Schade, dass du nicht tot bist — Rita Mae Brown


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Rita Mae Brown wurde am 28. November 1944 in Hanover,
Pennsylvania geboren und wuchs bei Adoptiveltern in Florida auf. Sie
studierte in New York Anglistik und Kinematographie und
veröffentlichte Gedichte. Wegen ihrer Weigerung, ihre
Homosexualität zu verleugnen, flog sie vom College.
Bekannt wurde Rita Mae Brown nicht nur durch ihre Bücher, sondern
auch durch ihre Beziehung
zu Martina Navratilova. Die
Schriftstellerin ist eine Ikone der amerikanischen Frauenbewegung,
engagierte sich politisch für Bürgerrechte und in der
Antikriegsbewegung. Sie war aktives Mitglied von NOW (National
Organization of Women) und den "Furien" sowie Mitbegründerin der
"Rotstrümpfe" und der "Radicalesbians".
Die Serienhelden von Rita Mae Br
own sind Mary Minor Haristeen,
eine Postangestellte, und Mrs. Murp
Eine weitere Serienheldin von Rita Mae Brown ist Nickel Smith, eine
lesbische Zeitungsherausgeberin in Runnymeade.
Seit 20 Jahren lebt die Schrifts
tellerin mit Pferden, Katzen und
Hunden auf einer Farm in Charlottesville, Virginia. Unter ihren
Katzen ist auch die Tigerkatze Snea
ky Pie Brown, die als Co-Autorin
ihrer Mrs. Murphy
& Sneaky Pie Brown
Ein Fall für Mrs. Murphy
Roman
Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg, April 1994
Copyright© 1991 by Rowohlt Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg
Die Originalausgabe erschien 1990 unter dem Titel
»Wish You Were Here« bei Bantam Books, New York
»Wish You Were Here«
Copyright© 1990 by American Artists, Inc.
Alle deutschen Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung Büro Hamburg
(Illustration Gerd Huss)
Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany 1290
ISBN 3 499 13.403 9
Danksagung
Gordon Reistrup half mir beim Tippen
versorgte mich mit massenhaft Katzenminze.
Ohne die beiden hätte ich dieses Buch
Dem Andenken an Sally Mead,
for the Prevention of Cruelty to Animals
Mary Minor Haristeen (Harry),
die junge Posthalterin von
Mrs. Murphy,
Harrys graue Tigerkatze, die eine gewisse
Ähnlichkeit mit der Autorin Sneaky Pie aufweist und einmalig
intelligent ist!
Tee Tucker,
Harrys Welsh Corgi, Mrs. Murphys Freundin und
Vertraute, eine lebensfrohe Seele
Pharamond Haristeen (Fair),
Tierarzt, der mit Harry in
Scheidung lebt und sich über das Leben wundert
eine umwerfende Schönheit, die der
besseren Gesellschaft angehört und sich heimlich verzehrt
Boom Booms Ehemann
Mrs. George Hogendobber (Miranda),
eine Witwe, die
emphatisch auf ihrer persönliche
n Auslegung der Bibel beharrt
Bob Berryman,
Susan Tucker,
Harrys beste Freundin, die das Leben nicht allzu
Rechtsanwalt und Susans Ehemann
Jim Sanburne,
Big Marilyn Sanburne (Mim),
tonangebend in der Gesellschaft
Mims Tochter und nicht so dumm, wie
Josiah DeWitt,
ein gewitzter Antiquitä
tenhändler, umschwärmt
von Big Marilyn und ihren Freundinnen
Maude Bly Modena,
eine kluge verpflanzte Yankee-Lady
Bezirkssheriff von Albemarle County
Hayden McIntire,
Mrs. Murphys Ex-Mann, ein kesser Kater
Mary Minor Haristeen, von ihren Freunden Harry genannt,
marschierte neben den Bahngleisen her, dicht gefolgt von Mrs.
Murphy, ihrer klugen, eigenwilligen Tigerkatze, und Tee
Tucker, ihrem Welsh Corgi. Hätte man Katze und Hund gefragt,
so hätten diese gesagt, daß Harry ihnen gehöre, nicht
umgekehrt; ohne jeden Zweifel
jedoch gehörte Harry nach
niemand anders den Job haben wollen.
Ein graues Schindelgebäude mit weißer Einfassung neben
dem Bahnhof beherbergte das Post
Ein leerer Postbehälter lockte Mrs. Murphy. Sie hüpfte hinein.
Tucker beklagte sich, daß sie nicht hineinspringen konnte.
»Sei still, Tucker. Mrs. Murphy ist gleich wieder draußen –
nicht wahr?« Harry beugte sich über den Behälter.
Mrs. Murphy starrte zu ihr hinauf und sagte:
»Von wegen. Laß
Tucker nur meckern. Sie hat heute morgen mein Katzenminze-
Alles was Harry hörte, war ein Maunzen.
Die Corgihündin hörte jedes Wort.
»Du bist ein richtiges
Luder, Mrs. Murphy. Du hast massenhaft solche Säckchen.«
Mrs. Murphy legte die Pfoten auf den Rand des Behälters und
lugte hinüber.
»Na und? Ich habe nicht gesagt, daß du auch nur
mit einem davon spielen darfst.«
»Laß das, Tucker.« Harry dachte, der Hund knurre völlig
grundlos.
Draußen hupte es. Rob Collier,
der den großen Postwagen
fuhr, lieferte die Morgenpost. Um vier Uhr nachmittags würde
er wiederkommen, um Post abzuholen.
»Du bist früh dran«, rief Harry ihm zu.
»Wollte dir ’nen Gefallen tun.
« Rob lächelte. »Weil nämlich
Hogendobber schnaufend und
prustend vor dieser Tür stehen wird, um ihre Post zu holen.« Er
ließ zwei große Postsäcke auf die Vordertreppe plumpsen und
kehrte zum Wagen zurück. Harry trug die Säcke hinein.
»He, das hätte ich für dich machen können.«
»Ich weiß«, sagte Harry. »Ich brauch Bewegung.«
Tucker erschien in der Tür.
»Hallo, Tucker«, begrüßte Rob den Hund. Tucker wedelte mit
dem Schwanz. »Na gut, weder Regen noch Glatteis noch
Schnee und so weiter.« Rob rutschte hinters Lenkrad.
»Es sind fünfundzwanzig Grad um sieben Uhr früh, Rob. Ich
an deiner Stelle würde mir ke
ine Sorgen um das Glatteis
machen.«
Er lächelte und fuhr los.
und Kinder in den Vereinigten Staaten neu einzukleiden, und
natürlich private Briefe und Postkarten.
Schneebedeckte Alpen prangten majestätisch auf einer an
Harry adressierten Postkarte von ihrer Freundin seit
Liebe Harry,
bin in Zürich angekommen. Keine Gartenzwerge in Sicht.
Flug kein Problem. Bin sehr müde. Schreibe später
Es wäre himmlisch, in Zürich zu sein.
Bob Berryman, der größte Viehtransporthändler im Süden,
erhielt einen eingeschriebenen Brief vom Finanzamt. Harry
steckte ihn behutsam in sein Fach.
Mrs. Murphy, zwei Jahre älter als der Hund, war nicht erbaut
gewesen, aber sie fand sich allmählich damit ab.
Eine Gary Larsen-Postkarte zog Harrys Aufmerksamkeit auf
sich. Harry drehte sie um. Sie war an Fair Haristeen adressiert,
Harrys baldigen Ex-Gatten (wenn auch nicht bald genug).
Immerhin hatte sie ihn verlassen und damit andere Frauen in
Albemarle County in Rage gebracht, die auch in einer miesen
Ehe festsaßen, aber nicht den Mut hatten abzuhauen. Das waren
»Gott sei Dank haben sie keine Kinder«, zischelten viele
Zungen hinter Harrys Rücken und ihr ins Gesicht. Harry
Bis es acht Uhr schlug, waren die beiden Postsäcke
Mrs. George Hogendobber, prak
jeden Morgen um Punkt acht Uhr ihre Post ab, außer sonntags,
wenn sie das Evangelium hörte und das Postamt geschlossen
war. Sie machte sich viele Gedanken über die Evolution. Sie
war entschlossen zu beweisen, daß der Mensch nicht vom Affen
ach Gottes Ebenbild geschaffen
Mrs. Murphy hoffte inständig, daß Mrs. Hogendobber dieser
Beweis gelänge, denn die Ve
rknüpfung von Mensch und Affe
war eine Beleidigung für den Affen. Freilich würde die gute
Frau vor Schreck sterben, wenn sie jemals entdeckte, daß Gott
eine Katze war und der Mensch
melden hatte.
esinnung durchdrungene Gestalt
hievte sich die Treppe hoch.
Sie stieß mit der ihr eigenen
»Morgen, Harry.«
»Morgen, Mrs. Hogendobber. Hatten Sie ein schönes
Wochenende?«
»Abgesehen von einem gelungenen Gottesdienst in der Kirche
zum Heiligen Licht, nein.« Sie zog mit einem kräftigen Ruck
ihre Post aus dem Fach. »Josiah DeWitt schaute vorbei, als ich
nach Hause kam, und wollte mich beschwatzen, mich von
»Ja – aber er erkennt gute Qualität mit einem Blick.« Harry
schmeichelte ihr.
»Hmm, Louis hier und Louis da. Zu viele Louis’ drüben in
Frankreich. Es hat ein schlimmes Ende genommen, mit jedem
einzelnen von ihnen. Ich glaube, die Franzosen haben seit
Napoleon keinen bedeutenden
Mann mehr hervorgebracht.«
Das ließ Mrs. Hogendobber einen Moment verstummen. »Ich
glaube, Sie haben recht. Er schuf eines der technischen Wunder
des neunzehnten Jahrhunderts. Ich bekenne meinen Irrtum.
Aber das ist der einzige seit Napoleon.«
Sich Napoleon bei dessen zweitem Versuch, an die Macht zu
kommen, noch einmal anzuschließen, erwies sich als
Gehalt. Seine Glanzleistung war es, vier Tunnels durch die Blue
Ridge Mountains zu treiben, eine Aufgabe, die er 1850
Der erste Tunnel, der Greenwood-Tunnel, lag westlich von
ville-Tunnel, 260 Meter lang,
wurde ebenfalls nach 1945 versiegelt. Dieser Tunnel war
tückisch, weil das Gestein sich als weich und unverläßlich
Der vierte war der Blue Ri
dge-Tunnel mit einer Länge von
den versiegelten Tunnels. Im
neunzehnten Jahrhundert hatte man noch für die Ewigkeit
gebaut; nicht eine einzige Schiene hatte sich verzogen.
Er blinzelte Harry zu. »Na, bist du wiedergeboren?«
»Nein, aber von gestern bin ich auch nicht.« Sie lachte.
»Mrs. H. war heute morgen
ungewöhnlich kurz angebunden.«
Er schnappte sich einen großen Ha
ufen Post. Das meiste war für
cker und Anderson bestimmt.
»Welch seltenes Glück«, sagte Harry.
»Ich weiß.« Ned lächelte. An
diesem heißen Julimorgen einer
Tirade über die Erlösung der Welt entkommen zu sein, war
kte sich, um Tucker die Ohren
»Meine darfst du auch kraulen«
, bat Mrs. Murphy.
Tucker genoß es, im
Mittelpunkt zu stehen.
»Was für köstliche Laute sie von sich geben.« Ned kraulte
weiter. Manchmal glaube ich, sie sind beinahe menschlich.
Mrs. Murphy leckte ihre Vorderpfoten.
Menschlich, was für eine Idee? Menschen hatten keine Krallen,
kein Fell, und ihre Sinne wa
eine Ameisenlarve im Sand w
verstand sie alles, was die Men
schen in ihrer kehligen Art
sprachen. Diese dagegen verstanden Katzen oder andere Tiere
kaum, und einander erst recht nicht. Selbst von Harry, die sie
zugegebenermaßen liebte, bekam
sie nur dann eine Reaktion,
wenn sie zu den ausgefallensten Mitteln griff.
»Ja, ich weiß nicht, was ic
h ohne meine Kleinen anfangen
as machen deine?«
Neds Blick irrte für einen Moment ab. »Harry, allmählich
glaube ich, es war ein Fehler, Brookie auf eine Privatschule zu
schicken. Sie ist zwölf, geht für zwanzig durch und ist ein
richtiger kleiner Snob. Susan möchte, daß sie im Herbst wieder
»Nein, ich hatte kein Geld, um
das Zeug zu kaufen. Wäre ich
so ein reiches Vorstadtkind von heute gewesen, wer weiß?«
Harry zuckte die Achseln.
Ned seufzte. »Ich würde es schrecklich finden, heute ein Kind
sein zu müssen.«
Bob Berryman unterbrach sie »Hi!« Ozzie, sein riesengroßer
»Hi, Berryman.« Harry und Ned erwiderten seinen Gruß eher
aus Höflichkeit Berrymans Laune befand sich meist am
Siedepunkt und kochte oft schäumend über.
Mrs. Murphy und Tucker begrüßten Ozzie.
»Heißer als alle Roste der Hölle.« Berryman ging zu seinem
Ned verdrückte sich und winkte zum Abschied.
Berryman rang nach Luft, zwa
ng sich zu einem Lächeln und
beruhigte sich, indem er Mrs. Murphy tätschelte, die ihn
mochte, obwohl die meisten Men
schen ihn ungehobelt fanden.
»Ich hab alle Hände voll zu tun.« Er verzog sich ebenfalls.
Bobs gestiefelte Füße polterten auf der ersten Stufe, als er die
Eingangstur schloß. Da sie kein weiteres Poltern vernahm,
blickte Harry von ihren Stempelkissen auf.
Kelly Craycroft ging auf Bob zu. Sein kastanienbraunes Haar
schimmerte im Licht wie poliertes Kupfer. Kelly, eigentlich ein
umgänglicher Mensch, lächelte nicht.
Schwanzwedelnd stand Ozzie neben Bob. Bob rührte sich
Wütend, mit dunkelrotem Gesicht, rappelte Kelly sich hoch.
»Arschloch!«
Harry hörte es laut und deutlich.
Harry wäre gern hinter dem Sc
halter hervorgekommen. Ihre
guten Manieren behielten die Oberhand. Es wäre zu auffällig.
Statt dessen strengte sie sich mordsmäßig an, um zu verstehen,
e. Tucker und Mrs. Murphy, die kaum
einen Gedanken daran verschwe
Diesmal hob Bob die Stimme. »Nimm deine Hand von meiner
Kelly griff fester zu. Bob ballte die Faust und schlug ihn in
Kelly klappte vornüber, fing sich wieder. Geduckt machte er
einen Satz, packte Bobs Beine und warf ihn aufs Pflaster.
Ozzie zischte los wie der Blitz und schlug seine Zähne in
Kellys linkes Bein. Kelly heulte und ließ Bob los, der daraufhin
wieder aufsprang.
»Aus« war alles, was Bob zu Ozzie sagen mußte, der Hund
gehorchte aufs Wort. Kelly blie
b liegen. Er zog sein Hosenbein
hoch. Ozzies Biß hatte die Haut aufgerissen. Ein dünnes
Bob ging zu seinem Lieferwagen, stieg ein, ließ den Motor an
und fuhr los, als Kelly taumelnd auf die Beine kam.
Harry jegliche Bedenken in
punkto Manieren fallen. Sie lief zu Kelly hinaus.
»Da muß Eis drauf. Komm rein, ich hab welches im
Kühlschrank.«
»Kelly?«
»Oh – ja.«
Harry führte ihn ins Postamt. Sie kippte das Eis aus dem
Behälter auf ein Papierhandtuch.
»Soll ich den Doktor holen?« erbot sich Harry.
»Nein.« Kelly brachte ein halbes Lächeln zustande. »Ganz
schön peinlich, was?«
»Nicht peinlicher als meine Scheidung.«
Vorsätzen starten, sobald die
Anwälte ins Spiel kommen, geht
das alles den Bach runter.«
»Gott, das will ich nicht hoffen.«
»Glaub mir. Es wird schlimmer, ehe es besser wird.« Kelly
nahm das Eis herunter. Die Blutung hatte aufgehört.
Kelly legte den provisorischen Eisbeutel wieder auf. »Es geht
mich ja nichts an, aber du hättest Fair Haristeen schon vor
Jahren den Laufpaß geben sollen. Du hast dich in die
Harry war noch nicht ganz so weit, daß sie es gern gehört
hätte, wenn ihr Mann als Sau beze
Er nickte. »Wie wahr. Ich habe viel zu lange gebraucht, um zu
»Es hätte schlimmer sein können.« Harry lächelte.
»Es hätte Josiah DeWitt sein können.«
»Da hast du recht.« Kelly krempelte sein Hosenbein herunter.
Harry«, und verließ das Postamt.
Sie sah ihm nach, als er sich langsamer als sonst entfernte,
dann machte sie sich wieder an die Arbeit.
Harry tränkte ihre Stempelkissen und säuberte die Buchstaben
auf den Gummistempeln von kleinen Farbklümpchen. Gerade
als sie ihre Stirn und sämtliche Finger mit dunkelroter
Stempelfarbe beschmiert hatte, kam Big Marilyn Sanburne,
»Mim«, hereinmarschiert. Marilyn gehörte zu jenen stählernen
Frauen, die ehrenamtliche Männer waren. Sie wurde Big
Marilyn oder Mim genannt, um sie von ihrer Tochter Little
Marilyn zu unterscheiden. Mit vierundfünfzig Jahren hatte sie
man drehte sich noch immer
nach ihr um. Da sie mit einem immensen Vorrat an
»Nein – bloß in Gedanken.« Harry lächelte verschmitzt.
»Die staatliche Planungskommissi
on steht zuoberst auf meiner
Abschußliste. Die werden niemals eine westliche
Umgehungsstraße durch diesen Bezirk bauen. Ich werde
»Sie haben jede Menge
Unterstützung, meine
eingeschlossen.«
Harry rieb und wischte, aber die Stempelfarbe war hartnäckig.
Mim genoß jede Gelegenheit sich
aufzuspielen, egal, wer ihr
Gegenüber war. Jim Sanburne, ih
r Mann, hatte sein Leben auf
einem kleinen Bauernhof begonnen und sich auf zirka sechzig
Millionen Dollar raufgekämpft. Trotz Jims Reichtum wußte
Mim, daß sie unter ihrem Stand
»Nun, haben Sie sich das mit der Scheidung noch einmal
überlegt?« Mim hörte sich an wie eine Lehrerin.
»Nein.« Harry lief vor Wut rot an.
»Fair ist nicht besser oder schlechter als jeder andere. Stülpen
te über den Kopf, und sie sind
alle gleich. Nur auf das Bankkonto kommt es
alleinstehende Frau hat es schwer.«
Harry hätte am liebsten gesagt: »Ja, mit Snobs wie Ihnen«,
»Haben Sie Handschuhe?«
»Wozu?«
»Sie könnten mir helfen, Little Marilyns
Hochzeitseinladungen hereinzutragen. Ich möchte sie nicht
beschmutzen. Das Briefpapier ist von Tiffany, meine Liebe.«
»Warten Sie einen Moment.« Harry wühlte herum.
»Du hast sie neben den Postbehälter gelegt«
, klärte Tucker sie
»Ich geh gleich mit dir Gassi, Tucker«, sagte Harry zu dem
»Ich werf sie auf den Boden. Mal sehen, ob sie’s schnallt.«
Mrs. Murphy lief flink auf dem
Schalter entlang, wich sorgsam
der Stempelfarbe und den Stempe
»Die Katze hat Ihre Handsc
huhe auf den Boden geworfen.«
Harry drehte sich um, als die Handschuhe herunterklatschten.
»Na so was. Sie muß verstehen, was wir sagen.« Harry
lächelte, dann folgte sie Big Marilyn nach draußen zu ihrem
»Manchmal frage ich mich, wa
klagte Mrs. Murphy.
»Fang bloß nicht wieder damit an. Ohne Harry wärst du
»Sie ist gutherzig, das geb ich ja zu, aber herrje, sie ist so
Harry und Mim kehrten mit zwei Pappkartons voller
beigefarbener Einladungen zurück.
»Na, Harry, Sie werden vor allen anderen wissen, wer
eingeladen ist und wer nicht.«
»So geht es mir meistens.«
»Sie sind natürlich eingeladen,
trotz Ihres gegenwärtigen, hm,
Problems. Little Marilyn hängt so an Ihnen.«
»Alle sind nach Postleitzahle
»In Ordnung.«
Kaum hatte sie Harry von ihrer Anwesenheit befreit, als
Josiah DeWitt erschien, der kurz an seinen Hut tippte und einen
Moment draußen mit Mim plauderte. Er trug eine weiße Hose,
ein weißes Hemd und auf dem Kopf einen flotten Strohhut, und
»Ich hab schon wieder ein Rendezvous mit der
hochwohlgeborenen Mrs. Sanbur
ne. Tee im Club.« Seine
Augen zwinkerten. »Ich hab nich
ts dagegen, daß sie klatscht.
»Josiah…« Harry wußte nie, was er als nächstes sagen würde.
Sie schlug ihm auf die Finger, als er in einen der Kartons mit
»Der Staat ist der beste, der sich am wenigsten in das Leben
seiner Bürger einmischt. Dieser hier steckt seine Nase überall
rein, wirklich überall. Beängs
tigend. Die wollen uns sogar
»Und aus Mangel an Gelegenheit.«
»Nicht verzweifeln, Harry, nicht verzweifeln. Die zehn Jahre
nen großartigen Spitznamen
tzt Mary zu dir paßt, wegen
»Manchmal bist du unausstehlich.«
»Worauf du dich verlassen kannst.« Josiah blätterte seine Post
durch und stöhnte: »Ned hat mich mit einer Rechnung beehrt.
Rechtsanwälte nehmen sich wirklich von allem ihr Teil.«
»Kelly Craycroft nennt dich Schimmelpfennig.« Harry hatte
Josiah gern, weil sie ihn aufziehen konnte. Mit manchen Leuten
konnte man das, mit anderen nicht. »Möchtest du nicht wissen,
warum er dich Schimmelpfennig nennt?«
»Das weiß ich schon. Er sagt,
ich habe den allerersten
selbstverdienten Pfennig aufbewahrt, und der schimmele in
meinem Portemonnaie vor sich hi
das Kapital – das Resultat des Geschäftemachens – achte,
nden, insbesondere Kelly
Craycroft. Denk doch mal, wie viele Straßenbauunternehmer
kennst du, die einen Ferrari Mondial fahren? Und das
Harry mußte zugeben, daß es a
»Einen armen Bauunternehmer gibt es vermutlich nicht, also
hast du recht. Trotzdem«, er senkte die Stimme, »so was
unerhört Protziges. Jim Sanbur
ne fährt wenigstens einen
Kombi.« Er schlug sich geistesabwesend mit seiner Post auf
den Oberschenkel. »Du wirst mir natürlich sagen, wer zur
rilyn eingeladen ist und wer
nicht. Vor allem möchte ich wissen
, ob Stafford eingeladen ist.«
»Das möchten wir alle wissen.«
»Worauf tippst du?«
»Daß er nicht eingeladen ist.«
»Ein sicherer Tip. Dabei haben sie sich als Kinder so gut
verstanden. Sie hingen richtig aneinander, Bruder und
Schwester. Schade. Oh, ich muß los. Bis morgen.«
daß Susan anschließend die drei Stufen mit einem einzigen Satz
hinaufsprang. Die Tür flog auf.
»Na so was! Josiah hat mir gerade gesagt, du hättest Little
Marilyns Hochzeitseinladungen.«
»Aber du wirst es tun, und zwar
»Die darfst du nicht anfassen.« Harry zog ihre Handschuhe
aus, während Tucker freudig an Susan hochsprang, die sie
umarmte und küßte. Mrs. Murphy sah von ihrem Regal aus zu.
Tucker trug ganz schön dick auf.
»Braves Hündchen. Schönes Hündchen. Gib Küßchen.« Susan
sah auf Harrys Hände. »Aber du kannst die Kuverts auch nicht
anfassen, daher werde ich die nächsten fünfzehn Minuten deine
Arbeit machen.«
»Mach sie im Hinterzimmer, Susan. Wenn dich jemand sieht,
sitzen wir beide in der Patsche. Stafford müßte bei den Eins-
null-null-Postleitzahlen sein, ic
h glaube, westlich vom Central
Auf dem Weg nach hinten rief Susan über die Schulter:
»Wenn du dir nicht die Eastside von Manhattan leisten kannst,
bleib, wo du bist.«
»Die Westside ist heutzutage wirklich hübsch.«
»Er ist nicht dabei. Ist das zu
glauben?« brüllte Susan aus dem
Hinterzimmer.
Susan kam heraus und stellte de
»Ihr eigener Sohn. Irgendwann muß sie ihm doch verzeihen.«
»Verzeihen kommt in Big Marilyn Sanburnes Wortschatz
nicht vor, vor allem wenn eine solche Tat ihren gehobenen
gesellschaftlichen Status beeinträchtigt.«
»Wir leben nicht mehr in den vierziger Jahren. Heutzutage
»Keine, aber ein paar in Albemarle County. Ich meine, das ist
Brenda ist eine hinreißende Frau. Und eine brave obendrein,
glaube ich.«
»Gehst du mit mir Mittag essen? Du bist die einzige, die mir
geblieben ist.«
»Das kommt dir nur so vor, weil du im Augenblick
überempfindlich bist. Mach, daß du hier rauskommst, bevor
jemand anders zur Tür reinflitzt. Montags geht es immer zu wie
im Irrenhaus.«
»Okay ich bin soweit. Mein Ersatzmann biegt gerade auf den
Parkplatz.« Harry lächelte. Es wa
»Danke, Dr. Johnson. Wie geht’s
Ihnen heute?« Harry wußte
»Sehr gut, danke.«
»Schönen Tag, Herr Doktor«, sagte Susan, während Mrs.
Murphy und Tucker ihn mit einem Chor aus Geschnurre und
»Hallo, Susan. Schönen Tag, Mrs. Murphy. Und dir auch, Tee
Tucker.« Doktor Johnson tätschelte Harrys Gefährtinnen.
»Wohin wollen die Damen?«
»Bloß in die Pizzeria, ein Sandwich essen. Danke, daß Sie die
Stellung halten.«
Harry, Susan, Mrs. Murphy und Tucker schlenderten über das
flirrende Trottoir. Die Hitze fühlte sich an wie eine dicke,
flüsterte Mrs. Murphy Tucker zu. »Die vielen Fleischhappen,
»Viel Bewegung kriegt sie auch nicht. Nicht so wie du.«
Mrs. Murphy ließ sich das Kompliment gefallen. Sie hatte ihre
der richtige Kater daherkäme.
Alle, einschließlich Tucker glaubten, sie sei noch immer in
ihren ersten Gatten Paddy verliebt, aber Mrs. Murphy war
überzeugt, daß sie über ihn hinweg war. HINWEG in
Großbuchstaben. Paddy trug einen Frack, sprühte vor Charme
In der Pizzeria bestellten Harry und Susan Riesensandwiches.
Sie blieben drinnen, um sie im
Wirkungsfeld der Klimaanlage
zu genießen. Mrs. Murphy saß
auf einem Stuhl, Tucker ruhte
unter Harrys Sitz.
Harry biß in ihr Sandwich, und die halbe Füllung quoll am
anderen Ende heraus. »Verflucht!«
»Das ist der Zweck von diesen Sandwiches. Wir sollen dumm
y Modena herein. Sie wollte
zur Mitnehmtheke rübergehen, aber dann sah sie Harry und
Susan und kam zu einem Austausch von Höflichkeiten herüber.
»Nimm Messer und Gabel. Was hast du mit deinen Händen
»Stempel saubergemacht.«
»Mir ist es egal, ob meine Poststempel verwischt sind. Ist mir
»Ich werd’s mir merken«, erwiderte Harry.
»Ich würde ja gerne bleiben und mit euch klönen, aber ich
muß wieder in den Laden.«
Maude Bly Modena war vor fünf Jahren von New York nach
Maude winkte zum Abschied, als sie an dem Panoramafenster
vorbeikam.
»Ich denke immer, Maude wird schon noch den Richtigen
finden. Sie ist wirklich attraktiv«, meinte Susan.
»Eher den Falschen.«
»Saure Trauben?«
»Klingt das so, Susan? Das will ich nicht hoffen. Ich könnte
runterrasseln – wir würden den ganzen Nachmittag hier sitzen.
Zu deren Club will ich wirklich nicht gehören.«
Susan tätschelte Harrys Hand. »Du bist zu empfindlich, wie
t alle möglichen Emotionen
durchlaufen. In Ermangelung ein
t mir leid, wenn ich deine
Harry wand sich auf ihrem Sitz. »Mir ist, als ob meine
Nervenenden bloßlägen.« Sie setzte sich auf ihrem Stuhl
zurecht. »Du hast recht, was Maude angeht. Sie hat vieles, was
für sie spricht. Irgendwo muß es einen für sie geben. Einen, der
sie zu schätzen weiß – mitsam
t ihrem geschäftlichen Erfolg.«
ht hat sie einen Liebhaber.«
»Ausgeschlossen. Hier kann keiner in seiner Küche einen
daß alle es erfahren.
Ausgeschlossen.« Harry schüttelte den Kopf.
»Wer weiß.« Susan schenkte si
ch Wasser nach. »Erinnerst du
dich an Terrance Newton? Wir alle glaubten Terrance zu
kennen.«
Harry dachte darüber nach. »Da waren wir Teenager. Ich
meine, wenn wir erwachsen gewesen wären, hätten wir
vielleicht was gemerkt. Ausstrahlung, Schwingungen und so
weiter.«
den wir alle kennen, geht
nach Hause und erschießt seine Frau und sich. Ich erinnere
mich, daß die Erwachsenen erschüttert waren. Keiner hatte was
gemerkt. Wenn man die Fassade aufrechterhalten kann, reicht
das. Nur ganz wenige blicken unter die Oberfläche.«
Harry seufzte. »Vielleicht sind alle zu beschäftigt.«
»Oder zu egozentrisch.« Susan trommelte mit den Fingern auf
nicht so gut kennen, wie wir glauben. Das ist eine Kleinstadt-
Illusion – glauben, daß wir uns kennen.«
Harry spielte still mit ihrem Sandwich. »Du kennst mich. Ich
glaube, ich kenne dich.«
»Das ist was anderes.« Susan machte sich über ihren
Schokoladenkuchen her. »Stell dir vor, du wärst Stafford
Sanburne und wärst nicht zur Hochzeit deiner Schwester
eingeladen.«
»Wie ich schon sagte, du bist meine beste Freundin. In deiner
Gegenwart muß ich nicht konsequent denken.« Susan lachte.
»Stafford hat Fair eine Postkarte geschickt.
Da fällt mir ein, dasselbe hat Kelly zu mir gesagt. He,
du hast was verpaßt. Kelly Craycroft und Bob Berryman hatten
eine Rauferei, mit Fäuste
n und allem Drum und Dran.«
»Es war so viel los, da habe ich es glatt vergessen. Kelly
sagte, es ging um eine Rechnung
für eine Auffahrt. Bob ist der
»Bob Berryman mag ja nicht gerade der Charme in Person
sein, aber es sieht ihm nicht ähnlich, sich wegen einer
Rechnung zu prügeln.«
»He, wie ich schon sagte, vielleicht kennen wir uns nicht
Harry klaubte die Tomaten aus ihrem Sandwich. Das waren
über den Teller, um sich ein Stück Roastbeef zu angeln. »Mrs.
»Vielleicht sollten wir uns freuen, daß Little Marilyn
Partie gemacht hat«, sagte
Little Marilyn Fitz-Gilbert
Hamilton allein eingefangen hat, oder?«
Susan bedachte dies. »Sie ist so schön wie ihre Mutter.«
»Und kalt wie Stein.«
»Nein, ist sie nicht. Sie ist still und schüchtern.«
»Susan, du mochtest sie immer, seit wir Kinder waren, und
ich konnte Little Marilyn nie ausstehen. Sie ist ein richtiges
Mutterkind.«
»Hab ich nicht.«
»O doch. Weißt du noch, wie du deine Spitzenhöschen über
ihr Nummernschild gehängt hast, und sie ist den ganzen Tag
herumgefahren, ohne zu wissen, warum alle gehupt und gelacht
haben?«
»Ach das.« Harry erinnerte sich. Sie vermißte ihre Mutter
»Fitz-Gilbert Hamilton ist häßlich wie die Sunde, aber er wird
niemals von der Wohlfahrt leben müssen; er ist ein sehr
angesehener Anwalt in Richmond – sagt Ned jedenfalls.«
»Saure Trauben.« Susans Augen schossen in die Höhe.
»Der glücklichste Tag meines Lebens war, als ich Pharamond
Susan seufzte. »Er genießt es anscheinend, ein Opfer zu sein.«
»Ich genieße es bestimmt ni
cht.« Harry spie die Worte
förmlich hervor. »Das einzige, was schlimmer ist, als die Frau
eines Tierarztes zu sein, ist die
Frau eines Arztes zu sein.«
»Deswegen läßt du dich nicht von ihm scheiden.«
»Nein, vermutlich nicht. Ich will nicht darüber sprechen.«
»Du hast damit angefangen.«
»So?« Harry schien überrascht. »Ich wollte nicht… Ich
möchte das Ganze am liebsten
vergessen. Wir sprachen über
Little Marilyn Sanburne.«
»Stimmt. Little Marilyn wird tief gekränkt sein, wenn Stafford
nicht aufkreuzt, und Mim wird sterben, wenn er aufkreuzt – die
Hochzeit, ihr Ereignis des Jahres, verschandelt durch die
Ankunft ihrer schwarzen Schwie
viel einfacher, wenn Mim ihre Plantagenmentalität überwinden
könnte.« Susan trommelte wieder auf den Tisch.
»Ja, aber dann müßte sie sich der menschlichen Gattung
t emotional impotent und mochte
ihr Leiden weltweit verbreiten.
Wenn sie ihre Einstellung
ändern würde, müßte sie womög
»He, he, und wo bleib ich?«
schrie Mrs. Murphy.
»Oh. Hier, du großes Baby.« Harry schob ihr den Teller
hinüber. Sie war satt.
Mrs. Murphy fraß, was übrig war, bis auf die Tomaten. Als
nmal eine Tomate gegessen und
Harry schlenderte zum Postamt zurück, und der Rest des
Nach der Arbeit ging Harry nach Hause. Sie liebte den mehr
Sie las ein bißchen, während Mrs. Murphy sich an ihre Seite
kuschelte. Tucker schnarchte am Fußende des Bettes. Harry
knipste die Lampe aus, genau wie es, verborgen hinter ihren
Jalousien, Rolläden und hohen Hecken, die übrigen Einwohner
Wieder war ein Tag zu Ende, friedlich und auf seine Art
vollkommen. Hätte Harry geahnt, was der nächste bringen
würde, sie hätte diesen wohl noch mehr genossen.
Mrs. Murphy schlug einen Purzelbaum, während sie einen
sie einfach nicht widerstehen. Tucker, die sich nicht für
Insekten interessierte, warf ein scharfes Auge auf die
Eichhörnchen, die so dämlich waren, über die Railroad Avenue
zu huschen. Die alte eckige Uhr an Harrys Handgelenk, die
ihrem Vater gehört hatte, zeigte 6 Uhr 30 morgens, und von den
war ein für Virginia typischer
Merkwürdig, in einer Zeit geistig
er Hungersnot zu leben. Sie
Harry hielt sich durchaus nicht
für eine philosophische Natur,
durch den Kopf schwirrte, weil es so verstörend und traurig
war. Manchmal dachte sie, sie trauere ihrer verlorenen Jugend
nach, und dies sei der tiefere Grund für ihre trüben Gedanken.
Vielleicht nötigte sie der Umbruch, den die Scheidung mit sich
brachte, zur inneren Einkehr. Oder vielleicht waren es wirklich
d das krasse Konsumdenken der
amerikanischen Lebensweise.
wenigstens außer ihrem
Bankkonto noch andere Werte, aber Mrs. Hogendobber
klammerte sich vergebens an
ein Glaubenssystem, das seinen
Einfluß verloren hatte. Das konservative Christentum konnte
tirnigen Seelen unterwerfen, die
absoluter Antworten bedurften, aber es konnte diejenigen nicht
mehr für sich gewinnen, die nach einer Vorstellung von ihrer
Zukunft hier auf Erden suchten. Der Himmel mochte gut und
schön sein, aber man mußte sterben, um dorthin zu gelangen.
Harry hatte keine Angst vor dem Sterben, aber sie hatte auch
nichts dagegen zu leben. Sie
fragte sich, wie sich das Leben
angefühlt haben mochte, als das Christentum neu, lebendig und
aufregend war – bevor es durch Kollaboration mit der
weltlichen Macht korrumpiert wurd
hätte sie im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt leben
müssen, und so verlockend der Gedanke auch sein mochte, sie
war nicht sicher, ob sie ohne ihren alten Kombi existieren
konnte. Hieß das, daß sie ihre Seele für einen fahrbaren
Untersatz verkaufen würde? Maschinen, Mammon und
iteinander verknüpft, und
Harry wußte, daß sie nicht klug genug war, um den gordischen
Sie war Posthalterin geworden, um sich vor dem modernen
Leben zu verstecken. Mit Kunstgeschichte als Hauptfach am
Smith College, das sie als Stipendiatin absolviert hatte, war sie
Geschlecht im Clinch lag. Sie fragte sich, ob Mrs. Hogendobber
ein paar Tricks kannte, die sie nicht drauf hatte, oder ob George
einfach jede Hoffnung auf ein eigenes Leben aufgegeben und
die Ehe deswegen funktioniert hatte. Harry bereute die
Entscheidung für ihren Posten nicht, so gering er anderen auch
scheinen mochte, aber sie bereute ihre Heirat.
»Mom ist nachdenklich heute morgen.«
Mrs. Murphy rieb sich
»Die Scheidung, schätze ich. Die Menschen machen
Tuckers Ohren zuckten vor und zurück.
»Tja, sie machen sich
dauernd Sorgen.«
»Das kann man wohl sagen. Sie sorgen sich um Dinge, die
»Ich glaube, das liegt daran, daß sie nicht wittern können. Sie
verpassen eine Menge Informationen.«
Mrs. Murphy nickte zustimmend und fügte dann hinzu:
zwei Beinen gehen. Das ruiniert ihnen den Rücken und
»He, wer erster bei Rob ist.«
Tucker mogelte und stürmte los, bevor Mrs. Murphy
antworten konnte. Erbost stieß sich Mrs. Murphy mit ihren
kraftvollen Hinterbeinen ab und flitzte, sich dicht über dem
Erdboden haltend, hinter ihr her.
»Mädels, Mädels, kommt sofort zurück.«
Die Mädels schworen auf selektive Wahrnehmung. Tucker
langte vor Mrs. Murphy beim Wagen an, aber die kleine
Tigerkatze sprang in das Fahrzeug.
»Ich hab gewonnen!«
»Hast du nicht«,
»Hallo, Mrs. Murphy. Hallo, Tucker.« Rob freute sich über
die Begrüßung, die ihm zuteil wurde.
Keuchend holte Harry Katze und
Hund ein. »Hallo, Rob. Was
hast du heute morgen für mich?«
»Das übliche. Zwei Säcke.« Er rumorte im Wagen herum.
»Hier ist ein Päckchen von Turnbull and Asser für Josiah
DeWitt, für das er unterschreiben und bezahlen muß.« Rob
Harry stieß einen Pfiff aus. »Dreihundert Dollar. Da müssen ja
irrsinnige Hemden drin sein. Für Josiah ist nur das Beste gut
genug.«
»Ich hab mal irgendwo gelesen,
daß die Verdienstspanne im
Antiquitätenhandel vierhundert Pr
»Versuch mal, ihn zur Bezahlung irgendeiner anderen
Rechnung zu bringen.« Harry lächelte.
Boom Boom Craycroft, Kellys verwöhnte Gattin, fuhr nach
Osten, in Richtung Charlottesville. Boom Boom verfügte über
ein neues BMW-Cabrio mit dem Kennzeichen BOOMBMW.
Sie winkte, und Harry und Rob winkten zurück.
Rob starrte ihr nach. Boom Boom war eine hübsche Frau,
Harry lächelte. »Okay, Rob, zeig, daß du ein Kerl bist. Ich
liebe Männer mit Muskeln.«
Er lachte und hievte beide Säcke auf seine Schultern, während
Harry die Tür aufschloß.
Als Rob gegangen war, sortierte Harry die Post. Nach einer
halben Stunde war sie fertig. Dienstags war es nie viel. Sie ging
ins Hinterzimmer und machte sich
Tucker und Mrs. Murphy spielte
n mit einem zusammengelegten
Postsack. Als Harry aus dem Hinterzimmer auftauchte, stand
Mrs. George Hogendobber an der Eingangstür, und der Sack
bewegte sich verdächtig. Harry hatte keine Zeit, Mrs. Murphy
»Fang mich, wenn du kannst!«
Die Corgihündin rannte immer im Kreis herum, während Mrs.
Murphy auf ein Regal sprang, dann auf den Schalter, mit einem
Affenzahn darauf entlangsauste, mit allen vier Pfoten an der
Richtung dasselbe Manöver vollführte. Dann machte sie einen
Satz vom Schalter herunter, lief zwischen Mrs. Hogendobbers
wieder auf den Schalter und blieb dort still wie eine Statue
sitzen, während sie Tucker auslachte.
Mrs. Hogendobber stockte der Atem. »Die Katze ist
geistesgestört!«
Ja, das sagen viele Leute, dachte Harry bei sich. Lauter
Faschisten. Dies war ein ihr liebgewordenes Vorurteil, das sie
weder aufzugeben noch abzuschwächen bereit war.
sich Sonntagabend Diane Bish
im Kabelfernsehen anschaue
»Ich habe keinen Kabelanschluß.
»Oh, na so was. Ziehen Sie in die Stadt. Sie sollten ohnehin
nicht allein da am Yellow M
ountain leben.« Mrs. Hogendobber
flüsterte: »Wie ich höre, hat Mim gestern die
Hochzeitseinladungen vorbeigebracht.«
Kartons voll.«
»Hat sie Stafford eingeladen?« Es klang beiläufig.
»Ach.« Mrs. Hogendobber konnte ihre Enttäuschung nicht
Josiah kam herein. »Guten Morgen, die Damen.« Er fixierte
Mrs. Hogendobber verfügte nicht über besonders viel Humor.
»Ich gedenke nicht zu verkaufen.«
Fair kam herein, gefolgt von Su
san. Es gab eine allgemeine
Begrüßung. Harry war angespannt. Mrs. Hogendobber ergriff
die Gelegenheit, dem beharrliche
n Josiah zu entkommen. Auf
der anderen Straßenseite parkte
Hayden McIntire, der Arzt,
Josiah bemerkte ihn und seufzte. »Ah, mein kindergeplagter
Nachbar.« Hayden hatte zahlreiche Kinder gezeugt.
»Wart einen Moment.«
»Ich muß einen Besuch machen. Sehnenschnitt.« Er hatte die
Hand auf dem Türknauf.
»Verdammt, Fair, wo bleibt mein Scheck?« entfuhr es Harry
vor lauter Frust.
Sie hatten eine Vereinbarung unterschrieben, wonach Fair bis
zur Scheidung, wenn ihr gemein
Sie hatte das Gefühl, als ließe
er sie mit dem Geld hängen.
Typisch Fair. Wenn sie nichts unternahm, passierte gar nichts.
Er interessierte sich nur für seine Pferdepraxis.
Fair seinerseits fand, daß dies eine von Harrys typischen
Nörgeleien war. Sie würde den
vermaledeiten Sc
heck kriegen,
wenn er dazu kam, ihn auszuschreiben. Er lief rot an. »Oh, hm,
ich mach ihn heute fertig.«
»Ich muß einen Besuch machen, Harry!«
»Du bist zehn Tage zu spät dran, Fair. Muß ich Ned Tucker
»Verdammt«, brüllte er, »mich vor Susan und Josiah
bloßzustellen finde ich feindselig
genug!« Er knallte die Tür zu.
Josiah, gebannt von dem häuslichen Drama, konnte ein
Lächeln kaum verbergen. Den Fallgruben des Ehelebens
Susan, beileibe nicht gebannt, fand den Ausbruch höchst
bedauerlich, weil sie wußte, daß Josiah es Mim erzählen und es
bis Sonnenuntergang in der ganzen Stadt herum sein würde. Die
Scheidung war ohne öffentliche
funktionierte ziemlich oft. Dabei wurde die zukünftige Ex-Frau
durch subtile Belagerung in die Knie gezwungen, bis sie
aufgab. Die emotionale Belastung war zu hoch für die Frauen,
und oft ließen sie sausen, was sie während der Ehe verdient
hatten – ein Wert, der ohnehin schwer festzustellen war, weil
die Männer Hausarbeit und Frauenmühsal für selbstverständlich
Susan wußte, daß Fair, sobald der Schmerz nachließ, sich auf
und das Nebenprodukt dieser Liebe würde heißen, daß die neue
Ehefrau das Essen einkaufte
, den Terminkalender der
gemeinsamen gesellschaftliche
n Verpflichtungen führte und
Tat Susan das für Ned? Am Anfang ihrer Ehe hatte sie es
und hielt sie eine Weile beieinande
r, aber gefühlsmäßig verband
sie nicht viel und intellektuell schon gar nicht. Sie waren zwei
die sich voneinander befreien
mußten, und, so traurig das war, sie taten es nicht ohne Zorn
und gegenseitige Beschuldigungen,
und nicht ohne ihre Freunde
Susans Gedanken wurden abrupt unterbrochen.
Eine Sirene gellte in der Ferne und wurde lauter, bis der
Ambulanzwagen die Straße entlanggebraust kam und den
Reflexionen über Harry und Fair ein spektakuläres Ende
Harry griff unwillkürlich nach Josiahs Arm. »Doch wohl nicht
der alte Dr. Johnson.« Er war ihr Kinderarzt gewesen und war
krumm und gebrechlich.
»Der wird hundert Jahre alt, keine Bange.« Josiah tätschelte
»Amen«, stimmte Josiah zu. Er machte Anstalten zu gehen.
Harry rief ihn zurück.»Josiah, du mußt für ein Päckchen von
Turnbull and Asser unterschreiben und bezahlen.«
»Es ist gekommen.« Er strahlte
, dann verging das Leuchten.
»Wieviel?«
Josiah trug es mit Fassung. »Manche Dinge kann man eben
ökonomischen Motiven nicht unterordnen. Wenn man bedenkt,
mit was für Leuten ich zwangsläufig zusammenkomme.«
»Di und Fergie«, äußerte Harry feierlich.
Tatsächlich war Josiah in die Nähe der königlichen Hoheiten
gelangt, als er einmal in London war, um georgianische Möbel
zu kaufen, bevor er mit einem Luftkissenboot den Kanal
überquerte, um noch mehr von seinem geliebten Louis Quinze-
Mim drehte sich jäh zu Josiah um, ihrem ständigen Begleiter,
m abhängen konnte. »Diese
Geschichte trägt dir bis heute Einladungen zum Essen ein.«
»Meine liebe Mim, ich verkehre ausschließlich geschäftlich
mit gekrönten Häuptern. Du nennst sie deine Freunde.« Dies
war eine Anspielung auf eine obskure rumänische Gräfin, die
von Big Marilyn aufdringlich hofiert worden war. Als sie
nn hatte Mim Europa nach
he. Jim Sanburne wußte nicht,
Für diese Unbesonnenheit ließ Mim ihn kräftig zahlen.
Pewter stürmte aus dem Geschäft, als ein Kunde die Tür
Susan kicherte. »Man sollte die
Pewter stellte sich auf die Hinterbeine und kratzte an der Tür
des Postamts.
»Laßt mich rein.«
Pewter sprang auf den Schalter – das war
nicht leicht für sie, aber sie war so aufgeregt, daß es beim ersten
Tucker reckte den Kopf aufwärts.
Pewter überging die Bitte der Corgihündin.
»Market bekam
einen Anruf von Diana Farrell vom Rettungsdienst. Ihr wißt ja,
Komm zur Sache, Pewter.«
Mrs. Murphy schlug mit dem
»Wenn du dich so benimmst, geh ich. Ihr könnt es euch ja von
jemand anderem erzählen lassen.«
»Geh nicht«, bat Tucker.
»Doch, ich gehe ganz bestimmt
. Ich weiß, wann ich nicht
Pewter war ehrlich verstimmt. Sie sträubte den
, klagte Tucker.
»Sie ist so schwatzhaft.«
Mrs. Murphy war nicht in der
»Sie mag ja schwatzhaft sein«
»aber wenn sie
in der sengenden Hitze hierhergerannt ist, muß es schon was
Wichtiges gewesen sein.«
Mrs. Murphy wußte, daß Tucker recht hatte, aber sie sagte
nichts, sondern rollte sich auf
dem Schalter zusammen. Tucker
winselte ungehalten, damit Harry ihr die Tür neben dem
Eine Stunde verging, währe
nd Leute kamen und gingen.
Maude Bly Modena schlug ihr
-Exemplar auf, und sie
und Harry lasen die Horoskope.
ne vollständige Voraussage zu
Als Maude fertig war, lachte Harry so sehr, daß es ihr egal
war, ob Maudes Theorie stimmte. Hauptsache, es war lustig und
Harry merkte, daß sie sich noch amüsieren konnte. Eine
Scheidung war nicht das Ende der Welt.
Als Maude gegangen war, kam Little Marilyn Sanburne
herein und ließ sich in säuselnden Tönen über ihre Hochzeit
aus. Bei Little Marilyn kam das Säuseln aus verborgenen
Bereichen ihrer Kehle. Harry heuchelte Interesse, aber
insgeheim hatte sie das Gefühl, daß Little Marilyn einen großen
Fehler machte. Sie kam nicht mal mit sich selbst zu Rande,
geschweige denn mit jemand anderem.
»Harry, ich wäre früher gekommen, aber es war verrückt – das
»Was ist passiert?« Harry fand, daß er kränklich aussah.
»Kann ich was für dich tun?«
Er winkte ab, dann lehnte er sich an den Schalter, um sich
abzustützen. »Diana Farrell hat mich angerufen. Kelly
Craycroft – zumindest glauben sie, daß es Kelly Craycroft ist –
wurde heute morgen gegen zehn Uhr tot aufgefunden.«
»Siehst du, Mrs. Murphy? Ich hab gleich
gesagt, sie wußte was Wichtiges.«
einen Herzanfall. Kelly war in diesem gefährlichen
Mannesalter.
»Keine Ahnung. Die Leiche ist vollkommen zerfleischt. Man
hat ihn in einem von den großen
»Mord – du redest von Mord.« Harrys Augen wurden weit.
»Verflixt noch mal, Harry, ein großer starker Mann wie Kelly
»Vielleicht ist er’s nicht. Vi
an der Stelle geparkt. Kelly
ist nicht im Büro erschienen. Da sein Wagen dastand, nahmen
m Gelände war. Genau wußten
Harry schauderte bei dem Gedanken, was der arme Kerl
erblickt hatte, als er in die Mischmaschine sah.
unmöglich andere
erzürnt haben, daß sie ihn umbrachten.«
Als er sich zum Gehen wandte, rief Harry: »Deine Post.«
»Mord?«
Rick Shaw, der Bezirkssheriff von Albemarle County, schnallte
dem Schulterriemen um. Seine
Pistole fühlte sich in dieser widerlichen Hitze noch schwerer an
als sonst, und daß er in den le
Pfund zugelegt hatte, machte die Sache auch nicht gerade
Und kein erfreulicher Fall.
öhnt. Er hatte Schießereien
erlebt und Messerstechereien unter Besoffenen, er hatte
Menschen gesehen, die zu Tode
geprügelt worden waren. Die
Verkehrsunfälle waren nicht viel besser, aber bei denen fiel
Officer Cynthia Cooper war als erste am Schauplatz
angelangt. Die große, junge Polizistin, die sowohl über
Verstand wie über Erfahrung verfügte, hatte das Terrain
abgesperrt. Die Spurensicherung war auf dem Weg, aber Rick
machte sich keine großen Hoffnungen. Die Angestellten der
Baufirma Craycroft Concrete
standen in der Sonne, obwohl es
zu heiß war, so herumzustehen, aber sie waren wie gelähmt.
Irgendwo schrie jemand laut. Officer Cooper zufolge war
Kellys Frau zu Hause, mit Medi
bedauerte das, und er würde deswegen mit Hayden McIntire,
dem Arzt, ein Wörtchen rede
n müssen. Beruhigungsmittel
sollten nach der Vernehmung verabreicht werden, nicht vorher.
»Boom Boom!« brüllte Rick sie an.
Boom Boom schwang sich über die Absperrung und bahnte
sich rücksichtslos ihren Weg an Diana Farrell vom
Cynthia Cooper stürzte auf sie zu, aber eine Sekunde zu spät.
»Er ist mein Mann! Laßt mich zu meinem Mann!«
»Das ist kein schöner Anblick,
Mädchen.« Rick bewegte seine
Massen, so schnell er konnte.
Rick langte hinauf und faßte Cynthia um die Taille, während
Diana hinzurannte, um zu helfen. Sie schafften Boom Boom auf
Diana brach ein Röhrchen Amylnitrit auf.
Cynthia riß es ihr aus der Hand. »Sie hat nichts als diese paar
Minuten, bevor es sie wieder mit voller Wucht trifft. Gönnen
Rick räusperte sich. Das Ganze war ihm zuwider. Es war ihm
auch zuwider, daß Boom Boom sich vielleicht übergeben
würde, wenn sie zu sich kam, und er hoffte inständig, sie würde
es nicht tun. Blut und Eingeweide waren eine Sache,
»Denken Sie nicht daran«, rief Officer Cooper.
»Den Anblick werde ich für den Rest meines lebendigen
Lebens nicht vergessen.« Boom
Boom rappelte sich hoch. Sie
schwankte ein wenig, und Rick stützte sie. »Es geht schon.
Lassen Sie… es geht gleich wieder.«
»Wollen wir nicht ins Büro gehen? Mit der Klimaanlage ist es
bestimmt besser.«
Officer Cooper und Boom Boom gingen in das kleine Büro,
und Rick machte Diana und Clai ein Zeichen, die Leichenteile
aus der Mischmaschine zu entfernen. »Laßt Boom Boom den
»Behalten Sie sie drinnen«, bat Diana.
»Ich tu, was ich kann, aber sie ist eine wilde Hummel. War sie
schon als Kind.« Rick nahm seinen Hut ab und trat ins Büro.
Boom Boom starrte sie angewidert an. »Nehmen Sie sich
zusammen, Marie.«
»Ich hab ihn geliebt. Und wie ic
beste Chef der Welt. An meinem Geburtstag hat er mir Rosen
gebracht. Wenn Timmy krank war, hat er mir freigegeben.
Ohne Lohnabzug.« Hierauf folgte
ein neuerlicher Ausbruch.
Boom Boom ließ sich auf einen Stuhl plumpsen. Ein riesiges
Poster hinter ihr, auf dem eine Ente vor einer tintenblauen
Wand mit Schußlöchern saß und gelassen einen Drink schlürfte,
verlieh dem Raum einen feier
lichen Anstrich. Wenn Marie so
weitermachte, würde sie sie in die Mischmaschine werfen.
»Mrs. Williams, bitte kommen Sie mit mir in Mr. Craycrofts
Büro. Vielleicht können Sie sei
schildern. Wir dürfen nichts berühren, bis die Leute von der
Spurensicherung da sind.«
»Ich verstehe.« Marie schwankte mit Officer Cooper davon
und schloß die Tür hinter sich.
»Sie wissen nicht, ob das da drin wirklich mein Mann ist.«
Boom Booms Stimme klang nicht normal.
»Nein.«
Sie lehnte sich zurück. »Er ist es aber.«
»Woher wissen Sie das?« Rick
s Stimme war sanft, aber
»Ich fühle es. Außerdem steht sein Wagen hier, und Kelly hat
sich nie weit von diesem Auto entfernt. Er hat es mehr geliebt
als alles andere, sogar mehr als mich, seine Frau.«
»Haben Sie eine Ahnung, wie das passieren konnte?«
»Abgesehen davon, daß ihn jemand in den Mischer gestoßen
haben muß, nein.« Ihre Augen glitzerten.
»Feinde?«
»Pharamond Haristeen – hm, das ist vorbei. Sie sind keine
Feinde mehr.«
Boom Boom lächelte ein mattes Lächeln. »Was Kelly anfaßte,
Rick lächelte zurück. »Das ist in ganz Mittel Virginia
bekannt.« Er machte eine
Pause. »Vielleicht gab es
Meinungsverschiedenheiten wege
n einer Rechnung oder einer
Ausschreibung? Geld bringt die Menschen um den Verstand.
»Nichts.«
Rick legte eine Hand auf ihre
Schulter. »Ich lasse Sie von
Officer Cooper nach Hause fahren.«
»Ich kann fahren.«
»Nein, können Sie nicht. Sie werden ausnahmsweise tun, was
Boom Boom machte keine Einwä
nde. Sie war zittriger, als sie
zugeben wollte. Tatsächlich hatte sie sich nie im Leben so
schrecklich gefühlt. Sie hatte Kelly geliebt, auf ihre
unbestimmte Art, und er hatte sie ebenso geliebt.
Rick blickte auf, um zu sehen, wie man mit dem Abtransport
der Leiche vorankam. Es ging la
ngsam. Selbst Clai Cordle, die
eiserne Nerven besaß, war grün ums Kinn.
»Okay.« Diana stellte ihre Bemühungen vorübergehend ein.
»Officer Cooper.«
»Fahren Sie Boom Boom nach Hause, ja?«
»Klar.«
»Da drin irgendwas gefunden?«
Marie kam hinter Officer Cooper heraus. »Alles ist doppelt
Als Boom Boom und Officer Cooper fort waren, ging Rick
»Seine Devise war
›ein Platz für alles und alles an seinem
«, wimmerte Marie.
Rick warf einen prüfenden Blick auf Kellys
Schreibtischplatte. Ein silberge
rahmtes Porträt von Boom Boom
stand in der rechten Ecke. Ein
protziger Federhalter lag exakt
diagonal über einem Stapel Fotokopien.
Rick beugte sich vor, sorgsam darauf bedacht, daß er Nichts
berührte, und las das obere Blatt.
Meine Prinzipien als Liberaler sind durch den
mexikanischen Krieg bestärkt worden. Er brach aus, just als
über alle meine Gedanken, und
das Gefühl macht mich doppelt zum Liberalen. Sobald die
ich den Atlantischen Ozean
überqueren. Ich könnte es natürlich sofort tun, aber ich
möchte länger als nur für ein paar Monate bleiben, und mein
Hochachtungsvoll
»Ich wußte gar nicht, daß Kelly sich für Geschichte
interessierte.«
Marie zuckte die Achseln. »Ich
auch nicht, aber er hatte so
seine Marotten.«
Rick schob seinen Daumen unter den schweren Gürtel und
»Die war eine Hexe.« Marie hatte Miss Grindle auch gehabt.
»Vom Bürgerkrieg bis zum Koreakrieg.« Marie kicherte ein
bißchen, dann besann sie sich. »Wie kann ich in so einer
Achterbahn fahren.«
Tränen traten Marie in die Augen. »Sie werden ihn kriegen,
»Ich werd mich bemühen, Marie. Ich werd mich bemühen.«
»Bist du sicher, daß du hingehen willst?« Susan sah Harry ins
»Du weißt, ich muß.«
Boom Boom keinen Beileidsbesuch abzustatten wäre ein
Fauxpas gewesen, den man Harry
ewig vorgehalten hätte. Nicht
direkt, beileibe nicht, man hätte es sich nur gemerkt, ein
Minuspunkt neben ihrem Namen auf der Liste. Auch wenn sie
mehr Plus- als Minuspunkte hatte – sie hoffte, daß es so war –,
zahlte es sich nicht aus, ihren Ru
Es war nicht nur der Schock
über einen erschütternden Tod,
»Ja, und was ist mit mir?«
erkundigte sich Mrs. Murphy.
Harry sah zu ihren Freundinnen hinunter. »Susan, entweder
nehmen wir die Kleinen mit, oder du mußt mich nachher nach
Hause fahren.«
»Ich fahr dich nach Hause. Ic
die Tiere mit zu Craycrofts zu nehmen.«
»Du hast recht.« Harry scheuch
te Mrs. Murphy und Tucker
aus der Tür des Postamts und schloß ab.
Miene strahlte Zufriedenheit, Wichtigkeit und Macht aus, wenn
auch nur vorübergehend.
Mrs. Murphy schäumte vor Wut.
Tucker sagte:
»Du hast sie trotzdem gern.«
Mrs. Murphy und Tucker warfen einander während der
Heimfahrt Blicke zu.
»Menschen sind verrückt.
Menschen und Ameisen – die töten ihre eigene Gattung.«
»Ich hatte auch schon ein paar Gedanken in dieser Richtung«,
erwiderte Mrs. Murphy.
»Hattest du nicht. Sei nicht so
Mrs. Murphy. Du wirst nie vo
rnehm werden. Du stammst aus
Sally Meads Tierheim.«
»Halt sofort die Schnauze, Tucker. Laß deine schlechte Laune
nicht an mir aus, bloß weil wir nach Hause müssen.«
Sobald sie im Haus waren, sprang Mrs. Murphy auf einen
Sessel, um Susan und Harry abfahren zu sehen.
»Weißt du, was ich drüben be
i Pewter rausgekriegt habe?«
»Daß es hinter dem Mischer nach Amphibien roch.«
»Woher will sie das wissen? Sie war nicht dort.«
»Aber Ozzie war da«,
»Wann hast du das rausgekriegt?«
wollte die Katze wissen.
Mrs. Murphy spazierte auf der
Rückenlehne des Sessels auf und ab.
»Und was hatte Ozzie
überhaupt dort zu suchen?«
»Hat er nicht gesagt. Du weißt,
Murph, Schildkröten riechen
sehr streng.
Nicht für Menschen,
Ozzie sagt, der Sheriff und die anderen sind mehrmals auf
der Geruch entgehen konnte, ist mir unbegreiflich. Er ist
schwer und nussig. Ich würde gerne hingehen und selber mal
schnuppern.«
Tucker begann auf dem Wohnzimmerteppich auf-
und abzuzockeln.
»Vermutlich hat es nichts zu tun mit dieser… Sache.
« Mrs.
Murphy dachte eine Minute nach.
»Andererseits…«
»Willst du hin?«
Tucker wedelte mit dem Schwanz.
»Gehen wir heute nacht, wenn Harry schläft.«
Mrs. Murphy
wurde ganz aufgeregt.
»Wenn es eine Spur gibt, nehmen wir sie
Autos säumten die lange Zufahrt zum imposanten Wohnsitz der
Craycrofts.
Als Harry ins Haus kam, sah sie, daß es genug zu essen gab,
um eine lateinamerikanische Gu
erillatruppe satt zu kriegen, und
sie war froh, daß sie statt dessen Blumen für die Tafel
mitgebracht hatte. Sie war nicht froh, Fair zu sehen, aber um
nichts in der Welt würde sie das zeigen.
Boom Boom saß in einem riesigen, damastbezogenen
Schaukelstuhl am Kamin. Obwohl sie erschöpft und abgespannt
aussah, war sie schön, durch den Schmerz vielleicht noch mehr.
Harry und Boom Boom, in der Schule zwei Jahre auseinander,
aber sie waren miteinander
ausgekommen – bis zum Ball vom Jagdclub im vergangenen
Jahr. Harry verdrängte den Gedanken. Sie hatte den Klatsch
gehört, daß Boom Boom sich
Fair hatte schnappen wollen und
umgekehrt. Waren Männer Ka
ninchen? Stellte man ihnen
Fallen? Harry hatte nie die bild
liche Sprache verstehen können,
die viele Frauen benutzten, wenn sie über das andere
Geschlecht diskutierten. Sie behandelte ihre männlichen
Freunde nicht anders als ihre Freundinnen, und Susan
Boom Boom wandte die Augen
von Big Marilyn Sanburne ab,
»Es tut mir so leid, Boom Boom. Ich… ich weiß nicht, was
Fair drückte ihr verdattert die Hand, dann ließ er sie los. »Und
ob ich ihn mochte. Wir hatte
n Meinungsverschiedenheiten,
gewiß, aber ich mochte ihn.«
Boom Boom ließ es damit bewenden und sagte: »Es war
Harry wurde eine bessere Beha
»Es ist so furchtbar, daß einem die Worte fehlen.«
Harry dachte mitleidslos, daß es für Little Marilyn wohl aus
einer ganzen Reihe von Gründen furchtbar war, unter anderem
deshalb, weil die bevorstehende Hochzeit zumindest
vorübergehend neben diesem Ereignis verblaßte. Little Marilyn
könnte es vielleicht gefallen, endlich einmal im Rampenlicht zu
stehen. Ihre Hochzeit war die einzige Gelegenheit, bei der nicht
ihre Mutter der Star sein würde; jedenfalls schien sie das zu
»Ja, furchtbar.«
»Mutter ist am Boden zerstört
.« Little Marilyn trank einen
tiefen Schluck Johnny Walker Black.
Big Jim Sanburne kam keuchend
ins Wohnzimmer. Mim trat
neben ihn, als er Boom Boom
So schweres ihm fiel, er mäßigte sein Stimmvolumen. Als er
mit Boom Boom fertig war, wälzte er seine Riesengestalt durch
den Raum. Ein Zimmer voller Leute zu unterhalten, was Big
Jim zur zweiten Natur geworden wa
Vielleicht sprach es sogar für sie, daß sie kapiert hatte, daß in
Ein verkniffenes Lächeln zerknitterte ihr Gesicht, das eine
Außenstehende wie Maude Bly Modena als Mitleid mit Kelly
Craycrofts Familie mißdeuten mußte. Eingeweihte wußten, daß
Mims größte Portion Mitgefühl für sie selbst reserviert war, für
die Prüfung, mit einem zwar superreichen, aber vulgären
Harry wußte nicht, was über sie gekommen war. Vielleicht
war es das unterdrückte Leid im Hause Craycroft oder der
Anblick von Mim, die grimmig
ihre Pflicht erfüllte. Wären
sich die Haare raufen würden? Diese Gefaßtheit erschreckte sie.
Jedenfalls starrte sie Little Marilyn direkt in die tiefblauen
Augen und sagte: »Marilyn, weiß Stafford, daß du heiratest?«
Little Marilyn stammelte fassungslos: »Nein.«
stellte ihre Ingwerlimonade hin
nichts. Dann begab sie sich schleunigst zu Mutter und Vater.
Bob Berrymans Hand ruhte auf dem Türknauf von Maudes
Laden. Sie hatte die Lichter ausgeknipst. Niemand konnte sie
sehen, das dachten sie jedenfalls.
»Nein«, sagte Berryman, um sie zu beruhigen. »Keiner ahnt
Er schlüpfte leise zur Hintertür hinaus und hielt sich im
Pewter, die sich auf einem mitternächtlichen Spaziergang
An diesem Abend versuchten Mrs. Murphy und Tucker, Harry
von ihrer gedrückten Stimmung ab
von ihnen war das Prärie-Indianerspiel. Mrs. Murphy legte sich
auf den Rücken, umklammerte Tucker und hing an ihr wie ein
als ob sie
die auf einen Hundeauslauf
»Glaubst du, er wird kämpfen?«
Tucker blieb einen Moment
»Wenn wir einen Umweg machen müssen, sind wir womöglich
»Wir jagen dich nicht. Wir sind auf dem Weg
»Wer’s glaubt, wird selig«,
Mrs. Murphy klang
»Vielleicht nicht, vielleicht
Vorsprung. Dann glaub ich euch vielleicht.«
Damit verschwand
das listige Tier im Gebüsch.
sagte Mrs. Murphy.
»Hoffentlich hält er sein Versprechen. Ich hab heute abend
keine Lust auf einen Kampf mit einem von der Sorte.«
einer Viertelstunde kamen sie zu der Fabrik.
Der Tau hielt die Witterung, die noch auf dem Boden war.
Viel hatte sich verflüchtigt.
Benzindämpfe und Steinstaub
waren überall, ebenso der
Ein scharfer Geruch sprang Tucker in die Nase.
»Wo
führt das hin?«
Tucker konnte sich das nicht erklären.
Die Katze kratzte sich
hinter den Ohren.
»So ähnlich.«
»So was hab ich noch nie gerochen – du?«
Nicht einmal Mrs. George
Murphy und Tucker aufzurütteln. Mrs. Hogendobber war noch
nicht mit beiden Füßen durch die Eingangstür, als sie schon
erklärt hatte, daß Adam wegen d
es Apfels in Ungnade gefallen
sei, daß der Mensch danach das Bündnis mit Gott gebrochen
und eine Flut uns reingewaschen habe, indem sie alle bis auf
Harry dachte sich, wenn Mrs. Hogendobber mit ihrer
lückenhaften Logik leben konnte, dann konnte sie es auch.
Während Mrs. Hogendobber ihre
Postwurfsendungen in den
Papierkorb warf, ließ sie sich weitschweifig über Holofernes
und Judith aus. Bevor sie bei deren schauerlichem biblischem
Ende anlangte, hielt sie inne – was an sich schon eine
ausgesprochene Seltenheit war –, trat an den Schalter und
spähte hinüber. »Wo sind die Tiere?«
»Sie verwöhnen diese Kreaturen, Harry, und Sie brauchen
einen neuen Wagen.«
»Ich bekenne mich in allen Punkten der Anklage schuldig.«
Josiah kam herein, als Harry das Wort »schuldig« aussprach.
»Über solche Dinge macht man keine Witze.« Mrs.
Hogendobbers Nasenlöcher flatterten.
»Na hören Sie mal, Mrs. Hogendobber, ich mache doch keine
Witze, nicht über den Craycroft-Mord. Sie sind
überempfindlich. Das sind wir a
lle. Es war ein furchtbarer
Schock.«
Josiah strahlte sie an. »Das tu ich leider, Madam. In einer
Welt der Unbeständigkeit greife ich zu der besten
Unbeständigkeit, die ich finden kann.«
Wie ein Wirbel stieg die Röte in Mrs. Hogendobbers hübsch
konservierte Wangen. »Sie sind geistreich, umschwärmt und
ungemein gerissen. Mit Leuten wie Ihnen nimmt es ein
schlimmes Ende.«
»Vielleicht, aber denken Sie daran, wie gut ich mich bis dahin
amüsieren werde. Sie sehen wirklich nicht so aus, als ob Sie
sich jemals amüsieren würden.«
»Ich lasse mich nicht beleidigen.« Mrs. Hogendobbers
»Ach, kommen Sie, Mrs. Hogendobber, Sie wandeln auch
nicht auf dem Wasser«, erwide
rte Josiah kühl. »Genau! Ich
kann nicht schwimmen.« Ihr Gesich
t färbte sich dunkler. Es war
eine scharfe Kränkung für sie; es würde ihr niemals einfallen,
sich mit Jesus zu vergleichen, Sie drehte sich zu Harry um.
»Guten Tag, Harry.« Mit gezwungener Würde verließ Mrs.
Hogendobber das Postamt.
»Guten Tag, Mrs. Hogendobber.« Harry wandte sich an den
schallend lachenden Josiah. »Sie
hat nicht den geringsten Sinn
»Ach, Quatsch, Harry, sie langweilt dich genauso wie mich.«
Harry war nicht auf Streit aus. Sie kannte Mrs. Hogendobbers
Fehler nur zu gut, und die Frau langweilte sie wirklich zu Tode,
aber Mrs. Hogendobber war ein grundguter Mensch. Das
konnte man nicht von jedermann behaupten.
»Josiah, ihre Werte sind geistiger Art und deine nicht. Sie ist
anmaßend und engstirnig in puncto Religion, aber wenn ich
krank wäre und sie um drei Uhr morgens anriefe, würde sie
kommen.«
»Tja« – auch sein Gesicht war roter geworden – »ich hoffe, du
weißt, daß ich auch rüberkommen würde. Du brauchst mich nur
zu bitten. Ich schätze dich sehr, Harry.«
»Danke, Josiah.« Harry fragte
»Habe ich dir schon erzählt, daß ich bei der Beerdigung an
werde? Es ist nicht Newport,
aber es ist genauso wichtig.«
»Mir graut vor der Beerdigung.« Harry meinte es ernst.
»Harry, versuch’s mit Ajax.«
»Was?«
Josiah zeigte auf ihre Hände, die vom Säubern der Stempel
Harry hielt ihre Hände in die Höhe. Sie hatte es ganz
vergessen. Gestern schien Jahre zurückzuliegen. »Oh.«
»Wenn Ajax nichts hilft, versuch’s mit Schwefelsäure.«
»Dann hab ich überhaupt
keine Hände mehr.«
»Ich zieh dich bloß auf.«
»Ich weiß, aber ich habe Sinn für Humor.«
»Verflixt, das kann man wohl sagen.«
Die Spätnachmittagssonne fiel schräg auf den indischen Flieder
hinter dem Postamt. Mrs. Murphy blieb stehen, um die
dunkellila Blüten zu bewundern, die im dunstigen Licht
schimmerten. Harry verschloß die Tür, und Pewter steckte ihre
»Zu Maude«,
gab Tucker schnippisch zur Antwort.
Pewter, die darauf brannte, jemandem, und sei es einem Hund,
anzuvertrauen, daß sie Bob Berryman aus Maudes Laden hatte
schleichen sehen, schlug mit dem Schwanz. Mrs. Murphy war
Mrs. Murphys Kopf schnellte herum.
»Was meinst du damit?«
»Ach… nichts.«
des Auf-die-Folter-Spannens
Als sie Harry durchs Fenster
»Harry, was kann ich für dich tun?«
»Hm, ich wollte Lindsay einen Zeitungsausschnitt über Kellys
Tod schicken und war schon dabei, ihn auszuschneiden, aber
»Auf dem Weg nach Italien. Ich hab eine Adresse.«
Mrs. Murphy kuschelte sich in einen Korb mit knisterndem
ase in den Korb. Knistergeräusche
entzückten die Katze, aber Tucker dachte:
Sie stupste Mrs. Murphy an.
»Ich weiß. Was glaubst du, hat Pewter gemeint?«
»Pah, sie wollte sich bloß wichtig machen. Sie wollte, daß ich
Während die zwei Tiere die Feinheiten von Pewters
en sich Harry und Maude in
ein ernsthaftes Gespräch von Frau zu Frau über Scheidung, ein
Thema, in dem Maude sich ausk
annte, da sie eine Scheidung
»… ist eine Achterbahn«, seufzte Maude.
»Es wäre viel leichter, wenn ich ihn nicht die ganze Zeit sehen
müßte und wenn er ein bißchen
Verantwortung übernähme für
das, was passiert ist.«
»Erwarte nicht, daß die Krise ihn ändert, Harry. Du bist
vielleicht dabei, dich zu verändern. Ich gla
ube, ich kann das
beurteilen, auch wenn wir uns noch nicht seit einer Ewigkeit
kennen. Aber deine Entwicklung ist nicht seine Entwicklung.
Ich hab jedenfalls mit Männern
die Erfahrung gemacht, daß sie
ige Entwicklung zu vermeiden,
daß sie vermeiden, tief nach innen zu schauen. Worum sonst
»Scheidung ist ein Ablösungsprozeß, ganz besonders die
Ablösung von seiner Fähigkeit, auf dich einzuwirken.«
»Er kann verdammt nachdrücklic
h auf mich einwirken, wenn
er den Scheck nicht schickt.«
Maude verdrehte die Augen. »D
ieses Spielchen spielt er mit
dir? Vermutlich versucht er, dich mürbe zu machen oder dir
Angst einzujagen, damit du dich am Tag des Jüngsten Gerichts
mit weniger zufriedengibst. Mein Ex-Mann hat das auch
probiert. Ich vermute, das mach
en sie alle, oder ihre Anwälte
überreden sie dazu, und wenn si
e dann mal einen Augenblick
Zeit haben, darüber nachzudenken,
was das für eine Gemeinheit
ist – falls sie überhaupt nac
hdenken –, dann ringen sie die
Hände und sagen:
Idee. Mein Anwalt hat
das veranlaßt.‹
Nur die Ruhe bewahren, Kindchen.«
»Ja.« Das wollte Harry unbedingt.
»Nicht um das Thema zu wechseln, aber joggst du immer
noch an den Bahngleisen entlang? In dieser Hitze?«
»Klar. Ich versuch’s bei Sonnena
ufgang. Sonst ist es wirklich
viel zu heiß. Heute morgen hab ich Big Jim überholt.«
»Beim Joggen?«
»Nein, ich hab ihn überholt, als
war mit dem Sheriff unterwegs. So schrecklich Kellys Tod war,
ich glaube wahrhaftig, daß er Ji
m eine Art Kitzel verschafft.«
»Ich bezweifle, daß in dieser Stadt viel Aufregendes passiert
»Oh. Und außerdem alles über Jefferson, Madison und
Vergangenheit, mehr als in der Gegenwart.«
»Vermutlich. So, ich nehme diese große Jiffytasche und ein
bißchen buntes Papier und zieh Leine, sofern es mir gelingt,
Mrs. Murphy aus deinem b
»Ich würde gern noch ein bißchen plaudern. Wie war’s mit
Tee?«
»Nein danke.«
»Little Marilyn war heute hier, total flatterig. Sie brauchte
rty ihrer Mutter.« Maude brach
in Lachen aus, Harry desgleichen.
Big Marilyns Jacht war ein Pontonboot, das auf dem
ansehnlichen See hinter der Villa der Sanburnes schwamm. Sie
liebte es, auf dem See zu kreuzen
, und besonders gern ärgerte
sie ihre Nachbarn am anderen Ufer. Zwischen ihrem
Pontonboot und ihrem Bridgeabend mit ihren Freundinnen
behielt Mim sozusagen emotionales Oberwasser.
Sie war auch völlig ausgeflippt,
als sie das Haus zum zigsten
Mal umgekrempelt und die Bar neu
Mim hatte auch das Wort TROCKENDOCK über die Bar
Mim hatte größeren Erfolg darin,
die Mädels an die Bar als sie
auf ihr Pontonboot zu lotsen, an dessen Seite ebenfalls goldene
ihren Fähigkeiten als Kapitä
n beeindrucken konnte. Es
Little Marilyn hätte sehr gut noch ein wenig auf dieses
Ereignis warten können, aber als gehorsame Sklavin ihrer
n, um Körbchen zu kaufen,
die mit nautischen Partygeschenken für die Mädels gefüllt
»Hast du je gesehen, wie Mim ihre Jacht gesteuert hat?«
Harry lachte schallend.
»Diese Kapitänsmütze, das ist zuviel.« Maude hielt sich beim
bloßen Gedanken daran den Bauch.
»Diadem?«
»Du bist gemein.« Maude wischte sich die vor Lachen
»Wenn du mit diesen Schwachköpfen aufgewachsen wärst,
wärst du auch gemein. Meine Mutter pflegte zu sagen:
Teufel, den du kennst, ist besser als der Teufel, den du nicht
Da ich Mim kenne, weiß ich, was ich zu erwarten
habe.«
Maude senkte die Stimme. »Wer weiß. Inzwischen frage ich
mich, ob überhaupt einer von uns weiß, was er zu erwarten
hat.«
Der Bericht des Coroners lag
aufgeschlagen auf Rick Shaws
Schreibtisch. Das Eigentümliche an Kellys Leiche waren eine
Reihe Narben auf der Arterie, die zum Herzen führte. Sie
wiesen auf winzige Herzanfälle hin. Kelly, fit und vierzig, war
nicht zu jung für Herzanfälle, aber diese mußten so minimal
gewesen sein, daß er sie nicht bemerkt hatte.
Rick las die Seite noch einmal. Der völlig zertrümmerte
Schädel gab wenig her. Sofern
Ein großes Stück Magen war intakt. Abgesehen von einem
Big Mac ergab es nichts.
In den Haarproben war eine Spur Zyanid. Gut, wenn ihn das
Rick schlug die Mappe zu. Dies war kein Unfalltod, aber er
wollte ihn nicht als Mord melden – noch nicht. Sein inneres
Cynthia Cooper klopfte an.
»Herein.«
»Was meinen Sie?«
»Ich decke meine Karten vorerst
nicht auf.« Rick schlug mit
»Alle sind überprüft worden. Marie Williams war am
Montagabend genau da, wo sie gesagt hat, und Boom Boom
auch, sofern wir ihrem Personal glauben können. Boom Boom
sagt, sie habe gedacht, ihr Ma
Abend operiert, solo. Alle a
nderen scheinen ein hieb- und
stichfestes Alibi zu haben.«
»Die Beerdigung ist morgen.«
»Der Untersuchungsrichter hat sich mächtig beeilt.«
»Ein einflußreicher Mann. Wenn die Familie die Leiche bis
Boom Boom bewahrte Haltung während des Gottesdienstes in
der an der Straßenkreuzung ge
legenen episkopalischen St.
eier bedeckte ihre ebenso
erlesenen Gesichtszüge.
Die Kirche war voller Blumen, die die Hoffnung auf die
Wiedergeburt durch Christus symbolisierten. Wer konnte,
Das Leben mußte weitergehen.
Josiah erschien mit einem Herrn aus Atlanta im Postamt, der
hergeflogen war, um ein echtes bauchiges Louis Quinze-
nahm seine Kunden gerne mit
Rob kam um elf wieder. Er hatte einen Sack hinten im
Postwagen vergessen, und wenn sie nichts sagte, würde er auch
Die Post war heute arm an Postkarten.
Mim Sanburne kam hereinmarschiert. Mrs. Murphy, die auf
dem Schalter mit einem Gummiband spielte, hielt inne. Als
Harry Mims Miene sah, hielt sie mit Postsortieren ebenfalls
»Harry, ich habe ein Hühnchen mit Ihnen zu rupfen, und ich
dachte, das Begräbnis sei nicht der rechte Ort dafür.
Sie haben kein Recht, Little Marilyn vorzuschreiben, wen sie
zu ihrer Hochzeit einzuladen hat. Das geht Sie überhaupt nichts
Mim mußte gedacht haben, Harry würde sich verbeugen und
»Jawohl, Herrin« sagen. Nichts dergleichen geschah.
»Sie haben sie ganz durcheinandergebracht!«
»Nein, ich habe
Sie
durcheinandergebracht. Wenn sie
durcheinander ist, soll sie herkommen und es mir selber sagen.«
Big Marilyn, baß erstaunt, daß Harry nicht unterwürfig war,
wechselte das Thema. »Ich weiß zufällig, daß Sie Postkarten
lesen. Das ist ein Vergehen,
wie Sie wissen, und wenn das so
»Vollkommen.« Harry preßte die Lippen zusammen.
Mim schwebte hinaus, zufrieden, weil sie Harry eines
ausgewischt hatte. Die Zufriedenheit würde nicht lange
anhalten, weil das Gespenst ihres Sohnes zurückkehren und sie
verfolgen würde. Wenn Harry so unverfroren war, mit Little
Harry stülpte den Postsack um. Eine einzelne Postkarte
rutschte heraus. Sie las sie trotzig: »Schade, daß Du nicht hier
bist«, in Computerschrift geschrieben. Sie drehte sie um und
erblickte eine verschwommene, beziehungsreiche Fotografie
von dem prachtvollen Engel auf
North Carolina. Sie drehte sie wieder um und las das
Kleingedruckte. Dies war der Engel, der Thomas Wolfe zu
seinem Roman
Schau heimwärts, Engel
Sie steckte die Karte in Maude Bly Modenas Fach und vergaß
Nachdenklich lenkte Pharamond Ha
risteen seinen Lieferwagen
von Charlottesville zurück. Der Besuch bei Boom Boom hatte
ihn aus der Fassung gebracht. Er konnte nicht ergründen, ob sie
wirklich trauerte, weil Kelly tot war. Diese Ehe hatte schon seit
Jahren keinen rechten Schwung mehr gehabt.
Man konnte sich nicht wappnen gegen Boom Booms
Schönheit. Man konnte sich auch gegen ihre eisigen Ausbrüche
nicht wappnen. Warum war eine Frau wie Boom Boom nicht
klug und verständig wie Harry? Warum konnte eine Frau wie
Harry nicht betörend sein wie Boom Boom?
Nach Fairs Meinung war Harry
klug und verständig, außer
wenn es um die Scheidung ging.
Sie hatte ihn rausgeworfen.
Warum sollte er Unterhalt zahlen, bevor eine endgültige
Es war ein schwerer Schock für Fair gewesen, daß Harry ihm
e Eitelkeit litt mehr als sein
Herz, aber Fair nutzte die Gele
genheit, den Beleidigten zu
Im tiefsten Innern wußte er, daß seine Ehe nicht funktioniert
hatte. Hätte er sich die Mühe gemacht, in sich zu gehen, so hätte
er erkannt, daß er an ihrem Scheitern zu fünfzig Prozent
mitschuldig war. Fair hatte indes nie die Absicht gehabt, in sich
zu gehen, was seiner Ehe zum Verhängnis wurde und zweifellos
auch zukünftigen Beziehungen zum Verhängnis werden würde.
Frauen machten verdammt viel Ärger, und Fair beschloß, den
Rest seiner Tage allein zu verbringen. Die Tatsache, daß er ein
gesunder Mann von vierunddreißig Jahren war, tat seinem
Auf der Route 240 in östlicher Richtung überholte er Rob
Als hätte der Anblick von B
oom Boom auf der Beerdigung
ihres Mannes nicht genügt, Fair die Fassung zu rauben, hatte
Rick Shaw ihn dann auch noch in der Praxis mit Fragen
Fair hielt hinter dem Postamt. Als die kleine Tucker seinen
Wagen hörte, stellte sie sich auf die Hinterbeine, die Nase ans
»Hallo, Fair.« Courtneys frisches Gesicht strahlte.
»Na, wie geht’s?«
»Gut. Und dir?«
»Heiß ist mir. Kann ich ’ne Cola haben?«
»Ich nehm die und kauf noch ’ne Sechserpackung, weil ich
andauernd Harrys wegtrinke. Wo ist dein Dad?«
mmen, und Dad ist mit ihm
weggegangen.«
Fair feixte. »Neue Besen kehren gut.«
»Wie bitte?« Courtney begriff nicht.
»Neuer Sheriff, neues Irgendwas. Wenn einer einen Job
übernimmt, quillt er über von Enthusiasmus. Dies ist Ricks
erster richtiger Mordfall, seit
er zum Sheriff gewählt wurde,
»Ich auch. Sag mal, stimmt es, daß du in Dan Tucker verknallt
bist?« Fair kniff die Augen zusammen. Wie er sich an dieses
Alter erinnerte!
Courtney erwiderte ganz ernst: »Ich würde Dan Tucker nicht
wollen, und wenn er der einzige Mann auf Erden wäre.«
»So? Dann muß er ja gräßlich sein.« Fair nahm seine Colas
und ging. Pewter flitzte mit ihm aus dem Laden.
Tucker rannte im Kreis, als Fair ins Postamt trat, dicht gefolgt
von Pewter. Maude Bly Modena kramte in ihrem Postfach.
Harry war hinten.
»Hallo, Maudie.«
»Hallo, Fair.« Für Maude wa
r Fair ein göttlich aussehender
Mann. Das war er für die meisten Frauen.
»Harry!«
»Ja?« Die Stimme sickerte durch die Hintertür.
»Ich hab dir ein paar Flaschen Cola mitgebracht.«
»Dreihundertdreiunddreißig« – die Tür ging auf – »denn so
viele schuldest du mir.« Harry freute seine Geste mehr, als sie
sich anmerken ließ.
Fair schob die Sechserpackung über den Schalter.
»Mrs. Murphy, wo bist du?«
Tucker ging hinüber und tausch
te einen Nasenkuß mit Pewter,
die Hunde sehr gern hatte.
»Ich zähle Gummibänder. Was willst du?«
Harry nahm hastig die Colaflaschen vom Schalter. »Mrs.
Murphy, was hast du gemacht?«
»Ich hab nichts gemacht«,
protestierte die Katze.
Harry wandte sich an Fair: »Du bist Tierarzt. Erklär du mir
das.« Sie zeigte auf die auf den Boden geworfenen
Gummibänder.
Maude beugte sich über den Schalte
r. »Ist das nicht süß? Die
gehen an alles dran. Meine Mutter hatte mal eine gescheckte
Katze, die hat mit Klopapier gespielt. Sie hat sich das Ende der
Rolle geschnappt und ist damit durchs Haus gerannt.«
ist noch gar nichts.«
Pewter gab noch eins drauf:
Cazenovia, die Katze von der St. Paulskirche, ißt Hostien.«
»Pewter will auf den Schalter.«
Fair dachte, daß das Maunzen
das besagen sollte. Er hob sie auf
den Rücken rollte und die Augen verdrehte.
liebst und machten ein großes
»Eifersucht klingt in jeder Sprache gleich.« Lachend fuhr Fair
fort, Pewter zu streicheln, die nicht geneigt war, ihre günstige
Position aufzugeben.
Tucker beschwerte sich auf dem Fußboden.
»Ich kann hier
unten nichts sehen.«
»Was nützen dir deine
kurzen Stummelbeine, Tee Tucker?«
»Ich kann alles ausgraben, sogar einen Dachs.«
»Hier gibt’s keine Dachse.«
warnte Tucker.
»Bloß weil du
dir was drauf einbildest, was gewußt zu haben, bevor wir es
wußten, heißt das noch lange nicht, daß du hier reinkommen
und dich über mich lustig machen kannst.«
»Das ist die zutraulichste Katz
Maude kitzelte Pewter am Kinn.
»Sei nicht brummig«, warnte Harry die Tigerkatze.
Pewter äffte die menschliche Stimme
Mrs. Murphy spazierte auf dem Schalter auf und ab. Ein
es Postbehälters, der daraufhin
»Das macht sie andauernd. Guckt mal.« Harry trat hinter den
langsamer werdenden Karren
und schob Mrs. Murphy im
Postamt umher, wobei sie Puff-Puff-Geräusche machte. Mrs.
Murphys Kopf schnellte über di
kugelrund, der Schwanz schlug hin und her.
erklärte die Katze.
Pewter, die immer noch von Maude gestreichelt wurde, war
sauer über Mrs. Murphys dreistes Benehmen. Sie legte den
Kopf auf den Schalter und schloß die Augen. Mochte Mrs.
Murphy noch so frech sein, Pewter benahm sich jedenfalls wie
Maude blätterte ihre Post durch, während sie Pewters Ohren
»Wieder eine Rechnung? Oder einer von diesen
Spendenaufrufen in Umschlägen,
der Western Union aussehen? Die find ich wirklich gemein.«
Harry fuhr fort, Mrs. Murphy herumzuschieben.
»Nein.« Maude schob Fair die Postkarte hin. Er las sie und
zuckte die Achseln. »Ich finde Leute gemein, die Postkarten
oder Briefe verschicken und nicht mit ihrem ganzen Namen
unterschreiben. Ich kenne zum Beispiel vierzehn Carols, und
wenn ich von einer einen Brief
dem Umschlag steht, tappe ic
h im dunkeln. Völlig im dunkeln.
Jede Carol, die ich kenne, hat zweikommazwei Kinder, fährt
einen Kombi und verschickt Weihnachtskarten mit einem Bild
von der Familie. Auf der Karte steht gewöhnlich
in Computerschrift, und außen herum winden sich kleine
Stechpalmenranken mit roten Beeren. Das Absurde ist, daß ihre
Familien alle gleich aussehen. Vielleicht ist es ein und dieselbe
Harry lachte mit ihr und tat, als sehe sie die Postkarte zum
erstenmal, während sie Mrs. Murphy weiter in dem Postbehälter
hin und her karrte. Die Katze ließ sich auf den Rücken
plumpsen, um ihren Schwanz zu fangen. Mrs. Murphy zog eine
Harry sagte: »Vielleicht hatten sie’s eilig.«
»Wen kennst du, der in North Carolina Ferien machen
»Ob überhaupt jemand freiwillig nach North Carolina fährt?«
Bei »freiwillig« senkte Maude die Stimme.
»Nein«, sagte Harry.
»Ach, North Carolina ist gar nich
aus. »Bloß, daß sie da mit einem Fuß im neunzehnten
Jahrhundert stehen und mit dem
anderen im einundzwanzigsten,
und dazwischen ist nichts.«
»Man muß ihnen zugute halten, daß sie es geschafft haben,
»Der Staat Virginia hatte dieselbe Chance. Ihr habt es
»Wissen wir«, sagten Fair und Harry im Chor.
»Das habe ich nicht gewußt.« Harry liebte Geschichte.
»Wenn es um fortschrittliche Proj
ekte geht, ob kommerziell
oder intellektuell, könnt ihr euch darauf verlassen, daß die
Legislative von Virginia sie ablehnt.« Maude schüttelte den
Kopf. »Es ist, als würden sie mit Absicht jede Chance
verpassen. Lauter Waschlappen.«
Maude überlegte. »Eins zu null für dich. Aber manchmal,
Fair, macht es mich fertig, daß dieser Staat so rückständig ist.
Wenn North Carolina uns austrickst und den Überfluß genießt,
was soll man davon halten?«
»Woher hast du das über die Eisenbahnen?«
»Aus der Bibliothek. Es gibt dort ein Buch, eigentlich eine
»Gelegentlich hält einer. Wenn du den Präsidenten der
Chesapeake-Ohio anrufst und – als Fahrgast – einen Extrahalt
forderst, müssen sie gleich neben dem Postamt beim alten
Bahnhof für dich halten.«
Pewter rekelte sich auf dem
Schalter, während Harry die
Colaflaschen hinten in dem kleinen Kühlschrank verstaute. Mrs.
Murphy blieb in dem Postbehälter und hoffte auf eine neue
»Soll das ein Versöhnungsangebot sein?« Harry schloß die
»Ich weiß nicht.« Und Fair wußte es wirklich nicht. Es war
ihm im Laufe der Jahre zur Gewohnheit geworden, Harry Cola
zu bringen. »Hör mal, Harry, können wir die Scheidung nicht
auf anständige Weise hinter uns bringen?«
»Du hast Ned Tucker engagiert. Sobald Anwälte ins Spiel
kommen, ist alles Scheiße.«
»Sie wurde 1680 rückgängig gemacht.« Harry holte tief Luft.
»Fair, eine Scheidung ist ein gerichtlicher Prozeß. Ich mußte
mir einen Anwalt nehmen. Ned is
t ein alter Freund von mir.«
»He, er war auch mein Freund.
neutrale Partei wenden können?«
Parteien.«
»Deswegen habe ich mir einen Anwalt in Richmond
»Du kannst dir die Preise in Richmond leisten.«
»Fang nicht wieder mit Geld an, verdammt noch mal.« Fair
klang gequält. »Eine Scheidung ist die einzige menschliche
Tragödie, die sich aufs Geld reduziert.«
»Es ist keine Tragödie. Es ist ein Prozeß.« In diesem Punkt
»Damit kann ich zehn Jahre meines
»Nicht ganz zehn.«
»Verdammt, Harry, der Punkt ist, daß das ganze keine leichte
Sache ist – und es war nicht meine Idee.«
»Ach, spiel nicht die beleidigte Leberwurst. Du warst in dieser
Ehe nicht glücklicher als ich!«
»Aber ich dachte, alles wäre bestens.«
»Solange du gefüttert und gefickt wurdest, dachtest du, alles
wäre bestens!« Harry senkte die
dich ein Hotel. Mein Gott, wenn du mal den Staubsauger in die
Engel im Himmel gesungen.«
»Wir hatten kein Geld für ein Hausmädchen«, brummte er.
meine? Herrgott, ich hab sogar
deine Klamotten gekauft, deine
Unterhosen.« Aus irgendeinem Grund war dies für Harry
bedeutsam.
Fair schwieg einen Moment, um nicht die Beherrschung zu
verlieren, und sagte dann: »Ich
verdiene mehr. Wenn ich auf
Abruf bereit sein mußte, dann mußte es eben sein.«
»Ach, weißt du, eigentlich ist mir das inzwischen ziemlich
egal.« Harry ließ die Arme sinken und machte einen Schritt auf
ihn zu. »Was ich wissen will, warst du… hast du… gehst du mit
»Ich weiß. Ich war dabei, er
innerst du dich? Ich frage, was
Während die Menschen einander beschimpften, sagte Tucker,
die es satt hatte, auf dem Fußboden von dem Katzentreiben
ausgeschlossen zu sein:
»Pewter, wir waren bei Kelly
Craycrofts Betonfabrik.«
»Wir wollten selber schnüffeln.«
»Wie kann Mrs. Murphy was riechen? Sie trägt die Nase
immer so hoch.«
»Halt die Schnauze.«
Mrs. Murphy steckte den Kopf aus dem
»So was Ungehobeltes.«
er du kannst ruhig auch die
Schnauze halten. So schlage ic
»Warum hast du gesagt, ich soll die Schnauze halten? Ich hab
»Das sag ich dir später«,
ist kein Geheimnis. Ozzie hat es vermutlich unterdessen in
drei Bezirken ausgeplappert – in unserem, in Orange und in
Nelson. Vielleicht weiß es ganz Virginia, weil Bob Berryman
Mrs. Murphy wußte, daß
»Sagt, was hat Ozzie geplappert, und warum seid ihr zu der
»Ozzie hat gesagt, da wäre ein komischer Geruch. Und so war
Tucker gefiel die Wendung des Gesprächs.
»Das war es nicht.«
Mrs. Murphy kroch aus dem Postbehälter,
enttäuscht, weil Harry das Interesse an dem Spiel verloren und
ihre ganze Aufmerksamke
»Es roch nach Schildkröte.«
»Was?«
Die Schnurrhaare der dicken Katze schnellten wieder
Pewter zog die Nase kraus.
»Ich hörte Ozzie was von einer
Schildkröte sagen, aber ich habe nicht richtig hingehört. Es war
»Habt ihr schon mal Fischbällchen gerochen?«
Gedanken kehrten zum Futter zu
rück, ihrem Lieblingsthema.
»Die riechen vielleicht gut. Mrs. Murphy, hat Harry keine
Leckerbissen mehr?«
»Meinst du, sie gibt mir was?«
»Ich geb dir was, wenn du versprichst, daß du uns alles
erzählst, was du über Kelly Cra
Und ich verspreche, daß ich mich nicht über dich lustig
»Versprochen.«
Die dicke Katze schwabbelte feierlich.
Mrs. Murphy sprang vom Schalter und lief zum Schreibtisch.
Bob Berryman lachte während des
Films mehrmals laut auf. Er
war allein. Außer Bob kannten Harry und Susan keinen
Menschen im Kino. Charlottesville, gedrängt voll mit lauter
neuen Leuten, war eine neue Stadt für sie geworden. Man
konnte nicht mehr in die Stadt fa
Die neuen Einwohner strömten in solchen Scharen in den
engagierten, um für sie die Drecksarbeit zu verrichten. Sie
dachten, die Bevölkerung würde ihren Zorn gegen das
Forschungsunternehmen richten,
und das Verkehrsamt könnte
sich hinter diesem Schutzschild verstecken. Die republikanische
Partei ergriff sofort die Gelegenheit, die regierenden
Demokraten in eine prekäre Lage zu bringen und verwandelte
die Umgehungsstraße in ein politisch heißes Eisen. Das
Den Demokraten, deren Macht
schwand, wurde mulmig zumute. Die Angelegenheit
entwickelte sich zu einem interessanten Drama, in welchem
politische Karrieren begannen und endeten.
Harry war der Ansicht, jede veröffentlichte Zahl müsse man
im Geist noch verdoppeln. Aus einem absurden Grund konnte
die Regierung nicht mit Geld umgehen. Das bekam Harry im
Postamt zu spüren. Die Bestimm
ungen, die eigentlich zu ihrer
Erleichterung erlassen wurden, machten alles nur noch
Unterdessen erzählte man den Bürgern von Albemarle
County, sie müßten den Raub ihres Landes zugunsten der
südlicheren Bezirke akzeptieren, Bezirke, die erhebliche
Harry, in dem Glauben erzogen, die Regierung sei ihr Freund,
hatte durch Erfahrung gelernt, die Regierung für ihren Feind zu
halten. Sie relativierte ihre Einstellung nur städtischen Beamten
gegenüber, die sie kannte und m
it denen sie persönlich reden
All diese Dinge hatte sie mit Susan in der Blue Ridge-
Brauerei bequatscht. Eiskaltes Bier an einem schwülen Abend
schmeckte köstlich.
»Und?«
»Was und, Susan?«
»Du sitzt seit zehn Minuten da und hast keinen Ton gesagt.«
»Oh, Verzeihung. Mein Zeitgefühl muß mir abhanden
gekommen sein.«
»Anscheinend.« Susan lächelte
. »Komm schon, was ist los?
Wieder Streit mit Fair?«
»Weißt du, ich kann nicht entscheiden, wer das größere
selben Zimmer sein, ohne zu streiten. Selbst wenn wir in
»Ich hab ihn gefragt, ob er mit Boom Boom schläft.«
»Was?« Susans Unterlippe klappte herunter.
»Du hast richtig gehört.«
»Und?«
»Er hat nein gesagt. Oh, und dann ging es weiter. Jeden
Fehler, den ich gemacht habe, se
it wir uns kennen, hat er mir
ins Gesicht geworfen. Gott, ich bin’s so leid, ihn, die Situation«
– sie machte eine Pause – »mich selbst. Da draußen ist eine
Welt, und alles, woran ich denken kann, ist diese
dämliche Scheidung.« Wieder eine Pause. »Und Kellys
Ermordung.«
»Zum Glück gibt es da keine Verbindung.« Susan trank einen
»Bestimmt nicht.« Susan verwarf den Gedanken sofort. »Das
glaubst du doch auch nicht. Er war vielleicht nicht der Mann,
den du gebraucht hast, aber er ist kein Mörder.«
»Ich weiß.« Harry schob das Glas weg. »Aber ich kenne ihn
nicht mehr – und ich traue ihm nicht.«
»Ist dir je aufgefallen, daß Fr
wie man ist? Liebhaber versuche
einen haben wollen.« Susan trank Harrys Bier aus.
»Deine Mutter war umwerfend.« Susan erinnerte sich an
Graces scharfen Witz. »Aber ic
ändern, wenn auch auf andere
Art. Es ist so verwirrend. Je älter ich werde, desto weniger
verstehe ich von menschlichen Beziehungen. Ich dachte, es
wäre umgekehrt. Ich dachte, ich würde klüger.«
»Ach, Harry, so schlimm sind die Männer gar nicht.«
»Nein, nein – ich mißtraue mi
Zu Hause lief Mrs. Murphy unruhig auf und ab.
In ihrem Korb hob Tucker den Kopf.
»Setz dich hin.«
»Halte ich dich wach?«
knurrte der Hund.
Mommy weg ist. Ich hab gesehen, daß andere Leute ihre Hunde
mit ins Kino nehmen. Muffin Barnes steckt ihren in die
»Ach ja?«
»Ball?«
»Nein. Wie war’s mit Fangen? Wir können rumtoben, wenn
sie nicht da ist. Wir sollten wirklich toben. Wie kann sie es
wagen, wegzugehen und uns hierzulassen? Das soll sie büßen.«
»Jaa!«
Als Harry eine Stunde später die Lichter im Wohnzimmer
anknipste, rief sie aus: »O mein Gott!«
Der Feigenbaum war umgekippt
, Erde war über den Fußboden
verstreut, und die Wände waren mit schmutzigen
Katzenpfotenabdrücken gesprenkelt. Mrs. Murphy hatte
ausgiebig in der feuchten Erde ge
tanzt, bevor sie mit allen vier
Pfoten die Wände ansprang.
Harry suchte erbost nach ihren
Lieblingen. Tucker versteckte
Als Harry die Unordnung beseitigt hatte, war sie zu müde, um
die beiden zu schelten. Sie verstand, zu ihrer Ehre muß das
gesagt werden, daß dies die Strafe für ihr Fortgehen war. Sie
verstand es, doch es widerstrebte ihr, sich einzugestehen, daß
die Tiere sie viel besser erzogen, als sie die Tiere erzog.
Die Aussicht auf das Wochene
nde machte Harrys Schritte
leichter, als sie die Railroad Avenue entlangging. Die Straße
In dem Augenblick, als Pewter ihrer ansichtig wurde, stürmte
sie die Straße hinunter, um sie zu begrüßen.
»Ich wußte gar nicht, daß sie so schnell laufen kann.« Harry
Keuchend rutschte Pewter Tucker vor die Füße und kam zum
Harry nahm an, die Katze sei total erschöpft, und bückte sich,
um sie hochzunehmen. »Armes Dickerchen.«
»Laß mich.«
Pewter entwand sich ihr.
»Was gibt’s?«
Mrs. Murphy rieb sich an Harrys Beinen, um
»Maude Bly Modena.«
Die hellgrünen Augen glitzerten.
»Tot!«
»Wie?«
Mrs. Murphy wollte sofort Einzelheiten.
»Vom Zug überfahren.«
»Nein!«
Pewter hielt mit ihnen Schritt.
»Pewter, ich habe dich noch ni
e so geschwätzig erlebt.« Harry
Pewter erwiderte.
»Wenn du achtgeben würdest, könntest du
Sie wandte sich an Mrs. Murphy.
»Die halten
sich für so schlau, dabei denken sie bloß an sich selbst.
, und die meiste Zeit tun sie
nicht mal das.«
Mrs. Murphy hätte gerne gesagt:
aber sie hielt sich wohlweislich zurück.
»Wie gesagt, es war schlimmer als das. Sie war auf die
Schienen gefesselt, wo genau, weiß ich nicht, und als der
Sechsuhrzug heute morgen durchkam, konnte der
»Wie hast du’s erfahren?«
Tucker blinzelte bei dem
Gedanken an den grausigen Anblick.
»Du meinst, so was wie ein Massenmörder?«
Tucker war
plötzlich sehr um Harrys Sicherheit besorgt.
Mrs. Murphy murmelte:
»Ich auch.«
Tucker ließ den Kopf hängen.
»Warum töten die
Menschen sich gegenseitig?«
Pewter lachte ein rauhes Lachen.
»Daß sich bloß keiner an
Harry fiel auf, daß die drei Tiere miteinander beschäftigt
»Wer immer es war, er hat ’ne Menge zu verbergen«,
»Ja, er muß verbergen, daß er geistesgestört ist, und er wird
Mrs. Murphys Augen verengten
Tucker kannte Mrs. Murphy, seit sie ein sechs Wochen altes
Hündchen gewesen war Sie wußte, wie Mrs. Murphy dachte.
»Dieser Mensch ist hinter was h
er – oder hat was zu verdecken.
Es muß nicht jemand sein, der Spaß am Töten hat.«
Pewter fand, daß dazu eigentlich die Geier da
seien, aber Menschen waren eben anders.
Mrs. Murphy
übersah eine Raupe, so stark konzentrierte sie sich.
Mörder zeigt die Leichen…«
Ihre Stimme verlor sich, weil
»Harry, Harry!«
Harry vernahm die Angst in seiner Stimme und rannte zum
Laden. »Was ist?«
»Es ist schrecklich, einfach schrecklich.«
Harry legte ihren Arm um ihn. »Fehlt dir was? Soll ich den
Doktor holen?« Sie meinte Hayden McIntire.
»Was?« Die Farbe wich aus Harrys Gesicht.
»Ich laß mein Mädchen nicht me
hr aus dem Haus. Da draußen
geht ein Monster um!«
»Die Ärmste war auf die Bahngl
eise gefesselt, wie in einem
Stummfilm. Der Mann hat sie
gesehen – der Bremser vom
Frühzug, nehm ich an –, aber zu spät, zu spät. Ach, die
Ärmste.« Seine Unterlippe zitterte.
»Wer weiß sonst noch davon?«
Harrys Gedanken bewegten
sich mit Lichtgeschwindigkeit.
»Nein, verdammt, ich weiß gar nichts, aber ich werde es
herausfinden. Das muß aufhören!«
»Ja, ja.« Ihre Stimme verlor sich.
»Woran denkst du?«
»Ich wünschte, daß es nicht schon so viele Leute wüßten.
Sonst hätte man vielleicht noch auf einen Hinweis stoßen
können.«
»Tja.« Drinnen klingelte das Te
lefon. »Ich muß ran. Laß uns
zusammenhalten, Harry.«
»Worauf du dich verlassen kannst.«
Unglücklich schloß Harry die Tür zum Postamt auf. Mrs.
Murphy und Tucker blieben zurück.
»Kommt rein.«
»Denkst du, was ich denke?«

»Ja, aber wir wissen nicht wo.«
»Verdammt!«
Mrs. Murphy sträubte aufgebracht ihre
Tucker folgte ihr, während Harry zum Telefon griff und zu
maulte Mrs. Murphy.
»Und wir verlieren die
Witterung
falls eine da ist.«
»Sie hat voriges Mal ein bißchen gehalten. An dem Tag war es
genauso heiß wie heute.«
Mrs. Murphy lehnte sich an die Corgihündin. »Hoffentlich.
»Lieber sterbe ich, bevor ich zulasse, daß jemand Harry was
antut!«
»Susan, es ist wieder
»Ich komme gleich rüber«, erwiderte Susan.
Harry schickte sich an, Fairs Nummer in der Praxis zu wählen,
aber dann legte sie auf. Es war eine automatische Reaktion, ihn
»Rick Shaw ist gerade gekomme
Susan, als Harry die Vordertür au
»Was will er von Ned?«
»Er möchte, daß er eine Bürgerwacht organisiert Harry, es ist
»Unglaublich oder nicht, es ist wahr. Hat Rick was von
Maude gesagt?«
»Was meinst du?«
»Ich meine, hat sie noch gelebt, als sie überfahren wurde?«
Harrys ganzer Körper zuckte bei dem Gedanken, und eine
»Daran habe ich auch gedach
t. Ich habe ihn gefragt. Er
meinte, sie wüßten es nicht, aber sie nähmen es nicht an. Der
Untersuchungsrichter könnte genau sagen, wann sie starb.«
»Nur daß es draußen in de
passiert ist, hinten beim ersten Gleisabschnitt.«
Mehr zu sich selbst sagte Harry: »Was hat sie so weit da
draußen gemacht?«
»Das weiß Gott allein.« Susan schniefte. »Was, wenn dieses –
diese Kreatur auf unsere Kinder losgeht?«
»Soweit wird es nicht kommen, da bin ich ganz sicher.«
»Woher willst du das wissen?« Ein zorniger Tonfall schlich
sich in Susans Stimme.
h, daß du dir Sorgen um die
Kinder machst, und du solltest sie abends im Haus behalten. Es
ist nur, daß – ich weiß nicht. Ein Gefühl.«
»Da draußen läuft ein Wahnsinni
ger frei herum! Sag mir, was
Kelly Craycroft und Maude Bly Modena gemeinsam hatten!
Sag mir das!«
»Wenn wir das rauskriegen, erwischen wir vielleicht den
Mörder.« Harrys Stimme nahm einen energischen Ton an. Sie
war eine geborene Anführerin, obgleich sie es nie zugab und
Gruppen sogar aus dem Weg ging.
Susan wußte, daß Harry einen Entschluß gefaßt hatte. »Du
hast keine Erfahrung in solchen Sachen.«
»Du auch nicht. Hilfst du mir?«
»Was muß ich tun?«
»Die Polizei stellt Routinefragen. Das ist gut so, weil sie eine
Menge erfahren. Wir müssen andere
Fragen stellen – nicht nur:
»Du kannst auf mich zählen.«
»Als erstes nehme ich mi
r Mrs. Hogendobber und Little
Marilyn vor. Wie wäre es, wenn du Boom Boom und Mim
besuchst? Nein, warte. Laß mich Boom Boom übernehmen. Ich
habe meine Gründe. Du sprichst mit Little Marilyn.«
»Okay.«
Rob kam schwungvoll durch den Vordereingang. Er ließ die
Postsäcke fallen wie Blei, als Harry ihm die Neuigkeit mitteilte.
Tucker und Mrs. Murphy hörten genau zu, als Harry den
Tatort erwähnte.
»Da kommen wir nicht allein hin, wenn wir nicht einen
ganzen Tag unterwegs sein wollen.«
Tucker kratzte an ihrem Halsband. Die
»Wie kommen wir da raus? Harry muß uns im Wagen
hinbringen.«
»Sobald sie in den Wagen steigt, wann immer das ist, legen
wir am besten einen Anfall hin.«
Josiah, der gerade die Straße überquerte, zögerte einen
Sekundenbruchteil, dann kam er herüber, um zu sehen, was
Schlimmes passiert war.
»Das ist das Werk des Teufels!« Mrs. Hogendobber stützte
sich mit der Hand an der Mauer ab.
»Wann haben Sie es gehört?«
Mrs. Hogendobbers Stimme
klang ruhig.
»Nein. Ich bin wegen meiner Post gekommen, und ich hole sie
mir.« Resolut stand Mrs. Hogendobber auf und schritt zu ihrem
Harry und Josiah folgten ihr, während Fair kreischend vorfuhr
und den Motor abwürgte, bevor er den Zündschlüssel
herumdrehen konnte, weil sein Fuß von der Kupplung rutschte.
»Sie hatten gleich durchs Fenster kommen können«, meinte
Mrs. Hogendobber tadelnd.
Fair schloß die Tür hinter sich. »Ich dachte, den Steuerzahlern
zuliebe verzichte ich darauf.«
»Dabei könnte dieser alte Bau eine Sanierung vertragen.«
Josiah drehte den Schlüssel in seinem Postfach herum.
»Wissen Sie schon, die süße
»Na, na, regen Sie sich nicht übermäßig auf«, warnte Josiah
»Vielleicht sollte ich das wirklich nicht.« Mrs. Hogendobber
nahm sich zusammen. »Soviel Böses im Land. Aber ich hätte
nie gedacht, daß es uns heimsuch
en wurde.« Sie faßte sich an
»Das war 1978.« Harry erinnerte sich an den Vorfall. »Eine
routinierte Diebesbande brach in die Häuser dort ein und nahm
das Silber und die Antiquitäten mit.«
Mrs. Hogendobber verstand nicht, warum Harry, Flair und
»Der Diebstahl war nicht komisch, Mrs. H.«, erklärte Harry.
»Aber außer daß sie ausgeraubt
wurden, haben obendrein alle
Ich meine, zum Schaden kam auch noch die Kränkung hinzu.«
Mrs. Hogendobber konnte nichts
Komisches daran finden und
räusperte sich mißbilligend. »Nun, dies ist zuviel für einen
Morgen. Ich sage adieu.«
»Soll ich Sie nicht doch lieber nach Hause bringen?« erbot
sich Josiah noch einmal.
»Nein… danke.« Und damit verschwand sie.
»Hat man das Zeug nicht in ei
ner Scheune in Falling Water,
West Virginia, gefunden?« fragte Fair.
»Ja, und es war ein dummes Versteck.« Josiah schloß sein
»Wieso?« fragte Harry.
»So kostbare Stücke in eine Sc
»Vielleicht haben sie sie zusammengelegt oder in Kisten
verstaut.« Fair verstand nicht viel von Antiquitäten.
»Nein, ich erinnere mich an die Fernsehberichte. Sie haben
das Innere der Scheune gezeigt.« Josiah schüttelte den Kopf.
»Egal, das sind kleine Fische verglichen mit… dem hier.« Er
ging zum Schalter hinüber, gegen
»Was denkst du?«
»Und du, Harry?« Josiahs Gesicht zeigte Besorgnis.
»Ich denke, wer immer es war, es war einer von uns. Einer,
den wir kennen und dem wir trauen.«
Josiah trat unwillkürlich zurück. »Wieso denkst du das?«
»Was sollte es sonst für ein Mörder sein? Jemand der
regelmäßig nach Charlottesville einfliegt, um ein paar Leute
umzubringen? Es muß jemand aus der Gegend sein.«
»Warum nicht? Es ist nicht so abwegig, wenn man’s
bedenkt.« Fair fuhr sich mit den Fingern durch sein dichtes
Josiah ging langsam zur Tür und legte die Hand auf den
abgegriffenen Türknauf. »Ich
mag nicht daran denken.
»Was kann ich für dich tun?« fragte Harry Fair mit
gleichmütiger Stimme.
»Oh, nichts. Ich hab’s auf dem Weg zur Arbeit gehört und
sehe nach, wie’s dir geht. Du
hattest Maude gern.«
Gerührt senkte Harry die Auge
n. »Danke, Fair. Ich hatte
Maude wirklich gern.«
»Wir alle.«
»Das ist es ja. Das ist es, was ich herausfinden muß. Wir alle
hatten Maude gern. Die meis
ten von uns mochten Kelly
Craycroft. Oberflächlich sieht alles normal aus. Darunter ist
»Finde das Motiv, und du findest den Mörder«, sagte Fair.
Harry zögerte, bevor sie an Boom Boom Craycrofts
dunkelblaue Haustur klopfte. Sie
hatte die Katze und den Hund
mitgenommen, weil sich die Tiere wie die Derwische
aufgeführt hatten, als sie zur Mittagspause ging. Zuerst der
Feigenbaum, dann dies. Das mußte die Hitze sein. Sie blickte
über die Schulter. Mrs. Murphy
und Tucker saßen kreuzbrav
auf dem Vordersitz des Kombi. Die weit offenen Fenster ließen
Luft herein, aber es war zu he
iß im Wagen. Sie kehrte um und
»Bleibt schön hier.«
In dem Moment, als Harry durch die Haustur der Craycroft-
Villa verschwand, kam Boom Booms schottischer Terrier hinter
dem Haus hervorgeschossen.
»Wer ist da? Wer ist da, und daß
ihr ja einen guten Grund habt, hier zu sein!«
»Wir sind’s, Reggie«,
Reggie wedelte mit dem Schwanz. Er tauschte auch
einen Nasenkuß mit Mrs. Murphy, obwohl sie eine Katze war.
»Wie geht’s?«
Tucker war mitfühlend.
»Sie ist einfach verbittert. Sie lächelt nie. Ich wünschte, ich
konnte was für sie tun. Ich vermisse ihn auch. Kelly war immer
»Hast du eine Ahnung, was passiert ist? Hat er dich irgendwo
mit hingenommen, wovon die Menschen nichts wissen?«
»Nein. Ich bin ja eigentlich ein Haushund. Ich habe die
»Nein, er war mopsfidel, wie ein Hund mit ’nem Knochen.
Immer wenn er Geld verdiente, war er glücklich, und er hat
eine Menge verdient. Ist für die wirklich wie Knochen, schätze
ich. Er war nicht viel zu Hause, aber wenn, dann war er
Drinnen erfuhr Harry von Boom Boom auch nicht viel.
»Nein. Susan Tucker hat sich erboten, die Angehörigen zu
verständigen, aber Rick Shaw sagte ihr, daß Maude keine
Geschwister hatte und ihre Eltern tot sind.«
»Wer wird Anspruch auf die Leiche erheben?« Boom Boom,
die soeben eine Beerdigung hinter sich hatte, kannte sich mit
den Formalitäten aus.
»Das weiß ich nicht, aber ich werde Susan darauf
»Kelly könnte jemanden gereizt haben. Er war sehr
ehrgeizig.« Harry nahm eine
n Kristallaschenbecher mit
silbernem Rand in die Hand und befingerte die vollkommenen
Proportionen.
»Er hat gern gesiegt, das steht fest, aber ich glaube nicht, daß
er unfair war. Mir gegenüber war er’s jedenfalls nicht. Sieh mal,
Harry, wir kannten uns, seit wir Kinder waren. Du weißt, in den
»Es war lieb von dir, mich zu besuchen. Ich habe nie gewußt,
wie viele Freunde ich – er – hatte. Die Leute waren wunderbar
– und ich mache es anderen wirklich schwer, wunderbar zu mir
zu sein… manchmal.«
Harry dachte bei sich, daß eine
r alles andere als wunderbar
gewesen war. Wer war es? Wer? Warum?
Boom Boom meinte nachdenklich: »Kelly wurde staunen,
wenn er sähe, wie viele Leute ihn geliebt haben.«
»Vielleicht weiß er es. Das möchte ich gerne denken.«
»Ja, das möchte ich auch gerne denken.«
Harry stellte den Aschenbecher
wieder hin. Sie machte eine
Pause. »Hat die Polizei alle
s durchgesehen? Sein Büro?«
»Sogar sein Büro hier zu Hause. Das einzige, was am Tag
seines Todes auf seinem Schreibtisch lag, war die Post vom
»Darf ich einen Blick ins Büro
werfen? Ich mochte nicht
unverschämt sein, aber ich meine, wenn wir irgendwas tun
konnten, um Rick Shaw zu helfen, sollten wir es tun. Wenn ich
herumstöbere, finde ich vielleic
ht einen Hinweis. Auch ein
»Du hast im Postamt zu viele Kriminalromane gelesen.«
Boom Boom stand auf. Harry ebenfalls.
»Dieses Jahr waren’s Spionage Thriller.«
»Und dafür bist du aufs College gegangen?« Boom Boom
fand eigentlich, Harry mußte mehr aus ihrem Leben machen,
aber wer war sie, sie zu verurteilen? Boom Boom war die reiche
Die Walnußtäfelung schimmerte im hellen Nachmittagslicht.
Exakt in der Mitte einer fleckenlosen, in rotes Leder
eingefaßten Schreibunterlage lag Kellys Post.
»Darf ich?« Harry griff noch nicht nach der Post.
»Bitte.«
Harry nahm sie und blätterte die
Briefe mitsamt der Postkarte
durch, der schonen Postkarte von Oscar Wildes Grabstein. Sie
legte die Post so wieder hin, wie sie sie vorgefunden hatte. Im
Augenblick machte sie sich
eher Gedanken wegen eines
gewissen ausweichenden Verhaltens, das Boom Boom ihr
e verstand sich ganz gut mit
einem schönen Grabstein erhalten hatte. Mit demselben
Wortlaut: »Schade, daß Du nicht hier bist.« Mein Gott, jemand
gab ihnen zu verstehen, daß er wünschte, sie waren tot. Ein
makabrer Scherz. Sie trat das Gaspedal durch.
»He, nimm Gas weg«,
sagte Mrs. Murphy.
gerne schnell.«
Harry schlingerte in Susans gepflegte Zufahrt, trat auf die
Bremse und sprang aus dem Wagen. Katze und Hund hüpften
Susan steckte den Kopf aus dem Fenster im Obergeschoß.
»Du bringst dich noch um, we
nn du den alten Karren so
»Ich hab was gefunden.«
Susan raste die Treppe hinunter und riß die Haustur auf.
Harry legte den Hörer auf. »Sie wirkte nicht sehr
beeindruckt.«
»Sie gehen so vielen Hinweisen nach. Woher soll sie wissen,
daß gerade dieser ein wichtiger ist?« Susan band ihre
Turnschuhe zu. »Hoffen wir, da
ß keine weitere Karte mehr
»Verdammt, ich hab vergessen nachzusehen.«
»Wonach?«
»Nach dem Poststempel auf Kellys Karte. Kam sie aus Paris?«
»Laß uns in Maudes Laden gehen und uns die Karte
vornehmen, die sie gekriegt hat.«
Selbst Maudes geschlossenes Ge
schäft lockte noch Passanten
Susan probierte die Tür. »Abgeschlossen.«
Harry ging hinten herum und stemmte ein Fenster auf. In dem
Moment, als sie es offen hatte, schoß Mrs. Murphy auf die
Fensterbank und sprang anmutig in den Laden. Harry folgte,
Susan reichte ihr Tucker und folgte dann selbst.
Im Hinterzimmer empfing sie eine Flut von
»Ich wußte nicht, daß es auf der Welt so viele Styroporchips
gibt«, bemerkte Susan.
Harry begab sich schnurstracks nach vorn zu Maudes
»Und wenn dich da jemand sieht?«
»Dann soll er mich wegen Einbruch anzeigen.« Harry
schnappte sich die Post, die Maude in einer Schachtel auf dem
Pult aufbewahrte. »Ich hab sie!« Rasch drehte sie die Postkarte
um. »Soweit also die Theorie.«
»Was steht drauf?«
»Komm her und lies. Niemand wird uns verhaften.«
Susan trat neben sie. »Schade, daß Du nicht hier bist.« Dann
sah sie den Poststempel. »Oh.« Asheville, North Carolina stand
Harry zog die mittlere Schublade auf. Ein großes Hauptbuch,
Bleistifte, Radiergummis und ein Lineal klapperten. Sie griff
nach dem Hauptbuch. Manchmal
erzählten auch Zahlenreihen
Schritte auf dem Bürgersteig ließen sie erstarren. Sie schloß
die Schublade.
»Laß uns verschwinden«, flüsterte Susan.
Als Harry ins Postamt zurückkehrte
und Dr. Johnson ablöste, rief sie
Boom Boom an und bat sie, sich die Postkarte anzusehen. Der
Verblüfft legte Harry den Hörer auf. Die Poststempel
verwirrten sie. Trotzdem würd
e sie nicht aufgeben. Wer immer
Sinn für Humor, vielleicht gar
einen Sinn für das Absurde. Auch der Zustand der Leichen war
makaber und degoutant gewesen.
Die Hülle der Sterblichkeit zog sich enger zusammen. Wer
könnte der nächste sein? War sie in Gefahr? Wenn sie nur die
Verbindung zwischen Kelly und Maude entdecken könnte, dann
wären vielleicht ihre Freunde
außer Gefahr. Aber wenn sie
diese Verbindung entdeckte, dann war sie selbst in Gefahr.
Harry war erstaunt darüber, wie viele Leute sich bei den
Gleisen tummelten. Es war nicht
einfach, dorthin zu gelangen.
Man mußte zur Route 691 hinausfahren und dann nach rechts
Harry trat zu den Männern. Sie blickte nach unten und sah
überall Blutspritzer. Fliegen schwirrten auf der Erde und labten
sich an dem, was nicht versickert war. Selbst der Teergeruch
der Schwellen konnte den schweren,
süßlichen Blutgeruch nicht
Josiah verzog das Gesicht. »Ich hatte keine Ahnung, daß es so
schlimm sein könnte.«
»Wenn man bedenkt, wieviel Liter Blut der menschliche
Körper enthält.« – Hayden sprach, wie es einem Mediziner
Berryman, der mächtig schwitzte, schnitt ihm das Wort ab.
»Ich will’s nicht wissen.«
Er verzog sich zu seinem allr
»Ich wollte ihn nicht schockieren«, entschuldigte sich
Hayden.
»Natürlich nicht!« fuhr Josiah ihn an. »Vielleicht finden wir
was, das die Polizei übersehen hat. Wieviel Vertrauen hast du
zu Rick Shaw? Der bewegt beim Lesen die Lippen.«
»So schlecht ist er nicht«, widersprach Harry.
»Aber besonders gut ist er auch nicht.« Hayden unterstützte
Harry ließ ihren Blick über di
Hund stöberten im hohen Unkraut herum und stürmten dann
»Eines wissen wir«, stellte Harry fest.
»Sie ist zu Fuß hierhin gegangen.«
siah sah ihr aufmerksam ins
»Weil das Gras nirgendwo niedergedrückt ist. Wenn sie
hierher geschleppt worden wäre, müßte eine Spur da sein,
»Müßte ein starker Mann gewesen sein.«
Auch Hayden entfernte sich von den Schienen. »Wir wissen
nicht, ob der Mörder männlich oder weiblich ist, obwohl
statistisch gesehen über neunzig
Prozent der Morde hierzulande
von Männern begangen werden.«
»Ein Wagen mit Allradantrieb hätte hier raufkommen
»Also ist sie zu Fuß gegangen. Na und?« Josiah schob die
»Wo war Fair gestern nacht?« fragte Hayden nicht ohne
»Sie ist mitten in der Nacht zu
Fuß hierher gegangen?« dachte
»Sie joggte gern und lief meiste
ns an den Schienen entlang«,
klärte Harry die Männer auf.
»Muß ’ne verdammt gute Joggerin gewesen sein, um den
»Um der Hitze davonzurennen«, warf Josiah ein. »He, wieso
stellt sich Berryman eigentlich so an?«
»In der Schule hat er sich nicht so angestellt«, erinnerte sich
»An den erinnere ich mich!« Harry lächelte.
»Tja, also, Kooter stach ihm eine Spritze ins Knie und gab
ihm eine Injektion. Dann hat er
»Haben wir gewonnen?« wollte Harry wissen.
»Zurück zu Maude.« Eine
Schweißspur rann seitlich an
Harrys Gesicht hinunter. »Ist sie allein hergekommen? Ist sie
hergekommen, um sich mit jemand zu treffen? Ist sie mit
jemand zusammen gekommen?«
»Ich hatte keine Ahnung, daß du so logisch denkst, Harry«,
bemerkte Josiah.
»Die Fragen liegen auf der Hand, und ich bin sicher, daß Rick
Shaw und Co. sie auch gestellt haben.« Harry wischte sich den
»Ich wünschte, wir könnten ein paar Spuren finden.« Hayden,
der kein Jäger war, hätte nicht einmal gewußt, wie er danach
In der Ferne erschien der Ausläufer einer großen
Gewitterwolke über den Blue Ridge Mountains.
Ermordung, das Blut vor ihr am Boden, drückte ihr auf den
»Hier ist nichts« – Josiah senkte die Stimme – »außer dem
hier.« Er zeigte auf die befleckte Stelle.
»Aber da ist was! Da ist was!«
bellte Tucker.
Mrs. Murphy und Tucker schwärmten über den Schauplatz
des Mordes. Harry mißverstand das und glaubte, sie würden
von dem Blut angezogen.
»Weg da!« schrie sie.
»Sei nicht böse auf sie, Harry. Es sind bloß Tiere«, sagte
»Da ist was! Hier ist derselbe Geruch!«
Harry lief hin und nahm de
n Hund beim Halsband. »Du
Mrs. Murphy rannte neben Harry her.
»Laß sie! Komm zurück.
Komm zurück und schnupper!«
Harry konnte nicht zurückgehen, und das war gut so, denn
hätte sie sich auf alle viere niedergelassen, um die Witterung
Tucker und Mrs. Murphy hatten die Gegend rund um den
Tatort gründlich inspiziert. Erst als sie den Schauplatz selbst
untersuchten, nahmen sie den schwachen Amphibiengeruch
wahr. Keine Spur, keine zusammenhängende Linie. Wieder
konzentrierte er sich auf eine Stelle, obwohl es diesmal mehr
war als ein Punkt. Es waren mehrere Punkte, die sich rasch
Aber niemand wollte auf sie hören, und sie fuhren nach
i Harry, die das Schlimmste von
ihren besten Freundinnen dachte.
Reporter sich ausdrückte, wurde
Bob Berryman fuhr ziellos umher. Ein riesiger Baum, von
dem heftigen Wind entwurzelt, krachte über die Straße. Bob
wich ihm aus. Mit zitternden
Boom Boom Craycroft dachte von allen das Schlimmste. So
sehr sie sich muhte, ihre Emotionen für sich zu behalten, sie
schwappten dauernd über, und da sie ihren Kummer nicht
Wut aus. Momentan war sie
»Es ist mir verdammt schnuppe, was du denkst. Und es ist mir
egal, ob derjenige, der Maude umgebracht hat, auch Kelly
Susan ließ den Kopf hängen. Für einen Vorübergehenden
hatte es so ausgesehen, als ginge sie den Golfball mit ihrem
Fünfereisen an, eine ungewöhnliche Wahl für den Abschlag
vom Tee. »Boom Boom, beruhige dich. Du warst es, die Golf
spielen wollte. Du hast gesagt,
es macht dich wahnsinnig, zu
Hause rumzusitzen.«
Boom Boom schwang ihren Schlager und grub einen
Klumpen Farmingtoner Golfclub-Rasen aus. Wenn der Caddie
Master das gesehen hatte, hatte er einen Schlaganfall gekriegt.
»Hattest du ’n Holz genomme
»Ich schlag dich trotzdem.«
»Heute nicht.« Boom Boom steckte das Tee in die Erde, legte
den Ball darauf und schlug o
hne Probeschwung ab. Der Ball
flog in einem schönen Bogen hoch
und drehte dann nach links,
um im Rough zu verschwinden.
»Scheiße!« Boom Boom warf ihren Schläger auf die Erde. Da
sie das noch nicht befriedigte, trampelte sie auf ihm herum.
»Scheiße! Kacke! Verdammt!«
Susan hielt während der haltlosen
Toberei den Atem an. Es
Golftasche umstieß. Bälle und Handschuhe fielen aus den
offenen Reißverschlüssen. Von
ihrem Wutausbruch erschöpft,
»Nein. Da ist es noch gräßlicher als hier.« Boom Boom
zitterte beim Einatmen. »Spielen wir. Ich fühl mich besser,
wenn ich in Bewegung bin. Tut mir
leid, daß ich dich angebrüllt
habe. Ich fühlte mich einfach
ins Verhör genommen. Bei Rick
Shaw hat es mir nicht soviel ausgemacht, aber diese
lächerlichen Reporter gehören ausg
epeitscht. Ich hab ihnen die
Tür vor der Nase zugeknallt. Ich wollte es einfach nicht auch
noch von dir hören.«
»Es tut mir wirklich leid. Harry und ich denken, wenn wir
Freundinnen untereinander herumschnüffeln, finden wir
vielleicht was. Es ist eine furchtbare Strapaze für dich, und ich
war keine Hilfe.«
»Doch, warst du. Ich hab geschrieen und gebrüllt und meine
Susan hob die Bälle auf. »Hier.« Sie bemerkte den
Markennamen. »Wann hast du die gekauft?«
»Wie hast du das gemacht?«
»Das war ich nicht. Das war Josiah. Er hat Werkzeug für alles.
Der Mann geht mir auf die Nerven, kauft all diesen Mist,
hübscht ihn ein bißchen auf und verkauft ihn dann irgendeinem
Parvenü für ein Vermögen.«
»Aber er ist amüsant.« Susan griff nach ihrem Ball.
Natürlich verpatzte Susan ihren Schlag. »Verdammt.«
Der Ball klatschte ins Wasser, und eine Fontäne spritzte hoch.
Das heiterte Boom Boom für kurze Zeit auf. Sie fand ihren
»Wenn dir irgendwas einfällt, sagst du’s mir?«
»Ja.« Boom Boom hob ihre Tasch
e auf. Sie benutzte keinen
Golfwagen, weil das in ihren Augen gegen den Sinn des
enende nahm sie einen, weil
der Club sie dazu zwang, aber sie beklagte sich ausgiebig
darüber. Sie hatte es fertiggebrach
t, an der Bar im Clubhaus auf
guckten zurück. Susan hatte eigens zu diesem Zweck einen
Ballkescher dabei, und mit einigem Geschick befreite sie ihren
»Ich sollte mir auch so einen zulegen.«
»Zumal du soviel Geld für Golfbälle ausgibst.« Susan schob
den Kescher wieder zusammen und verstaute ihn in ihrer
Tasche. Dann ließ sie ihren Ball fallen.
»Wieso denkst du, daß es ein
»Zwei grausame – ganz besonders grausame – Morde, und das
Nachahmung sein. Die Titelseiten der Zeitungen, die
Abendnachrichten und Gott weiß was noch waren voll von
Einzelheiten über Kellys Ermordung. Es gehört nicht viel Grips
dazu, um festzustellen, daß die Zeit günstig war, um eine alte
Rechnung zu begleichen, und dann gute Nacht, Maude Bly
Modena.«
»Daran hab ich noch nicht gedacht.«
»Ich hab noch an was anderes gedacht.«
»Was?«
»Susan, was, wenn die Polizei uns nicht alles sagt? Wenn sie
mit irgendwas hinterm Berg hält?«
»Auch daran hab ich noch nicht gedacht.« Susan schauderte.
Rick Shaw beugte sich über einen weiteren Bericht des
Wochenende in einen Zustand der Erstarrung, abgesehen von
den Fällen wegen Trunkenheit am Steuer. Nicht so an diesem
Wochenende. Die Leute waren angespannt. Er war angespannt,
und die verfluchte Zeitung hatte ihm einen Reporter an die
Es gab keine Anzeichen für sexuellen Mißbrauch des Opfers.
Maude war zwei Stunden tot ge
wesen, bevor der Zug sie
überfuhr; auch das berichtete der Untersuchungsrichter. Es gab
aber auch keine Schußwunden, keine Schwellungen am Hals
Ein tiefer Zug beruhigte ihn. Er durfte nicht vergessen, auf
dem Nachhauseweg Pfefferminz zu kaufen, damit seine Frau
seinen Atem nicht roch. Er studierte eine Karte des Bezirks an
der Wand. Die Fundorte der zwei Leichen lagen im selben
Trotzdem beschloß er, Harry anzurufen. Nach einigen
Höflichkeiten dankte er ihr für ihre Wachsamkeit und sagte ihr,
er habe die Postkarten überprüft, und sie schienen ihm in
»Könnte ich sie haben – für kurze Zeit?« bat Harry ihn.
Er überlegte. »Wozu?«
»Ich mochte sie mit den Stempelfarben bei mir im Amt
vergleichen – bloß für alle Fälle.«
»In Ordnung, wenn Sie versprechen, sie nicht zu
»Bestimmt nicht.«
Nach Rick Shaws Telefonat rief Harry Rob an, und er erklärte
sich bereit, die erste Postkarte aus Frankreich, die ihm im
Hauptpostamt in die Hände fiel, »auszuleihen«. Sie gelobte, sie
ihm am nächsten Tag zurückzugeben.
Dann fiel ihr ein, daß sie Mrs. Hogendobber befragen mußte.
Sie rief Mrs. H. an, die erstaunt war, von ihr zu hören, sich aber
Hogendobber servierte einen verdächtig grünen Tee.
Kleine weiche Schokoladenke
gewordene Eiweißmasse herausrann, ruhten auf einem Teller
aus altmodischem Porzellan. Mrs. Hogendobber schnappte sich
einen und verschlang ihn mit einem Biß.
Harry mußte an eine menschliche Ausgabe von Pewter
denken. Sie unterdrückte ein Kichern und nahm einen
tropfenden Schokoladenkeks, um
nicht undankbar für das
üppige Mahl zu erscheinen – na, Mahlzeit.
»Ich vermeide seit einiger Ze
it Koffein. Hat mich reizbar
gemacht.« Mrs. H. spreizte den kleinen Finger ab, wenn sie ihre
Tasse hielt. »Ich habe meinen
Haushalt von Limonade, Kaffee,
sogar schwarzem Tee befreit.«
cht von raffiniertem Zucker
»Ich wünschte, ich hätte Ihre
Willenskraft«, sagte Harry.
»Nur nicht aufgeben, Mädchen, nur nicht aufgeben!« Der
nächste Keks verschwand zwischen den pink geschminkten
sagte nichts übers Spionieren,
und so spionierte Mrs. Hogendobber mit Leidenschaft. Sie zog
es vor, es in Gedanken als gesunde Neugier auf ihre
Mitmenschen zu bezeichnen.
»Ich bin so froh, daß Sie bere
it waren, mich zu empfangen«,
»Warum auch nicht?«
»Hm, tja, warum eigentlich ni
cht?« Harry lächelte, und das
erinnerte Mrs. Hogendobber an Harry als süße Siebzehnjährige.
»Ich bin gekommen, um, hm, ein bißchen herumzustochern,
nach Hinweisen auf die Morde.
Vielleicht aufschlußreiche
Einzelheiten, Gedanken – Sie sind eine so gute Beobachterin.«
»Man muß morgens früh aufstehen, um mir zu entgehen.«
Mrs. H. nahm das Kompliment bereitwillig entgegen, und
tatsächlich entging ihr nicht viel. »Mein verstorbener Mann,
›Miranda, du bist mit
Augen am Hinterkopf geboren.‹
Ich konnte seine Wünsche
ahnen, bevor er sie äußerte, und er dachte, ich hätte seherische
Kräfte, doch davon keine Spur. Ich war eine gute Ehefrau. Ich
war aufmerksam. Die Kleinigkeiten sind es, die eine Ehe
ausmachen, meine Liebe. Ich hoffe, Sie haben Ihre Ehe
überprüft und werden Ihr Handeln
daß es bessere Männer gibt als Fair – nur andere. Auf ihre
einmalige Art machen sie alle Ärger.« Sie schenkte sich Tee
»… machen sie alle Ärger.« Harry hatte die Sache von sich
»Wenn Sie diese Turnschuhe ausziehen und sich ein paar
hübsche Kleider statt der Jeans kaufen würden, würde er, denke
ich, zu Verstand kommen.«
»In der Liebe geht es meistens darum, den Verstand zu
verlieren und nicht darum,
zu Verstand zu kommen.«
Mrs. H. bedachte das. »Ja… ja.«
Ehe sie sich auf ein anderes Thema stürzen konnte, fragte
Harry: »Was hielten Sie von Maude Bly Modena?«
»Ich glaube, sie war Katholikin.
Sie sah so italienisch aus. Der
»Mir war sie, genau wie Ihnen,
erst seit fünf Jahren bekannt.
Keine lange Zeit, aber es genügt, um ein Gefühl für einen
Menschen zu bekommen, denke ich. Sie hatte Josiah
Sie denn für ein Gefühl?«
Der Busen wogte. Sie brannte darauf, sich über das Thema
»Und was?«
»Wenn ich das nur wüßte. Si
e hat im Laden niemanden
»Mir hat sie auch nicht viel erzählt. Ich hielt sie für
verschwiegen. Schließlich war sie ein Yankee.«
»Keine von uns, meine Liebe, keine von uns. Ihre Manieren
waren entsprechend. Es fehlte ih
r natürlich an Kultiviertheit –
so sind sie alle. Aber dafür haben wir Mim, die reichlich
überkultiviert ist, wenn Sie mich fragen.«
»Ich hatte sie gern. Ich hatte mich sogar an ihren Akzent
gewöhnt.« Unbehagen beschlich Harrys Herz. Die arme Maude
war nicht da, um sich zu verteidigen, und sie bedauerte, nach ihr
»Ich konnte nicht viel verstehen von dem, was sie sagte. Ich
habe mich auf den Tonfall verlassen, auf Gebärden und
»Wieso?«
»Nun ja, sie war katholisch und Italienerin.«
»Das heißt noch nicht, daß sie aus einer Mafiafamilie kam.«
»Nein, aber Sie können das Gegenteil nicht beweisen.«
Auf der Heimfahrt fing Harry zu lachen an. Alles war so
schrecklich und so schrecklich komisch. Mußte ein Mensch
sterben, bevor man die Wahrheit
über ihn erfuhr? Solange eine
Person am Leben war, bestand die Chance, daß ihr alles, was
über sie gesagt wurde, zu Ohre
n kam. Deswegen wogen Harry
Was Harry sonst noch von Mrs.
Hogendobber erfahren hatte,
gefahren war. Die Bürgerwacht war für Mrs. Hogendobber die
Gelegenheit, für ihren natü
rlichen Hang zum Schnüffeln
belohnt zu werden.
Ned Tucker träumte davon, Sonntags morgens einmal
auszuschlafen, aber um halb sieben ertönte der Wecker. Er
Generation amerikanischer
Kinder eine herkömmliche Uhr nicht mehr würde lesen können.
Aber sie konnten ja auch nicht addieren und subtrahieren.
Taschenrechner nahmen ihnen die Mühe ab.
Harry sagte immer, Digitaluhren gingen ihr auf den Wecker.
Uhren ohne Zeiger erinnerten sie an Amputierte. Keine Hände.
Ned lächelte bei dem Gedanken an Harry. Susan drehte sich
um, und er lächelte noch mehr. Seine Frau konnte bei einem
Erdbeben, einem Gewitter, bei was auch immer durchschlafen.
Er würde sie noch eine Dreiviertelstunde schlafen lassen und
die Kinder versorgen. Die väte
rlichen Verrichtungen waren ihm
ein Trost. Was ihn bekümmerte, wa
wollte nicht als Sklave seiner Arbeit wirken, aber zu träge
wollte er auch nicht erscheinen. Er wollte nicht zu streng sein,
wollte seinen Sohn nicht anders
behandeln als seine Tochter, doch er wußte, daß er es tat. Es
war so viel einfacher, eine Tochter zu lieben – aber dasselbe
Eine Dusche und eine Rasur
hoben Neds Stimmung: eine
Tasse Kaffee brachte ihn auf Touren. In zwanzig
Minuten
würde er Brookie und Dan wecken müssen, damit sie sich für
die Kirche fertig machten. Er beschloß, die kostbare stille Zeit,
die ihm verblieb, zu nutzen, um die Rechnungen durchzusehen.
ihn sorgsam beiseite. Er konnte sich ohnehin erst morgen mit
der Bank in Verbindung setzen.
Um sieben klingelte das Telefon. Ned hob ab. »Hallo.«
»Ned, du bist immer so früh auf wie ich, darum hoffe ich, du
sanfte Stimme klang ernst.
»Was kann ich für dich tun?« erkundigte sich Ned.
»Du bist – du warst doch Maudies Anwalt, hab ich recht?«
»Ja.« Ned hatte nicht an Maude
gedacht, seit er aufgestanden
war. Die Erinnerung rief das Unbehagen, die nagenden
»Da sie keine lebenden Verwandten hat, möchte ich gern
Anspruch auf den Leichnam« – er seufzte – »oder was davon
ständiges Begräbnis geben. Es
wäre nicht recht, sie auf einem Töpferacker zu verscharren.«
Da Josiah ein ausgemachter Geizhals war, staunte Ned. »Ich
denke, das läßt sich machen, Josiah«, sagte er, dann fügte er
hinzu: »Aber wenn du gestattest, veranstalte ich eine Sammlung
für die Beerdigung. Wir sollten alle unseren Teil dazu
»Dafür wäre ich sehr dankbar.« Josiah klang erleichtert.
»Kennst du jemanden, der eine
Parzelle hat und uns aushelfen
könnte?«
»Ich frag Herbie Jones. Er müßte es wissen.« Herbie Jones
»Wissen wir überhaupt, welche Konfession Maude hatte?«
»Nein, aber Herbie ist da immer sehr großzügig. Ich glaube,
es würde ihm auch nichts ausmachen, wenn sie ein Moslem
gewesen wäre. Soll ich mich auch nach einem Gottesdienst
erkundigen?«
»Ja, ich denke schon. Und noch ei
Geschäft weiterführen und de
machbar ist. Ich weiß nicht, wi
eviel Papierkram das erfordert,
aber Maude hat ein gutes Geschäf
»Sie hat ihr Vermögen der Multiple-Sklerose-Stiftung
vermacht, deshalb werden wir mit denen verhandeln müssen.«
»Tatsächlich?« Josiah verzehrte sich vor Neugier, aber er
»Sie hatte einen Bruder, der an M. S. gestorben ist.«
»Du weißt mehr über Maude als wir übrigen.« Josiah schien
»Durchaus nicht. Aber ich werde tun, was ich kann. Es wäre
ich kann mir nicht vorstellen,
daß die Multiple-Sklerose-Stiftung das Personal oder den
»Danke.«
»Nein, Josiah, ich habe dir zu
könnte erfahren, was für gute Freunde sie hatte.« Und er dachte
bei sich, guter Freund oder nicht, Josiah war wirklich fix, wenn
er eine Möglichkeit sah, noch mehr Geld zu verdienen.
In der Ferne rief beharrlich eine Eule. Mrs. Murphy und Tucker
tappten im Mondlicht zu Maude Bly Modenas Laden. Tucker,
rastlos, bewegte sich lebhaft, mit wedelndem Schwanz. Sie
würden, lange bevor Harry aufw
achte, zurück sein, deshalb
gönnte Tucker sich unterwegs hier und da ein kurzes
Schnuppern und Schnüffeln.
Als sie sich dem Haus näherten
, blieb Mrs. Murphy plötzlich
»Da drin ist jemand«,
flüsterte Mrs. Murphy.
»Ich springe auf
Tucker hüpfte flink die Stufen hinauf und legte sich flach vor
die Tür. Die einzigen Geräusch
e waren das Klick-Klack ihrer
Pfoten und das Klimpern ihrer Tollwutmarke.
Mrs. Murphy schlich auf Zehenspitzen an dem Blumenkasten
entlang. Sie drückte das Gesicht an die Fensterscheibe. Sie
konnte nicht deutlich sehen, denn
wer immer da drinnen war,
Mrs. Murphy sprang vorsichtig auf die Erde.
Während sie ums Haus nach hinten gingen, erklärte Mrs.
Murphy, warum sie nichts hatte sehen können.
»Ich kann nichts riechen, wenn Fenster und Tür zu sind, aber
an der Hintertür oder an einem hinteren Fenster können wir die
Witterung aufnehmen.«
Tucker, die Nase am Boden, brauchte keine Ermunterung. Sie
nahm an der Hintertür die Spur auf.
»Ich hab ihn.«
Bevor Mrs. Murphy die Nase senken konnte, um die
Witterung zu identifizieren, ging die Hintertür auf. Tucker
duckte sich und stellte dem herauskommenden Mann ein Bein,
während Mrs. Murphy ihm mit ausgefahrenen Krallen auf den
Briefe fallen, die sich in der Abendbrise zerstreuten.
Er zappelte herum, konnte aber Mrs. Murphy nicht erwischen,
die viel flinker war als er. Tucker schlug ihre Reißzähne in
seine Fessel.
Er heulte auf. Ein paar Häuser weiter ging in einem
Schlafzimmer im Obergeschoß das Licht an. Der Mann
sammelte die Briefe auf, während Mrs. Murphy lossprang und
einen Baum hinaufjagte. Tucker flitzte um die Hausecke, und
»Bob Berryman!«
Tucker konnte es nicht fassen.
Mrs. Murphy trabte zur Hintertür, die Bob
in der Hast, mit der er seinen Angreifern entflohen war,
offengelassen hatte.
cker der Spur. Berryman war
Mrs. Murphy, dicht hinter ihr, lachte.
»Paß auf, wo du
hinläufst.«
»Deine Augen sind besser als meine«,
ich hab eine goldene Nase, Katze, merk dir das.
»Schön, Goldnase, was hat er unter dem Pult gesucht?«
Mrs.
Murphy kuschelte sich neben Tucker.
»Seine Hände sind über die Seiten, den Deckel und die
Rückseite geglitten.«
Tucker folgte der Spur.
Mrs. Murphy starrte mit großen Pupillen auf das Pult.
»Ja, aber wie kriegen wir es auf?«
»Ich weiß es nicht, aber er ist
ein ungeschickter Mensch. Es
kann nicht so kompliziert sein.«
Mrs. Murphy stellte sich auf
die Hinterbeine und beklopfte sachte die Seiten des Pults.
Ein lauter Knall jagte ihnen einen Mordsschrecken ein. Sie
schossen unter dem Pult hervor. Mrs. Murphys Schwanz sah
ckers Nackenhaare sträubten
sich. Aber kein weiterer Laut
drang an ihre empfindlichen
Mrs. Murphy, dicht am Boden,
die Schnurrhaare vorgestreckt,
schlich langsam, immer eine Pfote nach der anderen, zum
Hinterzimmer. Tucker, neben ihr, kroch ebenfalls so leise sie
konnte, und das war ziemlich leise. Als sie den Lagerraum
erreichten, sahen sie, daß die Tür zugefallen war.
rief Tucker aus.
»Kommst du an den Türknauf
Mrs. Murphy streckte sich zu voller Länge. Sie konnte mit den
Pfoten gerade bis an den Keramikknauf hinaufreichen, ihn aber
nicht ganz herumdrehen. Sie probierte bis zur Erschöpfung.
»Gib’s auf. Wir müssen die Nacht
über hier drin bleiben. Sobald Leute auf den Beinen sind,
schlag ich Alarm.«
»Harry kriegt die Krise.«
»Ich weiß, aber wir können nichts machen. Wir sind bei ihr
ohnehin schon in Ungnade gefallen
nach allem, was wir uns auf
»Nein, sie wird nicht wütend sein.«
Mrs. Murphy lehnte sich an die Tür und verschnaufte.
liebt uns. Wir sind alles, was sie hat. Ich mag gar nicht
dran
denken, daß Harry nach uns sucht. Es war eine schreckliche
Woche für sie.«
»Wenn wir schon hier festsitzen, können wir uns ebensogut an
»Ich bin dabei.«
Pewter, die sich an der Fleischtruhe herumtrieb, hörte Tucker
als erste heulen. Das Geräusch war weit entfernt, aber sie war
sicher, daß es Tucker war. Eine riesige Mortadella lockte sie.
Courtney hob das köstliche Fleisch aus der Truhe. Morgens
hatte sie Brotstreichdienst. Bis sieben Uhr hatten die Fahrer, die
von den umliegenden Farmen kame
sie am Sonntagabend gemacht hatte.
»Gib mir was! Gib mir was! Gib mir was!«
sich mit einer Kralle ein Stück Wurst.
»Laß das.« Courtney schlug ihr auf die Pfote.
»Ich hab Hunger!«
Pewter langte wieder hinauf, und
Courtney schnitt ihr einen Brocken ab. Pewter zu bestechen war
leichter als sie zu erziehen.
Die Katze packte das wohlriechende Fleisch und eilte zur
Hintertür. Ihr Hunger überwog ihre Neugier, aber sie dachte bei
sich, sie könnte gleichzeitig fressen und lauschen. Ein
neuerliches langgezogenes Heulen überzeugte sie, daß der
unglückliche Hund tatsächlich Tu
Courtney zurück, wo sie die Mortadella erneut ernsthaft in
Versuchung führte, doch sie nahm
ihre ganze Willenskraft
eys Beinen und eilte dann wieder
zur Hintertür. Sie mußte diese Prozedur in immer derselben
Reihenfolge dreimal wiederhol
en, ehe Courtney ihr die
»Tucker!«
Was machst du da drin?«
»Hol mich raus. Ich erzähl dir alles später«,
Mrs. Murphy fragte hinter der Tür:
»Sind Menschen in der
»In Autos. Wir brauchen einen Fußgänger.«
»Pewter, wenn du zum Geschäft zurückläufst, meinst du, du
»Mir folgen? Ich krieg sie kaum dazu, mir die Tür auf und zu
»Und wenn du dir Mrs. Hogendobber auf dem Weg zur Post
schnappst? Sie wohnt um die Ecke.«
»Sie kann Katzen nicht leiden. Sie würde nicht auf mich
»Sie wird bestimmt durch diese Gasse kommen. Sie geht
»Na gut. Aber während ich auf die alte Quasseltante warte…
wie nennt Josiah sie doch gleich?«
»Schön, während ich warte – warum erzählt ihr mir nicht, was
ihr da drin macht?«
Mrs. Murphy und Tucker schilderte
nachdem sie Pewter Geheimhaltung hatten schwören lassen. Sie
»Da kommt sie!« rief Pewter ihnen zu. »Probieren wir’s. Los,
»Los komm, du trübe Tasse, kapier schon«,
kreischte Pewter.
Sie marschierte auf Maudes Laden zu und kehrte dann zu Mrs.
Hogendobber zurück.
Tucker stieß ein markerschütterndes Gejaule aus. Mrs.
vollen Schritt. Pewter lief um
ihre Beine und zurück zu Maudes Laden, wo Tucker
neuerliches Gejaule ausstieß. Mrs. Hogendobber steuerte auf
den Laden zu.
»Ich hab sie! Ich hab sie!«
Pewter raste zur Tür.
»Gebt Laut!«
Tucker bellte. Mrs. Murphy maunzte. Pewter zog Kreise vor
Sie legte die Hand auf den Türknauf, dachte noch ein bißchen
Tucker stürmte aus der Tür und rannte ums
Haus zum nächsten besten Baum
. Mrs. Murphy, die ihre Blase
besser unter Kontrolle hatte, kam heraus und rieb sich
anerkennend an Mrs. Hogendobbers Beinen.
»Danke, Mrs. H.«,
»Was habt ihr da drinnen gemacht?« erkundigte sich Mrs.
Hogendobber mit lauter Stimme.
Pewter schätzte die Gefühlsaufwallung, war
Murphy stellte die Ohren auf.
Die drei kleinen Tiere jagten sich gegenseitig durch die Gasse.
Mrs. Hogendobber folgte ihnen,
ungeheuer neugierig, wie Mary
Minor Haristeens Katze und Hund in Maudes Laden geraten
Harry hatte die Post noch nicht sortiert. Sie hatte Rob nicht
nkt, die er ihr zugeschmuggelt
hatte. Sie hatte statt dessen die
Den Anblick von Mrs. Murphy und Tucker, die zusammen
mit Pewter und Mrs. Hogendobber
die Treppe heraufkeuchten,
Mrs. Murphy hüpfte auf ihre Arme, und Tucker sprang an ihr
wurde Mrs. Hogendobber nicht zuteil, doch immerhin stand
Harry auf und gab ihr die Hand.
»Danke, Mrs. Hogendobber. Ich war krank vor Sorge. Wo
haben Sie sie gefunden?«
»In Maude Bly Modenas Laden.«
»Was?« Harry konnte es nicht glauben.
»Wir haben ein Geheimfach entdeckt! Und Bob Berryman hat
Briefe geklaut!«
Tuckers Aufregung war so gewaltig, daß sie
von vorne bis hinten zappelte.
»Tucker hat ihn feste in die Fessel gebissen«,
Murphy.
»Im Laden?«
»Ja. Die Tür war zu, und sie konnten nicht raus. Ich ging
durch die Gasse – meine morgendliche Leibesübung auf dem
Weg zu Ihnen – und hörte den Radau.«
»Du wärst glatt vorbeigewatschelt, wenn ich nicht gewesen
verbesserte Pewter sie.
»Was haben meine Mädels
bloß in Maude Bly Modenas
Laden gemacht?« Harry legte ihre Hände an die Schläfen.
Nichts hätte Mrs. Hogendobber
»Er könnte Mrs. Murphy und Tucker wegen Einbruch
verhaften.« In dem Augenblick,
als der Scherz ihrem Mund
entfahren war, war Harry klar, daß Mrs. Hogendobber ihn nicht
Der indische Flieder blühte in
der Gasse. Mit Pollen beladene
Hummeln umsummten die beiden Frauen.
»Ich war gleich zur Stelle, als ich Tucker hörte.«
bemerkte Pewter sarkastisch.
Harry folgte Mrs. Hogendobber,
die ihre Schritte zur Tür in
»… und habe den Türknauf herumgedreht – es war nicht
abgeschlossen –, und da kamen sie heraus.«
»Kommt schon.«
»Ich auch.«
Pewter folgte ihnen.
»Mädels! Mädels!« rief Harry vergeblich.
Mrs. Hogendobber, begeistert
von der Gelegenheit, hier
einzudringen, sagte: »Wir müssen sie holen.«
Harry trat als erste ein.
Mrs. Hogendobber, dicht hinter
ihr, blieb eine Sekunde vor
den riesigen Säcken mit Styroporchips stehen. »Meine Güte.«
Harry, die schon vorn im Laden war, rief: »Wo sind sie?«
Mrs. Murphy steckte den Kopf unter dem Pult hervor.
Mrs. Hogendobber, die unterdessen gefolgt war, sah die
Katze. »Da.« Sie zeigte hin. Harry
und kroch unter das Pult. Pewter mußte murrend weichen, weil
nicht für alle Platz war.
Mrs. Murphy saß vor dem Gehe
imfach, das sie in der Nacht
Harry keuchte: »Da ist ein Geheimfach!«
»Lassen Sie mal sehen.« Mrs. Hogendobber überwand die
»Hier.« Harry drückte sich, so gut sie konnte, an die Seite des
Harry langte hinein und reicht
e einen großen Aktenordner und
eine Handvoll Fotokopien heraus. »Hier.«
Harry kroch rückwärts heraus und gesellte sich zu ihr. »Im
Pult ist noch ein Ordner.«
»Ein zweiter Satz Bücher! Ich möchte wissen, wen sie
beschummelt hat.«
»Ich habe für Mister H. die Bücher geführt, müssen Sie
wissen.«
Sie legte die zwei Ordner nebene
glitten an den Zahlenkolonnen hera
b. Der versteckte Ordner lag
auf der linken Seite. »Meine Güte, so viele Waren. Sie war eine
bessere Verkäuferin, als wir alle ahnten.« Mrs. Hogendobber
wies auf das Buch rechts. »Sehen Sie her, Harry, die Mengen –
und die Preise.«
»Ich kann nicht glauben, daß sie fünfzehntausend Dollar für
siebzig Säcke Styroporchips gekriegt hat.«
Das gab Mrs. Hogendobber zu denken. »Wirklich
Harry nahm ein Blatt von dem großen Stapel Fotokopien. Es
»Was ist das?« Mrs. Hogendobber konnte ihre Augen nicht
von den Rechnungsbüchern losreißen.
»Wovon reden Sie?« Mrs. Hogendobber blickte von den
Büchern hoch.
Harry mußte wieder an die Arbeit. »Mrs. Hogendobber,
würden Sie mir einen Gefallen tun?
Es ist nichts Unredliches,
aber es ist… heikel.«
»Kopieren Sie die Briefe und die Rechnungsbücher. Dann
übergeben wir alles Rick Shaw, aber ohne ihm zu sagen, daß
wir Kopien haben. Ich möchte die Briefe lesen, und ich glaube,
Ohne zu zögern erklärte Mrs.
Hogendobber sich bereit. »Ich
rufe Rick an, wenn ich mit der Arbeit fertig bin. Ich erzähle ihm
das mit den Tieren. Und daß wir hierhergekommen sind. Und
mehr erzähle ich ihm nicht. Wo kann ich fotokopieren, ohne
daß es auffällt? Es ist ein Haufen Arbeit.«
»Im Postamt im Hinterzimmer. Ich kann extra Papier kaufen
Ned Tucker wurde von Barbara Apperton in der Citizen’s
National Bank informiert, daß die Abhebung von seinem Konto
korrekt und nach Schalterschluß mittels seiner Kreditkarte
vorgenommen worden war. Ned tobte. Barbara sagte, sie wolle
Die fehlenden fünfhundert Dollar würden die Familie Tucker
nicht ruinieren, aber es wa
r eine sehr unerfreuliche
Besorgt über dieses kleine Rätsel, das zu den großen,
grotesken noch hinzukam, trat Susan ins Postamt und mußte
mitansehen, wie Rick Shaw Harry in die Mangel nahm.
»Sie können nicht beweisen, wo Sie Freitag nacht oder
Samstag in den frühen Morgenstunden waren?« Der Sheriff
»Nein.« Harry tätschelte Mrs. Murphy, die Rick mit ihren
goldenen Augen beobachtete.
Susan trat an den Schalter. Rick ließ nicht locker. »Niemand
war an einem der beiden Mordabende bei Ihnen?«
»Nein. Nicht nach elf am Abend von Maudes Ermordung. Ich
»Das sieht nicht gut aus mit Ihren Tieren in Maude Bly
Modenas Laden. Was haben Sie vor? Was verbergen Sie?«
»Nichts.« Das war nicht ganz
wahr, denn unter dem Schalter
nen dicken Umschlag gesteckt,
»Sie behaupten, Ihre Katze und Ihr Hund seien in den Laden
gelangt, ohne daß Sie die Tür aufgemacht hätten?« Ricks
Stimme triefte von Ungläubigkeit.
»Ja.«
sagte Mrs. Murphy,
aber niemand hörte auf sie.
»Zisch ab, Shaw«
, knurrte Tucker
»Sie verlassen die Stadt nicht, ohne mich zu informieren, Mrs.
Harristeen.« Rick schlug mit der flachen rechten Hand auf den
Susan mischte sich ein. »Rick, Sie können unmöglich
glauben, daß Harry eine Mörderin ist. Die einzigen Leute, die
beweisen können, wo sie mitten
in der Nacht waren, sind die,
»Und die, die zusammen sind, kö
nnen für den jeweils anderen
lügen. Vielleicht ist das alles gar nicht die Tat eines einzigen.
Vielleicht ist es Teamarbeit.« Susan hievte sich auf den
»Diese Möglichkeit ist mir nicht entgangen.«
Harry brachte ihren Mund an Mr
s. Murphys Ohr. »Was hast
du in Maudes Laden gemacht, du Teufel?«
»Hab ich doch gesagt.«
Mrs. Murphy berührte Harrys Nase.
»Sie sagt dir was«, bemerkte Susan.
»Nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter«, warnte Rick.
»Tu ich nicht.« Harrys Gesicht verfinsterte sich. »Aber ich
weiß nicht, was ich machen so
sind nicht blöde, Rick. Wir wissen, daß der Mörder jemand aus
dieser Gegend ist, jemand, den wir kennen und dem wir
»Ich auch nicht.« Ricks Sti
mme wurde sanfter. Eigentlich
mochte er Harry ganz gern. »Hören Sie, ich werde nicht
»Das wissen wir.« Susan schlug die Beine vor dem Tresen
übereinander. »Wir wünschen I
hnen, daß Ihnen das gelingt, und
wir helfen Ihnen auf jede mögliche Weise.«
»Danke.« Rick tätschelte Mrs. Murphy. »Was hast du da drin
gemacht, Miezekatze?«
»Hab ich doch gesagt«,
stöhnte Mrs. Murphy.
Als Rick gegangen war, flüsterte Susan: »Wie sind sie in den
Laden gekommen?«
Harry seufzte. »Wenn ich das nur wüßte.«
Am Abend, nach einer Mahlzeit aus Hüttenkäse auf Kopfsalat,
bestreut mit Sonnenblumenkernen, holte Harry die Postkarten
und das riesige Vergrößerungsglas ihrer Mutter hervor. Sie
Die Postkarten waren ein Signal. Sie erinnerte sich, wie
Maude ihre bekommen hatte. Sie hatte sich nicht benommen
wie eine Frau, die mit dem Tod bedroht wird. Sie hatte sich
geärgert, weil der Absender oder die Absenderin keinen Namen
Gegen ein Uhr früh war sie heißhungrig und wünschte,
laßten zuweilen neben den
menschlichen. Die Tunnelwühlmäuse waren Männer aus Irland,
kamen aber aus zwei verschie
denen Teilen der Grünen Insel.
Der Blue Ridge Railroad Comp
any ging mit beängstigender
Regelmäßigkeit das Geld aus. Der Staat Virginia war keine
große Hilfe. Der Bauunternehm
er John Kelly bezahlte die
Männer aus seiner eigenen Tasche und akzeptierte Wechsel
vom Staat – ein wahrhaft mutiger Mann.
Mit brennenden Augen las sie die Briefe zu Ende und
Der Vollmond bestrahlte die Wiesen mit silbernem Licht und
ließ die Kornblumen dunkellila schimmern. Fledermäuse
n zu den Dachtraufen von
Harrys Haus und zurück.
rückwärtigen Veranda. Im
Hintergrund war Tuckers Schnarchen zu hören. Die Katze
war
unruhig, doch sie wußte, daß sie am Morgen Tucker die Schuld
geben und ihr sagen würde, sie ha
be sie wach gehalten. Tucker
hingegen beschuldigte Mrs. Murphy, sie erfinde die
Geschichten über ihre Schnarcherei.
In Wirklichkeit war es Harry, die Mrs. Murphy wachhielt. Sie
nicht so neugierig. Neugierde
Spielzeug bezahlt hatten, war es abgenutzt, und sie wollten ein
neues. Schlimmer noch, sie waren mit sich selbst nicht
f einem Selbstverbesserungstrip.
Das erstaunte Mrs. Murphy. Warum konnten die Leute nicht
Sie mußten immer die besten sein. Arme, kranke
Wesen. Kein Wunder, daß sie an Krankheiten starben, die sie
Ein Grund, weswegen sie Harry liebte, war der, daß Harry
tierähnlicher war als andere Menschen. Sie hielt sich gern im
So gut Harry war, sie hatte auch die Schwächen ihrer Gattung.
Die Menschen verknüpften Nachttiere mit dem Bösen.
Besonders Fledermäuse machten i
hnen angst, was Mrs. Murphy
albern fand. Die Menschen wußten nicht genug über das
Gleichgewicht der Natur, sonst würden sie nicht hingehen und
Der Schatten einer Bewegung ließ sie aufmerken. Ihre Ohren
zuckten. Sie atmete tief ein. Was tat der hier?
Geschmeidig, stattlich, bewegte sich Paddy auf die
»Hallo, Paddy.«
»Hallo, meine Süße.«
Paddys tiefes Schnurren war
hypnotisierend.
»Was machst du in dieser schönen, milden
»Große Gedanken denken und die Wolken beobachten, die
den Mond umkreisen. Warst du jagen?«
»Ein bißchen dies, ein bißc
hen das. Ich bin wegen der
tluft draußen. Und was waren
deine großen Gedanken?«
Seine Schnurrhaare hoben sich
glitzernd von seinem schwarzen Gesicht ab.
»Daß die sogenannten bösen Tiere wie Kojoten, Fledermäuse
und Schlangen der Erde nützlicher sind als manche Menschen.«
»Ich kann Schlangen nicht ausstehen.
»Aber sie sind nützlich.«
»Ja. Sie können sich weit von mir entfernt nützlich machen.«
»Warum
Er war verführerisch, wenngleich sie wußte, was für ein
Taugenichts er war. Er war noch immer der bestaussehende
»Hoffentlich, Paddy. Ich mache mir Sorgen wegen dieses
»Ach, Unsinn. Was hat der mit Harry zu tun?«
die sie nichts angehen. Miss
»Weiß der Mörder das?«
jemand ist, den wir kennen.«
»Der Sommer ist eine eigenartige Zeit, um jemanden zu
überlegte Paddy.
»Im Winter kann ich es verstehen,
wenn die Nahrung knapp ist – nicht daß ich es billige. Aber im
Sommer ist genug für alle da.«
»Sie töten nicht der Nahrung wegen.«
»Wohl wahr.«
Menschen langweilten Paddy.
»Siehst du die
Glühwürmchen tanzen? Das möchte ich gerne tun: im
Mondlicht tanzen, die Sterne ansingen, geradewegs zum Mond
hochspringen.«
Er schlug einen Purzelbaum.
»Ich bleib hier.«
»Ach, Mrs. Murphy, du bist viel zu ernst geworden. Ich
erinnere mich, wie du Sonnenstrahl
en nachgejagt bist. Sogar
mir bist du nachgejagt.«
»Bin ich nicht. Du bist mir nachgejagt.«
»Ha, alle Models sind mir nac
hgejagt. Ich fand es wundervoll,
von einer herrlichen Tigerin gejagt zu werden, deren Name
»Paddy, du bist von Katzenminze und Mondschein besoffen.«
»Nicht Muffi oder Schnuffi oder Schneeball oder Flitzi oder
»Ich bin nach Harrys Großmutter mütterlicherseits genannt,
das weißt du ganz genau.«
»Ich dachte, sie nennen ihre
Kinder nach ihren Großeltern,
nicht ihre Katzen. Och, komm doch raus. Wie in guten alten
»Legst du mich einmal rein, ist es deine Schande, legst du
mich zweimal rein, ist es meine Schande«,
sagte Mrs. Murphy
mit Bestimmtheit, aber ohne Groll.
»Ich bin treu auf meine Art. Ich bin heute nacht
»Und du kannst dich schleichen.«
»Bist ein zähes Mädchen, M. M.«
Er war das einzige Tier, das
»Nein, ein kluges. Aber du kannst mir einen Gefallen tun.
»Welchen?«
»Mach ich. Und mach dir keine Sorgen mehr. Die Zeit wird
der Gerechtigkeit voll und ganz Genüge tun.«
üppigen Schwanz mit einem Ruck senkrecht und zockelte
Von den dunkelroten Türen der Lutheranischen Kirche von
In der schlichten Kirche drängten sich die Menschen,
unsicher, wer Freund und wer Fei
nd war, wenngleich sie sich
nach außen hin alle gleich gaben: freundlich.
Der mit einem schönen weißen Lilienzweig geschmückte Sarg
stand vor dem Altargitter. Josiah
hatte nichts vergessen. Zwei
schlichte Blumenarrangements st
anden zu beiden Seiten des
Die Orgelmusik, Bach, erfüllte die Kirche mit
melancholischer Majestät.
Hinten in der Kirche, am Rand einer Bank, saß Rick Shaw. Er
war beeindruckt davon, daß Josiah DeWitt und Ned Tucker bei
Leute mit bescheidenen Mitteln, wie Mary Minor Haristeen,
über diese Spende in Unkenntnis gelassen, bis Josiahs
umfassende Andeutungen auch zu ihr drangen. Linda
Berryman, die wie angewachsen an der Seite ihres Mannes
klebte, wirkte eher grimmig als traurig.
Nach dem gnädig kurzen Gottesdienst schritt Reverend Jones,
dem ein Altardiener vorausging, durch den Mittelgang zum
Hauptportal. Er blieb einen Moment stehen. Rick sah ihn
zusammenzucken. Der brave Reverend wollte diesen
ehrwürdigen Augenblick nicht
von den Kamerateams entweiht
sehen. Aber die Tür mußte sich öffnen, und Einschaltquoten
Ein Reporter eilte zu Mim. Sie erstarrte und kehrte ihm den
Rücken zu. Er schob Little Marilyn sein Mikrofon vor den
Jim drehte sich zu dem Reporter um. »Ich bin der
Bürgermeister dieser Stadt, und ich beantworte alle Fragen, die
Da Jim fast einen Kopf größe
sich der Zwerg.
Eine andere Journalistin, bemüht, ihre Stimme auf eine
bedeutungsschwere Tonlage zu senken, fing Harry ab, die in der
langsam schreitenden Masse der Trauernden eingekeilt war.
Harry ignorierte sie.
Boom Boom Craycroft war Maudes Beerdigung
ferngeblieben, was in Ordnung ging. Da sie noch in tiefer
Die Trauerfeier verlief gut, bis Reverend Jones Asche auf den
Sarg warf. Da fing Bob Berryman
Die Kameras, die Zoomobjektive in Funktion, surrten in
Hayden McIntire übernahm das Kommando. »Beugen Sie den
Kopf nach hinten.«
Josiah tat, wie geheißen. »Was meinen Sie? Gebrochen?«
»Ich weiß nicht. Kommen Sie mit mir in die Praxis, ich werde
tun, was ich kann. Sie werden morgen zwei sehr blaue Augen
und eine dicke Nase haben.«
Josiah kam mit Haydens Hilfe schwankend auf die Beine.
Mrs. Hogendobber, die vor Neugierde schier platzte, stieß
hervor, was alle dachten: »Was haben Sie zu ihm gesagt?«
»Hm – ich weiß nicht.« Josiah
blinzelte. Alles tat ihm weh.
»Ich habe ihm gesagt, es sei schrecklich, aber um Maudes
willen solle er sich beherrschen. Bei dem ganzen Fernsehpack
entlang der Straße. Was sollten die Leute denken?«
»Das ist alles?« fragte Harry, da
bei wußte sie genau, daß das,
was Josiah eben gesagt hatte, eine rasch wachsende Saat säen
würde. Was war daran so schlimm? Eine garstige kleine
Josiah nickte, und Hayden führte ihn fort.
Rob Collier lauschte aufmerksam der Schilderung von
Berrymans Ausbruch. Er trödelte ein bißchen mit der
Nachmittagsfuhre.
»… ist das Blut auf sein teures Turnbull and Asser-Hemd
gesickert. Ich sag dir, Rob, das muß ihn mehr geschmerzt haben
als der Schlag.«
Rob zupfte an seinen Wimpern,
eine nervöse Angewohnheit.
»Da stimmt was nicht.«
»Ganz recht, Sherlock.«
Rob lächelte gutmütig. »Na ja, ich bin nicht so dämlich, wie
jemanden umgebracht hat und ihn plötzlich das Gewissen
plagt.«
Harry beugte sich über den Scha
lter, wobei sie unabsichtlich
Tucker berührte, die darunter döste. Die Corgihündin erwachte
mit einem Ächzen.
»Schau, es ist so, die Last, die er trägt, ist zu groß, als daß er’s
ganz für sich behalten könnte. Bob Berryman ist nicht der Typ,
der rumläuft und in der Öffentlichkeit quasselt.«
»Stimmt.«
Tucker gähnte. Mrs. Murphy schlief mit einem offenen Auge
im Postbehälter. Tucker konnte die Ausbuchtung am Boden des
schlich hinüber, und ganz
vorsichtig, ganz sachte biß sie hinein.
»A-h-h«,
Mrs. Murphy kreischte erschrocken. Tucker lachte
»Die zwei ziehen ’ne richtige Schau ab, was?« Rob war für
einen Moment von seiner Theorie abgelenkt. »So wie ich das
sehe, hatte Maude was gegen Be
rryman in der Hand. Darauf
Harry pfiff durch die Zähne. »Ja, irgendwas muß da gewesen
»Vielleicht haben sie Rauschgift geschmuggelt. Berryman
bereist neun Staaten.«
»Ich kann mir Maude nicht als Rauschgiftdealerin vorstellen.«
»He, vor sechzig Jahren war Alkohol verboten. Der Sohn
eines der größten Alkoholschmuggler in diesem Land ist
Präsident geworden. Geschäft ist Geschäft.«
»Er ist dahintergekommen« – Rob zuckte die Achseln – »oder
er hat mit ihnen unter einer Decke gesteckt.«
»Als nächstes erzählst du mi
r noch, Mim Sanburne sei ’ne
Kokain-Queen.«
»Alles ist möglich.«
»Laß uns nicht von Mim reden, auch wenn ich davon
angefangen habe. Sie steht auf me
iner Abschußliste ganz oben.
Sie ist wütend auf mich. Oh, Verzeihung – vornehme Damen
wie Mim werden nicht wütend,
sie sind aufgebracht. Sie ist
aufgebracht, weil ich zu Little Marilyn gesagt habe, sie solle
ihren Bruder zur Hochzeit einladen.«
Rob pfiff. »Das ist mal ein seltsames Paar.«
»Little Marilyn und Fitz-Gilbert Hamilton? Er hat sich hier
bei uns noch nicht blicken lassen. Fühlt sich anscheinend in
Richmond sicherer.«
»Nein, nein – Stafford und Brenda Sanburne. Sie ist so
ungefähr das hübscheste Ding, das ich je gesehen habe, aber…
Also, ich wünsch ihm alles Glück der Welt, aber man kann
»Du mit deinen Regeln.« Liebe, wen immer du kannst, dachte
Harry. Die Liebe war ein so seltenes Gut auf der Welt, da nahm
man sie am besten, wo man sie finden konnte. Es war sinnlos,
mit Rob zu streiten, der ein gemäßigter Rassist war, im
Rob sah auf seine Uhr. »Ich muß los.«
Er sprang in dem Moment in seinen Postwagen, als Mrs.
Murphy aus dem Postbehälter sprang.
Deine Schnarcherei hat mich heute nacht wachgehalten.«
»Tust du wohl. Cchh, cchh.«
Mrs. Murphy ahmte ein
Schnarchen nach, aber es gelang ihr nicht besonders.
»Was ist mit euch beiden?« Harry ging zum Postbehälter. »Da
ist nichts drin.« Mrs. Murphy
rieb sich an ihrem Bein. Harry
stieg schwungvoll in den Postbehä
lter, stieß sich mit einem
Bein ab und hob dann auch
Die Tür ging auf, als sie gegen die Wand krachte.
»Was machen Sie da, Mrs. Haristeen?« Rick Shaw
unterdrückte ein Lachen.
Harry steckte den Kopf aus dem Behälter. »Die Katze hat so
stecken, daß ich dachte, ich
versuch’s auch mal. Himmel, heutzutage tu ich fast alles für ein
bißchen Ablenkung.«
»Ich dachte, Sie hätten aufgehört.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ihre Augen folgen jeder
»Sie sind eine gute Beobachterin, Harry.« Rick wußte das bei
einem Menschen zu schätzen. »Zeigen Sie mal, was Sie
gefunden haben.«
»Ich hätte nicht gedacht, daß Sie auf meinen Anruf so rasch
reagieren wurden, nach dem Krach bei der Beerdigung heute.«
Sie führte ihn ins Hinterzimmer. »Ich bin beeindruckt.«
Sie schloß die Tür und holte die beiden Friedhofspostkarten
hervor. Sie reichte ihm das Vergrößerungsglas und legte die
echte französische Postkarte auf den Tisch. Er schloß ein Auge
»Aha«, war alles, was er sagte.
»Sehen Sie die leichte Abweichung bei der Stempelfarbe?«
»Ja.«
»Und die ganz kleine Verschiebung des
»Ja.« Rick drehte das Vergröße
rungsglas in den Händen. Er
gab Harry das Glas zurück. »Wer weiß sonst noch davon?«
»Susan Tucker. Rob weiß, daß ich eine Postkarte ausgeliehen
»Behalten Sie’s für sich. Sie und Susan.«
»Machen wir.«
»Sie haben da drin herumgeschnüffelt, Harry. Lügen Sie mich
»Ich hab nicht geschnüffelt. Irgendwie sind die Tiere da drin
eingeschlossen worden. Ich bin
am Morgen aufgewacht und
konnte sie nicht finden. Ich bin herumgefahren, ich habe
herumtelefoniert. Und wie ich Ihnen schon sagte – Mrs.
Hogendobber hat Tucker bellen ge
hört. Sie hat sie gefunden.«
»Ich glaube Ihnen. Tausende
andere würden Ihnen nicht
glauben.« Er ließ seine massige Gestalt auf einen Stuhl fallen.
habe. Aber bei einem Fall wie diesem braucht man entweder
Nikotin oder starken Whiskey,
und mit Whiskey wäre der Fall
die längste Zeit meiner gewesen.«
»Was denken Sie – von den Postkarten, meine ich.«
»Ich denke, da fühlt sich jemand so schlau, daß er oder sie uns
auslacht. Ich denke, da ist ein Fuchs, der eine falsche Fährte
Harry bekam eine Gänsehaut. »Das macht mir angst.«
»Mir auch. Wenn ich nur wüßte, wohinter der Mistkerl her
»Gehen Sie einem bestimmten Verdacht nach?«
»Ja, aber vorher mach ich mein
e Hausaufgaben.« Rick schlug
das rechte Bein über das linke Knie. »Okay, und was ist Ihr
Verdacht? Sie brennen darauf, es mir zu erzählen.«
»Die alten Tunnels, die Claudius
»Ein bißchen.«
»Lassen Sie uns zum nächsten Tunnel reiten, dem
Greenwood-Tunnel.«
»In dieser Hitze, bei all den Stechmücken? Nein, Ma’am. Wir
»Ihr zwei bleibt hier und seid brav.«
»Nein! Nein!«
ertönte ein Chor des Mißfallens.
Harry fing schon an, auf Rick einzureden, aber er schnitt ihr
das Wort ab. »Kommt nicht in Frage, Harry. Die bleiben hier.«
»Wir hätten Pferde nehmen sollen«, brummte Harry.
»Ich hab keine zwei Stunden
Zeit. So geht’s schneller.
Außerdem können Sie froh sei
n, daß ich Sie überhaupt
mitnehme.«
»Mich mitnehmen? Sie würden gar nichts davon wissen, wenn
ich es Ihnen nicht erzählt hätte. He, haben Sie Bob Berryman
gefunden?«
Rick schlug auf ein Gestrüpp von Kermesbeeren ein. »Ja. War
»Wohin hätten Sie sich sonst so schnell verdrückt?«
»Ich hab ihn bei der Arbeit gefunden. Er verkaufte den
Beegles gerade einen bronzefarbenen Viehtransporter.«
»Hatten Sie Krach mit ihm?«
»Nein, er war müde. Schätze,
die Aufregung hat ihn erschöpft.
»Sie könnte für ihn lügen.«
»Nehmen Sie in Ihren kühnsten
Minor Haristeen, daß Linda für Bob lügen würde?«
»Nein.« Harry blieb stehen, um Atem zu holen. Die dampfige
lich wieder aus ihr heraus.
einmal Harry kannte, einen phantastischen Anblick bot. Das alte
Tunneleingang.
Harry zeigte nach oben.
Kudzu wächst täglich ungefähr
»Ein Schatz?« meinte Harry.
»Die C&O hat den Tunnel von oben bis unten abgesucht,
kommt keiner durch, um auf Schatzsuche zu gehen.«
Die Tunnelöffnung war mit Sc
Enttäuscht berührte Harry de
n Felsen, der warm von der
»Es gibt noch drei Tunnels.«
ttle Rock wird noch benutzt.
Ich weiß nicht, ob sie den Blue Ridge-Tunnel geschlossen
haben, aber der ist so lang und so weit weg.«
»Sie kennen sich mit den Tunne
ls aus.« Harry lächelte. Sie
war nicht die einzige, die nachts aufsaß und las.
»Sie auch. Kommen Sie. Hier ist nichts.«
Als sie zurückstapften, versprach Rick, einen Beamten zu
beauftragen, um den Brooksville-, den Little Rock- und den
Blue Ridge-Tunnel zu untersuche
die außerhalb seiner Zuständigkeit lagen, aber das würde er mit
»Wie wär’s mit einem Anruf bei der C&O?« schlug Harry
»Schon geschehen. Sie haben mir die Berichte von der
Schließung der Tunnels 1945 besorgt. Waren sehr hilfsbereit.«
»Und?«
»Bloß eine trockene Aufzähl
ung der Schließungen. Es gibt
keinen Schatz, Harry. Ich weiß nicht, wo die Verbindung
Er fuhr sie zum Postamt zurück, wo Tucker die Ecke der Tür
angeknabbert und Mrs. Murphy mit großer Vehemenz ihr
Fußboden verstreut hatte.
Die geschwungenen, sinnlichen,
Wände ganz weiß gestrichen, wodurch die schönen
Schreibpulte, die bauchigen Truhen und Stühle bestens zur
Geltung kamen. Die perfekt gewienerten Fußböden aus
dunklem Walnußholz spiegelten den Glanz der Möbel wider.
Ein bombastisches pastellf
arbenes Blumenarrangement
beherrschte den Salontisch. Die Blumen und einige französische
Gemälde waren die einzigen Farbflecke im Raum.
Ein Farbfleck anderer Art war Josiah selbst, der in einem
Ohrensessel thronte und für
die Besucher, die gekommen
bot, den Gastgeber spielte. Auf
einem Satinholztisch neben dem Sessel stand eine runde,
kirschrote Schale, die alte Murmeln enthielt. Hin und wieder
griff Josiah in die Schale und ließ die Murmeln durch seine
Susan eilte zu Harry hinüber, um ihr im Vertrauen die
nny zu erzählen, der die
Kreditkarte seines Vaters benutzt hatte, um sich am
Nachtschalter der Bank Geld zu beschaffen. Ned hatte ihm für
den Rest des Sommers Hausarr
est aufgebrummt. Harry drückte
s Mrs. Hogendobber mit ihrem
berühmten Kartoffelsalat eintraf. Mim, elegant in Leinenhose
und einem Zweihundert-Dollar-T-Shirt, schwebte herbei, um
Schüssel abzunehmen. Hayden
ging gerade hinaus, als Fair here
inkam. Little Marilyn servierte
»Einen Fünfhundert-Dollar-Fehltritt! Und noch was. Sein
Vater sagt, er muß bis Halloween jeden Penny zurückzahlen.«
»Halloween?«
»Zuerst sagte Ned, bis zum Ferienende, aber Danny hat
geweint und gesagt, er könne von Mitte Juli bis Anfang
September mit Rasenmähen nicht genug verdienen.«
»Das muß eine moderne Varian
te des Geldscheinklauens aus
Mutters Portemonnaie sein. Hast du deine Mutter je bestohlen?«
»Gott, nein.« Susan legte unwillkürlich eine Hand auf ihre
Brust. »Sie hätte mich windelweich geprügelt. Das würde sie
heute noch tun.«
Susans Mutter lebte gesund und munter in Montecito,
»Meine Eltern hätten mich ni
cht nur gründlich vermöbelt«,
sagte Harry. »Sie hätten es allen Bekannten erzählt, um meine
Demütigung zu unterstreichen, und das hätte es zehnmal
schlimmer gemacht. Hab ich dir je erzählt, daß meine Mutter
»Du meinst, als die Schule um halb sieben anfing? Ich wollte
auch nie aufstehen. Erinnerst du dich? Wir waren so viele, daß
die Schule aus allen Nähten platzte, und daraufhin haben sie in
»Die arme Mom mußte um f
ünf aufstehen und versuchen,
der Sieben-Uhr-Schicht war.
Ich hab mich einfach nicht gerührt. Schließlich hat sie mich mit
Wasser begossen. Diese Frau scheu
wenn seine Wirksamkeit erst einmal erwiesen war.« Harry
lächelte. »Ich vermisse sie. Komisch, heute macht es mir nichts
aus, früh aufzustehen. Ich tu’s
sogar gern. Zu schade, daß
Mutter nicht mehr erleben durfte, wie aus mir eine
« Sie sammelte sich. »Ich muß
Josiah was Aufmunterndes sagen.«
Harry schlenderte zu Josiah hinüber, dem Mrs. Hogendobber
inzwischen buchstäblich Samarite
»Liebe Harry, du wirst mir vergeb
en, daß ich nicht aufstehe.«
»Josiah, dies ist das erste Ma
l, daß ich sehe, wie jemandes
Augen zu seinem Hemd passen. Kastanienbraun.«
»Ich ziehe die Bezeichnung
Burgunder
vor.« Er lehnte sich
»So schlimm ist es gar nicht. Der Mann war verwirrt und
schwer angeschlagen. Ich weiß nicht, warum Berryman verwirrt
ist, aber wenn ich mit Unserer Lieben Frau von der Zellulitis
Harry lachte. Er war schrecklich, aber er traf ins Schwarze.
»Ich hatte keine Ahnung, daß Linda Berryman sich für den
Film interessiert.« Mrs. Hogendobber nahm zaghaft einen Gin
Rickey – nicht daß sie eine Säuferin wäre, Gott bewahre, aber
es war ein ungewöhnlich strapaziöser Tag gewesen, und die
Sonne war über den Jordan.
Fair, der Josiah gegenüber saß, brach in Gelächter aus und
hielt sich dann den Mund zu. Mrs. Hogendobber zu korrigieren
lohnte sich nicht.
»Was habe ich da von der liebenswürdigen Mrs. Murphy und
der grimmigen Tee Tucker gehört, die auf frischer Tat, ich
meine auf frischer Tatze, in Maudes Laden ertappt wurden –
den ich übrigens kaufe?« fragte Josiah Harry.
»Ich habe keine Ahnung, wie sie da reingekommen sind.«
»Ich habe sie gefunden, müssen Sie wissen.« Mrs.
Information über das Pult zurück, warf Harry jedoch einen
verschwörerischen Blick zu.
Josiah klaubte einen imaginären Fussel von seinem Ärmel.
»Wünschst du dir nicht, daß sie sprechen könnten?«
»Nein.« Harry lächelte. »Ich möchte nicht, daß alle meine
Geheimnisse kennen.«
»Du hast Geheimnisse?« Fair wandte sich abrupt nach Harry
um.
»Hat die nicht jeder?« schoß Harry zurück.
Im Zimmer wurde es einen Moment still, dann kam die
Unterhaltung wieder in Schwung.
»Ich nicht«, sagte Mrs. Hogendobber in aufrichtigem Ton.
»Ein winziges Geheimnis, Mrs.
H. ein flüchtiger Sündenfall,
oder wenigstens ein Fall vom Hocker«, neckte Josiah sie. »Ich
stimme Harry zu – jeder von uns hat Geheimnisse.«
»Ja, und einer hat eine Mordsphantasie.« Susan konnte
sprachliche Übertreibungen eigentlich nicht ausstehen, aber hier
Harry schied aus der Unterhaltung über Geheimnisse aus, als
»Marilyn.«
»Harry.«
»Du sprichst nicht mit mir, und das gefällt mir nicht.«
»Harry«, flüsterte Little Marilyn, »nicht vor meiner Mutter.
Ich bin nicht wütend auf dich. Sie ist wütend.« Es schien, daß
Harry senkte ebenfalls die Stimme. »Wann löst du dich
endlich von ihrem Rockzipfel und nimmst dein Leben selbst in
die Hand? Um Himmels willen, L. M. du bist über dreißig.«
Little Marilyn wurde rot. Sie war nicht an aufrichtige
Gespräche gewöhnt, da man bei Mim Themen nur umkreiste.
unhörbar – »wenn ich verheirate
t bin, kann ich tun und lassen,
»Woher weißt du, daß du nicht
einen Boss gegen den anderen
tauschst?«
»Nicht bei Fitz-Gilbert. Er ist nicht im entferntesten wie
Mutter, deswegen mag ich ihn ja.« Das Bekenntnis entfuhr
Marilyn, ehe sie sich darüber klarwerden konnte, was es
»Warum dieses plötzliche Interesse an mir? Du hast mich
»Ich habe deinen Bruder sehr gern. Er ist einer der
und du wirst ihm weh tun, wenn du ihn von deiner Hochzeit
ausschließt. Und ich denke, wenn du aufhören würdest, mit
n Schickeria rumzuhängen,
könnte ich auch lernen, dich zu mögen. Warum fährst du nicht
mal zu den Ställen raus und klebst
dir ein bißchen Pferdemist an
die Schuhe? Als wir Kinder waren, warst du eine gute Reiterin.
Fahr für ein Wochenende nach New York. Tu einfach mal
was.«
»Oberflächlich? Verlogen? Du
beleidigst meine Freunde.«
»Falsch. Das sind Freunde, die deine Mutter dir ausgesucht
hat. Du hast keine Freunde a
ußer deinem Bruder.« Dies entfuhr
Harry blinzelte. Das war eine neue Little Marilyn. Die alte
mochte sie nicht. Die neue war eine echte Überraschung.
»Harry?« Josiahs Stimme schwebte über das Geplapper
»Ihr zwei Mädels habt gepla
ppert wie die Blauhäher«, sagte
Mim in gereiztem Ton. Da stieß Jim, ihr Mann, mit einem
dröhnenden Gruß die Haustür auf, was Mim noch mehr reizte.
jemandem zusammengewesen war, seine Eigenarten kannte und
sich für ihn verantwortlich gefühlt hatte, konnte man mit den
»Was hattest du eigentlich in Rick Shaws Dienstwagen zu
suchen?« fragte er.
Wie ein sanfter Bodennebel legte sich allmählich ein
Schweigen über den Raum.
»Wir sind zum Greenwood-Tunnel gefahren«, sagte Harry
»In dieser Hitze?« fragte Josiah ungläubig.
»Ich glaube, die Tunnels habe
»Lächerlich«, blaffte Mim. »Sie
sind schon über vierzig Jahre
Jim konterte: »Im Moment ist keine Idee lächerlich.«
»Was ist mit den Geschichten von einem Schatz?« meinte
»Nun mal langsam, Josiah.« Mi
m lächelte. »Wir verhängen
ein Verkaufsmoratorium, bis deine Augen und Nase geheilt
sind.«
»Wenn es einen Schatz gäbe, hätte die C & O ihn gefunden.«
Fair machte sich noch einen Drink. »Die Leute lieben
Geschichten von aussichtslosen Fällen, Gespenstern und
vergrabenen Schätzen.«
»Mrs. Hogendobber, ich bin schwer beeindruckt. Ich hatte
keine Ahnung, daß Sie so gut Bescheid wissen über unseren…
»Hier.« Fair reichte ihm einen steifen Drink.
»Ich« – Mrs. Hogendobber, die es nicht gewöhnt war zu
lügen, verlor den Faden.
Harry half ihr aus der Klemme. »Ich sagte Ihnen ja, Sie sollten
lieber auf den Vorsitz des Komitees
»Ich?« murmelte Mrs. Hogendobber.
»Mrs. H. Sie haben
zuviel
um die Ohren. Die jüngsten
das Komitee… ich komme morgen rüber und
helfe Ihnen, ja?«
Mrs. Hogendobber begriff die verschlüsselte Botschaft. Sie
nickte zustimmend.
»Also, Harry, was habt ihr beim Greenwood-Tunnel
gefunden? Einen Haufen Guld
en und Louisdors und goldene
russische Samoware?« Josiah lächelte.
»Einen Haufen Kermesbeeren, Geißblatt und Kudzu.«
»Tja« – Josiah atmete Whiskeydunst aus – »ich rechne es
euch hoch an, daß ihr in dieser irrsinnigen Hitze da oben wart.
Wir müssen herausfinden, wer
Hinterbeine.
»Das ist er! Das ist er!«
»Tucker, geh da runter. Du darfst das Glas ausschlecken,
wenn ich fertig bin.«
Mrs. Murphy, die den Radau hörte, erhob sich vom
»Was ist los, Tucker?«
»Da ist dieser Geruch.«
Tucker drehte sich so schnell im
Kreis, daß ihr schneeweißer Latz nicht mehr klar zu erkennen
»Ähnlich wie der Schildkrötengeruch, bloß angenehmer,
Weizenkeim- und Mandelkrümel
stark. Sie schnüffelte angestrengt und sprang dann von der
Anrichte auf Harrys Schulter.
»He, jetzt ist es aber genug. Diese schlechten Manieren habt
ihr nicht zu Hause gelernt.« Harry stellte ihren Becher auf die
»Was hab ich dir
»Ziemlich ähnlich. Die Mandeln riechen nicht direkt nach
riecht auch nicht direkt wie
Mrs. Murphy und Tucker saßen nebeneinander und starrten zu
»Ach ja, richtig.« Harry nahm
Hundekuchen und Katzenkekse
aus dem Schrank. Sie gab jedem Tier ein Stück. Die beiden
ignorierten das Futter.
»Nicht bloß schlechte Manieren, obendrein auch noch
wählerisch.« Harry wedelte mit dem Katzenkeks vor Mrs.
Murphys Nase. »Ein Häppchen für Mommy.«
»Wenn sie mit der Mommy-Nummer anfangt, wird sie als
nächstes gurren und surren. Iß lieber auf«,
»Ich versuche den Mandelgeruch
Oh, hm, wahrscheinlich hast du recht.«
Mrs. Murphy nahm den
Keks zierlich aus Harrys Fingern.
Tucker, weniger zurückhaltend, verschlang ihren Kuchen mit
dem glasurähnlichen Überzug.
»Braves Kätzchen. Braves Hündchen.«
»Ich wünschte, sie wurde aufhören, mit uns zu reden wie mit
murrte Mrs. Murphy.
Der Samstag war ein strahle
nder Tag, ziemlich ungewöhnlich
für den schwülen Julimonat. Die Berge glitzerten hellblau, der
Himmel zeigte sich in einem cremigen Rotkehlcheneierblau.
Mim Sanburne stolzierte zu dem
kleinen Anlegesteg am See,
der ebenfalls im klaren Licht schimmerte. Ihr Pontonboot
Mim’s Vim, die Seitenwände geschrubbt, das Deck geschrubbt,
schaukelte sachte auf den plätschernden kleinen Wellen. Die
Bar lief über von alkoholischen Genüssen. Ein großer
Weidenkorb voll leckerer Spezialitäten, wie mit Rahmkäse
glänzend, Mims Ausstaffierung eingeschlossen. Sie trug eine
strahlendweiße Matrosenhose, rote Espadrilles, ein
quergestreiftes rot-weißes T-Shirt und ihre Kapitänsmütze. Ihr
Lippenstift, ein grellroter Fleck, reflektierte das Licht.
Jim Sanburne und Rick Shaw st
zusammen. Mim hatte ihren Mann sagen hören, man solle das
FBI einschalten, aber Rick wiederholte ständig, der Fall lohne
nicht für das FBI.
Little Marilyn folgte einem Diener, der die hübschen
Körbchen mit den Partygeschenken trug. Beim Anblick der
Körbe kam Mim flüchtig der Ge
danke an Maude Bly Modena.
Sie verbannte ihn schleunigst wieder aus ihrem Kopf. Ihre
Theorie war, daß Maude Kellys Mörder überrascht haben mußte
und deswegen umgebracht worden war. Mim wußte aus
zahlreichen Fernsehsendungen, daß ein Mörder oft ein zweites
Mal morden mußte, um seine Spuren zu verwischen.
Nachdem sie die kleinen Geschenke auf ihrem Boot arrangiert
hatte, schlenderte Mim trage zur Terrasse hinauf und ging ums
Haus herum nach vorn. Trichterlilien prunkten knallgelb und
orangerot. Seltsamerweise blüht
e ihre Glyzine noch, und der
Lavendel stand in voller Pracht. Sie konnte die Ankunft ihrer
Freundinnen Port und Elliewood sowie Miranda Hogendobber
kaum erwarten. Nicht daß Miranda ihnen gesellschaftlich das
Wasser hatte reichen können, aber Mim hatte Harry gestern
abend bei Josiah deutlich zu ihr sagen hören, daß sie dem neu
Josiah, der sich der Planie
bediente, hatte am Ende des parkartigen Gartens einen zehn
Fotos von dem Debakel erschienen in großer Aufmachung in
Town and Country.
erklärte den Abend zwar nicht zur gesellschaftlichen
Katastrophe, aber Mim wurmte es dennoch.
Miranda Hogendobber kam über
aber makellosen Ford Falcon die Zufahrt hinauf, alsbald gefolgt
von Elliewood und Port. Nach
überschwenglichen Begrüßungen
half Little Marilyn ihrer Mutter, die Damen zu verladen. Sie
stieß das Pontonboot ab und winkte ihm vom Ufer aus nach.
Mim nahm ein frisches Kartenspiel aus der Zellophanhülle,
das noch nach Farbe roch. Port und Elliewood spielten gegen
bestand Mim darauf, den Motor
anzuwerfen und über den See zu flitzen. Hohe
Geschwindigkeiten waren eine Schw
Schließlich hielt sie das Boot für den Mittagsimbiß an.
Anfangs fiel keiner von ihnen auf,
Wirkung der Drinks und die tiefe Dankbarkeit, Mim nicht mehr
Alle sahen auf den Boden. Alle hatten nasse Füße.
»Legt eure Füße auf den Tisch.« Mim schenkte ihnen noch
»Ich habe das bestimmte Gefühl, daß wir tiefer im Wasser
liegen«, sagte Mrs. Hogendobber mit ruhiger Stimme.
»Miranda, wir
tiefer im Wasser«, echote Port, das
Gesicht unter der Sonnenbräune weiß.
Mim zog ihre triefenden Schuhe aus und lehnte sich zurück,
um noch einen zu kippen. Die Gruppe starrte sie an.
»Kannst du schöpfen? Ich meine, Mim, Schätzchen, hast du
eine Pumpe an Bord?« fragte Elliewood. Elliewood, die nie
fluchte, mußte ihren ganzen Willen zusammennehmen, um
»Schätzchen« zu sagen. Am liebst
en hätte sie »Idiot« gesagt,
»Arschloch« – alles, was Mims
Aufmerksamkeit
Mittlerweile stand ihnen das Wasser bis zur Wade. Port,
außerstande, sich noch länger
zu beherrschen, stieß einen
herzzerreißenden Schrei aus. »Wir sinken! Hilfe, mein Gott, wir
sinken.«
Sie erschreckte die anderen Frauen dermaßen, daß Miranda
»Ich werde ertrinken. Ich will nicht sterben«, jammerte Port.
»Halt den Mund! Halt auf der St
elle den Mund. Du blamierst
mich.« Mim spie die Worte hervor. »Little Marilyn sitzt auf
dem Steg. Ich winke ihr. Es gibt nicht den geringsten Grund zur
Beunruhigung.«
Mim winkte ihrer Tochter. Little Marilyn rührte sich nicht.
»Little Marilyn«, rief ihre Mutter.
»Little Marilyn! Little Marilyn!« riefen die anderen drei.
»Ich kann nicht schwimmen! Ich werde ertrinken«, plärrte
»Würdest du bitte still sein«, gebot Mim. »Du kannst dich am
Boot festhalten.«
»Das verdammte Boot sinkt, du Miststück!« schrie Port.
Erbost stieß Mim Port von ihrem Stuhl. Port klatschte ins
Wasser, kam aber sofort wied
erwischte Mim in der Gegend der linken Brust.
Elliewood packte Mim, und Miranda packte Port.
»Wer sind Sie, daß Sie befehlen
, was ich zu tun habe?« Port
»Laß das, Port.« Obwohl sie ziemlich tief in der Patsche saß,
wollte Mim sich ihr Spiel nicht aus der Hand nehmen lassen.
Little Marilyn, die die ganze Zeit zu ihnen herübergesehen
hatte, erhob sich schließlich und ging – rannte nicht, sondern
ging – zum Haus.
»Sie läßt uns sterben«, schluchzte Port.
trocken. »Ich nicht.«
»Ich schon«, erwiderte Elliewood.
»Ich auch«, sagte Mim.
»Du läßt mich hier zurück, das weiß ich. Mim, du bist eine
kaltherzige, egozentrische Schlange. Das bist du immer
gewesen und das wirst du immer
sein. Ich verfluche dich mit
meinem ersterbenden Atem.« Port hatte offensichtlich einst
geheime Träume gehegt, Schauspielerin zu werden.
»Halt dein verficktes Maul!« schrie Mim.
Der Gebrauch dieses Wortes verdatterte die Mädels mehr als
die Tatsache, daß sie sanken.
Mim fuhr fort: »Wenn nicht rechtzeitig Hilfe kommt, und ich
bin sicher, daß sie kommt, bringen wir dich trotzdem ans Ufer,
Port legte den Kopf in die Hände und weinte.
Miranda machte sich mit stiller Entschlossenheit darauf
Nach wenigen Minuten erschienen Jim, Rick Shaw und Little
Jim schleppte ein Kanu aus dem Bootshaus, und Rick sprang
in seinen Dienstwagen. Er brauste zu den Nachbarn am anderen
hn diese ihr kleines Motorboot
nicht benutzen lassen. Der Anblick der sinkenden Mim war
Später kippten Jim und Rick das Boot um. Ein Ponton war
aufgeschlitzt und dann mit einer Art wasserlöslichem Pech
verklebt worden. Mim, die sich von ihrem Mißgeschick
vollkommen erholt hatte, stand ne
ben dem Boot. Jim wünschte,
sie hätte das nicht gesehen.
»Jemand wollte mich umbringen.« Mim blinzelte.
»Es könnte vom Grund aufgerissen worden sein«, log Jim.
»Du kannst mir nichts erzählen. Ich bin nie auf Grund
gelaufen. Jemand wollte mich umbringen!« Mim war eher
»Vielleicht wollte man Ihnen bloß eins auswischen.« Rick
ging wieder in die Hocke, um den Riß zu inspizieren.
»Tun Sie das nicht, Mrs. Sanburne.« Rick schob die Antenne
»Warum nicht?«
»Es könnte ratsam sein, daß wir den Vorfall eine Weile für
uns behalten. Dann macht der Schul
dige vielleicht einen Fehler,
»Vollkommen.« Mim schürzte die Lippen.
»Mim, Liebling, mach dir keine Sorgen. Ich engagiere Tag
und Nacht Leibwächter für dich.« Jim legte seinen Arm um die
»Das ist zu auffällig«, erwiderte Mim.
Nach einigem Hin und Her hatte Jim sie überzeugt. Er sagte,
besorgen, und sie würden sie
als Austauschstudentinnen ausgeben.
Als Little Marilyn später von ihrer Mutter wegen ihrer
Untätigkeit auf dem Steg in die Mangel genommen wurde,
erklärte sie, die sinkende Mim sei ein so traumatischer Anblick
gewesen, daß die Aussicht, ihre Mutter zu verlieren, sie
vorübergehend gelähmt habe.
Montags hatte Harry immer ein Gefühl, als ob sie mit einem
Zahnstocher eine Tonne Papier schaufelte. Susans
Postwurfsendungen türmten sich wie das Matterhorn. Harry
konnte sie nicht in ihrem Postfach unterbringen. Josiah erhielt
Country Life
aus England und einen Brief von
einem Antiquitätenhändler aus Frankreich. Fairs Fach war
gestopft voll mit Anzeigen von pharmazeutischen Firmen:
Jesusbecher waren der Knüller; man konnte aber auch ein mit
der Bergpredigt bedrucktes T-Shirt kaufen.
ner Kreditkarte im Zeitalter des
Bankrott, einen Telefonanruf en
tfernt, konnte einen binnen zwei
»Aber nicht mit den Krallen. Di
e Leute merken sonst, daß du
mit ihrer Post spielst, und das ist ein Staatsverbrechen.« Harry
kraulte sie am Schwanzansatz.
Tucker sah von ihrem Lager unter dem Schalter zu, wie Mrs.
Murphy ans Ende des Raums flitzte, eine Kehrtwendung
vollzog und in den Haufen zurückstürmte.
Tucker zuckte mit den Ohren.
»Du liebst Papier. Ich weiß
Mrs. Murphy wälzte
sich in den Briefen.
»Und das Material der verschiedenen
»Wenn du es sagst.«
Tucker klang nicht überzeugt.
Unterdessen schlitterte Mrs. Murphy auf der Post, ähnlich wie
Kinder ohne Schlittschuhe auf dem Eis schlittern.
In Computerschrift geschrieben und an sie adressiert stand da:
»Bring mich nicht in Harnisch.«
Harry ließ die Karte fallen, als wäre sie glühendheiß. Ihr Herz
»Was Harry nur hat?«
rief Tucker Mrs. Murphy zu, die
immer noch auf den Briefen schlitterte.
Die Katze hielt an.
»Sie ist kreidebleich.«
Harry sortierte die Post langsam, wie in Trance, aber ihre
Gedanken rasten so schnell, daß sie von der Geschwindigkeit
nahezu gelähmt war. Der Mörder mußte einer von Josiahs
Gästen gewesen sein, und er gab ihr zu verstehen, sie solle sich
um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Ihre
Amateurschnüffelei hatte einen
Der Gedanke schoß ihr durch den Kopf, daß Fair die
Harnischkarte geschickt haben könnte. Dies entsprach seiner
krankhaften Idee von Humor. Absolut krankhaft. Die Karte kam
vielleicht gar nicht von dem Mörder. Harry klammerte sich nur
Fehler, aber so verrückt war er
nicht. Ihre Hoffnung verpuffte
wie eine verlöschende Kerze. Sie wußte Bescheid.
Harry rief Rick Shaw an und erzählte ihm die Neuigkeiten. Er
sagte, er käme gleich vorbei. Dann sortierte sie die Post zu
Ende. Der einzige Lichtblick war eine Postkarte von Lindsay
Astrove, die immer noch in Europa war.
Tür und wedelte mit dem Schwanz. Seit Mrs. H. die beiden
Tiere aus Maudes Laden befreit hatte, hegte Tucker innige
»Harry, ich bin durchaus imstande, mich allein
fortzubewegen. Sie müssen von meiner Todesnäheerfahrung auf
Mims Boot gehört haben. Ich
danke Gott dem Herrn für meine
»Nein, ich habe keinen Pieps gehört. Ich möchte davon hören,
»Das weiß ich«, erwiderte Mr
s. Hogendobber. »Und ich weiß
noch mehr. Ich habe die Bücher
Und dann das Geld, das sie eingenommen hat! Unsere Maude
wäre nie auf Sozialhilfe angewiesen gewesen.«
»Wieviel Geld?«
»Sie ist fünf Jahre hier gewesen – durchschnittlich an die
hundertfünfzigtausend Dollar im Ja
hr auf der linken Buchseite,
wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»Das ist ein Haufen Styroporchips.« Die Angst wich ein
wenig von Harry, da ihre Neugierde die Oberhand gewann.
»Ich verstehe das einfach nicht.« Mrs. Hogendobber warf die
Arme in die Luft.
»Ich schon – halbwegs.« Harry
sah aus dem vorderen Fenster,
um sich zu vergewissern, daß ni
emand hereinkam. »Als erstes
Opfer haben wir einen reichen Ma
große Schwerlaster besaß. Das zweite Opfer war eine Frau, die
mit Verpackungen handelte. Sie ha
»Rauschgift. Maude brachte alles fertig. Sie konnte einen
Diamanten verpacken oder eine Königsschlange. Wissen Sie
noch, wie sie Donna Eicher geholfen hat, Ameisenfarmen zu
»Und ob!« Harry dachte daran, wie Donna Eicher vor drei
Jahren mit ihren Ameisenfarm
en angefangen hatte. Die
Beobachtung der Insekten, die zwischen zwei Plexiglasplatten
Imperien schufen, übte auf manche Leute einen großen Reiz
aus. Sie verlor ihren Reiz für Donna, als ihr Inventar ausriß und
den Inhalt ihrer Speisekammer verschlang.
»Wenn Maude Ameisen verfrachten konnte, konnte sie
bestimmt auch Kokain verfrachten.«
»Heute haben sie Hunde, die di
e Päckchen riechen. Das habe
ich in der Zeitung gelesen.« Harry
dachte laut. »Sie hätte es an
ihnen vorbeischmuggeln müssen.«
»Wir können alles riechen. Meine Nase kann eine ganze
Symphonie von Gerüchen wahrnehmen«,
»Ach, Tucker, hör auf damit. Ja, du hast eine gute Nase. Laß
uns deswegen kein Trara machen.«
Mrs. Murphy wollte hören,
was die Frauen besprachen.
»Ein Kinderspiel.« Mrs. Hogendobber machte eine
Harry zwinkerte Mrs. Hogendobber zu, die daraufhin
verstummte. Harry lächelte. »Hallo, Courtney. Was treibst denn
du so in diesem Sommer?«
»Nichts Besonderes, Mrs. Haristeen. Guten Morgen, Mrs.
Hogendobber.« Courtney war mutlos, aber höflich.
»Wie schlimm ist es?« fragte Harry.
»Danny Tucker hat für den Rest des Sommers Hausarrest. Er
t glauben, daß Mr. und Mrs.
Tucker so grausam sind.«
»Hat er dir gesagt, warum?« erkundigte sich Harry.
»Nein.«
»Mr. und Mrs. Tucker sind eigentlich gar nicht so grausam.
ist ein komisches Wort.« Courtney zerknitterte die
»Kommt von Duesenberg«, verkündete Mrs. Hogendobber
dröhnend. »Der Duesenberg war ein schönes, teures Automobil
in den zwanziger Jahren, aber wenn man einen besaß, mußte
man auch einen Mechaniker haben. Er ging dauernd kaputt.
»Oh.« Courtney war interessiert. »Hatten Sie einen?«
davon erzählt.«
Für Courtney waren die zwanziger Jahre so fern wie das elfte
»Ein liebes Kind.« Mrs. Hogendobber schwenkte ihre
»Ach, ich weiß nicht«, sagte Mrs. Hogendobber. »Ist mir bloß
eben durch den Kopf gegangen.
Ich hätte schon vor fünf
Minuten in der Bibelstunde sein sollen, aber ich halte ständig
Verbindung mit Ihnen und möchte, daß Sie es umgekehrt auch
tun.«
»Abgemacht.«
Mrs. Hogendobber enteilte zu ihrem kirchlichen
Damenkränzchen, und Harry wart
wußte nicht, ob er ein guter Sheriff war oder nicht. Es war noch
zu früh, das zu beurteilen, aber sie fühlte sich sicherer, wenn er
Fair Haristeen wusch sich die Hände, nachdem er einen
ungeborenen zehn Monate alten Fo
von Vollblutpferden in Virginia gefragt. Sein Können und die
Achtung, die ihm entgegengebracht wurde, stiegen ihm nicht zu
Kopf. Fair machte nach wie vor auch in bescheidenen Ställen
seine Runde. Er liebte seine Arbeit, und wenn er sich einmal
Zeit gönnte, über sich nachzudenken, wußte er, daß es seine
Arbeit war, die ihn am Leben hielt.
»Kummer mit den Pferden?«
»Nein. Bloß… Kummer. Ich bin gekommen, um mich zu
entschuldigen für mein Benehmen an dem Tag, als Kelly
Fair, der auf eine Entschuldigun
sich. »Ist schon gut.«
»Gar nichts ist gut und mir ist nicht gut und die ganze Stadt ist
verrückt.« Ihre Stimme schnappte
über. »Ich habe mir ein paar
ernste Gedanken gemacht. Das wird aber auch Zeit, wirst du
sagen. Nein, du würdest gar nichts sagen. Du bist zu sehr
Gentleman, bis auf das eine Mal, als du im Suff die
ich habe über mich und Kelly
immer der schlaue Junge, der den Leuten eines draufgab, und
ich bin auch nie erwachsen geworden. Wir hatten es nicht nötig.
Reiche Leute werden nicht erwachsen.«
»Manche reichen Leute schon.«
»Nenn mir bloß drei.« Boom Bo
oms schwarze Augen blitzten.
»Stafford Sanburne in unserer Generation.«
Sie lächelte. »Einer. Schön, ich nehme an, du hast recht.
Vielleicht muß man leiden, um erwachsen zu werden, und wir
»Geh nicht.« Fair fühlte sich wie ein Bettler, und das Gefühl
war ihm zuwider. »Gib mir die
»Fission.«
»Fission ist, wenn sie auseinande
rknallen. Fusion ist, wenn sie
zusammenkommen«, verbesserte Fair sie.
»Ich habe dich verbessert. Eine unfeine Angewohnheit.«
»Boom Boom, ich kann verstehe
nachdenkst, aber mußt du
so umwerfend höflich sein?«
»Nein.«
»Jedenfalls, ich habe auch Fehl
er gemacht, und Harry hat sie
zu spüren bekommen. Ich frage
mich, ob jeder nur dadurch
erstenmal offen und ehrlich mite
immer so? Muß es eine Krise geben, damit man ehrlich
zueinander ist?«
»Müssen wir unsere Ehen ruinieren, bevor wir Freunde
werden können? Warum können wir nicht gleichzeitig Freunde
»Ich weiß nicht. Ich weiß nur« – Fair senkte die Augen – »daß
»Liebst du Harry noch?« Boom Boom hielt den Atem an.
»Nicht auf die romantische Art. Im Moment bin ich so wütend
auf sie, daß ich mir nicht vorstellen kann, jemals mit ihr
»Nein, tut sie nicht. Im Grunde
sie das. Ich
hasse es, sie anzulügen. Ich kenne alle ihre Gründe, aber wenn
sie selbst dahinterkommt, wird sie mich am meisten wegen der
Boom Boom saß einen Moment schweigend. Für sie als Frau
gab es vieles, was sie Fair über seine Gefühle für Harry hätte
sagen können, aber sie hatte schon genug riskiert, indem sie
hergekommen war, um sich zu
entschuldigen. Sie würde kein
weiteres Risiko eingehen, jedenfalls nicht, bis sie sich stärker
»Nein, das wußte ich nicht. Es wird dir und der Firma guttun.«
»Ist das nicht ein Witz, Fair? Ich bin dreiunddreißig Jahre alt,
und ich mußte nie im Leben pünktlich zur Arbeit kommen oder
irgendwem für irgendwas verantwo
rtlich sein. Ich bin… ich bin
»Das freut mich für dich.«
Sie schwieg einen Moment, und Tränen traten ihr in die
Augen. »Fair« – sie konnte kaum sprechen – »ich brauche
dich.«
Ein heftiges Nachmittagsgewitter verdüsterte und durchnäßte
Sie hörte ein Zischen und einen Knall. Der Strom war
ausgefallen, kein unübliches Vorkommnis.
Der Himmel war schwärzlich-grün. Er war Harry unheimlich.
Wie auch immer, er tat seine Arbeit, und zu dieser Arbeit
gehörte es, die Bürger von Albemarle County zu schützen, und
das schloß sie, Harry, ein.
Eine Gestalt tauchte aus de
m strömenden Regen auf; ihr
Ölzeug flatterte im Wind. Sie steuerte aufs Postamt zu. Harrys
Nackenhaare sträubten sich. Mrs.
Murphy spürte das, sprang
herunter und machte einen Buckel.
Die Tür flog auf, und ein völlig durchnäßter Bob Berryman
stürmte herein. Ein Schwall von Bl
ättern wehte hinter ihm her.
Er lehnte sich mit dem Körper gegen die Tür, um sie zu
»Verdammt!« brüllte er. »Sogar
war offenbar völlig durcheinander.
Gelähmt vor Angst wich Harry am Schalter entlang zurück.
Bob folgte ihr. Er tropfte beim Gehen. Auch wenn Harry aus
Tucker huschte unter dem Schalter hervor.
Mrs. Murphy ließ die Augen nicht von Berrymans
glänzendem Gesicht.
»Was kann ich für dich tun?« quiekste Harry.
»Tucker, kannst du zur Tür raus, wenn ich sie aufmache?«
fragte Mrs. Murphy.
»Er hat die Briefe geklaut. Wenn er
derjenige ist und auf Harry losgeht, könnten wir ihn angreifen.«
Tucker flitzte zu der Tür, die Harrys Arbeitsbereich
vom Kundenraum trennte.
Mrs. Murphy streckte sich zu voller Länge und fummelte an
dem Türknauf herum. Der hier hatte die richtige Höhe für sie.
»Kluge Katze«, bemerkte Berryman.
»So macht sie das also«, sagte Harry matt.
Tucker kam scheinbar unbefange
n herausgezockelt und ließ
sich drei Schritte von Berrymans saftigem Fußknöchel entfernt
nieder. Mrs. Murphy sprang wieder auf den Schalter, um zu
beobachten und abzuwarten.
»Der Zettel, Harry.« Berrymans Stimme erfüllte den Raum.
Harry nahm einen Einschre
»Ich mach das schon«, murmelte sie.
Berryman langte hinüber und griff nach ihrer Hand. Sie
erstarrte. Tucker bewegte sich vorwärts, und Mrs. Murphy
schlich an den Rand des Schalte
»Ruf deinen Hund zurück.«
»Laß zuerst meine Hand los.« Harry nahm sich zusammen.
»Hab keine Angst vor mir. Ich hab Maude nicht umgebracht.
Das denkst du doch, nicht?«
»Ich…«
»Ich war’s nicht. Ich weiß, ic
h hab keine gute Figur gemacht,
aber ich konnte es auf der Beerdigung nicht mehr ertragen.
Josiahs kluge Ratschläge«, sagte er erbittert, »waren der
Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Was weiß denn
der von Männern und Frauen?«
Harry meinte verwirrt: »Ich nehme an, er weiß eine ganze
Menge.«
»Du machst wohl Witze. Er nutzt Mim Sanburne aus, um in
Palm Beach und Saratoga und Ne
w York und Gott weiß wo
Parties feiern zu können.«
»Das habe ich nicht gemeint.
Er ist ein guter Beobachter, und
»Du magst ihn. Alle Frauen mögen ihn. Ich kann mir beim
besten Willen nicht vorstellen, warum. Maude hat für ihn
geschwärmt. Sie sagte, er konnte sie so zum Lachen bringen,
daß sie Seitenstiche bekam. Er quasselte über Kleider, Make-up
und Dekorationen. Sie haben ständig die Köpfe
zusammengesteckt. Ich habe ihr immer gesagt, daß er nichts ist
als ein erstklassiger Verkäufer, aber sie sagte, ich soll nicht so
kleinkariert sein – sie werde ihn nicht aufgeben. Sie sagte, er
ben konnte, und ich gäbe ihr, was
er ihr nicht geben konnte.« Bob kniff die Lippen zusammen.
»Ich hasse die blöde Schwuchtel.«
»Nenn ihn nicht Schwuchtel«, tadelte Harry. »Mir ist es egal,
mit wem er schläft und mit wem nicht. Du bist wütend auf ihn,
»Hat er wohl. Er hat einen großen Teil der Beerdigung
»Wir haben alle dafür bezahlt. Er wollte gut dastehen, damit
er den Laden übernehmen kann.
Er hat mit Maude genausoviel
würde alles darum geben, sie
zurückzubekommen.« Er machte
eine Pause. »Ich werde Linda verlassen. Sie kann das Haus
behalte meine Firma. Ich werde
allein sein, aber mein Leben is
t dann wenigstens keine Lüge
mehr.« Das Bekenntnis beruhigte ihn. »Ich habe Maude nicht
umgebracht. Ich hätte ihr nie ein Haar gekrümmt.«
»Es tut mir so leid, Bob.«
»Mir auch.« Er reichte ihr den fürs Finanzamt bestimmten
Umschlag. »Der Regen hat nachgelassen.« Als ihm bewußt
wurde, was er gesagt hatte, wurde er verlegen. Er zögerte einen
Harry verstand. »Ich halte den Mund.«
»Du kannst es erzählen, wem du willst. Ich entschuldige mich
für meinen Ausbruch. Ich beda
ure nicht, was ich dir erzählt
dir eigentlich nicht gefallen zu lassen. Ich bin mit den Nerven
so rauf und runter. Ich kenn mich selbst nicht mehr. Rauf und
runter.« Anders konnte er seine Stimmungsumschwünge nicht
»Ich glaube, unter den Umstä
nden ist das ganz natürlich.«
»Ich weiß nicht. Manchmal hab ich das Gefühl, ich werde
»Das gibt sich. Sei nicht so hart zu dir selbst.«
Mrs. Murphy dachte
erwiderte Tucker.
»Und selbst wenn – er hätte sie in einem Streit umbringen
können. Menschen tun so was. Ich habe im Fernsehen gehört,
daß jeden Tag vierhundertfünfunddreißig Amerikaner
umgebracht werden. Ich glaube, so hat es der
Nachrichtensprecher gesagt
Mrs. Hogendobber fuhr in ih
rem Falcon vor. Sie spannte
einen Regenschirm auf. Mrs. H. sah keinen Grund, sich ein
und ihrer Meinung nach wurden
für einen Autokauf auf Raten ohnehin Wucherzinsen erhoben.
Dennoch fuhr sie einmal im Monat zu Art Bushey, dem
Fordhändler, um ihm die Möglichke
it zu geben, ihr einen neuen
geringsten Kaufabsichten hegte.
»Harry! Ich habe einen Fehler gemacht, einen winzig kleinen
Fehler, aber ich dachte, Sie sollten es wissen. Ich hätte es Ihnen
schon früher sagen sollen, aber ic
h habe nicht daran gedacht.
Ich hab’s einfach vergessen. Als Sie von der Party, oder wie Sie
das bei Josiah nennen wollen,
weggegangen sind, bin ich noch
dageblieben. Mim und ich sprach
en über den Zustand der Moral
heutzutage. Dann erwähnte Mim, daß Sie Little Marilyn
ermutigt hätten, sich mit Staffo
rd in New York in Verbindung
»Es tut mir leid, daß sie so unhöflich zu Ihnen war.« Harry
»Nein, nein, darum geht es nicht. Sehen Sie, dann sprach
Josiah davon, daß die Regierung, die Bundesregierung,
denjenigen, die sich um Steuern zu drücken versuchten, nie
richtig verziehen habe, und Ned, der kam, als Sie schon
gegangen waren – er wirkte sehr
abgespannt, muß ich sagen –,
nanzamt verzeihe niemandem.
Die Macht, Steuern zu erheben, sei die Macht zu zerstören, und
ich sagte, es sei vielleicht gut, daß Maude tot ist, weil sie sie
früher oder später erwischt hätten.«
»O nein!« rief Harry aus.
»Das Gespräch ging dann zu anderen Themen über, und es ist
»Das weiß ich nicht genau. Der Regen hat mich an das viele
Wasser in Mims Boot erinnert. Was, wenn – wenn der Mörder
es gar nicht auf Mim abgesehen hatte? Mim kann schließlich
»Ich verstehe.« Harry rieb sich die Schläfen. Das war
schlimmer als Kopfschmerzen. Die Geschichte, wie Mim mit
ihrem Ponton baden gegangen war,
war in der ganzen Stadt
bekannt, weil die Arbeiter, von denen Jim das Boot auf seinen
Laster laden ließ, den Schaden
gesehen hatten. Mittlerweile zog
jedermann aus allem voreilige Schlüsse, und überall in der Stadt
»Wenn irgendwer auf Ihren Schnitzer zu sprechen kommt –
Sie wissen schon, wenn jemand eine Suggestivfrage über
Maude oder das Finanzamt stellt –, rufen Sie mich sofort an.
Oder besser, rufen Sie Rick Shaw an.«
»Ach du liebe Güte.«
»Mrs. H. Sie müssen mir vertrauen. Der Mörder gibt ein
Signal, bevor er zuschlägt – ich kann Ihnen nicht sagen, was für
, und deswegen frage ich mich,
»Glauben Sie, er will mich umbringen? Wollen Sie das damit
sagen?« Ihre Stimme war ganz ruhig.
»Wenn ich es Rick Shaw erzähle, wird er wissen, was wir
»Ich finde, wir sollten es ihm lieber sagen. Was wird er tun?
Uns verhaften? Hören Sie, Sie müssen sich genau erinnern, wer
dort war, nachdem ich gegangen bin.«
»Ich, Mim, Little Marilyn, Jim,
der alte Dr. Johnson und Ned.
Dabei fällt mir ein, was ist mit Ned und Susan los? Oh, Susan
war natürlich auch da.«
»Besinnen Sie sich nur auf die Namen, dann erzähle ich Ihnen
von Ned.«
Das gab ihr Auftrieb. »Hmm, Fair und Josiah – na ja, das ist ja
klar.«
»Gar nichts ist klar. Sind Sie sicher, daß sonst niemand da
»Das sieht nicht gut aus.«
Mrs. Hogendobber stützte sich mit dem Rücken gegen die
Wand. Sie wischte sich die Stirn. »Ich bin es nicht gewöhnt, den
Menschen nicht zu trauen. Ich fühle mich schrecklich.«
Harrys Stimme wurde sanft. »Niemand von uns ist daran
gewöhnt. Man kann nicht von uns erwarten, daß wir unser
Verhalten über Nacht ändern – und
vielleicht ist es auch besser,
wenn wir das nicht tun. Aber solange wir den Mörder nicht
gefaßt haben, müssen wir auf der Hut sein. Wollen Sie nicht
lieber Larrys Frau heute nacht bei sich schlafen lassen, oder,
besser noch, zu ihnen gehen?«
»Meinen Sie, daß das nötig ist?«
»Eigentlich nicht«, log Harry. »Aber warum ein Risiko
eingehen?«
»Sie glauben, daß Maude und
Kelly Rauschgift verschoben
haben, nicht? Sie müssen zusammen Geschäfte gemacht haben.
Aber wer ist der Drahtzieher?«
»Warum?« Mrs. Hogendobber mo
das Böse halten, aber wenn sie wirklich mit ihm konfrontiert
wurde, wußte sie nicht mehr ein noch aus. Sie stellte sich den
Teufel mit grünen Hörnern oder als Menschen mit
Als Antwort auf Mrs. Hogendobbers Frage zuckte Harry die
Achseln. »Liebe oder Geld.«
Als Mrs. Hogendobber weggefahren war, kehrte Harry mit
neuer Kraft an die Arbeit zurück. Wenn sie sich, was Mrs.
Dann trat Fair ins Postamt.
»Ich habe mich bemüht, ein guter Ehemann zu sein – das
weißt du, oder?« Fair räusperte sich.
»Ja.« Harry hielt den Atem an.
»Wir haben nie darüber gesprochen, was wir wirklich
»Was ist los? Komm, sag schon, laß es raus, um Himmels
willen.« Harry war drauf und dran, die Hand nach ihm
auszustrecken. Sie nahm sich zusammen.
Fair stammelte: »Nichts ist los. Wir haben Fehler gemacht.
Er ging. Er hatte ihr von Boom Boom erzählen wollen. Die
Wahrheit. Er hatte es versucht. Er konnte es nicht.
Harry fragte sich, ob er in die Morde verwickelt war. Er
benahm sich so merkwürdig. Es konnte nicht sein.
Ausgeschlossen.
Mrs. Hogendobbers Befürchtungen waren berechtigt. Rick
Shaw schäumte, als sie und Harry gestanden, den zweiten
Ordner kopiert zu haben.
Als Harry nach Hause kam, befand sie, daß, wenn dies
vielleicht auch nicht der schlimmste Tag ihres Lebens gewesen
war, er doch immerhin so schlimm gewesen war, daß sie ihn
kein zweites Mal hätte erleben wollen.
Sie rief Susan an und erzählte ihr von Fairs sonderbarem
Benehmen. Susan erklärte, Fair befinde sich im Trauerstadium
der Scheidung. Harry bat sie, morgen vormittag auf eine lange
Kaffeepause ins Postamt zu komme
n. Als sie aufgelegt hatte,
beschloß sie, Susan dann auch von der Postkarte mit der
Rüstung zu erzählen, die sie erhalten hatte. Sie mußte wissen,
was Susan dazu zu sagen hatte. Außerdem – wenn sie ihrer
besten Freundin nicht trauen konnte, war das Leben nicht mehr
Tucker nagte hinter der Fleischtheke an einem großen Knochen.
Tucker schilderte Rick Shaws
temperamentvollen Ausbruch.
Die arme Mrs. Hogendobber hatte gedacht, sie käme ins
»Sie will Danny Tucker auf sich aufmerksam machen. Er mäht
heute Maude Bly Modenas Rasen. Er wird sie hören, bevor er
sie sieht.«
Pewter hatte so viel gefressen, daß sie sich auf die
Seite legte und den Kopf auf die ausgestreckte Vorderpfote
»Mrs. Murphy hat es mir gestern erzählt, als du auf dem Topf
warst, wie Harry das nennt.«
Pewter lachte.
nichts gegen Harrys Ausdrücke, aber wenn sie dich auf den
Topf schickt, hebt sie die Stimme um eine halbe Oktave. Stell dir
vor, Courtney steckt sich nicht
nur große Reifen in die Ohren;
Mrs. Murphy riß eine zarte Faser roten
Fleisches vom Knochen.
»Wem sagst du das. Die Menschen brauchen vierzig Jahre,
nicht mal dann. Wir sind mit sechs Monaten bereit für die
»Aber richtig erwachsen sind wir dann noch nicht, Pewter.«
»Ich würde sagen, das
»Wenn du sie so gern hast, dann versuch mal, mit ihr zu
leben. Wenn ich dieses George Michael-Band noch ein einziges
Mal höre, werde ich es mit diesen meinen Krallen zerreißen.«
Pewter ließ ihre imponierenden Krallen aufblitzen.
wird das Mädchen noch taub –
und ich obendrein –, wenn sie
»Du bist zu dick zum Mäusefangen.«
Mrs. Murphy konnte es
»Sie mögen keine Mäuse.«
Tucker schlabberte an ihrem
»Versuch mal, ihnen einen Vogel zu schenken.«
Mrs. Murphy
»Das ist das ärgste. Harry heult und
begräbt den Vogel. Sie mag die Maulwürfe und Mäuse, die ich
ihr bringe. Ich breche ihnen sauber das Genick. Kein Blut, kein
Pewter rülpste.
»Verzeihung. Saubere Arbeit… Mrs. Murphy,
Mrs. Murphy stupste Pewter mit der Pfote.
»Fand ich auch.
»Die Polizei gibt nicht bekannt, wie Kelly und
Maude gestorben sind – falls man es weiß. Die Metzelei mußte
sein, um irgendwas zu verbergen oder uns von dem abzulenken,
Mrs. Murphy kam ordentlich in Fahrt.
»Was haben sie mitten in der Nacht gemacht? Kelly war in der
»Mrs. Murphy und Tucker sind an der Hintertür.« Susan
unterbrach Harry, die die Post sortierte und gleichzeitig alles
»Laß sie rein, ja?«
zusammengesetzt«,
»Sie haben unter einer Decke gesteckt, Kelly und Maude, mit
unterbrach Mrs.
Murphy.
»Ist ja gut, Mädels, beruhigt euch.« Harry lächelte.
Mrs. Murphy sprang entmutigt in den Postbehälter.
auf! Sie ist so begriffsstutzig.«
Tucker erwiderte:
»Versuch mal, es ihr auf andere Weise
beizubringen.«
Mrs. Murphy steckte den Kopf aus dem Behälter.
»Gehen wir
nach draußen.«
Sie sprang heraus.
r Hintertür. Tucker bellte und
»Sag bloß nicht, daß du mal mußt. Du bist gerade erst
reingekommen«, schalt Harry.
Tucker bellte noch ein wenig.
»Was machen wir, wenn wir
draußen sind?«
»Weiß ich noch nicht.«
»Corgis sind viel schneller als man denkt«, bemerkte Susan.
Susan und Harry waren das gestrige Gespräch mit Fair noch
einmal durchgegangen, und nun
waren sie beide deprimiert.
Susan stürzte sich auf die Postkarten. Sie hielt den Atem an.
Eine Reihe italienischer Postkarten erschreckte sie, aber auf der
Vorderseite waren keine Fr
»Ich lese dir Lindsays Karten vor, während du die Post in die
Ein Auslandsaufenthalt ist so toll nun auch wieder nicht. Ich
bin mit dem Zug über die Alpen gefahren, und als er in
Venedig ankam, blieb mir fast das Herz stehen. Es war
wunderschön. Von da an
ging’s nur noch bergab.
Die Venezianer sind so ungehobelt, wie man es sich kaum
vorstellen kann. Ihr Leben besteht darin, die Touristen nach
Strich und Faden auszunehmen. Sie lächeln nie, auch nicht
Plage gewissermaßen zu überwinden und die Schönheit der
Stadt in mich aufzunehmen. Voller Blasen und erschöpft bin
ich von einem Ort zum anderen
gelatscht und habe Gott den
Herrn auf einem Gemälde nach dem anderen gesehen. Ich
sah Jesus am Kreuz, vom Kreuz abgenommen, im Mantel,
im Lendentuch, mit Nägeln,
ohne Nägel, blutend, nicht
blutend, Haare hoch, Haare runter. Was man sich nur
vorstellen kann, ich hab’s gesehen. Neben den Gemälden
gab’s noch diverse andere künstlerische Darstellungen des
Herrn mitsamt seinen engste
n Freunden und Verwandten.
Natürlich gab es viele, viele, viele Abbildungen der
jungfräulichen Mutter Maria (ein kleiner Widerspruch in
sich). Jedoch ist es mir in ganz Venedig nicht gelungen,
einen einzigen Schnappschuß von Josef und dem Esel
aufzutreiben. Ich konnte daraus nur schließen, daß sie sich
seiner Dummheit schämen, Marias
Gott und dieser Empfängnismasche geglaubt zu haben, und
daß sie ihn bloß Weihnachten hervorholen.
Ich bin zu dem einzig logischen Schluß gekommen, daß
diese Kunstwerke, da sie alle gleich aussehen,
möglicherweise von ein und de
mselben Mann stammen. Ich
finde es plausibel, daß einer sie alle geschaffen und viele
Namen benutzt hat. Oder vie
lleicht haben alle kleinen
italienischen Jungen, die zwischen 1300 und 1799 geboren
Noch ein Gedanke zum Abschluß, dann mache ich mich auf
nach Rom. Ich bin froh, daß Jesus in Italien offenbar soviel
besser angekommen ist als in Spanien. Die ganze Kunst
wäre sonst in Neonfarben auf Samt statt in Öl auf Leinwand
gemalt worden.
Auf nach Rom. Die Ewige Stadt Rom vereinigt die
schlimmsten Eigenschaften von New York und Los Angeles.
lauteste Stadt der Welt. Die Römer machen den Venezianern
im Ungehobeltsein Konkurrenz.
Das Essen ist in beiden
Städten nicht annähernd so gut wie beim schlechtesten
Italiener von San Francisco.
Wie Du Dir vermutlich denke
n kannst, mußte ich ins
Vatikanische Museum hinein. Ich mußte auch aus dem
Vatikanischen Museum hinaus,
Der Rest von Rom war auch nicht umwerfend. Das
Kolosseum war ein Trümmerfeld, die Spanische Treppe voll
von Drogensüchtigen und Be
Brunnen ging’s zu wie in einer Aufreißerbar. Die Designer-
Läden waren eine Wucht. Ein Designer-Outfit sitzt nicht,
und mich gefragt, warum sich die Westgoten die Mühe
gemacht haben, es zu erobern. Aber Monaco war sagenhaft.
Die Leute, das Essen, das Flair, das Fehlen von
Renaissancekultur!
Ich sehe Euch alle im Septem
verdauen kann. Ich denke allm
ählich, Mim, Little Marilyn,
Josiah und Co. müssen goldige Tölpel sein, daß sie wegen
Europa, Möbeln und einem Gesichtslifting in der Schweiz
derart aus dem Häuschen geraten. Wie Du weißt, verkörpert
Mim für mich die Bedingungen menschlichen Daseins
schlechthin. Und zeig diese Karten nicht Mrs. Hogendobber!
Zeig sie Susan.
Susan und Harry lachten, bis ihnen die Tränen über die Wangen
kullerten. Als sie sich endlich wieder gefangen hatten, wurde
ihnen bewußt, daß sie seit Kellys Ermordung nicht mehr richtig
gelacht hatten. Die Anspannung hatte wirklich ihren Tribut
»Wie viele Postkarten hat sie dafür gebraucht?«
Susan fächerte sie auf wie Spielkarten.
»Einundzwanzig.«
»An wen sind sie adressiert?«
»An dich. Du bist die einzige, der sie so was schreiben kann.«
Harry lächelte und nahm die Postkarten an sich. »Ich freue
mich schon darauf, daß Lindsay nach Hause kommt. Vielleicht
ist bis September alles vorbei.«
»Hoffentlich.«
Mrs. Murphy sezierte den
Spatzenleichnam, und ringsum flogen die Federn. Ein
angewiderter Ausdruck huschte
über Tuckers hübsches Gesicht.
»Ach komm, Welsh Corgis sind doch hart im Nehmen. Reiß den
Maulwurf, den ich gefangen habe, in drei Teile.«
»Dann ekelt sie sich eben. Aber vielleicht dringt in ihr
»Sie ist schlau für einen Menschen. Sie weiß, daß es zwischen
Kelly und Maude eine Verbindung gibt.«
»Tucker, sei nicht so zimperlich. Ich will, daß sie weiß, daß
wir’s
wissen. Vielleicht hört sie zur Abwechslung endlich mal
auf uns.«
Mit deutlichem Mangel an Bege
isterung riß Tucker den noch
warmen Maulwurf in drei Teile. Und als wäre das noch nicht
schlimm genug, hieß Mrs. Murphy sie die Stücke zur Hintertür
des Postamts tragen.
»So was Ekelhaftes!« rief Harry aus.
»Ich hab dir gleich gesagt, sie wird sich ekeln«,
fuhr Tucker
»Darauf kommt es nicht an.«
»Was?« rief Susan.
»Die Katze und der Hund haben die Überreste von einem
Susan steckte den Kopf aus der Hintertür. »Wie Maude.«
»Na ja, es ist nicht schwer, auf solche Gedanken zu kommen.«
Susan streichelte Tuckers Kopf. »Sie tun ja nur, was für sie
Geschenk gemacht. Du solltest
ihnen gebührend danken.«
»Ich werde ihnen gebührend da
nken, sobald ich das hier
weggeputzt habe.«
Ob die Leichen von Vogel und Maulwurf Harry inspirierten
oder nicht, konnten die Tiere nicht sagen – jedenfalls fuhr sie
Nachdem sie in Kellys Büro, das nun seine Frau übernommen
hatte, eine Weile vorsichtig um
Eine Welle der Erleichterung glitt über das Gesicht der
»Nein.« Harry bemerkte die Fotos von Kelly mit den
Bezirksbeamten, dem Rektor de
r Universität von Virginia, den
»Darüber gibt es keine Unterlagen.« Zur Sicherheit fragte
Boom Boom bei Marie auf der Gegensprechanlage nach, und
Marie bestätigte, was sie gesagt hatte.
»Und was ist mit einer intimeren Beziehung?« flüsterte Harry
»Weiß das die
Stadt?« fragte Harry und wußte, daß es
»Linda ergeht sich in Ohnmachtsanfällen. Als nächstes
wissen.« Ihre Wimpern, so lang, daß sie überall früher eintrafen
als sie selbst, flatterten einen Moment.
»Nein.«
»Ich weiß nicht. Ich hab so ein Gefühl, daß sie zusammen
Geschäfte machten. Illegale.«
»Kelly hat den Staat gern beschissen. Ein großer
r sein rebellisches Ich sehr
zum Beispiel Rauschgift
verschoben hätten, meine ich.«
Boom Boom, die realistisch über Kelly dachte, zögerte. Dieser
mordung auch schon ein paarmal
gekommen. »Ich weiß nicht, aber ich hoffe sehr, daß du diese
»Tu ich nicht, aber ich muß der Sache auf den Grund gehen.
Denkst du, daß Kellys und Maudes Tod zusammenhängen?«
»Also, zuerst habe ich gar ni
cht gedacht, Punktum. Ich war
nach dem Schock total ausgeleert, und in die Leere strömte nur
Wut. Ich möchte diesen Schweinehund umbringen. Mit bloßen
Händen.« Sie legte ihre Hände zusammen, als würge sie
jemanden. »Im Lauf der Tage –
es kommt mir komischerweise
wie Jahre vor – bin ich es dann immer wieder durchgegangen.
Ich weiß nicht warum, aber ich glaube, daß sein Tod mit ihrem
zusammenhängt.«
»Sie haben was verschoben – da
rauf läuft es immer wieder
hinaus, egal, wie man es angeht.«
»Im Gegensatz zu dem, was die Typen von der Regierung der
Öffentlichkeit erzählen, sind Drogen
leicht zu verschieben. Es
ist möglich. Sie sind weiß Gott auch leicht zu verstecken. Sie
brauchen nicht viel Platz. Du kannst für zwei Millionen Dollar
Kokain in diese Schreibtischschubladen stopfen.«
»Wenn du es herausfindest, Mary Minor Haristeen, dann sag
es mir zwanzig Minuten bevor du es Rick Shaw sagst. Ich zahle
dir zehntausend Dollar für die Information.«
Harry schluckte. Zehntausend Dollar. Gott, die hatte sie
dringend nötig.
Schweigen umfing sie; eine Art atmosphärischer Widerstreit
hing in der Luft. Boom Boom br
ach das Schweigen: »Überleg’s
dir.«
Harry schluckte noch einmal. »Mach ich.« Sie zögerte.
»Wieso hab ich das Gefühl, daß du mir was verheimlichst?«
Boom Booms Gesicht wurde plötzlich starr. »Ich erzähle dir
alles, was ich über Kelly weiß
. Wenn er ein Geheimnis hatte,
dann hat er es mir verschwiegen.«
»Was ist mit Fair?« Harrys Lippen waren weiß.
»Ich weiß nicht, was du meinst.« Boom Booms Augen
huschten durch den Raum. »Bist du gekommen, weil du was
über Kelly wissen wolltest oder weil du was über Fair wissen
willst? Du hast ihn rausgeworfen, Harry. Was kümmert’s dich,
was er macht?«
»Es wird mich immer kümmern, was er macht. Ich kann bloß
nicht mit ihm leben.« Harry wurd
e rot. »Er war einfach nicht…
da.«
»Wie meinst du das?«
»Er war gefühlsmäßig nicht da.« Sie seufzte. »Daß eine Ehe
kaputtgeht, ist eine Sache, aber es ist genauso schlimm, daß
dabei Freundschaften kaputtgehen.
Alle Leute ergreifen Partei.«
Das brachte das Faß zum Überlaufen. »Von dir jedenfalls
mehr!« Harry biß die Zähne zusammen. »Zwischen ihm und
Kelly war es nicht mehr wie früher, seit Fair sich an dich
»Das war voriges Jahr. Alle
Harry unterbrach sie. »Ich habe mein ganzes Leben hier
gelebt. Was weißt du, das ich nicht weiß?«
»Daß eine Scheidung die Leute erschreckt. Von außen
Noch nie hatte Harry von Boom Boom derart unverblümte
Wahrheiten zu hören bekommen. Sie machte den Mund auf,
aber sie brachte keinen Ton heraus. Schließlich fand sie die
Sprache wieder. »Wie ich sehe, hast du viel nachgedacht.«
Das Gespräch hatte die Spa
nnung vergrößert, anstatt sie
Als Harry nach Hause fuhr, kam es ihr vor, als seien die
Nachmittagsschatten länger geworden. Das Gefühl einer
Bedrohung begann sie zu quälen.
Sie blieb bei ihrem eingespielten täglichen Einerlei, wie es
alle taten. Anfangs hatten dieses Einerlei wie auch der Gedanke
Sie trat aufs Gaspedal, aber sie konnte den Schatten, die die
sinkende Sonne warf, nicht davonfahren.
»Schade, daß Du nicht hier bist
.« Harrys Hände zitterten, als sie
die an Mrs. George Hogendobber adressierte Postkarte las. Die
Vorderseite der Karte war eine schöne Hochglanzfotografie von
Puschkins Grab. Wieder nahm ein sorgfältig gefälschter
Poststempel die obere rechte Ecke der Rückseite ein.
Harry rief Rick Shaw an, aber er war nicht im Büro. »Dann
holen Sie ihn!« schrie sie die Telefonistin an. Anschließend
drückte sie auf den Knopf und wählte Mrs. Hogendobbers
Nummer.
Harry hätte nie gedacht, daß sie einmal so froh sein würde,
diese energische Stimme zu hören. »Mrs. Hogendobber, geht es
Ihnen gut?«
»Sie rufen mich am frühen Morgen an, um zu hören, ob es mir
gutgeht? Ich bin in einer Vier
telstunde sowieso bei Ihnen.«
»Ich hole Sie ab.« Harry rang nach Luft und atmete tief durch.
»Wie bitte? Mary Minor Haristeen, ich bin schon zum
Postamt gegangen, als Sie noch nicht auf der Welt waren.«
»Bitte tun Sie, was ich sage, Mrs. H. Gehen Sie auf die
vordere Veranda, so daß alle Si
e sehen können. Ich bin in einer
Minute da. Tun Sie’s, bitte.« Sie legte den Hörer auf und
stürmte aus der Tür, dicht gefolgt von Tucker und Mrs.
Murphy.
Mrs. Hogendobber schwang auf ihrer Hollywood-Schaukel,
eine perplexe Mrs. Hogendobbe
r, eine verärgerte Mrs.
Hogendobber, aber eine le
bendige Mrs. Hogendobber.
Harry brach bei ihrem Anblick in Tränen aus. »Gott sei
Dank!«
»Um Himmels willen, was ist mit Ihnen, Mädchen? Sie
brauchen ein Alka-Seltzer.«
»Da ist es genauso heiß wie hier.«
»Wie war’s mit Ihrem Neffen in Atlanta?«
»Atlanta ist noch schlimmer als Greenville. Ich gehe
nirgendshin. Leiden Sie unter einem Hitzschlag? Vielleicht sind
»Das hoffe ich inständig, aber Sie kommen mit mir ins
Postamt und gehen nicht wieder weg, bis Rick Shaw eintrifft.«
Tucker leckte Mrs. Hogendobbers Fesseln. Mrs. Hogendobber
verscheuchte sie, aber Tucker kam wieder. Schließlich ließ Mrs.
Hogendobber sie lecken. Sie war an diesem stickigheißen
Fesseln?
»Würden Sie mir sagen, was hier vorgeht?«
»Ja. Jedes Mordopfer hat eine Postkarte ohne Unterschrift
erhalten. In einer Computerschrift. Sieht aus wie eine richtige
Handschrift, ist aber keine. Vorn auf jeder Postkarte war eine
Mrs. Hogendobbers Hand flatterte an ihren gewaltigen Busen.
»Ich?«
Harry nickte. »Sie.«
»Oh, Mrs. H. ich weiß nicht, ob es irgendwas mit Rauschgift
zu tun hat, aber der Mörder ha
t erfahren, daß Sie den zweiten
Satz Bücher gesehen haben. Auf dem Treffen bei Josiah.«
Mrs. Hogendobbers Augen wurden schmal. Es mochte ihr an
Sinn für Humor mangeln, aber es mangelte ihr nicht an einer
raschen Auffassungsgabe. »Ach,
dann hat Maude nicht nur das
»Ja – aber es ist wahr. Sie sind in Gefahr.«
können: »Ich habe immer gewußt, daß Sie die Postkarten lesen,
Harry.«
Als Rick Shaw mit Officer Coope
r kam, scheuchte er alle ins
Hinterzimmer.
»Harry, benehmen Sie sich normal. Wenn Sie Leute kommen
hören, gehen Sie nach vorn und sprechen mit ihnen.« Er
»Wie sieht’s mit Fingerabdr
ücken aus?« fragte Officer
»Ich schicke die Karten ins Labor. Aber der Mörder ist
gewieft. Keine Fingerabdrücke. Keine auf den Postkarten, keine
auf den Leichen, nichts. Dieses Manns- oder Weibsbild muß
unsichtbar sein. Wir lassen von den Computerfirmen in der
»Er oder sie hält uns zum Narren. Der Mörder schickt eine
Warnung, auch wenn die Opfer nicht merken, daß es eine
Warnung ist«, sagte Harry.
»Ich hasse die Typen, die mit
solchen ausgefeilten Feinheiten
daherkommen.« Rick zog ein Gesicht. »Ein ordentlicher Mord
im Familienkreis ist mir allemal lieber.« Er schwenkte seinen
Stuhl herum, so daß er Mrs.
Hogendobber gegenübersaß. »Sie
werden hier schleunigst verschwinden, Madam.«
»Ich bin bereit hinzunehmen, was Gott für mich bereithält.«
Sie streckte das Kinn vor. »Ich war bereit, in Mims See zu
»Die Wege des Herrn sind unergründlich, aber meine nicht«,
stecken wir Sie ins Gefängnis. Wir werden Sie gut behandeln,
aber, meine liebe Mrs. Hogendobber, Sie werden nicht das
dritte Opfer dieses kalten, berechnenden Mörders werden.
Haben Sie mich verstanden?«
»Ja.« Mrs. Hogendobbers Antwort klang nicht kleinlaut.
»Schön. Sie gehen mit Officer Cooper nach Hause und
packen. Sie können entscheiden, was Sie tun werden, und Sie
sagen es niemandem außer mir.«
»Nicht mal Harry?«
»Nicht mal Harry.«
Mrs. Hogendobber nahm Harrys Hand und drückte sie.
»Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich schließe Sie in
»Danke.« Harry war gerührt. »Und ich Sie in meine.«
Als Mrs. Hogendobber und Officer Cooper durch die
n, zerknüllte Harry einen
»Er wird wissen, daß ich es weiß und daß Sie es wissen«,
sagte der Sheriff. »Er wird nicht wissen, ob es sonst noch
jemand weiß. Weiß es sonst noch jemand?«
Ricks Augenbrauen zogen sich zusammen. »Verflixt und
zugenäht, Harry, können Sie denn nie den Mund halten?«
»Sie ist meine beste Freundin. Und falls mir was zustößt,
möchte ich, daß irgend jemand we
nigstens so viel weiß wie
»Woher wissen Sie, daß Susan
nicht die Mörderin ist?«
»Nie. Nie. Niemals. Sie
ist meine beste Freundin.«
»Ihre beste Freundin. Harry, Frauen, die seit dreißig Jahren
kriegsverbrecher war, der in
die Vereinigten Staaten entkam. Die Leute sind nicht, was sie
paßt, und – ja,
einer von uns zu sein. Er oder sie ist von hier. Susan steht
genauso unter Verdacht wie alle
anderen. Und was ist mit Fair?
Er kennt sich in der Medizin aus. Ärzte sind findige Mörder.«
»Susan und Fair würden es einfach nicht tun, das ist alles.«
»Nein.«
»Ehefrauen sprechen gewöhn
lich mit ihren Männern. Und
umgekehrt.«
»Sie hat mir ihr Wort gegeben,
und ich kenne sie viel länger,
als Ned sie kennt. Sie wird nichts sagen.«
»Dann sind Sie, Susan und Mrs. Hogendobber die einzigen,
die das Postkartensignal kennen?«
»Ja.«
Er klopfte ununterbrochen. »Wir sind nur eine kleine
Mannschaft, aber ich werde Officer Cooper zu Ihrer
hier im Postamt bleiben und
auch mit Ihnen nach Hause ge
hen. Zumindest für ein paar
»Ist das nötig?«
»Unbedingt. In maximal zwölf Stunden wird der Mörder
wissen, daß Mrs. Hogendobber die Stadt verlassen hat, und den
Rest wird er sich denken. Sie taucht nicht in der Bibelstunde
auf. Man wird Fragen stellen. Ich werde veranlassen, daß sie
vom Bahnhof aus ein paar Telefongespräche führt. Sie kann
sagen, daß ihre Schwester krank geworden ist und sie
schleunigst nach Greenville muß. Welchen Ort sie auch angibt,
es wird natürlich nicht der richtige sein. Aber Mrs.
Hogendobbers Deckadresse wird
den Mörder nicht täuschen,
sowenig wie Mims Austauschstudentinnen irgend jemanden
täuschen. Die Abreise kommt zu
plötzlich; Mrs. Hogendobber
ge vorher zu verkünden, wenn
sie bloß nach Charlottesville fährt. Bei einer unumgänglichen
Reise, die sie über die Grenzen von Virginia führt, würde sie
eine Anzeige in den
vielleicht nervös und macht eine
»Das hoffe ich auch, aber ich will kein Risiko eingehen.« Mrs.
Murphy und Tucker merkten sich jedes Wort. Wenn Harry in
Officer Coopers Anwesenheit im Postamt war für alle
verblüffend. Mim, Little Marily
n und die Leibwächterin blieben
bei ihrem Anblick stehen.
Little Marilyn wich nicht von der Seite ihrer Mutter,
ebensowenig die Leibwächterin, die eine Rasur hätte vertragen
»Ah, Harry, ich wollte mit dir über den diesjährigen Krebsball
sprechen.« Little Marilyn biß sich auf die Lippe, während Mim
Harry hatte seit sechs Jahren alljährlich dem Komitee
angehört. »Ja.«
»Was?« Harry konnte es nicht glauben – es war zu albern und
Mim sprang ihrer Tochter bei. »Wir können Sie nicht im
Programm aufführen. Denken Sie doch nur, was Sie der lieben,
guten Mignon Haristeen damit antun würden.«
Mignon Haristeen, Fairs Mutter, stand auch im
Gesellschaftsregister und war daher wichtig für Mim.
»Meine Güte, sie lebt in Hobe Sound.« Harry platzte der
Kragen.»Ich glaube, es ist ihr schnurzpiepegal, was wir in
»Also wirklich, haben Sie denn überhaupt kein Taktgefühl?«
Mim hörte sich an wie eine alte Lehrerin.
»Himmel noch mal, wer seid ihr zwei denn, daß ihr mich aus
dem Krebsball rausschmeißen
wollt?« Harry schäumte. »Mim,
Mim brüllte zurück: »Ich hab mein eigenes Geld mit in die
Indem sie das sagte, sagte sie alles. Ihr Leben drehte sich um
Geld. Die Liebe hatte nichts damit zu tun.
Sie knallte die Tür zu, und Little Marilyn und die
Leibwächterin mußten rennen, um sie einzuholen.
Schlimm genug, daß Harry di
e Beherrschung verloren hatte;
obendrein hatte sie Mim vor Officer Cooper kritisiert.
Mim, gleichsam in der weißen Grabstätte ihrer makellosen
hatten sich finanziell nie mehr erholt, aber das war nun mal das
Geschick des Südens. Es bedurfte solcher Parvenüs wie Jim, um
wieder zu Geld zu kommen.
Mim riß beinahe die Tür ihres Volvos heraus. Sie würde
Mignon Haristeen anrufen, sobald sie nach Hause kam.
Courtney kam hereingeweht, als Mim hinausfegte. »He, was
hat die denn?«
»Wechseljahre«, sagte Harry.
Officer Cooper lachte. Courtney verstand nicht recht. Sie riß
»Vorsichtig, Courtney. Du verbiegst noch die Scharniere.«
»Verzeihung, Mrs. Haristeen. Officer Cooper, was machen
Sie hier?«
»Hallo, Harry, Officer Cooper.« Er sah Courtney an. »Hallo,
Courtney.«
»Hallo, Danny.« Courtney schloß das Fach, womit sie Mrs.
Murphy großer Wonnen beraubte.
Danny beugte sich über den Schalter. »Mom meint, du solltest
»Gern. Officer Cooper wird mich begleiten.«
»Hast du Ärger?« Danny hoffte es halbwegs, denn dann wäre
er nicht der einzige, über dessen Kopf eine drohende
»Nein.«
»Verwarnung wegen Überschreitung der
Geschwindigkeitsbegrenzung«, sagte Officer Cooper lakonisch.
»Du?« rief Danny aus. »Die a
lte Karre fährt doch nicht mehr
als achtzig, wenn’s hochkommt.«
»Der Zustand meines Wagens ist sehr beklagenswert, aber der
Zustand meines Bankkontos ist noch trauriger. Daher der
Wagen. Und ich habe noch
nie eine Verwarnung wegen
Geschwindigkeitsüberschreitung bekommen. Keine einzige.«
»Warum baust du nicht einen neuen Motor ein, oder einen
überholten? Mein Kumpel Alex Baumgartner, der kann mit
einem Motor alles machen. Billig ist er auch.«
»Ich werde es wohlwollend bedenken.« Harry lächelte. »Und
sag deiner Mom, wir kommen gegen halb sieben. Paßt Ihnen
das, Coop?«
»Prima.« Officer Cynthia Cooper lebte allein. Eine
hausgemachte Mahlzeit war für sie ein Stück vom Himmel.
Dannys Augen funkelten. Er wo
llte weltgewandt erscheinen,
trotzdem sah er aus wie der Vierzehnjährige, der er war.
»Courtney, komm doch auch.«
»Ich denke, du hast Hausarrest.« Warum Entgegenkommen
»Hab ich auch, aber du kannst mich doch besuchen. Ist ja nur
zum Abendessen, und Mom meint, du hast einen guten
Einfluß.« Er lachte.
»Du kannst mit uns im Dienstwagen fahren«, bot Officer
Cooper ihr an.
»Ich muß erst Daddy fragen.« Sie eilte hinaus und war in ein
paar Sekunden zurück. »Er sagt, ich darf.«
Josiah kam herein. »Ich höre, du stehst unter Bewachung.
Außerdem haben mich Mim, Little Marilyn und diese
Leibwache fast über den Haufen
gerannt. Hallo, Kinder.« Er
bemerkte Courtney und Danny.
»Tag, Mr. DeWitt.« Sie verließen das Postamt, um sich
draußen zu unterhalten.
Josiah schob die Unterlippe vor; er tat ganz ernst. »Ich
verbürge mich für den Charakter dieser Frau. Sauber wie
frischgefallener Schnee. Rein wie ein Gebirgsbach. Ehrlich wie
Abe Lincoln. Könnten wir sie doch nur bestechen.«
»Gebt euch mehr Mühe.« Harry lächelte.
Er holte seine Post und rief um die Ecke: »Kann ich
irgendwas tun, um dich von Officer Cooper zu befreien? Nicht
daß wir Sie nicht wirklich gern haben, Officer Cooper, aber Sie
werden das Sexualleben des ar
men Mädchens ruinieren.«
»Welches Sexualleben?« fragte Harry.
»Eben.« Josiah kam wieder an
den Schalter. Sein Ton wurde
ernster. »Geht’s dir gut?«
»Bestens.«
»Ich nehm dich beim Wort.« Er zögerte, senkte die Augen,
hob sie dann wieder. »Was von Stafford gekommen?«
»Nicht daß ich wüßte, und Mim ha
t mir zu verstehen gegeben,
daß ich bei ihr untendurch bin, aber das ist sie bei mir auch, die
hochnäsige Zicke.«
noch ein bißchen stiller, könnte ma
Koma.«
»Wann wird er sich zeigen?« fragte Harry.
»Mama plant eine kleine
im Farmington Country
Club, aber sie verschiebt den Termin immer wieder. Sie ist
nervöser, als sie sich anmerken läßt, wegen… dieser Sache.«
»Sind wir das nicht alle?« Harry schob den Stempelhalter hin
melierten Haare. »Ja – aber ich
denke lieber nicht daran. Ich kann es sowieso nicht ändern.«
Die Ohren gespitzt, um Mäusegeräusche aufzufangen,
durchstreifte Mrs. Murphy die
im Postamt gewesen. Als sie nach Hause kamen, war Mrs.
Sie schlug mit dem Schwanz. Seine blumige Sprache machte
sie ungeduldig. Er fuhr fort:
»Was?«
Mrs. Murphys Ohren zuckten; ihre Schnurrhaare
schnellten nach vorn. Jeder Muskel war gespannt.
»Ich war nahe beim alten Greenwood-Tunnel auf der Jagd.
Ein Kaninchen kam aus dem Tunnel geflitzt, und ich verfolgte
es bis zu Purcell McCues Hof. Dort kam der verdammte
Apportierhund mit triefender
Schnauze rausgelaufen, und ich
»Bist du auf einen Baum rauf?«
direkt unter seiner Nase vorbeigesaust und dann nach Hause
gegangen. Dann fiel mir ein, was du gesagt hattest, und ich bin
hergekommen.«
»Der Tunnel ist versiegelt.«
»Aber ich hob das Kaninchen rauskommen sehen.«
»Erinnerst du dich genau, wo?«
»Es ist ziemlich schnell gerannt, aber ich glaube, es war in
Bodennähe. Da ist alles mit Laub bedeckt. Schwer zu sehen.«
»Woher weißt du, daß es sich nicht im Laub versteckt hatte
und du es rausgescheucht hast?«
»Ich schwöre, ich sah es aus einer Öffnung unten am Boden
flitzen. Ich kann’s nicht ganz sicher sagen, aber egal – ich
dachte, es interessiert dich vielleicht.«
»Das tut es, Paddy. Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür
»So nicht.«
Mrs. Murphy gab ihm einen Klaps hinter die
»Komm, wir erzählen es Tucker.«
cker hinunter. Das Gespräch
»Wir müssen hin!«
überschrie Tucker die Stimmen der
»Das ist die einzige Möglichkeit, es rauszukriegen.«
»Ich weiß, daß wir hinmüssen, aber es ist eine gute
»Wie wollt ihr sie überhaupt dazu kriegen, sich den Tunnel
Menschen standen bei Paddy nicht hoch im
»Harry kapiert, wenn man’s ihr oft genug sagt.«
verteidigte ihre Freundin.
»Wenn uns bloß was einfällt
»Noch mehr tote Vögel und Maulwürfe?«
Mrs. Murphy sprang auf den Wassertrog.
Fotokopien. Versuchen wir’s mal damit, wenn wir wieder
Tuckers wäßrigbraune Augen trübten sich.
fuchsteufelswild werden.«
»Lieber auf die Palme gehen als unter die Erde kommen«,
sagte Paddy trocken.
»Ich sollte quaken lernen, weil
ich nämlich die nächsten drei
Tage nur noch watscheln kann.« Officer Cynthia Cooper rieb
sich den Magen, als sie hinter Harry ins Haus trat.
»Mim gibt ein Vermögen für ihre Köchin aus, und Susan
Tucker kocht viel besser – und dazu noch umsonst.« Harry warf
»Nein, ich schlafe in Ihrem
Zimmer, und Sie schlafen im
herumschleicht, kommt er oder sie zuerst in Ihr Schlafzimmer.«
»Sie glauben doch nicht wirklich, daß der Mörder sich mitten
in der Nacht hier anschleicht, bloß weil er weiß, daß ich das
Postkartensignal entschlüsselt habe?« Harry wollte sich gern
selbst ein bißchen Mut machen.
»Es ist unwahrscheinlich, aber an diesen Verbrechen ist ja
alles unwahrscheinlich.«
»Mir nach!«
rief Mrs. Murphy über die Schulter. Sie sauste in
Harrys Schlafzimmer, stieß eine Lampe um und warf die
Fotokopien auf den Schlingenteppich.
»Juhuu!«
Tucker gab vor, Mrs. Murphy zu jagen.
»Soll ich die
mte Harry ins Schlafzimmer.
Mrs. Murphy hüpfte auf die Matratze, schlug einen
Der Musselinstoff an der Unterseite der Matratze hing
einladend herunter. Von Zeit zu Zeit pflegte sich Mrs. Murphy
»Sie ist so schon wütend genug.«
»Eine echte Komödiantin.« Harry ging ebenfalls auf die Knie.
»Wenn du hier drunter öfter saubermachen würdest, hättest
du es längst gemerkt«,
»Die Lampe war nicht nur nicht wertvoll, es war die
scheußlichste Lampe weit und breit. Ich bin bloß nie dazu
gekommen, eine anständige zu
kaufen. Ich habe ja kaum noch
Zeit zum Zähneputzen und zum Essen.«
»Hmm«, sagte Cooper.
stöhnte Mrs. Murphy.
hrend sie half. »Wo haben Sie
die gefunden?«
»Das wissen Sie ganz genau. Oder informiert Rick Shaw Sie
nicht über alles?«
»Oh, das hier und dieser Ordner, sind das die Sachen, die Sie
aus Maudes Pult geklaut haben? Darüber hat er sich wirklich ins
Hemd gemacht.« Sie kicherte.
»Ja.« Harry legte die Papiere
»Unser Sheriff will alles wissen. Er ist ein guter Sheriff.« Sie
»Welchen Brief haben Sie da?« Harrys Knie knackten, als sie
»Vom 4. November 1851. An den Präsidenten und die
Direktoren, Amt für öffe
Ingenieurbüro der Blue Ridge Railroad Company.«
»Zu schade, daß er nicht mit
›Lieber Schatz‹
beginnen konnte
hätte«, bemerkte Harry. »Ich gl
aube, in dem Brief geht es um
die Behelfsbrücke bei Waynesboro, damit die Männer das
Material über die Berge schleppen konnten.«
»Ja, das ist der Brief. Kaum zu glauben. Der ursprüngliche
»Eine andere Welt.« Harry reic
hte Officer Cooper ein anderes
Blatt. Die Deckenlampe warf einen matten Schatten auf die
blonden Haare der Polizistin. »Der hier ist interessant.« Sie fing
»8. November 1853. Er hat viel
im November geschrieben,
nicht?« Sie las weiter. »… wurden wir plötzlich vom Ausbruch
einer großen Wasserader überrascht, weswegen wir gezwungen
waren, Kräfte von der Arbeit abzuziehen und zum Pumpen
abzustellen, bis wir Maschinen
für denselben Zweck beschaffen
»Tunnels graben ist eine gefähr
liche Arbeit, und damals gab
es noch kein Dynamit, müssen Sie bedenken. Er baute eine
Unterführung, um das Wasser abzupumpen, und das war die
längste Unterführung, von der je
Mrs. Murphy murrte.
Keine Ahnung.«
Tucker gähnte.
»Er ist am 31. Dezember 1789 geboren, also muß das kurz vor
seinem sechsundsechzigsten Geburtstag gewesen sein.«
»Und da hat er diese körperlichen Strapazen noch
durchgestanden? Er muß unglaublich zäh gewesen sein.«
»Keine Ahnung.«
»Er hat die erste Tafel in West Point eingeführt. Er begann
dort 1816 zu unterrichten. Können Sie sich einen Unterricht
ohne Tafel vorstellen? Amerika muß primitiv gewesen sein.
Das Bildungsniveau in West Point war so niedrig, daß er seinen
Schülern Mathematik beibringe
n mußte, bevor er sie in
Maschinenbau unterrichten konnte. Ein Wunder, daß wir den
Mexikanischen Krieg nicht verloren haben.«
»Offenbar hat er den Bildung
sstandard angehoben. Lee war
»Ich weiß. Das weiß jedes brave Südstaatenkind – und es
weiß von Stonewall Jacksons Talschlacht. Und daß ›Jedermann‹
drauf gekommen?«
»Sie sind aufgedreht. Der viel
e Zucker in Susans Sauce zu
dem Kalbfleisch.«
»Schon möglich. Hier, der ist mir der liebste.« Harry zog
einen Brief aus dem unordentliche
»Glauben Sie, daß in einem de
r Tunnels ein Schatz liegt?«
»Oh – das würde ich gern glauben.« Harry krümmte ihre
»Auto! Auto! Auto!«
»Licht aus!« befahl Officer Cooper. »Legen Sie sich auf den
Boden!«
Harry warf sich so fest auf den Boden, daß sie einen Moment
lang keine Luft mehr bekam und sich Nase an Nase mit Mrs.
Mrs. Murphy gab dem Hund einen Stoß.
»Wir wissen, daß draußen ein Auto ist. Du sicherst die
Tucker tat wie geheißen. Offi
cer Cooper drückte sich flach
neben die Eingangstür.
Die Wagentür schlug zu. Schritte klapperten zur Haustür.
Einen langen, quälenden Augenb
Ein lauteres Klopfen, gefolgt von: »Harry, bist du da?«
»Ja«, rief Harry aus dem Schlafzimmer. »Es ist Boom Boom
Craycroft«, sagte sie zu Officer Cooper.
»Bleiben Sie auf dem Boden!« schrie Cooper.
»Harry, was ist los?« Boom Boom hörte Cynthia Coopers
Stimme, erkannte sie aber nicht.
»Bleiben Sie, wo Sie sind. Heben Sie die Hände hinter den
Kopf.« Officer Cooper knipste
das Verandalicht an und
Boom mit hinter dem Kopf
Mrs. Murphy folgte Officer
Cooper auf den Fersen. Wenn
Harry, auf allen vieren, spähte um die Schlafzimmertür.
Boom Boom erhaschte einen Blick auf sie. »Harry, ist alles in
Ordnung?«
»Klar. Boom Boom, was machst du hier?«
»Darf ich reinkommen?« Boom
»Wenn Sie die Hände hinter dem Kopf behalten.«
Boom Boom trat ins Haus, und Cooper schloß die Tür hinter
ihr, die Waffe noch im Anschlag. Boom Boom hatte Harry eine
Menge erzählen wollen, aber in Officer Coopers Gegenwart
Zerknüllte Bögen gelbes Karopapier, die mit Bleistift
eingekreisten Kilometerangaben ve
»Ich habe die Fahrten der Lastwagen mit der Abschreibung in
Maries Ordner verglichen. Sie stimmen nicht überein«, erklärte
Boom Boom. »Und diese Rechnung
ist nirgends abgebucht.«
Sie brachte eine verblichene
Rechnung über eine Riesenmenge
Epoxyd und Harzlack zum Vorschein. Die Rechnung kam aus
»Vielleicht bedeuten die Mehr
kilometer bei den Wagen, daß
sie die Ware wieder hierher zurücktransportiert haben?« meinte
Harry.
»Es sind drei Stunden bis Greensboro und drei Stunden
zurück. Wir haben hier Tause
nde von Kilometern vor uns.«
Boom Booms blaß-mokka lackierter Fingernagel pinnte die
lange Zahlenreihe fest wie ei
»Stimmt. Aber ich habe sie von Maries Zahlen abgezogen,
von diesen hier abgezogen,
und dabei kam für den großen L
astwagen ein Durchschnitt von
»Herrgott, das ist wirklich ei
ne Menge Harz.« Harry schob
ihren Stuhl zurück. »Möchte jemand was trinken?«
»Nein danke«, sagten beide.
»Er hat nicht Harz und Epoxyd tr
ansportiert. Darüber habe ich
eine einzige Rechnung gefunden. Ich meine, es könnten noch
mehr dasein, aber ich hab nur die eine gefunden, deshalb denke
ich, er hat in dem großen Last
»Boom Boom, anderthalbtausend
»Wenn Kelly Rauschgift versc
hoben hat, war er bestimmt
schlau genug, es als was anderes zu tarnen.« Harry hatte Kelly
immer gern gemocht. »Und er hat die Laster oft gefahren. Er
war gern im Freien, er liebte körperliche Arbeit. Ich vermute, er
Steroide. Damit hätte er die Südamerikaner umgangen. Die
»Er hatte früher schon mal mit Rauschgift zu tun, nicht?«
fragte Harry.
Boom Boom sagte nichts.
nicht vorgehen«, sagte Coop.
Boom Boom seufzte. »Er hat es aufgegeben. Er hat aufgehört,
das Zeug zu nehmen. Er sagte immer, zwischen den
Drogenbaronen und hohen Regi
erungsbeamten bestünde eine
geheime Absprache über den Drogenhandel. Die bestechlichen
»Was?« fragte Boom Boom.
»Eine legale Droge. Die am we
»Wir hier in Virginia wissen alles über Tabak.« Harry
»Hinter dem Rahmen des Posters, das er an der Wand hatte.
Du weißt doch, das, wo die Ente mit einem Drink in ihrem
Liegestuhl sitzt, und über ihrem Kopf sind Einschußlöcher. Dort
»Ich muß das beschlagnahmen.« Cooper griff nach den
Papieren in Harrys Hand.
»Ich möchte nicht, daß irgendwas hiervon in die Zeitung
kommt. Wenn Sie endlich herauskr
iegen, wer der Mörder ist,
kriegen Sie auch heraus, was sie tatsächlich gemacht haben. Die
bisherige Publizität war aufreibend genug. Mir reicht’s!«
»Ich kann die Presse nicht kontrollieren, Boom Boom«,
erwiderte Cooper wahrheitsgemäß.
»Das ist Ricks Sache, Officer Cooper hat damit nichts zu tun«,
erinnerte Harry Boom Boom.
»Bitte tun Sie, was Sie können«, bat Boom Boom.
»Ich werde mich bemühen.«
Boom Boom ging. Harry und die Polizistin sahen sie die
Zufahrt hinunterfahren.
Mrs. Murphy, die der Unterh
altung höflich zugehört hatte,
stieß einen lauten Schrei aus.
»Geht zu den Tunnels. Deshalb
Hab ich die Papiere auf den Boden geschmissen. Es lohnt sich,
genauer hinzusehen.«
»Die hat Lungen.« Cooper grinste.
»Du hast heute abend bei Susan die Reste gekriegt.« Harry
sprach mit ihrer Mutterstimme.
Tucker schnupperte an Mrs. Murphys Schwanz, der über den
»Spar dir deine Worte.«
»So was Empfindsames«, sagte Cooper, während Tucker die
»Wie Menschen«, sagte Harry.
Am nächsten Morgen um Viertel vor acht klingelte im Postamt
»Haben Sie den Mörder schon erwischt?« dröhnte Mrs.
Hogendobbers Stimme.
»Wie geht es Ihnen?« Harry war erstaunt, daß Mr.
Hogendobbers Anruf sie so freute.
»Ich langweile mich, langweile mich, langweile mich. Vom
Tod bedroht zu sein ist nichts gegen die Qual, nicht auf dem
laufenden zu sein. Haben Sie ihn erwischt?«
»Nein.«
»Irgendwelche Anhaltspunkte?«
»Ja.«
»Sagen Sie’s mir. Ich bin weit weg, ich kann nichts
»Hebe dich weg von mir, Satan.«
»Mary Minor Haristeen, wie können Sie es wagen, mir mit
einem solchen Zitat zu kommen? Ich bin erschüttert über Ihren
Verdacht, daß ich Sie hätte vers
uchen wollen. Ich versuche nur
»Sie sind weit weg; Rick Shaw kann Ihnen das Leben nicht
zur Hölle machen. Aber mir, wenn ich was ausplaudere.«
»Doch, bei meiner Seele, es stimmt. Sie wissen, ich würde
verlauten lassen, und ich habe
»Mrs. Hogendobber, ich kann nicht so frei sprechen, wie ich
»Oh, ich verstehe.« Mrs. Hoge
ndobbers Stimme drückte ihre
Begeisterung über die Entwickl
ung aus. »Jemand, den wir
kennen?«
»Ja, aber nicht aus dem engsten Kreis.«
»Reverend Jones.«
»Er ist ein reizender Mensch, aber er gehört nicht meiner
Konfession an. Für mich zählt er nicht zum engsten Kreis.«
»Von uns geht fast keiner in Ihre Kirche. Ich bin
Episkopalin.«
»Jeder Engel fällt mal.«
»Harry, über solche Themen scherzt man nicht. Und es dauert
mich, daß Sie sich nicht zum Licht bekehren. Deswegen nennen
»Ja, Ma’am.«
»Wer ist bei Ihnen? Jemand,
»Ich glaube nicht. Es ist Officer Cooper.«
»Tatsächlich?« Die rauhe Stimme klang plötzlich viel höher.
»Ich will nach Hause.« Mrs. Hogendobber hörte sich an wie
ein unglückliches Kind.
»Wir möchten auch, daß Sie nach Hause kommen.« Harry
dachte bei sich: Manche von uns möchten es. Harry vermißte
»Ich rufe morgen wieder an. Meine Nummer darf ich Ihnen
nicht geben. Wiedersehen.«
»Wiedersehen.« Harry legte auf.
»An der Tür steht noch eine.«
Harry lächelte und schwieg, während sie Mim Sanburne, die
ungewöhnlich früh dran war, die Tür aufschloß. Mim blieb kurz
»Guten Morgen, Mim.« Harry fand, eine Lektion in guten
Manieren könnte amüsant sein.
Big Marilyns von Meisterhand ergrautes Haar reflektierte das
Licht. »Stehen Sie unter Hausarrest?«
»Laß alles stehen und liegen und komm in den Laden«, sagte
Josiah zu Harry. »Ich habe ein Wunder vollbracht.«
»Ich komm rüber, wenn Larry mich in der Mittagspause
»So macht es keinen Spaß. Wir sollten jetzt gleich gehen – je
mehr, desto lustiger.« Mit einer großzügigen Gebärde schloß er
Mim und Officer Cooper mit ein.
»Mit Vergnügen«, sagte Mim ohne Überzeugung.
Susan kam gleichzeitig mit Rick Shaw vorgefahren.
»Hallo«, rief Susan.
Rick Shaw folgte ihr auf dem Fuße.
»Ich brauch heute Begleitung beim Reiten«, sagte er. »Ich
dachte an Sie, Harry.«
»Okay – aber ich bin sicher, daß wir vor Hitze zerschmelzen
Rick schob sich hinter den Schalter und nahm Boom Booms
Papiere von Office Cooper entgegen. Er gab sich keine Mühe,
die Unterlagen zu verstecken, aber
er machte auch nicht darauf
aufmerksam. »War sie ein braves Mädchen?« Er nickte zu
Harry hinüber.
»Kreuzbrav.«
»Officer Cooper, wie lange wollen Sie Harry noch
beschatten? Werde ich je eine Chance zu einem intimen
»Nur wenn Sie das Kochen übernehmen«, gab Officer Cooper
prompt zurück.
»Wo ist Mrs. Murphy?« fragte Susan.
»Sie schmollt im Postbehälter«, sagte Harry.
»Sheriff Shaw, möchten Sie sich den Laden ansehen, bevor
ich eröffne? Er ist nicht wied
erzuerkennen«, beharrte Josiah.
Das stimmte. Harry schaute nach dem Mittagessen vorbei,
oder vielmehr nach dem, was als Mittagspause begann und als
Maudes Laden hatte sich in einen Ausstellungsraum mit
und doch ländliche Mixtur, die Josiahs Stärke war. Das
Verpackungsmaterial war im Hi
nterzimmer arrangiert und sah
ebenfalls einladend aus. Officer Cooper kramte herum. Sie
liebte Antiquitäten.
»Du bist bedrückt, Süße. Was ist los?« Josiah schob sich an
Harrys Seite.
»Ach, Fair und Boom Boom waren in der Pizzeria. Es ist
Er legte ihr den Arm um die Schultern. »Harry, jeder, der je
aus Liebe starb, hatte es verdient. Es gibt noch mehr von der
Sorte auf der Welt, und außerdem hast du schon viel zuviel Zeit
»Scheint mir auch so.«
Officer Cooper ließ sich in ei
nem gemütlichen Schaukelstuhl
nieder, um die Diskussion besser genießen zu können.
»Morgen ist ein neuer Tag,
heller und schöner.« Er wandte
sich an Cooper. »Sie und ich we
sehe, haben Sie einen erlesenen Geschmack. Aber sagen Sie, ist
meine Lieblingsposthalterin tatsächlich in Gefahr?«
»Das kann ich nicht beantworten.«
Josiah zog Harry noch näher an sich. »Ich bin nicht von
weggeschickt worden. Wenn sie sozusagen im Urlaub ist und
Officer Cooper schlug die Beine übereinander. »Ich weiß, Sie
haben längst mit Rick gesprochen, aber um mich
zufriedenzustellen – was glauben Sie, wer der Mörder ist?«
»Ich weiß es nicht, das ist ja das Frustrierende… es sei denn,
es war Mrs. Hogendobber, und Sie haben sie eingesperrt, um zu
»Irgendeine Idee, was das Motiv angeht?« fragte Harry.
»Eine Art Groll, nehme ich an.«
»Warum sagen Sie das?« Offi
»Er hat die Leichen irgendwie erniedrigt. Ich meine, das zeugt
von einem starken Gefühl. Wut, vi
hat einen Korb bekommen.«
»Du bist ein Romantiker. Ich glaube, es ging schlicht und
einfach um Geld.« Harry verschränkte die Arme über der Brust.
»Und die Verstümmelung der Leichen dient dazu, uns von der
Hauptsache abzulenken.«
»Welche wäre?« Josiah hob die Augenbrauen.
»Verdammt, wenn ich das wüßte.« Harry warf die Hände in
»Nein. Es wäre fatal, wenn du es wüßtest, denn dann würde er
dich umbringen – nach deiner
Ansicht. Nach meiner Ansicht
bist du vollkommen sicher.«
»Hoffen wir, daß Sie recht ha
ben.« Officer Cooper lächelte
Mrs. Murphy, Tucker und Pewter rekelten sich unter dem
Pewter schlug auf eine rote Ameise ein, die durchs Gras
»Schwarze Ameisen gehen ja noch, aber diese kleinen
»Immer noch besser als Flöhe.«
Mrs. Murphy lag auf dem
Rücken, alle vier Beine in der Luft, den Schwanz ausgestreckt.
»Magst du Menschen?«
»Nicht besonders. Ein paar mag ich. Die meisten nicht«,
»Warum?«
Mrs. Murphy verdrehte den Kopf, um Pewter
besser ansehen zu können. Sie blieb auf dem Rücken liegen.
»Man kann ihnen nicht trauen. Himmel noch mal, sie können
sich nicht mal gegenseitig trauen. Nimm zum Beispiel
eine
Katze. Wenn du in das Revier einer anderen Katze gerätst,
merkst du es sofort. Sofern es keinen wichtigen Grund gibt, dich
dort aufzuhalten, verziehst du dich. Die Grenzen sind klar. Bei
Menschen ist nichts klar, nicht mal die Paarung. Ein Mensch
paart sich oft mit einem anderen Menschen wegen der
gesellschaftlichen Anerkennung, selten mit dem, der für ihn der
Richtige ist. Menschen sind eh
er wie Schafe als wie Katzen. Sie
sind leicht zu leiten, und sie gucken nicht, wo sie hingehen, bis
»Nicht alle sind wie Schafe«,
»Nein, aber die meisten, da stimme ich Pewter zu«,
warf Mrs.
Murphy ein.
alle miteinander. Ich will bloß nicht mit untergehen, falls du
Pewter peitschte mit ihrem Schwanz
»Die Bombe ist es ja gar nicht.«
Mrs. Murphy schüttelte sich
Leib und Seele.«
»Sie wollen einfach nicht einsehen, daß auch sie eine Tierart
Pewter gluckste, ein Ton, der um eine Nuance heller war als
»Ja, Harry ist ein Pfundskerl. Wir sollten sie zur
Ehrenkatze ernennen.«
»Oder zum Ehrenhund«,
ergänzte Tucker.
»Sie sagt, Katzen
und Hunde sind die Laren und Penaten eines Hauses, seine
Schutzgeister. Harry steht auf Mythologie, und der Vergleich
Harry und Officer Cooper gingen zum Fliederstrauch hinüber.
»Ein Katzen-Kränzchen.« Harry kraulte Pewter am
Schwanzansatz. Tucker leckte
ihre Hand. »Entschuldige, ein
Bob Berryman war stolz auf seine Konstitution. Mit Anfang
Unmittelbar vor ihrem Tod war Maude auf dieser Strecke
gejoggt. Einmal die Woche lief sie den Weg an den Schienen
entlang. Sie wechselte ihre Laufrouten gern. Sie sagte, sonst
wäre es ihr langweilig. Sie lief die Bahnstrecke jedoch nicht
öfter als andere Joggingrouten. Er war sie alle abgelaufen, mit
Ozzie auf den Fersen.
Er hatte nie den Eindruck geha
bt, daß Kelly und Maude sich
nahestanden. Hier kam er nicht weiter. Er nahm sich im Geist
Ein warmer Wind peitschte sei
ne schütteren Haare, ein
Erst um zehn Uhr an diesem Abend, in der Stille seines
Die Kraxelei in Richtung Tunnel, tückisch in der Dunkelheit
auf dem überwucherten Schienenstrang, brachte ihn bald zum
Keuchen. Ozzie, dessen Sinne viel schärfer waren als die seines
Herrn, witterte einen anderen Menschengeruch. Er sah den
fahlen Schimmer an der unteren
Licht durch das Laubwerk drang. In dem Tunnel war jemand.
Ozzie bellte seinem Herrn eine
Warnung zu. Er hätte besser
geschwiegen. Das Licht wu
rde unverzüglich gelöscht.
Berryman lehnte sich an die versiegelte Tunnelöffnung, um zu
verschnaufen. Ozzie hörte den Menschen durch das dichte
Gebüsch schleichen. Er sauste
Berryman, der immer zuerst an seinen Hund dachte und dann
an sich selbst, lief zu der Ste
Er brach durchs Gebüsch und erblickte den Mörder.
»Du!«
Innerhalb einer Sekunde war auch er tot.
Rick Shaw, Dr. Hayden McIntire sowie Clai Cordle und Diana
»Können Sie schon irgendwas sagen?« fragte Rick Hayden.
»Sechs Stunden. Der Untersuchungs
richter wird es genauer
feststellen lassen, aber mehr als sechs sind es nicht, vielleicht
Rick nickte. Er griff nach dem Mobiltelefon in seinem
Dienstwagen und wies die Zentrale an, ihn mit Officer Cooper
zu verbinden.
»Coop. Schon wieder einer. Bob Berryman. Aber diesmal war
Mrs. Murphy und Tucker erfuhren die Neuigkeit von der
Stadtschreierin Pewter. Die dicke graue Katze, die gewöhnlich
im Schaufenster schlief, hatte
den Wagen am frühen Morgen in
der Nähe gehört. Für Pewter war es nichts Besonderes, vor
Morgengrauen Personen- und Lieferwagen zu hören.
»Hätte ich es nur gewußt, dann wäre ich auf die Gefriertruhe
»Du konntest es aber nicht wissen«,
»Armer Ozzie«,
seufzte Mrs. Murphy. Der riesenhafte Hund
hatte ihre Geduld oft auf eine harte Probe gestellt, aber nie hätte
sie ihm den Tod gewünscht.
Das Postamt verwandelte sich nach und nach in ein Tollhaus.
Rob Collier mußte sich durch einen Verkehrsstau kämpfen,
um die Post abliefern zu können. Er schmiß die Säcke auf den
Boden und knallte rasch die Tür hinter sich zu, weil ein
Journalist sich hineinzudrängen suchte.
»Vielleicht sollten wir die Fenster vernageln«, sagte Harry.
Mrs. Murphy, Tucker und Pewter kratzten an der Hintertür.
Officer Cooper ließ sie rein. »Ich glaube, Ihre Kinder waren mal
»Nicht einen Moment länger bl
eibe ich im Laden drüben!«
klagte Pewter.
»Da kann man sich nicht mal umdrehen.«
»Du bist lange genug geblieben,
um deine Visage vor alle
Fernsehkameras zu halten«,
bemerkte Mrs. Murphy.
»Mädels, Mädels, beruhigt euch.« Harry kippte ihnen eine
Runde Trockenfutter in einen Napf und ging wieder nach vorn.
Rob starrte aus dem Fenster. »Im Radio haben sie gesagt, daß
der Mörder ein Zeichen hinterläßt und daß Rick deshalb weiß,
daß es derselbe war. Bob Berryman… nun, meine Damen,
wenigstens hat er den Weg ins Jenseits mit
Höchstgeschwindigkeit zurückgelegt.«
Officer Cooper trat neben ihn.
»Wir leben in einem seltsamen
Land, nicht? Wir interessieren uns mehr für schlechte
Nachrichten als für gute. Glauben Sie, all die Reporter wären
hier, wenn jemand ein Kind vor de
»Die Lokalpresse vielleicht. Das war’s aber auch schon
gewesen.« Rob wandte sich Harry zu. »Bis heute nachmittag.
»Paß gut auf dich auf, Rob.«
»Ja. Und du auf dich.« Er stieß die Eingangstür auf und schloß
»Harry«, tönte die bekannte Stimme. »Ich habe gerade die
Fernsehnachrichten gesehen. Bob Berryman!«
»Mrs. Hogendobber, die Welt ist verrückt geworden«, sagte
Harry. »Kommen Sie nicht nach Hause. Was auch geschieht,
bleiben Sie, wo Sie sind.«
»Die Zeiten, die Sitten. Die Menschen haben Gott verlassen,
Harry – aber er hat uns nicht verlassen. Es wird Zeit für eine
neue Ordnung.«
»Ich hatte immer den Verdacht, daß die Frauen sich unter
einer neuen Ordnung immer noch an ihrem alten Platz
wiederfinden.«
»Feminismus! Sie denken in Zeiten wie diesen noch an
Feminismus?« Mrs. Hogendobber war bestürzt und zugleich
wütend, weil sie sich so weit vom Ort des Geschehens entfernt
»Ich rede nicht von Feminismus, sondern davon, wer Ihre
»Nein – aber wir steuern eine ganze Menge bei, Harry, eine
ganze Menge.«
»Das ist nicht dasselbe, wie die erste Geige zu spielen oder an
der Macht zumindest teilzuhaben.« Susan klopfte ans Fenster.
Harry klemmte den Hörer zwischen Schulter und Ohr und
machte mit den Händen ein Zeiche
n, daß sie gleich fertig sei.
»Mrs. Hogendobber, entschuldigen Sie. Ich bin so
durcheinander. Die Reporter sind eingefallen, eine Landplage.
Ich lasse es an Ihnen aus. Vergessen Sie alles, was ich gesagt
habe.«
»Ich ruf morgen wieder an. Bye-bye.«
Harry legte den Hörer auf. Officer Cooper ließ Susan herein.
»Jesus, Maria und Josef. Wenn der Mörder wider Erwarten
sollen wir bloß machen? Ich mußte zu Fuß herkommen. Da
draußen ist alles verstopft.«
»Weißt du« – Harry schob Susan einen Postsack hin, zum
Teufel mit den Vorschriften – »ich glaube, der Mörder genießt
Officer Cooper schnappte sich einen Postbehälter. »Das
glaube ich auch.«
»Also, ich hab eine Idee.« Harry winkte Susan und Coop nahe
zu sich heran. Sie flüsterte: »Spielen wir ihm unsererseits einen
»Du machst Witze.« Susan fuhr sich unwillkürlich mit den
Händen an die Brust, wie um sich zu schützen.
»Nein, überhaupt nicht. Keiner weiß von den Postkarten, nur
ich und du und Rick und Coop.
Die anderen wissen von einem
Signal, aber sie wissen nicht, was es ist. Oder glauben Sie, Rick
hat es sonst noch jemandem erzählt?«
»Wir machen niemandem Angst, außer dem Mörder«, sagte
Harry. »Er hat keine Ahnung, wer ihm die Postkarte geschickt
hat. Aber er wird merken, daß auch wir unser Spiel mit ihm
treiben.«
»Du tätest verdammt gut daran zu hoffen, daß er nicht
rauskriegt, wer wir sind.« Susan verschränkte die Arme.
»Wenn er dahinterkommt, werden wir’s wohl ausfechten
müssen«, erwiderte Harry.
»Harry, das können Sie vergessen.
Er wird Sie sehr schnell
»Okay, okay, ich sollte nicht so großspurig daherreden. Er hat
Vielleicht findest du noch andere.«
»Ich mach’s, aber ich hab Angst«, gestand Susan.
Rick ging die Wände hoch. Er
hatte einen dritten Mord am
Hals, die Presse fiel über ihn her wie ein Stechmückenschwarm,
und Mary Minor Haristeen kam ihm mit einer hirnrissigen Idee
irgendwelchen Postkarten.
ßgelben Rosen beschäftigt war,
fuhr gelassen mit dem Sprühen fort. Bis er bei ihm angelangt
»Larry.«
»Sheriff. Ungeziefer wird die Welt regieren, da bin ich ganz
sicher.« Die Handspritze, mit
»Die könnte ich weiß Gott gebrau
»Hayden ist ein feiner Kerl.« Zisch, zisch. »Kennen Sie den
Spruch, ein neuer Arzt erfordere einen größeren Friedhof?«
»Nein, nie gehört.«
»Auf Hayden trifft das nicht
zu. Er hat sich auf unsere Art
eingelassen. Ist ja auch eigentlich kein Yankee. In Maryland
aufgewachsen. Junger Mann, glänzende Zukunft.«
»Ja. Wir werden wohl langsam alt, Larry, wenn uns
achtunddreißig jung vorkommt. Wissen Sie noch, daß es uns
Larry nickte und sprühte heftig weiter. »Banzai, ihr
verdämmten geflügelten Quälgeis
»Ich möchte Sie bitten, die Schweigepflicht zu brechen. Sie
müssen es natürlich nicht tun, aber Sie praktizieren ja nicht
mehr, da ist es vielleicht nicht so schlimm.«
»Einmal, in den sechziger Jahren, habe ich Miranda
wochenlang ununterbrochen gepla
ppert. Das war ein Fehler.
Trotzdem nahm sie in zwei Jahren nur zwei Pfund ab. Mim hat
ein Nervenleiden.«
»Was für ein Nervenleiden?«
»Dies und das und sonst noch was. Die Frau hatte schon eine
Liste mit Beschwerden beieinander, als sie noch im Mutterleib
war. Kaum erblickte sie das Licht der Welt, hatte sie sie schon
»Eine Schwarze, Larry.«
»Als ich ein Kind war, war das ein Schimpfwort. Weißt du, es
ist furchtbar schwer, rückgängig zu machen, was man achtzig
hön, ich geb meinen Fehler zu.
Das hübsche Ding war das Beste, das Allerbeste, was Stafford
passieren konnte. Sie hat einen Mann aus ihm gemacht. Mim
war gefährlich nahe am Rand
eines Nervenzusammenbruchs.
Ich hab ihr natürlich Valium gegeben.«
»Könnte sie labil genug sein, um einen Mord zu begehen?«
Rick kam der Gedanke, daß sie ihr Pontonboot selbst
aufgeschlitzt haben könnte, um als Zielscheibe zu erscheinen.
»Das könnte jeder unter den rich
tigen Umständen – unter den
falschen, sollte ich vielleicht lieber sagen –, aber nein, das
glaube ich nicht. Mim hat sich wieder beruhigt. Oh, sie kann
bösartig sein wie eine sich häutende Schlange, aber sie ist nicht
»Haben Sie Kelly Craycroft behandelt?«
»Ich habe Kelly ins Drogenrehabilitationszentrum
eingewiesen.«
»Und?«
»Kelly Craycroft war ein faszinierender Mistkerl. Er erkannte
»Wie steht es mit erblichem Wahnsinn? In wessen Familie
liegt der?«
»Geben Sie her. Ich möchte auch ein paar erledigen.« Rick
attackierte die Käfer, ihre sch
dem Gift. Ein Surren, dann ein Spritzen, und die Käfer fielen
auf die Erde; die gepanzerten Hüllen machten ein leise
klirrendes Geräusch. »Und Harry? War sie mal krank? Labil?«
»Hat sich beim Hockeyspielen im College mal den Rücken
verrenkt. Immer wenn die Schmerzen mal wieder aufflammten,
hab ich ihr Motrin gegeben.
Ich glaube, Hayden gibt es ihr
heute noch. Harry ist ein kluges Mädchen, das nie den richtigen
Beruf gefunden hat. Trotzdem sche
halten doch nicht sie für die Mörderin, oder?«
»Nein.« Rick rieb seine Nase. Das Sprühzeug roch widerlich.
»Was meinen Sie, Larry?«
»Ich halte den- oder diejenige nicht für wahnsinnig.«
»Fair Haristeen hat für keine der Mordnächte ein Alibi… und
er, gibt es niemanden, der für ihn bürgt.«
»Wie sieht’s mit Zyanid aus? Wie schwer ist es herzustellen?«
»Ziemlich schwer, aber jemand mit medizinischen
lei Schwierigkeiten haben.«
»Auch ein Tierarzt nicht?«
»Auch ein Tierarzt nicht. Aber jeder intelligente Mensch, der
auf dem College einen Chemie
kurs belegt hat, kann es
Automechaniker haben Zugang zu Chemikalien, die, richtig
destilliert, tödlich wirken können. Man kann es im Spülstein
»Nein.« Ricks Stimme wurde hell vor Spannung.
Verhaftung würde die Presse und die Öffentlichkeit
beschwichtigen. Sie würde mög
licherweise auch Fairs Leben
ruinieren, wenn er nicht der Mörder war. Rick zog diesen
Mrs. Murphy lag ausgestreckt auf dem Hackklotz in Harrys
Küche. Ihr Schwanz wippte rhythm
isch auf und ab. Tucker saß
bei Harry am Küchentisch. Harry, Susan und Officer Cooper
beugten sich über die Postkarten und schrieben wieder und
wieder: »Schade, daß Du nicht hier bist.«
»Glückliche Familien«, sagte Harry.
»Ein Sohn in diesem Alter ist gar nicht so schwierig. Die
Kombination von Vater und Sohn, die ist das Problem.
Manchmal denke ich, Ned nimmt es Danny übel, daß er stärker
»Die alte Geschichte.« Cooper nahm sich die nächste
Vorderseite. »Wie viele noch?«
»Ungefähr hundertfünfundzwanz
Schließfächer, und wir nähern uns der Zielgeraden.«
»Warum so wenige?« fragte Susan.
»Sie wollen noch mehr?« Cooper war fassungslos.
»Die anderen haben keine Sc
hließfächer. Die meisten von
meinen Leuten wohnen mitten in der Stadt.« Harrys Zeige- und
Mittelfinger begannen zu schmerzen.
Während die drei Frauen weiterkritzelten, machte Mrs.
Murphy einen Schrank auf und kroch hinein.
Mrs. Murphy steckte den Kopf heraus.
»Ich riech die Gewürze
so gern. Hier drin ist ein Kräutertee, der erinnert mich an
Katzenminze.«
»Ich schätze, da oben ist nichts, was nach Rinderknochen
»Bouillonwürfel. Im Päckchen. Ich hol sie raus.«
untersuchte das Päckchen.
»Schade, daß wir Bob Berryman
nicht beschnüffeln konnten. Ob er auch diesen Geruch an sich
»Glaub ich nicht. Die Kugel hat ihn erledigt. Ich hob alle, die
ins Postamt kamen, untersucht, bloß für den Fall, daß sie den
Geruch an sich haben – so wie ihre Arbeitsgerüche. Rob riecht
»Nach uns. Unser Geruch umhüllt sie, aber sie weiß es nicht.
Ich sehe immer zu, daß ich mich an ihr reibe und auf ihrem
Schoß sitze, genau wie du. Das hält andere Tiere von dummen
Gedanken ab.«
Harry sah auf und erblickte Mrs. Murphy, die an dem
Bouillonpackchen knabberte. »Laß
das.« Die Katze sprang aus
dem Schrank, bevor Harry sie packen konnte.
»Damit kann man nichts mehr
»Fertig!« jubelte Officer Cooper.
Was herunterklappte war Harrys Kinnladen, als sie den
Sie zog ihre Schuhe an und schleppte Cooper zum Gefängnis.
Zu spät. Fair war schon wieder auf freiem Fuß. Ein Alibi war
das Harry ebenso aus der
Nachdem sie erfahren hatte,
daß Boom Boom Fair befreit
hatte, indem sie zu Protokoll gegebe
n hatte, er sei sowohl in der
Nacht von Kellys Ermordung wie auch in der Nacht von
Maudes Ermordung bei ihr gewesen, hatte Harry Susan noch
einmal angerufen.
Sie rief Ned an. Er sagte, sie solle sofort zu ihm kommen.
»… unüberwindliche Differenzen
. Das kannst du natürlich
»Mit anderen Worten, das wäre seine Strafe fürs
Fremdgehen.« Harrys Augen wurden wieder feucht.
»Aber es ist eine, oder nicht? Wegen Ehebruch zu klagen ist
ein Racheinstrument.« Sie ließ sich in den Sessel sinken. Ihr
Kopf schmerzte. Ihr Herz schmerzte.
Neds Worte waren wohlüberlegt. »Man könnte sagen, daß
zu einem Racheinstrument wird.«
hen Pause sprach Harry mit
fester, klarer Stimme: »Ned,
Scheidung in dieser Stadt zum öffentlichen Spektakel wird.
Dieses… dieses Ehebruchverfahren würde das Spektakel für
mich zum Alptraum und für die Mim Sanburnes dieser Welt zu
einem richtigen Affentheater machen. Weißt du« – sie blickte
zur Decke hoch – »ich kann nicht mal sagen, daß er unrecht
Der Freund in Ned war stärker als der Anwalt. »Sie kann dir
nicht das Wasser reichen, Harry. Du bist die Beste.«
Das brachte Harry erneut zum Weinen. »Danke.« Als sie sich
rt: »Was habe ich zu gewinnen,
»Du bist Klasse, Schätzchen.« Ned kam herüber, setzte sich
auf die Sessellehne und klopfte Harry auf den Rücken.
»Vielleicht.« Sie lachte ein wenig. »Gelegentlich bin ich
imstande, mich wie ein vernünftiger, erwachsener Mensch zu
benehmen. Ich will die Sache hinter mich bringen. Ich will mein
Pünktlich wie die Uhr rief Mrs. Hogendobber am nächsten
Morgen um Viertel vor acht wieder an, um sich den neuesten
Klatsch erzählen zu lassen. Pewter kam von nebenan zu
Besuch. Die gefüllten Schließfächer
Danny Tucker kam als erster, schaufelte die Post heraus, sah
sie aber nicht durch. »Schade, daß ich dich gestern abend nicht
gesehen habe. Mom sagte, du hattest mit Dad was
Geschäftliches zu besprechen gehabt.«
»Ja. Wir haben ein paar Dinge geklärt.«
In diesem Moment polterte Ned Tucker die Treppe herauf.
»Hallo allerseits.« Er schenkte Harry ein breites Lächeln, dann
sah er die Post in den Händen seines Sohnes. »Die nehm ich.«
Er blätterte sie rasch durch, blinzelte, als er die Postkarte sah,
las sie und sagte laut: »Das ist
Susans Handschrift. Was hat sie
Daran hatte Harry nicht gedacht. Sie hätten sich die Namen
besser aufteilen sollen. Sie war gespannt, wer sonst noch ihre
»Dad, ich bin wirklich brav gewe
Party.«
»Die Antwort ist nein.«
»Ach, Dad, bis Halloween könnte ich tot sein.«
»Schreiben Sie regelmäßig Briefe?« fragte Harry Coop.
»Nein. Und Sie?«
»Nicht oft. Das hier haben
wir jedenfalls vermasselt.«
»Hoffen wir, daß er keinem was davon sagt, außer Susan.
Möchte wissen, was sie ihm erzählt.«
»Das Geschäft blüht, aber ich würde lieber weniger verdienen
und dafür meinen Seelenfrieden wiederhaben. Wenn noch ein
einziger Reporter oder sadistischer Tourist in meinen Laden
trampelt, werde ich ihn eige
nhändig rausprügeln. Einer von
diesen Zeitungsschnüfflern hat meiner Tochter aufgelauert und
die Unverschämtheit besessen, sie zum Essen einzuladen. Sie ist
»Denk an
sagte Harry.
»Ich kenne keine Lolita, und wenn ich eine kennen würde,
würde ich ihr raten, ihren Namen zu ändern.«
»Ich geh nicht nach Hause, bis seine Laune sich gebessert
erklärte Pewter ihren Gefährtinnen.
Mrs. Murphy leckte
Fair kam ein wenig linkisch herein. »Meine Damen.«
»Fair«, erwiderten sie gleichzeitig.
»Hm, Harry.«
»Himmel, was ist denn das?« Er ging zu Harry und reichte ihr
»Ein hübsches Bild von Jeffersons Gedenktafel.«
›Schade, daß Du nicht hier bist‹
«, las Fair laut vor. »Tom
meint vielleicht, ich sollte ihm Gesellschaft leisten. Das tun ja
inzwischen einige andere au
ch; ich glaube, ich hab einen
»Warum sagen Sie das?« fragte Officer Cooper.
»Die Leute kleben so am Althergebrachten. Ich meine, der
Mann verkörperte fortschrittliches Denken, in der Politik, in der
Architektur. Seit seinem Tod haben wir keine Fortschritte mehr
gemacht.«
»Du hörst dich an wie Maude Bly Modena«, bemerkte Harry.
»So? Kann schon sein.«
Fair funkelte Harry böse an. »Das war ein Schlag unter die
Gürtellinie.« Er stürmte hinaus.
»Herrje, es ist nicht mal zehn Uhr morgens. Ich bin gespannt,
wen wir sonst noch beleidigen
können.« Officer Cooper lachte.
»Das macht die Anspannung, und dann die vielen Reporter,
die einem auf die Nerven gehen. Und… ich weiß nicht. Die
Luft fühlt sich schwer an, wie vor einem Sturm.«
Reverend Jones, Clai Cordle, Diana Farrell und Donna Eicher
holten ihre Post ab. Daraus ergab sich nichts. Donna nahm auch
die Post für Linda Berryman mit.
Als sich das Postamt wieder geleert hatte, bemerkte Harry:
»Es war ziemlich geschmacklos von uns, eine Karte in Linda
Berrymans Fach zu stecken.«
»In diesem Fall rechtfertigt das Gemeinwohl so ziemlich jede
Hayden McIntire schaute vorbei. Auch er ging hinaus, ohne
Boom Boom Craycroft aber erfaßte die Bedeutung der Karte
drei Stapel teilte: Privates,
Geschäftliches, Postwurfsendungen. »Wie hübsch.«
»Ich hab auch eine gekriegt«, flunkerte Harry.
»Krankhafter Humor.« Boom Boom schürzte verächtlich die
Lippen. »Diese Morde stellen jede
den wir hier je hatten. Manchmal
aber ich bringe es nicht fertig, mich zu entschuldigen. Ich fühle
mich nicht schuldig.«
Als sie hinausging, bemerkte die verblüffte Harry, daß Mrs.
»Wir zahlen in diesem Land sogar Erbschaftssteuer. Natürlich
müßten Sie zahlen.«
»Wo drauf?«
Pewter konnte es nicht ausstehen, weniger zu
wissen als die anderen, deshalb weihte Tucker sie ein.
»Die Gewinne in Maudes Hauptbuch. Vielleicht hängen sie
mit dem stückweisen Verkauf des Schatzes zusammen.«
»Sind Sie von Sinnen?« Cooper lächelte. »Aber die Erklärung
ist so gut wie jede andere. Sie läßt nur die winzige,
unbedeutende Kleinigkeit außer acht,
Ich würde mir um ihn mehr Sorgen machen, wenn er
zurückkehrte, als um Thomas Jefferson. Stellen Sie sich vor, Sie
kommen zurück und sehen Ihr Lebenswerk, ein Meisterwerk
der Ingenieurskunst, versiegelt und vergessen.«
»Lassen Sie uns nach der Arbeit hingehen.«
»Gut. Machen wir.«
Mutter und Tochter, zwischen de
nen offensichtlich dicke Luft
Der leise Ton explodierte jäh, als Mim Little Marilyn die Post
aus der Hand riß. »Die nehme ich.«
»Ich kann die Post genausogut sortieren wie du.«
»Du bist zu langsam.« Mim blätterte hektisch die Post durch.
Die Postkarte drang kaum in ihr Bewußtsein. Sie hielt nach
»Mutter, gib mir meine Post!«
Josiah las seine Postkarte. Dolley Madisons Grabmal. Er
lächelte Harry an. »Ist das ein Scherz von dir?«
»Ich geb dir gleich deine Post.« Die Sehnen an Mims Hals
traten hervor.
Little Marilyn, das Gesicht purpurrot, schlug ihrer Mutter mit
dem Handrücken auf die Hände, und die Post flog durch die
Gegend. Mrs. Murphy sprang auf den Schalter, um zuzusehen,
»Ich weiß, wonach du suchst, Mutter, und du wirst es nicht
finden.«
Mim heuchelte Selbstbeherrsc
hung und bückte sich, um die
ließ seine Post auf dem Schalter liegen und trat zu ihr.
»Möchtest du nicht ein wenig frische Luft schnappen, Mim? Ich
heb das auf.«
»Ich brauche keine frische Luft. Ich brauche eine neue
»Schön. Dann hättest du
Kind mehr«, schrie Little
Marilyn sie an. »Du suchst nach einem Brief von Stafford. Du
wirst keinen finden, Mutter, weil ich ihm nicht geschrieben
habe.« Little Marilyn machte eine Pause, um Atem zu holen
und um der dramatischen Wirk
ung willen. »Ich habe ihn
angerufen.«
»Was hast du?« Mim sprang so schnell auf, daß ihr das Blut
aus dem Kopf wich.
»Mim, Liebling.« Josiah suchte si
e zu beruhigen. Sie stieß ihn
»Du hast richtig gehört. Ich habe ihn angerufen. Er ist mein
Bruder, und ich liebe ihn, und wenn er nicht zu meiner Hochzeit
kommt, dann kommst du auch nicht. Ich bin diejenige, die
»Wag es ja nicht, so mit mir zu sprechen.«
»Ich spreche mit dir, wie’s mir paßt. Ich habe immer alles
langweilig. Aber sie sind comme il faut. Ich heirate den
richtigen Mann. Wir werden zwei blonde Kinder haben, und sie
besuchen, den richtigen Sport
Harry, die kaum zu atmen wagte, hätte am liebsten
applaudiert. Officer Cooper sprangen fast die Augen aus dem
Kopf. So also benahm man sich in der oberen Mittelklasse? Die
»Liebling, laß uns das woanders besprechen, bitte.« Josiah
nahm sachte Mims Arm. Diesma
l ließ sie sich von ihm führen.
»Little Marilyn, wir reden später darüber.«
»Nein. Es gibt nichts zu reden. Ich heirate Fitz-Gilbert
Hamilton. Er ist nicht gerade au
fregend, aber er ist ein guter
Mensch, und ich hoffe von ganzem Herzen, daß wir unsere
Sache miteinander gut machen, Mutter! Ich möchte glücklich
sein, und sei es nur für einen Tag in meinem Leben. Du bist zu
meiner Hochzeit eingeladen. Die Frau meines Bruders wird
meine Brautführerin sein.«
»O mein
Mim wurde ohnmächtig.
Erst in den Stunden des schwindenden Lichts, als sich gegen
sieben Uhr abends lange, kupfe
Josiah und Officer Cooper hatten Mim wiederbelebt, Little
Marilyn war gegangen. Sofern si
e die verzweiflungsvolle Lage
ihrer Mutter bekümmerte, hatte sie es gut verborgen. Mim hatte
sie im Laufe der Jahre oft ge
Die Leibwache rieb Mim Amylnitrit unter die Nase, und als
zu sich kam, sagte sie: »Ich passe hier nicht mehr her. Mein
Leben ist wie ein altes Kleid.«
Für einen kurzen Augenblick bedauerte Harry sie.
Josiah kümmerte sich um Mim und brachte sie zu seinem
Den restlichen Tag über strömten Leute zum Postamt herein
und hinaus. Harry und Officer C
ooper hatten kaum Zeit, auf die
Zum Denken kamen sie später, als die Frauen, beide
»Die Leute haben mal Balken hier raufgeschleppt. Selbst mit
Maultieren war das eine elende Schufterei.«
Coop… Coop! Das hat Josiah zu
mir gesagt, nachdem er seine Karte gelesen hatte.«
»Na und? Ned hat Susans Handschrift erkannt.
›Schade, daß
Du nicht hier bist‹
»Begreifen Sie denn nicht? Der Mörder weiß, daß außer dem
Sheriff nur ich es bin, die das Postkartensignal kennt. Ich war
es, die zu Mrs. Hogendobber lief,
noch bevor Ihre Leute bei ihr
ankamen. Ich bekomme die Post als erste zu sehen. Er hat sich
verraten. Er ist es! Herrgott, Josiah DeWitt. Ich hab ihn gern.
Wie kann man einen Mörder gern haben?«
Officer Cooper nahm die Information mit unbewegtem
Gesicht zur Kenntnis. »Also, wenn jemand in dem Tunnel ist,
sitzen wir ganz schön in der Tinte.«
»Wie die Ente auf Kelly Craycrofts Poster.« Harrys Gedanken
rasten. »Ich weiß nicht, wie la
nge er braucht, um zu merken,
»Nicht lange. Aber unsere Leute sind überall. Er wird
vielleicht nicht imstande sein, seinen Laden frühzeitig zu
verlassen. Aber sobald er
zugemacht hat, wird er auf Sie
»Er weiß nicht, wo ich bin.«
»Dann kommt er in der Nacht hierher – falls hier wirklich
Der von Kudzu umkränzte verschlossene Tunneleingang ragte
vor ihnen auf.
»Los, weiter«, drängte Harry.
Cooper fuhr ihr mentales Radar aus und ging vorsichtig auf
den Eingang zu. Harry, ein paar
Schritte hinter ihr, nahm die
Oberseite des Tunnels in Augen
oberhalb des Tunnels auf den Berg zu steigen, ja, es würde
Stunden dauern. Aber es war zu schaffen.
Der Tunneleingang war tatsächlich versiegelt. Nur mit
Dynamit hätte man ihn öffnen können.
und Tucker schwärmten aus.
Die Nase am Boden, entdeckte Tucker die schwachen
Überbleibsel von Bobs und Ozzies Witterung.
»Ozzie und
Berryman waren hier.«
Mrs. Murphy nickte.
»Paddy hat vielleicht recht. Wenn
Berryman hier oben war, dann ist hier ein Schatz!«
der Corgihündin voraus, während Harry und Coop auf
Zehenspitzen die Tunnelöffnung abschritten.
Hinter dem Laubwerk verborgen
befand sich ganz unten am
Tunnel ein kleines Loch. Ein Kaninchen konnte leicht hinein-
und herausgelangen. Mrs. Murphy ebenfalls.
»Geh da nicht rein«,
»Wir gehen zusammen.«
»Okay, ich zuerst. Ich hab bessere Augen.«
Mrs. Murphy
»Heiliges Kanonenrohr!«
»Alles in Ordnung?«
Tucker, halb drinnen und halb draußen,
scharrte mit den Vorderpfoten, was das Zeug hielt.
»Ich denke schon.«
Mrs. Murphy lief zu ihrer Freundin
»Kannst du schon was sehen?«
Tucker blinzelte, aber sie kam sich vor wie in einem
Meer aus chinesischer Tusche.
Langsam gewöhnten sich ihre
Augen an die Dunkelheit, und
nnen glitzerte alter, kostbarer
Schmuck. Neben dem Tunneleinga
ng war eine alte Förderlore
abgestellt. Darauf thronte ein riesiger bauchiger Schrank.
Tucker flitzte zum Ka
ninchenloch und bellte.
»Wo ist der Hund?« Officer Cooper sah sich um. »Hört sich
an, als wäre er im Tunnel. Das ist unmöglich.«
Harry zerrte Gestrüpp, Kudzu und Ranken beiseite, um an die
rechte Tunnelecke heranzukommen. Tucker bellte zu ihren
Füßen. »Da ist ein Kaninchenl
och. Tucker, komm da raus.«
Officer Cooper ließ sich auf alle viere nieder. Eine schwarze
nasse Nase zuckte. »Komm schon, Köter.«
erwiderte Tucker.
Mrs. Murphy gesellte sich zu ihr.
»Gehen wir raus. Es muß ei
nen anderen Eingang geben.«
Tucker zwängte sich ächzend aus dem Loch. Mrs. Murphy
tänzelte hinaus. Tucker sprang an Harry hoch. Mrs. Murphy
in die Hocke, und dann, als Cooper ihr den Weg frei machte,
legte sie sich flach auf den Bauch. »Da drinnen ist was. Ich
brauche eine Taschenlampe.«
Auch Cooper legte sich hin. Harry rückte beiseite, damit sie
besser sehen konnte, und sie wölbte die Hände um die Augen.
»Antiquitäten. Ich kann nicht viel sehen, aber ich sehe eine
große Kommode.«
Harry sprang auf und fuhr mit den Händen über die
Tunnelöffnung. Cooper trat zu ihr. Harry klopfte gegen die
rechte Seite des versiegelten
Tunneleingangs. Es klang hohl.
»Die Möbel wurden nicht durch das Kaninchenloch gezwängt,
es sei denn, Josiah verfügt über Zaubertränke wie in
Wunderland.
Irgendwo muß ein Knopf oder ein Riegel sein. Ich
Tucker stellte die Ohren auf. Mrs. Murphy erstarrte.
»Nicht bellen, Tucker. Er weiß, daß die Menschen hier sind,
aber er weiß nicht, daß wir hier sind. Du mußt winseln, um
Harry zu warnen.«
Tucker jaulte leise. Harry bückte sich, um sie zu streicheln.
»Mommy, bitte sei vorsichtig«,
jammerte der Hund.
»Versteck dich, Tucker, versteck dich.
« Mrs. Murphy sprang
von einem Schreibtisch auf einen Kleiderschrank neben dem
Eingang. Tucker versteckte sich hinter der Lore.
Harry spürte die Angst der Tier
e. »Cooper, Cooper«, flüsterte
sie und packte Cynthias Arm. »Da stimmt was nicht.«
Cooper zog ihre Pistole. Harry tat desgleichen.
re Ohren. Im Tunnelinnern
Sie vernahmen eine bekannte, liebenswürdige Stimme. Josiah
war zu schlau, sich in der Öffnung zu zeigen. »Ich habe dich
unterschätzt, Harry. Man soll eine Frau nie unterschätzen.
»Was für Geschäfte hast du mit Kelly gemacht? Oder mit
Maude?« Harrys Stimme, scharf und fest, hallte durch den
»Du hast seine Straßenbaufirma benutzt.«
»Natürlich.«
»Und seine Lastwagen.«
»Harry, strapaziere meine Geduld nicht mit Fragen, deren
Antwort auf der Hand liegt. Officer Cooper, werfen Sie Ihre
»Zuerst will ich wissen, warum Sie Maude umgebracht haben.
»Maude war ein lieber Mensch, aber leider haben ihre
Eierstöcke über ihren Kopf bestimmt. Sehen Sie, sie hat Bob
Berryman tatsächlich geliebt. Als geschäftliche Gründe mich
zwangen, Kelly Craycroft aus der Unternehmensführung zu
entfernen, wollte sie sich nicht an einem Mord mitschuldig
machen.«
»Und? War sie mitschuldig?«
»Nein. Aber sie hat Angst bekommen. Was, wenn ich
erwischt und unser einträgliches Unternehmen aufgedeckt
würde? Berryman hielt sie ewig
Linda verlassen, und Maude hat diesen nichtsnutzigen Kerl
ist schlimmer als überhaupt
verraten können, oder schlimmer
noch, sie hätte sich Bob Berryman gegenüber verplappern
können – Bettgeflüster –, und der mit seinem komischen
Ehrgefühl wäre schnurstracks zu den Sachwaltern der Obrigkeit
meine Damen, das war Aufschub genug. Werfen Sie die Waffe
»Hast du versucht, Mrs. Hoge
ndobber zu ertränken?« Harry
»Nein. Raus mit der Waffe.«
Er lachte. »Ich glaube, das war Little Marilyn. Sie hat keine
Hilfe geholt, bis sie merkte, da
ß zwei von den Damen auf Mims
Jacht nicht schwimmen konnten. Sie wollte ihrer Mutter einfach
nur die Party verderben. Ich kann
es nicht beweisen, aber das ist
meine Vermutung.« Er lachte wieder. »Ich hätte alles darum
gegeben, das Boot sinken zu sehen. Mims Gesicht muß puterrot
gewesen sein.« Er hielt inne. »Okay, genug geschwätzt.
»Wie haben Sie Kelly und Maude dazu gebracht, Zyanid
zunehmen?«
»Sie ziehen die Sache in die Länge«, seufzte Josiah. »Ich habe
Harry warf ein: »Du hättest sie nicht verstümmeln müssen.«
»Eine künstlerische Note.« Er kicherte.
»Noch eine winzig kleine Frage.« Harry rang nach Luft. Ihre
kenden Umgebung nach stählerner
Ruhe. »Ich weiß, daß du die Ware in einer Lore
hierhergeschafft hast, aber woher hast du sie bekommen?«
Josiah triumphierte. »Das ist das Allerbeste, Harry. Mim
Sanburne! Ich bin jahrelang mit
ihr unterwegs gewesen. In den
feinsten Häusern. New York, Newport, Palm Beach, Richmond,
Charleston, Savannah, wo immer eine elegante Party stattfand,
bei der man unbedingt dabeisein mußte. Ich habe die Ware
taxiert, und ein, zwei Jahre später –
voilà –
kam ich zu einem
anderen Zweck wieder. Keine Einladung mit Prägedruck mehr
nötig. Das war der einfache Teil. Man besticht einen
Hausangestellten – die Reichen sind bekanntlich knauserig.
Man bezahlt jemandem genug, daß er davon ein Jahr leben
kann, und eine Fahrkarte nach Rio, einfache Fahrt. Es war
nn die Herrschaften fort waren.
Der schwierige Teil war, die Lore aus dem Lastwagen auf die
Schienen zu bekommen und in den Tunnel zu rollen – und am
nächsten Tag wach zu bleiben.
Aber richtig schwer schuften
mußten wir nie. Vielleicht drei Häuser im Jahr. Der Absatz ist
nach Wilmington oder Charlotte. Ein Abstecher nach Memphis.
Die hochnäsige Mim würde sterben, was? Sie rümpft ihre lange
Nase über Gott und die Welt, aber sie verkehrt mit einem
Verbrecher – einem eleganten Verbrecher allerdings.«
»Große Gewinnspanne, wie?«
»O ja, süß sind die Früchte des Kapitalismus – eine Lektion,
die du nie gelernt hast, Mädchen.
So, die Zeit ist um.« Seine
hypnotische Stimme verhieß, daß
alles gut ausgehen würde, daß
das Ganze bloß ein köstlicher Ulk war.
Harry schob sich näher an die Öffnung heran und gab Coop
pantomimisch zu verstehen, da
ß sie ihre Waffe hinauswerfen
würde. Cooper nickte. Mrs. Murphy sträubte kampfbereit ihren
»Du wirfst den Molotowcocktail nicht rein. Das Feuer würde
dein ganzes Lager vernichten.
Der Rauch und die Erschütterung
»Du willst mich wohl für dumm verkaufen, Harry. Ich werfe
meine Waffe nicht zuerst hin«, ereiferte er sich.
»Du bist hart im Verhandeln.«
»Man soll eine Frau nie unterschätzen«, äffte Harry ihn nach.
»Es wäre unangenehm, wenn eine
r von uns den anderen töten
würde; denn du könntest die Leiche
erst mitten in der Nacht
beseitigen, und in dieser Hitze fängt sie nach zwei bis drei
Stunden zu stinken an. Das wäre widerlich.«
»Ganz recht«, erwiderte Josiah knapp. »Was würdest du tun,
wenn ich der Tote wäre?«
»Sei kein Esel! Mit mir kannst du ein Vermögen verdienen.
Wenn du’s auf eigene Faust machst, wirst du erwischt.«
»Bis hierher bin ich immerhin schon gekommen.«
»Ein unumstößlicher Beweis dafü
»Josiah.« – Harry hoffte noch immer, ihn durch Gespräche
ablenken zu können – »wie hast du die Poststempel gefälscht?«
»Meine latente künstlerische Ader gelangte vorübergehend an
die Oberfläche.« Er lächelte. »Ich verfüge über diverse Wachse,
»Aber du hattest keine Angst?«
»Ich? Nie.«
»Deine Waffe.« Harrys Stimme ließ die Forderung klingen
»Was ist mit Coop? Ist sie wirk
lich da drin? Ich möchte ihre
Stimme noch mal hören. Woher weiß ich, daß du sie nicht
inzwischen umgebracht hast?« Jo
siah stellte seinerseits eine
Forderung. Er wollte hören, wo Coop war.
»Hier.« Cooper nickte Harry zu. Dann stellte sie sich
geschwind neben Mrs. Murphy. Tucker legte die Vorderpfoten
Harry sagte auf Coopers Zeichen: »Ich zähle bis drei, dann
drei.« Sie warf ihre Pistole hinaus, und gleichzeitig warf Josiah
Er hatte eine zweite Waffe. Er
nk losließ, hob Josiah die
Hand mit der Waffe und zielte auf Harry, die sich fallen ließ
schlug ihre Krallen mit aller Kraft hinein. Cooper gab präzise
und mit geübter Beherrschung einen einzigen Schuß ab. Josiah
ächzte, als die Kugel mit einem dumpfen Knall in seinen Rumpf
drang. Er ballerte wild drauflos. Cooper schoß noch einmal.
Zwischen die Augen. Er zuckte zusammen und war tot.
Cooper nahm Mrs. Murphy auf den Arm und ging zu Harry
hinüber. Sie küßte die Katze, deren Fell noch gesträubt war.
»Gut gemacht, Mrs. Murphy.« Sie bückte sich, um Josiahs Puls
zu fühlen. Dann ließ sie seinen Arm fallen wie ein verfaultes
Stück Fleisch. »Harry, wenn die zwei ihn nicht aus dem
Gleichgewicht gebracht hätten, hätte er eine von uns erwischt.
Er hatte eine Schnellfeuerwaffe.
breit. Er war kein Dummkopf, a
verplappert hat.«
»Komisch, Cooper, ich hab nicht an mich gedacht. Ich hab an
»Sonst wäre er nicht reingekommen. Ich weiß nicht –
vielleicht doch. Gott, es kommt mir vor wie ein Traum. So ein
gerissener Schweinehund. Er hatte zwei Pistolen.«
Erleichtert kehrte Mrs. H
ogendobber am Tag nach der
Schießerei mit Josiah zurück. Für die Medien waren die
heroische Posthalterin, ihre tapfere Katze und ihr mutiger Hund
sowie die beherzte Officer Cooper, die im Feuerhagel so kühl
Fressen. Harry fand den Rummel
fast so schlimm, wie im Tunnel in der Falle zu sitzen.
Rick Shaw, der über das Gefecht mit Josiah genau informiert
worden war, erwähnte in seinem Bericht mit keinem Wort, daß
Josiah sich an Mim Sanburnes Arm Zutritt zu den Häusern der
Fair und Boom Boom traten nun gemeinsam in der
Öffentlichkeit auf. Noch wurden keine Versprechungen
gemacht. Sie kämpften darum, mitten in dem glühendheißen
Klatsch über sie Boden unter den Füßen zu bekommen. Harry
wurde von der harten Ehefrau, die ihren Mann hinausgeworfen
hatte, zum unschuldigen Opfer – nach der öffentlichen, nicht
nach Harrys eigener Meinung.
Susan bewog Harry, es zur Entspannung einmal mit Golf zu
versuchen. Harry war nicht sich
er, daß es sie entspannte, aber
Little Marilyn und Mim versöhnten sich bis zu einem
gewissen Grade. Mim besaß genug Verstand, um zu wissen, daß
sie ihre Tochter nie wieder beherrschen würde.
Rob brachte pünktlich die Post und holte sie ebenso pünktlich
ab. Harry las weiterhin die Postkarten. Lindsay Astrove kehrte
aus Europa zurück und bedauerte, das Drama verpaßt zu haben.
Skandal Geld zu schlagen. Sie boten Tunneltouren an. Die
Touristen fuhren in Handkarren hinauf. Eine hübsche Broschüre
Das Leben wurde wieder normal, was immer das war.
Harry blickte aus dem Fenster des Postamts und sah Stafford
Sanburne mit seiner schönen Frau aus dem Zug steigen. Er
wurde von Mim und Little Marilyn begrüßt. Er strahlte übers
ganze Gesicht. Harry auch.
Nachwort
Ich hoffe, mein erster Kriminal
roman hat Ihnen gefallen. Wenn
ja, sagen Sie es meinem Verleger. Vielleicht gibt er mir einen
Oh, ich höre Schritte in der Diele.
»Sneaky Pie, was ist das da in meiner Schreibmaschine?«

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