war keine, die sich von einer verblühten Krähe ins
Auge hacken ließ, auch wenn die Miene der aufgebrachten ho-
hen Dame im Hemd zur Vorsicht gemahnten.
unter Deck gegangen waren, und kurz darauf zerrten sie die
verschlafene Yeza und einen erbost um sich schlagenden Roç an
die Luft.
Ingolinde war ehrlich erschrocken. Während die Kinder in
CANES DOMINI
Ein einsamer Wolf
Castel del Monte, Herbst 124 (Chronik)
Meine Sänfte schwankte heftig wie ein Schiff in hoher See. Die
Reiter trieben auch die Pferde an, die weiter vorn die Sänfte mit
Clarion und den Kindern trugen. Ich war einerseits froh, die Bäl-
ger nicht sehen zu müssen, fand ich doch die Idee, mit kleinen
Menschenleben wie Puppentheater umzugehen, unwürdig und
ärgerlich. Mehr aber noch fuchste mich, daß ich auf diese Weise
keinen Blick auf die schöne Clarion werfen konnte. Doch Hamo,
der unseren Trupp umkreiste wie ein nervöser Hirtenhund seine
Schafsherde, sorgte dafür, daß vorerst keiner sie zu sehen bekam;
die Vorhänge blieben heruntergelassen. Wir ritten unterhalb der
Festung Goia di Colle vorbei, als sich der säbelbeinige Guiscard
zu Hamo und mir zurückfallen ließ.
wolltet doch, junger Herr, daß wir ihre Aufmerksamkeit erregen
… nun, das haben wir schon erreicht.« Ich schaute nochmals auf;
der Reiter war verschwunden. Obgleich, was ich damals noch
nicht wußte, ich seinen Weg schon einmal gekreuzt hatte … und
noch viele Male kreuzen würde! …, sollte sich dieses düstere Bild
in mein Herz einbrennen. Wenn Hamo ein junger Hund war und
wir die Schafe darstellten, dann war Vitus der böse Wolf. Doch
wir hatten ja Guiscard, den amalfitanischen Haudegen, den die
Gräfin schweren Herzens für das Unternehmen abgestellt hatte.
Sein vernarbtes Gesicht zeugte von einigen handfesten Erfah-
rungen, und er schien zunehmend Lust an unserem Unterneh-
men zu finden.
Vorbeigalopp mit seinem Falknerhandschuh aufnehmen, um
sie an anderer Stelle sich zur Freude wieder hinzustellen. Ein
Jagdschloß der Lust und der Besinnung, als völlig harmonischer
Oktaeder gehalten … acht, die Zahl der Vollendung, wie mir Bru-
der Umberto einst offenbarte …, dessen Ecken durch eingezogene
Türme betont werden. Lediglich zwei Stockwerke hoch, ist die
Anlage von vornehmer Zurückhaltung, um einen Innenhof
gruppiert, dessen Untergrund als gewaltige Zisterne dient. Doch
es waren nicht die architektonischen Feinheiten, die Wendeltrep-
pen, die Ausgewogenheit der Räume … noch bar jeden Schmucks
Herkunftsort und angeblichem Ziel beruhte, schließlich gelegt
hatte, durften wir über Nacht in den Mauern verbleiben; ja, er
wies Hamo sogar einen überdachten Raum zu, in den wir uns
zurückzogen. Sein freundliches Angebot, einige seiner Leute
auszuschicken und unseren Verfolger einzufangen, lehnte Hamo
verwirrt ab, und weil er eine Erklärung schuldig blieb, sprang ich
ein und bat, um der Liebe Christi willen den Päpstlichen nicht
zur Gaudi der stauferischen Mannen sogleich am Turm aufzu-
knüpfen … was der Kommandant sehr bedauerte. Er ließ uns
einen Krug Weines bringen und entfernte sich.
»Ihr habt gut daran getan«, beglückwünschte Guiscard unse-
ren jungen Grafen, »nicht die Zunge zu verderben, die noch in
Rom von uns zeugen soll, Ihr habt das Zeug zu einem großen
Feldherrn!«
»Laßt Euch Zeit, junger Herr, viel Zeit … sputen muß nur ich
mich, denn ich werde Euch vorauseilen und alles vorbereiten!«
»Ich danke Euch, junger Herr, für die Herausforderung«, Gu-
iscards graue Normannenaugen blitzten, »und nehme sie mit
Freuden an. In dem Fall segeln wir nur um das Kap von Sorrent
und verstecken uns. Unser Freund wird das nächste Schiff mie-
ten … es wird teuer sein … und sich an die Verfolgung machen.
Er wird bis Ostia segeln, Tag und Nacht, denn nun ist er in Pa-
nik; er wird die päpstliche Flotte aus dem Tiberhafen holen und
einen Sperrgürtel zwischen Civitavecchia und Elba legen, um
»Sie sind unsere Reserve, sie sollten nur eingreifen, wenn wir
verfolgt werden. Im Notfall müssen wir sie opfern, um in ihrem
Ich lag noch lange wach. So sicher war ich mir nicht, ob dies
nicht doch ein Ereignis von Bedeutung für uns alle war ƒ
In Acht und Bann
Jesi, Herbst 124
Elia von Cortona hatte … entblößt von seinen eigenen Soldaten
… auch in Lucera keine Eskorte erhalten, noch in der Umgebung
eine Mannschaft ausheben können. Alle dem Staufer treu erge-
benen Apulier blieben erst mal in ihren Festungen hocken und
Elia sprang ab und eilte dem kleinen Mönch, soweit das seine
Würde zuließ, gemessenen Schritts entgegen. Da sie beide plötz-
lich unsicher waren, wer hier wem die Reverenz zu erweisen
»… bestimmt der Pontifex Maximus: Er hat den Kaiser abgesetzt!«
»Das stand zu erwarten«, sagte Elia matt, »und doch trifft mich
die Ungeheuerlichkeit! Erzählt, was sich Sinobald di Fieschi dazu
hat einfallen lassen?«
»Ich sehe dort Bank und Tisch einer Taverne« sagte Lorenz,
»laßt mich meine Stimme anfeuchten und einen geflüsterten
Trinkspruch auf Friedrich ausbringen, der zu der ganzen Far-
ce den einzig richtigen Satz gesagt hat: ‰Danken sollte ich dem
»Der Herr Papst hielt einen weinerlichen Sermon, in dem er
sich nicht entsteißte, seine Leiden mit den fünf Kreuzeswunden
Christi zu vergleichen: Das Wüten der Tataren; das Schisma der
Griechen, die sich erfrechten, ihn nicht als ihr Oberhaupt anzu-
sehen; das Übel der Ketzerei, die da zu wissen glaubt, wie sich ein
wahrer Christ zu verhalten habe; und schließlich die Eroberung
Jerusalems …«
»Als ob nicht gerade die Kurie verhindert hätte … und noch
verhindert …, daß der Kaiser mit einem Kreuzzug dem Heiligen
Land zur Hilfe kommt!« fuhr ihm Elia in die Aufzählung, und
Lorenz nickte.
»Und endlich kam seine Heiligkeit auf das zu sprechen, was ihr
wirklich auf ihrem von Haß erfüllten Herzen lag: die Feindschaft
des Kaisers! Und als ob jemand die Schleusen der Cloaca Maxima
der Fieschi-Sippschaft noch eines über, indem er ihnen Wucher
und Günstlingswirtschaft vorwarf, die der Kaiser nicht dulde
und die bei Engländern und Franzosen große Abscheu hervor-
ruft. So gelang es Thaddäus, eine Unterbrechung des Tribunals
herbeizuführen …«
»Ihr habt den rechten Ausdruck gebraucht, Lorenz: Da erdrei-
unser Bruder Pian del Carpine nicht gen Osten zieht, bevor Wil-
liam von Roebruk sich zu ihm gesellt … ist der schon in Cortona
eingetroffen?«
Zeit, Frieden mit der Kirche zu machen, ganz gleich, in welch mi-
serablem Zustand sie sich befand, ganz gleich, welch unwürdiger
Priester ihr gerade vorstand?
Ihm fiel sein Kirchenbau ein, den er zu Cortona begonnen hatte.
War das nicht auch ein Zeichen der Versöhnung … und nicht nur
des Trotzes, wie ihm die Feinde anzukreiden versuchten? Er war
alt geworden und er wußte nicht, wie viele Jahre ihm noch gege-
ben waren. Mehr als die Aufhebung des Kirchenbanns sorgte ihn
die Fertigstellung des Gott geweihten Hauses, welches auch eine
würdige Schatulle für die Reliquie vom Heiligen Kreuz abgeben
sollte, die er aus Byzanz mitgebracht hatte. Vor allem aber sollte
es seine Verbundenheit mit Francesco manifestieren, der nach
ihm kommenden Welt … wenn schon nicht der unverständigen,
in der er leben mußte … zeigen, daß Frater Elia und sein
‰santo
poverelloˆ
untrennbar waren. Er wär so gern jetzt weitergereist in
das so nahe heimatliche Cortona, um sich an den Fortschritten
des Bauwerks zu erfreuen, aber es fehlte ihm der Mut. Auch woll-
te er keineswegs mit William zusammentreffen, dem klebte die
iella
auf der Stirn wie ein drittes Auge,
‰malocchioˆ!
Nicht einmal
sehen lassen wollte er sich noch mit diesem dicken Frosch des
Unglücks! Mochte der doch tolpatschig in sein Verderben sprin-
gen samt diesen falschen ‰Kinder des Gralˆ. Damit wollte er, Elia,
nichts mehr zu tun haben!
Das gab ihm den Ausschlag, Elia drehte um und kehrte nach
Ancona zurück.
Der Amalfitaner
Amalfi/Rom, Herbst 124
Vitus von Viterbo hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan.
Zu unruhig ging es auf der Baustelle von Castel del Monte zu.
Wie gern hätte er sich hineingeschlichen und heimlich Brand
gelegt, nur um dem verhaßten Staufer einen Tort anzutun. Er
beherrschte sich. Viel Freude würde Friedrich in nächster Zeit
sowieso nicht an dieser Burg haben, mochte er sie auch in rosa
Marmor auskleiden lassen, mit kostbaren Teppichen und Gobe-
lins bestücken, die ihm sein Freund, der Sultan schicken würde,
sie mit heidnischen Statuen anfüllen, die seine Flotte für ihn aus
dem Meer fischte. Lust und Laune würden ihm schon abgehen,
diesem Antichrist, sich dort auf der Falkenjagd oder lustwan-
delnd mit seinem Harem zu vergnügen!
Nein, Vitus sah sein Ziel darin, den Kaiser an viel empfindli-
cherer Stelle zu treffen: Die Kinder, sein Fleisch und Blut würde
von Benevent aus die Straße nach Norden ziehen, und diese Stra-
Mochten die beiden Seerepubliken auch des öfteren in der Tyr-
rhenia über Kreuz geraten … die Normannen aus Amalfi galten
den Pfeffersäcken aus Pisa als »Vikinghi«, Seeräubergesindel,
und die Pisaner denen … ob ihres Inselbesitzes … als sardische
Ziegenhirten …, doch in ihrer Kaisertreue mochten sich beide
nicht nachstehen. Die Konsuln der Stadt und der pisanische Ad-
miral waren sich schnell einig. Als dann noch Guiscard erschien
chen rühren würde. Im Gegenteil! Alles kaiserliche Verbrecher
und gottloses Gesindel!
La Grande Maitresse
Castel Sant Angelo, Herbst 124
Herr Rainer von Capoccio, Kardinal-Diakon von Santa Maria in
Cosmedin hatte Messe in Sankt Peter gehalten, ein Vorrecht, das
er sich herausnahm, solange der Heilige Vater nicht
intra muros
weilte. Er erteilte noch den Segen an einige Landsleute, die aus
Viterbo gekommen waren, um ihm ihre Aufwartung zu machen,
als er die ersten Schreie vor der Basilika hörte.
Er dachte sofort an Friedrich! Der Kaiser war über die Stadt
hergefallen … oder sein wahnwitziger Bastard Enzo! Seine Würde
außer acht lassend, begab er sich ziemlich hastig zu dem Einlaß
in die Borgomauer, dem befestigten Fluchtkorridor der Päpste,
der direkt zum Castel Sant Angelo führte. Seine Kardinalsrobe
raffend, lief er hurtig den über die Dächer ragenden Gang ent-
lang und wagte erst in Reichwei
te der schützenden Burg einen
Blick aus einem der Schlitze zu werfen.
Schemenhaft sah er im Tiberbogen die Langboote der Seeräu-
ber, Feuer und Rauch an den Ufern bis zum Hospital Santo Spiri-
genden Abort gemacht hatten. Er verfluchte sie und stieg über
die Exkremente hinunter in die Tiefe, wo an Stelle der Tür ein
Schlitz offengelassen war. Er hielt sich die Maske vor … lieber
hätte er sich die Nase zugehalten … und lehnte sich so weit raus
wie möglich.
Das schwarze Tuch bewegte sich. Die Gestalt in der Sänfte ließ
»Damals wußte ich noch nicht, wer Ihr seid … heute weiß ich
»Euer Wissen hat Euch nicht zur Vernunft gebracht.«
»Wissen macht selten klüger, es verleiht nur Sicherheit: Ich
schen Ritterordens, der übrigens die schändliche Heirat eingefä-
delt hatte, minderte das buhlerische Paar Friedrich und …«
»Es folgte das Papat Ugolinos als Gregor IX., eine Euch in
Gesinnung und Skrupellosigkeit ebenbürtige Seele. Als er ver-
schied, ich nehme an, ohne Euer Zutun, beging das Konklave
den Fehler, Gottfried von Castiglione, den Kardinal-Erzbischof
eine offene Schlafzimmertür einrennen zu können, aber Ihr fan-
Herrn schleunigst an den Nagel zu hängen … was auch wohl Eure
wahre Bestimmung gewesen war, Rainer von Capoccio … und sie
als Braut auf Euer Schloß nach Viterbo zu führen. Doch wieder
an die Fleischtöpfe Roms heimgekehrt … heimgejagt wäre korrek-
ter, denn Dominikus war außer sich ob des Sündenfalls aus den
Reihen seines Gefolges …, vergaßt Ihr das Mädchen. In aller Welt
Der Lärm verebbte.
»Dann stillt«, nahm der Graue Kardinal das Wort auf, »mir
eine Neugier wenigstens: Was hat die Prieuré bewegt, das durch
Jahrhunderte in Okzitanien bewahrte Blut, den Gral, mit einem
so elenden Gebräu zu vermengen, wie es durch die Adern der
Staufer rinnt? Was ist daran dynastisches Denken und Planen? Ein
Geschlecht, dem die Vertilgung bestimmt ist? Könnt Ihr mir das
sagen?«
»Ihr mögt wohl recht haben, was die Zukunft der Staufer an-
belangt … sie gehen dem Untergang entgegen …, doch Ihr Blut ist
würdig und vereint alle Feinde der Capets! Das ist, wie Ihr wissen
solltet, für die Prieuré von ebensolcher Bedeutung wie Euch Euer
blinder Haß auf die Staufer! Die Kirche, das Papsttum wird in die
Hände Frankreichs geraten, beide zusammen werden die Vernich-
tung der Staufer zuwege bringen … doch wir retten das Blut!«
»Ihr steht also hinter den Kindern?«
»Wir schützen sie und bewahren sie vor dem Übel, bis der Tag
kommt, an dem sich ihre Bestimmung offenbaren wird. Ihr wißt
um den ‰Großen Planˆ, wenn Ihr auch nichts in der Hand habt;
denn das Dokument … ja, auch davon weiß ich, Rainer von Capoc-
cio …, das Ihr durch Eure Agenten in Euren Besitz bringen konntet,
seis durch Zufall oder durch Fügung, habe ich an mich genom-
men. Ihr braucht es nicht schwarz auf weiß; weniger Schriftliches
und mehr in den Köpfen würde der Menschheit dienlicher sein.«
»Und wenn ich eine Abschrift angefertigt hätte?« Der Graue
Kardinal ließ sich nichts anmerken.
»Habt Ihr aber nicht«, beschied sie ihn kühl. »Es handelt sich
auch nur um eine Kopie, eine schlechte … und unautorisiert dazu.
»Das ist keine Frage des Glaubens, sondern der Vernunft: Ihr
wortlos, ihnen wieder aufzuschließen. Acht Sergeanten nahmen
die Sänfte auf und trugen sie gemessenen Schrittes aus seinem
Blickfeld.
Der Kardinal lauschte bang in die Stille, die ihn plötzlich in sei-
nem Gefängnis umgab, dann vernahm er, wie aus einer anderen
Welt, wieder den Kampflärm vom Fluß und über sich das Rufen
und Laufen der Soldaten auf der Mauer, das zischende Zurück-
schnellen der Katapultseile und das klatschende Geräusch der
Einschläge im Wasser.
Benommen wankte er die Stufen hoch. Er verspürte kein Be-
dürfnis, sich seinen Leuten zu zeigen und sie anzufeuern. Er öff-
Triëren, die die brennenden Schiffe in den Grund rammten …,
hatte uns Guiscard befohlen, daß wir uns flach auf den Boden
unseres Bootes legten, und hatte nasse Decken und Korbgeflecht
tritt, den Garten zu durchfurchen, das Bachbett hinab und hinauf
zu gleiten, nach der Quelle bohrend, wo doch das Bohren selber
der Quell der Glückseligkeit ist, nur daß sich das Bohrloch immer
weiter auftat und sich hart an mir stieß. Ich weiß nicht, wohin es
geführt hätte, wenn nicht in diesem Moment der Kiel unseres
Schiffes knirschend an der Uferböschung aufgelaufen und alles
über unsere Köpfe und Leiber gestiegen und gesprungen war.
Weiber kreischten, Flüche ertönten. Die Normannen plünderten
die Warenlager des Flußhafens, die Händler ließen ihre Stände im
Stich, die Bauern ihre Karren.
»Zurück!« hörte ich Guiscard schreien. »Wir müssen weiter,
wir müssen das verdammte Kastell hinter uns bringen!«
Doch hatte er wohl wenig Erfolg bei seinen Landsleuten. Da
hörte ich Hamo rufen: »Otranto! Otranto, her zu mir!«, und
gleich darauf sprangen Körper und Beine auf mich, daß mir
nicht nur Hören und Sehen verging … sehen tat ich eh nichts …,
sondern auch jegliche Sinnenlust. Genau dahin hatte mich ein
fest unter der Eichel umschloß, verwandelte sich mein Fungus
in einen normannischen Donjon, doch Clarion wußte, wie man
Türme stürmt ƒ
»Habt acht! Sie schießen! Pfeile!« riefen aufgeregt die Stimmen
über mir; ein seltsames Pfeifen ging durch die Luft, ein Schlag,
dann mehrere ließen den Bootskörper erzittern, ein Stöhnen. »Gu-
iscard ist getroffen!« klagte jemand leise. Ich fühlte meinen Turm
zusammenfallen, wie eine Hand sich kühl enttäuscht zurückzog.
»Kümmert euch nicht um mich«, stöhnte Guiscard. »Bringt
die Kinder dort drüben an Land!« Er schien vor Schmerzen die
Worte kaum herauspressen zu können.
fersucht zu unterdrücken, er wußte auch nicht genau, was er für
Yeza fühlte, aber er gönnte sie keinem anderen … und immer, das
spürte er, würden andere da sein, weil Yeza es so wollte.
»Nein«, sagte sie langsam, aber mit Bestimmtheit. »Ich finde es
gemein von ihm, daß er uns allein gelassen hat!«
Es war Nacht in Otranto, kein Mond spiegelte sich auf dem
Meer, dunkle Wolken; in der Ferne, drüben am anderen Ufer,
Wetterleuchten.
»Hamo und Clarion sind auch weg«, beschwerte sich Roç. »Ich
finde es ungerecht, daß andere Kinder reisen dürfen und wir
hierbleiben müssen!«
»Das ist ja das richtig Gemeine,
wo wir doch die Kinder sind!«
Roç, immer um Verständnis der Situation bemüht, um Entschul-
digung. »Sie haben ihn weggebracht …«
»Er hätte schreiben können!« Yeza ließ sich nicht so leicht von
ihren Vorwürfen abbringen. »Wenn man liebt, dann wehrt man
»Nun komm schon!« sagte Yeza, weil sie sah, daß Roç am
Fenster stehengeblieben war und auf die nächtliche, unter den
ersten Sturmstößen aufschäumende See hinaus starrte. Roç
streifte sein Hemd ab, sein muskulöser, kleiner Körper wurde
einen Moment vom Licht des ersten Blitzes erhellt, doch statt
»Er sollte sich auskennen!« schnitt Tarik die Besorgnis des
Alten fast tadelnd ab. »Wir müssen nun zu einer Entscheidung
gelangen.«
»Ach ja, die Kinder«, raffte sich Turnbull auf. »Ob sie wohl
schlafen können?«
»Es geht nicht darum, ob sie sich fürchten oder ob sie Blitz und
Donner mitten in der Nacht lustig finden«, Tarik wurde leicht
sarkastisch, »sondern ob sie hier auf die Dauer in Sicherheit sind.
Beschluß vertraut machen, daß Roger und Isabelle dieses Land
verlassen werden.«
Die Gräfin beherrschte sich und nahm unaufgefordert am
gegenüberliegenden Kopfende Platz. Aus ihrem Umhangtuch
wickelte sie eine Rolle Pergaments, dessen Siegel sie erbrach. Sie
überflog es und schob es dann kühl den beiden Männern über
den Tisch.
»Es ist das Siegel des Kaisers«, erklärte sie beiläufig und ohne
Triumph, »eine Vollmacht, die mich berechtigt, in dieser Frage
als Vertreter des Reiches zu sprechen … als Frau, Herr Kanzler.
Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, meine Her-
ren«, übernahm die Gräfin die Führung des Gespräches, »ich
reiße mich wahrhaftig nicht um die Verantwortung für den
Schutz der Kinder … zumal«, das war an die Adresse Turnbulls
schmälern, Tarik, doch sehe ich zur Zeit keinen Grund dafür,
Sie sprachen im Wechselgesang den Anruf Allahs, und ihre
Stimmen hallten wie jeden Morgen zu dieser Stunde über die
Mauern und Söller der Burg am Meer.
»ƒ idina siratal mustaqim. Sirata ladsina anamta alaihim,
ghairi-l-maghdubi alaihim wa lad daallin. Amin.«
sich nicht wohl fühlte, hielt es aber keineswegs für moralisches
Bedenken. »Otranto verfügte früher einmal über eine intakte
Signalanlage. Warum sollte sie nicht noch funktionieren? Ich
schätze, sie ist in der ausladenden Kuppel des Donjon installiert,
»Du wirst auf unserer Rückfahrt irgendwo im byzantinischen
Herrschaftsbereich abgesetzt. Von dort aus vergewisserst du
dich, daß unseren Weisungen, den Mönch betreffend, exakt
nachgekommen wurde. Andernfalls mußt du doch noch in ei-
gener Person ins Tatarenreich eindringen und mit dem Dolch
in der Hand den Auftrag erledigen … wobei die Chancen, daß du
lebend zurückkehrst, verschwindend gering sind. Die Mongolen
haben wenig Verständnis für uns Assassinen. Doch ohne meinen
Befehl ausgeführt zu haben, erwarte ich dich auch nicht mehr
unter den Lebenden, Crean.
Inshaallah.«
Der Angesprochene verneigte sich tief:
»Alahumma ainni ala
dsikrika wa schukrika wa husni ibadatik«,
erhob sich unbewegli-
chen Gesichts und eilte von dannen.
Zerschlagenes Geschirr
Cortona, Herbst 124 (Chronik)
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem der Wagen im Stroh,
neben mir zwei der Männer aus Otranto, die leise ächzten. Mein
Kopf fühlte sich an wie ein Butterfaß, in dem Vorrat für einen
Kindern, die alles stumm, höchstens greinend über sich hatten
ergehen lassen. Vielleicht waren sie auch taub. Sehr helle erschie-
roten Tuskaner nachzuschenken. Doch dann gings los, erst in
stichelnder Lautstärke, die sich
schnell und hemmungslos stei-
gerte.
»Ich bins leid«, zischte Clarion, »diesen Wahnsinn weiter mit-
zumachen!«
Hamo, wohl froh, daß sie endlich den Mund aufmachte, suchte
sich zu entschuldigen. »Wir mußten auffallen …«
»Ich«, höhnte Clarion, »nackt hier auf dem Marktplatz, wäre
auffälliger gewesen!«
Hamo suchte sich nicht provozieren zu lassen, Clarion hatte
offensichtlich dem Wein schon kräftig zugesprochen.
»Die Kinder«, sagte er erklärend, »sollten mit William zusam-
men gesehen werden.«
Clarion fühlte sich als dumme Gans zurechtgewiesen und
schob nun mit einer Lache nach: »Deinen Mönch kannst noch
nackt dazustellen!«
Der Schlag galt mir, aber Hamo mußte die Wange hinhalten.
Hamo war wütend, denn so unrecht hatte sie nicht; er hätte
wenigstens die Fahne in Rom lassen sollen, als sichtbaren Beweis
für die Verfolger, daß man ihnen ein ordentliches Schnippchen
geschlagen hatte.
»Morgen reiten wir weiter!« bestimmte er. »Und du kannst dir
ja einfallen lassen, wie alle Welt davon erfährt …«
»Ohne mich!« erklärte Clarion kühl. »Du bist verrückt, ohne
Guiscard … der zwar auch ein Verrückter ist, aber wenigstens
kein grüner Junge«, verlachte sie Hamo …, »ohne seine Genesung
abzuwarten …«
»Wir haben keine Zeit zu verlieren. William und die Kinder
müssen Pian erreichen, um mit ihm …«
»Mich kriegen keine zehn Pferde von hier fort!« beschied ihn
Clarion.
»Dann wird eben Gersende die Kinder begleiten!«
»Kindskopf!« Clarion rauschte erhobenen Hauptes durch die
Küche. »Du wirst sie alle ins Verderben rennen!«
Kaum hatte sie den Raum verlassen, erschien Hamo auf der
Schwelle, torkelnd, den leeren Krug in der Hand.
»Wein, werte Frau Gersende!« Die Haushälterin war aufge-
sprungen, hatte sich wie eine Glucke schützend vor Guiscard ge-
stellt, während ich meine Nase in die Pasta senkte. »Wein!« lallte
Hamo. »Oder trinkt ihr auch nicht mehr mit mir?«
Guiscard und ich hoben unsere Becher, in die er uns frisch
nachgeschenkt hatte. »Auf die falschen Kinder des Gral«, grölte
er und soff gleich aus dem Krug, »und auf alle falschen Weiber
dieser Welt!«
Wir tranken schweigend, und er wankte hinaus.
Das Blitzen
Otranto, Winter 124/46
»Das Schiff, das Schiff! Das Schiff ist wieder da!«
Roç und Yeza waren, vor Aufregung hüpfend, bis an die Ring-
mauer vorgedrungen, dort wo eine eiserne Tür ihnen den Abstieg
zum kleinen Hafen verwehrte. Sie krochen auf die Brüstung, um
wenigsten von hier aus mitzubekommen, wie die Ruderer von
Bord gingen und die mitgebrachten Waren ausgeladen und auf
der Mole gestapelt wurden.
»Ich habs kommen sehen!« rief Yeza und winkte den Seeleu-
ne Logik durchzusetzen, »also mußte es das Kap umsegeln! Du
weißt nich mal, wo Süden is …!«
»Ein schwarzer Mann!« schrie Yeza, nun ganz aus dem Häus-
chen. »Er hat eine schwarze Haut und einen Ring in der Nase!«
»Dann ist es ein Mohr!« konstatierte Roç sachlich und be-
Licht fiel nur durch schräge Scharten ein. Dann verschloß wieder
ein Steingewölbe das gesamte Rund; nur in der Mitte war ein
Loch, gerade groß genug, eine einzelne Person durchzulassen.
Crean folgte der Gräfin, und nach halsbrecherischem Durchque-
für ihn anbot, wobei Laurence klar war, daß Yeza meist auch die
eigentlich Schuldige war, die Anstifterin.
Die Gräfin schaute fragend zu Crean, der nickend sein Einver-
ständnis gab. Wie sollten die Kinder verstehen, welche Nachricht
er durchzugeben hatte; nicht mal Laurence würde den Kode der
Assassinen entziffern können, mo
chte sie noch soviel Erfahrung
mit dem Signalisieren haben.
»Mein ganzes Leben«, freute sich Roç mit dankbarem Blick,
»habe ich mir gewünscht zu sehen, wie das hier geht, mit dem
Leuchtfeuer … am hellen Tag?«
»Geht zur Seite«, sagte Laurence, »und keinen Mucks!«
Sie zerrte eine verblichene Decke aus dünnem Leder von der
gebogenen Holzwand, die sich in ihrem Rücken befand, und der
Spiegel kam zum Vorschein. Er war aus vielen schwarz angelau-
Rahmen verbunden war. Er stand auch nicht auf dem Stein,
sonderlich hell, aber gut sichtbar. Laurence prüfte das Signal, be-
stätigte es dreimal kurz, einmal lang.
ihr Gesicht und tauchte dann Hände und Arme lange in das kalte
Naß. Sie schickte jemanden von dem ehrfürchtig bis beklommen
umstehenden Gesinde zu Crean, er solle den Donjon abschlie-
ßen und ihr dann den Schlüssel bringen.
Die königlichen Kinder
Lombardei, Winter 124/46 (Chronik)
»Die königlichen Kinder«, murmelte ich fast unwillig, ein Ge-
heimnis zu enthüllen, »sagen, daß ihr eine weite Reise tun wer-
Damit entließ ich ihn, und er zog mit seinem Grauen ab. Ge-
zahlt hatte er schon vorher, mehr als er je für ihn erzielen wür-
Hamo, mein Prinz lächelte mir befriedigt zu. Es hatte ihn ge-
wurmt, daß unser Zug durch Italien bis dato so wenig Aufsehen
erregt hatte. Der Vorwurf Clarions, diesbezüglich versagt zu
haben, hatte wie ein Stachel in seiner Seele gesessen. Trotzig war
er mit uns aus Cortona aufgebrochen, doch Gott sei Dank wohl
billige Possen bot. Die Urmutter Larissa, zahnlos und schütter
weißhaarig, las in den Handlinien und orakelte, ihre Söhne,
Schwiegertöchter, Kindeskinder und Urenkel schlugen Rad,
bauten menschliche Pyramiden, entfesselten sich, spuckten
Feuer und zauberten die Enkel vom Erdboden fort und Kanin-
chen und weiße Tauben dafür herbei, sie zogen sich Eier aus
den Ohren, prügelten sich mit Holzschwertern, und die Kleinen
ritten Turnier auf den Schultern der Großen mit Lanzen, deren
Enden wohlweislich mit Stoffknäueln abgepolstert waren. Die
Mädchen tänzelten und schlugen Zimbeln und Tamburin, ihre
weiten Röcke flogen, zeigten aber nur Beinkleider darunter. Und
niemand sah ihnen zu, außer ein paar Schäfern, und die zahlten
nicht. Die Soldaten lachten und machten den Zigeunermädchen
schöne Augen und derbe Angebote.
Wir hielten bei ihnen an, und Hamo gab ihnen Geld, als
ihr Programm sich zu wiederholen drohte, und die Hand
der Männer nach den Messern zuckte. Der älteste der Söhne
führte uns zu Larissa, und sie jammerte, daß sie und ihre Sip-
pe verhungern müßten, weil die Torwachen sie Theaterleute
wie fahrendes Gesindel behandelten, ihnen den Einzug in
die Mauern und auf die Märkte verwehre. Ob er, ein kräftiger
junger Herr, wie leicht ersichtlich, ihr nicht die verschlossenen
Türen öffnen könnte, und sie warf sich zu Boden und küßte
Hamos Stiefel.
Da zeigte sich mir zum ersten
Mal die reichlich sprudelnde
Quelle der Phantasie des Sohnes der »Äbtissin«, seine spontane
Vorstellungskraft:
»Ich habe hier den bizarren wie berühmten William von Roe-
Euren werten Kreis einzureihen, ja, sie zur besonderen Attrakti-
on zu erheben?«
Die Uralte verstand nichts von dem, was Hamo im Schilde
führte, oder ich konnte nicht verstehen, was ihr zahnloser Ora-
kelmund von sich gab, aber ihr Ältester, Roberto, der Eisenspren-
Eine Bürgersfrau … sie sei Witwe … hatte mich gerade verschämt
»Genau«, sagte Orta. »Dafür wird er bis auf weiteres im Kir-
chenbann belassen.«
»Besser im Bann der Kirche als in den Verliesen der Engels-
burg!«
»Das gilt auch für Euch, Bruder William. Schaut unauffällig
über meine Schulter zu den Arkaden am Ausgang der Piazza
… seht Ihr die einsame Gestalt im dunklen Umhang?«
»O Gott!«
»O Teufel!« verbesserte mich Lorenz leise und lachte. »Es ist
Vitus von Viterbo.« Mir war nicht nach Lachen zumute; einmal
mehr hatte ich Anlaß, mich an Paris zu erinnern. »Der Inquisitor
… oder besser, der Häscher des Grauen Kardinals … brennt darauf,
Euch und die Kinder, ganz oder in Stücken, nach Rom zu ver-
bringen, um seinen Herrn zu versöhnen. Seit Ihr so frech wart,
ihm das Schnippchen zu schlagen, ohne daß er Euch zu fassen
bekam, hat sich der arme Vitus nicht mehr unter die Augen sei-
nes Herrn gewagt; er wird Euch die Hölle bereiten!«
Wir brachen unser Spektakel ab, fragten nach einer Herberge
und jeden, den wir trafen, um den Weg dorthin. Wir gaben dem
Wirt Geld für die Nacht, und ich hockte mich mit Hamo und
Roberto hin, um zu beratschlagen.
Als es dunkel war, teilte Hamo dem Wirt mit, wir hätten es uns
anders überlegt und würden unsere Reise gen Osten auch des
Nachts fortsetzen. Weniger seine Warnungen als sein Schweigen
belohnten wir reichlich, weckten die Kinder, Frauen und Kindes-
kinder und machten uns aus dem Staube.
Wir erreichten den angegebenen Ort und fanden dort einen
Hirten, der uns eine Anzahl Mönchskutten übergab, mit den
Worten: »Bruder William, der größte Sünder der Christenheit,
wird in Ketten an den Ort seiner gerechten Bestrafung verbracht!
William von Roebruk, der gräßlichen Sünde der Sodomie schul-
dig! Seht nur den verworfenen Mönch, an sein lüstern Weib mit
ne vorausgegangene Rolle bei weitem mehr ergötzt. Robertos
Schläge knallten zwar nur, was die Kinder heulen machte, doch
das Sputum, die faulen Eier und stinkenden Gedärme, mit denen
man mich in den Dörfern bedachte, die waren handfest und er-
bost gemeint.
Wir zogen die Seen entlang, die Berge wurden höher, die ent-
fernteren trugen schon Schneekuppen auf den Gipfeln. Und jede
Nacht wurde es kälter, dafür aber einsamer, nur noch Einzelge-
höfte, deren Bewohner uns immer weniger Beachtung schenk-
ten, ja sie schauten nicht einmal vom Heuen auf; der Herbst
neigte sich dem Winter zu.
Erhebende Zweifel
Otranto, Winter 124/46
sollen, bis sie dem zartesten Kindesalter entwachsen und für die
»Denn so wenig ich auch über Schoß und Samen weiß, dem sie
entsprossen sind, ein Teil der Schia sind sie wohl kaum! Was für
ein Spiel treibt ihr mit ihnen?«
Verunreinigung …, so sicher ist auch, daß keinem der Kinder ein
Leid geschehen soll! Wir brauchen sie!«
»Wie richtig!« fauchte Laurence. »Ihr gebraucht sie … noch!«
»Wie falsch«, sagte Tarik trocken. »Nur falsches Blut verun-
damit solche religiösen Fanatiker und politischen Wirrköpfe die
klaren Gemüter der Kleinen vernebeln?
Doch Turnbull begeisterte sich weiter an seiner Idee. »Herr-
scher, die das Reich Gottes bereits in sich tragen. Die Katharsis
ihrer Eltern als treibende Kraft, vereint doch diese gereinigte
Form des Christentums alle Lehren in sich, versöhnt alle Religio-
nen«, ereiferte er sich. »Ich sehe«, und er schloß die Augen, »die
Kinder in Jerusalem, Stätte des Heiligen Grabes, Stätte auch, von
der Mohammmed gen Himmel fuhr, Tempel des …«
»Roç als Papst, Yeza als Kaiserin?« unterbrach ihn ironisch
Tank, und auch Laurence konnte nicht an sich halten: »Und die
Weltherrschaft der Prieuré manifestiert sich endlich am histori-
schen Ort!«
»Nicht Herrschaft, nicht Macht: die
‰leys damorˆ
wehrte sich
John emphatisch. »Ein Ende aller Gewalt, die Rückkehr ins ver-
heißene Land …«
»Dann eben Palermo!« bot Laurence an, als ob sie das
Geschick der Menschheit mit einem Federstrich verändern
könnte. »Sizilien als mediterranes Bindeglied zwischen Mor-
gen- und Abendland!« Ihr kamen Zweifel ob ihrer Vollmacht.
Die Lawine
Alpen, Winter 124/46 (Chronik)
Wir bogen in ein Tal ein, an dessen Südhängen noch Wein ge-
Den Karren, der bisher mich großen Sünder, mein lüstern
Weib … diese gute Amme von gräßlicher Häßlichkeit … und die
blöde Brut meiner Lenden getragen hatte, ließen wir bei ihm
stehen. Der Pfad war zu steil und das Geröll zerfurcht von Regen
und Schneewassern.
ziehen vermocht hatte. Sonst möge der Herr seiner Seele gnädig
sein!
Erst stellenweise, doch bald überall bedeckte harter Schneefir-
niß den Felshang, Verwehungen hinderten unseren mühseligen
Aufstieg ebenso wie Gesteinsbrocken, die des öfteren sich aus
der Wand lösten und mit Gepolter an uns vorbei talwärts spran-
gen. Die Luft wurde schwerer zu atmen und vor allem kälter und
der Schnee immer höher.
»Laß uns umkehren, Hamo« sagte ich ruhig, um nicht seinen
DIE SARATZ
Der Graue Kardinal
Castel Sant Angelo, Winter 124/46
Die Peitschenschläge klatschten nicht, fauchend surrten sie nie-
der auf den muskulösen Rücken des Delinquenten; sie pfiffen wie
die Stöße eines Sturmwinds, legten Pausen ein zum unhörbaren
Mitzählen, zum hastigen Atmen
zwischen zusammengebissenen
Zähnen, um dann mit schrecklich gleichmütigem Pendelschlag
aufs neue die Luft und dann die Haut zu durchschneiden. Das
Fleisch auf den Rippen rötete sich, schwoll und platzte auf
… Striemen für Striemen.
»Nicht weil du sie hast entkommen lassen«,
sagte die Stimme
des Unsichtbaren zwischen zwei Schläge hinein, kühl das lästige
Geräusch des nächsten abwartend; eine Unterbrechung lag ihm
fern,
»sondern weil du mir einen Tort vor aller Welt angetan!«
Pfeifen und Aufschlag des biegsamen Holzes auf dem gebeugten
tus wußte, daß nicht weitere Aufsässigkeit, sondern nur völlige
Unterwerfung ihm Nachsicht verschaffen, ihm ersparen würde,
zum Krüppel geprügelt zu werden.
Der Ton des Unsichtbaren änderte sich: »Hast
du bedacht, daß
mit der gelungenen Flucht in den Osten jetzt ein Mythos entstehen
könnte, der viel schwerer umzubringen ist als ein Mönch und zwei
Kinder?«
fragte die Stimme resignierend.
»Die Kinder, heute in
der Hand der Mongolen, bilden vielleicht morgen das Unterpfand
für ihren latenten Anspruch auf Weltherrschaft!«
»Den hegen die Nachkommen Dschingis-Khans sowieso
… und dann wissen sie ebensowenig wie wir, wer diese Blagen
eigentlich sind!«
»Der ihre Flucht bewerkstelligt hat … ich meine nicht diesen
Mönch …, der wird auch dafür Sorge tragen, daß der Großkhan es
beizeiten erfährt.«
»Woher wißt Ihr eigentlich«, knurrte Vitus, den jede Berüh-
Vitus entrang sich ein Lachen, das er schnell wieder einstell-
te; jede Bewegung der Rippen schmerzte höllisch. »In Masyaf«,
anzugleichen galt. Was einem Konzil einst frommte, mochte
Hunderte von Jahren später den Interessen des Patrimonium
Petri zuwiderlaufen. So waren denn auch Petschafte, Siegel und
Unterschriftsschablonen verblichener Päpste und Legaten zur
Hand, Tinten, Lacke, Schnüre und Kordeln aus allen Epochen
»Soll ich ein Substitut …?«
»Setzt es auf, und überlegt schon mal, wie ein Austausch zu be-
werkstelligen …«
»Andreas?«
»Ungeeignet! Höchstens als ahnungsloser Überbringer. Überlaßt
die transactio unserem Mann in Konstantinopel! Sorgt nur dafür,
daß sich die beiden treffen, Longjumeau und Orta!«
Matthäus kramte in seinen Regalen nach der Sorte Pergament,
wie es die Kanzlei des Hofes von Kairo zu benutzen, pflegte. Er
dachte auch an die rechte Tinte. Dann drehte er die Dochte in
den Lampen an seinem Pult höher.
»Und nicht zu empfindlich, Matthäus!«
ließ sich die Stimme
noch einmal vernehmen; ihm war, als schwänge ein verhaltenes
Lachen mit … ein Gedanke, der alsgleich verworfen wurde! Der
Graue Kardinal kannte keinen Spaß.
»Wenn wir schon dem Rad
der Weltgeschichte in die Speichen greifen«,
fuhr die Stimme aus
dem Dunkeln fort,
»dann kräftig! Mags auch aufkommen auf
kurz oder lang: Etwas Schlamm bleibt immer haften!«
Der Windzug, der die Lichter flackern ließ, zeigte Matthäus an,
daß er sich nun an die Arbeit machen konnte.
Die Brücke der Sarazenen
Puntrazena, Winter 124/46 (Chronik)
Ich bin im Himmel! Vom weißen Kissen, das mich umhüllte
und meinen Blick einengte, wischte ein Engel mit zarter Hand
rahmten.
»Mithl khimzir al-saghir?«
Koboldsmasken im Gegen-
licht, sie blinzelten neugierig
auf mich herab und sprachen eine
Sprache, die ich am allerwenig
Ich war unter eine Lawine geraten. Die dicke Frau und die bei-
den Kinder waren in eine Schlucht gerissen worden; man könne
sie in der Tiefe liegen sehen, aber nicht bergen. Die Schnee-
schmelze im Frühjahr würde ihre Körper schon herausspülen,
Auf Anordnung des Dorfältesten, den ich noch nicht zu Gesicht
bekommen hatte, wurde ich im Haus des Xaver untergebracht,
und zwar unten im gemauerten Sockelgeschoß bei den Ziegen.
Ich war so erschöpft, daß die Männer mich mehr hintrugen als
mal erleben, wie schnell so ein Minorit im beizenden Rauch mit
seiner verlogenen Seele ins Reine kommt. Aus Furcht, zur Wurst
zu werden, hängen sie lieber in der frischen Luft!« Er schlug sich
»Wir erwischen alle!« rief er mir nach, als ich mich eiligst auf
den Weg machte.
»Den Burschen, denen es nicht gelingt, eine Saratz-Tochter zu
freien, bleibt nur, den Ort zu verlassen und sich in der Fremde zu
verdingen.«
Wir waren an der Brücke angekommen, der ‰Puntˆ, die im kühnen
Bogen die schrundige Klamm überquerte; unten gurgelte, krachte
und zischte das Wasser, das man von oben nicht sehen konnte, so
Pupillen von bodenloser Tiefe. Sicher warfen sie einem Chri-
stenmenschen nicht sein Spiegelbild zurück, wenn er sich arg-
los näherte, sondern sogen ihn in sich auf, ohne daß eine Welle
Kreise zog.
Teufels Machwerk! Ich schlug dreimal das Kreuz.
Da sah ich ihn kommen. Eine einsame Gestalt, die Kapuze tief
ins Gesicht gezogen. Ich dachte unwillkürlich an Vitus, meinen
Verfolger. Doch dieser trug, ich
konnte es deutlich erkennen, je
näher er kam, die Kutte der Franziskaner, von gleicher Farbe wie
das braune Fell seines Maulesels, der schwer bepackt hinter ihm
meine Fußstapfen und auch die Richtung verloren. Da ertönten
Glöckchen, erst leise, dann immer lauter scheppernd. Die Beel-
auf den Knien vor ihr, »folgen wie eine Eurer Ziegen, wenn Ihr
mich nur rausführt aus diesem finstren Tann.«
Ich stand auf und klopfte mir den Schnee ab, doch die beiden
Mädchen lachten nur über mich.
»So behende vermögt Ihr nicht zu springen«, scherzte Madu-
lain, »nicht einmal, wenn wir Euch den Stock spüren ließen!«
Und sie scheuchte die Herde zusammen, die weiter in gewohnter
Richtung zum heimatlichen Stall drängte.
Rüesch, die Tochter, sie mochte höchstens fünfzehn Lenze zäh-
len, hatte ein Herz mit mir. »Wenn ich Euch meine Schneeschuhe
gäbe ƒ« Doch ein stummes Kopfschütteln ihrer Cousine ließ sie
den Gedanken gleich wieder aufgeben. »Folgt nur unserer Spur,
den Läden der Schneeschuhflechter. Ich traf auf Jäger, an deren
Spießen das erjagte Hochwild ausblutete und von Pfeilen durch-
bohrte fette Murmeltiere. Nur Frauen sah ich nicht, auch nicht
die beiden Mädchen. Dafür saß Xaver wieder auf der Bank vor
Meine Augen suchten nach der Tochter, die ich mit der Mutter
Alle tranken mir zu, der ich verwirrt aufgestanden war.
»William ist ein frommer Mann, ein Christ«, fuhr Zaroth fort.
»Ich lege Wert darauf, daß er bezeugen kann, daß die Saratz, die
Wächter der Punt, nicht Jagd auf Angehörige seines Glaubens
machen, sondern auf Feinde unseres Kaisers, Kuriere des Papstes,
die sich unter den unscheinbaren Kutten der Armen Brüder ver-
stecken, um ihr böses Werk zu vollbringen. So sicher wie sie dafür
die Hölle verdienen, zu der wir ihnen in unserer Räucherkammer
»Dann geschähe Ihnen das Gleiche … oder Schlimmeres!« gröl-
te Firouz. »Außerdem ist Kaiser Friedrich grad froh, daß wir ihm
Papstscheiße solcher Art vom Halse halten!«
»Es lebe der Kaiser!« rief Xaver, ehe sich die Stimmung der
Männer gegen mich wenden konnte, und alle hoben wieder ihre
Humpen und tranken sich zu. Es wurde ein arges Besäufnis; nur
wenn mein Blick Firouz suchte, sah ich, daß er, finster brütend,
mich nicht aus den Augen ließ.
Als die ersten Saratz von ihren Bänken zu Boden torkelten,
nahm ich Xaver unter den Arm und schleppte ihn mit mir den
Berg hoch zu seiner Hütte. Er stellte sich breitbeinig hin und
pinkelte gegen seine eigene Mauer, dann … angesichts seines
prallen Schwanzes … muß ihm wohl eine eigentlich nicht mehr
naheliegende Idee gekommen sein. »Alva!« brüllte er. »Alva,
mein Weib, mich verlangt nach dir!«, und stürmte mit offenem
Hosenlatz durch den Ziegenstall die Steintreppe hoch zu seiner
Schlafstelle.
Ich kroch … ohne Licht zu schlagen … in meinen Heuschober
in dem sie züchtig verschwanden, ohne mir den Blick auf mehr
freizugeben, und dann plumpste die jüngste Tochter neben mir
ins Heu.
Ich schlug meine Decke zurück, und sie kroch auch brav an
meine Seite. Sie roch frisch wie Ziegenkäse.
»Alva läßt sichs von Xaver besorgen«, flüsterte sie mir ins
Ohr. »Das dauert, bis er schnarcht«, klärte mich die Tochter
weiter auf. »Du schnarchst auch, William … ich habs gestern
nacht gehört!«
Ich preßte mutig meinen Arm um sie und meine Hand spürte
ihr festes Fleisch. Wenn mir nur ihr Name eingefallen war! Statt
dessen schob sie ihr Hemd hoch bis zum Hals, so daß ich nun
auch frohen Lauf für meine Finger fand.
»Ich will wissen, ob du schnarchst, wenn du bei einem Weibe
»Drunter oder drüber?« scherzte ich, und wir beide lachten.
Sie schlug die Decke zurück. »Laß mich sehen, wie weiß deine
Haut ist!« befahl sie keck.
»Es ist dunkel« flüsterte ich, und ich spürte meinen Stößel
wachsen. »Du mußt es fühlen, Rüesch!« Jetzt war er mir wieder
eingefallen: Rüesch-Savoign!
Und Rüesch-Savoign griff zu. Sie krallte sich in meine Eichel,
sie biß zart in meine Eier, ihre Zunge glitt den Stamm hoch, der,
eh ich michs versah, pulsierend meinen Samen verspritzte. Sie
stöhnend und glucksend zugleich. Endlich nahm ich ihre beiden
Backen und begann dem kleinen Luder Bescheid zu stoßen. Wir
rollten dabei durchs Heu, so daß mal der eine, mal der andere
Pferd oder Reiter war.
»Drunter oder drüber?« lachte Rüesch, und ich spürte wie ein
zweiter Samenerguß aus mir hinausfuhr und sie keuchend zum
Schweigen brachte. Nicht für lange; wir lauschten, ob oben sich
Er brachte die Glut noch näher, Pech tropfte von der Fackel
auf die Brust des Opfers, doch es zuckte nicht. »Schade, daß er
meinen Feinden so treulich zu Diensten war!« Selbst als kleine
Flammen das Brusthaar fraßen, die Haut Blasen schlug, gab
Roberto keinen Laut von sich.
Vitus wandte sich von ihm ab und ging zurück zur Gittertür.
»Walte deines Amtes!« sagte er laut im Vorbeigehen zu dem
Mönch mit dem Brandeisen.
Er hatte die Treppe noch nicht erreicht, da brüllte der Kraft-
Ohne sich noch mal umzudrehen, schritt er die Treppe hinauf.
»Ich flehe Euch nicht an, ich plädiere dafür, die Probe aufs Ex-
empel mit Eurem Hund nicht an den Waden dieser Saratz abzu-
halten, sondern ihn im Süden die Gräfin von Otranto verbellen
zu lassen. Vielleicht sind die Kinder ja nie abgereist. Vielleicht
Gesichter hatten sie hinter Tüchern verborgen, aber ich spürte,
es waren alles alte Weiber. Ich drängte meine Trauer und die
Schwermut zurück, die wie lähmend von mir Besitz ergriffen, an
diesem Ort des Todes, und trat bebend vor sie hin.
Meine Hoffnung, ihn noch lebend anzutreffen, war gering und
schwand mit jedem Schritt, den ich durch das hüfthohe, unbe-
rührte winterliche Weiß stapfte und irrte. Doch den Anblick, der
zuweichen, knurrte er: »Wer äst, wo er nichts zu suchen hat, dem
nen, die seine Brüder trugen, deren Federn und Linnen mit ih-
rem Blutgeld bezahlt wurden ?«
»Darüber wird auch Moos wachsen, William, und du wirst
gern hier bei uns bleiben!« Ich schüttelte den Kopf, doch er hielt
mich zurück. »Du verstehst unsere Sprache, du kannst predigen,
du könntest eine angesehene Stellung einnehmen. Jemanden wie
dich als Botschafter zur Welt, die uns umgibt, von der wir uns
abgeschlossen haben … die Saratz dürfen den Zug der Zeit nicht
an sich vorbeiziehen lassen!«
Entgelt für die Gastfreundschaft, die mir dein Haus gewährt
»Für dich gründen wir eine eigene Kirche nach eigenem
Ritus!« warf Xaver vorlaut ein, wurde aber beifällig, ja mit Ge-
lächter aufgenommen, und Zaroth fing den Ball auf: »Auch der
»Richtig!« grölten genug, um mich behutsam fortfahren zu las-
sen: »Also steht auch das Recht der Gattenwahl durch die Jüngste
außer Zweifel!«
Der Beifall übertönte das Wutgebrüll von Firouz, der aus der
Halle stürmte.
Ich warf Xaver einen besorgten Blick zu, doch der schüttelte
beruhigend den Kopf, Hinweis auf sein Vertrauen in Frau und
Tochter gegen jeglichen Überrumpelungsangriff des erbosten
Ich hatte verstanden und machte den Bock. Xaver stieg auf
meine Schultern und kramte oben in der Mauer herum, wohin
ich nicht sehen konnte, weil Staub und Kalk mir auf den Kopf
rieselten. Schließlich reichte
er mir eine versiegelte Amphore
herunter und sprang ins Heu.
»Komm, William«, krächzte er zufrieden, »die leeren wir bei
mir oben auf dem warmen Ofen … hier neidens einem die Ziegen
und verderben die Blume mit ihren Fürzen!«
»Wo steckst du, William?«
Es krachte wieder, Holz splitterte, die Geißen meckerten aufge-
scheucht dazwischen.
»Wenn ich dich bei meiner Braut finde, brech ich dir die
scherpaar Unannehmlichkeiten zu bereiten. Der Turm steht
schon parat.« Nicola della Porta, lateinischer Bischof im grie-
chischen Byzanz, wies mit lässigem Amüsement auf die elfen-
beinerne Figur seines jugendlichen Gegenübers, die von seiner
Ebenholz-Dame und einem seiner schwarzen Krieger bedrängt
wurde. Seine feingliedrige Hand war sorgfältig manikürt und
trug schwer an dem Bischofsring, einem funkelnd geschliffenen
dunklen Rubin, umkränzt von Smaragden leuchtenden grünli-
chen Feuers.
»Wenn ich springe, schlägst du meinen Turm, und ich kann
die Bresche nicht mehr schließen, … ich kenn dich, Onkel Nico-
la!« Hamo trug eine korallenfarbene Toga, die seine gebräunte
Schulter frei ließ, ein Anblick, der sein Gegenüber mehr erfreute
als die ungleiche Partie.
»Du täuschst dich, mein Lieber«, lächelte der Bischof, »wie
du mich nicht Onkel nennen sollst«, nahm zärtlich die braune
Hand des Jüngeren und ließ ihn den Zug ausführen. »Wir haben
immerhin die gleiche Großmutter, und …
„†‡ Š‹Ž\
„†@}‘, ’‹Ž‘
„†• _†– –—„‘ …«, er schlug mit geschicktem Schlenker den
Position seiner Mannen. Dann gab er ihm einen Stoß, der aus-
gleichend fast alle Figuren stürzen ließ.
»So töricht wie du«, schalt ihn Nicola lächelnd, »verhält sich
nur unser Kaiser, ich meine Balduin.«
Hamos Blick folgte dem des Bischofs über das weit größere mar-
morne Schachfeld, das den tiefergelegten Boden des ganzen Saales
bedeckte und, auf raffinierte Weise in schwarzweiße Quadrate auf-
geteilt, das Imperium von Byzanz darstellte, in seiner machtvoll-
sten Ausdehnung wie wohl zu Zeiten des Imperators Justinian.
»Den kümmerlichen Rest«, sagt
e Nicola wehmütig, »unseres
lateinischen Reichesˆ, also was Bulgaren und Seldschuken noch
übriggelassen haben, werden sich die Griechen bald zurückho-
len. Dann ist meine Zeit hier auch abgelaufen!«
Hamo stand auf und trat neben ihn. »Friedrich, den ihr den
Westkaiser nennt, kann er Euch nicht zu Hilfe kommen?«
zwischen St. Irene und der Kirche, die dem Sergius und dem
Bacchus geweiht war. Einst für kaiserliche Prinzen gebaut, hatte
ihn schon Balduins Vormund und Schwiegervater, der alte Jean
de Brienne dem römischen Bischof zur Verfügung gestellt, als
dieser sich diplomatisch weigerte, den Palast des Patriarchen zu
beziehen, der zu Vatatses geflohen war.
Die seelsorgerische Tätigkeit des päpstlichen Interessenvertre-
ters beschränkte sich auf Eheschließungen, Taufen und zuneh-
mend Beerdigungen der importierten Oberschicht römisch-ka-
tholischen Glaubens; das Volk hing weiterhin an seinen ortho-
doxen Popen. Es nicht zu reizen war della Portas kluges Prinzip;
er besuchte auch die nahe liegenden Kirchen nur auf besondere
Einladung seiner griechischen
mehr miterlebt hatte und den aufleben zu lassen seine Stellung
ihm untunlich erscheinen ließ. »D
ort siehst du noch die Gestelle,
in die sich die ‰Türmeˆ zwängen mußten, und die ‰Rösserˆ der
Reiter; sie zu besetzen überboten sich die Günstlinge.«
»Und der König und die Königin?« wollte Hamo wissen.
»Sie durften nur von nächsten Angehörigen des Kaiserhauses
dargestellt werden, wahrscheinlich in eigens dafür gefertigten
kostbaren Roben«, antwortete Nicola. »Und dann konnte man
Hamo schüttelte ablehnend den Kopf, schaute einen Augen-
blick erstaunt auf die dritte Scha
le und lehnte sich in die Kissen
zurück, die die Marmorstufen bedeckten.
Der Bischof lagerte sich neben ihm. »Was Otranto anbelangt,
willst du nicht doch deiner Mutter eine Nachricht zukommen
lassen?« insistierte er in einem Tonfall, der zeigte, daß dieses
Thema nicht zum erstenmal angeschnitten wurde und ihm die
störrische Haltung Hamos durchaus geläufig war. Der antwor-
»Eine Lawine!« verteidigte sich Hamo. »Höhere Gewalt!«
»Meist höchster Leichtsinn!« erwiderte Crean trocken. »Wa-
ren alle tot?«
»Wie soll ich das wissen!« begehrte der Gefragte auf. »Ich wur-
in alles ein … und das halte ich für äußerst gefährlich!« schloß
Crean.
Crean teilte das Lächeln des Bischofs nicht. »Irgendein treuer
»Arabisch«, unterbrach ich sie. »Das kannst du besser als Lud-
»Aber ich bin keine Königin«, beschied sie mich ernsthaft,
»noch eine der feinen Damen am Hof! Wie kannst du mich …«
»Rüesch, du bist meine Königin, ich werde jeden Tag vor dir
niederknien und dich …«
Sie lachte. »Knie lieber hinter mich, du Bock! Wenn ich deine
Frau bin, darfst du endlich auf mir liegen, freust du dich, Willi-
am?« Rüesch küßte mich. »Sag mir, daß du dich freust!«
»Wie du!« stöhnte ich und zog sie an mich.
»William«, sagte sie, »kannst du verzichten?«
»Sicher«, antwortete ich, »auf fast alles, außer auf dich!« Ich
wollte sie in die rechte Position
a tergo
rollen, wie es den Regeln
unserer vorehelichen Vergnügungen entsprach, doch mit einem
»William, du bist unverbesserlich!« Sie gab mir einen Stoß, der
mich hintüber warf, und griff sich den Uneinsichtigen. Sie straf-
te ihn herrisch, und als sie spürte, wie er heiß pulsierend tonlos
nach Erfüllung schrie, da drückte sie ihre Lippen auf ihn, nahm
den Tobenden zart in ihren Mund und schluckte den Vulka-
nausbruch meiner Lava, kein Tropfen entging ihrer schnellkrei-
Fels und Geröll. Mein Vorteil war, daß ich außer der morgend-
lichen Messe und der zur Vesper keine Arbeiten zu verrichten
»Dann hättest du dein hübsches Gesicht noch lange nicht ver-
»Macht nichts, William«, sagte sie mütterlich. »Du bist er-
schöpft von dem Weg«, sie nötigte mich, meinen Kopf zwischen
ihren Brüsten zu rasten. »Du bist ja völlig außer Atem!« bemerk-
SOLSTIZ
Des Bischofs Schatzkammer
Konstantinopel, Kallistos-Palast, Herbst 1246
»Was war das?« fragte Crean ruhig, während Hamo bei diesem
heiseren Blaffen, das in ein Knurren überging, zusammenge-
zuckt war. »Das klang, als käme es aus der Unterwelt.«
»Das ist dieser gräßliche Styx!« sagte der Bischof, und sein
angewiderter Gesichtsausdruck zeigte, daß er es auch so meinte.
»Ein neapolitanischer Molosser, gekreuzt mit einer Luxor-Dog-
ge, wie man sie im Sudan zur Jagd auf entlaufene Sklaven be-
nutzt, ein widerwärtiges Vieh! Ich wollte es nicht im Haus haben,
noch im Garten, doch das Küchenpersonal liebt diese Kreatur. So
ist sie nun in die unterirdischen Gänge rund um das Labyrinth
verbannt … ich warte nur darauf, daß die Bestie eines Tages mit
»Der Häscher des Grauen Kardinals!« stammelte er furchtsam.
»Ihr müßt mich schützen!« Er klammerte sich an Crean, doch
der Bischof winkte ab.
»‰Vitellaccio di Carpaccioˆ kann es kaum sein!« Er straffte sich
zu episcopaler Würde, lächelte seinen Gästen beruhigend zu,
zeigte sich dennoch besorgt genug, den Ankömmlingen entge-
genzugehen.
In der Halle traf er zu seiner angenehmen Überraschung auf
Lorenz von Orta, den er kannte, wenngleich nicht in Amt und
Würden als päpstlicher Legat. Lorenz befand sich auf der Rück-
reise aus dem Heiligen Land und war in Begleitung zweier Ara-
ber höheren Standes, die er dem Bischof vorstellte:
»Der edle Faress ed-Din Octay, Emir des Sultans, und der
Kanzler der Assassinen von Masyaf, Tarik ibn-Nasr.«
und Crean sich nach draußen in eine Ecke der Loggia zurückzo-
gen. Man ließ ihn allein mit dem päpstlichen Legaten, vor dem er
überraschende Auftritt dieses Unglücksraben … und das schwör
Sein gebeugter Kanzler sah erstaunt auf. »Ich denke an die
Mongolen«, war die unwirsche Erklärung, »und an ihre Vorstel-
lung von der Herrschaft der Welt.«
großen Zisterne des Justinian führte und von da aus den Hafen
ungesehen per Boot erreichen ließ. Hier, in der Kapelle, hat Nicola
della Porta seine Schätze angehäuft, die er in über zehn Jahren
Tätigkeit im Dienst vieler Herren … und der meisten gleichzei-
tig … zusammengerafft hatte. Daß er seine Schatzkammer dem
Fremden, den er noch nie vorher gesehen hatte, so freimütig öff-
»An Euch ist ein Stratege verloren gegangen, Bischof … aber ist
der König von ebenso klugen wie entschlossenen Beratern um-
geben, wie Ihr es ihm sein könntet?«
»Leider habe ich sein Ohr nicht.« Nicola della Porta lächelte
geschmeichelt. »Ich würde ihm raten … und mir diesen Rat gut be-
zahlen lassen …, auf den Kreuzzug zu verzichten oder ihn auf einen
formellen Besuch Jerusalems, natürlich als glorreiche Eroberung
»ƒ hier, das ist Damaskus unter Ismaïl, die weiße Dame, da-
neben die Türme von Homs und Kerak unter el-Masur Ibrahim
und an-Nasir. Diese schwarzen Krieger sind die wilden Cho-
resmier. Sie hatten gehofft, vom ägyptischen Sultan … dort der
schwarze König … in Kairo, für ihre Hilfe bei der Schlacht von
La Forbie, also Gazah, belohnt zu werden, woran Ayub, mit dem
Heer auf Damaskus vorrückend, nicht im Traume dachte. Erst
mal nimmt er anNasir Kerak weg … ersetze weißen Turm gegen
einen schwarzen …, dann tritt Ismaïl Damaskus ab … weiße Dame
raus, schwarzer König rein …, er
hält zum Trost Baalbek … gib ihm
ein weißes Pferd!«
Tarik und Crean waren hinzugetr
nen, mit den römischkatholischen Priestern auf eine Stufe gestellt
werden, sofern sich das liturgisch vertreten läßt! œ†™Ž} [—­Ž„\!«
schloß der Legat komisch-verbittert seinen Vortrag.
ratz, heiter und unbeschwert wie die Kränze aus den strohigen
Blumen im Fels, die mir meine Hirtinnen wanden, hatten sich
die Tage aneinandergereiht. Der einen war er Brautkranz, mich
zu halten, der anderen Abschiedsgebinde, stille Mahnung, end-
lich aus ihrem Leben zu verschwinden. Ich hatte mich an beider
Blumen erfreut, wenn auch mit gemischten Gefühlen. Warum
sollte ich mich entscheiden; von mir aus mochte ich das gute
Leben und die Liebe noch viele Sommer so weitertreiben.
Doch nun war morgen Hochzeitstag. Ich war noch einmal hin-
aufgestiegen zur Hütte, die mir so viel Abwechslung geschenkt,
dieses köstliche Gehäuse einer doppelten Liebe, Lust und Leiden-
schaft. Ich erinnerte mich des fröhlichen Lachens meines Zick-
leins, der munteren Rüesch, doch schnell wurde es verdrängt von
der wortkargen Melancholie und mühsam gezähmten Wildheit
der Bergkatze Madulein.
Meine Prinzessin! Mir war es, als sei es gestern gewesen! Wie
de, wie eine Prinzessin unter den stämmigen Bergtöchtern der
Saratz, die braungebrannt, heiter und muskulös waren. Madulain
ist schneller; vor dem Schneeschuhmenschen gibt es kein Ent-
kommen …«
»In Wahrheit, Madulain«, begehrte ich empört auf, »willst du
mich loswerden, indem du mich zur Flucht verleitest!«
»Ich bin ehrlich mit dir, William«, gurrte sie leise in mein Ohr,
und die Schlange der Versuchung fuhr mir in Muschel und Ge-
hörgang.
Natürlich wollte ich, schon immer … aus Neugier, aus Freiheits-
trieb. Ohne die Beherrschung der Gleitkunst blieb ich Gefange-
ner des Hochtals. »Ich will Rüesch nicht verlassen, ich habe mich
entschieden, an ihrer Seite meine Tage wie Nächte hier …«
»Schweig!« zischte Madulain und legte mir ihren Finger auf
den Mund »Ich habe dir ein Angebot gemacht, das gegen das
Meine Lehrmeisterin konnte mir nicht mehr beibringen. Und
doch folgte ich ihrem Ruf, wann immer er mich erreichte, nahm
die Strapazen auf mich, zu ihr zu gelangen, hechelte mir die Lun-
ge aus dem Leib … und vergaß alles, wenn sie mir ihren Schoß
einer Tunke geronnener Milch, koriander- und minzgewürzt.
Gefüllte junge Pfefferschoten mit gehackten Wachtelbrüsten und
den edlen, großen, hochgesinnten, geneigten, heiligen Papst, den
dreizehnten Apostel, den Sprecher der gesamten Christenheit,
der die Verehrer des Kreuzes beherrscht, den Richter des christli-
chen Volkes, den Führer der Söhne der Taufe, den höchsten Prie-
ster der Christen … Gott stärke ihn und schenke ihm Heil! …ˆ«, er
schob noch schnell eine ölglänzende Dolmade nach, »‰von dem
allmächtigen Sultan, dem Herrscher über die Häupter der Völker,
der Gewalt hat über das Schwert und die Feder, der die beiden
ob sie beißen oder saugen wollen, ob heiß oder kalt, ob Glauben
oder Unglauben!«
Lorenz unterband eine weitere Diskussion, indem er nun, den
Cantus Gregorianus meisterlich imitierend, seinen Vortrag fort-
vorher seine Meinung darüber und seine Zustimmung eingeholt
haben. Und Wir haben Unserem Gesandten am Hofe des Kaisers
geschrieben und ihm die Fragen, die Uns der Bote des Papstes
»Mein frevelhafter Eingriff in das Menü«, entschuldigte sich
Nicola, »geschah nur im Bestreben, wenigstens dem Herrn Le-
gaten die Aufnahmefähigkeit für deine Dessertkompositionen
zu retten. Laß nun die Schleckereien auffahren, die Hamo so
liebt! Und« … er reichte ihm den Brief an den Papst … »besorg
mit gleicher Kunstfertigkeit hiervon zwei Abschriften, die kei-
ner vom Original unterscheiden kann, samt unerbrochenem
Siegel! Ich weiß, daß du darin ein Meister bist, der auf der Welt
nicht seinesgleichen hat!« Mit dieser Tröstung entließ er Yar-
zinth.
Crean schaute bewundernd um sich in der Pracht, die Tarik
mit einem kurzen Blick erfaßte. »Der Heilige Vater läßt seine
Diener nicht in Armut verkommen«, bemerkte er trocken. »Oder
ist das die unfreiwillige Hinterlassenschaft des Patriarchen ?«
»Leihgaben, meine Herren! Was nützen sie dem treuen Sohn
der Kirche, der allein das Himmelreich anstrebt?«
»Und der Kaiser? Und Vatatses? Sie stiften der bischöflichen
Schatulle nur, weil sie um ihr Seelenheil besorgt sind?«
»Balduin zahlt, damit ich für den Erhalt seines Thrones in
Rom interveniere; der Grieche dafür, daß ich es tunlichst unter-
lasse … er zahlt besser!«
»Und was zahlt Ayub Euch?«
»Was ihm meine bescheidenen Dienste wert sind ƒ«
»Wir Assassinen«, sagte Tarik, »zahlen nichts. Wir lassen Euch
leben!«
»Zu gütig«, antwortete della Porta leichthin, doch das malizi-
öse Lächeln auf seinen Lippen wirkte erstarrt.
»William von Roebruk«, wechselte der Kanzler von der Einlei-
tung zur Sache, »wird von Crean herbeigeschafft werden, hier-
her! Ich werde dafür Sorge tragen, daß Pian del Carpine nebst
Begleiter seinen Rückweg über Konstantinopel nimmt. Das wei-
tere wird sich finden, definitiv!«
»Und die Kinder?« fragte Crean.
»Faress ed-Din wird auf dem Weg zu Friedrich in Otranto
Weisung erteilen, sie der Besatzung von Lucera zu überstellen.
Dort lasse ich sie abholen!«
»Der Emir wird sich weigern«, sagte der Bischof, »und er kann
Tarik funkelte ihn für einen Augenblick unbeherrscht an.
»Dann soll Lorenz diesen Auftrag ausführen, der kann sich nicht
weigern!«
»Der Legat wird sich freuen, in Otranto Station zu machen,
würde er doch am liebsten dem Papst mit dieser Antwort des
Oben war, scheints, Xaver an die Fensterbrüstung gesprungen.
»Wenn du es wagen solltest, Firouz …«, brüllte er hinunter, wü-
tend aufgrund der Störung seines Nachtschlafs, aber vor allem
über den abgewiesenen Freier. »Wann willst dus endlich begrei-
fen, du Hammel!«
»Der Kaiser ist im Anmarsch!« verteidigte sich Firouz. »Auf
Befehl von Zaroth, unserem Ältesten«, wies er Xaver zurecht,
»sollen wir William im Verwahr nehmen, solange Seine Majestät
in unserer Gemarkung weilt!«
»William ist doch kein gedungener Meuchelmörder!« empörte
sich Xaver an meiner Statt, doch auch dieses Argument verfing
nicht, weil Firouz es besser wußte.
»Deinem William soll keine Möglichkeit des Kontakts gegeben
werden, noch soll man ihn zu Gesicht bekommen!«
Also trat ich vors Haus und hielt meine Hände hin, damit man
oben hinter ihrem Fenstergitter und ließ mich in das Steinhaus
verbringen, das sich Firouz stolz auf einem Felsen oberhalb der
hielten sich in respektvoller Entfernung. Dann schollen Fanfa-
ren oberhalb des Dorfes, Ich eilte zur Tür und sah, in prächtigen
Roben, das Gefolge des Kaisers einziehen. Unsere Miliz stand
am Straßenrand und salutierte mit Dreschflegeln, Sensen, Äxten
und Hämmern. Wer Spieß oder Schwert besaß, hatte es heraus-
geholt ebenso wie manch alten Helm oder Schild.
Auf einem Dromedar, das viele hier noch nie gesehen, hockte
ein Mohr mit Turban und schlug die Kesselpauke. Es war ein
Gewirr und Gewimmel von Fahnen und Standarten, in denen
unser Empfangskomitee, ein um Würde bemühter Zaroth und
die anderen Ältesten, mit dem Streitbanner der Guarda del Punt
sang- und klanglos unterging. Sie wurden zur Seite gedrängt von
der nun im Laufschritt zu Fuß antrabenden Sarazenen-Leibgar-
de des Staufers.
Friedrich saß auf einem Rappen, den vier Grafen führten.
Er trug keine Krone, sondern war barhäuptig. Ich konnte sein
rotblondes Haar genau sehen. Da auf der Gegenseite sein Kon-
Ich hatte somit noch Muße, den Kaiser und seine nächste En-
tourage zu beschauen. Und wen entdeck ich zu meiner Überra-
schung: meinen Präzeptor der Templer, den edlen Herrn Gavin
sprudelte er sein aufgeschnapptes Wissen heraus. »Er wird aber
heute noch ‰sich zur Umkehr bewegen lassenˆ«, ließ er mich
konspirativ an seiner Erkenntnis teilhaben, »woraus du ersehen
kannst, daß er nur den Raspe zur Rede stellen wollte!«
Die Saratz eilten noch einmal auf die Straße und winkten,
dann war es vorbei. Glitzernd bewegte sich des Staufers Troß
hinauf zum Paß und verschwand gar bald oben in den Serpenti-
nen, während im Wald jenseits der Punt noch ein paar Fähnchen
irrlichterten und sich dann auch dort die gewohnte Einödstille
Das wars! Wie liebte ich diese Küchlein aus glasierten Kasta-
nien, geschmorten Äpfeln, in Bucheckernteigtaschen gebacken
und dann mit frischem Eierschaum, roten Beeren und gehack-
ten Nüssen gefüllt. Sie zerplatzten einem im Gesicht, ihr halber
Inhalt lief über Bart, Gewand und Hände … was machts, die
konnte man abschlecken, auch gegenseitig, ein beliebtes Spiel
der Jungen und Anbahnung des ersten Werbens, war es doch ein
traditionelles Zeremoniell, womit die Mutter der Braut im Dorf
kundtat, daß die Tochter am nächsten Abend ihrem Freier das
Jawort geben würde. Xaver hatte meine Vermählung mit Rüesch
tuschelt, konnte es aber als Attraktion nicht mit dem Mohren
mit der Kesselpauke auf dem Höckertier aufnehmen. Nach gut
einem Jahr war ich fast einer der ihren, würde anderntags wie
auch sonst morgens und abends zu bewundern sein, beim Vor-
dingen. Madulain ist bereit, dieses Los an meiner Seite auf sich
zu nehmen, also bitten wir dich um den Segen des Herrn.«
mert, hatte kein Gefühl für mein Unglück, wie sollte er auch.
Er gab mir seinen Augapfel zur Frau. Draußen herrscht eitel
Resthirn zu einer List. Ich wies uns den falschen Weg, und statt
die Treppe zum Saal des Ältesten noch einmal hinaufzustolpern,
schleppte ich Xaver die Gasse aufwärts.
Auf allen vieren gelangten wir schließlich vor unser Haus. Da
wurde Xaver plötzlich wieder munter, und ich mußte auf die Lei-
ter steigen, um noch eine ‰ganz kleine Amphoreˆ eines besonders
guten Tropfens herunterzuholen. Ich weiß nicht mehr, wie ich
sie nach seinen wirren Angaben gefunden habe, nur noch, daß
ich von der Leiter ins Heu fiel, ohne dabei das kostbare Gefäß zu
zerbrechen.
Wir torkelten in die Küche, krochen auf den Ofen. Xaver
bestand darauf, ich solle heute nacht dort schlafen. Er ent-
fernte umständlich die Versiegelung aus Wachs und Harz, goß
das Öl ab, roch an der Amphore und fiel in totenähnlichen
Schlaf. Gerade noch konnte ich ihm das Gefäß aus der Hand
winden.
So saß ich da, als die Tür leise aufging und Alva im Hemd
eintrat. Sie sagte kein Wort, sondern bestieg entschlossen unser
ihre Flechten waren aufgegangen und ihr schwarzes Haar umflu-
stützte offen den von Trapezunt her herandrängenden Vatatses,
und ließ sich das auch einiges kosten … Investitionen auf eine
Vormacht Genuas im wiedererstandenen Byzanz.
Aber noch war Venedig Herrin der Dardanellen und des ein-
träglichen Monopols. So war es für den Kommandanten des Seg-
cher Mission auf dem Rückweg vom Hofe des Sultans nach Lyon,
Orient auch dann nicht, wenn Euch unsere Geschichten an die
Erzählungen der Scheherazade erinnern sollten!«
Lorenz trat aus dem Schatten des Zeltes. Das Schiff hatte das
Goldene Horn verlassen, und er schaute hinauf zu den Hügeln,
in deren Grün der Palast des Bischofs liegen mußte. Noch einmal
sah er die Kreuze auf den Kuppeln der Hagia Sophia aufblitzen,
und dann entzog sich Byzantium seinen Blicken; nur seine
Sie waren noch in der Ägäis, als Lorenz sichtlich aufgeregt seine
beiden Freunde mit verstohlenen Gesten ins Heckzelt winkte.
»Ich habe gesehen, wie sich der Herr Legat an meinen Sachen
zu schaffen machte. Ich bilde mir ein, den Brief an den Papst in
seinen Händen gesehen zu haben. Als ich dann nachschaute, fehlte
eines jeden Gläubigen und mit dem kein Friede auf Erdenˆ! Es
Sie waren schon im Ionischen Meer, als der Kommandant sich
endlich bequemte, seine zahlende
n Gäste zusammen an seinen
Tisch zu bitten. Ansonsten hatte er es vorgezogen, allein unter
dem schattigen Zeltdach zu tafeln, und hatte sowohl den beiden
Kirchenmännern wie den armenischen Händlern ihr Essen ge-
trennt unter heißer Sonne servieren lassen. Er zeigte sich auch
traulich, wie das große Herren tun, wenn sie sich leutselig geben
und doch bedeutend …, »das Rom ihnen, in weiser Voraussicht
und um genügend Zeit zu gewinnen, geschickt zugespielt hat.
Das ist nämlich die wichtige Aufgabe des William von Roebruk!
Ich weiß das …«, fügte er noch nebensächlich hinzu, »aus Masyaf
vom Großmeister der Assassinen, Taj al-Din persönlich.« Man
konnte spüren, daß er auf diese Bekanntschaft stolz war; erstaunt
war allerdings Crean. Es verschlug ihm die Sprache, was der Le-
des Legaten gefunden hatte, den er zu seiner Operation noch
benötigte.
mitreisenden ‰Armenierˆ, »und das Essen an Bord wird auch
immer miserabler!«
»Das kommt davon, wenn man einem Venezianer die Passage
im voraus entlohnt!« Faress ed-Din ließ sich die gute Laune nicht
verderben. »Doch wir sollten bald unser Trinkwasser erneuern,
es wird zusehends brackiger.« Er hatte das laut genug gesagt, da-
mit es auch der vorbeistolzierende Kommandant hören konnte.
»Typhus und Ruhr sind die unausbleiblichen Folgen!« hieb
Crean in die Kerbe.
»Wir laufen Bari an«, beschied sie der Kommandant hochnä-
sig, »bis dahin müssen die werten Herren ihre erlesenen Ansprü-
che zurückstellen!«
»Seekrankheit kann es nicht sein«, knurrte der Venezianer
mißtrauisch.
»Sieht nach Typhus aus«, brummte Crean, »ansteckend!
… doch macht Euch keine Sorgen, mein Freund ist ein Arzt, er
hat in Salerno studiert, er kennt …«
»Das interessiert mich nicht. Er kann der Doktor Abu Lafia
persönlich sein … die beiden müssen sofort von Bord!«
»Seid nicht unmenschlich!« beschwor ihn Crean. »Ihr könnt
doch nicht einen Todkranken …«
»Ich kann … im Interesse meiner Mannschaft … ihn samt Eurem
armenischen!« Crean lächelte. »Ihr«, fuhr der Legat erregt fort,
»seid ein guter Mann, fromm und ohne Falsch, das spürt einer
mit meiner Erfahrung gleich. Im Dienste des Heiligen Vaters
kann man sich nicht genug vorsehen, der Staufer ist zu jeder
Teufelei fähig. Gerade hat man mir stolz erzählt im Hafen, daß er
Mörder gedungen hat, die den Papst in Lyon beseitigen sollten.
Das schimpfliche Attentat ist fehlgeschlagen, was die verstockten
Untertanen des Verfemten offensichtlich noch bedauern! Des-
wegen bin ich auch nicht in diesem Bari geblieben. Drei Kerzen
einem Mauersegler zurück, behutsam in ihren sicheren Händen
Ich umarmte sie und zog sie zu mir hoch. »Rüesch«, sagte ich
seufzend, »ich will dich nicht verlassen, ich liebe dich!«
DIE FÄHRTE
DES MÖNCHS
Ein heißes Bad
Otranto, Herbst 1246
Wie eine bissige Muräne, die ein Fischlein als Beute im Wasser
erspäht hatte, glitt die Triëre aus dem Hafen von Otranto, um
das Fischerboot aufzubringen. Doch bevor sich ihr Rammdorn
in die Planken bohren konnte, hatte der Kapitän der Triëre den
‰Roten Falkenˆ wiedererkannt; vor zwei Jahren hatte er ihn, zu-
»Was völlig genügt!« mischte sich Laurence ein. »Denn einen
schönen Menschen kann man Friedrich nicht
gerade
»Sein Geist und sein Blut«, warf sich Clarion in die Brust, »dar-
auf bin ich stolz!«
»Solltest du auch seine Menschenliebe und Güte geerbt ha-
ben, dann kümmere dich um unseren Lorenz; er ist ein Freund
Williams und auf dem Weg nach Lucera. Ich kann leider nicht
auf seine Genesung warten, sondern muß sofort zum Kaiser
nach Foggia.« Er wandte sich an die Gräfin. »Wenn Eure Triëre
mich …«
»Von Herzen gern.« Laurence biß sich auf die Lippen; von
nichts auf der Welt trennte sie sich schwerer als von ihrem waf-
»Er ist krank, Laurence!« wies Clarion ihre mißgelaunte Zieh-
mutter zurecht. »Gleich geh ich nach ihm schauen!«
»Kannst es wohl nicht abwarten?« höhnte die schlanke Gestalt,
deren hennagefärbtes Haar grell von ihrem ansonsten schlichten
Habit abstach.
Ihr Kampf gegen das Alter, dachte Clarion, macht vor nichts
halt! Sie wird mich auch noch aus dem Haus ekeln wie Hamo,
ihren Sohn! »Wozu auch?« fragte sie aufreizend und wandte sich
entschlossen zum Gehen.
»Er ist zwar ein Mönch, und ein stinkender dazu, aber dafür
bist du …«
»Ich weiß: das schamloseste Geschöpf auf Gottes Erdboden,
zumindest zwischen hier und Foggia … ich hätt mit Konstanz
davonsegeln sollen! Der ist zwar mein Onkel, aber das hätte mir
nichts gemacht. Auf ‰deinerˆ Triëre, vor den Augen der gesamten
Mannschaft, hält ich mich ihm hingegeben.«
Sie verließ schnell den Raum; der Gräfin rutschte bei solcherlei
Exkursen rasch die Hand aus.
Lorenz hockte im dampfenden Badezuber und ließ sich … zwar
unter Stöhnen, doch offenbar mit Genuß … von zwei Mägden
den Rücken schrubben. Es ging ihm zunehmend besser; die
Krämpfe im Magen hatten merklich nachgelassen, das leichte
Grimmen entschwand in der wohligen Wärme der ihn um-
spülenden Wellen im Bottich. Über den Rand starrten ihn die
neugierigen Augen der Kinder an, die schnell Mut faßten, mit
ihren Händen ins Wasser zu langen, um erst sich, bald ihn zu
bespritzen.
nämlich sein
nom de guerre!«
klärte er den Mönch auf. »So heißt
er zu Hause.«
Yeza mischte sich ein, weil sie es nicht leiden konnte, daß Roç
so tat, als wüßte er alles nur allein. »ƒ wenn er in seinem Zelt in
der Wüste auf Taubenjagd geht.«
»Ach«, sagte Roç herablassend zu Lorenz, »sie bringt wieder
alles durcheinander … die Brieftauben fangen die Falken natür-
lich vor dem Palast des Sultans ab, damit der alles lesen kann,
was die anderen schreiben … und in der Wüste gibt es überhaupt
keine Tauben!«
»Doch«, beharrte Yeza, »denn die müssen sie überfliegen, wie
das weite Meer, wenn sie irgendwohin wollen!«
»Da kannst du aber lange warten, bis eine Taube vorbei-
kommt!«
»Deswegen hat er ja auch sein Zelt, darin kann er schlafen!«
Yeza ließ sich nicht in die Ecke drängen.
»Sicher meint sie Möwen«, wandte sich Roç noch mal an Lo-
renz, der lachend sich den Streit angehört hatte.
»Es war der Rote Falke«, bestätigte er die Frage. »Er läßt euch
grüßen … wie übrigens auch Crean de …«
»Was?« entfuhr es Clarion in der Tür des Baderaumes. »Der
Schuft!« Sie trat funkelnden Auges an den Bottich, in dem Lo-
renz sich bemühte, seine Blöße zu bedecken. »Er reiste mit Euch,
ohne hier vorbeizuschauen? Das sieht dem Kerl ähnlich, sich
klammheimlich an Otranto vorbeizuschleichen! Warum …«
»Laßt Euren Zorn nicht an mir aus!« beschwor sie lächelnd der
Mönch, den Zerknirschten spielend. »Ich bin nur zufällig hier,
weil mich der Venezianer ins Meer werfen wollte. Crean durfte
an Bord bleiben.«
»Ihn hätten sie ins Wasser stoßen sollen … mit einem Mühl-
stein um den Hals! Der Treulose!«
»Sie liebt ihn nämlich«, erläuterte Yeza dem verschüchtert wir-
kenden Lorenz, was ihr einen Klaps eintrug, dem sie geschickt
auswich. »Du bist ein Freund von William?«, und sie spritzten
Lorenz, weil er nicht schnell genug antwortete, und Clarion
gleich dazu, weil sie die Plagegeister wegzudrängen versuchte.
»Ich glaube, William ist bei den Mongolen.« Lorenz lächelte
»Ist er ein
vagabundus
geworden?« Yeza mußte dieses Wort in
der Küche oder Wäschekammer aufgeschnappt haben, vielleicht
auch bei den Reitknechten.
Abgesandter des Kanzlers Tarik ibn-Nasr von Masyaf!« Er hielt
sie hoch.
»Der gute alte Tarik!« seufzte die Gräfin erleichtert.
»Kommt!«
Die Mausefalle
Cortona, Winter 1246/47 (Chronik)
Das brausende Hochgefühl meiner Flucht aus dem Hochtal der
Saratz ebbte so schnell ab, wie der Schnee in den tieferen Lagen
spärlicher wurde. Bald waren die Schneeschuhe mir nur noch
eine Last, ich war zwischen den immer häufiger aus der dünnen
Decke ragenden Steinen ein paarmal schon erbärmlich auf die
aus der ich mich losgerissen hatte, so zum Greifen nah noch und
doch schon in so weite Ferne gerückt.
Ich sah noch einmal meine kleine Braut vor mir stehen … ich
Feigling! Sie war der Held; sie hatte tapfer dem sie entehrenden
und gefährdenden Tun dieser erbärmlichen Kreatur William ins
Auge geschaut, hatte ihm sogar noch geholfen, zu sich zu finden,
völlig selbstlos! Und ich, ich windiger Egoist! Was wollte ich ei-
gentlich? Ich glaube, ich bin krank im Gemüte. Da streb ich nach
Geborgenheit und Glück, nach Anerkennung und Zärtlichkeit
wie nach einer seltenen Blume im Walde, die nie verwelkt, herr-
nig Federlesens, wie die vollen Galgen und die zerfleischten Ge-
rippe auf den Rädern mich mahnten, von denen Raben und Geier
kreischend auffuhren, wenn ein Lebender wie ich sich nahte.
So traf ich auch die alte Larissa wieder. Sie hing in einem Käfig,
ihre ausgestochenen oder von Vögeln ausgehackten Augenhöh-
len grinsten mich an. Aber kein Zweifel, es war die Schausteller-
familie, die vor über einem Jahr unseren Weg nach Norden so
kleidung der Saratz mittlerweile in Fetzen vom Leibe hing. Ich
vermied es tunlichst, mich mit Ordenszugehörigkeit, oder gar
meinem Namen zu erkennen zu geben, wußte ich doch nicht,
wahrscheinlich eher seine Flüche … plötzlich erhört worden
waren. Es ließ mir jedenfalls Zeit für den Gedankenblitz, daß er
mich nicht gesucht, sondern ich ihn endlich gefunden hatte!
So faßte ich meinen Mut zusammen und begrüßte ihn keck:
»William von Roebruk vom Orden der Minderen Brüder zu
Euren Diensten, edler Vitus von Viterbo! Womit kann ich Euer
Gnaden dienen?«
Kaum hatte ich es ausgesprochen, dachte ich, er explodiere.
Sein Kopf lief hochrot an, ein Keuchen entrang sich seiner Kehle,
als habe er eine Kröte in den Hals bekommen … die Kröte war
wohl ich … und würde auf der Stelle daran ersticken. Doch Vitus,
der sich schon halb erhoben hatte, ließ sich zurück in seinen Ses-
sel fallen und stierte mich sprachlos an, bevor er herauswürgte:
»Was fällt dir Strolch ein, dich mit dem Namen des berühmten
und geschätzten Franziskaners zu schmücken, von dem alle Welt
weiß, daß er im Auftrag unseres Heiligen Vaters mit seinem Or-
densbruder Giovanni Pian del Carpine zu einer wichtigen Missi-
on zu den Mongolen aufgebrochen ist, von der er nicht zurück-
kehren mag … und wenn, dann mit einem Antwortschreiben des
Großkhans an Seine Heiligkeit Innozenz IV, Vater der gesamten
Christenheit: Zeig es her!« So schrie er mich förmlich an, wobei
sich seine Stimme überschlug, denn er war vorher schon zuneh-
mends lauter geworden. Wohl mehr, um mich einzuschüchtern;
denn wie ein Gewitter, das vorüberzieht und sich entlädt, wech-
selte er in einen milden plaudernden Tonfall und bot mir an,
Platz zu nehmen … nicht ungeschickt, denn nun mußte ich zu
ihm aufschauen.
»William«, sagte er sanft, »die Tatsache, daß du vor mich zu
abgezwackt hat. Daß du mich noch siehst, heißt nur, daß du noch
deine Augen im Kopf hast. Was hast du sonst noch im Kopf, Wil-
liam, spuck es lieber gleich aus!«
Ich war in seiner Hand, er konnte … und würde … alles das mit
mir machen, wenn ich Wirkung zeigte. »Ihr seht, Vitus, weil Euer
Augenlicht Euch noch nicht im
Stich läßt, daß ich nicht bei den
Mongolen weile, und Euer Scharfsinn wird daraus zu folgern
vermögen, daß ich mich nie dorthin begeben habe …«
»Sind dieser Art die Dienste, William«, fragte er mich leise … es
sollte besorgt klingen, tönte aber drohend …, »die Ihr mir ein-
»Ihr rührt mein Herz ob soviel Anhänglichkeit«, unterbrach er
mich … man sah förmlich, wie er vor sich hin kochte …, »wenn da
Vitus legte eine Pause ein, um sich der Wirkung seiner Ge-
danken zu vergewissern. Nicht übel … und so sicher war ich mir
nicht, was ihr Verhältnis zu Hamo anbelangte. Wären die frem-
den Kinder ihr näher? Ich ließ mir nichts anmerken.
»Doch«, fuhr er ruhig fort, was mich aufhorchen ließ, »wenn
ein Freund käme, ein Vertrauter des Kaisers, ihr an Treue zu
diesem und zu diesen Bastarden königlichen Bluts gleich und
ebenbürtig? Sie würde die Tore öffnen, wie eine alte Hure die
Beine breit macht, und wenn dessen mitgebrachtes Heer noch
so groß und stattlich wäre! Immer nur hereingestürmt in dieses
eklig stinkende Loch dieser verleb
ten Vettel! Und so fällt Otranto
wie eine reife, wie eine faule Frucht!«
»Ihr habt wenig Sympathien für die Gräfin?« bemerkte ich
vorwurfsvoll, komplizenhaft lächelnd. »Und wer soll der stattliche
Freier sein, den Laurence de Belgrave, die sich aus Männern nichts
macht, so mir nichts, dir nichts in ihre Festung einlassen wird?«
Er ließ die Katze aus dem Sack. »Elia von Cortona hat seinen
Frieden mit der Kirche gemacht. Der Sünder hat um Vergebung
geheischt. Der Heilige Vater in seiner unendlichen Güte hat sie
dem Reuigen in Aussicht gestellt, doch als geringe Buße wird er
mit einem ausgesuchten Trupp pä
pstlicher Elitesoldaten … Söld-
»Ihr seid ein Teufel!« Das gefiel ihm.
»Jedoch kein armer und dummer dazu, wie Ihr … weswegen der
Heilige Vater auch keine Franziskaner zu Inquisitoren erhebt!«
Er stand auf. »Wache!« brüllte er ungeduldig. Seine Soldateska
kam alsgleich hereingestürzt. »Legt den Kerl, der sich als William
von Roebruk ausgibt, in Ketten!«
Sie ergriffen mich, schleiften mich hinaus auf den Hof, wo an
offener Esse ein Hufschmied sich meiner annahm. Er hämmerte
die Ringe um Füße, Hände und Hals so flink auf meiner Knöchel
Die Soldaten hatten ihren Spaß gehabt, obgleich sie die Exeku-
tion am liebsten auf der Stelle erlebt hätten. Ich war tief betrübt.
Meine Hoffnung, ihn durch Keckheit umzustimmen, hatte sich
Das war eine Freude: Guiscard als ‰Kerkermeisterˆ des Vitus
im Hause des Elia! Und so nahm ich innerlich lächelnd in Kauf,
juskeln immer noch die gleichen Schablonen wie zu Zeiten des
großen Bernhard … Gott hab ihn selig!«
»Heilig, Matthäus. Heilig.« gemahnte die Stimme, doch der
Mönch wühlte schon in einer der kleinen Truhen, die hinter sei-
nem Arbeitsplatz, durch eiserne Gitter und doppelte Schlösser
gesichert, in der Wand verborgen waren.
»Es gibt da die nicht offizielle Ordensregel«, murmelte er, »die
könnte uns helfen.« Er kehrte mit einem Bündel dünner Kupfer-
schablonen zurück. »Sie alle weisen versteckt … und für das Auge
des Nichteingeweihten verborgen … das Symbol der Lilie im Drui-
den Plantagenet keine Beachtung beizumessen, die familiären Net-
ze zu mißachten, die den Staufer schon mit den Normannen, mit
Aragon und nun auch mit dem zukünftigen Herrscher von Byzanz
verbinden. Die Kinder des Gral sind ausersehen, die Herrschaft der-
einst wieder auszuüben, die ihnen zusteht, beginnend dort, wo das
heilige Blut Jesu einst an Land ging! Laßt Euch nicht von Gerüchten
täuschen, die Kaiser und Papst, nur für Eure blinden Augen durch
Haß entzweit, in die Welt gesetzt haben, die königlichen Kinder vom
heiligen Blute seien mit einem gewissen abtrünnigen Mönche bei
den Mongolen, als Geisel für Frieden und Freundschaft für die Tei-
lung der übrigen Welt, bei der für Euch kein Platz mehr vorgesehen
ist. Tretet nur Euren Kreuzzug an, der Sultan wird Euch schon den
Empfang bereiten, wie er es seinem Freunde Friedrich versprochen
hat. Zieht nur ins Heilige Land, und bleibt gleich dort; denn eine
lief dem Mönch ein Schauer über den Rücken. »Du begibst dich
morgen früh nach Ostia und erwartest dort unseren Legaten
Andreas von Longjumeau, den du sofort zum Heiligen Vater
weiterbeförderst.«
»Ich weiß«, bestätigte Matthäus das ihm bekannte
procedere.
»Was du aber nicht wissen kannst, ist, daß dich jemand anspre-
chen wird, mit der Bitte um das passende Bibelwort zum Tage.
Dem händigst du das versiegelte Schreiben aus; er wird dich mit
einem Beutel Dukaten entlohnen.«
»… den ich hier abliefern werde«, beeilte sich Matthäus hinzu-
zusetzen. »Welches Stemma soll das Siegel aufweisen?«
»Nimm ein altes Tatzenkreuz«,
die Stimme klang kurz erheitert.
»Die Templer sollen auch ihr Fett abbekommen!«
Während der Mönch den Siegellack erhitzte, ging ein leichter
kühler Luftzug durch das Documentarium; die Flamme flacker-
te. Irgendwo schloß sich eine Tür.
tes, schon weiß vernarbtes Kreuz verunzierte, die Ränder noch
wülstig rot. So würde ich also aussehen … nein! Mir sollte die
Markierung ja aufs Auge gedrückt werden.
Mir wurde schlecht bei dem Gedanken an das rotglühende
Kreuz, das auf mich zustieß. Ich schrie auf, wollte die Hände
schützend vors Gesicht schlagen, doch die Ketten an meine Ge-
lenken rissen sie schmerzhaft zurück.
»Still!« sagte der Gefangene, und ich erkannte ihn: Es war
Roberto, der Eisensprenger, der vor meinen Augen ertrunken
war.
»Roberto?« flüsterte ich, weil es vielleicht doch Geister geben
konnte, zumal in solchen Burgverliesen. »Bist dus?«
»Nenn mich nicht beim Namen!« keuchte er. »Sie könnten uns
belauschen, ein Loch in der Wand … ich kenn dich nicht!«
Der arme Kerl! Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, wie er
in ihre Hände gefallen war, aber durchaus, was sie alles mit ihm
angestellt hatten … daß er noch lebte, war schon ein Wunder,
doch hatte er die Torturen offensichtlich nicht ohne Schaden an
seinem schlichten Gemüt überstanden.
Wie haßte ich Vitus! Ich mußte fliehen, und dazu brauchte ich
Robertos Kraft … wie es sonst auch um ihn bestellt sein mochte!
»Wie haben sie dich gefangen?« versuchte ich noch mal den
Dialog aufzunehmen.
»Warum bist du zurückgekommen?« war die gestöhnte Ant-
»Du hast gut reden«, würgte er. »Du wirst morgen früh nur
‰markiertˆ, das macht er mit allen …« Roberto zeigte auf die
Gestalten, die im Dämmerlicht hinter anderen Gittern auf ihr
mit seinem Holzbein die Stufen hinunter. Er schloß unsere Git-
tertür auf und trat ein, Wie vereinbart entrang sich Roberto ein
Stöhnen: »Mein Hals!« Es klang sehr echt, doch Guiscard wandte
sich zu mir.
»Mach keine Dummheit, William!« zischte er. »Und vor allem
keinen Krach!« Er drehte den Öldocht seiner Lampe herunter.
»Ich habe Euch belauscht … und mich entschlossen, mit Euch zu
fliehen. Vor einer Seitenpforte in der Mauer stehen vier Pferde be-
reit. Gersende habe ich heimlich aus dem Haus geschickt, als der
Inquisitor den Wein getrunken hatte … er war immer so vorsich-
tig, aber diesmal hat er vergessen, mich vorkosten zu lassen …«
»Laß uns keine Zeit verlieren!« unterbrach ich die treue Seele.
»Es gibt sicher noch mehr zu erzählen, wenn wir Cortona erst
mal hinter uns haben. Aber laß mich noch schnell einem Bedürf-
nis nachkommen, das mich schon länger plagt.«
Guiscard dachte wohl, ich wolle meinen Darm entleeren, ich
aber stolperte durch die mir von dieser Seite her unbekannten
Gewölbe, bis ich in dem Raum mit der Eisentür stand.
Doch so sehr ich mich auch mühte, im dämmrigen Licht die
»Genau dies wird jeder Verfolger sich ausrechnen! Wir reiten
sorgen kann, und die mir gut ist …« Wieder begannen ihn Wein-
krämpfe zu schütteln. »Ich bin von diesem Ungeheuer gezeich-
Ichsucht, Unvernunft … und nun auch Schicksal dem armen, und
nun toten William von Roebruk verwehrt haben.ˆ«
»Nie werd ich das so schön sagen können«, klagte Roberto.
»Sag einfach: William ist tot, und es tut ihm leid!« schlug Guis-
card vor. »Wir müssen weiter!«
Roberto gab mir seine Jacke und Hose, und ich sagte: »Nimm
dein gutes Herz in die Hand. Es wird schon werden!« Ich um-
armte ihn zum Abschied, und er ritt los gen Norden.
»Besser den Schwanz!« rief Guiscard ihm nach. »Das ist der
beste Witwentröster!« Ich hoffte sehr, daß Roberto den Rat nicht
mehr hörte.
»Ich unterstelle«, sagte Guiscard, als wir weiter der Küste zu
trabten, »du kannst reiten und denken gleichzeitig.« Er zog ein
versiegeltes Schriftstück aus seinem Wams. Ich erkannte das
Stemma der Capoccio. »Ich brauch es nicht zu erbrechen«, lachte
Guiscard, »es ist an den Hafenkommandanten in Ostia gerichtet
herbeiholen. Er sagte nur: ‰Wenn wir noch drei Stunden warten,
gibts ein steifes Holzbein, noch mal drei Stunden und der ganze
Körper ist steif: Holzsarg! Sofort aber, kann ich dir die Beweglich-
keit des Knies erhaltene So machten wirs, und ich blieb bei Elia
als Kellermeister, denn der Bombarone versteht sich auf einen
guten Tropfen, und mir wars recht. Dann rief der Kaiser ihn als
treuen Berater zu sich, wohl weil er vielen in seiner Nähe nicht
glaubwürdig spielen, aber eine Gewähr für die weitere Flucht
»Es ist ein Jammer«, klagte der eine, in der Kutte der Fran-
ziskaner, laut, »daß gerade, wo sie nun den Landgrafen krönen
wollten, dieser furchtbare Konrad angefegt kommt, sie erbärm-
lich aufs Haupt schlägt und sie in alle Winde zerstreut ƒ«
Sein Kollege, ein Dominikaner, entfernte kalt Banner und kö-
nigliche Reiterfigur in den Farben Thüringens und ließ beides
in den Korb zu seinen Füßen fallen. »Der Raspe hatte nicht die
palle, gegen Friedrich und seinen Sohn zu halten … die Memme
verkroch sich und leckte ihre Wunden …«
»Er starb an gebrochenem Herzen!« lamentierte der Minorit.
»Es ist ein schrecklich Ungemach!«
Die Kartographen wagten erst aufzublicken, nachdem sie Par-
ma mit Fähnchen und Kreuz versehen hatten.
»Daß der Staufer gerade den Süden seinem Söhnchen Carlotto
hat huldigen lassen, davon sagte ‰erˆ kein Wort«, mokierte sich
flüsternd Simon, der kühlere der beiden.
»Es wird ihn nicht freuen«, entschuldigte der furchtsame Bar-
stand. »Was trieb dich nach Cortona?« Der Kardinal war nicht
gut gelaunt, eher ärgerlich darüber, sich mit Vitus Eigenmäch-
barg seine Indignation nicht …, »rennt würdelos hinüber zu dem
Franziskaner, nimmt ihn freundlich unter den Arm, und die
beiden schlendern plaudernd, als gäbs mich gar nicht, zum Ha-
fenkommandanten. Dieser William zieht ein Dokument heraus,
reicht es dem Hafenkommandanten,
der erbricht das Siegel, liest
es zweimal, ruft dann nach seinen Wachsoldaten und läßt den
Matthäus abführen, obgleich der heftig schreit, daß es eine Ver-
wechslung sei, jener sei der William von Roebruk. Den hingegen
behandelt der Kommandant mit ausgesuchter Höflichkeit, führt
ihn zu einem Schiff … ich hätts ja nicht genommen, es war der
morscheste Lastkahn im Hafenbecken. Ich verlier die Geduld,
»Das Siegel des Sultans von Kairo?«
Andreas war kreidebleich geworden. »Unmöglich!« stammelte
Wie ein Häufchen Elend sackte der grobschlächtige Viterbese
in seinem Sessel zusammen.
»Das will der Hafenkommandant noch melden: Er hat das
Individuum wiedererkannt, das zusammen mit einigen Spießge-
sellen das Schiff enterte, die mit Äxten behende die Lecks in die
Wanten schlugen, bis es sank … nachdem es mit einem riskanten
Wendemanöver die
Laus Santae Virgini
gerammt und ihr die
Flanke aufgeschlitzt hatte: Es war Guiscard, der Amalfitaner, ein
ehemals berüchtigter Pirat, der gleiche, der vor zwei Jahren so
frech den Hafen überfallen hat und mit Langbooten den Tiber
hoch bis hier zum Kastell vorgedrungen ist. Der Herr Komman-
nicht zu verbergen, doch die verhaltene Trauer kündigte keine
milde Nachsicht an, sondern den harten Strafvollzug gegen das
eigene Blut.
Eine lebenslange Bande mußte durchschnitten werden. Der
taglio,
dachte Vitus, der endgültige Schnitt, war unausweichlich,
»Wollt Ihr sie lebend oder tot?« Vitus schöpfte Hoffnung für
sein eigenes Wohlergehen.
»Ich weiß es nicht«, murmelte der Graue Kardinal nach län-
gerem Nachdenken. »Solange ich über die Geschicke der Nach-
folge Petri wache, könnte ich mir auch ihren nützlichen Einbau
in unsere Herrschaft auf Erden vorstellen! Sollte ich eines Tages
jedoch nicht mehr sein und« … er bekam einen Lachanfall, daß
Vitus glaubte, der Alte ersticke … »solche Spatzenhirne wie du
ihre Taten bestimmen, wäre es besser, sie wären tot!«
»Also hat mein Spatzenhirn die Freiheit …«
»Besonders, wenn ihm gesteckt wird, daß der brave Keller-
meister in Wahrheit der Steuermann des Teufels ist!« stöhnte ich
Sie rissen mich fast um. Was vor drei Jahren noch blasse Bün-
vor Vitus gewarnt und uns bei der Flucht aus der Stadt geholfen.
Ich blinzelte ihm zu. »Und das hier ist William von Roebruk,
vormaliger Hauslehrer des Königs von Frankreich, zur Zeit ‰ent-
laufenˆ!« setzte sie mokant hinzu.
Der Legat begrüßte mich gar freundlich, ohne erkennen zu
rion … schweigend im Hintergrund das Schauspiel eher peinlich
berührt hatte über sich ergehen lassen. Er kannte seine Herrin.
»Der Mann erhält seinen Lohn für die Passage des William
von Roebruck von Pisa bis Otranto … Tarif für Schnellsegler in
besonderer Mission!«
der Engel mit dem Flammenschwert Euch nicht den Zugang
verwehrt!«
Lorenz steckte die Schnüre unschlüssig wieder ein und
verließ nachdenklich den Raum. Mich konnte nichts mehr
erschüttern.
Warum sollte ich nicht mit diesem Lorenz zurückreisen, mich
meinem König wieder andienen und die ganze Geschichte ver-
gessen … wie einen Ausrutscher! Mein franziskanischer Mitbru-
der, gar im Rang eines Legaten, würde mir die Beichte für diese
drei Jahre ‰in Sündeˆ abnehmen, ich ein halbes Jahr … na ja, drei
Monate … zur Buße ins Kloster gehen, und danach könnte ich
meine Studien zu Paris wiederaufnehmen ƒ
»Was stehst du Unglücksrabe da noch rum?« riß mich die
scharfe Stimme der Gräfin aus meinen Gedanken.
»Vitus von Viterbo, der Häscher der Kurie, weiß, daß die Kin-
der hier sind!« verteidigte ich meine ungewünschte Anwesen-
heit.
»Er brauchte sich ja nur an deine Elefantenferse zu heften!«
höhnte Laurence unbeeindruckt.
»Die Päpstlichen werden nicht
wagen, Otranto …«
»Er ist der Teufel … er wird nicht rasten noch ruhen«, stammel-
te ich. »Er ist schon auf dem Wege …«
lang zugeteilt. Sie mußte zwar die Zwanzig überschritten haben,
aber war beileibe noch keine alte Jungfer! Ich lächelte ihr zu und
verließ den Raum.
Da ich aufgefordert war, vor der Tür zu bleiben, konnte ich
auch mit reinem Gewissen alles mit anhören.
laut nach, und ich erschrak ob der höllischen Fähigkeiten des
Vitus; mir war es so abwegig erschienen.
»Dem ich ahnungslos Tür und Tor öffnen würde«, fügte die
Gräfin erbost hinzu. »Das könnte denen so passen! Aber ich
denke nicht daran, Otranto aufzugeben … und nehmen sollen sie
es mir erst einmal!«
Ich vor der Tür freute mich, ja, ich war stolz auf die Herrin von
Otranto, daß sie die Intrigengespinste des Vitus so tapfer zerriß.
des Kaisers!« höhnte sie. »Was Pa
pst und Kurie nicht erreichten
… und niemals erreicht hätten« … ihr Gelächter wurde höllisch,
ich schlug das Kreuz …, »Friedrich schafft es!«
Stille trat ein.
»Also?« fragte Clarion kleinlaut.
»Also«, sagte die Gräfin ruhig, »auf nach Konstantinopel!«
Sie riß die Tür auf, daß ich in den Raum taumelte. »Guiscard!«
brüllte sie in den Flur und zu mir gewandt: »Du kommst mit
uns!« Keine Frage, ein Befehl. Das war wieder die alte ‰Äbtis-
»William kümmert sich um die Kinder«, schlug Clarion vor.
»Um was denn sonst!« zischte die Gräfin und rauschte davon:
»Guiscard!«
Ich machte mich auf zu den Räumen der Kinder. Also, William
von Roebruk, dachte ich mir,
et quacumque viam dederit fortu-
na sequamur!
Das Studium, das fromme Klosterdasein konnten
warten … das Leben! ‰Konstantinopel!ˆ, und ich weckte die Zofen
im Vorzimmer.
Yeza und Roç hockten aufrecht in ihren Betten. Sie hatten
nicht geschlafen.
»Zieht euch an!« lachte ich. »Wir gehen auf große Fahrt!«
»Oh, William!« Jubelnd flog mir Yeza an den Hals.
»Ich wußte gleich«, erklärte mir Roç, der die Mithilfe seiner
Zofe abwehrte, um in die Hosen zu steigen, »als du kamst …«
»Ich habs als erste gesagt!« kreischte Yeza, ließ sich aber ihr
Blondhaar in Zöpfchen flechten. »Wenn William kommt, dann
passiert was!«
»Mit William ist es eben schön!« pflichtete ihr Roç bei. »Ich
muß mein Schwert mitnehmen!«
»Ich habe auch ein Messer!« Yeza wühlte in ihrer Kiste und zog
einen arabischen Krummdolch mit kostbar ziselierter Scheide
heraus. »Es ist furchtbar scharf … und ein Geheimnis!«
Roç war konsterniert, tat ihr aber den Gefallen nicht, nach
dem edlen, wenn auch leichtsinnigen Verehrer zu fragen, der
einem kleinen Mädchen solch eine Waffe geschenkt hatte.
»Nimm lieber deine Puppen mit!« sagte er schroff und warf
seinen Holzdegen in die Ecke. »Wenn ich Ritter bin, dann hab
ich ein richtiges Schwert!«
»Vorher bekommst du von mir Pfeil und Bogen«, fühlte ich
mich genötigt, den Jungen aufzurichten, zumal Yeza nun auch
erklärte, die Zeit des Puppenspielens sei jetzt vorüber, und sie
stopfte sie in ihr Bett, küßte je
de einzelne und würdigte sie da-
nach keines Blickes mehr. Sie streifte ihren Rock hoch und band
sich den Dolch um die Hüfte, so daß keiner ihn sehen konnte.
»Guiscard, der Amalfitaner«, sagte ich zu Roç, der immer noch
unschlüssig dastand und nun auch nichts mehr mitnehmen
wollte, »ist ein toller Schütze, der wird dein Lehrer!«
»Versprochen?« sagte Roç und hielt mir seine Hand hin. In
seinen Augenwinkeln glänzte es verräterisch.
»Mein Ehrenwort«, erwiderte ich und schob ihn aus dem Zim-
mer, während die Zofen die Kleidung der Kinder in eine Seekiste
packten.
Yeza war uns schon vorausgehüpft. Trotz tiefer Nacht … es wa-
ren schon die frühen Stunden …, summte das Kastell wie ein Bie-
nenstock, wimmelte wie ein Ameisenhaufen, in den der achtlose
Wandersmann … war ich das? … seinen Stock gestoßen. Überall
Rammdorns. Ich bugsierte Yeza und Roç an Bord mit der mil-
den Aufforderung, der Mannschaft beim Laden nicht störend
zwischen den Beinen herumzulaufen. Da Roç darauf bestand,
sogleich seinen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen zu bekom-
men, machte ich mich auf die Suche.
Vor der Mole lag noch der Pisaner, und sein Kapitän stand
mit Lorenz von Orta unterm Steven unserer Triëre. Er hatte den
dringenden Wunsch des Jungen mitbekommen und winkte ei-
nen seiner Leute zu sich, der sofort ins Wasser sprang und zum
Schnellsegler hinüberschwamm.
»Wir warten noch ab«, erläuterte mir Lorenz, »zu zweit kön-
nen wir es mit jeder päpstlichen Flotte aufnehmen, zumal ihr
Flaggschiff, die schnelle ‰Laus Santae Virginiˆ«, lachte er, »ja wohl
flügellahm in Ostia bleiben muß!«
»Capoccios liebste Jungfer haben wir ordentlich angebufft!«
griente der pisanische Kapitän. »Wir geben Euch Geleit bis zur
Meerenge von Messina, von dort gelangt Ihr ungeschoren bis
nach Palermo.«
Ich sagte nichts. Es war wohl die Parole ausgegeben worden,
wir führen zum Kaiser nach Sizilien. Von Konstantinopel wuß-
noch mal gekrümmt war, dazu einen flachen Lederköcher voll
gefiederter Pfeile.
Der pisanische Kapitän reichte beides zu Roç hinauf. »Es ist
eine Tatarenwaffe, ganz leicht, weil sie vom reitenden Pferd aus
abgeschossen wird … Freund Guiscard wird es dich lehren, jun-
ger Ritter!«
Ich dankte ihm überschwenglich für das kluge Geschenk und
umarmte Lorenz.
»Wir hätten uns so viel zu erzählen, Bruder William«, lächelte
er, »unsere Wege sollten sich noch öfter kreuzen!«
»Das hoffe ich auch, Lorenz«, sagte ich, »ich bin froh … außer
Heiligen Maria von Lëuca mußten sie bei Ausentum wieder zu
den Rudern greifen.
Ein Stöhnen ging durch die Reihe der Bänke, in denen die
sches war. Sie fuhren aus begreiflichen Gründen, ohne die Flag-
gen der Republik oder des Kirchenstaates zu zeigen.
»Euer Lieblingsruderer will mit Euch reden«, sagte er leise; er
wußte, wie schlecht der Kapitän auf Vitus zu sprechen war. Wenn
er, Ascelin, es auch auf seine Schultern genommen hatte, war
Der Kapitän ließ sich auch durch diesen Hohn nicht provozie-
ren. »Worauf sollen wir warten? Kommen wir der Küste zu nahe,
erkennen sie uns … bleiben wir zu weit auf See, können sie uns
jede Nacht entkommen!«
»Schiff in Sicht!« rief die Knabenstimme des Ausgucks. Um
das Kap bog ein Schnellsegler; er hielt mutig auf die beiden
Schiffe zu und hißte gleichzeitig die Fahne.
»Ein Pisaner!« Der genuesische Kapitän sprühte vor Angriffs-
Er riß das Steuer herum; das Schiff bäumte sich auf … einen
Moment konnte man meinen, es wolle die Flucht ergreifen. Die
Genuesen gingen deshalb beide voll in die Ruder, doch der Pisa-
reise wünschen Anselm von Longjumeau und Vitus von Viterbo,
beide Ordinis Praedicatorum, beide im Auftrag des Heiligen
Vaters auf dem Weg in Terram Sanctam!«
Sie winkten sich zu, und bald war der Pisaner gen Kalabrien
entschwunden, während der Genuese Kurs Süden nahm.
Ascelin stieg hinab zu den Ruderbänken und warf Vitus die
Knotenbotschaft der Assassinen zu. »Einen schönen Gruß sollt
ich Euch von Lorenz von Orta ausrichten, es war dem Künstler
aus Zeitmangel nicht vergönnt, Euch in neuer Umgebung zu
portraitieren!«
CHRYSOKERAS
Die Äbtissin
Ionisches Meer, Frühjahr 1247 (Chronik)
Die Triëre glitt der Sonne entgegen. Die leuchtende Scheibe stieg
blendend empor, die leicht gekräuselte See vor unseren zugeknif-
fenen Augen in einen Teppich aus purem Gold verwandelnd, der
uns einladend entgegenrollte.
Ex Oriente lux!
Adern maurisches Blut rollte, die im Entern zum Kampf Mann
fahren konnte. »Angesichts des erhöhten Ausblicks vom Mast
aufs Meer samt einem Strick als Halsgeschmeide währte mein
Zögern nur die gebührliche Länge. Doch kaum meines Sieges si-
cher, ritt mich der Teufel: Ich bedang mir aus, noch vor der fest-
lichen Trauung meine persönlichen Angelegenheiten ordnen zu
dürfen. Ich versprach Enrico feierlich die Ehe, beschwor bei allen
Heiligen, daß ich in zwei Monden in Otranto zu ihrem Vollzug
eintreffen würde. … eine Vorstellung, vor der mir so grauste, daß
ich fast ohnmächtig wurde; dabei war der Admiral zwar schon
an die Siebzig, aber noch rüstig. Er ließ mich meine verlogenen
ren Ring über, ein Familienerbstück der Pescatore, das ich heute
noch in Ehren halte … sieh her!«
Sie hob ihre faltige Hand und ließ den schweren Schmuck in
der Sonne aufblitzen: ein von Saphiren eingefaßter länglicher
Aquamarin, wie ich ihn in solcher Größe und Reinheit noch nie
gesehen. Ich bestaunte ihn ehrfürchtig und ausgiebig, schließ-
lich muß man sich ja die Zuhörerschaft extravaganter
curricula
»Dann sing ein Wiegenlied!« lenkte der Amalfitaner ein, doch
»Mädchen und Messer!« seufzte er, die Augen verdrehend,
während Yeza mit Tränen des Zorns kämpfte.
»Ich kann auch mit geschlossenen Augen zielen!« erklärte Roç
und nahm Bogen und Köcher wieder auf, was mich nötigte, nun
einzugreifen.
Ich bekreuzigte mich schnell, was sie geflissentlich übersah.
»Zwischen Teufeln und Räubern gibt es genügend Ehr! Ich
nahm Kurs auf Konstantinopel. Meinen Mädchen war nicht
wohl bei dem Gedanken ƒ«
Laurence schaute versonnen übers Meer, schließlich fuhren
wir wieder gen jenes Byzanz ihrer Erinnerungen.
»Wir hatten die Stadt, das Bordell am Hafen, das unser Haushalt
war … es ist über zwanzig Jahre her, doch damals waren gerade erst
fünf verstrichen … unter widrigen Umständen überstürzt verlassen
müssen. Einige hatten inzwischen, obgleich sie bei mir blieben, ge-
Heide, aus dem fernsten Osten, wo hinter der Eisernen Pforte,
sogar noch weiter als der Fluß Ganges, seltsame Völker hausten,
die sich ‰Tatarenˆ nennen und auf das Kommando eines gewis-
sen Priester Johannes hörten, von dem es hieße, er wäre Christ
ƒ Jedenfalls sei der Jüngling als Spion verurteilt, obgleich der
Hinrichtungsgrund wohl eher der sei, daß keiner seine Sprache
richtig verstünde. Für ihn sei der Fremde ein Prinz; er habe so
die fiebrigen Finger und die erregten Zungenspitzen der Gespie-
linnen, aber nie war ein Mann in den Garten eingedrungen, hatte
mich durch seine Pracht geführt … ich dachte, sie nimmt kein
Ende, ich fuhr mit ihm durch das Dickicht von taubekränzten
Blüten und Dornen, von denen Blutstropfen stieben, ich glitt mit
ihm durch das Moos eines tiefen Brunnen, immer tiefer, ich be-
kam keine Luft mehr, wir tauchten in das klare Wasser, dorthin,
wo kein Lichtstrahl mehr dringt, mir dröhnte der Kopf, ich ließ
mich sinken zum Sterben, zum erlösenden Tod des Ertrinkens
in der Nacht, weiter, weiter … da platzten die Adern in meinem
Gehirn, eine Lichtquelle im Innersten der Erde zerbarst mir ins
Gesicht, lodernde Lava verbrannte mich, und ich hörte meinen
Schrei … ich schrie und ich wu
rde erhört: der Mann ließ mich
nicht liegen in dem Höllenschlund, mit gleich ruhigen Schüben
führte er mich zurück ans Licht, ich sah den Himmel wieder und
sah ihm in die Augen. Er lächelte …«
Ihr Atem ging schwer, ich wagte nicht sie anzuschauen; ich war
berührt, aber nicht peinlich.
»Wir liebten uns noch oft in dieser Nacht«, fuhr Laurence mit
rauher Stimme fort. »Je mehr das graue Licht des herandrängen-
den Morgens den bergenden Mantel der Nacht auflöste, desto
noch meine Seele wehrte, ergriff Besitz von meinen Gliedern, ich
gab ihr erschlaffend nach, unfähig, noch einen Laut herauszu-
bringen. Ich spürte, wie in tiefer Ohnmacht, daß er mich verließ.
ich mache aus meiner Vergangenheit keinen Hehl und aus mei-
nem Herzen keine Mördergrube!«
»Schamlosigkeit und Grausamkeit sind schwere Sünden, für
die man büßen muß … vorausgesetzt, Ihr seid bereit, Gräfin, sie
einzusehen, zu bereuen und Buße zu tun?«
»Ich bereue nichts!«
»So steht auch zu befürchten« … luzid sah ich plötzlich die Ge-
fahr und wußte mir nicht anders zu helfen, als sie auszusprechen
…, »daß Ihr mit Eurem unwürdigen Beichtvater verfahrt wie mit
den übrigen Mitwissern und Komplizen Eures verwerflichen
Lebens …«
»William«, sagte sie kalt, »werft Euch nicht zum Richter auf.
Eure lächerliche Existenz ist zwar
in meiner Hand, aber ich wer-
de mir diese nicht beschmutzen, um ihr ein Ende zu bereiten,
nur weil ich Euch als Kübel benutzt habe. Euch schützen nicht
Euer armseliges Gewand noch Euer Holzkreuz auf der Brust,
sondern einzig und allein Roger und Yezabel, die an Euch hän-
Blutsflecken im Laken am Morgen zur Besichtigung frei. Nach
knapp neun Monaten wurde ich eines Knaben entbunden …
Hamo, mein Sohn. Enrico war außer sich vor Freude und erhob
nicht länger Anspruch darauf, zwischen meinen Beinen seine
Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Sein Kaiser hatte ihn in
Anerkennung seiner langjährigen Dienste zum Grafen von Mal-
ta gemacht; als solcher hatte er schon Yolanda, die Kindsbraut
Friedrichs, aus dem Heiligen Land heimgeholt. Als der Staufer in
jener berüchtigten Hochzeitsnacht von Brindisi statt ihrer eine
der Kammerzofen schwängerte … eine Tochter seines Freundes
Fakhr-ed-Din übrigens, Wesir des Sultans …, wurde die werdende
Mutter der diskreten Obhut des Admirals zu Otranto übergeben.
Sie genas dort eines Mädchens …«
»Das ist Clarion?« war es mir vorwitzig entfahren.
»Clarion von Salentin war schon fast drei Jahre alt, als ich in
Otranto einzog. Sie war dort geblieben, obgleich ihre Mutter
inzwischen im Harem von Palermo willkommen war; denn
mit Schwung zwischen die Beine plaziert hatte. Der Amalfitaner
erfolgt genau dann, wenn das Höchstmaß an Bogenspannung
sich mit dem Ziel im Visier vereint.«
»Hamo lEstrange … ein Tatarenprinz? Gar noch verwandt mit
Dschingis-Khan?«
»Wer weiß«, lächelte die Äbtissin. Clarion kam erschöpft von
der nutzlosen Jagd und ließ sich zu ihren Füßen nieder. Ich war
Der Bischof und sein Koch wechselten einen Blick gelinder
Verzweiflung ob des jungen Barbaren. Nicola zog entschuldi-
gend die Schultern hoch, Yarzinth entfernte sich diskret.
Hamo ließ seinen Blick über die Gärten des Kallistos-Palastes
schweifen, hinab zum Goldenen Horn, wo auf sich spiegelnder
Fläche die Schiffe wie Libellen einherglitten. Die lauten, groben
Geräusche des Hafens drangen nicht bis hier hinauf. Er leerte
seinen Pokal mit einem Zug und wischte sich mit dem Handrük-
ken den Mund.
»Willst du mich küssen?« scherzte Nicola. »Soviel Feinfühlig-
»Ein Enkel des Teufels: Gavin de Bethune«, gab Yarzinth sein
Wissen preis, »und im Orden importanter, als sein Titel besagt.
Sein Erscheinen kündigt große Dinge an … nicht immer er-
freuliche!«
»Was kümmerts uns!« schnaubte Nicola spöttisch.
»Sie stehen in der Halle«, flüsterte der Koch.
»Nicht mehr!« ertönte Creans Stimme. »Verzeiht die Störung,
Exzellenz, doch verschluckt Euch nicht: Ich komme mit leeren
Händen: William ist von den Saratz entflohen!«
»Verschwunden, umgekommen oder gefangen …?«
»Uns auf jede dieser Möglichkeiten einzustellen, dazu habe ich
mir Beistand mitgebracht: den edlen Ritter Gavin Montbard de
Bethune!«
»Sacrae domus militiae templi Hierosolymitani magistrorum«,
festzunehmen, zurück eilt in die Lombardei, bevor das Beispiel
böse Schule macht. Er baut Parma gegenüber einen befestigten
Belagerungsplatz, eine ganze Stadt aus Holz und Lehm ge-
sächlich mit Pian del Carpine von den Mongolen zurückkehren
»Und Benedikt ist William!« überkam den Jungen die Erleuch-
tung.
»Und William muß sterben!« konstatierte Crean bündig.
Doch Hamo gab sich nicht geschlagen: »Wenn William aber
Falsificatio Errata
Konstantinopel, Sommerresidenz, Sommer 1247
Das kleine Grüppchen, zwei Mönche auf Mauleseln samt ein
paar Lasttieren, behängt mit Kisten, Truhen und Säcken, und
deren Treibern, näherte sich wohlgemut von Norden her Kon-
stantinopel. Sie waren vom Gebirge herabgestiegen; unter ihnen
glänzte feucht der Bosporus. Aus dem Dunst erhoben sich die
Mauern und Türme des mächtigen Byzanz.
»º|—__, ®|—__!« jubelte der Schmächtigere, dessen teigi-
ges, bartloses Gesicht, von keinem Sonnenstrahl gebräunt … da-
für sorgte schon der breitkrempige Pilgerhut …, die Entbehrun-
gen und Strapazen der weiten Reise widerspiegelte. »Am Ende
der _\|¶_‹Ž‘; das fast schon heimatliche Meer!«
Der Würdigere, eine mächtige Erscheinung mit wallendem
Rauschebart, ranzte ihn an, ohne sich umzuwenden: »Ich dachte
immer, Euer Land, Benedikt, grenzt ans
mare balticum …«
»Überall ist Polen!« versicherte ihm der Gemaßregelte treu-
herzig. Ȇberall, Pian, wo uns statt Kumiz ein ordentliches Bier
winkt, ein gedeckter Tisch mit Messer und Gabel, ein Bad und
ein richtiges Bett!«
»Wie weit bist du eigentlich mit dem Schreiben meiner ‰Ysto-
ria Mongalorumˆ ?«
»Bis zum zweiundzwanzigsten Julius vergangenen Jahres!«
so lange abstimmen, bis sie das ihr genehme Ergebnis erreicht
hatte …«
»War sie nicht Christin?« Pian fühlte sich da nicht sicher, und
Benedikt interessierte es nicht:
»Die meisten Khatuna sind naimanische oder keraitische
Prinzessinnen, also Nestorianerinnen. Was sagt das schon. Ihr
Günstling, Abd ar-Rahman war Muselmane …«
»Habgierig und bestechlich!« murrte Pian.
»… aber nicht unfähig«, hielt Benedikt dagegen. »Er sorgte
dafür, daß der fähigste Heerführer der Mongolen, Baitschu, als
Statthalter gen Westen zog und seither den Islam bedroht.«
»Merkwürdiges Volk!« hatte Pian gerade geseufzt, als ein
Trupp kaiserlicher Polizei im scharfen Galopp vor ihnen auf-
tauchte und sie umstellte.
Der Offizier beäugte die beiden Mönche mit äußerstem Miß-
trauen.
»Wir sind päpstliche Legaten«, beeilte sich Pian zu erklären,
erstaunt, ein derartiges Willkommen des christlichen Abend-
landes zu erfahren. »Wir kehren zurück von einer Mission beim
Großkhan der Mongolen!«
Er machte keine Anstalten, sich aufhalten zu lassen, doch der
Offizier fiel ihm in die Zügel.
»Das kann jeder sagen!« schnauzte er barsch. »Spitzel der Ta-
taren seid Ihr, erwischt beim Versuch, heimlich in die Stadt zu
schleichen, um deren militärische Stärke auszukundschaften. Da
seid Ihr bei mir an den Rechten gekommen!« polterte er, ohne
Widerrede aufkommen zu lassen.
Pian war empört. »Zeig ihm das Schreiben, Benedikt!« befahl
er, doch der Offizier bellte: »Absteigen!« und brüllte seine Unter-
gebenen an: »Durchsuchen! Vor allem die Kleidung!«
Der Pole war sofort vor Schreck von seinem Maultier gerutscht
und sah sich sogleich seiner mongolischen Joppe beraubt, einer
dicken wattierten Jacke, die mit bunten fremdartigen Symbolen
bestickt war. Pian protestierte noch, während Benedikt von zwei
Polizisten bereits die Stiefel von den Beinen gezogen wurden.
Wie eine Fügung des Himmels kam ein Zug des Weges, eine
Sänfte, eskortiert von Tempelrittern.
»Platz dem Inquisitor!« rief der vorderste und schlug mit dem
stumpfen Ende seiner Lanze nach einem der Esel, die im Wege
standen.
Pian schrie laut: »Um Christi willen, helft uns!« Die Templer
Schriftstück gegen ein anderes vertauscht und sich von der Joppe
entfernt. Die Ablenkung hatte ihren Zweck erfüllt.
»ƒ sich der irdischen Gerechtigkeit entziehen«, ergänzte der
Offizier erregt den Vorgang, »als er sah, daß sein doppeltes Spiel
entdeckt war.«
Großkhans kann ich dem Heiligen Vater nicht unter die Augen
Sie hatten die Residenz des Bischofs erreicht. Sie lag direkt an
Der Inquisitor war erfreut. »Ob deiner Schandbarkeit, Willi-
am?«
»Weil, weil ich nicht sch-sch-sch … nicht sch-sch-sch-sch …« Er
und das so schmerzlich vermißte Schreiben des Großkhans bei
der Polizei sichergestellt. Seiner Übergabe an den rechtmäßigen
Überbringer steht nichts im Wege … nur eine kleine Gefälligkeit,
ein Dienst an ungenannt bleiben wollenden Freunden ƒ«
»Wie Ihr selbst gesehen habt, lieber Bruder, war William im
Besitz von Gift … man fand genug bei ihm, um zehn so kräftige
Männer, wie Ihr es seid, ins Jenseits zu befördern …«
Gewänder und rauschte, gefolgt von seinen Priestern und Meß-
knaben hinaus.
Seinen Begleiter Benedikt von Polen hatte er schon von den
Gottlosen umbringen lassen …ˆ«
»Nein!« schrie Pian, »hört auf!«
»Wir fangen gerade erst an«, sagte Crean, »oder wollt Ihr ge-
»Nein!« würgte Pian hervor, und Yarzinth fuhr fort:
»‰Pian zwang mich, ihn und die Kinder in die Mongolei zu
begleiten. Er nannte mich fortan »Benedikt von Polen«.
nen können. Mein Name ist auf immer entehrt, möge dieses Be-
kenntnis wenigstens meiner armen Seele helfen.
William von Roebruk, O.F.M.ˆ«
»Ungeheuerlich!« stöhnte Pian. »Hölle, tu dich auf!«
»Ich will es genau wissen«, sagte Crean, »und Ihr tätet besser
daran, mit der heiligen Inquisition zusammenzuarbeiten, anstatt
Euch in Lügen zu verstricken …«
»Ich habe nichts zu verbergen, das ist eine verleumderische
Verschwörung gegen mich. Jemand will mich um die Früchte
meiner Mission bringen! Helft mir doch, statt mich anzuklagen!«
Der Legat war verzweifelt und trotzig zugleich, der starke Mann
dem Zusammenbruch nahe. »Ich habe nichts zu gestehen!«
»Also, Pian«, wechselte Crean den Ton, »alles kann sich Willi-
am ja nicht aus den Fingern gesogen haben, schließlich ist es ja
ein Wesen aus Fleisch und Blut, aus dessen mongolischer Jacke
man dieses Geständnis herausgeschnitten hat …«
»Ein Scheusal, ein blutsaugendes Scheusal!« heulte der Legat
noch einmal auf, aber es klang schon resigniert. Einsam, von al-
»Um Gottes willen«, sagte Pian, von dem man hätte annehmen
können, er wäre froh, daß ein so glimpflicher Ausweg aufgezeigt
war, »ihm darf kein Leid geschehen!«
»Und Schläge, wenn er nicht fleißig ist«, fügte der Legat patri-
archalisch hinzu. »Danach möget Ihr mit ihm verfahren, wie es
ihm gebührt! Erzählt mir von diesen Kindern!«
»Gelegentlich«, sagte Crean unbewegt … er hatte die erste
sen!« Er lachte dröhnend. »Eine fabelhafte Verschwörung! Falsi-
fikation eines Geständnisses, dessen Autor unfähig ist, auch nur
eine lesbare Zeile zu Pergament zu bringen!«
Crean war blaß geworden, das warf nun alle Pläne wieder um.
»Das ist das eine«, faßte er sarkastisch zusammen, »das andere:
Der Herr Legat ist Verfasser einer
ausgiebigen endgültigen ‰Ysto-
ria Mongalorumˆ, an deren Texte er sich leider nicht erinnern
kann, weil er sie dem Schreiber, der nicht schreiben kann, dik-
tiert hat und nun dessen
scriptum
die ungeheure, nicht enden wollende Anhäufung von Türmen
Lesers zum Leuchten bringen wird. Er jammert Schimpf und
Schande und denkt, sein inhaftierter Ordensbruder, dessen
Sie besah den Bischof in seinem langen Nachtgewand, übersah
Crean. »Was ist das für ein Empfang!« polterte sie los. »Du hät-
test wenigstens mit dem Ankleiden fertig sein können. … Wo ist
Hamo?«
»Eben war er noch hier, und nun Ihr, liebste Tante«, freute sich der
Bischof über den Besuch. »½¨‘ _ ™‘ ¾ _—¿\.« Unten in der Hal-
le luden die Träger geräuschvoll ihre Kisten und Packen, Tragstühle
und Kleiderschränke, Schmuckschatullen und Wäschesäcke ab. Der
Bischof warf einen Blick über die Brüstung. »Oh, ich sehe, Ihr bleibt
nur wenige Tage.« Seine Stimme troff vor Bedauern.
»Ich will so schnell wie möglich wieder weg von hier!« verwies
sie nach Alamut. Dort sind sie nicht nur sicher, sondern erhalten
auch die geistige Unterweisung, der sie für die Übernahme ihrer
Aufgabe bedürfen.«
»Nein!« sagte Gavin. »Der Mut der Assassinen mag Löwen und
Adlern gleichen, ich will das Schicksal der Kinder aber der po-
litischen Klugheit von weisen Menschen anvertraut wissen, die
auch den Mut zur Feigheit haben!«
»Nein!« sagte Laurence. »Die Kinder sollen das Leben lieben
lernen, nicht den tollkühnen Tod, der angeblich die Pforte zum
Paradies aufstößt!«
»Nein!« sagte der Bischof. »Für mich ist Alamut zu fern und
zu sektiererisch … und zu nah den Mongolen! Für mich verläuft
die Nabelschnur zwischen Abendland und Morgenland immer
noch auf der Achse Konstantinopel-Jerusalem! Gerade der Mit-
telmeerraum bedarf endlich eines
Friedenskönigtums, das ich
mir von den Kindern erhoffe!«
»Dann kann ich ja gehen!« Crean war aufgesprungen.
füge mich Eurem Wunsch« … er ve
rneigte sich leicht gegen Gavin …
»und werde ihn benachrichtigen. Eures Schiffes bedarf ich nicht!«
Er grüßte die Anwesenden und wollte den Raum verlassen.
So schickte der Bischof seinen Koch hinunter zum Hafen,
damit er den Mönch William von Roebruk und die beiden Kin-
der sicher durch die Kanäle ungesehen in den Kallistos-Palast
schaffe, William in den Keller, die Kinder in den ‰Pavillon der
menschlichen Irrungenˆ.
Crean erreichte schnellen Schritts die Triëre an der Hafenmole.
William und die Kinder konnte er nicht entdecken, wohl aber
Clarion in Nonnentracht, umgeben von ihren Mitschwestern. Sie
Crean gab auf. Roç und Yeza waren keine hilflosen Kleinkin-
der mehr, für die eine Amme … und sei es in Gestalt eines dicken
Franziskaners … die wichtigste Bezugsperson war. Sie waren nun
so weit, daß man aufhören sollte, an ihrem Schicksal zu ziehen
und zu zerren. War ihnen Großes bestimmt, würde Gott sie dort-
hin führen.
und Geschenken begehrst, damit wir alles an Bord schaffen las-
sen, während wir Herberge an Land nehmen.«
»Ich hoffe«, sagte Crean, »daß mein Wunsch sich nicht nach-
teilig auswirkt oder gar störend auf Euer Tun und Handeln.«
»Allah karim.
Das liegt in Allahs Hand! Nur er kann der unsri-
gen in den Arm fallen, Ihr nicht, werter Herr!«
Die beiden Muslime erhoben sich
und verneigten sich tief vor
Crean, bevor sie in die Hände klatschten, um ihre Sklaven zur
Arbeit zu rufen.
IM LABYRINTH
DES KALLISTOS
Der Pavillon menschlicher Irrungen
Konstantinopel, Kallistos-Palast, Sommer 1247 (Chronik)
»Wollen die Herrschaften mir bitte folgen?«
Der Glatzkopf mit der seine Stirn so auffällig verlängernden
Nase war in Begleitung Clarions oben auf das Ruderdeck der
lancelotti
Fluß im gemauerten Bett zu unseren Füßen dem Meer entgegen-
»Für Kenner kein Problem!« schnalzte Yarzinth und griff
furchtlos in das Eisen. Lautlos drehte es sich um seine Mittelach-
se und gab die Passage frei. »Nach Euch, mein Herr!« forderte er
mich auf, als erster hindurchzugehen, »und nicht auf die Schwel-
»Und wenn jemand hier eingesperrt ist«, folgerte Yeza, »und
das Wasser kommt angeschwommen … was macht er da?«
»Sich ganz klein, wie eine Maus, dann fliegt er durch das Rohr
nach oben in den Himmel!« Yarzinth hatte eine rührende Art,
mit zarten Kinderseelen umzugehen.
»Mäuse können nicht fliegen«, sagte Roç, »und wenn Ratten hier
nicht reindürfen, geht man als Mensch besser auch nicht rein!«
»Weswegen ja die Gitter sind«, bestätigte ihm der Glatzkopf,
erfreut über soviel Verständnis, »damit keiner unbefugt die
Schleuse verschließt.«
Es war ja auch ein geradezu märchenhafter Anblick: ein ge-
waltiger dunkler See, in dem Säulen standen, wie ich sie nur von
Tempeln kannte: Hunderte, gleichmäßig in Reih und Glied. Sie
trugen Gewölbe, die im Dunkel dem Auge nicht erfaßbar waren,
von denen Tropfen vereinzelt, in langsamer ungleicher Folge in
den ruhigen Spiegel des Beckens schlugen, Zeiteinheiten einer
Weltuhr, Ewigkeiten entfernt von dem Trubel der Stadt über uns,
unbeeindruckt von der Hast eines einzelnen Menschen.
»Die Zisterne des Justinian«, erläuterte Yarzinth und führte
uns behutsam am Rand entlang, bis ein Nachen zu unseren Fü-
ßen lag. »Jede Familie hat hier irgendwo einen Kahn versteckt«,
plauderte er, stehend mit einer Stange uns durch das Säulenlaby-
rinth stakend, »weswegen hier unten auch schon manch hitzige
jedenfalls waren überall Löcher, die solche sein konnten. Ich
bemerkte sie erst im flackernden Licht der Fackel, die Yarzinth
Das filigrane Steinwerk darüber, durch das das Licht fiel, vermit-
telte den Eindruck einer heiteren Gartenlaube. Yarzinth klopfte
an eine der Schranktüren, und heraus trat: Hamo!
Wir schritten im Halbkreis um den Pavillon, immer noch
Gefangene seiner mit steinernem Rautenwerk und Ranken
durchbrochenen Wände, die ihn umschlangen wie einen Ro-
senhag. Wir konnten nicht in den Raum hineinsehen, aber das
»Ich bin Benedikt von Polen«, sagte der blasse Mann in der
Franziskanerkutte bescheiden.
»Du bist doch mit Pian …?« fiel mir ein.
Als wir auf Befehl des apostolischen Stuhles zu den Tataren
und anderen Nationen des Morgenlandes gingen und uns der
von Roebruk, der der Genosse unserer Drangsale und unser
insistiert: Lies mir vor, was du schon geschrieben hast! Ich ‰leseˆ
vor bei Kerzenschein, Pian ist jedesmal außer sich vor Glück
über die Gewähltheit seines Ausdrucks, die Schärfe seiner Be-
obachtungen und die Genialität seiner Schlüsse, die er aus allen
Begebenheiten zu ziehen vermag. Er schluchzt vor Rührung bei
erschauern. »Natürlich war es eine Richtstätte, für Massenhin-
richtungen vor allem … Volksaufstände, Kriegsgefangene, für die
niemand zahlen wollte … ; es gehen leicht fünfhundert auf einen
Schub hinein, daher ‰Bad der tausend Füßeˆ!« Er fand die Ein-
richtung wohl belustigend. »Ihr habt doch die Kette gesehen. Sie
war dort natürlich nicht befestigt, sondern außen vor dem Gat-
ter. Wenn alles vollgepackt war, dann wurde die Schleuse dicht
gemacht …«
der Lage, unter den Klingen hindurchzuschlüpfen. Früher soll
der Pavillon als Zwinger für Bluthunde gedient haben, denen
solcherart Zugang zu den gequälten Opfern im Keller gewährt
wurde.«
»Also Grund genug für einen Eingekerkerten, zu fliehen?«
Venerabilis
Konstantinopel, Herbst 1247
Die lähmende, staubige Hitze eines byzantinischen Sommers
man für die Dauer ihres Aufenthalts in Nonnentracht gesteckt
hatte, in seiner schattigen Loge, kurz vor der Nordkurve, in der
Höhe des kleinen Theodosius-Obelisken und genoß die scharfen
Ausdünstungen von Pferdedung und Leder, das Vorbeipreschen
der schweißtriefenden Reiter, die sich beim Eingang zur Kurve
in der Innenbahn zusammenknäulten, bedrängten, schlugen
und stießen … danach kamen die Sekunden, wo er, auf die Folter
»Segeltet Ihr nicht von Otranto zu Eurem Herrn Papst?« be-
fragte ihn auch die Gräfin scharf.
vernehmbar. Zu Füßen des Pultes saßen friedlich die Kinder und
hörten Benedikts Erzählung mit Interesse zu.
»‰ƒ So fiel zu der Zeit, als Guyuk zum Großkhan erwählt wur-
de, wir waren dabei, im Feldlager soviel Hagel in so dicken Kör-
nern, daß beim plötzlichen Schmelzen über hundert Menschen
ertranken, mehrere Jurten und andere Habe weggeschwemmt
wurden …ˆ«
»Was ist eine ‰Jurteˆ?« fragte Yeza.
Benedikt unterbrach sich.
»Ein aus Zweigen geflochtenes Rundzelt, groß wie ein Haus,
mit Filz bespannt«, erklärte er freundlich.
»Und was ist ‰Filzˆ?«
»Ein Stoff, der weich und warm ist und sogar vor Regen
schützt!« Benedikt war ein vorbildlicher Lehrer. »Nachher wüh-
len wir in meiner Truhe, und ich schenk dir ein Kleid aus Filz«,
bot er der Fragerin an.
»Hosen!« sagte Yeza. »Hose ist mir lieber!«
»Und solche ganzen Häuser stellen sie auf ihre Wagen und
datiert auf das Jahr des Herrn 1246, aber es tut immer noch
seinen Dienst!«
»Darf ich es mal sehen?« fragte der Bischof, und er reichte es
nach kurzem Überfliegen weiter an seinen Koch. »Kannst du das
kopieren? Gegeben von seiner Heiligkeit Innozenz IV. zu Lyon
Ostern 124\f … das genaue Datum entlocken wir Pian … und aus-
gestellt auf William von Roebruk ƒ?«
»Das wäre«, murmelte Yarzinth nach eingehendem Studium
des mit Schnur und Siegel versehenen Pergaments und nachdem
er sich vergewissert hatte, daß Lorenz schon arglos vorausgeeilt
war, »das ist das Todesurteil für Bruder William?«
»Ach,
lo spaventa passeri,
unsere Vogelscheuche!« lachte der
kleine Minorit. »Was meinst du, was er erst mit William anstellen
das grausame Geschick, das den schuldlosen Mönchen zuge-
dacht war und an dem er, in seinem Hause, mitwirken sollte, und
Gavin verstand ihn.
»Der Flame hat sich schließlich selber ins Unglück geritten,
aber der Pole? Könnte er nicht entfliehen?«
»ÍÎ@_ „χ }¨@²‘. … Gott seis gedankt …, und ich will auch nicht
wissen, wie man höheren Ortes entschieden hat, auf welchem
Weg man das Lamm nach getaner Arbeit zum Metzger schicken
wird. Ich bins nicht … doch wenn ich die Perfidie der Menschen
bedenke und die schandbare Tradition dieses Palastes …«
damit er sie zurück in den Keller verfrachte, hatte er die Lust
verloren, weiter Zeuge solcher Gespräche zu sein. Den Minori-
»Heute ist der Tag der heidnischen Venus«, endlich war Turn-
des Gral. Die Zeit des sich Versteckens, der Flucht und Ängste ist
vorbei, Wir zeigen die königlichen Kinder mutig der staunenden
Welt.«
Nicola della Porta und Gavin Montbard de Bethune hoben
schweigend ihre Pokale, auch Sigbert von Öxfeld ließ sich nicht
zweimal bitten. Sie tranken.
»Pian del Carpine«, gab der Bischof zu bedenken, »ist noch
nicht bereit, seine ‰Ystoriaˆ noch nicht abgeschlossen; er wird …«
»Pian wird sich der weitaus wichtigeren Publikation und der
ihm zufallenden Rolle darin nich
t entziehen«, entschied Turn-
bull bündig. »Was jetzt noch nicht geschrieben ist, wird nie ge-
schrieben!«
»Und was machen wir mit William?«
Aber der Alte wischte alle Bedenken beiseite und ließ sich von
Sigbert die Treppen hinunterführen. »Morgen nacht ist General-
probe. œ_Ž™¥\ ^\²ËŽ!« Der Bischof folgte ihm eiligst.
Aus dem Hintergrund löste sich Yarzinth. Er schenkte dem als
einzigem zurückgebliebenen Präzeptor nach.
Der letzte Gang
Konstantinopel, Herbst 1247 (Chronik)
»Adjutorium nostrum in nomine Domini.«
»Qui fecit coelum et terram.«
Im Kellergewölbe verdrängte das Morgengrauen zögerlich die
Schleier der Nacht. Es war Herbst geworden, und die Stunde der
als die Tataren. Sie lügen nicht, niemals stoßen sie Scheltworte
seine Zugehörigkeit zu diesem Volk, dessen Blut in seinen Adern
»Sie hat ja mich«, erklärte er die Autonomie seiner Spielgefähr-
tin, die ihn zwar wurmte, die er aber gegen Dritte verteidigte.
»Seid ihr nicht Geschwister?« fragte Benedikt argwöhnisch.
»Das werden wir sehen, wenn wir Hochzeit machen!« ver-
blüffte ihn Yeza, und Benedikt beeilte sich, zu seinen Mongolen
zurückzukommen, deren schlechtes Beispiel ihm hier helfen
mochte, die Moral der Kirche hochzuhalten:
»‰Diese Tataren dürfen ihre Verwandten heiraten, mit Ausnah-
me der leiblichen Mutter, der eigenen Tochter und der Schwester
von der gleichen Mutter. Im Todesfall des Vaters sind sie sogar
Auch Hamo entsann sich seiner Gespräche mit dem Ritter, der
ihn … wohl in Abstimmung mit der Gräfin … für den Orden hatte
gewinnen wollen. Der Stachel gegen seine Mutter hingegen saß
so tief, daß er ihn mit Trotz begrüßte, indem er fortfuhr: »Stellt
Euch vor, wie sie ins bischöfliche
Schlafgemach stürmte, voller
Empörung, eine Henne, der man ihre Küken geraubt, wie Nicola,
noch im Nachtgewand, die Protestierende von seinem Leibkoch
vor John Turnbull bringen ließ, der ihr mit wackelndem Hals«
… Hamo machte mit seinem mimischen Talent auch den Alten
nach … »die Leviten las!«
»Hamo«, grollte der Komtur, »ein Mann macht weniger Wor-
te. Und ein Ritter stellt keinen anderen bloß!« Hamo schwieg
beschämt. »Die Frau Gräfin und ihr alter, treuer Freund John
Turnbull wurden sich auf der Stelle einig«, fuhr Sigbert fort,
»sowohl in der Sache wie im Zeitplan. Es bleibt bei Sonntag!« Da
der Herr von Öxfeld mit dieser Ankündigung bei uns allen auf
Unverständnis stieß, sah er sich genötigt hinzuzufügen: »Damit
schießen, da alle, Jungen wie Mädchen, Hosen tragen und die
gleichen Kittel …«
»Du hast mir eine Hose versprochen«, unterbrach ihn Yeza
»Das Muster nennen sie ‰ewiger Knotenˆ«, erklärte Benedikt,
stolz auf sein Wissen.
Es folgten Hauben, Kopfschmuck, Pektorale und Futterale für
die Zöpfe … ein Stück kostbarer als das andere, alle aus getriebe-
nem Gold oder Silber, aufs Feinste ziseliert, und mit Edelsteinen
bedeckt.
»Botag!« rief Lorenz. »Das ist der große Festschmuck für ver-
»‰Wenn einer ihrer Führer stirbt, dann wird sein Lieblings-
pferd getötet, das Fleisch zur Leichenfeier verzehrtˆ«, erzählte
der griesgrämige Benedikt, »‰die Frauen verbrennen die Kno-
chen, und das Fell wird ausgestopft und über dem einsamen
Grab in der Steppe aufgehängt samt Sattel und Zaumzeug. Sein
Wagen wird zerbrochen, seine Jurte niedergerissen, und seinen
Namen darf niemand mehr in den Mund nehmen. Sie graben
eine Grube und legen den Lieblingssklaven des Verstorbenen
unter den Leichnam und lassen ihn so lange darunter liegen,
bis er nahe daran ist, seinen Geist auszuhauchen. Gerade bevor
er erstickt, ziehen sie ihn heraus und lassen ihn ein wenig Atem
holen. Das wird dreimal wiederholt, und wenn er dann glück-
lich mit dem Leben davongekommen ist, wird er zum freien
Mann erklärt und genießt bei allen Verwandten des Toten ho-
hes Ansehen. Die Grube aber verschließen sie so, daß … wenn
Ich fühlte mich schon wie ein geschächtetes Schwein langsam
verbluten, auch machte sich eine gewisse Platzangst bemerkbar.
Ich war hilflos, hinten konnte man mir den Arsch kreuzweise
versohlen, vorne den Kopf abhacken … da rasselten die Schlüssel
in der Tür, und die Stimme Yarzinths, der erstaunlich schnell
vom Pavillon zurückgekehrt war, sagte:
Der Sträfling des Legaten
Konstantinopel, Herbst 1247
Gegen Mittag des folgenden Tages schlich sich der päpstliche
Segler vom Schwarzmeer kommend die Flanken des Bosporus
entlang. Es wehte kein Wind, der Himmel war grau, und über
den Wassern lag Nebel. Die Segel hingen naß und schlaff, und die
Ruderer waren ob der langen Seereise erschöpft. Langsam trei-
dem Bischof, dem Päderasten. Und war sie nicht Patronin eines
Hurenhauses, bestückt mit jungen Nonnen, ‰die Äbtissinˆ … bis
seine Mißbilligung ausdrücken sollte. Doch der Herr Legat hatte
sich wieder auf der Taurolle niedergelassen, stützte seinen Kopf
in die Hände und war für niemanden mehr zu sprechen.
Simon zögerte, ob er diese Verantwortung auf sich nehmen
sollte.
»Ich schwöre«, stöhnte Vitus.
»Deine Eigenmächtigkeiten haben der Kirche genügend
tranken ihren Tee und ließen die Schiffe vor sich nicht aus den
Augen.
Neben dem roten Tatzenkreuz wehten das schwarze Kreuz
und Angreifen.« Der hochgewachsene Mönch reckte seine gefes-
selten Hände kreuzförmig in die Höhe. »Im Namen Christi und
unserer heiligen Kirche!«
»Glanzvoll?« Ascelin warf ihm
einen mitleidigen Blick zu,
»Da seht Ihr, Fra Ascelin«, bemerkte Simon trocken, »wie recht
ich hatte! Es ist jammerschade, da
ß wir diesen Baitschu nicht als
musterhaftes Beispiel eines Tatarenschädels in Essig eingelegt
dem Abendland vorführen können: häßlich geformt, schwül-
stige Lippen, hervorquellende Augen, platte Nüstern, niedrige
Stirn, Ziegenbart!«
»Vergeßt nicht, daß wir seine Gesandten sind! Er wird Euch
strafen an Euren Kindern und Ki
ndeskindern!« fauchte Serkis.
»So vergilt also ein Christ genossene Gastfreundschaft!«
»Gastfreundschaft?« höhnte Simon »Dieser Fraß, diese stin-
kenden Abfälle, die wir verzehren mußten, aus vor Schmutz
Starrendem Geschirr, in Gesellschaft rülpsender, schmatzender,
kotzender Trunkenbolde!«
»Baitschu hätte Euch doch kochen und häuten sollen!« entgeg-
CONJUNCTIO
FATALIS
Generalprobe
Konstantinopel, Kallistos-Palast, Sommer 1247 (Chronik)
Als es Abend wurde, erschien Yarzinth bei uns im Keller.
stolz auf meine kleinen Könige, wenn mich auch der Einsatz für
Benedikt kränkte, doch sie hätten für mich sicher gleichermaßen
gehandelt. War des Polen Leben in Gefahr? Und hatte er sich
nicht so eingeführt: ‰Erst ich, dann du!ˆ? Obacht, William, sagte
ich mir, während ich hinter dem Koch die Treppe hochstolperte.
Es war der Abend vor dem Tag des Herrn. Yarzinth führte uns
in einen prächtigen Saal, desse
n Boden mit großen Marmorqua-
John nahm es leicht verwirrt hin. »Also«, befand er, »wenn
ich Pian« … er wies mit höflicher Geste auf den massiven Klei-
derständer … »vorgestellt habe, erweist du, Lorenz, als Legat des
Innozenz dem heimkehrenden Missionar die Ehre …«
»Aber ich habe doch gar kein Legat!« wandte Lorenz ein.
»Der Bischof wird dir einen schönen Mantel geben!« tat John
das Bestallungsproblem ab. »Dann spricht Pian ein paar Worte
über die Gefährlichkeit der Reise und führt lobend seinen Be-
gleiter in all diesen Fährnissen ein: William von Roebruk!«
»Und die Kinder?« wagte ich einzuwerfen.
meinem dumpfen Kopf, der sowieso benommen war von allem,
was um ihn herum vor sich ging.
Die Kinder stürmten herbei, ohne daß man sie zweimal rufen
mußte, auch Sigbert nahm seinen Platz wieder ein.
»Wie seht ihr denn aus?« rügte John die martialische Aufma-
»Wir vom Tempel werden gegenüber Aufstellung nehmen«,
entschied Gavin. »Wir stellen uns zu den Sufis und den Abge-
können.
»Die Abgesandten der Republiken verteilen wir ebenso auf
beide Seiten«, schlug Gavin vor, »damit nicht die Serenissima
neben Genua zu sitzen kommt …«
»Da sitzen die Schwerter nicht lange locker«, lachte Sigbert.
»Am besten wir überlassen es den diversen Streithähnen, sich
ihren Platz so weit entfernt vom Gegner zu suchen, wie es ihnen
beliebt.«
»Und haben sofort eine Schlägerei um die Sessel in der ersten
Reihe!« lachte die Gräfin.
»In der ersten Reihe«, Turnbull versuchte sich wieder Autorität
zu verschaffen, »sitzen der Gesandte des Königs von Frankreich,
der Graf Joinville; ein Sohn des Königs Bela von Ungarn …«
»Bastardsohn!« zischelte der Bischof dazwischen.
»Wie der Esel!« fauchte della Porta. »Wir müssen den Saal ab-
»Wenn William euch hierhergebracht hat und sich zurück-
Die Stunde der Mystiker
Konstantinopel, Herbst 1247
Kaum war die Nacht hereingebrochen, wechselte der päpstliche
Segler hinüber zum griechischen Ufer. Ascelin hatte, gestützt auf
die Informationen des Bruders Simon, Befehl gegeben, nicht
den Haupthafen anzulaufen, sondern gegenüber, unterhalb des
Friedhofs von Galata, Anker zu werfen, von wo eine Schiffsbrük-
ke das Goldene Hörn überquerte. Zu Fuß, nur mit kleinem Ge-
folge, machte sich der Legat bereit zum Landgang.
»Wenn Vitus auf allen vieren laufen könnte, würde er am we-
nigsten auffallen!« schlug Simon vor, als der Viterbese in Ketten
an Deck gebracht wurde.
So wurden seine Fußeisen gelöst und er an unsichtbar gemach-
Simon hatte während des Diskurses, nach Verlassen der
Schiffsbrücke, die Schiffe am alten Kai nicht aus dem Auge
gelassen. Er hatte nicht vor, sic
h nochmals dem Liegeplatz der
Triëre zu nähern, um das Schicksal nicht herauszufordern, denn
der ‰krankeˆ Vitus zog doch manchen Blick auf sich, wie er bei
mehrfachem Umsehen feststellen
mußte. So schlugen sie einen
großen Bogen um das abgedunkelte, im Schlaf dümpelnde Schiff
der Gräfin, so neugierig er auch war, es einmal ganz aus der Nähe
zu betrachten.
Da zupfte ihn Ascelin am Ärmel: Im Lichtschein eines geöff-
te Gavin dem neben ihm stehenden Lorenz zu, »sich über die
Traditionen der alten Kulte hinwegzusetzen und dem Apoll, sei
es in seiner dionysischen oder orpheischen Form, dem solitären
männlichen Herrscher jedenfalls, die weibliche Gefährtin gleich-
berechtigt gegenüberzustellen!«
»Ad latere«,
korrigierte ihn flüsternd der Mönch, der … anders
als der distanzierte Templer … leuchtenden Auges der Beschwö-
mediokre Dogmen zuhauf produziert, doch in einem waren sie
von weiser Weitsicht: in der Bannung des Weibes vom Mann, der
sich dem Geist, dem Heiligen weiht.«
Turnbull ließ sein Rohr fahren und stellte den Templer: »Könnt
Ihr nicht die Paarung im dumpfen Erdensinn hintanstellen? Um
die Versöhnung der Schöpfung geht es! Gott hat beide geschaf-
fen, Eva ist keine Zutat des Teufels! Sie sind eins, wie Gott selbst,
Geschwister!«
»Angenommen Roç und Yeza wären es, was keiner von uns
weiß, könnt Ihr nicht abstreiten,
maestro venerabile,
daß sie zwei
äußerst verschiedene Lebewesen sind, im Geist, wie im Fleisch
… und dieser Dualismus trägt in sich die Spannung, die Ausein-
»Ich kann sie Euch in einem beantworten: Der Schutz und
Erhalt des Grals ist, wie Ihr wi
ßt, Grund und Zweck des Ordens
der Templer. Diese Verpflichtung überträgt sich auf sein manife-
stiertes Blut, auf die Kinder, ohne daß irgendein Mitglied unserer
Gemeinschaft darüber zu befinden hat, schon gar nicht ein un-
bedeutender Präzeptor!«
»Mich interessiert jedoch«, be
harrte John, »gerade dessen per-
sönliche Einstellung.«
Gavin fiel die Auskunft nicht leicht, er kämpfte mit sich. »Mei-
ne Ergebenheit zu den Kindern des Gral hat mit meiner Person
zu tun, mit Gefühlen … mein Gehorsam gegenüber dem Befehl
des Ordens mit der Gewißheit, daß nur so … nach aller Voraus-
sehbarkeit, nach aller Erfahrung und dem Kalkül der größten
Wahrscheinlichkeit …, wenn überhaupt, wenigstens eines der
beiden Kinder das Ziel erreichen kann!«
»Wißt Ihr wirklich nicht«, wagte Lorenz die neugierige Frage,
»wessen Geschlechts die Kinder sind?«
»In der Spitze der Pyramide des Großen Plans sind mit Si-
cherheit auch Namen und Samen niedergelegt. Wem zu wissen
bestimmt ist, wird es zu seiner Zeit erfahren.«
Damit mußte sich auch der kleine Franziskaner wohl oder
übel zufriedengeben.
»Das kann nicht das prächtige Byzanz sein, dessen Macht
ad
extremum
und dessen innere Ordnung von allen gepriesen wer-
den!« grollte Serkis. »Was ich sehe, ist Chaos und Anarchie … und
kein Ordnungshüter weit und breit.«
»Das ist die Seuche der Lateiner«, der beleibte Aibeg mochte
sich nicht aufregen, »das Sündengebot der römischen Kirche,
damit sie mit Fegefeuer und Verdammnis locken kann … Macht
über die Seelen, das ist die wahre Macht!«
Die beiden Nestorianer mühten sich die Stiegen hoch, die
vom Hafen in die Altstadt hinaufführten. Ihre mißbilligenden
auf die Finger, die sie sich dann unter Schmerzen abschlecken
konnten.
Ein Geruch von Fäulnis hing zwischen den verfallenen Behau-
sungen, in den Höhlen und Höfen. Dann plötzlich Kreischen,
Flüche. Eine Horde Halbwüchsiger, die Köpfe geschoren, die
Gesichter mit grellen Symbolen der Bande bemalt, rannte durch
»Hunger, Diebstahl, Neid, Totschlag … können ihnen doch
nicht gefallen?« ereiferte sich Serkis. »Raub und Vergewaltigung,
Mord und Ehebruch ächten doch auch sie durch strengste Stra-
fen …?«
»Ja, aber Durchstich und Begünstigung, Ansehen und vor al-
lem Adel läßt die Reichen und Mächtigen andere Richter finden
als die Armen. Das ist die Freiheit des Abendlandes, deswegen
gelten wir ihnen als grausame Unterdrücker, weil das Gesetz der
Jasa für alle gleich ist … und strikt angewandt wird.«
»Ihr solltet fliehen, braver Mann!« trat Serkis auf ihn zu. »Ihr
habt recht gehandelt. Wir könnten Euch auf unserm Schiff ver-
Halma gespielt, zu viele Hindernisse übersprungen, anstatt Euch
aus, besonders von dem Mann, der schon Blessuren im Kampf
davongetragen hatte. Der unter seinen Wundverbänden gefessel-
te Vitus stampfte schweigend hinterher, doch war er es, der die
Richtung bestimmte. Der hoch über der Stadt gelegene Bischofs-
palast zog ihn magisch an, und seine in Ketten gelegte Ungeduld
sorgte dafür, daß der kleine Trupp nirgendwo länger verweilte.
»In meinem ganzen Leben als vielgereister Missionar«, keuchte
Fra Ascelin, »habe ich noch nie so viele Jünger Buddhas, Parzen,
Mauern entlang, auf der Suche nach einem weiteren Einlaß. Sie
fanden keinen. Glatt und ohne jede verdächtige Unterbrechung
zogen sich die hohen Wände rings um den mächtigen Besitz,
wenn man von dem Brunnen absah, der an einer Stelle in die
Mauerquadern eingefügt war. Er stellte einen jungen Dionysos
dar, voll im Fleische, der mit einem alten Satyr um den Besitz
einer Weinamphore rang, deren Inhalt sich dabei in kräftigem
Schwall in eine tiefer gelegene Muschel ergoß.
Simon beugte sich über die Schale und ließ sich das sprudeln-
de Wasser in den aufgerissenen Mund spritzen.
Aus den Arkaden vor dem Hauptsaal drang noch Licht, un-
gewöhnlich um diese Zeit, da alle anderen Paläste und Kirchen
rings um längst im tiefen Dunkel ihrer Gärten lagen.
»Dies muß der Ort sein!« zischte Vitus dem enttäuschten Lega-
ten zu, der sich ratlos umsah.
»Jeden Tag?«
»Nein, nur morgen«, Hamo wußte nicht, ob er sich ärgern oder
seine Lippen preßten sich an sein Ohr, und seine Zunge leckte
begehrlich seinen Hals. Nicola
wagte kaum zu atmen, wie sehr
hatte er diese Stunde herbeigesehnt, hatte den Jungen umworben
mit Liebkosungen und Geschenken, mit Aufmerksamkeiten und
Großzügigkeit. Nie hatte er ihn gedrängt. Jetzt zahlte sich seine
Taktik aus. Aus freien Stücken war Hamo zu ihm gekommen,
um ihm seine Liebe zu schenken. Still vor Glück entspannte sich
Nicola, um die ungeschickten, feuchtstürmischen Zärtlichkeiten
hinzunehmen, diese unermüdlich
seine Wangen, seine Nase, sei-
ne Schultern leckende herrliche, wilde Zunge ƒ
Yarzinth hatte Clarion zur Triëre gebracht. Er hatte sich noch von
ihr aufhalten lassen, weil sie seinen Rat verlangte, welche Robe sie
morgen anlegen sollte. Auch ihre Begleiterinnen, die Zofen und
Kammerfrauen bestürmten ihn mit verschämten, doch oft auch
kichernd zudringlichen Bitten, ein Wort zu ihren Gewändern
abzugeben, beziehungsweise zu dem, was sie freiließen, was wal-
lend und bloß nun mit Schmuck behängt werden sollte. Yarzinth,
der selbst einem Unbefangenen sofort als unempfänglich für
weibliche Reize zu erkennen gewesen wäre, wand sich aus seiner
Bedrängnis nach einigem Zaudern mit Häme: Er dirigierte die
Damen zu den gewagtesten und offenherzigsten Entblößungen,
kernden Dochts, daß ein zarter Flaum den kleinen Hügel zu
bedecken begann, aus dem sie ihr Wasser schießen ließ … je-
denfalls hatte er dieses wie Schatten wirkende goldblonde Vlies
vorher noch nie an ihr wahrgenommen. Und was ihn viel mehr
erschreckte, wohlig erschauern ließ, sein Glied reckte sich plötz-
lich zu einer Steifheit, die er zwar kannte, aber nie mit Yeza in
Zusammenhang gebracht hatte.
Er drehte sich aus seiner Decke, den starren Piephahn scham-
haft vor ihr verbergend, doch als er sie an der Hand nahm, be-
»Roç? … So antworte doch!« Aber sie vernahm nur sein hefti-
ges Atmen.
Sie glitt zwischen seine Beine, und ihre vorgestreckten Hände
fanden den erstarrten Piephahn, der so ungewohnt fremd zwi-
schen den beiden Hoden, mit denen sie gern herumspielte, her-
ausgewachsen war. »Oh!« war das einzige, was sie herausbrachte.
»Oh, Roç.«
Er tat ihr leid, er mußte Schmerzen leiden. Sie warf sich über
ihn und preßte ihr Gesicht auf seinen Bauch. Der harte Fremd-
ling zwischen ihnen störte sie, ab
hatte. Doch diesmal wandte Yeza ihren Kopf weg, ihre Haare kit-
zelten seine Nase. Sie richtete sich auf und riß die Decke weg.
»Ich wünsch mir ƒ«, schluchzte sie und fand die Worte nicht.
»Was?« drängte Roç und bedeckte ihren Hals, das Hemd über
ihrer kleinen Brust mit ungelenken Küssen.
»Ich wünsche mir, daß du
in
mich Pipi machst, jetzt!«
Roç war wie erstarrt. »Ich muß aber gar nicht«, preßte er nach
einer Zeitlang heraus, »ich kann nicht!«
Da lachte Yeza und schlang ihre Arme um ihn. »Dann habe ich
eins gut!« Sie zog ihn zurück unter die Decke. »Du bist mir ein
Nicola hatte einen abgefeimten Charakter. Oh, wie er ihn haß-
te! Den Kopf Hamos sollte er ihm abgeschlagen, blutig aufs Bett
werfen! Oder diesen Unmenschen selbst vergiften! Nichts hatte
ihm das Tier getan, das gute! Geherzt und geküßt hatte es ihn,
diesen Unhold, diesen unmenschlichen!
Es geschah selten, daß Yarzinth mit Styx nachts durch die Alt-
»Die wohlfeilen Dienerinnen käuflicher Liebe«, fügte der Dik-
ke hinzu, um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, und
schon hatten sie den Koch in ihre Mitte genommen und zogen
ihn mit sich fort. Styx tappte folgsam hinterher.
»Wir sind aus Täbris«, klärte der Hagere ihn auf, »und fremd
in dieser Stadt …«
»… weswegen wir auch unser Priestergelübde für ein paar
Stunden läßlicher Sünde vergessen wollen«, fügte Aibeg schnell
hinzu.
Serkis meinte: »Wo gehts hier zum Kallistos-Palast, und wie
kommt man da hinein?«
»O ja«, preßte Yarzinth heraus, »vor allem wenn sie nicht er-
kannt werden wollen, als das, was sie sind!«
Damit waren sie vor einem niedrigen Gebäude angekommen,
das einem hochherrschaftlichen Haus glich. Durch den offenen
Torbogen sah man in den Innenhof, in dessen Mitte ein großes
Feuer brannte, um das herum nur Männer saßen.
»Hier haust Aphrodite?« schauderte der hagere Serkis zurück.
»Immer nur der Nase nach«, beschied ihn Yarzinth und deu-
Koch erschienen sie eher wie Vogelscheuchen. Doch sie waren
und eine Kette samt Hand und Arm von ihren Besitzern ge-
trennt hatte.
Derweil hatte Styx schon einem halben Dutzend die Hals-
schlagader durchgebissen. Er stand breitbeinig da und schnup-
perte nach Moschus, doch die überlebenden Lestai hatten pa-
nisch die Flucht ergriffen.
Yarzinth verließ die schützende Wand hinter dem breiten
Kreuz des Soldaten. Er legte Styx wieder an die Kette.
Die Uhr des Hephaistos schlug die fünfte Stunde des Hesperos.
Ihr Turm stand unterhalb des Friedhofs der Angeloi und ragte
wie eine Bastion über Stadt und Hafen. Sie gab keine Glocken-
schläge von sich, sondern für jede volle Stunde einen anderen
Sie hatten ungesehen den Weg vom Hafen zum Bischofspalast
Wenn Ihr seht«, wandte sich der Viterbese an Ascelin, der ge-
senkten Hauptes zuhörte, »daß Ihr zu früh dort anlangt, dann
Yarzinth lockerte Styx Fesselung ein wenig, was Hamo sogleich
ängstlich aufspringen ließ, doch der Hund jaulte nur voller An-
klage.
»Auch ich«, zischte Hamo, »habe eine schlimme Entdeckung
gemacht. Die katholische Kurie Roms hat ihren übelsten Hä-
scher geschickt. Ich sah ihn unseren Palast ausspionieren. Ge-
fahr droht ƒ«
Er schaute sich kurz um nach Galeran, der damit beschäftigt
war, den gefesselten Styx zu hänseln, ihn mit seinem Stock zu
stoßen, so daß Hamo die günstige Gelegenheit wahrnahm und
mit schnellem Satz um die Ecke verschwand.
Galeran hatte es dennoch bemerkt und schrie wütend hinter
ihm her: »Treulose Jugend, perfides Byzantium!« und fuchtelte
mit seinem Stab, machte aber keine Anstalten, seinem jungen
Begleiter zu folgen, was Yarzinth heimlich erhofft hatte.
Dafür tauchte auf der anderen Seite der Basargasse wie ein
Geschenk des Himmels Lorenz von Orta auf. Yarzinth eilte hin-
über.
»Führt Ihr Pergament und Rötel bei Euch?« überfiel er ihn.
»Immer«, sagte Lorenz, leicht verwundert.
»Wollt Ihr auf meine Kosten in den Venustempel?«
»Jederzeit!«
»Dann nehmt den Bischof«, Yarzinth wies verstohlen hinüber
zu Galeran, der sich schwankend auf seinen Stab stützte und mit
Styx Zwiesprache zu halten schien, »und führt ihn in das Freu-
denhaus, das Ihr ja kennt …«
»Nur von außen!« wehrte Lorenz lächelnd ab.
Euch, großer Meister, im blinden Vertrauen auf Euer Talent
im voraus ab!« Er schleifte den immer noch widerstrebenden
Mönch über die Straße und stellte ihn Galeran vor, der sich so-
fort bei Lorenz einhakte.
»Endlich ein Christ in diesem Sündenbabel, ein Jünger der
Keuschheit und der Armut! Laßt uns fliehen von diesem Ort, wo
alles geschlossen ist.« In der Tat hatte der Silberschmied seine
Ladentür verriegelt und war eilends von dannen gegangen. »Es
muß doch noch eine offene Taverne zu finden sein!«, und mit
einem schelmischen Seitenblick auf den Franziskaner aus seinen
vom Wein bereits getrübten Augen: »Einen kleinen Schluck vom
Saft der Rebe hat Euch auch der heilige Franziskus nicht ver-
wehrt?«
Yarzinth lud sich den gefesselten Styx wie einen Sack quer auf
die Schultern … der Hund war längst eingeschlafen und ließ alles
mit sich geschehen …, griff das wieder säuberlich zusammenge-
bauten Ladengassen der Handwerker, eine Oase der Ruhe, die
Gavin immer wieder gern aufsuchte.
Schon von weitem erspähte er die gedrungene Gestalt, die zwi-
schen den Kreuzen an der Umfassungsmauer stand und auf die
Stadt im nächtlichen Glanz vieler kleiner Feuer herabstarrte. Um
den fremden Besucher nicht zu verschrecken, räusperte sich der
Templer vernehmlich, aber schon hatte der andere sein Schwert
gezogen, die Klinge blitzte im Schein des Mondes.
»Baucent à la rescousse!«
»Frances?«
fragte eine rauhe Stimme und steckte hörbar das
Schwert weg.
»Templi militiae!«
sagte Gavin. »König Ludwig zugetan.« Er
war stehengeblieben. Er wußte nicht, ob er sich ärgern sollte,
seinen Lieblingsplatz mit jemandem zu teilen, oder ob es ihn
angenehm zerstreuen würde, die Bekanntschaft des Fremden zu
machen. »Und wer seid Ihr?«
ist voller Erwartung, es gemahnt einen gläubigen Christen an die
Nacht von Bethlehem, es fehlt nur noch der Stern über dem Kal-
listos-Palast!« scherzte er.
»Und das ist nicht grad ein Stall«, ging Gavin auf den Plauder-
ton ein, »wenns auch morgen nicht an Schaf und Esel gebrechen
wird!«
»Dafür könnten die Kinder als Symbol dastehen«, bohrte der
Templer, aber ohne Erfolg.
Kurie würde zur Stelle sein, in welcher Person auch immer. Dies
nicht als gegeben anzunehmen, hieße das Castel gröblich zu un-
terschätzen. Friedrich, das gesamte Abendland, sie waren ja alle
vertreten, reichlich!
Was ihm Sorge machte, war der Orient, und zwar der un-
sichtbare: Die Assassinen und die Mongolen … und dann war da
schließlich auch noch der lokale Herrscher, Kaiser Balduin, zwar
schwach im Vergleich zu den anderen Mächten, doch immerhin
stark genug, innerhalb der Mauern dieser Stadt seinen Willen
durchzusetzen … auch wenn Nicola della Porta dies auf die leich-
te Schulter nahm. Der Präzeptor beschloß, zum Kallistos-Palast
zurückzukehren.
Die baumbestandene Allee, die vom Palast in Serpentinen zu
Stadt und Hafen führte, kamen Reiter heraufgesprengt, die eine
schwarze Sänfte eskortierten.
Er erkannte gerade noch rechtzeitig, daß es seine eigenen
Templer waren, und trat zurück in den Schatten. ‰La Grande
faßte Yves sein Angebot und sein Begehr knapp. Er zog einen
Sack aus seinem Rock.
»Das ist Silber«, erläuterte er dem verlegen dreinschauenden
Yarzinth, der erst mal den schlafenden Styx behutsam abgelegt
hatte. »An was erinnert dich dieser Sack von Silberlingen? … An
Yves grinste nicht, nur seine Stimme machte sich lustig über
das Grauen, das den Glatzkopf befallen hatte. »Nun nimm den
verdienten Lohn, daß du nichts Besseres zu tun hattest, als Yves
Nicola wäre gewiß lieber mit dem schönen Knaben allein
hielt ihm die blanke Klinge hin. »Schwört beim Leben des Grafen
»Was hat sie von mir gewollt?« überfiel er den erschrockenen
Alten.
»Nichts!« murrte Turnbull. »Sie hat nicht einmal nach Euch
Yarzinth ließ das gestaute Wasser mit einem Schwall fahren,
ihm, mit uns zu sitzen und seine Studien an einem so ausgefalle-
»Über der Altstadt«, Galeran rülpste, »jedes Kind kennt ihn!«
Mit kleinen tapsigen Schritten, auf seinen Stab gestützt, verließ
der Besucher aus der Terra Sancta den Hof. Die beiden Nestoria-
Draußen im Hafenbecken dümpelte die des Großmeisters der
Johanniter, weitaus prächtiger und sichtbar auf Abstand bedacht.
Es folgte am Kai der unscheinbare ägyptische Rammschoner, der
neben dem Banner des Sultans auch den Adler der Deutschen
zeigte, und dann das prunkende Schiff des französischen Ge-
sandten mit wehender Oriflamme … nirgendwo war Verdächti-
ges zu entdecken!
Guiscard beschloß, sich nicht allzu weit von seiner Triëre zu
entfernen; auch wollte er nicht in der Altstadt seinen Freigängern
über den Weg laufen. Er galt wahrhaftig nicht als Spaßverderber,
aber heute war ihm weder nach einem scharfen Ritt unter einer
weichbäuchigen Armenierin noch
danach, sein drittes Bein zwi-
schen die prallen Arschbacken einer Jungen aus Galizien zu ram-
meln. Er hatte Hunger auf ein knuspriges Zicklein in Thymian!
Dazu einen Roten aus Georgien; der aus Trapezunt war zu teuer,
und den Gewächsen von der Krim bekam die Seereise nicht.
Der Amalfitaner schnupperte die sich über offenen Feuern
drehenden Spieße, hob die Deckel der Töpfe, steckte seinen
Finger prüfend in den Sud von Tiegeln und Pfannen und ließ
sich schließlich an einem Tisch nieder, wo nur ein Pärchen mit
schweigsamer Miene dünne Gemüsebrühe aus einer gemeinsa-
men Schüssel löffelte. Sie brachen ihr Brot hinein. Offensichtlich
fehlte es ihnen an Geld, sich mehr zu leisten.
Guiscard wollte sich nicht den Appetit verderben lassen. Er
bestellte eine ‰rosaˆ Hammelkeule mit viel Reis und Paprika und
forderte die beiden auf, mit ihm zu teilen. Sie griffen mit Heiß-
hunger zu, der Mann finster und schweigsam, die junge Frau, de-
ren schönes, trauriges Gesicht den Amalfitaner sofort faszinierte,
mit dem Versuch, sich in einer ihm fremden Mundart für ihre
Not zu entschuldigen. Über ein seltsames Arabisch, mit deut-
»Wir wollen es nicht sagen, keiner glaubt es …«
»… und es hat uns nur Unglück gebracht!« ergänzte sie bitter.
Guiscard hielt sie für Gitanos, was auch vom Typ her möglich
war, obgleich beide schlank und hochgewachsen waren. Jeden-
falls orderte er noch zwei Becher und goß ihnen vom Wein ein,
was dann ihre Zungen bald lockerte.
»Wir kommen aus den Bergen und mußten um unserer Liebe
wegen Dorf und Sippe verlassen«, erklärte ihm die herbe Schöne.
»Wir zogen die Küste hinunter …«
»Welche Küste?«
»Die dalmatische. Immer wenn Firouz«, sie zeigte auf ihren
Mann, »der Jäger ist und ein guter Schütze, sich hätte als Soldat
verdingen können, war für mich kein Bleiben, und das, was man
mir in den Hafenstädten anbot, hätte uns wohl beide ernährt,
aber unsere Ehre, seine und meine, zerstört.«
Guiscard gab sich Mühe, das junge Weib nicht allzusehr anzu-
starren, er verstand, wie sehr dieser Mann gerade unter solchen
Blicken leiden mußte. Doch ihn beeindruckte der Stolz der Frau,
wenn sie von ‰ihrer und seinen Ehre sprach, mit dieser rauchigen
Stimme voller Melancholie, die Männer verrückt machen mußte
nach ihr, und in der sie jetzt, bedächtig nach Worten suchend,
fortfuhr:
»Wir ernährten uns lieber von gelegentlichen Tagelöhnerar-
beiten auf dem Lande … wir können beide zupacken …, halfen bei
der Ernte und flickten Gerätschaften.«
»Ach, Madulain«, unterbrach sie schroff der Mann, »warum
erzählst du das alles? Seit dieser William in unser Leben einge-
griffen hat, ist nichts mehr in Ordnung zu bringen, unsere Wur-
zeln sind im Tal der Punt …«
»William?« sagte Guiscard und setzte den Becher ab, den er
gerade zum Mund führen wollte.
»Ein Soldat, der besser hätte Priester werden sollen!« sagte der
Mann bitter-höhnisch. »Er nahm …«
»Ihr seid Saratz, richtig?« Die beiden nickten, fast erschrocken.
»Keine Angst, ich verrat euch nicht!« Guiscard goß sich und
auch ihnen nach. »Ein rotblonder, stämmiger Flame? Er kam aus
Otranto? William von Roebruk?«
»Ja«, sagte die schöne blasse Madulain, »so hieß er«, und in
ihren Augen glomm ein Glitzern. »Kennt Ihr ihn?«
»Und ob!« sagte Guiscard. »Hätte ich nicht auf unserer Fahrt
Ärger mit meinem Bein gekriegt«, er klopfte auf seinen Holz-
stumpen, »ich wäre mit ihm unter die Lawine gekommen!«
»Und ist er mit Rüesch-Savoign glücklich geworden?« bohr-
te Firouz nach, plötzlich an der Geschichte interessiert. »Ihre
Hochzeit war am Tag, als wir Punt und Saratz verließen ƒ«
Pian del Carpine hatte in der Sommerresidenz die ganze Nacht
die von William und Lorenz beschriebenen Pergamente gelesen,
als endlich Yarzinth in das Zimmer schlüpfte.
»Ich habe dir kandierte Früchte gebracht«, schmeichelte er,
doch Pian sah kaum auf. So zog er sich aus und streckte seinen
nackten Körper wohlig unter dem kalten Laken. »Kommst du
nicht?«
»Ich will die Geschichte noch fertig lesen, sie ist so erhebend.«
»Es ist deine ‰Ystoria Mongalorumˆ«, sagte Yarzinth mit zärt-
lichem Stolz.
Der rauchige, melancholische Ges
ang klang weit über den Kai,
In der Sonne des Apoll
Konstantinopel, Herbst 1247
Die Uhr des Hephaistos zeigte mit hellem Klang die fünfte Stun-
de an. Benedikt wachte auf und nötigte den schlaftrunkenen
William, mit ihm für sein Seelenheil zu beten.
Nach Passieren der Stadtmauer kamen ihm doch Zweifel.
in der fremden Stadt, deren nichtsnutziges Gesindel den Armen
auch noch ausgeplündert hat bis aufs Hemd«, plauderte sie mun-
ter drauflos.
»Laßt mich einen Blick auf ihn werfen«, bat Lorenz, »vielleicht
kann ich …«
Sie lupfte leicht das Zeltleinen. Galeran schlief in den fleckigen
sich auf die andere Seite. Die Morgensonne schien durch das stei-
nerne Rankenwerk und sprenkelte Boden und Teppich mit hel-
len Tupfern, ohne daß aber ein Strahl gleißend einfallen konnte.
»Dem Admiral?« Hamo zeigte kein Interesse. »Den hab ich nie
gekannt.«
»Heinrich von Malta, Graf von Otranto, gilt zwar als dein
Vater, doch der Same, aus dem du stammst, ist vom Geschlecht
Dschingis-Khans.«
Es herrschte ein langes Schweigen. Hamo hielt die Augen ge-
schlossen, und der Bischof starrte in das filigrane Gitterwerk, das
wie eine lichte Kuppel zu ihren Häupten den Pavillon abschloß.
»Deswegen möchte Guyuk, daß ich sein Schreiben verlese.«
Hamo hatte das nicht gefragt, sondern als sichere, schlichte
Feststellung gesprochen. »Gut«, sagte er, »ich werde den Auftrag
ausführen. Dich aber will ich nicht mehr sehen. Die Geschichte
meiner Zeugung möchte ich mir von meiner Mutter erzählen
war der pralle Beutel Geldes, der gleich neben dem Lager des
Glatzkopfes stand, in Reichweite von dessen ausgestreckt herab-
hängender Hand. Der Templer stieß mit der Stiefelspitze leicht
dagegen, und einige Silberstücke fielen klingelnd auf den Boden.
Französische Doublonen!
Pian war von dem Geräusch aufgewacht. Gavin entschuldigte
sein Eindringen.
»Ich muß Euch stören, Herr Legat.« Er vermied es taktvoll, den
noch immer schlummernden Yarzinth wahrzunehmen. »Es ist
Zeit! Heute ist Euer großer Tag, Pian del Carpine!«
Lorenz fand Nicola della Porta und John Turnbull unter dem
Hauptportal. Zu seinem Erstaunen erkannte der Alte den Bi-
schof von Beirut sofort und begrüßte ihn überschwenglich. Ga-
sich auf ein Pferd schwingen wollte. »Der Bischof muß ein wenig
länger warten«, sagte der Templer, »Denn Ihr, Yarzinth, seid nicht
nur ein Meister der Kochkunst, sondern, wie ich gehört habe,
Gisors, den Ihr auf dem Schiff des Gesandten des Königs von
Frankreich antreffen werdet!«
DIE OFFENBARUNG
Aufstellung, Ausfall und Parade
Konstantinopel, Kallistos-Palast, Herbst 1247 (Chronik)
Mich hatte ein übernächtigter Yarzinth geweckt, der sich zur
Feier des Tages in ein dunkelgrünes Wams gezwängt hatte, mit
goldenen Schnüren über der Brust, zweifarbigen engen Hosen
und dem Stemma des Bischofs, ebenfalls in Gold, auf der weiten
Toga: zwei sich in den Schwanz beißende Schlangen … hatte ich
das nicht schon irgendwo gesehen?
Mit schläfrigem Blick stellte ich fest, daß die Kinder wieder da
waren, schon fertig kostümiert in ihrer Mongolentracht, und wie
Benedikt sich liebevoll darum kümmerte, daß sie sich nicht mit
der warmen Morgenmilch bekleckerten. Ich folgte dem ungedul-
digen Koch aus unserem Kellerraum, der uns für lange Wochen
als Schreib-, Eß- und Schlafstätte gedient hatte. Nun war es so-
weit, und ich wußte nicht, ob ich mich freuen sollte.
Oben angekommen, überließ mich Yarzinth mir selbst und
verschwand hastig hinter dem schweren Vorhang, der den Saal,
den ‰Mittelpunkt der Weltˆ, von der Bühne trennte. Ich schob den
Seiten in zwei breite Hörner auslief, von Silberfiligranen in Form
gehalten. An den Enden hingen zwei mit Korallen und Bernstein
bestückte Rohren, die mich an die kostbaren Thorarollenbehäl-
ter gemahnten, wie ich sie bei Rabbinern in der Großen Synago-
ge von Paris gesehen. Ich fühlte mich wie ein Hoherpriester des
Alten Testaments; sollte der Großkhan aller Tataren sich einen
eigenen Papst erküren: So wollte ich mich bewerben!
Die Kinder waren inzwischen auch heraufgebracht worden
und umtanzten mich wie einen
mit Bändern geschmückten
Erntebaum; es war wie zu meiner Jugend in Flandern, wenn das
ganze Dorf seine Ehre dreinlegte … und viel Schabernack …, die
meisten Ringe und Girlanden an einen Stamm zu hängen, ohne
daß er einknickte.
des Bischofs Bedenken hinweg, zumal die Torwache schwärme-
risch hinzufügte: »Sie sind reich wie die Könige aus dem Mor-
genland und große Herren! Sie lassen Euch … «
»Schon gut«, schnitt Nicola begehrlich ab, »Yarzinth soll die
Sachen in Empfang nehmen und den beiden einen Ehrenplatz
zuweisen!«
Auch della Porta hatte inzwischen seinen vollen Ornat ange-
legt, eine raffinierte Farbkombination in Rottönen, vom leuch-
den Saal, aus dem gedämpft Stimmen und erwartungsvolles Ge-
murmel drangen. Mir fiel auf, wie weiß auch sein Haar geworden
war … eine zerbrechliche Erscheinung, deren Gedanken weit weg
von dem Geschehen hier weilten, nicht hörbarer Flügelschlag
ziehender Wildgänse hoch oben am milchig-grauen Himmel.
Ich zog mich leise zurück.
Durch ein vergittertes Rundfenster fiel mein Blick hinunter
auf einen Ausschnitt der Freitreppe und des Hauptportals, die
ich ja noch nie zu Gesicht bekommen, da man mich ja sogleich
Ich beeilte mich, wieder an mein Guckloch im Vorhang zum
pine so laut, daß es auch der geschäftig umhereilende Bischof
hören mußte.
Ich glotzte und glotzte, während das Traumwesen, meine Prin-
zessin der Saratz, anmutig den Platz hinter den Damen einnahm,
als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt!
»William!« riß mich die Mahnung Yarzinths aus meinen ver-
wirrten Träumen. »Der Bischof hat sich bereits in den Saal bege-
Ich zerrte die Kinder hinaus, und wir nahmen wieder hinter
bonae voluntatis!«
Die Kinder würden heute ‰überhöhtˆ werden,
wie sich der alte John Turnbull ausgedrückt hatte, er saß immer
noch steif auf seinem Stuhl, wahrscheinlich konnte ihn nur der
linke Teil des Saales sehen, und sicher machte der Alte einen
Eindruck von großer Würde und Weisheit, ‰š`^Ž_ ~„–_ˆ, doch
beschlichen mich Zweifel, ob alles so anstandslos über die Bühne
gehen würde, wenn er dann zur weihevollen ‰chymischen Hoch-
zeitˆ schreiten würde? Wie mochten die Päpstlichen reagieren?
»Sanctus, sanctus, sanctus«,
tönte die sonore Stimme des Ga-
leran. Es war ein kluger Schachzug gewesen, diesen Bischof hin-
einzuziehen, zweifelsfrei ausgewiesen als ‰einer aus dem Heiligen
Landeˆ … so hatte es weniger den Anstrich eines hausgemachten
byzantinischen Komplottes, falls die Römer uns das vorwerfen
wollten.
»Dominus Deus Sabaoth!«
ganzen Leibe, kalter Schweiß brach mir aus, auf Stirn, Rücken an
den Händen.
»Agnus Dei, qui tollis peccata mundi:«
»Dona nobis pacem!«
und eine entsprechende Aufforderung geschickt. Dies Dein Ge-
such habe ich nicht verstanden. Und wenn Du weiterhin sagst:
‰Ich bin Christ, ich verehre Gottˆ, wie willst du wissen, wen Gott
freispricht und zu wessen Gunsten er sein Mitleid ausübt? Wie
willst Du das wissen, daß Du eine solche Ansicht äußerst? Durch
die Kraft Gottes sind Uns alle Reiche vom Sonnenaufgang zum
Untergang übergeben worden, und Wir besitzen sie. Wie könnte
festzuhalten. Doch im Saal kehrte Ruhe ein, ein eisiges Schwei-
gen allerdings.
»Der ozeangleiche Herrscher«, plauderte Lorenz launig und
hatte gleich ein paar Lacher auf seiner Seite, die aber sofort
wieder erstarben, »der die Kraft Gottes für sich und sein Volk
unter der Obhut des Bruders William von Roebruk gesandt und
die du so sehnlich erwartest, denn sie sind das Heil der Welt, das
versöhnende höchste Blut, die Garanten des Friedens, dessen du
so dringend bedarfst. Diese Kinder werden dir nicht übergeben,
du wirst sie nicht erhalten, bis daß du öffentlich Abbitte getan für
in Ekstase, Pian und ich traten bescheiden zurück, die Ovationen
für Roç und Yeza wollten kein Ende nehmen, da raffte sich aus
dem Hintergrund der alte John Turnbull aus seiner Erstarrung
auf. Die ‰Vorstellungˆ drohte ihm aus den Händen zu gleiten, er
Die Kinder eng an mich gepreßt, sausten wir in Kurven in die
Tiefe der Keller, bis wir durch ein vorher nie bemerktes Loch in
der Wand … ich hatte es immer für ein Fenster gehalten … von
oben unsanft auf die Betten in dem Verlies plumpsten, wo immer
noch Benedikt hockte.
empfehle ich meinen Geist … er
barme Dich meiner!« flüsterte
Sie läßt mich nicht lebend in die Hände des Vitus fallen, dachte
ich dankbar und fühlte kaum noch, wie mir erst keuchend der
Atem, dann die Sinne schwanden ƒ
Das Spiel des Asha
Konstantinopel, Kallistos-Palast, Herbst 1247
Lorenz von Orta war der einzige, der sich noch einen Blick be-
wahrt hatte für die schwarz-weißen Quadrate, auf denen das
ren Franzosen versperrt. Auch fehlte ihnen ein Anführer im Fel-
de, denn ihre Befehlshaber waren zurückgeblieben und hatten
sich um den Legaten geschart.
Das war die Lage, wie sie sich Lorenz darbot. Er warf noch
einen Blick auf die vorderste Sitzreihe. Es saß keiner mehr, außer
»Macht Platz dem Inquisitor!« donnerte der Viterbese und
zerrte seine Bewacher zum Angriff auf die Bühne, worauf der
Bischof, der die Spannung löste, indem er Vitus mit verächtlicher
Geste den Weg freigab, das Haus zu durchsuchen.
Wütend über die verlorene Zeit stürmte der Viterbese mit sei-
nen Dominikanern wortlos am Bischof vorbei.
»Yarzinth!« rief Nicola. »Weise dem Herrn den Weg in den
Die Gräfin war nervös. »Die Kinder?« flüsterte sie ängstlich
Sigbert zu.
»Die sind längst im Pavillon«, suchte Clarion sie zu beruhigen.
»Oder bereits auf dem Schiff!« begütigte der Ritter. »Hamo
wird sie in Sicherheit gebracht haben.«
»Laßt uns gehen!« drängte Laurence. »Ich brauche Gewißheit
… und die Planken der Triëre unter meinen Füßen!«
einzelnen Stange nicht gewohnt und schrammte immer wieder
an Säulen entlang, die wie hundert widrige Hindernisse vor ihm
aus dem dunklen Wasser wuchsen.
Die Kinder hockten vorne im Bug und rührten sich nicht. Sie
hatten keine Angst, sondern wollten Hamo ‰nicht noch verrück-
ter machenˆ.
Mit einem vernünftigen Paar Ruder hätte er den unterirdi-
schen Säulenwald längst hinter sich gebracht! Dazu kam diese
unheimliche Stille, in der jeder aus den Gewölben fallende Trop-
fen ihn zusammenfahren ließ. Hielt sich noch jemand anderes in
der Zisterne auf, versteckte sich hinter der nächsten Säule, glitt
pfeilschnell aus einer Seitengasse oder folgte abwartend ihrer
Spur? Jedes Umschauen brachte ihn vom Kurs ab; er war sich
sowieso schon nicht mehr ganz sicher, ob er nicht die Richtung
verloren hatte, im Zickzack, im Kreise herumstakte? Eine Säule
war wie die andere,
ihr Abstand war gleich, und ein Ende des
Sees, gar der einzige Ausgang, waren nicht in Sicht … oder hatte
er ihn bereits verfehlt?
In der unterirdischen Zisterne angelangt, hatte er sie in das
seiner Hand. Im Fallen schlug es
an die freihängende Röhre und
erzeugte einen laut dröhnenden Ton, der, vom Echo mehrfach
gebrochen, seltsam beruhigend nachhallte.
Hamo griff das Holz und schlug noch mal auf die Röhre und
noch mal, bis die ganze Kammer von dem Getöse erfüllt war. Er
prügelte in wilder Verzweiflung auf sie ein. Die Kinder waren
»Geht mir aus dem Weg, Hamo«, sagte er ruhig, »mit Euch
habe ich nichts zu schaffen.«
Yeza und Roç, die bei der Säule zurückgeblieben waren, schau-
ten sich an. Roç Blick war voller Trauer, er kämpfte mit den Trä-
nen, doch seinen Bogen mit dem aufgelegten Pfeil hielt er immer
noch in den zusammengepreßten Fäusten, nur daß sie zitterten.
Yeza lächelte ihm Mut zu.
Hamo rappelte sich wieder auf, warf einen Blick zurück auf
die Kinder. »Da mußt du erst mich töten!« schrie er den Koch an
und schlug überraschend nach dessen Beinen. Yarzinth wich aus,
taumelte zurück, schrie seinen Hund an: »Faß, faß!«, während
er selbst immer noch Schritt für Schritt rückwärts in den vor-
deren Teil der Kammer torkelte.
Die Kinder hielten den Atem an. Doch kurz vor dem aufgeris-
senem Rachen des Gatters hielt Yarzinth inné und lachte roh über
sich und seine Opfer! Es klang schaurig. Dunkles Blut rann aus
dem Auge, der Pfeil war ihm nicht bis ins Gehirn gedrungen. Er
riß ihn raus samt dem Augapfel, was Styx endlich in Bewegung
setzte; er zerbiß die Pfeilspitze und schlabberte die gallertartige
Masse. Der Koch sah es nicht.
»Faß sie, faß!« schrie er seinem Hund zu und fingerte im Gür-
tel nach seinem Moschus-Flakon.
»Styx!« rief da Yeza mit ihrer hellen Stimme, sie lispelte immer,
wenn sie sich aufregte. »Komm, lieber Styx!« Und der Hund
sprang freudig bellend in die Richtung, aus der die vertraute
Stimme gekommen war. Sie legte ihren Arm um seinen wulsti-
gen Nacken, und der Hund wedelte mit dem Schwanz.
Das war zu viel für Yarzinth. Er stieß einen markerschüttern-
den Schrei aus. »Styx !« Doch der rührte sich nicht vom Fleck.
»Styx!« schrie der Koch noch mal, in einer furchtbaren Mi-
trat schnell über den Rand und ergriff mit sich ausbreitenden
Lachen Besitz von dem steinernen Boden der Kammer.
»Oh, Styx!« sagte Yeza. »Das hab ich nicht gewollt!«
Sie hatte sich, seitdem das Gatter vor ihren Augen zugeschla-
gen war, nicht mehr nach den aufgespießten Körpern umgedreht
konnte ich nicht sehen, denn mein Kopf hing runter, schlug an
schwankenden Sülzbeutel, »sondern Benedikt von Polen hat in
Wahrheit …« Ich hörte sein Geschrei nicht mehr, mir wurde im-
mer schwindeliger.
»Huwa sadiq al-mubassir!«
Ich sah, wie die beiden arabischen
Kaufleute wie Katzen auf die Bühne sprangen, im Sprung beiden
Dolche aus den Händen wuchsen und die Schneide des einen
sich in Benedikts Brust senkte, einmal, zweimal, dreimal … und
dann blitzte auch mir schon das Eisen, es traf mich irgendwo an
der mich Umstehenden, wie Sigbert die von Otranto um die
Gräfin und Clarion scharte, auch Madulain war dabei … nie wür-
de ich meiner Prinzessin mehr in die schönen Augen schauen.
Ich sah, wie sie mit erhobener Fahne aus dem Saal zogen, mich
einfach hier liegenließen, aber ich konnte sie ja nicht rufen; gern
hätte ich ihnen vor dem Absterben auch meines Hirnes Grüße
»Nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten«, der Bischof
verstärkte genüßlich die Verspottung des Viterbesen, »ist der
nicht transportfähig!«
Er kühlte pausenlos seinen Schädel, indem er mit Hand Wasser
schöpfte und es sich an die Schläfen klatschte. Wenn das Wasser
erst mal höher gestiegen sein würd
e, brauchte er sich nicht mehr
zu bücken, doch dann waren sie und Roç längst ertrunken ƒ
Wie das wohl sein würde: Ertrinken? Sie konnten ja auch nicht
schwimmen, wie Hamo, weil sie nie runter durften in Otranto,
ans Meer, oder wenigstens in den kleinen Hafen, wo die Triëre
Es baumelte noch über ihren Köpfen, da ließ sich schon ein
Tempelritter an ihm herunter wie ein Matrose vom Mast eines
an den er sich genau erinnerte, weil er in der ersten Reihe neben
dem französischen Botschafter gesessen hatte, »daß wir dort un-
ten waren?«
»Themis hat es uns angezeigt!« lächelte der schöne Ritter, und
als er auf Hamos Miene völliges Unverständnis las, erklärte er es
ihm. »Die Leute hier denken zwar, dies sei der Tempel der Neme-
sis, aber das Standbild zeigt die Göttin der Gerechtigkeit: in der
einen Hand die Waage, in der anderen das Schwert!«
ist erbost, daß die Kinder überhaupt in eine solche Gefahr gera-
ten konnten. Das durfte nicht geschehen!« Er sah Hamo streng
an. »Das mußt du beschwören.«
Hamo fühlte sich als Mann ernst genommen. »Meine Lippen
sind versiegelt«, sagte er feierlich. »Aber die Kinder?«
»Denen wird es beigebracht. Sie werden nicht darüber spre-
chen.«
Mittlerweile war der Tempel in seinen vorherigen Zustand
sich hilfesuchend an den Deutschritter wandte, der als einziger
am Kai geblieben war, während schon die Taue losgemacht wur-
»William ist …«
von der Treppe her in den inzwischen ziemlich entleerten Saal
strömen sah.
Abgesehen von den Schlüsselsoldaten, die unten vor der Büh-
ne mit nassen Füßen im knöchelhohen Wasser standen, mit dem
ganz allein durch den leeren Saal, bis sie in dessen Mitte ange-
»Nun können wir ja diesen Ort verlassen«, sagte Fra Ascelin
mit einem Blick zum Bischof, der wenig Dank verhieß. Ascelin
war viel zu müde, um sich über die gerade erfahrene Demüti-
gung auch noch den Kopf zu zerbrechen.
Doch da hielt es Vitus nicht länger. »Ihr steckt alle unter einer
Decke«, sagte er, ohne die Stimme laut zu erheben. »Ihr seid alle
beteiligt an dieser Verschwörung gegen Papst und Kirche.« Vitus
hatte instinktiv begriffen, daß seine Anklage schwerwiegender
wirkte, wenn er sich nicht aufbäumte und schrie. Tatsächlich
ließ man ihn reden. »Der mongolische Gesandte, frisch vom
ihnen den Weg hierher gezeigt und die Meuchelmorde verabre-
Da ließ sich Vitus blitzschnell zu Boden fallen. Die Soldaten
Mit einem raschen Griff hatte Simon das Tuch vom Altar
weggezogen, als wäre darunter das Geheimnis verborgen. Doch
da war nur nackter Stein, Er ließ das blutbefleckte Laken achtlos
falle; es bedeckte das bleiche Antlitz des Benedikt von Polen, an
den schon keiner mehr dachte.
meinen Gliedern wich. Der Stich des Assassinen hatte wohl auch
zu sehen. Da schritt aufrecht und voller Würde mein kleiner Roç
und Hamo an seiner Seite, der sich immer wieder umsah, ob ich
auf meinem Schild noch folgen würde. Winkte er mir zu?
Ich sah, wie Roç stehenblieb und den Zug an sich vorbei pas-
die Heckwellen, die von der mächtigen Triëre gefurcht wurden.
Sie ließen ihre Beine in die Gischt baumeln. Feines Salzwasser
sprühte bis zu mir. Hinter uns versank die Stadt am Bosporus
im Dunst der Nachmittagssonne, die noch einmal die goldenen
Kuppeln und mächtigen Türme aufleuchten ließ.
‰Bei euch sein bis ans Ende der Tage!ˆ Ich lächelte und war
glücklich.
ANMERKUNGEN
Mit Übersetzungen der fremdsprachlichen Zitate
PROLOG $
Gral:
Der Gral war das große Geheimnis der Katharer, nur Eingeweihten
offenbart. Es ist bis heute ungeklärt, ob es sich um einen Gegenstand
handelte, einen Stein, einen Kelch (mit den aufgefangenen Blutstrop-
fen Christi), einen Schatz oder um ein Wissen um geheime Dinge (wie
vençe und über die Alpen bis in die Lombardei, bis in den Balkan hinein
Platz zu machen. Unter ihm wurde auf dem Konzil von Lyon (28.6. bis
17.7.1245) Friedrich als Kaiser abgesetzt.
berühmten Esclarmonde, Roger-Bernard II., war 1241 gestorben. Ihm
folgte Roger-Bernard III., dessen Bastardbruder Wolf ‰Lops de Foischˆ,
zum berüchtigten Faidit (s. u.) wurde. Dessen Schwester war Esclar-
monde dAlion.
Guy de Levis:
Die Familie de Levis hatte nach dem Kreuzzug gegen den Gral
(1209-1213) die Vizegrafschaft von Mirepoix (Vescomtat de Miral-
peix) erhalten. Eine Isabel de Levis ist die Mutter von Marie de Saint-
Clair.
Fourageure:
aus dem Frz., für die Verpflegung Zuständige
Esclarmonde de Perelha
(frz. de Pereille), nicht zu verwechseln mit der »gro-
ßen Esclarmonde« von Foix, der ‰Schwesterˆ Parsifals.
parfait, parfaite:
frz. der bzw. die »Vollkommene«, Ausdruck für die in die
katharische Glaubensgemeinschaft aufgenommenen »Reinen«, auch
»buonhommes« Ò »Gutmänner« genannt.
D M \b\n #
Montagnards:
frz. Gebirgsjäger.
Donjon:
In der normannischen Burgbauweise übliche Bezeichnung für den
festungsartigen Hauptturm
Barbacane:
frz. ursprünglich Schießscharte, dann allgemein üblich für Außen-
werk einer Festung
consolamentum:
lat. Tröstung, im Katharismus übliche freiwillige Todesweihe,
D K  
macte anime:
lat. frischen Muts.
Gavin Monibard de Bethune,
geb. 1191, Vorsteher des Ordenshauses von Ren-
nes-le-Château. André de Montbard war auf Anregung seines Neffens
Bernard von Clairvaux eines der Gründungsmitglieder und vierter
sohn, geb. 1219, wurde dann ihr Nachfolger und 1269 in den »Orden
des Schiffes und des doppelten Halbmondes« aufgenommen, den Lud-
sublimatio ultima:
Ay, efans ƒ:
provenç. Kinder, daß Gott Euch behüte!
II. DIE BERGUNG 
L+ \n W× 
les enfants du mont!:
frz. die Kinder vom Berge
Salvaz!:
Camp des Crematz:
provenç. ‰Feld der Verbranntem, so wird der Abhang un-
terhalb des Montségur heute noch genannt
Dieus recepja las armas ƒ:
provenç. Möge Gott, wenn es ihm gefällt, sich der
Armen im Paradies annehmen!
Pietà:
ital. fester Begriff für die Darstellung Mariens mit dem Leichnam ihres
Sohnes im Schoß
ratio:
lat. Vernunft
de jure:
lat. von Rechts wegen
X+ \n B+ "
Xacbert de Barbera,
gen. ‰Lion de combatˆ: frz. »Löwe der Schlacht«, (1185-
gerung von einem Katapultgeschoß getötet. Seine Sippe spielte noch
lange eine wichtige Rolle im Heiligen Land.
Okzitanien:
A \n G \n B+Ø
Graf Jean de Joinville:
geb. 1225, Seneschall der Champagne, nahm am Kreuz-
zug Ludwig IX. teil und beschrieb ihn als Chronist.
nom-de-guerre:
frz. Kampfname, Deckname
hic sunt leones:
lat. hier gibts Löwen
Divina Hierosolyma:
lat. göttliches Jerusalem
terra incognita:
lat. das unbekannte Land
Chrysokeras:
griech. Goldenes Horn
Patriarchat von Aquileja:
dt. Aglei (Friaul) fällt am 18.7.1445 unter die Ober-
hoheit der »Serenissima« (Republik Venedig)
caput mundi:
Haupt(-stadt) der Welt, Rom
Goldene Horde:
unter den Enkel des Dschingis-Khan, Batu, selbständig ge-
wordenes Khanat, heutiges Weißrußland
reconquista:
Rückeroberung Südspaniens von den Mauren durch die christl.
omnes praelati ƒ:
lat. Spottvers auf die Aufbringung und Einkerkerung von
einem genuesischen Schiff voller Kardinäle durch des Kaisers natürli-
chen Sohn Ezio und die Pisaner (3.5.1241): Alle Prälaten / vom Päpst-
D V\b  W
idiota:
griech. wörtl. der Abgesonderte, ein von der Gesellschaft Ausgeschlos-
sener
la grande puttana:
ital. die große Hure
a priori:
lat. im vornherein
S  \t F 
Silberberg:
Monte Argentario (südliche Küste der Toscana), dem Sumpf- und
IV. VERWISCHTE SPUREN "
W\n \n A 
intricata ƒ composita ƒ cantata:
lat. Intrigen ƒ komponiert ƒ gesungen
Lektionar:
aus dem Lat., Lesepult
Sankt Albans:
Abtei in Herfortshire, England
E H\b 
Admiral Enrico Pescatore
war 1221 von Friedrich II. als Vorhut nach Dam-
Dschellabah:
geschlossener arabischer Umhang, knöchellang, oft mit Kapuze,
auch für Männer
Guido della Porta,
geb. 1176 als natürlicher Sohn der Livia di Septemsoliis-
Frangipane und des Markgrafen Wilhelm von Montferrat. 1204 bis zu
seinem Tode 1228 als Guido II. Bischof von Assisi, in dessen Garde
kurz (1212) Sigbert von Öxfeld diente und John Turnbull 1204 bis
seinem Kreuzzug Gast Friedrich II. in Sizilien; wird später nach Fried-
richs Tod zusammen mit Alfons von
Kastilien als deutscher Gegenkönig
(13.1.1257-2.4.1272) gegen die Staufer (Manfred) aufgestellt, stirbt 1272.
Alfons X.,
König von Kastilien, ‰der Weiseˆ (1252-4.4.1284). Deutscher Gegen-
könig 1.4.1257-1275 (resigniert), Sohn von Ferdinand III. ‰der Heiligeˆ,
König von Kastilien und Leon; Mutter: Beatrix von Hohenstaufen.
Tochter Arthurs:
Anspielung auf die mythologische Verbindung der Katharer
mit König Artus Tafelrunde, Parsifal Ò Gralsritter
Capella Palatina:
Normannisch-byzantinische Kapelle im ersten Stock des
Königspalastes zu Palermo
W #
meden agan:
griech. nie zuviel, nichts zuviel
Großmeister des Deutschen Ritterordens:
hier Hermann II. von Salza (1210-
20.3.1239), der wichtigste und treueste Freund des Kaisers, der immer
wieder zwischen ihm und dem Papsttum vermittelte.
el-Kamil,
Sultan von Kairo (1218 bis 1238)
Aiyub,
Sultan von Kairo (1238-1249)
Oi llasso ƒ:
ein von Friedrich II. selbst verfaßtes Gedicht, das ‰der Blume Sy-
Conde Jean-Odo du Mont-Sion,
nom-de-guerre des John Turnbull. Mutter
wahrscheinlich Héloise de Gisors (geb. 1141), die sich, wohl gegen
den Willen der Familie, welche sich in direkter Linie von den Payens
(Gründer des Templerordens) und den Grafen von Chaumont her-
V. DAS OHR DES DIONYSOS #$
Dionysos:
griech. Gott des Weines, des Rausches und der Mysterien; lat.
Bacchus. »Das Ohr des Dionysos« wurde eine architektonische Kon-
struktion genannt (Schalltrichter), mit Hilfe derer man in entfernten
Räumen Gesprochenes deutlich vernehmen konnte.
D F % #
E T&  K #\r
Lucera:
Friedrich hatte bei der Befriedung seines sizilianischen Königreiches
einen Teil der aufständischen Sarazenen nach Apulien deportiert und
sie vor allem in der eigens dafür erbauten Stadt Lucera angesiedelt. Sie
wurden dort seine zuverlässigste, ihm treu ergebene Truppe.
apage satana:
griech. Weiche, Satan!
Q+ #
Picardiers:
aus dem Frz., Fußsoldaten aus der Picardie mit Spießen (‰picaˆ)
Die
vier apokalyptischen Reiter:
allegorische Schreckensgestalten aus der Apo-
kalypse des Johannes, Pest, Krieg, Hunger und Tod versinnbildlichend
D H× \n M% #
D  S #"
E +\n S  #"
aurum purum:
lat. reines Gold
vasama la uallera:
ital. (neapolitan. Dialekt) Küß mir die Eier!
W+\b #"\r
maestro venerabile:
ital. ehrwürdiger Meister, Anrede für Meister eines Ordens
oder einer Loge
Patrimonium Petri:
lat. päpstl. Besitz, die Landschaften in Italien, die im Mit-
telalter den Kirchenstaat ausmachten: Latium, umstrittene Teile der
Toscana, Umbriens, sowie der »Marken« (Bologna, Ferrara, Ancona)
preces armatae:
lat. dringende Bitten
Boëthius:
VI. CANES DOMINI $"
E  W $
I A \n B $#
Schlüsselsoldaten:
päpstl. Truppen (nach dem Wappen des Kirchenstaats: ge-
kreuzte Schlüssel)
Graf Raimund-Berengar IV,
(1209 bis 19.8.1245). Von seinen vier Töchtern
L G\n M  $$\r
Sankt Peter:
Rom, Basilika über dem Grab des Apostels Petrus (gest. im Zirkus
des Nero ca. 65) erbaut 324 unter Kaiser Constantin I. (307 bis 337),
326 eingeweiht von Papst Silvester I. (314-347)
intra muros:
lat. innerhalb der Stadtmauern (Roms)
Enzio:
(1216-1272), natürlicher Sohn Friedrich II., König von Torre und
Gallura (Sardinien), stirbt in bolognesischer Gefangenschaft
Marie de Saint-Clair,
Pourqoui cette éjaculation ƒ:
frz. Warum solch vorzeitiger Samenerguß? War
Euer ‰Hahnˆ des Kündens nicht mehr fähig? (Wortspiel mit ‰precoxˆ,
‰coqˆ und ‰preconiserˆ, bischöfliches Verkünden.)
Esclarmonde,
Gräfin von Foix, die Esclarmunde des Gral-Epos, war die Tante
sine glossa:
lat. ohne einschränkende Bemerkung, bezieht sich hier spöttisch
auf das sog. ‰Testament des Franziskusˆ
bismillhi al-rahmani al-rahim ƒ:
Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des
Barmherzigen. Alle Lobpreisung ge
bührt Allah, dem Herrn der Wel-
ten, dem Allerbarmer, dem Barmherzigen, dem Herrscher am Tage des
Gerichts. Dir allein dienen wir, und Dich allein flehen wir um Hilfe an.
Leite uns den rechten Pfad, den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht
derer, denen Du zürnst, und nicht derer, die in die Irre gehen. Amen.
E+\n Z\t $\r
Sunna:
arab. »Überlieferung«; Sunniten Ò Anhänger des Wahlkalifats … im
Gegensatz zu Schiiten (schia), den Anhängern der direkten Nachkom-
omissis:
lat. unterdrückt, weggelassen (Spezialausdruck von Kopisten)
Dei Patris Immensa:
Papstbulle vom 5.3.1245 von Innozenz IV, dem Legaten
Lorenz von Orta für seine Mongolenmission übergeben. Alle Papst-
bullen werden noch heute nach ihren ersten drei Worten registriert.
Es war nicht wichtig, daß diese ersten drei Worte einen Sinn ergaben,
sondern vor allem, daß sie nie wiederholt wurden.
D B& \n S 
ma lahua lachm abayd ƒ:
arab. Was für weißes Fleisch er hat … mit roten
Löckchen? ƒ Wie ein junges Schwein? ƒ Aber in die Fahne des Kai-
sers gewickelt!
vox populi:
lat. Stimme des Volkes
guarda lej:
raetorom. Seewache
guarda gadin:
raetorom. Talwache
diavolezza:
ital. die Teuflische
Landgraf (von Thüringen) :
Heinrich der Raspe (1242-17.12.1247), deutscher
G&\n E "
carcer strictus:
lat. strenge Kerkerhaft
custodia ad domicilium:
lat. Hausarrest
castigaton:
lat. Züchtiger
carnifex:
lat. Henker
Quästor:
aus dem Lat., Untersuchungsrichter, Staatsanwalt
(Wortbruch des Staufers), trat er erst in päpstliche Dienste, wurde
dann 1229 Regent und ‰Mitkaiserˆ … für das Kind Balduin II. (1228 bis
1261) … von Konstantinopel, bis zu seinem Tode 1237.
chrysion d uden oneidos:
VIII. SOLSTIZ 
solstitium,
lat. Sonnenwende im Sommer (Juni) und Winter (Dezember), kür-
zeste bzw. längste Nacht
D B S  
styx:
Grenzfluß zur Unterwelt, dem Hades
Viteliaccio di Carpaccio:
ital. Spott auf ‰Vitusˆ und ‰Capoccioˆ; Viteliaccio: blö-
des, grobschlächtiges Kalb; Carpaccio: Tartar in Scheiben
Impostator:
lat. jemand, der durch Betrug auf den Thron gelangt
Damaskus:
Kapitale der Gezira, eine Art »Freie Reichsstadt«, war auf islami-
scher Seite die dritte Kraft zwischen Bagdad (Sitz des Kalifen) und
Kairo (Sitz des Sultans); ihr stand meist ein ‰Malikˆ (König) vor. Homs,
Hama und Kerak waren syrische Emirate, wie Damaskus und Aleppo
(die offizielle Hauptstadt Syriens) zu dieser Zeit sämtlich in ayubiti-
scher Hand.
Ho chresim eidos uch ho poll eidos [sophos]:
griech. Wer Nützliches weiß, nicht
wer viel weiß Óist weiseÔ.
ariston men hydor, ho de chrysos:
griech. Wasser ist zwar ein hohes Gut, doch
Gold ƒ
kyrie eleison:
griech. Herr, erbarme Dich
D L+\n \r
lingua franca:
lat. üblicher Ausdruck für die Sprache der Franken (Franzosen),
hier wörtl. gemeint: freimütige, freizügige Zunge
penis equestris:
lat. Pferdepenis
D S\b $
Epheben:
griech. Jünglinge
Al-Salih al-Din Aiyub:
seines berühmten Großonkels Saladin eingegangen. Aiyub war der
Sohn des Sultans el-Kamil, der war der Sohn des Sultans el-Adil (Bru-
der des Saladin), und deren beider Vater war der General Nadjm Aiyub,
Begründer der Dynastie der Ayubiten (Dynastie 1171-1254). Nadjm
Aiyub starb 1173. Sein Sohn Salah ad-Din (Saladin) löste 1171 die Fa-
timiden-Dynastie ab, machte sich 1176 zum Sultan von Ägypten und
Syrien, eroberte 1187 Jerusalem von den Christen zurück und starb
am 3.3.1192. El-Adil (Saphadin), Saladins Bruder, setzte sich Ende
1201 gegen dessen Söhne in der Nachfolge durch und starb 31.8.1218.
D H&  
IX. DIE FÄHRTE DES MÖNCHS 
E  B\n 
amor vulgus:
lat. gewöhnliche, niedere Liebe
D M 
requiem aeternam ƒ:
lat: Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht
leuchte ihnen. Amen.
Bernhard
von
Clairvaux
(c. 1090 bis 20.8.1153), adeliger Abstammung (Vater:
de Chatillon, Mutter: de Montbard), trat 1112 in den Zisterzienser-
gräfin von Thüringen. Die Herzöge ‰von Brabantˆ nannten sich vorher
Herzöge ‰von Nieder-Lotharingienˆ.
Wilhelm Graf von Holland
(1234), nächster deutscher Gegenkönig (3.10.1247-
28.1.1256) nach dem Tod des Raspe von Thüringen.
in pectore:
lat. wörtl. in der Brust ÓhabenÔ, im Hinterkopf
Carlotto:
Heinrich Carlotto (1238/39 bis 1253), aus der (dritten) Ehe Friedrich
II. mit Isabel von England; ab 1247 Statthalter in Sizilien
terra ferma:
lat. Festland, Ausdruck benutzt speziell von Venedig zum Unter-
schied zu den Inselbesitzungen in der Lagune.
corpus delicti:
lat. Gegenstand des Verbrechens, Tatwaffe
Laus Sanctae Virgini:
lat. Lob der Heiligen Jungfrau (Dat.), hier Schiffsname
taglio:
ital. Schnitt
testa:
ital. Kopf,
croce:
ital. Kreuz, »testa o croceˆ: die beiden Seiten einer Mün-
ze, ‰Zahl oder Adlerˆ; taglia: ital. Kopfgeld
W \n U\b&+ 
Et quacumque viam dederit ƒ:
lat. Und welchen Weg auch immer Fortuna uns
weist, wir folgen. (Vergil)
E S  W
X. CHRYSOKERAS "
D Ä+  \r
ex oriente lux:
lat. aus dem Osten ÓkommtÔ das Licht
fica:
ital. Möse
heilige Clara:
Mongolen:
Der Einiger der Volksstämme der Tataren, dann Mongolen ge-
nannt, war Temudschin, der sich dann Dschingis-Khan nannte und
Stammvater der Dynastie wurde. Er starb 1227 und hinterließ vier
Söhne: Juji, Jagatai, Ögedei, und Tului. Ögedei (s.o.), seinem Nach-
folger als ‰Großkhanˆ, folgte nicht, wie vorgesehen, sein Enkel Schire-
mon, sondern (auf Betreiben seiner Witwe Toragina-Khatun) 1246
sein ältester Sohn Guyuk. König Hethoum von Armenien schickte
dictum:
lat. Urteilsspruch
me kinein kakon eu keimenon:
griech. Ein Übel, das gut liegt, nicht bewegen
(aufrühren)
athanatoi maferos de kai orthios oinos es auten:
griech ƒ., die Unsterblichen!
Lang und steil ist der Weg!
nike, nike!:
griech. Sieg, Sieg!
kyklos ton anthropeion pregmaton:
griech. der Kreislauf der menschlichen
Dinge
brachys ho bios, he de techne makra:
griech. Kurz ist das Leben, aber lang währt
die Kunst.
oida uk eidos:
griech. Ich weiß, daß ich nichts weiß.
Armillarsphäre:
klass. astronom. Winkelmeßgerät, zusammen mit dem
‰Astrolabiumˆ die bevorzugte Rechenhilfe der Astrologie bis in die
Neuzeit hinein. Ihre Erfindung wird Thales oder Anaximander (4. Jh.
v.Chr.) zugeschrieben.
Sol invictus:
lat. die unbesiegte Sonne; spätröm. Gottheit
Amas:
Konjunktion der ‰Hauptlichterˆ Sonne und Mond oder grundsätzlich
deren Schamanentum abzulösen. Dualistische Lehre. Ablehnung des
Marienkultes. Benannt nach dem Patriarchaten von Konstantinopel
Nestorius (gest. 451).
sputum:
lat. Spucke, Auswurf
XII. CONJUNCTIO FATALIS 
conjunctio (fatalis):
lat. wörtl. Verbindung, auch gesellschaftlich, hier astrolog.:
allahu akbar ƒ:
arab. Allah ist der Allergrößte, ich bezeuge, daß es keinen
Gott gibt außer Allah.
as-salamu alaika:
arab. Friede sei mit dir!
Derwisch:
aus dem Arab., ‰der an der Schwelle stehtˆ, in Orden organisierte
islamische ‰Suchendeˆ, Vertiefung mit Hilfe der Ekstase
Sufi:
aus dem Arab., Weise, die die Ergründung des Spirituellen einerseits in
den Rang einer Sufi-Wissenschaft erhoben haben, andererseits sich
der Meditation bedienen; starke Einflüsse auf die westliche Scholastik
und Wasser) formt Zarathustra Ahura Mazda, den Schöpfergott, und
dessen Widerpart Ahriman, den Zerstörer. Kosmischer Gegensatz
zweier in der Schöpfung enthaltener Kräfte (siehe auch das taoistische
Yin-Yang) führte zum »Spiel des Ashaˆ, dem rituellen Schachspiel.
Buddha:
Indischer Religionsstifter, 550-480 v. Chr.
Lama:
aus dem Tibetan., buddhistischer Priester im Volksstammbereich der
spezielle Bedeutung haben die Lehre von Farbe und Licht, bedeutende
afwan ashkurukum ƒ:
arab. Nichts zu danken ƒ ich habe zu danken ƒ für
Eure Gesellschaft.
Sigillum:
lat. Siegel
D F\n \n A\b "
Angeloi:
byzantinisches Herrschergeschlecht
Melchisedek:
s. Essener
Rifais:
Derwisch-Linie geht zurück auf Ahmed Rifais, geb. 1106 in Basra, gest.
1183; Niederlassungen bis heute in Syrien und Ägypten; bekannt für
intensive Schweige- und Fastenzeiten, vor allem aber für ihre unge-
VIII. DIE OFFENBARUNG "$$
A \b, A \n P\n "$
veni creator Spiritus:
lat. komm, Schöpfer Geist
prosperitas:
lat. glückhaftes Gedeihen
Kyrie eleison/Christe eleison:
griech. Herr, erbarme Dich/Christus, erbarme
Dich
Gloria in excelsis Deo/et in terra pax ƒ:
lat. Ehre sei Gott in der Höhe und
Frieden auf Erden allen Menschen, die guten Willens sind.
praecantor:
lat. Vorsänger
Hagia Sophia:
griech. Heilige Weisheit
sanctus, sanctus ƒ:
lat. Heilig, heilig, heilig/Herr Gott der Heerscharen.
Agnus Dei ƒ:
lat. Lamm Gottes, das Du hinwegnimmst die Sünden der Welt
… gib uns den Frieden
Hedschra:
D E O   ""
D G  & ""
T F "\r
trionfo finale:
DANK FÜR MITARBEIT
UND QUELLEN
Walter Fritzsche für den Mut, sich auf Thema und Autor einge-
Ein ganz besonderer Dank geht auch an alle Mitarbeiter des
Verlagshauses Gustav Lübbe, die mir in den schwierigen Phasen
der Endfertigung und Herstellung so wohltuend aufgeschlossen
und hilfsbereit zur Hand gingen.
Bei aller Berücksichtigung von zeitgenössischen Chroniken
und Dokumenten wie: Jean de Joinville,
Chronicles of the
Crusades,
hg. Ý
e Estate of M.R.B. Shaw, 1963;
Kaiser Friedrich II.,
hg. Klaus J. Heinisch, Winkler-dtv, 1977;
Die Kreuzzüge aus
arabischer Sicht,
hg. Francesco Gabrieli, Winkler-dtv, 1973; ist für
mich das Verfassen eines Romans, der im Hochmittelalter spielt,
ohne: Steven Runciman,
A History of the Crusades,
Cambridge
University Press, 1954; undenkbar … ich habe ihm immer wieder
zu danken. Flankierend zu seinem
opus magnum
waren mir
von Wert: Otto Rahn,
Kreuzzug gegen den Gral,
Urban Verlag,
Freiburg i. Brsg., 1933; Eugen Roll,
Die Katharer.
Ch. Mellinger,
Stuttgart, 1979; Jordi Costa i Roca,
Xacbert de Barbera,
Llibres del
Trabucaire, Perpinya (Cat.), 1989; John Charpentier,
LOrdre des
Templiers,
ÜBER DEN AUTOR
Peter Berling wurde 1934 in Meseritz-Obrawalde (ehem. Grenz-
mark) als Sohn der Architekten und Poelzig-Schüler Max und
Asta Berling geboren und wuchs auf in Berlin und Osnabrück.
Mit fünfzehn trampte er das erste Mal nach Paris, mit siebzehn
flog er von der Schule. Nach ein
er Maurerlehre und verschiede-
nen Jobs studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in
München und kam über die Werbegrafik zum Film.
Bekannt wurde er als Produzent (u.a. für Alexander Kluge,
Rainer Werner Fassbinder … über den er, zusammen mit Robert
Katz, auch ein Buch schrieb,
Love Is Colder 
an Death …
Werner Schroeter), als Charakterd
arsteller in mehr als 70 Filmen
(darunter
Aguirre … der Zorn Gottes, Der Name der Rose, Die
letzte Versuchung
und Homo
Faber),
Kritiker, Chronist und
Karte Italiens aus der TB-Ausgabe.
Vorhergehende Karte: Umschlagseite 2 und 3 aus der Byblos-Ausgabe
Ende eBook (Berling, Die Kinder des Gral)

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