Adorno Theodor.-Negative Dialektik


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W.
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1966
Vorrede
Die Formulierung Negative Dialektik verstößt gegen die Über-
lieferung. Dialektik will bereit
s bei Platon, daß durchs Denkmittel
der Negation ein Positives sich herstelle; die Figur einer Negation
der Negation benannte das später prägnant. Das Buch möchte
Dialektik von derlei affirmativem Wesen befreien, ohne an Be-
weniger dienen als der Erklärung der konkreten Verfahrungsweise
Ulrich Sonnemann arbeitet an einem Buch, das den Titel Negative
Anthropologie tragen soll. Weder er noch der Autor wußten vor-
her etwas von der Übereinstimmung. Sie verweist auf einen
Zwang in der Sache.
Der Autor ist auf den Widerstand
gefaßt, dem die Negative Dia-
Einleitung
Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben,
weil der Augenblick ihrer Verw
irklichung versäumt ward. Das
Zur Möglichkeit von Philosophie
rierten Versuche, das Übermächtige zu begreifen, mit Vergeblich-
Dialektik kein Standpunkt
als daß die Gegenstände in ihrem Begriff nicht aufgehen, daß
diese in Widerspruch geraten mi
t der hergebrachten Norm der
adaequatio. Der Widerspruch ist nicht, wozu Hegels absoluter
Idealismus unvermeidlich ihn verklären mußte: kein herakliteisch
Wesenhaftes. Er ist Index der Unwahrheit von Identität, des Auf-
gehens des Begriffenen im Begr
iff. Der Schein von Identität
wohnt jedoch dem Denken selber seiner puren Form nach inne.
Denken heißt identifizieren. Befrie
digt schiebt begriffliche Ord-
nung sich vor das, was Denken begreifen will. Sein Schein und
seine Wahrheit verschränken sich
Realität und Dialektik
Wesens von Bewußtsein selber den Charakter unausweichlicher
und verhängnisvoller Gesetzmäßigkeit. Identität und Wider-
spruch des Denkens sind aneinandergeschweißt. Die Totalität
des Widerspruchs ist nichts als die Unwahrheit der totalen Iden-
tifikation, so wie sie in dieser si
ch manifestiert. Widerspruch ist
Realität und Dialektik
von der Unkraft des erschlaffenden Gedankens, der vor der Über-
macht des Weltlaufs daran verzagt,
diesen zu konstruieren. Keine
der Versöhnungen vielmehr, die der absolute Idealismus - jeder
e eine Entsagung unausweichlich,
Interesse der Philosophie
Interesse dort, wo Hegel, einig mi
t der Tradition, sein Desinter-
quantité négligeable degradierten Qualitäten. Dringlich wird, für
den Begriff, woran er nicht hera
nreicht, was sein Abstraktions-
mechanismus ausscheidet, was nicht bereits Exemplar des Begriffs
ist. Bergson wie Husserl, Träger philosophischer Moderne, haben
matistisches Wissen, von der intu
itiven so unbehelligt wie das
bürgerliche Gefüge von der gelockerten Unbefangenheit derer,
die ihr Privileg jenem Gefüge verdanken. Die gefeierten In-
tuitionen erscheinen in Bergsons Philosophie selbst recht abstrakt,
gehen kaum hinaus über das phänomenale Zeitbewußtsein, das
sogar bei Kant der chronologisch-physikalischen, nach Bergsons
Einsicht räumlichen Zeit zugrunde liegt. Wohl existiert die in-
tuitive Verhaltensweise des Geis
tes tatsächlich, obzwar mühsam
zu entwickeln, fort, archaisches Rudiment mimetischen Reagie-
Interesse der Philosophie
ihrer eigenen Mittel, zu visieren wäre und zur Willkür ausartet
in einem Verfahren, das von vornherein unvermittelt ist zu dem
der Erkenntnis. - Der Logiker Husserl dagegen hat zwar den
Modus, des Wesens innezuwerden, scharf gegen die generalisie-
rende Abstraktion pointiert. Ihm schwebte eine spezifische gei-
stige Erfahrung vor, die das We
sen aus dem Besonderen sollte
herausschauen können. Das Wesen indessen, dem sie galt, unter-
schied sich in nichts von den gängigen Allgemeinbegriffen. Krasses
Mißverhältnis waltet zwischen
den Veranstaltungen der Wesens-
schau und deren terminus ad quem. Beide Ausbruchsversuche ge-
langten nicht aus dem Idealismus heraus: Bergson orientierte sich,
wie seine positivistischen Erzfeinde, an den donnees immediates
de la conscience, Husserl ähnlich an den Phänomenen des Be-
wußtseinsstroms. Dieser wie jene
r verharrt im Umkreis subjek-
tiver Immanenz
. Gegen beide wäre zu insistieren auf dem, was
ihnen vergebens vorschwebt; gegen Wittgenstein zu sagen, was
nicht sich sagen läßt. Der einfache Widerspruch dieses Verlangens
ist der von Philosophie selbst: er qualifiziert sie als Dialektik, ehe
sie nur in ihre einzelnen Widersprüche sich verwickelt. Die Arbeit
philosophischer Selbstreflexion besteht darin, jene Paradoxie aus-
einanderzulegen. Alles andere ist Signifikation, Nachkonstruk-
tion, heute wie zu Hegels Zeiten vorphilosophisch. Ein wie immer
fragwürdiges Vertrauen darauf, daß es der Philosophie doch
möglich sei; daß der Begriff den Begriff, das Zurüstende und Ab-
schneidende übersteigen und dadurch ans Begriffslose heranreichen
Das antagonistische Ganze
Der Geist der unablässig auf den Widerspruch in der Sache
reflektiere, müsse diese selbst sein, wenn anders sie sich nach der
Form des Widerspruchs organisieren solle. Die Wahrheit, die in
der idealistischen Dialektik über jedes Partikulare als ein in
seiner Einseitigkeit Falsches hinaustreibe, sei die des Ganzen;
wäre sie nicht vorgedacht, so entrieten die dialektischen Schritte
der Motivation und Richtung. Dem ist zu entgegnen, daß das
Objekt der geistigen Erfahrung an sich, höchst real, antagonisti-
sches System sei, nicht erst vermöge seiner Vermittlung zum er-
kennenden Subjekt, das darin sich
Entzauberung des Begriffs
Philosophie, auch die Hegelsche, exponiert sich dem generellen
Einwand, daß sie, indem sie zwa
ngsläufig Begriffe zum Material
habe, sich idealistisch vorentscheide. Tatsächlich kann keine, selbst
nicht der extreme Empirismus, die facta bruta an den Haaren
herbeischleppen und präsentieren wie Fälle in der Anatomie oder
Experimente in der Physik; keine, wie manche Malerei lockend
ihr vorgaukelt, die Einzeldinge in die Texte kleben. Aber das
Argument, in seiner formalen Allgemeinheit, nimmt den Begriff
»Unendlichkeit«
Binde von den Augen. Daß der Begriff Begriff ist, auch wenn er
von Seiendem handelt, ändert nich
ts daran, daß er seinerseits in
ein nichtbegriffliches Ganzes verflochten ist, gegen das er durch
begriffliche vermöge seiner Bedeutung, die ihrerseits sein Begriff-
sein begründet. Ihn charakterisiert ebenso, auf Nichtbegriffliches
sich zu beziehen - so wie schließlich nach traditioneller Erkennt-
nistheorie jede .Definition von Begriffen nichtbegrifflicher, deikti-
scher Momente bedarf -, wie konträr, als abstrakte Einheit
der unter ihm befaßten Onta vom Ontischen sich zu entfernen.
Diese Richtung der Begrifflichke
it zu ändern, sie dem Nicht-
identischen zuzukehren, ist das
Scharnier negativer Dialektik.
Vor der Einsicht in den konstitutiven Charakter des Nichtbe-
grifflichen im Begriff zerginge der Identitätszwang, den der Be-
griff ohne solche aufhaltende Reflexion mit sich führt. Aus dem
Schein des Ansichseins des Begriffs
als einer Einheit des Sinns hin-
aus führt seine Selbstbesinnung auf den eigenen Sinn.
Die Entzauberung des
Begriffs ist das Gegengift der Philosophie.
Es verhindert ihre Wucherung: daß sie sich selbst zum Absoluten
werde. Eine Idee ist umzufunktionieren, die vom Idealismus ver-
macht ward und mehr als jede andere von ihm verdorben, die des
Unendlichen. Nicht ist es an Philosophie, nach
wissenschaftlichem Usus zu erschöpfen, die Phänomene auf ein
Minimum von Sätzenzu reduzieren; Hegels Polemik gegen
»Unendlichkeit«
traditionelle Philosophie glaubt, ihren Gegenstand als unend-
lichen zu besitzen, und wird darüber als Philosophie endlich, ab-
schlußhaft. Eine veränderte müßte jenen Anspruch kassieren,
nicht länger sich und anderen einreden, sie verfüge übers Unend-
liche. Sie würde aber statt dessen selber, zart verstanden, unend-
lich insofern, als sie verschmäht, in einem Corpus zählbarer Theo-
reme sich zu fixieren. Ihren Gehalt hätte sie in der von keinem
»Unendlichkeit«
des Spiels
, das die Tradition ihrer Verwissenschaftlichung ihr aus-
treiben möchte. Auch für Hegel war es ein neuralgischer Punkt, er
verwirft »... Arten und Unters
chiede, die vom äußerlichen Zu-
falle und vom Spiele, nicht durch Vernunft bestimmt sind«
. Der
unnaive Gedanke weiß, wie wenig er ans Gedachte heranreicht,
und muß doch immer so reden, als hätte er es ganz. Das nähert
ihn der Clownerie. Er darf deren Züge um so weniger verleugnen,
als sie allein ihm Hoffnung erö
ffnen auf das ihm Versagte. Philo-
sophie ist das Allerernsteste, aber so ernst wieder auch nicht. Was
abzielt auf das, was es nicht a priori schon selber ist und worüber
es keine verbriefte Macht hat, gehört, dem eigenen Begriff nach,
zugleich einer Sphäre des Ungebändigten an, die vom begrifflichen
Wesen tabuiert ward. Nicht anders vermag der Begriff die Sache
dessen zu vertreten, was er verdrängte, der Mimesis, als indem er
Spekulatives Moment
durch ihren Gegensatz hindurch;
Kunst, indem sie sich spröde
macht gegen ihre Bedeutungen; Philosophie, indem sie an kein
Unmittelbares sich klammert. Der philosophische Begriff läßt
nicht ab von der Sehnsucht, welche die Kunst als begriffslose
beseelt und deren Erfüllung ihrer Unmittelbarkeit als einem
Schein entflieht. Organon des Denkens und gleichwohl die Mauer
zwischen diesem und dem zu Denkenden, negiert der Begriff jene
Sehnsucht. Solche Negation ka
nn Philosophie weder umgehen
noch ihr sich beugen. An ihr ist die Anstrengung, über den Begriff
durch den Begriff hinauszugelangen.
Sie kann, auch nach Absage an den Idealismus, der Spekulation,
freilich in weiterem Sinn als dem allzu positiv Hegelschen *,
nicht entraten, die der Idealismu
s zu Ehren brachte und die mit
ihm verpönt ward. Positivisten fä
llt es nicht schwer, dem Marxi-
schen Materialismus, der von objektiven Wesensgesetzen, keines-
wegs von unmittelbaren Daten oder Protokollsätzen ausgeht,
Spekulation vorzurechnen. Um sich vom Ideologieverdacht zu
reinigen, ist es neuerdings gelegener, Marx einen Metaphysiker
zu nennen, als den Klassenfeind. Aber der sichere Boden ist dort
ein Phantasma, wo der Wahrheitsanspruch erheischt, daß man
darüber sich erhebt. Philosophie ist nicht abzuspeisen mit Theo-
remen, die ihr wesentliches Interesse ihr ausreden wollen, anstatt
es, sei es auch durchs Nein, zu befriedigen. Das haben die Gegen-
bewegungen gegen Kant seit dem neunzehnten Jahrhundert ge-
spürt, freilich stets wieder durch Obskurantismus kompromittiert.
Der Widerstand der Philosophie aber bedarf der Entfaltung. Auch
* »Wenn übrigens der Skepticismus noch heut zu Tage häufig als ein unwider-
stehlicher Feind alles positiven Wissens überhaupt und somit auch der Philo-
blos negativen Resultat der Dialektik
nicht stehen, wie dieß mit dem Skepticism
us der Fall ist. Dieser verkennt sein
Resultat, indem er dasselbe als bloße,
d.h. als abstrakte
Negation festhält.
Indem die Dialektik zu ihrem Resultat das Negative hat, so ist dieses, eben
als Resultat, zugleich das Positive, denn es enthält dasjenige, woraus es
resultirt, als aufgehoben in sich, und ist nicht ohne dasselbe. Dieß aber ist die
Grundbestimmung der dritten Form
des Logischen, nämtlich des
Spekulativen oder Positiv-Vernünftigen.« (Hegel, WW 8, S. 194 ff.)
Spekulatives Moment
Totalität, durch diese am Schein Kritik, dem der Gegenwart des
frei. Unablässig fixiert sie es dort, wovon es wegwill; Denken
jedoch, das frisch-fröhlich von vorn anfängt, unbekümmert um
die geschichtliche Gestalt seiner Probleme, wird erst recht deren
Beute. An der Idee der Tiefe hat Philosophie teil nur vermöge
ihres denkenden Atems. Modell dafür ist, in neuerer Zeit, die
Kantische Deduktion der reinen
Verstandesbegriffe, deren Autor,
Darstellung
das ihnen zu platt ist, wäre Widerstand deren wahres Maß. Die
tive Moment: was sich sein Ge-
wird sie der Wissenschaft angeglic
hen. Ausdruck und Stringenz sind
ihr keine dichotomischen Möglichkeiten. Sie bedürfen einander,
keines ist ohne das andere. Der Ausdruck wird durchs Denken,
an dem er sich abmüht wie Denken an ihm, seiner Zufälligkeit
enthoben. Denken wird erst als Ausgedrücktes, durch sprachliche
Darstellung, bündig; das lax Gesagte ist schlecht gedacht. Durch
Ausdruck wird Stringenz dem Ausgedrückten abgezwungen. Er
ist kein Selbstzweck auf dessen
Kosten, sondern entführt es aus
dem dinghaften Unwesen, seinerseits einem Gegenstand philo-
sophischer Kritik. Spekulative Ph
ilosophie ohne idealistische
Substruktion erheischt Treue zur
Stringenz, um deren autoritären
Machtanspruch zu brechen. Benjamin, dessen ursprünglicher Pas-
sagenentwurf unvergleichlich spekulatives Vermögen mit mikro-
logischer Nähe zu den Sachgehalten verband, hat in einer Korre-
Darstellung
zu bewältigen. Diese Kapitulationserklärung designiert ebenso
die Schwierigkeit von Philosophie
, die nicht abgleiten will, wie
den Punkt, an dem ihr Begriff weiterzutreiben ist. Sie wurde
gezeitigt wohl von der gleichsam weltanschaulichen Übernahme
des dialektischen Materialismus
mit geschlossenen Augen. Daß
aber Benjamin zur endgültigen Niederschrift der Passagentheorie
nicht sich entschloß, mahnt daran, daß Philosophie nur dort noch
mehr als Betrieb ist, wo sie dem totalen Mißlingen sich exponiert,
als Antwort auf die traditionell erschlichene absolute Sicherheit.
Benjamins Defaitismus dem eigenen Gedanken gegenüber war
bedingt von einem Rest undialektischer Positivität, den er aus
der theologischen Phase, der Form nach unverwandelt, in die
materialistische mitschleppte. Demgegenüber hat Hegels Gleich-
heute mehr denn je den Gedanken zur Positivität, so registriert sie
schlau, daß eben diese dem Denken konträr sei und daß es des
freundlichen Zuspruchs sozialer Autorität bedarf, um es zur Posi-
tivität zu gewöhnen. Die Anstrengung, die im Begriff des Denkens
selbst, als Widerpart zur passivisc
hen Anschauung, impliziert wird,
ist bereits negativ, Auflehnung gegen die Zumutung jedes Unmit-
telbaren, ihm sich zu beugen. Urteil und Schluß, die Denkformen,
deren auch Kritik des Denkens nicht entraten kann, enthalten in
sich kritische Keime; ihre Bestimmtheit ist allemal zugleich Aus-
schluß des von ihnen nicht Erreichten, und die Wahrheit, die sie
organisieren wollen, verneint, wenngleich mit fragwürdigem Recht,
das in seinem Gegenüber wartet, und gehorcht bewußtlos der
Stellung zum System
Idee, an den Stücken wieder gutzumachen, was es selber ver-
übte; der Philosophie wird dies
Bewußtlose bewußt. Unversöhn-
lichem Denken ist die Hoffnung auf Versöhnung gesellt, weil der
Widerstand des Denkens gegen das
Stellung zum System
absolute zu erlangen, dessen Ansprach unwillentlich bereits in der
Bündigkeit eines jeden Einzelurteils erhoben wird, war zuzeiten
mehr als Pseudomorphose des Geistes an die unwiderstehlich er-
Idealismus als Wut
architektonischen Umständlichke
iten Kants und, trotz dessen
Programm, selbst Hegels, sind Ma
le eines a priori bedingten und
in den Brüchen des Kantischen Systems mit unvergleichlicher Red-
lichkeit aufgezeichneten Mißlinge
ns; bei Moliere bereits ist Pe-
danterie ein Hauptstück der Onto
logie bürgerliche
n Geistes. Was
an dem zu Begreifenden vor der Identität des Begriffs zurück-
weicht, nötigt diesen zur outrierten Veranstaltung, daß nur ja an
der unangreifbaren Lückenlosigkeit, Geschlossenheit und Akribie
des Denkprodukts kein Zweifel sich rege. Große Philosophie war
vom paranoischen Eifer begleitet, nichts zu dulden als sie selbst,
und es mit aller List ihrer Vernunft zu verfolgen, während es vor
der Verfolgung weiter stets sich zurückzieht. Der geringste Rest
von Nichtidentität genügte, die Identität, total ihrem Begriff
nach, zu dementieren. Die Auswüchse der Systeme seit der Car-
tesianischen Zirbeldrüse und den Axiomen und Definitionen
Spinozas, in die schon der gesamte Rationalismus hineingepumpt
ist, den er dann deduktiv herausholt, bekunden durch ihre Un-
wahrheit die der Systeme selbst, ihr Irres.
Das System, in dem der souveräne Geist sich verklärt wähnte,
hat seine Urgeschichte im Vorgeistigen, dem animalischen Leben
der Gattung. Raubtiere sind hungrig; der Sprung aufs Opfer ist
schwierig, oft gefährlich. Damit da
s Tier ihn wagt, bedarf es wohl
zusätzlicher Impulse. Diese fusionieren sich mit der Unlust des
Hungers zur Wut aufs Opfer, deren Ausdruck dieses zweckmäßig
wiederum schreckt und lähmt. Beim Fortschritt zur Humanität
wird das rationalisiert durch Projektion. Das animal rationale,
wie es neudeutsch
heißt, unglaubwürdig. Das zu fressende Lebewesen muß böse sein.
Dies anthropologische Schema hat sich sublimiert bis in die Erkennt-
nistheorie hinein. Im Idealismus—am ausdrücklichsten bei Fichte—
Idealismus als Wut
gert. Das System ist der Geist gewordene Bauch, Wut die Signatur
eines jeglichen Idealismus; sie entstellt noch Kants Humanität,
widerlegt den Nimbus des Höheren und Edleren, mit dem sie
sich zu bekleiden verstand. Die Ansicht vom Menschen in der
Mitte ist der Menschenverachtung verschwistert: nichts unange-
fochten lassen. Die erhabene Unerbittlichkeit des Sittengesetzes
war vom Schlag solcher rationalisierten Wut aufs Nichtidentische,
und auch der liberalistische Hegel war nicht besser, als er mit der
Superiorität des schlechten Gewissens die abkanzelte, welche dem
spekulativen Begriff, der Hypostasis des Geistes sich weigern*.
Typen, die zuvor in rancuneerfüllten Brusttönen übers Apercu,
welchen Parmenides gemacht hat, der
sein Vorstellen und damit auch das
Vorstellen der Folgezeit zu dem reinen Gedanken, dem Seyn als solchem, ge-
läutert und erhoben, und damit das Element der Wissenschaft erschaffen
hat.« (Hegel, W 4, S. 96.)
Doppelcharakter des Systeme
Existential Angst ist die Klaust
rophobie der System gewordenen
Gesellschaft. Ihren Systemcharakter, gestern noch das Schibboleth
der Schulphilosophie, verleugnen
deren Adepten geflissentlich;
ungestraft dürfen sie sich dabei als Sprecher freien, ursprüng-
lichen, womöglich unakademischen Denkens aufspielen. Solcher
Mißbrauch annulliert nicht die Kritik am System. Aller nach-
drücklichen Philosophie war, im
Gegensatz zur skeptischen, die
dem Nachdruck sich versagte, der Satz gemeinsam, sie sei nur als
System möglich. Er hat die Philosophie kaum weniger gelähmt
als die empiristischen Richtungen. Worüber sie erst triftig zu ur-
teilen hätte, das wird postuliert, ehe sie anhebt. System, Darstel-
»Naturgeschichte«
Die Objektivität des geschichtlichen Lebens ist die von Naturge-
schichte. Marx hat das gegen Hegel erkannt, und zwar streng im
Zusammenhang mit dem über
die
Köpfe der Subjekte sich reali-
sierenden Allgemeinen: »Auchwenn eine Gesellschaft dem Natur-
so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.«
Gemeint ist
gewiß nicht der anthropologische Naturbegriff Feuerbachs, gegen
den Marx den dialektischen Materialismus pointierte, im Sinn
einer Reprise Hegels wider die Linkshegelianer
. Das sogenannte
System antinomisch
wendiges begrenzt, auch nicht durch sogenannte geistige Ord-
nung. Attestiert der Idealismus auf all seinen Stufen seinem
Prinzip positive Unendlichkeit, so macht er aus der Beschaffen-
müssen, grob gesagt, fertig sein
. Skurrilitäten wie die Hegel im-
Kritik am System sind zugleich die, welche das Besondere begrei-
fen. Was einmal am System legitim das Einzelne überstieg, hat
seine Stätte außerhalb des System
s. Der Blick, der deutend am
Argument und Erfahrung
Phänomen mehr gewahrt, als es bloß ist, und einzig dadurch,
Argument und Erfahrung
Seilschaft entzieht dem System das Pathos, das es erst wieder ge-
winnt, sobald Vernunft als Idee
ihrer Verwirklichung absagt und
sich selbst zum Geist verabsolutiert. Denken als Enzyklopädie,
ein vernünftig Organisiertes und gleichwohl Diskontinuierliches,
Unsystematisches, Lockeres drückt den selbstkritischen Geist von
Vernunft aus. Er vertritt, was dann aus der Philosophie, ebenso-
wohl durch ihren anwachsenden Abstand von der Praxis wie
Argument und Erfahrung
in Komplizität mit der blinden Vo
rmacht des bloß Seienden steht.
Die Lehre vom absoluten Geist befördert jene unmittelbar. —
Geneigt wäre der wissenschaftliche
Consensus, zuzugestehen, auch
Erfahrung impliziere Theorie. Sie aber sei ein »Standpunkt«,
Das Schwindelerregende
eine freie, gleichwie aus der Dialektik heraustretende, ungebun-
dene. Beides indessen ist nicht nur disparat. Der unreglementierte
Gedanke ist wahlverwandt der
Dialektik, die als Kritik am
System an das erinnert, was außerhalb des Systems wäre; und
die Kraft, welche die dialektisc
he Bewegung in der Erkenntnis
entbindet, ist die, welche gegen das System aufbegehrt. Beide
Stellungen des Bewußtseins verbinden sich durch Kritik anein-
ander, nicht durch Kompromiß.
sche Klassentheorie und ihren zugespitzten ökonomischen Aus-
druck durch den einfacheren Gegensatz von Arm und Reich
Das Schwindelerregende
verwässere. Das Wesen wird du
rchs Resume des Wesentlichen
verfälscht. Philosophie, die zu dem sich herabließe, worüber
Zerbrechlichkeit des Wahren
Ontologie inmitten von deren Kritik; als ob nicht die kleinste
ungedeckte Einsicht besser ausdrückte, was gewollt ist, als eine
declaration of intention, bei der es dann bleibt. An Philosophie
bestätigt sich eine Erfahrung, die Schönberg an der traditionellen
Musiktheorie notierte: man lerne
aus dieser eigentlich nur, wie
ein Satz anfange und schließe, nichts über ihn selber, seinen Ver-
lauf. Analog hätte Philosophie nich
t sich auf Kategorien zu brin-
gen sondern in gewissem Sinn erst zu komponieren. Sie muß in
ihrem Fortgang unablässig sich
erneuern, aus der eigenen Kraft
ebenso wie aus der Reibung mit dem, woran sie sich mißt; was in
ihr sich zuträgt, entscheidet, nicht These oder Position; das Ge-
webe, nicht der deduktive oder in
duktive, eingleisige Gedanken-
gang. Daher ist Philosophie wese
ntlich nicht referierbar. Sonst
wäre sie überflüssig; daß sie meist sich referieren läßt, spricht
gegen sie. Aber eine Verhaltensweise, die nichts Erstes und Siche-
aus, dessen Dialektik alles haben, auch prima philosophia sein
wollte und im Identitätsprinzip, dem absoluten Subjekt, tatsäch-
lich es war. Durch die Lossage des Denkens vom Ersten und
Festen indessen verabsolutiert es nicht sich als freischwebend. Die
Lossage gerade befestigt es an dem, was es nicht selbst ist, und
beseitigt die Illusion seiner Autarkie. Das Falsche der losgelasse-
nen, sich selbst entlauf enden Rationalität, der Umschlag von Auf-
klärung in Mythologie, ist selbst rational bestimmbar. Denken
untilgbar dem Denken, das es tilgen möchte, dessen Nichtidenti-
sches, das, was nicht Denken ist, nach. Ratio wird irrational, wo
sie das vergißt, ihre Erzeugnisse, die Abstraktionen, wider den Sinn
von Denken hypostasiert. Das Ge
bot seiner Autarkie verurteilt
es zur Leere, am Ende zur Dummheit und Primitivität. Der Ein-
wand gegen das Bodenlose wäre gegen das sich in sich selbst er-
haltende geistige Prinzip als Sphäre absoluter Ursprünge zu wen-
den; dort aber, wo die Ontologi
e, Heidegger voran, aufs Boden-
Zerbrechlichkeit des Wahren
lose schlägt, ist der Ort von Wahrheit. Schwebend ist sie, zer-
brechlich vermöge ihres zeitlichen
Gehalts; Benjamin kritisierte
eindringlich Gottfried Kellers ur
bürgerlichen Spruch, die Wahr-
heit könne uns nicht davonlaufen. Auf die Tröstung, Wahrheit
sei unverlierbar, hat Philosophie
zu verzichten. Eine, die nicht
abstürzen kann in den Abgrund, von dem die Fundamentalisten
der Metaphysik salbadern - es is
t nicht der behender Sophistik
sondern des Wahnsinns -, wird, unterm Gebot ihres Sekuritäts-
prinzips, analytisch, potentiell zur Tautologie. Nur solche Ge-
Gegen Relativismus
lere Position zwischen beiden aufsucht, sondern durch die Ex-
treme hindurch, die an der eigenen Idee ihrer Unwahrheit zu
überführen sind. So mit dem Relati
vismus zu verfahren ist fällig,
weil Kritik an ihm meist so formal angelegt war, daß die Fiber
relativistischen Denkens einigermaßen unbehelligt blieb. Das
abstrakt. Die Relativität aller Erkenntnis kann immer nur von
Gegen Relativismus
fast Geblök; insbesondere das Stereotyp von der Relativität.
Der individualistische Schein ist denn auch von gewitzigteren
auf. Die angeblich soziale Relativität der Anschauungen gehorcht
Dialektik und das Feste
Verfügbarkeit für die stärkeren Interessen. Eingreifende Kritik
des Relativismus ist das Pa
radigma bestimmter Negation.
Entfesselte Dialektik entbehrt so wenig wie Hegel eines Festen.
Doch verleiht sie ihm nicht länger den Primat. Hegel betonte es
nicht so sehr im Ursprung seiner Metaphysik: es sollte aus ihr
tung des Gegenteils der Primat von Subjekt übers Objekt unan-
gefochten. Ihn cachiert eben nur das semitheologische Wort
*»Die Thätigkeit d
es Scheidens ist die
Kraft und Arbeit des Verstandes, der
verwundersamsten und größten, oder vielmehr der absoluten Macht. Der
Kreis, der in sich geschlossen ruht und
als Substanz seine Momente hält, ist
das unmittelbare und darum nicht ve
rwundersame Verhältniß. Aber daß das
Dialektik und das Feste
Geist, an dem die Erinnerung an individuelle Subjektivität nicht
getilgt werden kann. Der Hegelschen Logik wird dafür die Rech-
nung präsentiert in ihrem überaus formalen Charakter. Während
Dialektik und das Feste
wo das Subjekt seiner selbst ganz gewiß sich fühlt, in der primären
Erfahrung, ist es wiederum am wenigsten Subjekt. Das Aller-
subjektivste, unmittelbar Gegebene, entzieht sich seinem Eingriff.
Nur ist solches unmittelbare Bewußtsein weder kontinuierlich
festzuhalten noch positiv schlechthin. Denn Bewußtsein ist zu-
gleich die universale Vermittlung
und kann auch in den donnees
immediates, welche die seinen sind
, nicht über seinen Schatten sprin-
gen. Sie sind nicht die Wahrheit.
Idealistischer Schein ist die Zu-
versicht, aus Unmittelbarem als Festem und schlechterdings Er-
stem entspringe bruchlos das Ganze. Unmittelbarkeit bleibt der
Dialektik nicht, als was sie unmittelbar sich gibt. Sie wird zum
Moment anstatt des Grundes. Am Gegenpol verhält es mit den
Invarianten reinen Denkens sich
nicht anders. Einzig kindischer
Relativismus bestritte die Gültigkeit der formalen Logik oder
Mathematik und traktierte sie, weil sie geworden ist, als ephemer.
Nur sind die Invarianten, deren eigene Invarianz ein Produ-
ziertes ist, nicht aus dem, was variiert, herauszuschälen, als hätte
man dann alle Wahrheit in Händen. Diese ist zusammengewachsen
mit dem Sachhaitigen, das sich verändert, und ihre Unveränderlich-
keit der Trug der prima philosophia. Während die Invarianten
nichtunterschiedslosin der geschichtlichen Dynamik und der desBe-
wußtseins sich lösen, sind sie in ihr Momente; sie gehen in Ideo-
logie über, sobald sie als Transz
endenz fixiert werden. Keines-
wegs gleicht Ideologie allemal de
r ausdrücklichen idealistischen
Philosophie. Sie steckt in der Substruktion eines Ersten selbst,
gleichgültig fast welchen Inhalts, in der impliziten Identität
von Begriff und Sache, welche die Welt auch dann rechtfertigt,
wenn summarisch die Abhängigke
it des Bewußtseins vom Sein
In schroffem Gegensatz zum übli
chen Wissenschaftsideal bedarf
die Objektivität dialektischer Erkenntnis nicht eines Weniger
sondern eines Mehr an Subjekt.
Sonst verkümmert philosophische
Erfahrung. Aber der positivisti
sche Zeitgeist ist allergisch da-
gegen. Zu solcher Erfahrung seien
nicht alle fähig. Sie bilde das
Vorrecht von Individuen, determiniert durch ihre Anlage und
Lebensgeschichte; sie als Bedingung von Erkenntnis zu verlangen,
Privileg der Erfahrung
sei elitär und undemokratisch. Zu
konzedieren ist, daß tatsächlich
nicht jeder gleichermaßen philoso
Privileg der Erfahrung
munikation hin die Wahrheit ausverkauft und verfälscht. An
dieser Paradoxie laboriert mittlerweile alles Sprachliche. Wahr-
heit ist objektiv und nicht plausibel. So wenig sie unmittelbar
irgendeinem zufällt und so sehr sie der subjektiven Vermittlung
bedarf, so sehr gilt, für ihr Geflecht, was Spinoza allzu enthu-
siastisch schon für die Einzel Wahrheit reklamierte: daß sie der
Index ihrer selbst sei. Den Privilegcharakter, welchen die Rancune
ihr vorrechnet, verliert sie dadurch, daß sie sich nicht auf die Er-
Qualität und Individuum
tion-geschwächt, aber auch ihm eine Differenziertheit erworben,
welche die Erfahrung des Objekts kräftigte.
Sich dem Objekt überlassen ist soviel wie dessen qualitativen
Momenten gerecht werden. Die szientifische Objektivierung neigt,
einig mit der Quantifizierungstendenz aller Wissenschaft seit Des-
cartes, dazu, die Qualitäten au
szuschalten, in meßbare Bestim-
mungen zu verwandeln. Dem entspricht, auf der subjektiven
Seite, die Reduktion des Erkennenden zu einem qualitätslos All-
gemeinen, rein Logischen. Wohl würden die Qualitäten erst in
einem Stande frei, der gesellschaftlich nicht länger unterm Diktat
der Quantifizierung stünde und nicht länger dem, der sich adäquat
verhalten muß, Quantifizierung als Norm geböte. Aber jene ist
nicht das zeitlose Wesen, als welche Mathematik, ihr Instrument,
sie erscheinen läßt. Wie sie wurde, ist sie vergänglich. In der Sache
magischen Täuschung fraglos war. Wäre dies Moment gänzlich
Qualität und Individuum
der Bahn seiner Säkularisierung
mit dem rationalen. Dieser Pro-
zeß faßt sich als Differenziertheit zusammen. Sie enthält ebenso
mimetisches Reaktionsvermögen in sich wie das logische Organ
fürs Verhältnis von Genus, Species und differentia specifica. Da-
bei bleibt dem differenzierenden Vermögen soviel an Zufälligkeit
gesellt wie jeglicher ungeschmälerten Individualität gegenüber
dem Allgemeinen ihrer Vernunft. Diese Zufälligkeit indessen ist
nicht so radikal, wie es den Kriterien des Szientivismus gefiele.
Hegel war sonderbar inkonsequent, als er das individuelle Bewußt-
sein Schauplatz der geistigen Erfahrung, die sein Werk beseelt, der
Zufälligkeit und Beschränktheit zieh. Erklärbar ist das nur aus
der Begierde, das kritische Moment zu entmächtigen, das mit
individuellem Geist sich verknüpft. In seiner Besonderung spürte
er die Widersprüche zwischen dem Begriff und dem Besonderen.
daß jene Allgemeinheit die Tendenz hat, in der individuellen
Erfahrung die Vorherrschaft zu erlangen. Als »Realitätsprüfung«
Qualität und Individuum
verdoppelt Erfahrung nicht einfach die Regungen und Wünsche
des Einzelnen, sondern negiert sie auch, damit er überlebe. Anders
als in der Bewegung einzelmenschlichen Bewußtseins läßt Allge-
meines vom Subjekt überhaupt nicht sich ergreifen. Würde das
Individuum coupiert, so spränge kein höheres, von den Schlacken
der Zufälligkeit gereinigtes Subj
ekt heraus, sondern einzig ein
bewußtlos nachvollziehendes. Im
Osten hat der theoretische
Kurzschluß in der Ansicht vom Individuum kollektiver Unter-
drückung zum Vorwand gedient. Die Partei soll der Zahl ihrer
Mitglieder wegen a priori jeglichem Einzelnen an Erkenntnis-
Existentialismus
Existentialismus
Trotz seines extremen Nominalism
us* organisierte sich Sartres
Philosophie in ihrer wirksamsten Phase nach der alten idealisti-
schen Kategorie der freien Tathandlung des Subjekts. Wie für
Fichte ist für den Existentialismus jegliche Objektivität gleich-
gültig. Folgerecht wurden in Sartres Stücken die gesellschaftlichen
Verhältnisse und Bedingungen allenfalls aktueller Zusatz, struk-
turell jedoch kaum mehr als Anlässe für die Aktion. Diese ward
von Sartres philosophischer Objektlosigkeit zu einer Irrationa-
lität verurteilt, die der unbeirrbare Aufklärer gewiß am wenig-
sten meinte. Die Vorstellung absoluter Freiheit zur Entscheidung
ist so illusionär wie je die vom absoluten Ich, das die Welt aus
sich heraus entläßt. Bescheide
nste politische Erfahrung reichte
hin, die zur Folie der Entscheidung von Helden aufgebauten
Situationen als Kulissen wackeln zu machen. Nicht einmal dra-
offizielle Wissenschaft gern sich bedient, sobald peinliche Entitäten wie Klasse,
Ideologie, neuerdings überhaupt Gesell
schaft erwähnt werd
en. Das Verhältnis
genuin kritischer Philosophie zum Nomina
lismus ist nicht invariant, es wech-
selt geschichtlich mit der Funktion der Skepsis (vgl. Max Horkheimer, Mon-
taigne und die Funktion der Skepsis, in: Zeitschrift für Sozialforschung, VII.
Jg. 1938, passim). Jegliches fundamentum in re der Begriffe dem Subjekt zu-
zurechnen, ist Idealismus. Mit ihm entzweite der Nominalismus sich nur dort,
wo der Idealismus objektiven Anspruch
erhob. Der Begriff einer kapitalisti-
schen Gesellschaft ist kein flatus vocis.
Existentialismus
bewegung zur Verfügung stellt, dem durchsichtigen Deckbild
jener, gegen welche Sartre die absolute Spontaneität ausspielt.
Sogleich begeht denn auch der Butzenscheibenmann, nur offenbar
setzen, rächt sich an ihnen, indem es
hinter dem Rücken der Philosophie, in den dieser zufolge irra-
tionalen Entscheidungen, seine Ge
Sache, Sprache, Geschichte
Menschen darum, weil sie der puren Form nach das Invariante
der möglichen Antwort, und wäre
es Geschichtlichkeit selber,
diktiert. Was der Mensch an sich sein soll, ist immer nur, was er
war: er wird an den Felsen seiner Vergangenheit festgeschmiedet.
Er ist aber nicht nur, was er wa
r und ist, sondern ebenso, was er
werden kann; keine Bestimmung re
icht hin, das zu antezipieren.
Wie wenig die um Existenz grup
pierten Schulen, auch die extrem
nominalistischen, zu jener Entäußerung fähig sind, die sie im
Rekurs auf einzelmenschliche Existenz ersehnen, bekennen sie
ein, indem sie über das in seinem Begriff nicht Aufgehende, ihm
Konträre allgemeinbegrifflich philosophieren, anstatt es aufzu-
denken. Sie illustrieren Existenz am Existierenden.
Wie statt dessen zu denken wäre,
das hat in den Sprachen sein
fernes und undeutliches Urbild an den Namen, welche die Sache
nicht kategorial überspinnen, freilich um den Preis ihrer Er-
kenntnisfunktion. Ungeschmälerte Erkenntnis will, wovor zu
resignieren man ihr eingedrillt hat und was die Namen abblen-
den, die zu nahe daran sind; Resignation und Verblendung er-
gänzen sich ideologisch. Idiosynkratische Genauigkeit in der
Wahl der Worte, so als ob sie die Sache benennen sollten, ist keiner
der geringsten Gründe dafür, daß der Philosophie die Darstel-
lung wesentlich ist. Der Erkenntnisgrund für solche Insistenz des
Ausdrucks vorm
ist dessen eigene Dialektik, seine begriff-
liche Vermittlung in sich selbst; sie ist die Einsatzstelle, das Unbe-
griffliche an ihm zu begreifen. Denn die Vermittlung inmitten des
Nichtbegrifflichen ist kein Rest nach vollzogener Subtraktion,
auch nichts, was auf eine schlechte Unendlichkeit von dergleichen
Prozeduren verwiese.Vielmehr ist dieVermittlung der
implizite Geschichte. Philosophie schöpft, was irgend sie noch
legitimiert, aus einem Negativen: daß jenes Unauflösliche, vor
Sache, Sprache, Geschichte
rühren sich idealistische und materialistische Dialektik. Wäh-
rend jedoch dem Idealismus die
innere Geschichte der Unmittel-
barkeit diese als Stufe des Begriffs rechtfertigt, wird sie materia-
listisch zum Maß der Unwahrheit der Begriffe nicht nur sondern
mehr noch des seienden Unmittelbaren. Womit negative Dialektik
ihre verhärteten Gegenstände durchdringt, ist die Möglichkeit,
um die ihre Wirklichkeit betrogen hat und die doch aus einem
jeden blickt. Doch selbst bei äußerster Anstrengung, solche in den
Sachen geronnene Geschichte sprachlich auszudrücken, bleiben
Der bestimmbare
Fehler aller Begriffe nötigt, andere herbeizuzitieren; darin ent-
springen jene Konstellationen, an die allein von der Hoffnung
Tradition und Erkenntnis
Rhetorik
wie sie es dem autarkischen Gedanken vorrechnet. Wenngleich
Widerspiel des transzendentalen Moments, ist das traditionale
quasi transzendental, nicht die punktuelle Subjektivität, sondern
das eigentlich Konstitutive, der la
ut Kant verborgene Mechanis-
mus in der Tiefe der Seele. Unter den Varianten der allzu engen
Ausgangsfragen der Kritik der rein
en Vernunft dürfte die nicht
fehlen, wie Denken, das der Tradition sich entäußern muß, ver-
wandelnd sie aufbewahren könne
; nichts anderes ist geistige
Erfahrung. Die Philosophie Bergsons, mehr noch der Roman
Prousts hingen ihr nach, nur ihrerseits unterm Bann von Unmit-
telbarkeit, aus Abscheu vor jene
r bürgerlichen Zeitlosigkeit, die
mit der Mechanik des Begriffs die Abschaffung des Lebens vor-
Rhetorik
sie leicht zur Usurpation dess
Anstatt im sprachlichen Gefälle zu
plätschern, reflektiert sie dar-
auf. Mit Grund verbündet sich sprachliche Schlamperei - wissen-
schaftlich: das Unexakte - gern mit dem wissenschaftlichen Gestus
der Unbestechlichkeit durch die Sprache. Denn die Abschaffung
der Sprache im Denken ist nicht dessen Entmythologisierung.
Erster Teil
Verhältnis zur Ontologie
Das ontologische Bedürfnis
Die Ontologien in Deutschland, zumal die Heideggersche, wirken
zur Unangreifbarkeit. Wer die Gefolgschaft verweigert, ist als
geistig vaterlandsloser Geselle ve
rdächtig, ohne Heimat im Sein,
gar nicht soviel anders, als einmal die Idealisten Fichte und Schel-
ten. In all ihren einander sich befehdenden und sich gegenseitig
als falsche Version ausschließenden Richtungen ist Ontologie
Frage und Antwort
Ganze ohne seiner Erkenntnis diktierte Grenzen zu ergreifen;
Husserlschen
aus denen dann beim Heidegger von �Sein
und Zeit Existentialien wurden, sollten umfassend antezipieren,
was jene Regionen bis zur obersten eigentlich seien. Unausdrück-
lich stand dahinter, die Entwürfe der Vernunft könnten aller
Fülle des Seienden ihre Struktur vorzeichnen; zweite Reprise der
alten Philosophien des Absoluten, deren erste der nach-Kantische
Idealismus war. Zugleich aber wirkte die kritische Tendenz
fort, weniger gegen dogmatische Begriffe denn als Anstren-
gung, die nun ihrer systematischen Einheit entäußerten und ge-
gen einander abgesetzten Absoluta nicht mehr zu setzen oder zu
konstruieren, sondern rezeptiv, in einer an dem positivistischen
Frage und Antwort
nicht einfach die anti-akademische Tradition der Philosophie sich
zu eigen, indem sie, wie Paul Tillich einmal formulierte, nach
dem fragen, was einen unbedingt angeht. Sie haben das Pathos
Frage und Antwort
sophie verlogen, weil sie die Unabhängigkeit des Gedachten vom
Denken gerade dort postulieren, wo Denken und Gedachtes durch
einander vermittelt sind. Philosophi
sch verstehen läßt sich eigent-
üch nur, was wahr ist. Der erfüllende Mitvollzug des Urteils, in
dem verstanden wird, ist eins mit der Entscheidung über wahr
und falsch. Wer nicht über die Stringenz eines Theorems, oder
deren Abwesenheit, mitvollziehend urteilt, versteht es nicht. Seinen
eigenen Sinngehalt, der zu verstehen wäre, hat es im Anspruch
solcher Stringenz. Dadurch untersche
Affirmativer Charakter
nistheorie, Funktionsbegriffe di
e Substanzbegriffe immer weiter
verdrängt haben. Die Gesellschaft
ist zu dem totalen Funktions-
zusammenhang geworden, als welchen sie einst der Liberalismus
dachte; was ist, ist relativ auf Anderes, irrelevant an sich selbst.
Das Erschrecken davor, das dämmernde Bewußtsein, das Subjekt
büße seine Substantialität ein, präpariert es, der Beteuerung zu
Affirmativer Charakter
auch die kritische Philosophie einzuspannen, wird dieser unmit-
telbar ontologischer Gehalt imputiert. Heidegger konnte das
antisubjektivistische und »transzendierende« Moment nicht ohne
Legitimation aus Kant herausle
sen. Dieser hebt den objektiven
Charakter seiner Fragestellung programmatisch in der Vorrede
zur Kritik der reinen Vernunft hervor und läßt in der Durch-
führung der Deduktion der reinen
Verstandesbegriffe an ihr kei-
nen Zweifel. Er geht nicht auf in dem, was die konventionelle
Philosophiegeschichte verzeichnet, in der Kopernikanischen Wen-
dung; das objektive Interesse behält den Primat über das
Eixtmäditigung des Subjekts
zudrehen. Seine Version der Ontologie hat er vom Objektivis-
mus, seine anti-idealistische Ha
ltung vom sei's kritischen, sei's
naiven Realismus eifrig abgegrenzt
. Fraglos war das ontologi-
sche Bedürfnis nicht auf Anti-Idealismus, nach den Fronten aka-
demischen Schulstreits, zu nivellieren. Aber unter seinen Impul-
sen desavouierte dennoch der vielleicht nachhaltigste den Idealis-
mus. Erschüttert ist das anthro
pozentrische Lebensgefühl. Das
Subjekt, philosophische Selbst
besinnung hat die Jahrhunderte
zurückdatierende Kritik des Geozentrismus gleichsam sich zuge-
eignet. Dies Motiv ist mehr als bloß weltanschaulich, so bequem
es auch weltanschaulich auszuschlachten war. Wohl sind über-
schwängliche Synthesen zwischen der philosophischen Entwick-
lung und der naturwissenschaftlichen anrüchig: sie ignorieren die
Verselbständigung der physikalisch-mathematischen Formelspra-
che, welche längst nicht mehr in Anschauung, überhaupt in keinen
dem menschlichen Bewußtsein
unmittelbar kommensurablen
Kategorien sich heimholen läßt. Dennoch haben die Ergebnisse
der neueren Kosmologie weit ausgestrahlt; alle Vorstellungen, die
das Universum dem Subjekt anähneln oder gar als seine Setzung
Entmäditigung des Subjekts
Ohnmacht, veranlaßt die Menschen,
mit ihr sich zu identifizieren,
und verstärkt damit weiter den Bann der zweiten Natur. Seins-
gläubigkeit, trübes weltanschau
liches Derivat kritischer Ahnung,
artet wirklich zu dem aus, als was Heidegger unvorsichtig sie
einmal definierte, zur Seinshörigkeit. Sie fühlt sich dem All gegen-
Sein, Subjekt, Objekt
sondern das Wort - und sei doch vor aller Begrifflichkeit privile-
giert, kraft der im Wort Sein mitgedachten Momente, die in der
abstrakt gewonnenen begrifflichen Merkmaleinheit nicht sich
erschöpfen. Obwohl zumindest der reife Heidegger darauf nicht
mehr Bezug nimmt, supponiert seine Rede vom Sein die Husserl-
sche Doktrin von der kategorialen Anschauung oder Wesensschau.
Einzig durch solche Anschauung
könnte, der Struktur nach, wel-
che die Heideggersche Philosophie dem Sein zuschreibt, es sich,
nach dem Sprachgebrauch der Schule, erschließen oder enthüllen;
das emphatische Sein Heideggers wäre das Ideal dessen, was der
Ideation sich gibt. Die in jener Doktrin gelegene Kritik an der
klassifikatorischen Logik als der
Merkmaleinheit des unterm Be-
griff Befaßten bleibt in Kraft. Aber Husserl, dessen Philosophie
in den Schranken der Arbeitsteilung
sich hielt und trotz aller so-
genannten Fundierungsfragen bis zu
ihrer Spätphase den Begriff
der strengen Wissenschaft unbehelligt ließ, suchte, mit deren Spiel-
regeln, in unmittelbare Übereinstimmung zu bringen, was seinen
eigenen Sinn hat an deren Kritik; he wanted to eat the cake and
have it too. Seine ausdrücklich als solche vorgetragene Methode
möchte den klassifikatorischen Begriffen durch den Modus, in
dem Erkenntnis ihrer sich versichert, einflößen, was sie als klassi-
fikatorische, als bloße Zurüstung von Gegebenem nicht haben
können, sondern hätten allein durchs Begreifen der Sache selbst,
die bei Husserl changiert zwischen einem Intramentalen und
einem der Bewußtseinsimmanenz Entgegengesetzten. Nicht, wie
es zu Lebzeiten Husserls der Brauch war, ist ihm die Unwissen-
schaftlichkeit der kategorialen An
schauung als irrationalistisch
vorzuwerfen — sein oeuvre als ganzes opponiert dem Irrationalis-
mus— sondern ihre Kontamination mit Wissenschaft. Heidegger
Ontologischer Objektivismus
kategorialen Anschauung zuteil wird, mit der Frage nach seiner Le-
gitimation auch die erkenntniskrit
ische als vorontologisch beseitigt.
Das Ungenügen an der erkenntnistheoretischen Vorfrage wird zum
Rechtstitel, diese einfach zu eliminieren; Dogmatik wird ihm, ge-
genüber der Tradition ihrer Kritik, schlicht zur höheren Weisheit.
Das ist der Ursprung von Heideggers Archaismus. Die Zweideu-
tigkeit der griechischen Worte für
Sein, zurückdatierend auf die jo-
nische Ungeschiedenheit von Stoffen, Prinzipien und reinem Wesen,
wird nicht als Insuffizienz sondern als Superiorität des Ursprüng-
lichen verbucht. Sie soll den Begriff Sein von der Wunde seiner Be-
grifflichkeit, der Spaltung von Gedanken und Gedachtem, heilen.
Was aber auftritt, als hätte es seinen Ort im Weltalter vor dem
Sündenfall subjektivierender wi
Ontologischer Objektivismus
jeglicher kritischen Instanz fürs Sein rückt die Wiederholung des
puren Namens. Das Residuum, das vermeintlich unentstellte
Wesen
kommt einer
vom Typus derer gleich, wie sie die
motivierte Bewegung des Gedank
ens verwerfen mußte. Daß eine
Relativismus, gegen den einmal das ontologische Bedürfnis auf-
begehrte. Keine Sympathie mit Piatons Enthusiasmus gegenüber
den resignativ-einzelwissenschaf
tlichen Zügen des Aristoteles ent-
und
Enttäuschtes Bedürfnis
sei. Sie ermutigt nur das normale Funk-
tionieren des Verstandes und di
e dementsprechende Ansicht von
der Realität; übrigens optiert noch Heidegger für den »normal
denkenden Menschen«
. Wenige der innerweltlichen Anschau-
ontologischen Bedürfnis; der Wi
lle, den Gedanken nicht um das
Enttäuschtes Bedürfnis
bringen zu lassen, weswegen er gedacht wird. Seitdem die Wissen-
schaften, unwiderruflich, von der idealistischen Philosophie sich
losgesagt haben, suchen die erfo
lgreichen keine Legitimation mehr
Enttäuschtes Bedürfnis
vornehme Abwendung von der Wissenschaft bestätigt schließlich
doch deren Allherrschaft, ähnlich wie unterm Faschismus irratio-
nalistische Parolen den szientifisch-technologischen Betrieb kon-
trapunktierten. Der Übergang vo
n der Kritik der Wissenschaften
zu dem ihnen Wesentlichen als dem Sein sieht selbst wiederum ab
von dem, was irgend an den Wissenschaften wesentlich sein
könnte, und bringt das Bedürfnis um das, was er zu gewähren
scheint. Indem ontologisches Philosophieren ängstlicher von allem
Sachhaitigen sich distanziert als Kant jemals, erlaubt es weniger
unreglementierte Einsicht als der Idealismus in seiner Schelling-
schen und gar Hegelschen Gestalt. Verpönt wird zumal das gesell-
schaftliche Bewußtsein, wie es gerade den antiken Ontologien
vom philosophischen untrennbar
war, als Heterodoxie, als
Befassung mit bloß Seiendem und
Hei-
deggers Hermeneutik hat die von Hegel in der Einleitung zur
Phänomenologie inaugurierte Wendung gegen die Erkenntnis-
theorie sich zu eigen gemacht
. Aber die Reservate der Transzen-
dentalphilosophie gegen eine inhaltliche, die den Inhalt als bloß
empirisch von der Schwelle fortwe
ist, überleben trotz aller Pro-
teste in seinem Programm, das Sein vom Seienden abzuheben
und das Sein selbst zu explizieren
. Die Fundamentalontologie
»Mangel als Gewinn«
Die Unterscheidung von Begriff und Materialem sei der Sünden-
und
ununterscheidbar
»Mangel als Gewinn«
Fremdwort Philosophie das deutsche Denken ist. Wie nach einem
verblichenen Witz der Schuldner gegenüber dem Gläubiger im
Kritik. Woran immer sie sich hält, ist als Mißverständnis abzu-
fertigen. Der Begriff entlehnt vom Faktischen das air gediegener
Fülle, des nicht erst gedanklich, unsolid Gemachten: des An sich;
das Seiende vom Geist, der es synthesiert, die Aura des mehr
denn faktisch Seins: die Weihe von Transzendenz; und eben diese
Struktur hypostasiert sich als Höheres dem reflektierenden Ver-
stand gegenüber, der Seiendes und
Begriff mit dem Seziermesser
auseinander schneide. Selbst di
e Dürftigkeit dessen, was Hei-
degger nach all dem in Händen behält, münzt er um in einen Vor-
zug; es ist eine der durchgängigen, freilich niemals als solche
genannten Invarianten seiner Philosophie, jeglichen Mangel an
Inhalt, jegliches Nichthaben einer Erkenntnis in einen Index von
Tiefe umzuwerten. Unfreiwillige Abstraktheit präsentiert sich
als freiwilliges Gelübde. »Das Denken«, heißt es im Traktat über
Piatons Lehre von der Wahrheit, »ist auf dem Abstieg in die
Armut seines vorläufigen Wesens«
- als wäre die Leere des
Seinsbegriffs Frucht mönchischer Keuschheit des Ursprünglichen,
nicht bedingt von Aporien des Gedankens. Sein jedoch, das kein
Begriff oder ein ganz besonderer sein soll, ist der aporetische
Inhaltliches Philosophieren seit
Schelling war begründet in der
Identitätsthese. Nur wenn der Inbegriff des Seienden, schließlich
Seiendes selbst, Moment des Geistes, auf Subjektivität reduzier-
bar; nur wenn Sache und Begriff im Höheren des Geistes iden-
tisch sind, ließ nach dem Fichte
schen Axiom, das Apriori sei zu-
gleich das Aposteriori, sich prozedieren. Das geschichtliche Urteil
über die Identitätsthese aber fährt auch Heidegger in die Kon-
zeption. Seiner phänomenologischen Maxime, der Gedanke habe
dem sich zu beugen, was ihm sich gibt oder am Ende »schickt« —
als ob der Gedanke nicht die Bedingungen solcher Schickung
durchdringen könnte-, ist die Möglichkeit der Konstruktion tabu,
des spekulativen Begriffs, die verwachsen war mit der Iden-
titätsthese. Schon die Husserlsche Phänomenologie laborierte
daran, daß sie unter der Parole »Zu den Sachen« über die Er-
kenntnistheorie hinaus wollte. Husserl nannte ausdrücklich seine
Lehre nicht-erkenntnistheoretisch*
wie später Heidegger die seine
nicht-metaphysisch, schauderte aber vorm Übergang in die Sach-
haltigkeit tiefer als je ein Marburger Neukantianer, dem die
nicht, nach dessen Sprache, eidetische Phänomenologie wäre, den
unphilosophischen Tatsachenwissenschaften zu. Aber er dehnt
den Bann noch auf die Husserlschen
aus, die obersten, fak-
tenfreien, begrifflichen Einheiten von Faktischem, denen Spuren
von Sachhaltigkeit beigemischt sind. Sein ist die Kontraktion der
Wesenheiten. Ontologie gerät aus der eigenen Konsequenz in ein
Niemandsland. Die Aposteriorien muß sie eliminieren, Logik,
als eine Lehre vom Denken und eine partikulare Disziplin, soll
sie ebensowenig sein; jeder denkende Schritt müßte sie hinaus-
führen über den Punkt, auf dem al
lein sie hoffen darf, sich selbst
* Er exponiert, in der phänomenol
ogischen Fundamentalbetrachtung der
Mißglückte Sachlichkeit
die Fundamentalontologie gleich der Phänomenologie wider
Willen Erbin des Positivismus
. Bei Heidegger überschlägt sich
Sachlichkeit: er ist darauf aus, gleichsam ohne Form, rein aus den
Sachen zu philosophieren, und damit verflüchtigen diese sich ihm.
Der Überdruß an dem subjektiven Gefängnis der Erkenntnis
veranlaßt zur Überzeugung, das der Subjektivität Transzendente
sei für sie unmittelbar, ohne daß sie durch den Begriff es beflecke.
Analog romantischen Strömungen wie der späteren Jugendbewe-
gung verkennt sich die Fundamentalontologie als antiromantisch
im Protest gegen das beschränkende und trübende Moment von
Subjektivität; will diese, mit kr
iegerischer, auch von Heidegger
nicht gescheuter Redeweise, überwinden
. Weil aber Subjektivi-
tät ihre Vermittlungen nicht aus der Welt denken kann, wünscht
sie Stufen des Bewußtseins zurück, die vor der Reflexion auf
Subjektivität und Vermittlung liegen. Das mißlingt.Wo sie gleich-
sam subjektlos dem sich anzuschmiegen vermeint, als was die
Sachen sich zeigen, materialgerecht, urtümlich und neusachlich zu-
Über kategoriale Anschauung
spekulativ gedacht, vom Gedanken was auch immer gesetzt wer-
den darf, noch umgekehrt ein Seiendes eindringen, das, als Stück-
chen der Welt, die Vorgängigkeit des Seins kompromittierte, ge-
traut der Gedanke sich eigentlich überhaupt nichts anderes mehr
zu denken als ein gänzlich Leeres, weit mehr noch ein X denn je
das alteTranszendentalsubjekt, das als Bewußtseinseinheit stets die
Erinnerung an seiendes Bewußtsein, »Egoität«, mit sich führte. Dies
X, das absolut Unausdrückbare, allen Prädikaten Entrückte, wird
unterm Namen Sein zum ens realissimum. In der Zwangsläufigkeit
hinaus, ein Moment korrespondieren muß. Insofern
Über kategoriale Anschauung
Heidegger den Aspekt des Erscheinens gegen dessen vollkommene
Reduktion auf Denken hervorhebt, wäre ein heilsames Korrektiv
des Idealismus. Aber er isoliert dabei das Moment des Sachver-
halts, faßt es, nach Hegels Term
inologie, ebenso abstrakt wie der
Ober kategoriale Anschauung
ist der auf die oberste Formel gebrachte, angeblich rein sich
darbietende kategoriale Sachverhalt. - Längst war der phäno-
menologischen Analyse vertraut, daß das synthesierende Bewußt-
sein etwas Rezeptives hat. Das im Urteil Zusammengehörige gibt
sich ihm exemplarisch zu erkennen, nicht bloß komparativ. Zu
bestreiten ist nicht die Unmittelb
arkeit von Einsicht schlechthin,
sondern deren Hypostasis. Indem an einem spezifischen Gegen-
Über kategoriale Anschauung
die im Schein der Unmittelbark
eit von geistig Gegebenem einge-
froren war; darin ist Wesenssc
hau dem allegorischen Bewußtsein
nahe. Als Erfahrung des Gewordenen in dem, was vermeintlich
bloß ist, wäre sie genau fast das Gegenteil dessen, wofür man sie

Hegels Phänomenologie in allen Vermittlungen immer wieder
sich reproduzierend, Moment ist, nicht das Ganze der Erkenntnis.
Kein ontologischer Entwurf kommt aus, ohne herausgeklaubte
einzelne Momente zu
verabsolutieren. Ist Erkenntnis ein Inein-
ander der synthetischen Denkfunktion und des zu Synthesie-
renden, keines von beiden unabhängig vom anderen, so gerät
auch kein unmittelbares Eingedenken, wie Heidegger als einzige
Rechtsquelle seinswürdiger Philosophie es stipuliert, es sei denn
kraft der Spontaneität des Gedankens, die er gering schätzt. Hätte
ohne Unmittelbares keine Reflexion Gehalt, so verharrt es un-
verbindlich, willkürlich ohne die Reflexion, die denkende, unter-
scheidende Bestimmung dessen, was das angeblich pur einem
passiven, nicht denkenden Gedanken sich zeigende Sein meint.
Den kunstgewerblichen Klang der Pronunciamenti, daß es sich
entberge oder lichte, verursacht der Fiktionscharakter des Be-
entzaubern. Anstatt menchliche Ve
rhältnisse darin zu agnoszie-
ren, verwechselt sie diese mit dem mundus intelligibilis. Sie kon-
serviert wiederholend, wogegen
sie sich auflehnt, die Denkge-
bilde, die ihrem eigenen Programm zufolge als verdeckend
beseitigt werden sollen. Unter dem Vorwand, zum Erscheinen zu
verhalten, was unter ihnen liege, werden sie unvermerkt noch
einmal zu dem An sich, das sie dem verdinglichten Bewußtsein
In der Zession
von Sein, dem geistig Vermittelten, an hinnehmende Schau kon-
vergiert Philosophie mit der flach
irrationalistischen des Lebens.
Verweis auf Irrationalität wäre nicht von selbst eins mit philo-
sophischem Irrationalismus. Jene ist das Mal, das die unauf-
hebbare Nichtidentität von Subjekt und Objekt in der Erkennt-
nis hinterläßt, die durch die bloße Form des prädikativen Urteils
Identität postuliert; auch die Hoffnung wider die Allmacht des
subjektiven Begriffs. Aber Irrationalität bleibt dabei selbst wie
er Funktion der ratio und Gege
nstand ihrer Selbstkritik: das,
was durchs Netz rutscht, wird durch dieses gefiltert. Auch die
Philosopheme des Irrationalismus sind auf Begriffe verwiesen
und damit auf ein rationales Moment, das ihnen inkompatibel
wäre. Heidegger umgeht, womit fertig zu werden eines der
Motive von Dialektik ist, indem er einen Standpunkt jenseits
der Differenz von Subjekt und Objekt usurpiert, in welcher die
Unangemessenheit der ratio ans Gedachte sich offenbart. Solcher
Sprung jedoch mißlingt mit den Mitteln der Vernunft. Denken
kann keine Position erobern, in der jene Trennung von Subjekt
und Objekt unmittelbar verschwände, die in jeglichem Gedanken,
in Denken selber liegt. Darum
wird Heideggers Wahrheitsmo-
ment auf weltanschaulichen Irrationalismus nivelliert. Philo-
sophie erheischt heute wie zu Kants Zeiten Kritik der Vernunft
durch diese, nicht deren Verbannung oder Abschaffung.
»Sinn von Sein«
Unterm Denkverbot sanktioniert Denken, was bloß ist. Das
genuin kritische Bedürfnis des Gedankens, aus der Phantas-
magorie von Kultur zu erwachen, ist aufgefangen, kanalisiert,
dem falschen Bewußtsein zugeführt. Abgewöhnt ward dem Den-
ken von der Kultur, die es umstellt, die Frage, was all das sei und
wozu — lax die nach seinem Sinn, die immer dringlicher wird, je
weniger solcher Sinn den Menschen mehr selbstverständlich ist,
»Sinn von Sein«
flochten. Begriffe, Instrumente menschlichen Denkens, können
keinen Sinn haben, wenn Sinn selber negiert, wenn aus ihnen jeg-
liches Gedächtnis an einen objektiven jenseits der Mechanismen
der Begriffsbildung vertrieben ward. Der Positivismus, dem die
Begriffe nur auswechselbare, zufä
llige Spielmarken sind, hat dar-
aus die Konsequenz gezogen und der Wahrheit zu Ehren Wahr-
heit extirpiert. Gewiß hält die Gegenposition der Seinsphilo-
sophie ihm den Aberwitz seiner Vernunft vor. Aber die Einheit
des Äquivoken wird sichtbar allein durch dessen implizite Diffe-
renz hindurch. Sie entfällt in Heideggers Rede vom Sinn. Er folgt
dabei seinem Hang zur Hypostasis: Befunden aus der Sphäre
des Bedingten verleiht er durch den Modus ihres Ausdrucks den
Schein der Unbedingtheit. Möglic
h wird das durch das Schillernde
des Wortes Sein. Wird das wahre Sein radikal
vom Seienden
vorgestellt, so ist es identisch mit seiner Bedeutung: man muß
nur den Sinn der Wesenheit Sein angeben und hat den Sinn
von Sein selbst. Nach diesem Schema wird unvermerkt der Aus-
bruchsversuch aus dem Idealismus revoziert, die Lehre vom Sein
— Sein selber — Sinn habe, weil es anders nicht denn
als Begriff, als sprachliche Bedeutung gegeben sei. Daß dieser Be-
griff nicht Begriff sondern unmittelbar sein soll, hüllt den seman-
tischen Sinn in ontologische Dignität. »Die Rede vom� Sein ver-
steht diesen Namen auch nie im Sinne einer Gattung, unter deren
leere Allgemeinheit di
e historisch vorgestellten Lehren vom Sei-
enden als einzelne Fälle gehören.� Sein spricht je und je geschick-
lich und deshalb durch waltet von Überlieferung.«
Daraus zieht
Ontotogie verordnet
zerrann dem
der Natur sich entringenden Bewußtsein. Der Mythos selber
ward offenbar als Trug; Trug allein kann ihn vergegenwärtigen
und Befehl. Ihm soll di
e Selbststilisierung des Seins als eines Jen-
seits vom kritischen Begriff doch noch den Rechtstitel erwirken,
Seinsverlust registriert, ist nicht nur die Unwahrheit; schwerlich
sonst suchte er bei Hölderlin Sukkurs. Die Gesellschaft, nach
deren eigenem Begriff die Beziehungen der Menschen in Freiheit
Ontologie verordnet
Protest gegen Verdinglichung
Abschirmens harmoniert mit einer gesellschaftlichen Phase, die
ihre Herrschaftsverhä
ltnisse nur noch halben Herzens in einer
vergangenen Stufe der Gesellsc
haft fundiert.
Protest gegen Verdinglichung
den«, ein Festes
. Darin schlägt durch, daß Subjektivierung und
Verdinglichung nicht bloß divergieren, sondern Korrelate sind.
Je mehr das Erkannte funktionalisiert, zum Produkt der Er-
kenntnis wird, desto vollkommener wird das Moment von Be-
wegung an ihm dem Subjekt als se
sich prädizieren ließe. Nicht umsonst hieß bei Kant dynamisch
eine Klasse von Kategorien
. Der Stoff aber, bar der Dynamik,
ist kein schlechthin Unmittelbares sondern, dem Schein seiner ab-
er gibt weiter, wozu er gezwungen wird von dem Zusammenhang
Bedürfnis falsch
ber, gegen den das Ganze konzip
iert war, wider den versöhnen-
Bedürfnis falsch
vergeistigt noch in derlei verkehrten Bedürfnissen sich das seiner
selbst unbewußte Leiden an der materiellen Versagung. Es muß
ebenso auf ihre Abschaffung drängen, wie das Bedürfnis allein
jene nicht bewirkt. Der Gedanke
ohne Bedürfnis, der nichts will,
wäre nichtig; aber Denken aus dem Bedürfnis verwirrt sich, wenn
das Bedürfnis bloß subjektiv vorgest
ellt ist. Bedürfnisse sind ein
Konglomerat des Wahren und Falschen; wahr wäre der Gedanke,
der Richtiges wünscht. Trifft die Lehre zu, der zufolge die Be-
dürfnisse an keinem Naturzustand sondern am sogenannten
kulturellen Standard abzulesen seien, so stecken in diesem auch
die Verhältnisse der gesellscha
ftlichen Produktion samt ihrer
schlechten Irrationalität. Sie ist rücksichtslos an den geistigen
Bedürfnissen zu kritisieren, dem Ersatz für Vorenthaltenes. Er-
satz ist die neue Ontologie in sich: was sich als jenseits des ideali-
stischen Ansatzes verspricht, bleibt latent Idealismus und ver-
hindert dessen einschneidende Kritik. Generell sind Ersatz nicht
nur die primitiven Wunscherfüllungen, mit denen die Kultur-
industrie die Massen füttert, ohne daß diese recht daran glaubten.
Verblendung hat keine Grenze dort, wo der offizielle Kultur-
kanon seine Güter placiert, im vermeintlich Sublimen der Philo-
sophie. Das dringlichste ihrer Bedürfnisse heute scheint das nach
einem Festen. Es inspiriert die Ontologien; ihm messen sie sich
an. Sein Recht hat es darin, daß man Sekurität will, nicht
von einer historischen Dynamik begraben werden, gegen die
man sich ohnmächtig fühlt. Das Unverrückbare möchte das ver-
urteilte Alte konservieren. Je ho
ffnungsloser die bestehenden
gesellschaftlichen Formen diese Sehnsucht blockieren, desto un-
widerstehlicher wird die verzwe
ifelte Selbsterhaltung in eine
Philosophie gestoßen, die beides se
in soll in einem, verzweifelt
und Selbsterhaltung. Die invarianten Gerüste sind nach dem
Ebenbild des allgegenwärtigen Sc
hreckens geschaffen, des Schwin-
dels einer vom totalen Untergang bedrohten Gesellschaft. Ver-
schwände die Drohung, so verschwände wohl mit ihr auch ihre
positive Umkehrung, selbst nichts anderes als ihr abstraktes
Negat.
Spezifischer ist das Bedürfnis nach
einer Struktur von Invarian-
ten Reaktion auf die ursprünglich von der konservativen Kultur-
kritik seit dem neunzehnten Jahrhundert entworfene und seit-
Schwäche und Halt
dem popularisierte Vorstellung von der entformten Welt. Kunst-
geschichtliche Thesen wie die vom Erlöschen der stilbildenden
Sdiwäche und Halt
geborgen, über sie hinaus. Nur weil mißlang, die Welt so einzu-
richten, daß sie nicht mehr den dem fortgeschrittensten Bewußt-
sein konträren Formkategorien gehorchte, muß das vorherr-
schende jene Kategorien krampfhaft zu seiner eigenen Sache ma-
chen. Weil aber der Geist ihre Unzulänglichkeit nicht vollends
Schwäche und Halt
nen. Müßten die Menschen nicht mehr den Dingen sich gleichma-
chen, so bedürften sie weder eines dinghaften Überbaus, noch
müßten sie sich, nach dem Muster von Dinglichkeit, als invariant
entwerfen. Die Invariantenlehre verewigt, wie wenig sich än-
derte, ihre Positivität das Schlechte. Insofern ist das ontologische
Sein und Existenz
Kritik am ontologischen Bedürfnis treibt zur immanenten der
Ontologie. Über die Seinsphiloso
phie hat keine Gewalt, was sie
generell, von außen her abwehrt, anstatt in ihrem eigenen Gefüge
mit ihr es aufzunehmen, nach Hegels Desiderat ihre eigene Kraft
gegen sie zu wenden. Motivationen und Resultanten von Hei-
deggers gedanklichen Bewegungen lassen sich, auch wo sie nicht
ausgesprochen sind, nachkonstruieren; schwerlich enträt irgend-
einer seiner Sätze des Stellenwerts im Funktionszusammenhang
des Ganzen. Insofern ist er Nachfahre der deduktiven Systeme.
Deren Geschichte schon ist reich an Begriffen, die vom gedank-
lichen Fortgang gezeitigt werden, auch wenn kein Zeigefinger
auf den Sachverhalt sich legen läßt, der ihnen entspräche; in der
Nötigung, sie zu bilden, entspringt das spekulative Moment der
Philosophie. Die in ihnen versteinerte Denkbewegung ist wieder-
um zu verflüssigen, wiederholend gleichsam ihrer Triftigkeit nach-
zugehen. Nicht reicht dabei aus, der Seinsphilosophie zu demon-
Zur immanenten Kritik der Ontologie
Preisgabe, an vorbehaltlose und zugleich sich selbst reflektierende
Säkularisierung. Wahr ist soviel an Heideggers Ansatz, wie er
dem sich beugt in der Negation traditioneller Metaphysik; unwahr
Zur immanenten Kritik der Ontologie
Geistesphilosophien. Die elektrische Ladung des Wortes Sein bei
Heidegger verträgt sich gut mit dem Lob des frommen oder gläu-
bigen Menschen schlechthin, das die neutralisierte Kultur spendet,
als sei Frömmigkeit und Gläubigkeit an sich ein Verdienst, ohne
Rücksicht auf die Wahrheit des Geglaubten. Diese Neutralisie-
rung kommt bei Heidegger zu sich selbst: Seinsfrömmigkeit
durchstreicht vollends den Inhalt, der in den halb oder ganz
säkularisierten Religionen unverbindlich mitgeschleift war. Von
den religiösen Gebräuchen ist bei
Heidegger, der sie einübt, nichts
übrig als die generelle Bekräftigung von Abhängigkeit und Unter-
Copula
sakralen Bezirk des Seins die Spur der Kontingenz ab, die ehe-
mals seine Kritik gestattete. Kraft der Logik der philosophischen
Aporie, ohne daß erst auf die ideologische Zutat des Philosophen
Copula
Der »Sachverhalt« aber ist intentional, nicht ontisch. Die Copula
erfüllt sich dem eigenen Sinn nach einzig in der Relation zwischen
Subjekt und Prädikat. Sie ist nicht selbständig. Indem Heidegger
sie als jenseits dessen verkennt, wodurch allein sie zu Bedeutung
wird, übermannt ihn jenes dinghafte Denken, gegen das er auf-
begehrte. Fixiert er das von »Ist« Gemeinte zum absoluten idealen
An sich—eben dem Sein—, so hätte, einmal von der Copula losge-
rissen, das von Subjekt und Prädikat des Urteils Repräsentierte
das gleiche Recht. Ihre Synthe
sis durch die Copula widerführe
beidem bloß äußerlich; eben dagegen war der Seinsbegriff er-
sonnen. Subjekt, Copula, Prädikat wären abermals, wie in obso-
Copula
sondern lediglich die abstrakte Form von Vermittlung überhaupt.
Diese, nach Hegels Wort das reine Werden, ist so wenig ein Ur-
prinzip wie irgendein anderes, wofern man nicht den Parmenides
mit Heraklit austreiben will. Das Wort Sein hat einen Oberton,
den allein die willkürliche Definition überhören könnte; er ver-
leiht der Heideggerschen Philosophie ihre Klangfarbe. Ein jeg-
liches Seiendes ist mehr, als es ist; Sein, in Kontrast zum Seien-
den, mahnt daran. Weil nichts Seiendes ist, das nicht, indem es
bestimmt wird und sich selbst bestimmt, eines anderen bedürfte,
das nicht es selber ist - denn durch es selbst allein wäre es nicht
zu bestimmen -, weist es über si
ch hinaus. Vermittlung ist dafür
lediglich ein anderes Wort. Heidegger aber sucht das über sich
Hinausweisende zu halten und worüber es hinausweist als Schutt
zurückzulassen. Verflochtenheit wird ihm zu deren absolutem Ge-
genteil, der
Im Wort Sein, dem Inbegriff dessen, was
ist, hat die Copula sich vergegenständlicht. Wohl wäre vom Ist
ohne Sein so wenig zu reden wie von diesem ohne jenes. Das Wort
verweist auf das objektive Moment, das in jedem prädikativen
Urteil die Synthesis bedingt, in der es doch erst sich kristallisiert.
Aber so wenig wie jener Sachverhalt im Urteil ist das Sein dem Ist
gegenüber selbständig. Die Sprache, die Heidegger mit Recht für
mehr nimmt denn die bloße Signifikation, zeugt kraft der Unselb-
ständigkeit ihrer Formen gegen das, was er aus ihr herauspreßt.
Verkoppelt die Grammatik das Ist mit der Substratkategorie Sein
andere zu reduzieren ist. Der von der Schimäre eines
absolut Er-
sten faszinierte Gedanke wird da
zu neigen, schließlich noch jene
gebildet; sie ist Form des Materialen
und insofern ihrer eigenen reinlogische
Keine Transzendenz des Seins
selbst Sein, bar seiner Andersheit. Die Nichtidentität in der abso-
luten Identität vertuscht er wie eine Familienschande. Weil das
»Ist« weder nur subjektive Funktion noch ein Dinghaftes, Seien-
des, nach herkömmlichem Denken keine Objektivität ist, nennt
Heidegger es Sein, jenes Dritte.
Der Übergang ignoriert die In-
tention des Ausdrucks, den Heidegger demütig auszulegen glaubt.
Die Erkenntnis, das »Ist« sei kein bloßer Gedanke und kein bloß
Seiendes, erlaubt nicht seine Ve
rklärung zu einem jenen beiden
Bestimmungen gegenüber Transzendenten. Jeder Versuch, das
»Ist«, und wäre es in der blassesten Allgemeinheit, überhaupt
nur zu denken, führt auf Seiendes hier und dort auf Begriffe. Die
Konstellation der Momente ist nicht auf ein singuläres Wesen zu
bringen; ihr wohnt inne, was selbst nicht Wesen ist. Die Einheit, die
das Wort Sein verspricht, währt nur so lange, wie es nicht gedacht,
Momente, kein höheres, nicht einmal ein allgemeineres Drittes.
Gewiß wäre im Sinn Heideggers anzuführen, das Ist sei nicht
Keine Transzendenz des Seins
dinghaft, nicht
kein Seiendes, keine Objektivität im übli-
chen Verstande. Denn ohne die
Synthesis hat das Ist kein Sub-
strat; im gemeinten Sachverhalt ließe auf kein
sich deuten,
nachhallt:daß alles mehr sei, als es ist, meint Ver-
flochtenheit, kein ihr Transzendentes. Dazu wird sie bei Heideg-
ger, tritt zum einzelnen Seienden hinzu. Er folgt der Dialektik
soweit, daß weder Subjekt noch Objekt ein Unmittelbares und
Letztes seien, springt aber aus ihr heraus, indem er jenseits von
ihnen nach einem Unmittelbaren, Ersten hascht. Archaistisch wird
Denken, sobald es, was am zerst
reuten Seienden mehr ist als es
selbst, zur metaphysischen
verklärt. Als Reaktion auf den
Verlust der Aura
wird diese, das über sich Hinausweisen der
Dinge, von Heidegger zum Substrat umfunktioniert und dadurch
selbst den Dingen gleichgemacht. Er verordnet eine Repristina-
tion des Schauers, den, längst
vor den mythischen Naturreligio-
Keine Transzendenz des Seins
Rationalität der konstant irration
alen Gesellschaft immer weiter
zurückgegriffen wird. Klug durch Schaden, vermeidet er das
romantische Pelasgertum von Klages und die Mächte von Oskar
Goldberg und flüchtet aus der Region des tangibeln Aberglaubens
in einen Dämmer, in dem nicht einmal Mythologeme wie das von
der Wirklichkeit der Bilder mehr
sich formieren. Er entschlüpft
der Kritik, ohne doch von den Avantagen des Ursprungs abzu-
lassen; so weit wird dieser zurückverlegt, daß er außerzeitlich
und darum allgegenwärtig erscheint. »Das geht aber Nicht.«
Nicht anders ist aus Geschichte auszubrechen als durch Regression.
Ihr Ziel, das älteste, ist nicht das Wahre sondern der absolute
Schein, die dumpfe Befangenheit
in einer Natur, deren Undurch-
schautes Übernatur bloß parodiert. Heideggers Transzendenz*
ist die verabsolutierte Immanenz, verstockt gegen den eigenen
Immanenzcharakter. Der Erklärung bedarf jener Schein; wieso
Keine Transzendenz des Seins
mit der Würde des Unmittelbaren so gut ausstaffiert werden wie
mit der des Wesenhaften. Zwischen den beiden gegen-
einander indifferenten Extremen spielt Heideggers gesamte Phi-
losophie*. Aber gegen seinen Willen setzt sich im Sein das Sei-
ende durch. Jenes empfängt sein Leben von der verbotenen Frucht,
als wäre diese Freyas Äpfel. Während Sein, um seiner aurati-
schen Absolutheit willen, mit nich
ts Seiendem kontaminiert wer-
den will, wird es doch nur dadurch
zu jenem Unmittelbaren, das
dem Absolutheitsanspruch den Rechtstitel liefert, daß Sein immer
auch soviel bedeutet wie: Seiendes schlechthin. Sobald die Rede
der gesamten Fundamentalontologie. Transzendenz über Denken wie
über Tatsache zieht sie daraus, daß dial
ektische Strukturen undialektisch, als
wären sie einfach zu benennen, ausgedrückt und hypostasiert werden.
Ausdruck des Unausdruckbaren
nicht die schlechteste Definition von Philosophie wäre, und die
den Spott über sie so sehr ermuntert. Philosophie selbst, als Form
des Geistes, enthält ein Moment, tief verwandt jenem Schweben-
den, wie es bei Heidegger das, worüber zu meditieren wäre, an-
nimmt, und wie es die Meditation verhindert. Denn weit spezi-
fischer ist Philosophie eine Form,
als die Geschichte ihres Begriffs
vermuten läßt, in der sie selten, außer in einer Schicht Hegels,
ihre qualitative Differenz von
Wissenschaft, Wissenschaftslehre,
Logik, mit denen sie doch verwachsen ist, ihrer Reflexion einver-
leibt. Philosophie besteht weder in verites de raison noch in veri-
tes de fait. Nichts, was sie sagt
, beugt sich handfesten Kriterien
eines der Fall Seins; ihre Sätze über Begriffliches so wenig denen
des logischen Sachverhalts wie die über Faktisches denen empiri-
scher Forschung. Zerbrechlich ist sie auch wegen ihrer Distanz. Sie
läßt nicht sich festnageln. Soweit ist ihre Geschichte eine perma-
nenten Mißlingens, wie sie dem
Handfesten immer wieder, terro-
risiert von der Wissenschaft nachgehängt hat. Ihre positivistische
Kritik verdient sie durch den An
spruch auf Wissenschaftlichkeit,
den die Wissenschaft verwirft; jene Kritik irrt, indem sie die Philo-
sophie mit einem Kriterium konfrontiert, das nicht ihres ist, wo
Ausdruck des Unausdrückbaren
auch wieder verstummen, wie der Musik es droht. Heidegger hat
das innerviert und jenes Spezifische der Philosophie, vielleicht
weil es sich anschickt zu verlöschen, buchstäblich in eine Sparte,
eine Gegenständlichkeit quasi höherer Ordnung transformiert:
Philosophie, die erkennt, daß si
e weder über Faktizität noch über
Begriffe urteilt, wie sonst geurteilt wird, und die nicht einmal
ihres Gegenstandes sicher sich weiß
, möchte ihren gleichwohl positi-
ven Gehalt jenseits von Faktum,
Begriff und Urteil haben. Da-
durch ist das Schwebende des Denkens überhöht zu dem Unaus-
drückbaren selbst, das es ausdrücken will; das Ungegenständliche
zum umrissenen Gegenstand eigenen Wesens; und eben dadurch
möchte es, wie von je im Idealismus, wiedergutmachen. Aber
schwerlich fragt die gedoppelte Reflexion wie das Kind unmittel-
bar. Sein Verhalten malt die Philosophie, gleichsam mit dem
Anthropomorphismus des Erwachsenen, als die der Kindheit der
Die kindliche Frage
gesamten Gattung, als vorzeitlich-überzeitlich sich aus. Woran
es laboriert, ist eher sein Verhältnis zu den Worten, die es mit
einer im späteren Alter kaum mehr vorstellbaren Anstrengung
nicht als
erfahren,
Seinsfrage
derart in den säkularisierten Sprachen gegenwärtig, daß sie es dem
Ungenügen an der Fassade. Unreflektierte Aufklärung hat die
Seinsfrage
gleich um in Positivität, Eigentlichkeit als ein Verhalten des Be-
wußtseins, das, indem es aus der Profanität auswandert, den
theologischen Habitus der alten Wesenslehre ohnmächtig nach-
ahmt. Gefeit wird das verborgene Wesen vorm Verdacht, es sei
sentiert wird und sich reproduziert. — Während die Fundamental-
ontologie vom
nicht sich ablenken läßt, verbaut sie
sich die Antwort, was eigentlich
sei, durch die Gestalt der Frage.
Nicht umsonst wird diese durch den degoutanten Terminus Seins-
sten Absicht, wenn sie nicht zuvor den Sinn von Sein zureichend
geklärt und diese Klärung als ihre Fundamentalaufgabe begriffen
Seinsfrage
Durch die Überspannung dessen, was in solchen Sätzen
phänomenologische Umständlichkeit
als Seinsfrage zurüstet, büßt
diese ein, was unter dem Wort vorgestellt werden kann, und jenes
Vorgestellte wird womöglich noch
Volte
anfechtbarkeit hat es mit seiner Nihilität zu zahlen, einer Uner-
füllbarkeit durch jeglichen Ge
danken und jegliche Anschauung,
die nichts in Händen behält als die Sichselbstgleichheit des bloßen
Namens*. Noch die endlosen Wiederholungen, von denen Hei-
deggers Publikationen strotzen, sind weniger seiner Redselig-
Volte
Heideggerschen Ontologie, liegt es, daß die Extreme Sein und
Seiendes auch gegeneinander notwendig unbestimmt bleiben müs-
sen, so daß nicht einmal angebbar ist, worin deren Differenz
besteht. Die Rede von der �ontologischen Differenz reduziert
sich auf die Tautologie, das Sein sei nicht das Seiende, weil es
das Sein sei. Heidegger macht also den Fehler, den er der abend-
ländischen Metaphysik vorwirft, daß nämlich stets ungesagt ge-
blieben sei, was Sein im Unterschied zum Seienden meine.«
Unterm Hauch der Philosophie wird das Seiende zum ontologi-
ner sich abweisen läßt*. Indem
alles einzelne Seiende auf seinen
Begriff, den des Ontischen, gebr
Seinsmythologie
auf die Frage, ob der Mensch wirklich sei oder nicht, sondern ant-
hunderts, der Schein, als den Geschichte ihn demaskierte und der
eklatant wird an der vollkommenen Unvereinbarkeit des Mythos
mit der rationalisierten Gestalt der Wirklichkeit, in welche jeg-
liches Bewußtsein verschränkt ist. Es vermißt sich des mytho-
logischen Standes, als wäre dies
er ihm möglich, ohne daß es sei-
Seinsmythologie
Ontologisierung des Ontischen
heit ist der Bestimmtheit entgeg
Ontologisierung des Ontisdien
Nichtidentisches, wie Hegel beinahe es erreichte, ist der Einspruch
gegen alle Identitätsphilosophie.
Die Aristotelische Kategorie der
Steresis wird sein Trumpf und sein Verhängnis. Was dem ab-
strakten Begriff notwendig abgeht
: daß er nicht selber das Nicht-
Funktion des Existenzbegriffs
Modell einer Einrichtung des Lebens, aus der, bei allem Fort-
schritt der Apparatur - welcher der Begriff entspricht -, Armut
doch um keinen Preis verschwinden darf. Wenn irgend wäre
Ontologie ironisch möglich, als Inbegriff von Negativität. Was
sich selbst gleichbleibt, die reine
Identität, ist das Schlechte; zeit-
los das mythische Verhängnis. Philosophie war, als dessen Säku-
larisation, sein Sklave, indem sie mit gigantischem Euphemismus
und wollte, zu tun bereit und nicht bereit war.«
Selbst der Jas-
pers'sche Existentialismus, der
in der Konstruktion des Seins-
begriffs nicht vom pater subtilis sich hat anstecken lassen, hat sich
von Anbeginn als »Frage nach dem Sein«
verstanden; beide
konnten, ohne sich untreu zu werden, vor dem sich bekreuzigen,
was in Paris, im Zeichen von Existenz, für ihren Geschmack
allzu rasch, von den Hörsälen in die Keller drang
und dort
weniger respektabel sich anhörte.
Solange freilich Kritik bei der
Funktion des Existenzbegriffs
These der Nichtontologi
sierbarkeit des Ontischen stehenbleibt, ist
sie selbst noch Urteil über invariante Strukturverhältnisse, gleich-
sam zu ontologisch; das war das philosophische Motiv vonSartres
Wendung zur Politik. Die Bewegung nach dem zweiten Welt-
krieg, die sich existentialistisch
nannte und avantgardistisch auf-
gegen die Philosophie war auch der gegen das verdinglichte Be-
wußtsein, in dem, nach seinem Wort, die Subjektivität ausge-
gangen ist: er nahm gegen die Philosophie auch deren Interesse
wahr. Das wiederholt sich anachronistisch an den existentialisti-
schen Schulen in Frankreich. Di
e unterdessen real entmächtigte
und inwendig geschwächte Subjektivität wird isoliert und -
komplementär zur Heideggerschen Hypostasis ihres Gegenpols,
des Seins - hypostasiert. Die Abspaltung des Subjekts nicht
anders als die des Seins läuft, unverkennbar beim Sartre von
auch seine Entscheidung. Solche Ohnmacht läßt das dinghafte
Unwesen über das Subjekt siegen
. Der Existenzbegriff bestach
viele als Ansatz von Philosophie,
weil er Divergierendes zu ver-
binden schien: die Reflexion auf
das Subjekt, das jegliche Er-
kenntnis und damit jegliches Seie
Funktion des Existenzbegriffs
Individuum, es sei ein zufälliges Stück Welt und entbehre der
wesenhaften Notwendigkeit, dere
n es bedarf, um das Seiende zu
umspannen und womöglich zu stiften. Existenz oder, im dem-
agogischen Jargon, der Mensch, scheint sowohl allgemein, das allen
Menschen gemeinsame Wesen, wie spezifisch, insofern dies All-
gemeine anders als in seiner Besonderung, der bestimmten Indivi-
dualität, weder vorgestellt noch auch nur gedacht werden kann.
Vor aller Erkenntniskritik jedoch, in der einfachsten Besinnung
auf den Begriff Mensch in intentio
ne recta verliert dies Heureka
seine Evidenz. Was der Mensch sei, läßt sich nicht angeben. Der
heute ist Funktion, unfrei, regrediert hinter alles, was als in-
variant ihm zugeschlagen wird, es
sei denn die schutzlose Bedürf-
tigkeit, an der manche Anthropologien sich weiden. Die Ver-
stümmelungen, die ihm seit Jahrtausenden widerfuhren, schleppt
er als gesellschaftliches Erbe mit sich. Würde aus seiner gegen-
wärtigen Beschaffenheit das Menschenwesen entziffert, so sabo-
tierte das seine Möglichkeit. Kaum taugte eine sogenannte histo-
rische Anthropologie mehr. Zwar
begriffe sie Gewordensein und
»Dasein an ihm selbst ontologisch«
keit bedacht. Er polemisiert gegen Ontologie, aber das Seiende,
als Dasein »jener Einzelne«, saugt deren Attribute auf. Nicht
viel anders als in den Ausgangsreflexionen der »Krankheit zum
Tode wird auch in &#x-66 ;&#xwird;&#x-59 ; uch;&#x-69 ;&#xin-6; -5;Sein und Zeit Existenz ausgezeichnet; die
Kierkegaardsche »Durchsichtigkeit« des Subjekts, Bewußtsein,
ist der Rechtstitel ihrer Ontologisierung: »Das Sein selbst, zu
dem das Dasein sich so oder so verhalten kann und immer irgend-
wie verhält, nennen wir Existenz«
, oder buchstäblich: »Dasein
ist auf dem Grunde seiner Existenzbestimmtheit an ihm selbst
�ontologisch.«
Der Begriff Subjektivität schillert nicht minder
als der des Seins und ist darum
beliebig auf diesen abzustimmen.
In Sein steckt Subjekt, denn es ist Begriff, nicht unmittelbar
gegeben: in Subjekt aber steckt einzelmenschliches Bewußtsein
und damit Ontisches. Daß dies Seiende denken kann, genügt nicht,
es seiner Bestimmung als eines Seienden zu entkleiden, als wäre es
unmittelbar wesenhaft. Gerade nicht »an ihm selbst« ist es »onto-
logisch«, denn diese Selbstheit postuliert jenes Ontische, das die
Doktrin vom ontologischen Vo
rrang aus sich eliminiert.
Zur Kritik steht aber nicht bloß, daß der ontologische Existenz-
begriff das Nichtbegriffliche exti
rpiert, indem er es zu seinem
Begriff erhöht, sondern ebenso der Stellenwert, den das unbe-
griffliche Moment darin erobert. Nominalismus, eine der "Wurzeln
der Existentialphilosophie des protestantischen Kierkegaard, ver-
schaffte der Heideggerschen Ontologie die Attraktionskraft des
nicht Spekulativen. Wie im Existenzbegriff das Existierende falsch
verbegrifflicht wird, so wird komplementär dem Existierenden
Nominalistisdier Aspekt
ein Vorrang vor dem Begriff zugesprochen, von dem dann wieder
der ontologische Existenzbegrif
f profitiert. Ist das Individuum
gesellschaftlich vermittelter Schein, so auch dessen erkenntnis-
theoretische Reflexionsform. Warum das individuelle Bewußtsein
des je Redenden, der bereits in der Partikel� mein eine sprach-
ist
leer und nichtig gescholtenwird.
Existenz autoritär
Zeit indessen klingt er durch.
Zu seiner deutschen Beliebtheit
trägt bei, daß der radikale Gestus und der geweihte Ton mit einer
auf die Person gemünzten Ideologie des Kernigen und Echten
sich zusammenfinden, Qualitäten,
die Individuen im Geist des
Privilegs mit schlauer Tumbheit sich selbst vorbehalten. Löst
Subjektivität, durch ihr von Ka
wird zum absolut Festen, wie es
übrigens schon in Kants Lehre von der transzendentalen Einheit
angelegt war. Aber Wahrheit, die Konstellation von Subjekt und
Objekt, in der beide sich durchdringen, ist so wenig auf Subjek-
tivität zu reduzieren, wie umgeke
hrt auf jenes Sein, dessen dia-
lektisches Verhältnis zur Subjektivität Heidegger zu verwischen
trachtet. Was wahr ist am Subjekt, entfaltet sich in der Beziehung
auf das, was es nicht selber ist, keineswegs durch auftrumpfende
Affirmation seines Soseins. He
gel hat das gewußt, den Schulen
der Repristination ist es lästig
. Wäre Wahrheit tatsächlich die
Subjektivität, wäre der Gedanke nichts als Wiederholung des
Subjekts, so wäre er nichtig. Die existentielle Erhöhung des Sub-
jekts eliminiert diesem zuliebe, was ihm aufgehen könnte. Damit
nisse jeweils allgemeingültige Kriterien und in der Unausweich-
lichkeit ihrer Geltung seine Befriedigung hat, hat er als Philosoph
zur Unterscheidung des leeren vom existenzerweckenden Sprechen
nur das jeweils subjektive Kriterium seines eigenen Seins. Daher
ist ein in der Wurzel anderes Ethos des theoretischen Tuns in den
Wissenschaften und in der Philosophie.«
Bar des ihr Anderen,
zu dem sie sich entäußert, verschaf
ft Existenz, die derart sich als
Kriterium des Gedankens proklamiert, autoritär ihren bloßen
»Geschichtlichkeit«
jeweils der Weltanschauung. Durch die Reduktion des Gedankens
auf die Denkenden wird dessen Fortgang stillgestellt, in dem er
erst zum Gedanken würde und in dem Subjektivität allein lebte.
Sie wird, als festgestampfter Boden der Wahrheit, verdinglicht.
Dem Klang des altmodischen Wort
es Persönlichkeit war all das
schon anzuhören. Denken macht sich zu dem, was der Denkende
vorweg schon ist, zur Tautologie
, einer Form regressiven Bewußt-
seins. Statt dessen wäre das utopische Potential des Gedankens,
daß er, vermittelt durch die in
den einzelnen Subjekten verkör-
perte Vernunft, die Beschränktheit der so Denkenden durch-
bräche. Es ist seine beste Kraft, den schwachen und fehlbaren
Denkenden zu überflügeln. Sie wird — seit Kierkegaard zu ob-
skurantistischen Zwecken - vom existentiellen Wahrheitsbegriff
gelähmt, Borniertheit als Kraft zur Wahrheit propagiert; darum
blüht der Kultus der Existenz in der Provinz aller Länder.
Längst hat die Ontologie die Opposition des Existenzbegriffs
gegen den Idealismus kassiert. Das Seiende, das einmal gegen die
Weihe der von Menschen gemachten Idee zeugen sollte, ist mit der
weit ambitiöseren Weihe von Sein selber versehen worden. Ihr
Äther adelt es vorweg gegenüber den Bedingungen der mate-
riellen Existenz, die der Kierkegaard des� Augenblicks meinte,
als er die Idee mit der Existenz konfrontierte. Durch die Absorp-
tion des Existenzbegriffs im Sein, ja bereits durch dessen philo-
sophische Aufbereitung zum disk
ussionsfähigen Allgemeinbegriff
wird die Geschichte wiederum eskamotiert, die bei Kierkegaard,
der über die Linkshegelianer nicht gering dachte, unter dem theo-
logischen Signum der paradoxalen Berührung von Zeit und Ewig-
keit in die Spekulation eingebrochen war. Die Ambivalenz der
Seinslehre: von Seiendem zugleich zu handeln, und es zu onto-
logisieren, also es durch Rekurs auf seine characteristica for-
malis all seines Unbegrifflichen zu enteignen, bestimmt auch
ihr Verhältnis zur Geschichte*. Auf der einen Seite wird durch
deren Transposition ins Existent
ial der Geschichtlichkeit das
* »Nur Seiendes, das wesenhaft in seinem Sein zukünftig ist, so daß es frei
für seinen Tod an ihm zerschellend auf sein faktisches Da sich zurückwerfen
lassen kann, das heißt nur Seiendes, das als zukünftiges gleichursprünglich
gewesen ist, kann, sich selbst die erer
bte Möglichkeit überliefernd, die eigene
Geworfenheit übernehmen und augenblicklich sein für� seine Zeit. Nur
eigentliche Zeitlichkeit, die zugleich en
dlich ist, macht so etwas wie Schicksal,
»Geschichtlichkeit«
Salz des Geschichtlichen entfernt, der Anspruch aller prima
philosophia auf eine Invariantenlehre ausgedehnt über das, was
variiert: Geschichtlichkeit stellt Geschichte still ins Ungeschicht-
liche, unbekümmert um die gesc
hichtlichen Bedingungen, denen
»Geschichtlichkeit«
rung aus der Seinsphilosophie. Zeit selber, und damit Vergängnis,
wird von den existentialontologischen Entwürfen als ewig ebenso
verabsolutiert wie verklärt. Der Begriff der Existenz, als der
Wesenhaftigkeit von Vergängnis, der Zeitlichkeit des Zeitlichen,
hält Existenz fern durch ihre Nennung. Wird sie einmal als
phänomenologischer Problemtitel abgehandelt, so ist sie schon
integriert. Das sind die jüngsten Tröstungen der Philosophie,
vom Schlag des mythischen Euphemismus; falsch auferstandener
Glaube, der Bann des Natürliche
n wäre dadurch gebrochen, daß
man ihn beschwichtigend nachmacht. Das existentiale Denken
verkriecht sich in die Höhle de
r vorvergangenen Mimesis. Dabei
willfahrt es gleichwohl dem verhängnisvollsten Vorurteil aus der
von ihm wie überflüssige Angestellte abgebauten Philosophie-
geschichte, dem Platonischen, das Unvergängliche müsse das Gute
sein, womit nicht mehr gesagt ist, als daß die jeweils Stärkeren im
permanenten Krieg recht hätten. Pflegte indessen Piatons Päd-
agogik die kriegerischen Tugenden, so hatten diese doch, dem
Gorgias-Dialog zufolge, vor der Idee der Gerechtigkeit, der höch-
sten, sich zu verantworten. Am verfinsterten Himmel der Exi-
Es ist schon mehr als einmal gesche-
Negative Dialektik
Kein Sein ohne Seiendes. Das Etwas als denknotwendiges Sub-
strat des Begriffs, auch dessen vom Sein, ist die äußerste, doch
durch keinen weiteren Denkprozeß abzuschaffende Abstraktion
des Idea-
lismus seit Fichte war, in der Bewegung der Abstraktion werde
man dessen ledig, wovon abstrahiert ist. Ausgeschieden wird es
vom Gedanken, verbannt aus dessen einheimischem Reich, nicht
Der Logik der Widerspruchslosigk
eit bliebe es anstößig; allein
Dialektik kann es in der Selbstkritik des Begriffs begreifen. Sie
* Hegel weigert sich, in der ersten Anmerkung zur ersten Trias der Logik,
gang des Idealismus, der in ihr gipfelte. Der Gedanke führt auf
das Moment des Idealismus, das diesem konträr ist; es läßt nicht
wiederum in den Gedanken sich
verflüchtigen. Die Kantische
Konzeption erlaubte noch Dichotomien wie die von Form und
Inhalt, Subjekt und Objekt, ohne daß die mutuelleVermitteltheit
der Gegensatzpaare sie beirrte; ihr dialektisches Wesen, den Wi-
derspruch als ihr Sinnesimplikat bemerkte sie nicht. Erst Hei-
deggers Lehrer Husserl hat die Idee der Apriorität so geschärft,
daß gegen seinen Willen wie gegen den Heideggers am eigenen
Anspruch der
deren Dialektik zu entnehmen war
Ist Dia-
lektik aber einmal unabweisbar geworden, so kann sie nicht wie
Ontologie und Transzendentalphilosophie bei ihrem Prinzip
beharren, nicht als eine wie immer auch modifizierte, doch tra-
gende Struktur festgehalten werden. Kritik an der Ontologie will
auf keine andere Ontologie hinaus, auch auf keine des Nichtonto-
logischen. Sie setzte sonst bloß ein Anderes als das schlechthin
Erste; diesmal nicht die absolute Identität, Sein, den Begriff,
sondern das Nichtidentische, Seiende, die Faktizität. Damit hy-
postasierte sie den Begriff des Nichtbegrifflichen und handelte
demzuwider, was er meint. Grundphilosophie,
führt notwendig den Primat des Begriffs mit sich; was ihm sich
verweigert, verläßt auch die Form eines vorgeblich aus dem
Grunde Philosophierens. Im Gedanken an die transzendentale
Apperzeption, oder noch ans Sein, konnte Philosophie sich stillen,
solange jene Begriffe ihr identisch waren mit dem Denken, das sie
denkt. Wird solche Identität prinzipiell gekündigt, so reißt sie
Nötigung zum Sachhaitigen
sich selbst das Nächste ist, als Rechtsanspruch verkannt; wie
wenn das für irgendein einzelmenschliches Bewußtsein vermeint-
anstatt mit dessen bloßem Begriff vorlieb zu nehmen und dort
sich geborgen zu wähnen vor dem, was er meint. Philosophisches
Denken hat weder Reste nach Abstrich von Raum und Zeit zum
Gehalt, noch generelle Befunde über Raumzeitliches. Es kristal-
lisiert sich im Besonderen, in Raum und Zeit Bestimmtem. Der
Begriff von Seiendem schlechthin ist nur der Schatten des falschen
von Sein.
Wo ein absolut Erstes gelehrt wird, ist allemal, als von seinem
sinngemäßen Korrelat, von einem Unebenbürtigen, ihm absolut
men, artikulieren zu können, so daß es zum Kantischen Gegen-
stand werde, muß es der objektiven Gültigkeit jener Bestimmun-
gen zuliebe, sich zur bloßen Allgemeinheit verdünnen, nicht
Moments subjektiver Vermittlung im Objektiven Kritik an der
Vorstellung eines Durchblicks aufs reine An sich, die, vergessen,
rs als einst die Cartesianische
Gewißheit des Subjekts, der denkenden Substanz. Man kann
nicht hinaussehen. Was jenseits
wäre, erscheint nur in den Mate-
rialien und Kategorien drinne
n. Danach träten Wahrheit und
Widerspruchslosigkeit nicht hypostasierbar
Unwahrheit der Kantischen Philosophie auseinander. Wahr ist
sie, indem sie die Illusion des unmittelbaren Wissens vom Abso-
luten zerstört; unwahr, indem sie dies Absolute mit einem Modell
beschreibt, das einem unmittelbaren Bewußtsein, wäre es auch
Widerspruchslosigkeit nicht hypostasierbar
mit dem ältesten Medium der
Aufklärung, der List, den Kno-
ten der Paradoxie zu entwirren. Nicht zufällig war das Para-
doxon seit Kierkegaard die Verfallsform von Dialektik. Dia-
lektische Vernunft folgt dem
Impuls, den Naturzusammenhang
und seine Verblendung, die im subjektiven Zwang der logischen
Verhältnis zum Linkshegelianismus
der Identitätsthese, welche dieser innewohnt, wirkt ihrem Geist-
prinzip entgegen. Läßt das Seiende aus dem Geist total sich
ableiten, so wird er zu seinem Verhängnis dem bloß Seienden
ähnlich, dem er zu widersprechen meint: sonst stimmten Geist
und Seiendes nicht zusammen. Ge
rade das unersättliche Identi-
tätsprinzip verewigt den Antagonismus vermöge der Unter-
drückung des Widersprechenden. Was nichts toleriert, das nicht
wie es selber wäre, hintertreibt
die Versöhnung, als welche es sich
verkennt. Die Gewalttat des Gleichmachens reproduziert den
Widerspruch, den sie ausmerzt.
Karl Korsch zuerst, dann Funktionäre des Diamat haben einge-
wandt, die Wendung zur Nichtidentität sei, ihres immanent-kri-
tischen und theoretischen Charakters wegen, eine unerhebliche
Nuance des Neohegelianismus oder der geschichtlich überholten
Hegelschen Linken; so als ob die Marxische Kritik an der Philo-
sophie von dieser dispensierte, während man gleichzeitig im Osten
kulturbeflissen auf eine marxistische Philosophie nicht verzichten
mag. Die Forderung der Einheit von Praxis und Theorie hat un-
aufhaltsam diese zur Dienerin er
niedrigt; das an ihr beseitigt,
was sie in jener Einheit hätte leisten sollen. Der praktische Sicht-
vermerk, den man aller Theorie abverlangt, wurde zum Zensur-
stempel. Indem aber, in der gerühmten Theorie-Praxis, jene un-
terlag, wurde diese begriffslos,
ein Stück der Politik, aus der sie
hinausführen sollte; ausgeliefert der Macht. Die Liquidation der
Theorie durch Dogmatisierung und Denkverbot trug zur schlech-
ten Praxis bei; daß Theorie ihre Selbständigkeit zurückgewinnt,
die von Denken ist gebunden an die individuelle Identität, ohne welche sie
nicht zustande käme, weil sonst kein
Vergangenes in einem Gegenwärtigen,
damit überhaupt nichts al
s Gleiches festgehalten würde. Der Rekurs darauf
Verhältnis zum Linkshegelianismus
ist das Interesse von Praxis selber. Das Verhältnis beider Mo-
mente zueinander ist nicht ein für allemal entschieden, sondern
wechselt geschichtlich. Heute, da der allherrschende Betrieb Theo-
rie lähmt und diffamiert, zeugt Theorie in all ihrer Ohnmacht
durch ihre bloße Existenz gegen ihn. Darum ist sie legitim und
verhaßt; ohne sie könnte die Praxis, die immerzu verändern will,
nicht verändert werden. "Wer Theo
rie anachronistisch schilt, ge-
horcht demTopos, was als Vereiteltes weiter schmerzt, als Veralte-
tes abzutun. Dadurch wird eben der Weltlauf giriert, dem nicht
zu willfahren die Idee von Theorie allein ist, und trifft sie theo-
retisch nicht, selbst wenn ihre Abschaffung, positivistisch oder
durch Machtspruch, gelingt. Die Wut bei der Erinnerung an
Theorie eigenen Gewichts ist im übrigen nicht weitab von der
Kurzatmigkeit geistiger Gebräuche auf der westlichen Seite.
seinen Wahrheitsgehalt erst frei. Er wird zur Schwäre der herr-
schenden Gesundheit; das lenkt in
veränderten Situationen aber-
mals darauf. Was in Hegel und
»Logik des Zerfalls«
Die Lossage von Hegel wird an einem Widerspruch greifbar,
Zur Dialektik von Identität
söhnung verwehrt deren positive Setzung im Begriff. Dennoch
tut Kritik am Idealismus nicht ab, was die Konstruktion vom
Begriff her an Einsicht einmal erwarb, und was die Führung der
Zur Dialektik von Identität
abstrakt negiert; würde als Ideal verkündet, es solle, zur höheren
Ehre des irreduzibel Qualitativen, nicht mehr nach gleich und
gleich zugehen, so schüfe das Ausreden für den Rückfall ins alte
Unrecht. Denn der Äquivalententausch bestand von alters her
gerade darin, daß in seinem Namen Ungleiches getauscht, der
Mehrwert der Arbeit appropriiert wurde. Annullierte man sim-
pel die Maßkategorie der Vergleichbarkeit, so traten anstelle der
Rationalität, die ideologisch zwar, doch auch als Versprechen
dem Tauschprinzip innewohnt, unm
ittelbare Aneignung, Gewalt,
heutzutage: nacktes Privileg von Monopolen und Cliquen. Kritik
am Tauschprinzip als dem identifizierenden des Denkens will, daß
das Ideal freien und gerechten Tauschs, bis heute bloß Vorwand,
verwirklicht werde. Das allein transzendierte den Tausch. Hat
ihn die kritische Theorie als den von Gleichem und doch Un-
gleichem enthüllt, so zielt die Kritik der Ungleichheit in der
Gleichheit auch auf Gleichheit, bei aller Skepsis gegen die Ran-
cune im bürgerlichen Egalitätsideal, das nichts qualitativ Verschie-
denes toleriert. Würde keinem Menschen mehr ein Teil seiner
lebendigen Arbeit vorenthalten, so wäre rationale Identität er-
reicht, und die Gesellschaft wäre
über das identifizierende Denken
hinaus. Das rückt nahe genug an Hegel. Die Demarkationslinie
zu ihm wird schwerlich von einzelnen Distinktionen gezogen;
vielmehr von der Absicht: ob
identitätslogisch, selber das,
wogegen sie gedacht wird. Berich-
tigen muß sie sich in ihrem kriti
schen Fortgang, der jene Begriffe
affiziert, die sie der Form nach behandelt, als wären es auch für
sie noch die ersten. Zweierlei ist, ob ein Denken, durch die Not
der einem jeglichen unentrinnbaren Form, geschlossen, prinzi-
Zur Dialektik von Identität149
piell sich fügt, um den Anspru
ch der traditionellen Philosophie
auf geschlossenes Gefüge immanent zu verneinen - oder ob es
jene Form der Geschlossenheit von sich aus urgiert, der Intention
nach sich selbst zum Ersten macht. Im Idealismus hatte das höchst
formale Prinzip der Identität, vermöge seiner eigenen Formali-
sierung, Affirmation zum Inhalt.
Unschuldig bringt das die Ter-
minologie zutage; die simplen prädikativen Sätze werden affir-
mativ genannt. Die Copula sagt, Es
ist so, nicht anders; die Tat-
handlung der Synthese, für welche
Selbstreflexion des Denkens
Die Kraft des Bewußtseins reicht an seinen eigenen Trug heran.
Rational erkennbar ist, wo die losgelassene, sich selbst entlau-
fende Rationalität falsch wird, wahrhaft zu Mythologie. Ratio
schlägt in Irrationalität um, sobald sie, in ihrem notwendigen
Fortgang, verkennt, daß das Verschwinden ihres sei's noch so
verdünnten Substrats ihr eigenes Produkt, Werk ihrer Abstrak-
möge es werden. Dergestalt enthält das Bewußtsein der Nicht-
identität Identität. Wohl ist deren Supposition, bis in die for-
male Logik hinein, das ideologische Moment am reinen Denken.
In ihm jedoch steckt auch das Wahrheitsmoment von Ideologie,
die Anweisung, daß kein Widerspruch, kein Antagonismus sein
solle. Bereits im einfachen identifizierenden Urteil gesellt sich
dem pragmatistischen, naturbeherrschenden Element ein uto-
pisches. A soll sein, was es noch nicht ist. Solche Hoffnung knüpft
widerspruchsvoll sich an das, worin die Form der prädikativen
Identität durchbrochen wird. Dafür hatte die philosophische Tra-
dition das Wort Ideen. Sie sind weder
noch leerer Schall
sondern negative Zeichen. Die Un
wahrheit aller erlangten Iden-
tität ist verkehrte Gestalt der Wahrheit. Die Ideen leben in den
Höhlen zwischen dem, was die Sachen zu sein beanspruchen, und
dem, was sie sind. Utopie wäre über der Identität und über dem
Widerspruch, ein Miteinander des Verschiedenen. Um ihretwillen
reflektiert Identifikation sich derart, wie die Sprache das Wort
außerhalb der Logik gebraucht, die von Identifikation nicht eines
Objekts sondern von einer mit Menschen und Dingen redet. Der
griechische Streit, ob Ähnliches oder Unähnliches das Ähnliche
erkenne, wäre allein dialektisch zu schlichten. Gelangt in der
These, nur Ähnliches sei dazu fähig, das untilgbare Moment von
Mimesis in aller Erkenntnis und aller menschlichen Praxis zum
Bewußtsein, so wird solches Be
wußtsein zur Unwahrheit, wenn
die Affinität, in ihrer Untilgbarkeit zugleich unendlich weit weg,
positiv sich selbst setzt. In Erkenntnistheorie resultiert daraus
unausweichlich die falsche Konsequenz, Objekt sei Subjekt. Tra-
ditionelle Philosophie wähnt, das Unähnliche zu erkennen, in-
dem sie es sich ähnlich macht, während sie damit eigentlich nur
sich selbst erkennt. Idee einer veränderten wäre es, des Ähn-
lichen innezuwerden, indem sie es als das ihr Unähnliche be-
stimmt. - Das Moment der Nichtidentität in dem identifizie-
renden Urteil ist insofern umstandslos einsichtig, als jeder ein-
zelne unter eine Klasse subsumierte Gegenstand Bestimmungen
hat, die in der Definition seiner Klasse nicht enthalten sind. Beim
nachdrücklicheren Begriff, der nicht einfach Merkmaleinheit der
einzelnen Gegenstände ist, von denen er abgezogen ward, gilt in-
Selbstreflexion des Denkens
sagt nicht nur, daß er auf alle einzelnen, als frei definierten
Männer angewandt werden könne. Ihn nährt die Idee eines Zu-
stands, in welchem die Einzelnen Qualitäten hätten, die heut und
hier keinem zuzusprechen wären. Einen als frei rühmen, hat sein
Spezifisches in dem sous-entendu, daß ihm ein Unmögliches zuge-
sprochen wird, weil es an ihm
sich manifestiert; dies zugleich
Auffällige und Geheime beseelt jedes identifizierende Urteil, das
irgend sich verlohnt. Der Begriff
der Freiheit blei
bt hinter sich
zurück, sobald er empirisch angewandt wird. Er ist dann selber
nicht das, was er sagt. Weil er aber immer auch Begriff des unter
ihm Befaßten sein muß, ist er damit zu konfrontieren. Solche
Konfrontation verhält ihn zum Wi
derspruch mit sich selbst. Jeder
heit und deren Verwirklichung auch die Insuffizienz des Begriffs;
das Potential von Freiheit will
Kritik an dem, was seine zwangs-
läufige Formalisierung aus ihm machte.
Solcher Widerspruch ist kein su
bjektiver Denkfehler; objektive
Widersprüchlichkeit das Erbitternde an Dialektik, zumal für die
heute wie zu Hegels Zeiten vorherrschende Reflexionsphilosophie.
Sie sei mit der schlechthin geltenden Logik unvereinbar und durch
die formale Einstimmigkeit des Urteils fortzuschaffen. Solange
Kritik an deren Regel abstrakt sich hält, wäre der objektive
Widerspruch nur eine prätentiöse Wendung dafür, daß der sub-
jektive Begriffsapparat unvermeidlich von besonderem Seienden,
Objektivität des Widerspruchs
Objektivität des Widerspruchs
nicht von sich aus, durch begriffliche Veranstaltung, eliminieren.
Wohl aber ihn begreifen; alles andere ist eitle Beteuerung. Er
wiegt schwerer als für Hegel, der erstmals ihn visierte. Einst
Vehikel totaler Identifikation, wird er
zum Organon ihrer Un-
möglichkeit. Dialektische Erkenntnis hat nicht, wie ihre Gegner
es ihr vorrechnen, von oben her Widersprüche zu konstruieren
und durch ihre Auflösung weiterzuschreiten, obwohl Hegels
Logik zuweilen derart prozediert. Statt dessen ist es an ihr, der
Inadäquanz von Gedanke und Sache nachzugehen; sie an der
Sache zu erfahren. Den Vorwurf der Besessenheit von der fixen
Idee des objektiven Antagonismus, während die Sache schon
befriedet sei, braucht Dialektik nicht zu scheuen; nichts Einzelnes
dialektische Bewegung als Selbstkritik der Philosophie.
Weil das Seiende nicht unmittelbar sondern nur durch den Be-
griff hindurch ist, wäre beim Begriff anzuheben, nicht bei der
bloßen Gegebenheit. Der Begriff des Begriffs selbst wurde pro-
blematisch. Nicht weniger als sein irrationalistischer Widerpart,
die Intuition, hat er als solcher archaische Züge, die mit den
rationalen sich überkreuzen; Re
likte statischen Denkens und
eines statischen Erkenntnisideal
s inrfütten von dynamisiertem
Bewußtsein. Der immanente Anspruch des Begriffs ist seine Ord-
nung schaffende Invarianz gegenüber dem Wechsel des unter ihm
chaismen seiner Begrifflichkeit. Der Begriff an sich hypostasiert,
vor allem Inhalt, seine eigene Form gegenüber den Inhalten. Da-
mit aber schon das Identitätsprinzip: daß ein Sachverhalt an sich,
als Festes, Beständiges, sei, was lediglich denkpraktisch postuliert
Ausgang vom Begriff
wird. Identifizierendes Denken
vergegenständlicht durch die
logische Identität des Begriffs. Dialektik läuft, ihrer subjektiven
Seite nach, darauf hinaus, so zu denken, daß nicht länger die
Form des Denkens seine Gegenstände zu unveränderlichen,
sich selber gleichbleibenden macht; daß sie das seien, widerlegt
Erfahrung. Wie labil die Identität des Festen der traditionellen
Philosophie ist, läßt an ihrem Ga
ranten sich lernen, dem einzel-
Ausgang vom Begriff
Parole, konstruierten, die Konstruktion eigentlich Nachkon-
Synthesis
jenen Tenor angenommen, der in der Erfindung einer angeblichen
Psychosynthese gegen die Freud
sche Psychoanalyse vielleicht am
widerwärtigsten sich äußerte; Idiosynkrasie sträubt sich, das
Wort Synthese in den Mund zu nehmen. Hegel braucht es weit
seltener, als das von ihm bereits seines Geklappers überführte
Schema der Triplizität erwarten läßt. Dem dürfte die tatsächliche
Struktur seines Denkens entsprechen. Es überwiegen die bestimm-
ten Negationen der aus äußerster Nähe visierten, hin und her
Synthesis
mungsloses einander gleichgesetzt hat, auf die Differenz, welche
die absolute Verschiedenheit des wörtlichen Sprachsinns beider
Entfaltung des Begriffs ist auch Rückgriff, Synthesis die Bestim-
mung der Differenz, die im Begriff unterging, »verschwand«;
fast, wie bei Hölderlin, Anamnesis des Naturhaften, das hinab
mußte. Nur an der vollzogenen
Synthesis, der Vereinigung der
widersprechenden Momente, offenbart sich deren Differenz.
Ohne den Schritt, Sein sei dasselbe wie Nichts, wäre beides gegen-
einander, mit einem Hegeischen Li
eblingsterminus, gleichgültig;
erst indem sie dasselbe sein sollen, werden sie kontradiktorisch.
Dialektik schämt sich nicht der Reminiszenz an die Echter-
nacher Springprozession. Fraglos hat Hegel, gegen Kant, die
Priorität der Synthesis eingeschränkt: er erkannte Vielheit und
Einheit, beide bei Kant schon nebeneinander Kategorien, nach
dem Muster der Platonischen Sp
ätdialoge als Momente, deren
keines ohne das andere sei. Gleichwohl ist Hegel, wie Kant und
die gesamte Tradition, auch Piaton, parteiisch für die Einheit.
Auch deren abstrakte Negation ziemt dem Denken nicht. Die
Illusion, des Vielen unmittelbar habhaft zu werden, schlüge als
Kritik der positiven Negation
welche durch fortschreitende Ei
nheit zurückgedrängt wurde und
gleichwohl in ihr, zur Unkenntlichkeit säkularisiert, überwinterte.
Die Synthesen des Subjekts ahmen, wie Platon wohl wußte, mittel-
bar, mit dem Begriff nach, was vo
n sich aus jene Synthese will.
Unmittelbar ist das Nichtidentische nicht als seinerseits Positives
zu gewinnen und auch nicht durch Negation des Negativen. Diese
ist nicht selbst, wie bei Hegel, Affirmation. Das Positive, das ihm
zufolge aus der Negation resultieren soll, hat nicht nur den
Namen mit jener Positivität gemein
, die er in seiner Jugend be-
kämpfte. Die Gleichsetzung der
Negation der Negation mit Posi-
tivität ist die Quintessenz des Identifizierens, das formale Prin-
zip auf seine reinste Form gebracht. Mit ihm gewinnt im Inner-
sten von Dialektik das antidialektische Prinzip die Oberhand,
jene traditionelle Logik, welche more arithmetico minus mal
minus als plus verbucht. Sie ward jener Mathematik abgeborgt,
gegen die Hegel sonst so idiosynk
ratisch reagiert. Ist das Ganze
der Bann, das Negative, so bleibt die Negation der Partikulari-
täten, die ihren Inbegriff an jenem Ganzen hat, negativ. Ihr Posi-
tives wäre allein die bestimmte Negation, Kritik, kein umsprin-
gendes Resultat, das Affirmatio
n glücklich in Händen hielte. In
der Reproduktion einer opaken Unmittelbarkeit, die, als ge-
wordene, auch Schein ist, trägt gerade die Positivität des reifen
Hegel Züge des nach vordialektischem Sprachgebrauch Schlechten.
Während seine Analysen den Schein des Ansichseins der Subjek-
tivität zerstören*, ist darum doch die Institution, welche die
Subjektivität aufheben und zu sich selbst bringen soll, keineswegs
das Höhere, als das er sie mechanisch fast abhandelt. Vielmehr
reproduziert in ihr sich erweiter
t, was von der Subjektivität, wie
abstrakt diese auch immer als selbst unterdrückte sein mag, mit
Grund negiert wurde. Die Negation, die das Subjekt übte, war
*Wie fast eine jegliche der Hegelschen Kategorien hat auch die der negierten
und dadurch positiven Negation einige
n Erfahrungsgehalt. Nämlich für den
subjektiven Fortgang philosophischer Erkenntnis. Weiß der Erkennende genau
genug, was einer Einsicht fehlt oder worin sie falsch ist, so pflegt er kraft
solcher Bestimmtheit das Vermißte bereits zu haben. Nur darf dies Moment
der bestimmten Negation, als ein seinerseits Subjektives, nicht der objektiven
Kritik der positiven Negation
legitim; auch die an ihm geübte ist es, und doch Ideologie. Indem,
auf der jeweils neuen dialektisch
en Stufe, von Hegel wider die
intermittierende Einsicht seiner eigenen Logik das Recht der
Kritik der positiven Negation
negativer Dialektik als des »mit dem Objekt übereinstimmen-
Unversöhnlich verwehrt
die Idee von Versöhnung
deren Affirmation im Begriff.
Wird dagegen eingewandt, Kritik
an der positiven Negation der Ne
gation versehre den Lebensnerv
von Hegels Logik und lasse überhaupt keine dialektische Bewe-
gung mehr zu, so wird diese autoritätsgläubig auf Hegels Selbst-
verständnis eingeengt. Während fraglos die Konstruktion seines
Systems ohne jenes Prinzip zusammenstürzte, hat Dialektik
ihren Erfahrungsgehalt nicht am Prinzip sondern am Widerstand
des Anderen gegen die Identität; daher ihre Gewalt. In ihr steckt
auch Subjekt, soweit dessen reale Herrschaft die Widersprüche
erzeugt, aber diese sind ins Objekt eingesickert. Dialektik rein
dem Subjekt zurechnen, den Widerspruch gleichsam durch sich
selbst wegschaffen, schafft auch
die Dialektik weg, indem sie zur
Totalität ausgeweitet wird. Sie entsprang bei Hegel im System,
hat aber nicht ihr Maß an ihm.
Denken, das an Identität irre ward, kapituliert leicht vor dem
Unauflöslichen und bereitet aus der Unauflöslichkeit des Objekts
ein Tabu fürs Subjekt, das irrationalistisch oder szientifisch sich be-
scheiden, nicht an das rühren soll, was ihm nicht gleicht, vorm gän-
gigen Erkenntnisideal die Waffen streckend, dem es dadurch noch
Auch Einzelnes kein Letztes
dem dauerhaftesten Ergebnis der Hegeischen Logik ist es nicht
schlechthin für sich sondern in sich sein Anderes und Anderem
verbunden. Was ist, ist mehr, als es ist. Dies Mehr wird ihm nicht
oktroyiert, sondern bleibt, als das aus ihm Verdrängte, ihm im-
manent. Insofern wäre das Nichtidentische die eigene Identität
der Sache gegen ihre Identifikationen. Das Innerste des Gegen-
standes erweist sich als zugleich diesem auswendig, seine Ver-
schlossenheit als Schein, Reflex de
s identifizierenden, fixierenden
doch auch ohne der Abstraktion als oberstem Prinzip sich zu
überantworten, dadurch, daß nicht von den Begriffen im Stufen-
gang zum allgemeineren Oberbegriff fortgeschritten wird, son-
Konstellation
bestimmen sie potentiel
l deren Inneres, erreichen denkend, was
Denken notwendig aus sich ausmerzte. Der Hegeische Gebrauch
Konstellation in der Wissenschaft
des Gegenstands in seiner Konstellation ist die des Prozesses, den
Konstellation in der Wissenschaft
Konstellation in der Wissenschaft
vermöge der Sprache. Sogar ein
Verfahren, das so sehr dem tra-
ditionellen Wissenschaflsideal und
seiner Theorie sich verpflichtet
wie das Max Webers, enträt keineswegs dieses bei ihm nicht the-
matischen Moments. Während seine reifsten Werke, vor allem
�Wirtschaft und Gesellschaft^ dem Anschein nach zuweilen leiden
an einem der Jurisprudenz entlehnten Überschuß von Verbal-
definitionen, sind diese, näher besehen, mehr als solche; nicht nur
begriffliche Fixierungen sondern eher Versuche, durch die Ver-
sammlung von Begriffen um den gesuchten zentralen auszu-
drücken, worauf er geht, anstatt ihn für operative Zwecke zu um-
Wesen und Erscheinung
Wo eine Kategorie - durch negative Dialektik die der Identität
und der Totalität - sich verändert, ändert sich die Konstellation
aller und damit wiederum eine jegliche. Paradigmatisch dafür sind
die Begriffe Wesen und Erscheinung. Sie entstammen der philo-
sophischen Tradition, werden festgehalten, aber ihrer Richtungs-
Wesen und Erscheinung
Wesen und Erscheinung
erlangen sie eine Art von Dasein. Erst recht jedoch die Wesen-
gesetze der Gesellschaft und ihrer Bewegung. Sie sirid_wirklicher
als das Faktische, in dem sie erscheinen und das über sie betrügt.
Aber sie werfen die hergebrachten Attribute ihrer Wesenhaftig-
keit ab. Zu benennen wären sie als die auf ihren Begriff gebrachte
s fanatisierter Wahrheitsliebe,
Wesen und Erscheinung
bare, geistige Erfahrung des Wesentlichen und Unwesentlichen,
welche das wissenschaftliche Or
dnungsbedürfnis nur gewalttätig
den Subjekten ausreden kann. Wo solche Erfahrung nicht ge-
macht wird, bleibt Erkenntnis unbewegt und fruchtlos. Ihr Maß
ist, was den Subjekten objektiv als ihr Leiden widerfährt. Parallel
vität im Objekt. Was die Tatsachen vermittelt, ist gar nicht so
sehr der subjektive Mechanismus, der sie präformiert und auf-
Vermittlung durch Objektivität
sich frei machte. An dieser Emanzipation, nicht an der unersätt-
lichen Repression des Subjekts hangt Objektivität heute. Die
Übermacht des Objektivierten in den Subjekten, die sie daran
hindert, Subjekte zu werden, verhindert ebenso die Erkenntnis
des Objektiven; das ist aus dem geworden, was einmal subjek-
Vermittlung durch Objektivität
lität, keine bloße Bestimmung des Wie für ein Bewußtsein, son-
Besonderheit und Besonderes
gleichgesetzt werden auf Kosten ihres qualitativen Unterschieds,
an dem schlechterdings alles hängt, datiert zurück auf die Ab-
straktion. Das Wort abstrakt aber ist noch zu abstrakt, selber
äquivok. Die Einheit des unter allgemeinen Begriffen Befaßten
ist grundverschieden von dem begrifflich bestimmten Besonderen.
An diesem ist der Begriff immer zugleich sein Negatives; er
coupiert, was es selbst ist und was doch unmittelbar nicht sich
Begriff von Besonderung schlechthin, etwa von� Existenz, in
dem es kein Besonderes mehr ist. Es restauriert die Verfahrungs-
weise des Denkens, welche Kant am älteren Rationalismus als
Amphibolie der Reflexionsbegriffe mit Grund tadelt. Sophistisch
wird die Hegelsche Dialektik, wo sie mißlingt. Was das Beson-
dere zum dialektischen Anstoß macht, seine Unauflöslichkeit im
Oberbegriff, das handelt sie als universalen Sachverhalt ab, wie
wenn das Besondere selbst sein eigener Oberbegriff wäre und da-
durch unauflöslich. Eben damit wird die Dialektik von Nichtiden-
tität und Identität scheinhaft: Sieg der Identität über Identisches.
Die Unzulänglichkeit der Erkenntnis, die keines Besonderen sich
versichern kann ohne den Begriff, der keineswegs das Besondere ist,
gereicht taschenspielerhaft dem Ge
ist zum Vorteil, der über das Be-
sondere sich erhebt und von dem es reinigt, was dem Begriff sich
entgegenstemmt. Der allgemeine Begriff von Besonderheit hat
keine Macht über das Besondere, das er abstrahierend meint.
Zur Subjekt-Objekt-Dialektik
Die Polarität von Subjekt und Objekt erscheint leicht als eine
ihrerseits undialektische Struktur, in der alle Dialektik statt-
haben soll. Aber beide Begriffe
sind entsprungene Reflexions-
kategorien, Formeln für ein nicht zu Vereinendes; kein Positives,
keine primären Sachverhalte, sondern negativ durchaus, Aus-
druck einzig der Nichtidentität. Trotzdem ist die Differenz von
Subjekt und Objekt auch nicht ihrerseits einfach zu negieren.
der Dichotomie, die zur Form des
Denkens geworden ist und ohne die Denken vielleicht nicht wäre.
Jeglicher Begriff, noch der des Se
ins, reproduziert die Differenz
Unmittelbarkeit, mit der er zunächst vor uns kommt, auf, und macht so ein
Zur Subjekt-Objekt-Dialektik
wußtsein von der antagonistischen Verfassung der "Wirklichkeit
eingebrannt; soweit sie diese ausdrückt, ist die Unwahrheit des
Dualismus die Wahrheit. Losgelöst davon indessen würde der
Antagonismus zur philosophisch
en Ausrede seiner Ewigkeit.
Nichts ist möglich als die bestimmte Negation der Einzelmomente,
seinen Kritikern vorwirft, sein eigenes unbewußtes Werk ist. Ihr
Modell sind die rationalen Arbeitsprozesse. Sie bedürfen der Zer-
legung als Bedingung der Warenproduktion, die dem allgemein-
begrifflichen Verfahren der Synthese gleicht. Hätte Kant das Ver-
Umwendung der subjektiven Reduktion
Umwendung der subjektiven Reduktion
genden Kraft auch das Wirklichere vor. Jenseits des identitäts-
philosophischen Zauberkreises läßt sich das transzendentale Sub-
jekt als die ihrer selbst unbewußte Gesellschaft dechiffrieren.
Ableitbar ist noch solche Unbewußtheit. Seitdem die geistige
Arbeit von der körperlichen sich schied im Zeichen der Herrschaft
des Geistes, der Rechtfertigung des Privilegs, mußte der abge-
spaltene Geist mit der Übertreibung schlechten Gewissens eben
jenen Herrschaftsanspruch vindizieren, den er aus der These
folgert, er sei das Erste und Ursprüngliche, und darum ange-
strengt vergessen, woher sein Anspruch kommt, wenn er nicht
verfallen soll. Zuinnerst ahnt der Geist, daß seine stabile Herr-
schaft gar keine des Geistes ist,
sondern ihre ultima ratio an
der physischen Gewalt besitzt, über welche sie verfügt. Sein Ge-
heimnis darf er, um den Preis des Untergangs, nicht Wort haben.
Die Abstraktion, die, auch nach
dem Zeugnis extremer Idealisten
wie Fichte, das Subjekt zum Konstituens überhaupt erst macht,
reflektiert die Trennung von der körperlichen Arbeit, durchschau-
bar durch Konfrontation mit dieser. Hielt Marx in der Kritik des
Gothaer Programms den Lassalleanern vor, nicht die Arbeit
allein sei, wie unter Vulgärsozialisten herzubeten üblich war, die
Quelle gesellschaftlichen Reichtums
, so hat er damit, in einer
Periode, in der er bereits die offizielle philosophische Thematik
hinter sich gelassen hatte, philosophisch nicht weniger ausgespro-
chen, als daß Arbeit in keiner
Gestalt, der des Fleißes der Hände
so wenig wie der geistiger Produktion, zu hypostasieren sei.
Solche Hypostasis setzt die Illusion von der Vormacht des erzeu-
genden Prinzips nur fort. Zu seiner Wahrheit kommt es einzig
im Verhältnis zu jenem Nichtidentischen, für das Marx, Verächter
der Erkenntnistheorie, erst den kruden, auch allzu engen Namen
Zur Interpretation des Transzendentalen
größere Konsequenz der nachfolgenden Idealisten hat das ohne
Zögern eliminiert. Die Allgemeinheit des transzendentalen Sub-
jekts aber ist die des Funktionszusammenhangs der Gesellschaft,
eines Ganzen, das aus den Einzelspontaneitäten und -qualitäten
zusammenschießt, diese wiederum durchs nivellierende Tausch-
prinzip begrenzt und virtuell, als ohnmächtig vom Ganzen ab-
subiectum; wohl jedoch subiectum obiectum. Der Primat von
Subjektivität setzt spiritualisiert den Darwinschen Kampf ums
Dasein fort. Die Unterdrückung der Natur zu menschlichen
Zwecken ist ein bloßes Naturverhältnis; darum die Superiorität
der naturbeherrschenden Vernunft und ihres Prinzips Schein. An
ihm partizipiert erkenntnistheoretisch-metaphysisch das Subjekt,
das sich als Baconschen Meister und schließlich idealistischen
Schöpfer aller Dinge ausruft. In
der Ausübung seiner Herrschaft
wird es zum Teil von dem, was es zu beherrschen meint, unterliegt
gleich dem Hegelschen Herrn. Wie sehr es dem Objekt hörig ist,
indem es dieses verzehrt, kommt in ihm zutage. Was es tut, ist
der Bann dessen, was das Subjekt in seinen Bann einzufangen
wähnt. Seine verzweifelte Selbst
erhöhung ist Reaktion auf die
Erfahrung seiner Ohnmacht, die
Selbstbesinnung verhindert; das
absolute Bewußtsein bewußtlos. Davon legt die Kantische Moral-
philosophie großartiges Zeugnis ab in dem unverschleierten Wider-
spruch, daß dasselbe Subjekt, welches ihm frei und erhaben heißt,
als Seiendes Teil jenes Naturzusammenhangs ist, dem seine Frei-
heit entragen will. Schon die Platonische Ideenlehre, ein mäch-
tiger Schritt zur Entmythologisierung, wiederholt den Mythos:
sie verewigt die von der Natur auf den Menschen übergegangenen
und von diesem praktizierten Herrschaftsverhältnisse als Wesen-
heiten. War Herrschaft über die Natur Bedingung und Stufe der
Entmythologisierung, so hätte diese auf jene Herrschaft über-
zugreifen, soll sie nicht doch Opfer des Mythos werden. Die
philosophische Emphase auf der konstitutiven Kraft des subjek-
»Transzendentaler Schein«
tiven Moments aber sperrt immer auch von der Wahrheit ab. So
schleppen Tiergattungen wie der Dinosaurier Triceratops oder
das Nashorn die Panzer, die sie schützen, als angewachsenes Ge-
fängnis mit sich herum, das sie— so scheint es zumindest anthropo-
morphistisch — vergebens abwerfen wollen. Die Gefangenschaft
in der Apparatur ihres survival mag die besondere Wildheit der
Nashörner ebenso erklären wie die uneingestandene und darum
desto furchtbarere des homo sapiens. Das subjektive Moment
wird vom objektiven gleichsam ei
ngefaßt, ist selber, als ein dem
Subjekt begrenzend Auferlegtes, objektiv.
an. Mit dem Brustton der Stringenz läßt sich vorbringen, derlei
Erwägungen setzten, ohne es einzubekennen, als vermittelnd
voraus, was sie als vermittelt ableiten wollten, Subjekt, Denken;
Denkbestimmungen seien all ihre Bestimmungen allein schon als
Bestimmungen. Aber der kritische Gedanke möchte nicht dem Ob-
jekt den verwaisten Königsthron des Subjekts verschaffen, auf dem
das Objekt nichts wäre als ein Götze, sondern die Hierarchie be-
seitigen. Wohl ist der Schein, das transzendentale Subjekt sei der
archimedische Punkt, kaum durch die Analyse von Subjektivität
rein in sich ganz zu brechen. Denn dieser Schein enthält, ohne daß
es aus den Vermittlungen des Denkens herauszupräparieren
wäre, jenes Wahre der Vorgängigkeit von Gesellschaft vorm Ein-
zelbewußtsein und all seiner Erfa
hrung. Die Einsicht in die Ver-
mitteltheit des Denkens durch die
Objektivität negiert nicht das
»Transzendentaler Schein«
nicht selbst ist, äußerlich, ge
waltsam dünken. Was das Subjekt
seiner eigenen Willkür, sein Prius der eigenen Aposteriorität
überführt, klingt ihm allemal wie das transzendente Dogma.
Wird der Idealismus strikt von innen her kritisiert, so ist ihm
die Verteidigung zur Hand, Kritik sanktioniere ihn dadurch.
Indem sie seiner Prämissen sich bediene, habe er sie virtuell schon
in sich; darum sei er ihr überlegen. Einwände von außen aber
verwirft der Idealismus als reflexionsphilosophisch, vordialektisch.
Angesichts dieser Alternative braucht jedoch die Analyse nicht
abzudanken. Immanenz ist die Totalität jener Identitätssetzun-
gen, deren Prinzip in immanenter Kritik zunichte wird. Dem
Idealismus ist, dem Wort von Ma
rx zufolge, seine »eigene Melo-
die« vorzuspielen. Das Nichtidentische, das ihn von innen her,

Vorrang des Objekts
Identitätsprinzip zurückgeht. Dies Interesse hat Schelling gegen
Hegel wahrgenommen, und damit dem Spott über die Abdika-
tion des Gedankens sich dargeboten, der zur Mystik flüchte.
Das materialistische Moment in Schelling, der dem Stoff an sich
Vorrang des Objekts
Stellungen soll begleiten können«, weil es Zeitfolge zur Bedin-
gung seiner Möglichkeit hat und
Zeitfolge nur ist als eine von
Zeitlichem. Das »meine« verweist auf ein Subjekt als Objekt
unter Objekten, und ohne dies »meine« wiederum wäre kein
»Ich denke«. Der Ausdruck Dasein, synonym mit Subjekt, spielt
auf solche Sachverhalte an. Von Objektivität ist hergenommen,
daß Subjekt sei; das leiht diesem selber etwas von Objektivität;
nicht zufällig mahnt subiectum, das zugrunde Liegende, an eben
das, was die Kunstsprache der Ph
ilosophie objektiv nannte. Ob-
jekt dagegen wird auf Subjektivität erst in der Reflexion auf die
Möglichkeit seiner Bestimmung bezogen. Nicht daß Objektivität
ein Unmittelbares, daß die Kritik am naiven Realismus zu ver-
gessen wäre. Vorrang des Objekts
Vorrang des Objekts
zugeschlagen wird. War die Konstruktion der transzendentalen
Subjektivität die großartig paradoxe und fehlbare Anstrengung,
des Objekts in seinem Gegenpol mächtig zu werden, so wäre auch
insofern erst durch ihre Kritik zu vollbringen, was die positive,
idealistische Dialektik nur proklamierte. Soweit bedarf es eines
ontologischen Moments, wie Onto
logie kritisch dem Subjekt die
bündig konstitutive Rolle aberkennt, ohne daß doch das Subjekt
durchs Objekt gleichwie in zweiter Unmittelbarkeit substituiert
würde. Einzig subjektiver Reflexion, und der aufs Subjekt, ist
der Vorrang des Objekts erreichbar. Man mag den mit den Regeln
gängiger Logik schwer vereinbare
n, in seinem abstrakten Aus-
druck ungereimten Sachverhalt daran sich erläutern, daß zwar
eine Urgeschichte des Subjekts zu schreiben wäre, wie sie in der
�Dialektik der Aufklärung umrissen ist, aber keine Urgeschichte
des Objekts. Diese handelte
immer schon von Objekten. Wird
dagegen argumentiert, es gäbe
keine Erkenntnis über das Objekt
ohne erkennendes Subjekt, so folgt daraus kein ontologisches
Vorrecht des Bewußtseins. Jegliche Behauptung, daß Subjektivi-
tät irgend� sei, schließt bereits eine Objektivität ein, die das
Subjekt vermöge seines absoluten Seins erst zu begründen vor-
gibt. Nur weil das Subjekt seinerseits vermittelt, also nicht das
radikal Andere des Objekts ist, das dieses erst legitimiert, vermag
es Objektivität überhaupt zu fassen. Eher als konstitutiv ist die
subjektive Vermittlung der Block vor der Objektivität; jene ab-
Objekt kein Gegebenes
darf, sondern nur in seiner Verflechtung mit Subjektivität zu er-
kennen sei; Vermittlung des Subjekts, daß es ohne das Moment
der Objektivität buchstäblich nichts wäre. Index für den Vor-
rang des Objekts ist die Ohnmacht des Geistes in all seinen Urtei-
len wie bis heute in der Einrichtung der Realität. Das Negative,
daß dem Geist mit der Identifizierung die Versöhnung mißlang,
Objekt kein Gegebenes
nistheorie ihr Modell hatte. Das Gegebene ist in seiner armen
und blinden Gestalt nicht Objektivität, sondern bloß der Grenz-
wert, dessen das Subjekt im eige
nen Bannkreis nicht ganz Herr
Objekt kein Gegebenes
Objektivität und Verdinglichung
der Subjektivität in der wissensc
Objektivität und Verdinglichuag
der Ironie, daß die brutalen und primitiven Funktionäre, die
Lukacs wegen des Verdinglichungskapitels aus dem bedeutenden
Buch� Geschichte und Klassenbewußtsein vor mehr als vierzig
Objektivität und Verdinglidiung
fremd erfährt: negativ Zwang und Heteronomie, doch auch die
verunstaltete Figur dessen, was zu lieben wäre und was zu lieben
Fremde«. Der versöhnte Zustand annektierte nicht mit philo-
sophischem Imperialismus das Fremde, sondern hätte sein Glück
daran, daß es in der gewährten Nähe das Ferne und Verschiedene
bleibt, jenseits des Heterogene
n wie des Eigenen. Die unermüd-
liche Anklage von Verdinglichung sperrt sich jener Dialektik, und
das verklagt die geschichtsphilosophische Konstruktion, die jene
Anklage trägt. Die sinnerfüllten Zeiten, deren Wiederkunft der
frühe Lukäcs ersehnte, waren ebenso das Produkt von Verding-
lichung, unmenschlicher Institution, wie er es erst den bürger-
lichen attestierte. Zeitgenössische Darstellungen mittelalterlicher
Städte pflegen auszusehen, als
ob gerade zur Volksbelustigung
eine Hinrichtung stattfände. Sollte anno dazumal Harmonie von
half. Im Dinghaften ist beides
ineinander, das Unidentische des
Objekts und die Unterwerfung der Menschen unter herrschende
Produktionsverhältnisse, ihren ei
genen, ihnen unkenntlichen
Funktionszusammenhang. Der reif
e Marx hat in seinen kargen
Äußerungen über die Beschaffenheit einer befreiten Gesell-
schaft sein Verhältnis zur Arbeitsteilung, zum Grund von Ver-
dinglichung, geändert
. Den Stand der Freiheit unterscheidet er
von urtümlicher Unmittelbarkeit. Im Moment des Planens von
Übergang zum Materialismus
dem er Produktion für die Lebendigen anstatt für den Profit, in
gewissem Sinn Restitution von Unmittelbarkeit sich erhoffte, ist
das dinghaft Fremde aufbewahrt
; noch im Entwurf der Verwirk-
lichung des von der Philosophie erst nur Gedachten die Vermitt-
lung. Daß indessen Dialektik ohne das Moment von dinghaft
Festem nicht möglich wäre und zu einer harmlosen Doktrin von
Übergang zum Materialismus
cognitiven Stilisationsprinzip dem Bewußtsein angehört, müßte
ihre nach cognitiver Regel unvoreingenommene Phänomenologie
sie ebenso als ein nicht in Bewußtsein Aufgehendes beschreiben.
Eine jegliche ist in sich auch Körpergefühl. Nicht einmal� beglei-
tet es die Empfindung. Das setzte deren Chorismos vom Leib-
haften voraus; er wird aber einzig von der noologischen Absicht
ihr angeschafft, in strengem Sinn
durch Abstraktion. Die sprach-
liche Tönung von Worten wie si
nnlich, sensuell, ja schon von
Empfindung verrät, wie wenig die damit designierten Sachver-
halte sind, als was die Erkenntnistheorie sie abhandelt, pure Mo-
mente von Erkenntnis. Die subjekt-immanente Rekonstruktion
der Dingwelt hätte die Basis ihrer Hierarchie, eben die Empfin-
dung, nicht ohne die Physis, die autarkische Erkenntnistheorie
erst über ihr aufbauen möchte. Irreduzibel ist das somatische Mo-
ment als das nicht rein cognitive an der Erkenntnis. Damit wird
der subjektive Anspruch dort noch hinfällig, wo gerade der radi-
kale Empirismus ihn konserviert hatte. Daß die cognitiven Lei-
stungen des Erkenntnissubjekts dem eigenen Sinn nach somatisch
sind, affiziert nicht nur das Fundierungsverhältnis von Subjekt
und Objekt sondern dieDignität des Körperlichen. Am ontischen
Pol subjektiver Erkenntnis tritt es als deren Kern hervor. Das
entthront die leitende Idee von Erkenntnistheorie, den Körper
Materialismus und Unmittelbarkeit
Idealistische Kritik am Materialismus bedient sich, soweit sie
immanent verfährt und nicht einfach predigt, gern der Lehre
vom unmittelbar Gegebenen. Tats
achen des Bewußtseins sollen,
wie alle Urteile über die Dingwelt, so auch den Materiebegriff
fundieren. "Wollte man, dem Usus des vulgären Materialismus
Materialismus und Unmittelbarkeit
unterm Diktat der Geltungskontr
olle und aus klassinkatorischem
Bedürfnis, werden die Fakten des Bewußtseins von ihren sub-
tilen, ihr vermeintlich Festes
widerlegenden Grenzübergängen,
zumal denen zu den körperhaften Innervationen, unterschieden.
Dazu stimmt, daß kein Subjekt des unmittelbar Gegebenen, kein
Ich, dem es gegeben sei, unabhängig von der transsubjektiven
Dialektik keine Wissenssoziologie
Dialektik.keine Wissenssoziologie
gie die Ausflucht, Wahrheit oder
Unwahrheit des philosophisch Gelehrten hätten nichts zu tun mit
gesellschaftlichen Bedingungen; Relativismus und Arbeitsteilung
verbünden sich. Die Zweiweltentheorie des späten Scheler schlach-
Zum Begriff des Geistes
Unver-
loren ist die Einsicht des Idealismus, daß die Tätigkeit des Geistes
als Arbeit durch die Individuen
gleichwie durch ihre Mittel sich
vollzieht und in ihrem Vollzug die Individuen zu ihrer Funktion
1Zum Begriff des Geistes
meinen und Besonderen erlaubt es der Theorie, die für das Be-
sondere optiert, nicht, übereifrig
das Allgemeine als Seifenblase
zu behandeln. Weder könnte dann
Theorie die verderbliche Vor-
macht des Allgemeinen im Bestehenden fassen noch die Idee eines
Zustands, der, indem er die Individuen zu dem Ihren brächte,
das Allgemeine seiner schlechten Partikularität entäußerte. Eben-
sowenig aber ist ein transzendentales Subjekt ohne Gesellschaft,
ohne die Einzelnen, die sie zum Guten und Bösen integriert, auch
nur vorzustellen; daran scheitert
der Begriff des transzendentalen
Subjekts. Selbst Kants Allgemeinheit will eine für alle, nämlich
für alle vernunftbegabten Wese
n sein, und die Vernunftbegabten
sind a priori vergesellschaftet. Schelers Versuch, den Materialis-
mus umstandslos auf die nominalistische Seite zu verbannen, war
ein taktisches Manöver. Erst wird der Materialismus, nicht ohne
Mithilfe eines unleugbaren Mangels an philosophischer Re-
flexion, als subaltern angeschwärzt, dann seine Subalternität
glanzvoll überwunden. Zur rohen Weltanschauung, die der mate-
rialistischen Dialektik so verhaßt war, daß diese lieber mit der
Wissenschaft sich alliierte, wurde sie selbst in ihrem Niedergang,
Reine Tätigkeit und Genesis
Den Übergang der Philosophie vom Geist zu dessen Anderem
erzwingt immanent seine Bestimmung als Tätigkeit. Ihr kann
seit Kant der Idealismus nicht sich entwinden, auch nicht Hegel.
Durch Tätigkeit aber hat der Geist teil an der Genesis, die den
Idealismus als ein ihn Kontaminierendes ärgert. Geist als Tätig-
keit ist, wie die Philosophen repetieren, ein Werden; darum nicht,
worauf sie fast noch größeren Wert legen,
von der Ge-
schichte. Ihrem einfachen Begriff nach ist seine Tätigkeit inner-
zeitlich, geschichtlich; Werden sowohl wie Gewordenes, in dem
Werden sich akkumulierte. Gleich der Zeit, deren allgemeinste
Vorstellung eines Zeitlichen bedarf, ist keine Tätigkeit ohne
Substrat, ohne Tätiges und ohne das, woran sie geübt wird.
In der Idee absoluter Tätigkeit versteckt sich nur, was da tun soll;
die reine
ist der verschämte,
.202Materialismus bilderlos
gelbst und jedem Lebenden durchsichtige Solidarität zu ver-
wirklichen.
penen, die möchten, daß es nicht sich verwirkliche, hat unter-
dessen der Materialismus den Gefallen seiner Selbsterniedrigung
Leid physisdi
Mythos«
; darum ist die Identitätsphilosophie Mythologie als
Materialismus bilderlos
selbst und jedem Lebenden durchsichtige Solidarität zu ver-
wirklichen.
Denen, die möchten, daß es nich
t sich verwirkliche, hat unter-
dessen der Materialismus den Gefallen seiner Selbsterniedrigung
Materialismus bilderlos
tur, die mittlerweile nicht mehr auf diesen sich beschränkt, son-
dienst. Der Inbegriff der Bilder fügt sich zum Wall vor der Rea-
Materialismus bilderlos
zum Unheil: das Kritisierte, in das nicht eingedrungen ward,
bleibt unbehelligt, wie es ist, und vermag als gar nicht Getrof-
fenes in veränderten Machtkonst
ellationen beliebig wieder auf-
zuerstehen. Brechts mündliche Äußerung, nach dem Buch über
den Empiriokritizismus sei keine Kritik an der Immanenzphilo-
sophie mehr not, war kurzsichtig. An die materialistische Theorie
ergehen philosophische Desiderate, soll sie nicht dem gleichen
Provinzialismus erliegen, der die Kunst der Oststaaten verun-
Materialismus bilderlos
Corpus von Vorstellungen substi
tuierte den Gegenstand der Er-
kenntnis, und die subjektive Willkür solcher Vorstellungen ist
die der Verordnenden. Die materialistische Sehnsucht, die Sache zu
begreifen, will das Gegenteil: nu
r bilderlos wäre das volle Objekt
zu denken. Solche Bilderlosigkeit konvergiert mit dem theo-
logischen Bilderverbot. Der Materi
alismus säkularisierte es, in-
Dritter Teil
Freiheit
»Scheinproblem«
urteilt, sondern indem man die Unmöglichkeit, sie dingfest zu
machen, ebenso wie die Nötigung, sie zu denken, in ihre eigene
Bestimmung hineinnimmt. Im Antinomiekapitel der Kritik der
reinen und in großen Partien de
r Kritik der praktischen Vernunft
ist das, mit ausdrücklicher Absicht oder ohne sie, versucht; frei-
lich hat Kant dabei den dogmatischen Gebrauch nicht ganz ver-
mieden, den er gleich Hume an anderen traditionellen Begriffen
rügt. Er hat den Konflikt von Faktizität -� Natur - und Denk-
notwendigem — der intelligiblen
Welt — dichotomisch geschlich-
»Scheinproblem«211
Scheidungen, bei denen nach frei oder unfrei gefragt werden kann,
eine Abstraktion; was sie vom Seelischen übrigläßt, karg gegen-
über der realen Komplexion von Innen und Außen. An diesem
Verarmten, chemisch Reinen läßt nicht sich ablesen, was von
Freiheit oder ihrem Gegenteil prädiziert werden darf. Strenger
ausgedrückt, und Kantischer zugleich, ist das empirische Subjekt,
das jene Entscheidungen fällt - und nur ein empirisches kann sie
fällen, das transzendental reine
Ich denke wäre keines Impulses
fähig —, selbst Moment der raum-zeitlichen »auswendigen« Welt
und hat vor ihr keine ontologische Priorität; darum scheitertder
Versuch, die Frage nach der Willensfreiheit in ihm zu lokalisieren.
Er zieht die Linie zwischen Intelligiblem und Empirischem inmitten
der Empirie. Soviel ist wahr
an der These vom Scheinproblem.
Sobald die Frage nach der Willensfreiheit auf die nach der Ent-
scheidung der je Einzelnen sich zusammenzieht, diese aus ihrem
Kontext, das Individuum aus der Gesellschaft herauslöst, gehorcht
sie dem Trug absoluten reinen Ansichseins: beschränkte subjektive
Erfahrung usurpiert die Würde des Allergewissesten. Das Substrat
Interesse an Freiheit gespalten
die Rationalität zediert, die sie einschränkt, und von der Empirie
entfernt, in der man sie gar nicht verwirklicht sehen will. Die
Dichotomie bezieht sich auch auf fortschreitende Verwissenschaft-
Freiheit, Determinismus, Identität213
sie Hilfe bei eben der Philosophie
, welche durch ihren schlechten
und abstrakten Gegensatz zum Szientivismus solche Hilfe nicht
gewähren kann. Wo die Wissenschaft die Entscheidung des ihr
Unauflöslichen von der Philosophie erhofft, empfängt sie von die-
ser nur weltanschaulichen Zuspruch. An ihm orientierten sich dann
die Einzelwissenschaftler nach Geschmack und, so muß man fürch-
ten, nach der eigenen psychologischen Triebstruktur. Das Ver-
hältnis zu dem Komplex von Freiheit und Determinismus wird
dem Belieben von Irrationalität
Freiheit, Determinismus, Identität
ten hervorbringt gegenüber den Reflexen, aus denen es entstan-
den sein mag. Die Positivisten gehorchen bewußtlos dem Dogma
das herrschaftliche Prinzip, dem die Menschen fortschreitend sich
selbst unterwerfen. Identität des Selbst und Selbstentfremdung
begleiten einander von Anbeginn; darum ist der Begriff Selbst-
entfremdung schlecht romantisch. Bedingung von Freiheit, ist Iden-
die Reflexe ohne jegliches Moment
von Einheit. Sie kräftigt sich
Freiheit und organisierte Gesellschaft
als das Selbst der Selbsterhaltung; ihm öffnet sich Freiheit als
seine gewordene Differenz von den Reflexen.
Ohne allen Gedanken an Freiheit wäre organisierte Gesellschaft
theoretisch kaum zu begründen.
Sie verkürzt dann wiederum
Freiheit. An der Hobbes'schen Konstruktion des Staatsvertrags
ließe beides sich zeigen. Faktisch durchgängiger Determinismus
sanktionierte, im Gegensatz zum Deterministen Hobbes, das
bellum omnium contra omnes; jedes Kriterium von Handlungen
entfiele, wenn alle gleich vorbestimmt und blind wären. Die
Perspektive eines Äußersten wird aufgerissen; ob nicht darin,
daß man um der Möglichkeit von Zusammenleben willen Freiheit
Freiheit und organisierte Gesellschaft
vernunftbegabten Wesens auch den der Menschheit verweigern
müssen; der Anhänger Rousseaus hätte dazu kaum sich bequemt.
Ehe das Individuum in dem für Kant selbstverständlichen, neu-
zeitlichen Sinn sich bildete, der nicht einfach das biologische Ein-
zelwesen sondern das durch dessen Selbstreflexion als Einheit erst
konstituierte meint
, das Hegeische »Selbstbewußtsein«, ist es
anachronistisch, von Freiheit, von
realer wie von geforderter, zu
reden. Ebenso wiederum könnte Freiheit, ungeschmälert herzu-
stellen einzig unter gesellschaftlichen Bedingungen entfesselter
Güterfülle, gänzlich und vielleic
ht spurlos ausgelöscht werden.
Das Übel ist nicht, daß freie Menschen radikal böse handeln, so
wie über alles von Kant vorgestellte Maß hinaus böse gehandelt
wird, sondern daß noch keine Welt ist, in der sie, wie es bei Brecht
aufblitzt, nicht mehr böse zu sein
brauchten. Das Böse wäre dem-
nach jhre eigene Unfreiheit: wa
s Böses geschieht, käme aus ihr.
Gesellschaft bestimmt die Individuen, auch ihrer immanenten
Genese nach, zu dem, was sie sind; ihre Freiheit oder Unfreiheit
ist nicht das Primäre, als das sie unterm Schleier des principium
individuationis erscheint. Denn auch die Einsicht in seine Abhän-
gigkeit wird dem subjektiven Be
wußtsein erschwert durchs Ich,
so wie Schopenhauer mit dem Mythos vom Schleier der Maja es
Freiheit und organisierte Gesellschaft
das mit Vernunft die eigenen Interessen verfolgen konnte. In
jener Phase, und über sie hinaus,
war die Frage nach Freiheit die
genuine, ob die Gesellschaft dem Individuum so frei zu sein ge-
stattet, wie sie es ihm verspricht; damit auch, ob sie selbst es ist.
Das Individuum ragt über den blinden Zusammenhang der Ge-
sellschaft temporär hinaus, hilft aber in seiner fensterlosen Iso-
liertheit jenen Zusammenhang erst recht reproduzieren. - Nicht
in Hierarchien obenauf ist, nicht sichtbar abhängig, war deren
historischer Archetyp. Freiheit wird, im abstrakten Allgemein-
begriff eines Jenseits der Natur, zur Freiheit vom Reich der Kau-
salität vergeistigt. Damit aber zur Selbsttäuschung. Psychologisch
gesprochen, wäre das Interesse des Subjekts an der These, es sei
frei, narzißtisch, so maßlos wie alles Narzißtische. Sogar in der
Argumentation Kants, der doch die Sphäre der Freiheit katego-
risch oberhalb von Psychologie lokalisiert, schlägt Narzißmus
durch. Jeder Mensch, auch der »ärgste Bösewicht«, wünsche, der
Freiheit und organisierte Gesellschaft
Davon könne er sich keine »Vergnügung der Begierden«, »keinen
für irgend eine seiner wirklichen
oder sonst erdenklichen Neigun-
gen befriedigenden Zustand« erwa
rten, »sondern nur einen grö-
ßeren inneren "Wert seiner Person ... Diese bessere Person glaubt
er aber zu sein, wenn er sich in den Standpunkt eines Gliedes der
größer seine Verantwortung, und vor ihr versagt es in einem
bürgerlichen Leben, dessen Praxis nie dem Subjekt die unge-
Der vor-ichliche Impuls
eines von Unfreiheit; es bedarf immer bereits entweder der Rück-
spiegelung des an der Gesellschaft Wahrgenommenen aufs Sub-
jekt - die älteste ist die sogenannte Platonische Psychologie - oder
der psychologischen Wissenschaft
als einer vergegenständlichenden,
welcher unter den Händen das von ihr entdeckte Seelenleben zum
Ding unter Dingen wird und unter die von der Dingwelt prädi-
zierte Kausalität gerät.
Das dämmernde Freiheitsbewußtsein nährt sich von der Erinne-
rung an den archaischen, noch von keinem festen Ich gesteuerten
Impuls. Je mehr das Ich diesen zügelt, desto fragwürdiger wird
ihm die vorzeitliche Freiheit als chaotische. Ohne Anamnesis an
den ungebändigten, vor-ichlichen
Impuls, der später in die Zone
unfreier Naturhörigkeit verbannt ist, wäre die Idee von Freiheit
nicht zu schöpfen, welche doch ihrerseits in der Stärkung des Ichs
terminiert. In dem philosophischen Begriff, der Freiheit als Ver-
haltensweise am höchsten über das empirische Dasein erhebt, dem
der Spontaneität, hallt das Echo dessen wider, was bis zur Ver-
nichtung zu kontrollieren das Ich der idealistischen Philosophie
für die Bewährung seiner Freiheit hält. Zur Apologie ihrer ver-
kehrten Gestalt ermuntert die Gesellschaft die Individuen, die
eigene Individualität zu hypostasi
eren und damit ihre Freiheit.
Soweit solcher hartnäckige Sche
in reicht, wird das Bewußtsein
über das Moment seiner Unfreihei
t belehrt einzig in pathogenen
220Der vor-idilidie Impuls
sich aufprägt —, erscheint dem sich auf sich zurücknehmenden Ich
als frei, weil es die Idee der Freiheit vom Modell der eigenen
perimenta crucis
der Introspektion. Das populärste wird nicht
umsonst einem Esel aufgebürdet. Seinem Schema folgt noch Kant
Experimenta crucis221
sei, müssen die Situationen rigo
ros von ihrem empirischen Gehalt
gereinigt werden; gedankenexperimentelle Bedingungen herge-
stellt, denen möglichst wenig an
für die Freiheit. Manche
Kantischen experimenta crucis freilich sind von größerer Prä-
tention. Er zieht sie an als empirische Belege für das Recht,
»Freiheit in die Wissenschaft einzuführen«, denn »auch die Er-
fahrung bestätigt diese Ordnung der Begriffe in uns«
; während
doch empirische Belege für ein seiner eigenen Theorie zufolge
schlechterdings Überempirisches
ihn mißtrauisch machen sollten,
weil dadurch der kritische Sachverhalt in jener Sphäre lokali-
siert wird, der er prinzipiell entrückt sei. Das Beispiel ist denn
die Gelegenheit dazu vorkämen, für ihn ganz unwiderstehlich:
ob wenn ein Galgen vor dem Hause, da er diese Gelegenheit
Experimenta crucis
von Kant einer »wollüstigen Neigung« Bezichtigte vermutlich
so gut konzedieren wie der vom Tyrannen, den Kant respektvoll
seinen Fürsten nennt, Erpreßte; es wäre wohl die Wahrheit,
wenn im Bewußtsein des Gewichts
der Selbsterhaltung in derlei
Entscheidungen beide sagten, sie wüßten nicht, wie sie in der
realen Situation sich verhielten. Ein psychologisches Moment wie
der� Ichtrieb und die Angst vorm Tode stellten in der akuten
Situation unweigerlich anders sich dar als in dem unwahrschein-
lichen Gedankenexperiment, das jene Momente zur unafFektiv
erwägbaren Vorstellung neutralisiert. Von keinem, nicht dem
Integersten, kann prophezeit werden, wie er auf der Folter sich
verhielte; die unterdessen keineswe
gs mehr fiktive Situation be-
Experimenta crucis
gen einzureihen. Was an Sätzen über den mundus intelligibilis
nach Zuspruch beim empirischen sucht, muß sich empirische Krite-
rien gefallen lassen, und diese sprechen gegen den Zuspruch, ge-
mäß jener Aversion des spekulativen Gedankens gegen das so-
genannte Beispiel als ein Minderwertiges, für die es an Zeugnissen
bei Kant nicht fehlt: »Dieses ist auch der einige und große Nutzen
der Beispiele, daß sie die Urthe
ilskraft schärfen. Denn was die
Richtigkeit und Präcision der Verstandeseinsicht betrifft, so thun
sie derselben vielmehr gemeiniglich einigen Abbruch, weil sie nur
selten die Bedingung der Regel adäquat erfüllen (als casus in ter-
minis) und überdem diejenige Anstrengung des Verstandes oft-
mals schwächen, Regeln im Allgemeinen und unabhängig von den
besonderen Umständen der Erfahrung nach ihrer Zulänglichkeit
darum klammert Sartre
sich einzig an die Entscheidung, in einer Art Regres-
sion aufs achtzehnte Jahrhundert. Währe
nd jedoch an der Alternativsituation
Autonomie demonstriert werden soll,

Das Hinzutretende
Trotz all dem zeigen sie ein Moment, das, wie es seiner vagen
Erfahrung entspricht, das Hinzutretende heißen mag. Die Ent-
vität mühsam, ephemer das Haupt. Aber die Insistenz darauf
verengte sich rationalistisch. Insofern war Kant, seiner Konzep-
tion der praktischen Vernunft als der wahrhaft »reinen«, näm-
lich jeglichem Material gegenüber
souveränen gemäß, der Schule
wird der Wille ein Niemandsland zwi-
schen Subjekt und Objekt, antinomisch derart, wie es in der Ver-
nunftkritik nicht visiert ward. — Am Beginn der Selbstreflexion
des sich emanzipierenden neuzeitlichen Subjekts jedoch, im Ham-
Bewußtseinssphäre hinaus, der er doch auch angehört. Mit ihm
reicht Freiheit in die Erfahrung
hinein; das beseelt ihren Begriff
als den eines Standes, der so we
nig blinde Natur wäre wie unter-
drückte. Ihr Phantasma, das Vernunft von keinem Beweis kau-
saler Interdependenz sich verkümmern läßt, ist das einer Ver-
söhnung von Geist und Natur. Es ist der Vernunft nicht so fremd,
wie es unter dem Aspekt von deren Kantischer Gleichsetzung mit
dem Willen erscheint; fällt nicht vom Himmel. Der philosophi-
schen Reflexion scheint es ein schlechthin Anderes, weil der auf
die reine praktische Vernunft gebrachte Wille eine Abstraktion ist.
Das Hinzutretende ist der Name für das, was von jener Ab-
straktion ausgemerzt ward; real wäre Wille ohne es überhaupt
nicht. Zwischen den Polen eines längst Gewesenen, fast unkennt-
lich Gewordenen und dessen, was einmal sein könnte, blitzt es
auf. Wahre Praxis, der Inbegriff von Handlungen, welche der
Das Hinzutretende
das reine Bewußtsein, das Kantisch zu ihr nötigt: das jäh Her-
ausspringende, ist die Spontaneität, die Kant ebenfalls in reines
Bewußtsein transplantierte, weil sonst die konstitutive Funktion
des Ich denke gefährdet worden
wäre. Das Gedächtnis ans Aus-
geschiedene lebt bei ihm nur noch in der doppelten Deutung der
Fiktion positiver Freiheit
haben; das erklärt wie die Verkehrung so deren Nähe zum wah-
ren Sachverhalt.
Freiheit ist einzig in bestimmter Negation zu fassen, gemäß
m Kantischen Begriff unvereinbar
ist. Mit der großartigen Unschuld, der noch Kants Fehlschlüsse
ihren Vorrang
über alle Gewitztheit verdanken, spricht
er das
Fiktion positiver Freiheit
aus in dem Satz von den Wesen, die nicht anders als unter der
Idee von Freiheit handeln könnten, deren subjektives Bewußt-
Unfreiheit des Gedankens
Die Gedanken sind frei. Weil nach seiner Doktrin alles, was ist,
Gedanke sein soll, der des Absoluten, soll alles, was ist, frei
sein.Aber das will nur das Bewu
ßtsein dessen beschwichtigen,
daß die Gedanken keineswegs frei sind. Noch vor aller gesell-
schaftlicher Kontrolle, vor aller Anpassung an Herrschaftsver-
hältnisse, wäre ihrer reinen Form,der
logischen Stringenz, Un-
freiheit
nachzuweisen, Zwang, dem Gedachten gegenüber ebenso
wie dem Denkenden, der es erst
durch Konzentration sich antun
muß. Abgewürgt wird, was nicht in den Vollzug des Urteils hin-
einpaßt; Denken übt vorweg jene Gewalt aus, die Philosophie
im Begriff der Notwendigkeit reflektierte. Durch Identifikation
vermitteln sich zuinnerst Philosophie und Gesellschaft in jener.
Die heute universale Reglementierung wissenschaftlichen Denkens
bringt dies uralte Verhältnis
in Verfahrungsweisen und Organi-
sationsformen nach außen. Ohne Zwangsmoment indessen könnte
Denken überhaupt nicht sein. De
r WiderspruchvonFreiheitund
Denken ist vom Denken so wenig wie fürs Denken zu beseitigen,
sonder» verlangt dessen Selbstbe
sinnung. Die spekulativen Philo-
sophen von Leibniz bis Schopenhauer haben mit Recht ihre An-
strengung auf Kausalität konzentriert. Sie ist die Crux des Ratio-
nalismus in jenem weiteren Sinn, der noch die Schopenhauersche
Metaphysik einbegreift, soweit sie auf Kantischem Boden sich
weiß. Die Gesetzmäßigkeit der reinen Denkformen, die causa
cognoscendi, wird projiziert auf die Gegenstände als causa effi-
ciens. Kausalität unterstellt das
formallogische Prinzip, eigentlich
die Widerspruchslosigkeit, das der nackten Identität, als Regel
der materialen Erkenntnis von Objekten, mag auch historisch
die Entwicklung umgekehrt verlaufen sein. Daher die Äqui-
vokation im Wort ratio: Vernunft und Grund. Dafür hat Kau-
salität zu büßen: sie kann, nach
Humes Einsicht, auf kein sinnlich
Unmittelbares sich berufen. Inso
fern ist sie dem Idealismus als
dogmatischer Rest eingesprengt, während er ohne Kausalität die
Herrschaft über das Seiende nicht ausüben könnte, die er erstrebt.
rezipiefen. Demgegenüber steht die gesamte Philosophie Kants
Unfreiheit des Gedankens
im Zeichen von Einheit. Das verleiht ihr trotz der schweren Akzente
auf dem nicht aus den reinen Formen stammenden� Material
Doppelschlächtigkeit des Vernunftbegriffs teilt aber auch dem
des Willens sich mit. Während er im Namen von Spontaneität,
des am Subjekt um keinen Preis zu Vergegenständlichenden,
nichts als Subjekt sein soll, wird er, fest und identisch gleich
» Formalismus«
faktischen Vermögen inmitten der faktisch-empirischen Welt und
so dieser kommensurabel. Nur dank seiner a priori ontischen
Natur, der eines gleichwie eine Eigenschaft Vorhandenen, kann
von ihm ohne Widersinn geurteilt werden, daß er seine Objekte,
die Handlungen, schaffe. Er gehört der Welt an, in der er wirkt.
Daß ihm das bestätigt werden kann, ist der Lohn für die Instal-
lierung der reiner Vernunft als In
differenzbegriff. Zu zahlen hat
dafür der Wille, aus dem alle der Vergegenständlichung sich ver-
sagenden Impulse als heteronom verbannt sind.
Nicht allzu schwer wiegen mag der gegen Kant systemimmanent
zu erhebende Einwand, die Unterteilung der Vernunft nach ihren
Objekten mache sie, wider die Lehre von der Autonomie, ab-
hängig von dem, was sie nicht sein soll, vom Außervernünftigen.
In jener Unstimmigkeit bricht das von Kant Fortgescheuchte, die
inwendige Verwiesenheit der Vernunft auf ihr Nichtidentisches,
trotz seiner Absicht durch. Nur ge
ht Kant nicht so weit: die
Lehre von der Einheit der Ver
nunft in all ihren angeblichen
Anwendungsgebieten supponiert eine feste Trennung zwischen
der Vernunft und ihrem Worauf.
Weil sie jedoch notwendig auf
ein solches Worauf sich bezieht, um irgend Vernunft zu sein,
wird sie, seiner Theorie entgegen, auch in sich davon bestimmt.
von seinem Material,
der Gesellschaft. Wäre er es, so frevelte der kategorische Impera-
tiv an sich selbst; nichts als
dessen Material, würden die ande-
ren Menschen vom autonomen Subjekt nur als Mittel, nicht auch
als Zweck gebraucht. Das ist der Widersinn der monadologi-
schen Konstruktion der Moral.
Moralisches Verhalten, offen-
»Formalismus«
Kasuistik des zu Tuenden an die Hand gibt, verhindert er human
den Mißbrauch inhaltlich-quali
tativer Differenzen zugunsten
des Privilegs und der Ideologie.
Er stipuliert die allgemeine
Rechtsnorm; insofern lebt trotz und wegen seiner Abstraktheit
selbst ein Inhaltliches, die Idee der Egalität in ihm fort. Die
deutsche Kritik, der der Kantische Formalismus zu rationali-
stisch war, hat ihre blutige Farbe bekannt in der faschistischen
Praxis, die von blindem Schein,
der Zugehörigkeit oder Nicht-
zugehörigkeit zu einer designierten Rasse, abhängig machte, wer
umgebracht werden sollte. Der Scheincharakter solcher Konkret-
heit: daß in vollendeter Abstraktion Menschen unter willkürliche
Begriffe subsumiert und danach
behandelt wurden, wischt nicht
Wille
als Ding
und Willen distinguiert. Kraft seiner totalen Rationalität wird
der Wille irrational. Die Kritik der praktischen Vernunft be-
wegt sich im Verblendungszusammenhang. Ihr schon dient Geist
als Surrogat der Handlung, die da nichts sein soll als der schiere
Geist. Das sabotiert die Freiheit: ihr Kantischer Träger, die Ver-
nunft, koinzidiert mit dem reinen Gesetz. Freiheit bedürfte des
Der neuzeitliche Begriff von Ver
nunft war einer der Indifferenz.
In ihm glich sich das auf die reine Form gebrachte - und dadurch
potentiell objektivierte, vom Ich losgerissene - subjektive Den-
ken aus mit der ihrer Konstitution entäußerten Gültigkeit der
logischen Formen, die doch wiederum ohne subjektives Denken
nicht vorzustellen wäre. An solcher Objektivität partizipieren
bei Kant die Äußerungen des W
illens, die Handlungen; sie hei-
ßen denn auch Gegenstände*. Ihre dem Vernunftmodell nach-
geahmte Gegenständlichkeit ignoriert die differentia specifica
von Handlung und Gegenstand. Analog ist der Wille, Oberbe-
griff oder Einheitsmoment der Handlungen, vergegenständlicht.
Was ihm theoretisch dadurch widerfährt, enträt indessen bei
allem flagranten Widerspruch ni
cht völlig des Wahrheitsgehalts.
Angesichts der Einzelimpulse ist der Wille tatsächlich soweit
selbständig, quasi dinghaft, wie das Einheitsprinzip des Ichs
einige Selbständigkeit erlangt gegenüber seinen Phänomenen als
�den seinen. Von einem selbständigen und soweit auch gegen-
* »Unter einem Begriffe der praktischen Vernunft verstehe ich die Vorstel-
lung eines Objects als einer mögliche
n Wirkung durch Freiheit. Ein Gegen-
stand der praktischen Erkenntniß als eine
Wille als Ding
ständlichen Willen kann so gut die Rede sein wie von einem
starken Ich oder, nach der älteren Sprache, von Charakter; auch
außerhalb von Kants Konstruktion ist er jenes Mittlere zwi-
schen Natur und mundus intelligibilis, als welches Benjamin ihn
dem Schicksal kontrastiert
. Die Vergegenständlichung der ein-
zelnen Impulse zu dem sie synthesierenden und bestimmenden
Willen ist ihre Sublimierung, die gelungene, verschiebende, Dauer
involvierende Ablenkung vom primären Triebziel. Sie ist von
der Rationalität des Willens bei Ka
Die Relegation der Moral an die
nüchterne Einheit der Vernunft
war Kants bürgerlich Erhabenes,
trotz des falschen Bewußtseins
in der Vergegenständlichung des Willens.
Objektivität der Antinomie
Die Behauptung von Freiheit wie
von Unfreiheit terminiert Kant
zufolge in Widersprüchen. Darum soll die Kontroverse fruchtlos
nunft in den Dingen an sich selbst nothwendig und mit allem Recht zu allem
Objektivität der Antinomie
durch die Distinktion des reinen und des empirischen Subjekts,
die von der Vermitteltheit beider Begriffe absieht. Unfrei soll das
Subjekt sein, insofern auch es, Objekt seiner selbst, der gesetz-
mäßigen Synthesis durch die Kate
gorien unterworfen ist. Um in
der empirischen Welt handeln zu können, kann das Subjekt tat-
sächlich nicht anders denn als� Phänomen vorgestellt werden.
Dialektische Bestimmung des Willens
Wille ohne Körperimpulse, die abgeschwächt in der Imagination
Dialektische Bestimmung des Willens
Willens verstockt sich im Trugbild, geschichtliches Sediment der
Macht, welcher der Wille zu wide
rstehen hätte. Im Gegensatz zu
seinem Pharisäismus verurteilt da
s irrationale Moment des Willens
alles Moralische prinzipiell zur Fehlbarkeit. Moralische Sicherheit
existiert nicht; sie unterstellen
wäre bereits unmoralisch, falsche
Entlastung des Individuums von dem, was irgend Sittlichkeit hei-
ßen dürfte. Je unbarmherziger die Gesellschaft bis in jegliche Situa-
tion hinein objektiv-antagonistisc
h sich schürzt, desto weniger ist
irgendeine moralische Einzelentsch
eidung als die rechte verbrieft.
Was immer der Einzelne oder die Gruppe gegen die Totalität un-
ternimmt, deren Teil sie bildet, wird von deren Bösem angesteckt,
und nicht minder, wer gar nichts tut. Dazu hat die Erbsünde sich
säkularisiert. Das Einzelsubjekt, das moralisch sicher sich wähnt,
versagt und wird mitschuldig, we
il es, eingespannt in die Ord-
auf. Ohne Rekurs auf Material könnte aus der Vernunft kein Sol-
len entfließen; muß sie aber einmal ihr Material in abstracto als
Bedingung ihrer Möglichkeit anerkennen, so darf sie nicht die Be-
sinnung aufs spezifische Material unterbinden; sonst gerade würde
sie heteronom. Dem Rückblick enthüllt sich die Positivität des
Moralischen, die Unfehlbarkeit, welche die subjektiven Idealisten
ihm attestierten, als Funktion einer noch einigermaßen geschlos-
senen Gesellschaft, oder wenigstens von deren Schein für das in
ihr beschränkte Bewußtsein. Das mochte Benjamin mit den Be-
dingungen und Grenzen der Humanität meinen. Der von der Kan-
tischen und Fichteschen Lehre geforderte Primat der praktischen
Vernunft über die Theorie, eigentlich von Vernunft über Vernunft,
gilt nur für traditionalistische Phasen, deren Horizont die Zwei-
fel nicht erst duldet, welche die Idealisten zu lösen wähnten.
Marx hat die These vom Primat der praktischen Vernunft von
Kant und dem deutschen Idealismus empfangen und geschärft
zur Forderung, die Welt zu verändern anstatt sie bloß zu inter-
pretieren. Er hat damit das Programm absoluter Naturbeherr-
schung, ein Urbürgerliches, unterschrieben. Das reale Modell des
Identitätsprinzips schlägt durch, das als solches vom dialektischen
Materialismus bestritten ist, di
e Anstrengung, das dem Subjekt
Ungleiche ihm gleichzumachen. Wie aber Marx das dem Begriff
immanente Reale nach außen stül
sich nicht bloß, daß er meist aus der Impotenz eine Tugend macht.
Wohl ist des Geistes nicht mehr recht zu genießen, weil Glück kei-
nes wäre, das die eigene Nichtigk
eit, die erborgte Zeit, die ihm
gegönnt ist, durchschauen müßte. Auch subjektiv ist es unterhöhlt,
selbst wo es noch sich regt. Daß an Erkenntnis, deren mögliche
Beziehung auf verändernde Praxis zumindest temporär gelähmt
ist, auch in sich kein Segen sei, dafür spricht vieles. Praxis wird
aufgeschoben und kann nicht warten; daran krankt auch Theorie.
Wer ledoch nichts
tun kann, ohne daß es, auch wenn es das Bessere
Kontemplation
will, zum Schlechten auszuschlagen drohte, wird zum Denken
verhalten; das ist seine Rechtf
ertigung und die des Glücks am
Geiste. Dessen Horizont muß keineswegs der einer durchsichtigen
Beziehung auf später mögliche Praxis sein. Vertagendes Denken
sein Denken durchs cui bono gängelt. Was einmal einer besseren
Praxis obliegt und zuteil wird, kann Denken, der Warnung vorm
242Struktur der dritten Antinomie
des Vernunftgebrauchs,
und führte sie, gleich den anderen, aus.
Der Kantische transzendentale Idealismus enthält das anti-ideali-
Zum Kantischen Kausalbegriff243
Die berühmte, äußerst formale Kantische Definition der Kausa-
Zum Kantischen Kausalbegriff
Plädoyer für die Ordnung
Mit dem erkenntnistheoretischen Zwangscharakter würde auch
jener Anspruch auf Totalität hinfällig, den Kausalität so lange
erhebt, wie sie mit dem Prinzip von Subjektivität koinzidiert.
Was im Idealismus als Freiheit paradox nur erscheinen kann,
würde dann inhaltlich jenes Moment, das die Verklammerung des
Weltlaufs zum Schicksal transzendiert. "Würde Kausalität als
eine — wie immer auch subjektiv vermittelte — Bestimmung der
Sachen selbst aufgesucht, so öffn
ete sich in solcher Spezifikation,
gegenüber dem unterschiedslos Einen reiner Subjektivität, die
Perspektive von Freihe
it. Sie gälte dem von Zwang Unterschie-
denen. Dann wäre der Zwang nicht länger gepriesen als Tathand-
lung des Subjekts, nicht länger seine Totalität bejaht. Er büßte
die apriorische Gewalt ein, die aus dem realen Zwang extra-
poliert ward. Je jobjektiver die Kausalität, desto größer die
Möglichkeit von Freiheit; nicht
Plädoyer für die Ordnung
anhaftet. Daß Freiheit sein müsse, ist die höchste iniuria des recht-
setzenden autonomen Subjekts. Der Inhalt seiner eigenen Frei-
heit - der Identität, die alles Nichtidentische annektiert hat - ist
Beweisführung der Antithetik
soll. Dasein jedoch, als irgend gegebenes, nicht zur reinen Idee
verblaßtes, ist dem eigenen Begrif
f nach innerzeitlich. In der
Kritik der reinen Vernunft: der Deduktion der reinen Verstandes-
begriffe ebenso wie im Schematismuskapitel*, wird die Einheit
des Subjekts zur reinen Zeitform. Sie integriert die Tatsachen
des Bewußtseins, als solche der gleichen Person. Keine Synthesis
ohne die innerzeitliche Bezogenh
eit der synthesierten Momente
aufeinander; sie wäre Bedingung sogar der formalsten logischen
Operationen und ihrer Geltung. Danach könnte aber auch einem
absoluten Subjekt Zeitlosigkeit nicht zugesprochen werden, so-
Ontische und ideale Momente
Zeit. Freiheit heißt bei Kant soviel wie die reine praktische Ver-
nunft, die ihre Gegenstände sich selber produziert; diese habe zu
tun »nicht mit Gegenständen, sie zu erkennen, sondern mit ihrem
eigenen Vermögen, jene (der Erkenntniß derselben gemäß) wirk-
lich zu machen«
. Die darin implizierte absolute Autonomie des
Willens wäre soviel wie absolute
Herrschaft über die innere Natur.
Kant rühmt: »Consequent zu sein, ist die größte Obliegenheit
eines Philosophen und wird doch am seltensten angetroffen.«
Das unterschiebt nicht nur die formale Logik der reinen Konse-
quenz als höchste moralische Instanz, sondern zugleich die Unter-
ordnung jeglicher Regung unter die logische Einheit, ihren Primat
über das Diffuse der Natur, ja über alle Vielfalt des Nichtiden-
die Kantische Moralphilosophie an tinomisch: sie vermag, gemäß
der Gesamtkonzeption, den Begriff der Freiheit einzig als Unter-
drückung vorzustellen. Sämtlic
Ontische und ideale Momente
gesetz nicht zu leben wäre. Das reine Vernunftprinzip der Per-
sönlichkeit müßte konvergieren mit dem der Selbsterhaltung der
Person, der Totalität seines� I
nteresses, die das Glück einbe-
greift. Zu diesem steht Kant so ambivalent wie der bürgerliche
Geist insgesamt, der dem Individuum the pursuit of happiness
Ontische und ideale Momente
jener Wendungen erhabener Nüchternheit, in denen Kant, um
der Utopie nicht die Chance ihre
r Realisierung zu verderben,
die Empirie noch in ihrer verworfenen Gestalt, der von Aus-
beutung, als Bedingung des Besseren soweit mithineinnimmt, wie
er es dann in der Geschichtsphilosophie, unterm Begriff des Ant-
Ontische und ideale Momente
Reich der Zwecke an sich selbst«
, das mit den vernünftigen
Wesen identisch sein soll, diese bei Kant transzendiert. Er möchte
die Idee der Menschheit weder an die bestehende Gesellschaft
zedieren noch zum Phantasma verflüchtigen. Die Spannung stei-
gert sich bis zum Zerreißen in
seiner Ambivalenz zum Glück.
Einerseits verteidigt er es im
Begriff der Glückswürdigkeit, ande-
rerseits verunglimpft er es als he
Freiheitslehre repressiv
eines Gesetzes zu geben, der Bestimmungsgrund des Willens wird,
und also war das Object (anderer Glückseligkeit) nicht der Be-
Freiheitslehre repressiv
theidigung, d. i. Abtreibung der Ei
nwürfe derer, die tiefer in das
Wesen der Dinge geschaut zu haben vorgeben und darum die
Freiheit dreust für unmöglich erklären.«
Obskurantismus ver-
schränkt sich mit dem Kultus der Vernunft als des absolut Herr-
schenden. Die Nötigung, die laut Kant vom kategorischen Impe-
rativ ausgeht, widerspricht der Freiheit, die in ihm als ihrer ober-
sten Bestimmung sich zusammenfassen soll. Nicht zuletzt darum
wird der aller Empirie entäußerte Imperativ als ein keiner Prü-
fung durch die Vernunft bedürftiges »Factum«
vorgeführt,
trotz des Chorismos zwischen Faktizität und Idee. Die Anti-
nomik der Kantischen Freiheitsleh
re spitzt darin sich zu, daß ihr
Selbsterfahrung von Freiheit und Unfreiheit
zur Totalität. Das Individuum fühlt sich frei, soweit es der Ge-
Selbsterfahrung von Freiheit und Unfreiheit
digkeit seines Handelns Zerrbild.
Selbsterfahrung von Freiheit und Unfreiheit259
deraten, vor denen sie versagen müssen, so verlängert demgegen-
über die These von der Unfreiheit die Vormacht des Gegebenen
metaphysisch, erklärt sich als unveränderlich und animiert den Ein-
zelnen, wofern er nicht ohnehin dazu bereit ist, zu kuschen, da ihm
Selbsterfahrung von Freiheit und Unfreiheit
dukte von Verstümmelung sind und daß gleichwohl die wenigen,
deren man habhaft wurde, nicht freigesprochen werden dürfen,
wenn nicht die Untat ins Unabsehba
re sich wiederholen soll, die
im Unbewußten der Massen damit sich rechtfertigt, daß kein
Strahl vom Himmel niederfuhr
— das ist nicht durch Hilfs-
konstruktionen wie der einer der
Vernunft widerstreitenden utili-
tären Notwendigkeit zu glätten. Humanität widerfährt dem
Individuum erst, sobald die gesamte Sphäre der Individuation,
ihr moralischer Aspekt inbegriffen, als Epiphänomen durchschaut
ist. Zuzeiten vertritt die Gesamtgesellschaft, aus der Verzweiflung
ihres Zustands heraus, gegen die Individuen die Freiheit, die in
ihrer Unfreiheit zu Protest geht. Andererseits lebt im Zeitalter
universaler gesellschaftlicher Unterdrückung nur in den Zügen
des geschundenen oder zermalmt
en Individuums das Bild von
Freiheit gegen die Gesellschaft. Wo
jene geschichtlich jeweils unter-
Zur Krisis der Kausalität
dem wie die Apparaturen der Produktion, der Distribution und
der Beherrschung, so auch ökonomische und soziale Beziehungen
und Ideologien unentwirrbar inei
nander sind, und in dem die
lebendigen Menschen zu einem Stück Ideologie wurden. Wo diese
Zur Krisis der Kausalität
zum Seienden nicht mehr als Rechtfertigendes oder Komplemen-
täres hinzugefügt wird, sondern in den Schein übergeht, was ist,
sei unausweichlich und damit legitimiert, zielt Kritik daneben,
die mit der eindeutigen Kausalrelation von Überbau und Unter-
bau operiert. In der totalen Gesellschaft ist alles gleich nah zum
Mittelpunkt; sie ist so durchscha
ubar, ihre Apologie so faden-
scheinig, wie die aussterben, welche sie durchschauen. Kritik
könnte an jedem Verwaltungshaus der Industrie und jedem Flug-
hafen dartun, in welchem Maß de
r Unterbau sein eigener Über-
bau wurde. Dazu bedarf sie einerseits der Physiognomik des Ge-
Kausalität als Bann
Kausalität als Bann
Aufklärung. Sie schlägt in Verble
ndung, begriffslose Vollstrek-
kung von außen zurück, sobald sie die Affinität vollends durch-
realen Gewissenszwang abgelesen. Die empirische Unwidersteh-
lichkeit des psychologisch existenten Gewissens, des Überichs,
verbürgt ihm, wider sein transzendentales Prinzip, die Fakti-
Vernunft, Ich, Überich
Vernunft, Ich, Überich
er deshalb nicht spezifisch sich zu bekümmern brauchte: die empi-
rische Genese dessen, was, unanaly
siert, Kant als zeitlos intelli-
gibel glorifizierte. In ihren heroischen Zeiten hat die Freudsdie
Schule, darin eines Sinnes mit dem anderen, aufklärerischen
Kant, die rücksichtslose Kritik des Überichs als eines Ichfremden,
Vernunft, Ich, Überich
unterschreibt, in einen unbewußten und einen vorbewußten,
darum harmloseren Teil einzuteile
n, sind müßig; die Vergegen-
ständlichung und Verselbständigung, durch die das Gewissen zur
Instanz wird, ist konstitutiv ei
n Vergessen und insofern ich-
Potential der Freiheit
nicht jene objektive Geltung zukommt, die es im Wirkungszusam-
menhang der psychologischen Motivation beansprucht, wieder-
holt und befestigt innerhalb der Psychologie die Irrationalitäten,
mit denen »aufzuräumen« jene sich stark machte.
Was jedoch im jüngsten Zeitalter sich zuträgt, ist die Veräußer-
lichung des Oberichs zur bedingungslosen Anpassung, nicht seine
Aufhebung in einem vernünftigeren Ganzen. Die ephemeren Spu-
ren von Freiheit, die Sendboten der Möglichkeit an das empi-
rische Leben, werden tendenziell
seltener; Freiheit zum Grenz-
wert. Nicht einmal als komplementäre Ideologie getraut sie
recht sich vor; die Verfügenden,
die mittlerweile auch die Ideo-
logie mit fester Hand verwalten, trauen der Freiheit als Propa-
gandatechniker offenbar wenig Zugkraft mehr zu. Sie wird ver-
Potential der Freiheit
nicht jene objektive Geltung zukommt, die es im Wirkungszusam-
menhang der psychologischen Motivation beansprucht, wieder-
holt und befestigt innerhalb der Psychologie die Irrationalitäten,
mit denen »aufzuräumen« jene sich stark machte.
Was jedoch im jüngsten Zeitalter sich zuträgt, ist die Veräußer-
lichung des Oberichs zur bedingungslosen Anpassung, nicht seine
Aufhebung in einem vernünftigeren Ganzen. Die ephemeren Spu-
ren von Freiheit, die Sendboten der Möglichkeit an das empi-
rische Leben, werden tendenziell
seltener; Freiheit zum Grenz-
wert. Nicht einmal als komplementäre Ideologie getraut sie
recht sich vor; die Verfügenden,
die mittlerweile auch die Ideo-
logie mit fester Hand verwalten, trauen der Freiheit als Propa-
gandatechniker offenbar wenig Zugkraft mehr zu. Sie wird ver-
Potential der Freiheit
darin der durch keine begriffliche Synthesis zu überbrückende
Bruch zwischen dem gesellschaftlichen Ideal und dem subjektiven
der selbsterhaltenden Vernunft sein Wahrheitsrecht. Der Vor-
Gegen Personalismus
so vermag sie auch kein Allgemeines zu konstituieren; es wird
dann insgeheim von bestehenden Formen der Herrschaft bezogen.
Im Vorfaschismus haben Personalismus und Bindungsgeschwätz
auf der Plattform von Irrationalität nicht schlecht miteinander
sich vertragen. Person, als Abso
lutes, negiert die Allgemeinheit,
die aus ihr herausgelesen werden soll, und schafft der Willkür
ihren fadenscheinigen Rechtstitel. Ihr Charisma ist erborgt von
der Unwiderstehlichkeit des Allgemeinen, während sie, irre ge-
worden'an dessen Legitimität, in der Not des Gedankens sich auf
sich zurückzieht. Ihr Prinzip,
das unerschütterlicher Einheit, wie
es ihre Selbstheit ausmacht, wiederholt trotzig im Subjekt die
Herrschaft. Die Person ist der
geschichtlich geknüpfte Knoten,
der aus Freiheit zu lösen, nicht zu verewigen wäre; der alte Bann
des Allgemeinen, im Besonderen verschanzt. Was an Moralischem
aus ihr gefolgert wird, bleibt zufällig wie die unmittelbare Exi-
stenz. Anders als in Kants altertümlicher Rede von der Per-
sönlichkeit wurde Person zur Tautologie für die, denen schon gar
nichts mehr übrigbleibt als das begriffslose Diesda ihres Daseins.
Die Transzendenz, welche manche
Neo-Ontologien von der Person
sich erhoffen, überhöht einzig ihr Bewußtsein. Es wäre aber nicht
ohne jenes Allgemeine, das der Re
der Begriff eines richtigen Menschen vorweggenommen werden
kann, so wenig gliche er der Person, dem geweihten Duplikat
Gegen Personaiismus
ren ist nicht nur, kantisch, Vernunft, sondern vor dieser auch
Dummheit. Human sind die Menschen nur dort, wo sie nicht als
Ansichseienden, das er immer schon war, abgefallen, während er
es nie gewesen ist und darum von Rückgriffen auf seine
nichts zu hoffen hat als Unterwerfung unter Autorität, gerade
das ihm Fremde. Daß jener Begriff im Marxischen Kapital nicht
mehr figuriert, ist nicht nur vo
n der ökonomischen Thematik des
Werkes bedingt sondern philosophischen Sinnes. — Negative Dia-
lektik hält ebensowenig inne vor der Geschlossenheit der Exi-
stenz, der festen Selbstheit des Ichs, wie vor ihrer nicht minder ver-
härteten Antithesis, der Rolle, die von der zeitgenössischen sub-
jektiven Soziologie als universales Heilmittel benützt wird, als
letzte Bestimmung der Vergesellschaftung, analog zur Existenz
der Selbstheit bei manchen Ontologen. Der Rollenbegriff sank-
tioniert die verkehrte schlechte Depersonalisierung heute: Un-
freiheit, welche an die Stelle der mühsamen und wie auf Widerruf
errungenen Autonomie tritt bloß um der vollkommenen Anpas-
* »Diese� Entfremdung, um den Phil
osophen verständlich zu bleiben, kann
natürlich nur unter zwei praktischen Voraussetzungen aufgehoben werden.«
(Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Berlin 1960, S. 31.)
Depersonalisierung und Existentialontologie
sung willen, ist unter der Freiheit, nicht über ihr. Die Not der
Arbeitsteilung wird im Rollenbegriff als Tugend hypostasiert.
Depersonalisierung und Ex
istentialontologie
vermag, ist auch Nichtich, die abso
lute Egoität unerfahrbar; daher
die von Schopenhauer konstatierte Schwierigkeit, seiner selbst
* Kurz nach der Publikation von Heideggers Hauptwerk konnte bereits an
Kierkegaards Existenzbegriff dessen
objektiv-ontologische Implikation und
der Umschlag des objektlosen Innen in
negative Objektivität nachgewiesen
werden. (Vgl. Theodor W. Adorno, Ki
erkegaard. Konstruktion des Ästheti-
schen, Frankfurt am Main 1962, S.
Depersonalisierung und Ex
istentialontologie
logische Apersonalität immer die Ontologisierung der Person,
ohne diese zu erreichen. Erkenntnis dessen, wozu Bewußtsein
unter Preisgabe seines Lebend
igen wurde, hat rückwirkende
Kraft: so dinghaft ist Egoität immer schon gewesen. Im Kern
des Subjekts wohnen die objektiven Bedingungen, die es um der
Unbedingtheit seiner Herrschaft willen verleugnen muß und die
deren eigene sind. Ihrer müßte
das Subjekt sich entäußern. Vor-
aussetzung seiner Identität ist das Ende des Identitätszwangs.
Das erscheint einzig verzerrt in
der Existentialontologie. Nichts
aber ist geistig länger relevant, was nicht in die Zone der De-
personalisierung und ihrer Dialektik eindränge; Schizophrenie
die geschichtsphilosophische Wahrheit übers Subjekt. Unvermerkt
wird bei Heidegger jene Zone, die er streift, zum Gleichnis der
Allgemeines und Individuum in der Moralphilosophie
alle vernünftigen Wesen gelte: ein Indifferenzpunkt von Kants
Philosophie. Ward der Begriff der Allgemeinheit an der Vielheit
der Subjekte gewonnen und dann zur logischen Objektivität der
Vernunft verselbständigt, in der alle einzelnen Subjekte und dem
Schein nach Subjektivität als solche verschwinden, so möchte
Kant auf dem schmalen Grat zwischen logischem Absolutismus
und empirischer Allgültigkeit zurück zu jenem Seienden, das die
Konsequenzlogik des Systems zuvor verbannte. Darin konver-
giert die antipsychologische Moralphilosophie mit späteren
psychologischen Funden. Indem die Psychologie das Überich als
verinnerlichte gesellschaftliche Norm enthüllt, durchbricht sie
ihre monadologischen Schranken. Diese sind ihrerseits gesell-
schaftlich produziert. Seine Objektivität den Menschen gegenüber
zieht das Gewissen aus der der Gese
llschaft, in der und durch welche
sie leben und die bis in den Kern ihrer Individuation hineinreicht.
Ungeschieden sind in solcher Objektivität die antagonistischen
Allgemeines und Individuum in der Moralphilosophie277
Die Gesellschaft, die gegen das Individuum unrecht hat in ihrem
allgemeinen Anspruch, hat gegen es auch recht, insofern im Indi-
viduum das gesellschaftliche Prinzip unreflektierter Selbstbehaup-
tung, selber das schlecht Allgem
eine, hypostasiert wird. Die Ge-
sellschaft mißt es Maß für Maß. Der Satz des späten Kant, die
Freiheit eines jeden Menschen müsse nur insoweit eingeschränkt
werden, wie sie die Freiheit eine
s anderen beeinträchtigt*, chif-
friert einen versöhnten Zustand, der nicht nur über dem schlecht
Allgemeinen, dem Zwangsmechan
ismus der Gesellschaft wäre,
sondern auch über dem verstockten Individuum, in welchem
jener Zwangsmechanismus mikrokosmisch sich wiederholt. Die
Frage nach der Freiheit erheischt kein Ja oder Nein sondern
Theorie, die wie über die bestehende Gesellschaft so über die be-
stehende Individualität sich erhebt. Anstatt die verinnerlichte
manifestiert sich in den Klagen über Vereinzelung nicht weniger
* »Eine jede Handlung ist recht, die oder nach deren Maxime die Freiheit
der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Ge-
Allgemeines und Individuum in der Moralphilosophie
als die wahrhaft unerträgliche Kä
lte, die mit dem sich expandie-
renden Tauschverhältnis über alles sich verbreitet, und die im
autoritären, gegen die Bedürfnisse der Subjekte rücksichtslosen
Regiment der angeblichen Volksdemokratien prolongiert wird.
Daß in einem Verein freier Menschen diese dauernd sich zusam-
menrotten müßten, gehört in den Vorstellungskreis von Umzügen,
von Marschieren, Fahnenschwenken, Festansprachen von Führern.
Sie gedeihen nur so lange, wie
die Gesellschaft irrational ihre
Zwangsmitglieder zusammenkitten wi
ll; objektiv bedarf es ihrer
nicht. Kollektivismus und Individualismus ergänzen einander im
Falschen. Gegen beides protestierte die spekulative Geschichts-
Zum Stand von Freiheit
ken, Verhalten und, mit dem sc
hmählichsten Terminus, von �Wert
übrig ist, wie sie als Unfreie es begehren. Das Lamento über den
Mangel an Bindung hat zur Substanz eine Verfassung der Gesell-
schaft, die Freiheit vorgaukelt, oh
ne sie zu verwirklichen. Frei-
heit existiert nur, blaß genug,
im Überbau; ihr perennierendes
Mißlingen lenkt die Sehnsucht ab
auf die Unfreiheit. Wahrschein-
lich ist die Frage nach dem Sinn des Daseins insgesamt Ausdruck
jenes Mißverhältnisses.
Schwarz verhängt sich der Horizont eines Standes von Freiheit,
darin es keiner Repression und keiner Moral mehr bedürfte, weil
der Trieb nicht länger zerstörend sich äußern müßte. Moralische
Fragen stellen sich bündig, nicht in ihrer widerlichen Parodie,
der sexuellen Unterdrückung, sondern in Sätzen wie: Es soll nicht
gefoltert werden; es sollen kein
e Konzentrationslager sein, wäh-
rend all das in Afrika und Asien fortwährt und nur verdrängt
Zum Stand von Freiheit
risierten theoretischen Bewußtsein, das durchschaut, warum es
gleichwohl unabsehbar weitergeht. Dieser Widerspruch allein ist,
angesichts der realen Ohnmacht aller Einzelnen, der Schauplatz
von Moral heute. Spontan wird Bewußtsein so weit reagieren, wie
es das Schlechte erkennt, ohne mit der Erkenntnis sich zu befrie-
digen. Die Inkompatibilität jede
s allgemein moralischen Urteils
mit der psychologischen Determination, die doch von dem Urteil,
dies sei das Böse, nicht dispensier
t, entspringt nicht in mangeln-
der Folgerichtigkeit des Denkens, sondern im objektiven Ant-
agonismus. Fritz Bauer hat bemerkt, daß dieselben Typen, die mit
hundert faulen Argumenten den Freispruch der Schinder von
Auschwitz verlangen, Freunde der Wiedereinführung der Todes-
strafe seien. Darin konzentriert sich der jüngste Stand der mora-
lischen Dialektik: der Freispruch wäre das nackte Unrecht, die
gerechte Sühne würde von dem Prinzip zuschlagender Gewalt
sich anstecken lassen, dem zu widerstehen allein Humanität
ist. Benjamins Satz, der Vollzug der Todesstrafe könne mora-
lisch sein, niemals ihre Legitimierung, prophezeit diese Dia-
lektik. Hätte man die Chargierten
der Folter samt ihren Auftrag-
gebern und deren hochmögenden Gönnern sogleich erschossen, so
wäre es moralischer gewesen, als einigen von ihnen den Prozeß
zu machen. Daß ihnen zu fliehen, zwanzig Jahre sich zu verstek-
ken gelang, verändert qualitativ die damals versäumte Gerech-
tigkeit. Sobald gegen sie eine
Justizmaschine mit Strafprozeß-
ordnung, Talar und verständnisvollen Verteidigern mobilisiert
werden muß, ist die Gerechtigkeit, ohnehin keiner Sanktion
fähig, die der begangenen Untat gerecht würde, schon falsch,
kompromittiert vom gleichen Prinzip, nach dem die Mörder ein-
mal handelten. Die Faschisten sind klug genug, solchen objekti-
ven Wähnsinn mit ihre
r teuflisch irren Ver
nunft auszuschlachten.
Der geschichtliche Grund der Aporie ist, daß in Deutschland die
Revolution gegen die Faschisten scheiterte, vielmehr daß es 1944
keine revolutionäre Massenbewegung gab. Der Widerspruch,
Intelligibler Charakter bei Kant
Intelligibler Charakter bei Kant
Vermittlung zur Empirie konzipierte Lehre vom intelligiblen
Charakter ein, so war objektiv eines der stärksten Motive, daß der
Wille nicht als Seiendes aus de
n Phänomenen erschlossen, auch
nicht durch ihre begriffliche Synthesis definiert werden könne,
sondern als ihre Bedingung vorausgesetzt werden müsse, mit den
Unzuträglichkeiten eines naiven Realismus der Innerlichkeit, die
er, an anderen Hypostasen von Seelischem, im Paralogismus-
kapitel zerstörte. Der Nachweis, der Charakter gehe weder in
Natur auf noch sei er ihr absolut transzendent, wie es übrigens
sein Begriff dialektisch implizie
rt, soll die prekäre Vermittlung
besorgen. Motivationen aber, ohne die keine solche Vermittlung
wäre, haben ihr psychologisches Moment, während die des mensch-
lichen Willens Kant zufolge »niemals etwas anderes als das mora-
Intelligibler Charakter bei Kant
diese unmöglich wäre und damit die Moral. Er muß verzweifelt
um das sich bemühen, was der Grundriß des Systems verhindert.
Zustatten kommt ihm dabei, daß, gegenüber dem Kausalauto-
matismus der physischen wie der psychischen Natur, Vernunft
einzugreifen, einen neuen Nexus zu stiften vermag. Läßt er sich
in der ausgeführten Moralphiloso
phie dazu herbei, nicht länger
das intelligible Reich, säkularisi
ert zur reinen praktischen Ver-
nunft, als absolut Verschiedenes zu denken, so ist das, angesichts
jenes konstatierbaren Influxus der Vernunft, keineswegs das
Wunder, als welches es nach dem abstrakten Verhältnis der Kan-
tischen Grundthesen zueinander
sich darstellt. Daß Vernunft
ein anderes als Natur und doch ein Moment von dieser sei, ist
ihre zu ihrer immanenten Bestimmung gewordene Vorgeschichte.
Naturhaft ist sie als die zu Zwecken der Selbsterhaltung abge-
zweigte psychische Kraft; einmal aber abgespalten und der Natur
kontrastiert, wird sie auch zu deren Anderem. Dieser ephemer
entragend, ist Vernunft mit Natur identisch und nichtidentisch,
dialektisch ihrem eigenen Begrif
f nach. Je hemmungsloser jedoch
die Vernunft in jener Dialektik sich zum absoluten Gegensatz
der Natur macht und an diese in
sich selbst vergißt, desto mehr
regrediert sie, verwilderte Selbsterhaltung, auf Natur; einzig
als deren Reflexion wäre Vernunft Ubernatur. Keine interpre-
tative Kunst vermöchte die imma
nenten Widersprüche der Be-
stimmungen des intelligiblen Ch
arakters zu beseitigen. Kant
schweigt darüber sich aus, was er sei, wie er von sich aus auf den
empirischen einwirke; ob er nich
ts als der reine Akt von dessen
Setzung sein soll oder neben jenem fortwähren, wie es zwar er-
klügelt klingt, aber nicht ohne Plausibilität für die Selbsterfah-
rung ist. Er begnügt sich mit der Beschreibung, wie jene Einwir-
kung in der Empirie erscheint. Wird der intelligible Charakter,
wozu das Wort veranlaßt, durchaus x
P^ vorgestellt, so ist über-
haupt von ihm zu reden so unmöglich wie über das Ding an sich,
dem Kant den intelligiblen Charakter kryptisch genug, in höchst
Intelligibler Charakter bei Kant
wirkte, würde es Moment der ph
änomenalen Welt und unterläge
deren Bestimmungen, also der Kausalität. Der traditionelle Logi-
ker Kant dürfte niemals damit sich abfinden, daß derselbe Begriff
der Kausalität sowohl unterstände wie nicht unterstände*
Wäre
aber der intelligible Charakter nicht mehr
so wäre er nicht
länger intelligibel sondern, im Si
nn des Kantischen Dualismus,
kontaminiert mit dem mundus sensibilis und widerspräche sich
wo Menschen von Kindheit auf, selbst unter einer Erziehung, die
mit der ihrigen zugleich andern ersprießlich war, dennoch so
frühe Bosheit zeigen und so bis in ihre Mannesjahre zu steigen
fortfahren, daß man sie für geborne Bösewichter und gänzlich,
was die Denkungsart betrifft, für
unverbesserlich hält, gleichwohl
Intelligibler Charakter bei Kant
Verbrechen eben so als Schuld verweiset, ja sie (die Kinder) selbst
Intelligibles und Bewußtseinseinheit
der theoretischen, dem Ichprinzip, das ebenso theoretisch Einheit
Intelligibles und Bewußtseinseinheit
ken Mann übrigließ. Die formale Leistung der Integration, a
priori keineswegs formal sondern inhaltlich, die sedimentierte
Beherrschung der inneren Natur,
usurpiert den Rang des Guten.
Je mehr einer Persönlichkeit sei, wird suggeriert, desto besser sei
er, unbekümmert um die Fragwürdigkeit des Man-selber-Seins.
Große Romane des achtzehnten Jahrhunderts waren darin noch
argwöhnisch. Fieldings Tom Jones, das Findelkind, ein im psy-
chologischen Sinn »triebhafter Charakter«, steht für den von
Konvention unverstümmelten Menschen ein und wird zugleich
Intelligibles und Bewußtseinseinheit
geht: der faktische Inhalt und di
e Vermittlung, das Prinzip seines
Zusammenhangs. Durch äußerste Abstraktion verschafft sich, im
Indifferenzbegriff der Persönlichkeit, der nach traditionell-logi-
scher Argumentationsweise tabuierte, aber desto realere dialek-
tische Sachverhalt sein Recht, daß in der antagonistischen Welt
die einzelnen Subjekte auch in sich antagonistisch sind, frei und
unfrei. In der Nacht der Indifferenz fällt das karge Licht auf die
Freiheit als die Persönlichkeit an
sich, ein protestantisch Inner-
liches, noch sich selbst Entrücktes. Das Subjekt wird, nach Schil-
lers Kernspruch, gerechtfertigt durch das, was es ist, nicht durch
das, was es tut, wie einst der Lutheraner durch den Glauben, nicht
die Werke. Die unfreiwillige Irrationalität des Kantischen intelli-
giblen Charakters, seine vom
System erzwungene Unbestimm-
barkeit, säkularisiert stillschweigend die ausdrückliche theologi-
sche Lehre von der Irrationalität der Gnadenwahl. Diese wird
allerdings, konserviert in fort
schreitender Aufklärung, immer
Intelligibles und Bewußtseinseinheit
bei. Irreduktibel daseiend, verdoppelt der intelligible Charakter
im Begriff jene zweite Natur, als welche die Gesellschaft ohnehin
die Charaktere ihrer sämtlichen
Angehörigen stanzt. Übersetzt
transzendieren wollte. Die Kategorien
edel und gemein sind, wie alle der bürgerlichen Freiheitslehre,
mit familialen, mit Naturverhältnissen verwachsen. In der spät-
bürgerlichen Gesellschaft bricht ihre Naturwüchsigkeit nochmals
Wahrheitsgehalt der Lehre vom Intelligibeln
bedient sich einer gehässig antisemitischen These, die durch den
Nationalsozialisten Paul Schultze-Naumburg populär wurde*.
Freiheit ist real begrenzt durch Gesellschaft, nicht nur von außen
sondern in sich selbst. Sobald sie von sich Gebrauch macht, ver-
mehrt sie die Unfreiheit; der Statthalter des Besseren ist immer
auch Komplize des Schlechteren. Noch wo die Menschen am ehe-
sten frei von der Gesellschaft sich
fühlen, in der Stärke ihres Ichs,
sind sie zugleich deren Agenten: das Ichprinzip ist ihnen von der
Gesellschaft eingepflanzt, und sie honoriert es, obwohl sie es ein-
die Eröffnung ihrer gütigen Gesinnungen gegen mich, die mir sammt Ih-
rem schönen Geschenk den Tag nach meinem Geburtstage richtig zu Händen
gekommen sind! Das von Hrn Loewe, einem jüdischen Maler, ohne meine
Einwilligung ausgefertigte Portrait, soll, wie meine Freunde sagen, zwar
einen Grad Ähnlichkeit mit mir haben,
aber ein guter Kenner von Mahlereyen
sagte beym ersten Anblick: ein Jude mahlt immer wiederum einen Juden;
Wahrheitsgehalt der Lehre vom Intelligibeln
nicht länger verkehrte Wesen, weigert sich einer Sprache, welche
die Stigmata des Seienden trägt: Theologie redete einmal vom
mystischen Namen. Die Trennung
des intelligiblen vom empi-
rischen Charakter aber wird erfahren an dem äonenalten Block,
Rücksicht aller erdenklichen Art,
vielfach subaltern irrationale
Interessen der Subjekte falscher
Gesellschaft; generell das Prin-
zip des partikularen Eigeninteresses, das jedem Individuum ohne
Ausnahme in der Gesellschaft, wie sie ist, sein Handeln vor-
schreibt und der Tod aller ist. Nach innen verlängert sich der
Block in den borniert ichlichen Strebungen, dann in den Neu-
rosen. Diese absorbieren, wie man weiß, ein unmäßiges Quantum
verfügbarer menschlicher Kraft und verhindern, auf der Linie
des geringsten Widerstandes, mit der Schlauheit des Unbewußten
jenes Richtige, das unweigerlich
der befangenen Selbsterhaltung
widerspricht. Dabei haben die Neur
osen es um so leichter, kön-
nen um so besser sich rationalisieren, als das selbsterhaltende
Prinzip in einem Stand der Freiheit ebenso zu dem Seinen kom-
men müßte wie die Interessen der an
deren, die es a priori schä-
digt. Neurosen sind Stützen der G
esellschaft; sie vereiteln bessere
Möglichkeiten der Menschen und damit das objektiv Bessere, das
die Menschen herbeiführen könnten. Die Instinkte, die über den
falschen Zustand hinausdrängen, stauen sie tendenziell auf den
Narzißmus zurück, der im falschen
Zustand sich befriedigt. Das
ist ein Scharnier im Mechanismus des Bösen: Schwäche, die sich
womöglich als Stärke verkennt. Am Ende wäre der intelligible
Charakter der gelähmte vernünftige Wille. Was dagegen an ihm
für das Höhere, Sublimere, vom
Niedrigen Unverschandelte gilt,
ist wesentlich seine eigene Bedürftigkeit, die Unfähigkeit, das Er-
niedrigende zu verändern; Versagung, die sich zum Selbstzweck
stilisiert. Gleichwohl ist nichts Besseres unter den Menschen als
jener Charakter; die Möglichkeit, ein anderer zu sein, als man ist,
während doch alle in ihrem Selbst
eingesperrt sind und dadurch
abgesperrt noch von ihrem Selbst. Der eklatante Mangel der
Kantischen Lehre, das sich Entziehende, Abstrakte des intelli-
giblen Charakters, hat auch etwas von der Wahrheit des Bilder-
verbots, welches die nach-Kantische Philosophie, Marx inbegrif-
fen, auf alle Begriffe vom Positiven ausdehnte. Als Möglichkeit
Wahrheitsgehalt der Lehre vom Intelligibeln
des Subjekts ist der intelligible Charakter wie die Freiheit ein
Werdendes, kein Seiendes. Er wäre verraten, sobald er dem Sei-
enden durch Deskription, auch die vorsichtigste, einverleibt
würde. Im richtigen Zustand wäre alles, wie in dem jüdischen
Theologumenon, nur um ein Geringes anders als es ist, aber nicht
das Geringste läßt so sich vorstellen, wie es dann wäre. Trotzdem
ist vom intelligiblen Charakter nur insofern zu reden, wie er nicht
abstrakt und ohnmächtig über dem Seienden schwebt, sondern
in dessen schuldhaftem Zusammenhang, und von ihm gezeitigt,
Weltgeist und Naturgeschichte
Exkurs zu Hegel
Wogegen der durch seine Gesundheit erkrankte Menschenverstand
am empfindlichsten sich sträubt, die Vormacht eines Objektiven
über die einzelnen Menschen, in ihrem Zusammenleben so wie in
ihrem Bewußtsein, das läßt täglich kraß sich erfahren. Man ver-
drängt jene Vormacht als grundlose Spekulation, damit die Ein-
zelnen die schmeichelhafte Täuschung, ihre mittlerweile standar-
disierten Vorstellungen wären di
e im doppelten Sinn unbedingte
Wahrheit, bewahren können vor dem Verdacht, es sei nicht so und
sie lebten unterm Verhängnis. In einer Epoche, die das System
des objektiven Idealismus so erleichtert abschüttelte wie die
objektive Wertlehre der Ökonomie, sind Theoreme erst recht
aktuell, mit denen ein Geist nichts anfangen zu können behaup-
Zutat des einteilenden Forschers
sind Jener Satz aus den Anfangserwägungen der Hegeischen
Logik, es gebe nichts in der Welt, was nicht ebenso vermittelt wie
Tendenz und Fakten
unmittelbar sei, überdauert nirgendwo präziser als in den Fak-
ten, auf welche die Geschichtsschreibung pocht. "Wohl wäre es
töricht, mit erkenntniskritischer
Finesse wegzudisputieren, daß,
wenn unterm Hitlerschen Faschi
smus bei einem Abweichenden
um sechs Uhr morgens die Staatspo
Tendenz und Fakten295
Vergangenheit war die Vormacht
der Tendenz an den Fakten
selbst abzulesen. Spezifisch mil
itärische Akte wie die Bomben-
angriffe auf Deutschland fungiert
en als slum Clearing, nachträg-
lich jener Veränderung der Städte
integriert, die längst nicht
mehr nur in Nordamerika, sondern auf der ganzen Erde sich
beobachten läßt. Oder: die Kräftigung der Familie in den Not-
standssituationen der Flüchtling
e hielt zwar die antifamiliale
Entwicklungstendenz temporär auf, schwerlich aber den Trend;
die Zahl der Scheidungen und die der unvollständigen Familien
nahm zunächst auch in Deutschland weiter zu. Selbst die Kon-
quistadorenüberfälle auf das alte Mexiko und Peru, die dort
müssen erfahren worden sein wi
e Invasionen von einem anderen
Zur Konstruktion des Weltgeistes
Spielart, keine philosophische Position, auf einer Musterkarte
auszuwählen unter anderen. Wie die Kritik der angeblich ersten
philosophischen Begriffe zur Dialektik treibt, so wird sie von
unten her gefordert. Nur die gewalttätig auf einen bornierten
Begriff von sich selbst zurechtgestutzte Erfahrung schließt den
emphatischen Begriff, als selbständiges, wenngleich vermitteltes
Moment, von sich aus. Kann gegen Hegel eingewandt werden,
der absolute Idealismus schlage als Deifizierung dessen, was ist,
um in eben den Positivismus, den er als Reflexionsphilosophie
attackierte, so wäre umgekehrt die heute fällige Dialektik nicht
nur Anklage des herrschenden Bewußtseins sondern auch ihm ge-
wachsen, der zu sich selbst gebrachte, dadurch freilich sich negie-
Zur Konstruktion des Weltgeistes
Subjekten dieser Handlungen. Er ist über den Köpfen durch jene
hindurch und insofern vorweg antagonistisch. Der Refiexions-
begriff Weltgeist desinteressiert sich an den Lebendigen, deren
das Ganze, dessen Primat er ausdrückt, ebenso bedarf, wie sie
nur vermöge jenes Ganzen existieren können. Solche Hypostasis
war, handfest nominalistisch,
mit dem Marxischen Terminus
»mystifiziert« gemeint. Die demontierte Mystifikation wäre aber
auch nach jener Theorie nicht nur Ideologie. Ebenso ist sie das
verzerrte Bewußtsein von der re
alen Vormacht des Ganzen. Sie
»Mit dem Weltgeist sein«
Mechanismus, worin er nur ein Triebrad ist. Außerdem macht
die Entwicklung der kapitalistischen Produktion eine fortwäh-
rende Steigerung des in einem
industriellen Unternehmen ange-
legten Kapitals zur Notwendigkeit, und die Konkurrenz herrscht
jedem individuellen Kapitaliste
t Schopenhauers Zweifel daran,
daß der Wille zum Leben zu bejahen sei. Wohl aber ruhte auf
dem, womit der Weltgeist war, zuzeiten auch der Abglanz eines
Glücks weit über das individuelle Unglück hinaus: so im Ver-
hältnis der geistigen Einzelbegabung zum geschichtlichen Stand.
Ist der individuelle Geist nicht, wie es der vulgären Trennung
von Individuum und Allgemeine
m gefällt, vom Allgemeinen
�beeinflußt, sondern in sich durch die Objektivität vermittelt,
so kann diese dem Subjekt nicht immer nur feindlich sein; die
Konstellation verändert sich in der geschichtlichen Dynamik. In
Phasen, da der Weltgeist, die Totalität sich verfinstert, ist es selbst
Ober Entfesselung der Produktivkräfte299
bedeutend Angelegten versagt, zu werden, was sie sind; in gün-
stigen wie der Periode während und unmittelbar nach der Fran-
zösischen Revolution wurden Mittlere hoch über sich hinausgetra-
gen. Noch dem individuellen Untergang des Individuums, das mit
dem Weltgeist ist, gerade weil es seiner Zeit vorauseilt, gesellt sich
zuweilen das Bewußtsein des nicht Vergeblichen. Unwidersteh-
Ober Entfesselung der Produktivkräfte
jedoch darüber hinaus das heute universale Tabu überm Zweifel
an Produktion als Selbstzweck.
Zuzeiten werden die technischen
Produktivkräfte gesellschaftlich kaum gehemmt, arbeiten aber
in fixierten Produktionsverhältnissen ohne viel Einfluß auf diese.
Sobald die Entfesselung der Kräfte von den tragenden Beziehun-
gen zwischen den Menschen sich sondert, wird sie nicht weniger
Gruppengeist und Herrschaft
Die juridische Sphäre
stischen Gesellschaft, am dringendsten bedurfte. Recht ist das Ur-
phänomen irrationaler Rationalität. In ihm wird das formale
Äquivalenzprinzip zur Norm, Versteck der Ungleichheit des Glei-
chen, in dem die Differenzen untergehen; nachlebender Mythos
inmitten einer nur zum Schein entmythologisierten Menschheit.
Die Rechtsnormen schneiden das nicht Gedeckte, jede nicht prä-
formierte Erfahrung des Spezifischen um bruchloser Syste-
matik willen ab und erheben dann die instrumentale Ratio-
nalität zu einer zweiten Wirklichke
it sui generis. Das juristische
Gesamtbereich ist eines von Definitionen. Seine Systematik gebie-
tet, daß nichts in es eingehe,
was deren geschlossenem Umkreis
sich entziehe, quod non est in actis. Dies Gehege, ideologisch an
sich selbst, wird durch die Sanktion des Rechts als gesellschaft-
die Hegel als eine vermeintlich su
bjektiver Befangenheit entwirft:
»Daß Recht und Sittlichkeit, und die wirkliche Welt des Rechts
und des Sittlichen sich durch den Gedanken erfaßt, durch Gedan-
ken sich die Form der Vernünftigkeit, nämlich Allgemeinheit und
Recht und Billigkeit303
der Billigkeit,
das gegen die abstrakte Rechtsnorm angemeldet. Je konsequenter
weil sie vermöge ihrer konstitutiven Abstraktion von den Einzel-
interessen sich entfernt, aus denen sie zugleich doch sich zusam-
Recht und Billigkeit
den Glauben, den die individualistische Gesellschaft ihnen ein-
pflanzt: sie, die Einzelnen, se
ien das Substantielle. Damit das
verwechseln. Solche subjektive Illusion ist ob-
jektiv verursacht: nur durch das Prinzip der individuellen Selbst-
erhaltung hindurch, mit all ihrer Engstirnigkeit, funktioniert
Individualistischer Schleier
das Ganze. Es nötigt jeden Einzelnen dazu, einzig auf sich zu
blicken, beeinträchtigt seine Einsicht in die Objektivität, und
schlägt darum objektiv erst recht zum Übel an. Nominalistisches
Bewußtsein reflektiert ein Ganzes, das vermöge der Partikularität
und ihrer Verstocktheit fortlebt; buchstäblich Ideologie, gesell-
schaftlich notwendiger Schein. Das allgemeine Prinzip ist das der
Vereinzelung. Sie dünkt sich das unbezweifelbar Gewisse, verhext
darauf, um den Preis ihres Daseins nicht dessen innezuwerden,
wie sehr sie ein Vermitteltes sei.
Daher die populäre Verbreitung
des philosophischen Nominalismus. Je individuelles Dasein soll
den Vorrang haben vor seinem Be
griff; Geist, das Bewußtsein
von Individuen, soll nur in Individuen sein und nicht ebenso das
Oberindividuelle, das in ihnen sich synthesiert und wodurch
allein sie denken. Verbissen sperren die Monaden sich ihrer realen
Gattungsabhängigkeit ebenso wie dem kollektiven Aspekt all
ihrer Bewußtseinsformen und -inhalte: der Formen, die selbst
jenes Allgemeine sind, das de
Dynamik von Allgemeinem und Besonderem
auch war. Woran der Nominalismus sich klammert als an seinen
sichersten Besitz, ist Utopie: daher sein Haß gegen utopisches
Denken, das der Differenz vom Bestehenden. Der Wissenschafts-
Geist als gesellschaftliche Totalität
Geist als gesellschaftliche Totalität
darüber. Ihr Inbegriff ist zuglei
ch ihr Anderes; von dieser Dia-
lektik blickt die Hegesche geflissentlich weg. Soweit die Einzelnen
des Vorrangs der Einheit über si
e irgend gewahr werden, spiegelt
er ihnen sich als das Ansichsein des Allgemeinen zurück, auf wel-
ches sie tatsächlich stoßen: noch bis in ihr Innerstes wird es ihnen
angetan, sogar wo sie selbst es sich antun. Die Sentenz
daß die Wesensart, als solche immer durchs All-
gemeine gemodelt, dem Menschen Schicksal sei, hat mehr Wahr-
heit als die eines charakterologischen Determinismus; das Allge-
meine, durch welches jeder Einzelne sich überhaupt als Einheit
seiner Besonderung bestimmt, ist dem ihm Auswendigen entlehnt
und darum dem Einzelnen auch so heteronom, wie nur, was
einst Dämonen über ihn sollten verhängt haben. Die Ideologie
vom Ansichsein der Idee ist so mächtig, weil sie die Wahrheit ist,
aber sie ist die negative; Ideologie wird sie durch ihre affirmative
Umwendung. Sind die Menschen einmal über die Vormacht des
Allgemeinen belehrt, so ist es ihnen fast unumgänglich, sie als
das Höhere, das sie beschwichtigen müssen, zum Geist zu trans-
figurieren. Zwang wird ihnen zu
m Sinn. Nicht ohne allen Grund:
denn das abstrakt Allgemeine des Ganzen, das den Zwang aus-
übt, ist verschwistert der Allgemeinheit des Denkens, dem Geist.
Das erlaubt es diesem in seinem Träger wiederum, sich auf jene
Allgemeinheit zurückzuprojizieren, als wäre er in dieser ver-
wirklicht und hätte für sich seine eigene Wirklichkeit. Im Geist
ist Einstimmigkeit des Allgemeinen Subjekt geworden, und All-
gemeinheit behauptet in der Gese
llschaft sich nur durchs Medium
des Geistes, die abstrahierende Op
eration, die er höchst real voll-
zieht. Beides konvergiert im Tausch, einem zugleich subjektiv
Gedachten und objektiv Geltenden, worin doch die Objektivität
Antagonistische Vernunft der Geschichte
ehrung ist keine pure Begriffsmythologie: sie zollt den Dank
dafür, daß in den entwickelteren
geschichtlichen Phasen alle Ein-
zelnen lebten nur vermittels jener gesellschaftlichen Einheit, die
in ihnen nicht aufging und die je länger je mehr ihrem Ver-
hängnis sich annähert. Wird ihnen heute, ohne daß sie es merk-
ten, ihre Existenz buchstäblich von den großen Monopolen und
Mächten widerruflich zugeteilt, so kommt zu sich selber, was der
nachdrückliche Begriff von Gesellschaft teleologisch von je in
sich hatte. Die Ideologie verselbständigte den Weltgeist, weil er
potentiell schon verselbständigt war. Der Kultus seiner Kate-
angekreidet: sie sei jene Spitze des spe-
kulativen Idealismus, die angesich
ts der Unkonstruierbarkeit der
Empirie abbrechen müsse. Gerade jene Konstruktion jedoch war
realitätsgerecht. Das Zug um Zug der Geschichte ebenso wie das
zur Totalität fortschreitende Äqui
valenzprinzip des gesellschaft-
lichen Verhältnisses zwischen den Einzelsubjekten verläuft nach
der Logizität, die Hegel vorgeblich in sie bloß hineininterpretiert.
Nur ist diese Logizität, der Primat des Allgemeinen in der
Dialektik von Allgemeinem und Besonderem, index falsi. So
wenig wie Freiheit, Individualität, all das, was Hegel mit
dem Allgemeinen in Identität setzt, ist auch jene Identität. In
der Totale des Allgemeinen spricht dessen eigenes Mißlingen sich
aus. Was kein Partikulares erträgt, verrät damit sich selber als
Antagonistische Vernunft der Geschichte
gesellschaftlich Totalen ist der ra
tio nicht äußerlich, nicht ledig-
vorgibt. In der Allgemeinheit de
r ratio, welche die Bedürftigkeit
alles Besonderen, sein Angewiesensein aufs Ganze ratifiziert, ent-
Antagonistische Vernunft der Geschichte
Universalhistorie
materialistischen Umwendung der Di
alektik fiel auf die Einsicht
in die Diskontinuität des von keiner Einheit des Geistes und
Begriffs tröstlich Zusammengeh
altenen der schwerste Akzent.
Diskontinuität jedoch und Universalgeschichte sind zusammen-
zudenken. Diese als Residuum metaphysischen Aberglaubens
durchstreichen, würde geistig ebenso bloße Faktizität als das ein-
zig zu Erkennende und darum zu Akzeptierende befestigen, wie
vordem die Souveränität, welche die Fakten dem totalen Vor-
marsch des Einen Geistes einordnete, sie als dessen Äußerungen
bestätigte. Universalgeschichte ist zu konstruieren und zu leugnen.
Die Behauptung eines in der Geschichte sich manifestierenden
und sie zusammenfassenden Weltplans zum Besseren wäre nach
den Katastrophen und im Angesicht der künftigen zynisch. Nicht
aber ist darum die Einheit zu verleugnen, welche die diskonti-
nuierlichen, chaotisch zersplitterten Momente und Phasen der
Geschichte zusammenschweißt, die von Naturbeherrschung, fort-
schreitend in die Herrschaft übe
r Menschen und schließlich die
über inwendige Natur. Keine Universalgeschichte führt vom
Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder
zur Megabombe. Sie endet in der totalen Drohung der organi-
sierten Menschheit gegen die organisierten Menschen, im Inbe-
Lebens. Was geschichtlich jene Möglichkeit schuf, kann sie ebenso-
wohl zerstören. Zu definieren wäre der Weltgeist, würdiger Ge-
genstand von Definition, als pe
rmanente Katastrophe. Unter
Antagonismus kontingent ?313
Identität nicht eingeht und der planenden Rationalität im Reich
der Mittel sich entzieht, zum Beängstigenden, Vergeltung für
jenes Unheil, das dem Nichtidentischen durch Identität wider-
fährt. Kaum anders wäre Geschichte philosophisch zu interpre-
tieren, ohne daß sie in Idee verzaubert würde.
Nicht müßig sind Spekulationen, ob der Antagonismus im Ur-
sprung menschlicher Gesellschaft, ein Stück prolongierter Natur-
geschichte, als Prinzip homo homini lupus ererbt oder erst
geworden sei; und ob er, wäre er schon entsprungen, aus den
Notwendigkeiten des Überlebens der Gattung folgte und nicht
gleichsam kontingent, aus archaischen Willkürakten von Macht-
ergreifung. Damit freilich fiele die Konstruktion des Weltgeistes
auseinander. Das geschichtlich Allgemeine, die Logik der Dinge,
die in der Notwendigkeit der Gesamttendenz sich zusammen-
Antagonismus kontingent ?
prozeß erzeuge die politischen He
rrschaftsverhältnisse und wälze
Befreiung vom Zwang der Wirt-
schaft. Die Intransigenz der Doktrin, zumal bei Engels, war je-
doch gerade ihrerseits politisch. Er und Marx wollten die Revo-
lution als eine der wirtschaftlichen Verhältnisse in der Gesell-
schaft als ganzer, in der Grundschicht ihrer Selbsterhaltung, nicht
als Änderung der Spielregeln von Herrschaft, ihrer politischen
Form. Die Spitze war gegen die Anarchisten gerichtet. Was Marx
und Engels dazu bewog, gleichsam noch den Sündenfall der
Menschheit, ihre Urgeschichte, in politische Ökonomie zu über-
Oberweltlidhkeit des Hegelsdien Weltgeists
oder des in seiner Partikularität aufgeblähten Geistes ihre Kraft.
Tangiert aber wird durch die Er
eignisse des zwanzigsten Jahr-
hunderts die Idee der geschichtlich
en Totalität als einer von kal-
kulabler ökonomischer Notwendigkeit. Nur wenn es anders
hätte werden können; wenn die Totalität, gesellschaftlich not-
wendiger Schein als Hypostasis des aus Einzelmenschen heraus-
gepreßten Allgemeinen, im Anspruch ihrer Absolutheit gebrochen
wird, wahrt sich das kritische gesellschaftliche Bewußtsein die
Freiheit des Gedankens, einmal könne es anders sein. Theorie
vermag die unmäßige Last der hi
storischen Nezessität zu bewe-
gen allein, wenn diese als der zur Wirklichkeit gewordene Schein
erkannt ist, die geschichtliche Determination als metaphysisch
zufällig. Solche Erkenntnis wird
von der Geschichtsmetaphysik
hintertrieben. Der heraufziehenden Katastrophe korrespondiert
eher die Vermutung einer irrationalen Katastrophe in den An-
fängen. Heute hat sich die vereitelte Möglichkeit des Anderen zu-
sammengezogen in die, trotz
allem die Katastrophe abzuwenden.
Von Hegel jedoch, dem der Gesc
hichts- und Rechtsphilosophie
zumal, wird historische Objektivität, so wie sie einmal wurde,
zur Transzendenz überhöht: »Diese allgemeine Substanz ist nicht
das Weltliche; das Weltliche strebt ohnmächtig dagegen. Kein In-
dividuum kann über diese Substanz hinaus; es kann sich wohl
von andern einzelnen Individuen unterscheiden, aber nicht von
dem Volksgeist.«
Danach wäre der Gegensatz zum »Welt-
lichen«, das über das besondere
Seiende unidentisch Verhängte
der Identität, überweltlich. Selbst
solche Ideologie hat ihr Gran
Überweltlichkeit des Hegelsdien Weltgeists
Wortes »geistreich« ist sie nicht zu überhören — beschreibt Hegel
das Verhältnis weit unter dem Niveau seiner eigenen Konzep-
tion. »Sich danach richten« wä
re buchstäblich bloß Anpassung.
Wie mit Geständniszwang dechiffr
iert er die von ihm gelehrte
affirmative Identität als fortbe
stehenden Bruch und postuliert
die Unterordnung des Schwächeren unter das Mächtigere. Euphe-
mismen wie der der Geschichtsph
ilosophie, daß im Gang der
Weltgeschichte »einzelne Individuen gekränkt worden sind«
rücken dem Bewußtsein der U
nversöhntheit, unfreiwillig, sehr
nahe, und die Fanfare »In der Pf
licht befreit das Individuum sich
zur substantiellen Freiheit«
, übrigens gesamtidealistisches deut-
sches Gedankengut, ist von ihrer Parodie in der Doktorszene
aus Büchners Woyzek schon nich
t mehr zu unterscheiden. Hegel
legt der Philosophie in den Mund, »daß keine Gewalt über die
Macht des Guten, Gottes, geht, die ihn hindert, sich geltend zu
machen, daß Gott Recht behält, daß die Weltgeschichte nichts
anderes darstellt als den Plan der Vorsehung. Gott regiert die
Welt; der Inhalt seiner Regierung, die Vollführung seines Plans
ist die Weltgeschichte, diesen zu
fassen ist die Philosophie der
Weltgeschichte, und ihre Voraussetzung ist, daß das Ideal sidi
vollbringt, daß nur das Wirklichkeit hat, was der Idee gemäß
ist«.
Der Weltgeist scheint arg listig am Werk gewesen zu sein,
wenn Hegel dabei, gleichwie zur Krönung seiner Erbauungs-
predigt, ein Wort von Arnold Schönberg zu verwenden, Hei-
degger voräfft: »Denn die Vernunft ist das Vernehmen des gött-
lichen Werkes.«
Der omnipotente Gedanke muß abdanken und
als bloßes Vernehmen sich willfährig machen. Hegel mobilisiert
griechische Vorstellungen diesseits der Erfahrung von Indi-
Überweltlichkeit des Hegeischen Weltgeists
des Spartanischen antezipiert er um hundert Jahre den Jargon
der Eigentlichkeit mit dem Ausdru
ck »in seiner Pflicht stehen«.
Er erniedrigt sich dazu, Opfern dekorativen Zuspruch zu spen-
den, ohne an die Substantialitä
t des Zustandes zu rühren, dessen
Opfer sie sind. Was da hinter seinen superioren Erklärungen
geistert, war vorher schon Kleing
eld im bürgerlichen Hausschatz
Schillers. Dieser läßt in der Glocke den Familienvater an der
Brandstätte seiner Habe nicht nur
zum Wanderstabe greifen, der
doch der Bettelstab ist, sondern verordnet ihm obendrein, er tue es
fröhlich; der Nation, die sonst nichtswürdig sei, erlegt er auf, ihr
Letztes an ihre Ehre auch noch freudig zu setzen. Der Terror
des Wohlgemuten verinnerlicht die contrainte sociale. Solche
Hegels Parteinahme fürs Allgemeine
des Individuellen abgetan ist. Nicht nur gegen Schopenhauer
sondern gegen Hegel selbst aber bleibt einzuwenden, daß das
Individuum, notwendige Erscheinung des Wesens, der objek-
tiven Tendenz, gegen diese wiederum recht hat, insofern es sie
mit ihrer Äußerlichkeit und Fe
hlbarkeit konfrontiert. Impli-
ziert wird das in Hegels Lehre von der Substantialität des Indi-
viduums »durch sich selbst«. Anstatt sie jedoch zu entwickeln,
verharrt er bei einem abstrakten Gegensatz von Allgemeinem
und Besonderem, der seiner eigenen Methode unerträglich sein
müßte.*
Gegen solche Trennung des Substantiellen und der Individualität
nicht weniger als gegen das be
fangen unmittelbare Bewußtsein
steht die Einsicht der Hegeischen Logik in die Einheit des Be-
sonderen und Allgemeinen, die ihm zuweilen für Identität gilt:
»Die Besonderheit aber ist als Allgemeinheit an und für sich
selbst, nicht durch Übergehen solche immanente Beziehung; sie
ist Totalität an ihr selbst, und einfache Bestimmtheit, wesentlich
Princip. Sie hat keine andere Bestimmtheit, als welche durch
das Allgemeine selbst gesetzt ist, und sich aus demselben folgen-
dermaßen ergiebt. Das Besondere ist das Allgemeine selbst, aber
es ist dessen Unterschied oder Beziehung auf ein Anderes, sein
Scheinen nach Außen; es ist aber kein Anderes vorhanden, wo-
von das Besondere unterschieden wäre, als das Allgemeine selbst. -
Das Allgemeine bestimmt sich, so ist es selbst das Besondere;
die Bestimmtheit ist ein Unterschied; es ist nur von sich selbst
* Unter den Positivisten hat Emile Durkheim die Hegelsche Entscheidung
fürs Allgemeine in der Lehre vom Kollektivgeist festgehalten und womöglich
übertrumpft, insofern sein Schema einer Dialektik von Allgemeinem und Be-
sonderem nicht einmal in abstracto mehr Platz zubilligt. In der Soziologie
der primitiven Religionen hat er inhaltlich erkannt, daß, worauf das Beson-
dere pocht, die Eigenschaft, ihm vom Allgemeinen angetan ward. Er hat eben-
so den Trug des Besonderen als bloße
r Mimesis ans Allgemeine wie die Ge-
walt designiert, die das Besondere überhaupt erst zu einem macht: »Le deuil
(qui s'exprime au cours de certaines cérémonies) n'est pas un mouvement na-
turel de la sensibilité privée, froissée par une perte cruelle; c'est un devoir
imposé par le groupe. On se lamente,
non pas simplement parce qu'on est
triste, mais parce qu'on est tenu de se lamenter. C'est une attitude rituelle
qu'on est obligé d'adopter par respect pour l'usage, mais qui est, dans une
large mesure, indépendante de l'état effectif des individus. Cette Obligation
est, d'ailleurs, sanctionnée par des peines ou mythiques ou sociales.« (Emile
Durkheim, Les formes élémentaires de la vie religieuse: Le Systeme totémique
en Australie, Paris 1912, Travaux
de l'Année sociologique, p. 568.)
Hegels Parteinahme fürs Allgemeine
unterschieden.«
Danach wäre das Besondere unmittelbar das
Allgemeine, weil es eine jegliche Bestimmung seiner Sonderheit
Hegels Parteinahme fürs Allgemeine
tiert das Allgemeine. Dieses wird nicht gestört.«
Bis heute ist es
nicht gestört worden. Dennoch sei, Hegel zufolge, auch das All-
gemeine nicht ohne jenes Besondere, das es bestimmt; als Losgelö-
stes. Allgemeines und nicht bestimmtes Besonderes bündig zu iden-
tifizieren, die Vermitteltheit beider Pole der Erkenntnis gleich-
zum
Sonst wird die absolute, ontologische Geltung der
Logik reiner Widerspruchslosigkeit stipuliert, welche der dialek-
tische Auf weis von »Momenten« durchbrochen hatte; letztlich die
Position eines absolut Ersten — des Begriffs —, dem das Faktum
sekundär sein soll, weil es nach idealistischer Tradition aus dem
Begriff »folge«. Während über Besonderes nichts ohne Bestimmt-
heit und damit ohne Allgemeinheit
prädiziert werden kann, geht
darin das Moment eines Besonderen, Opaken, auf welches jene
Prädikation sich bezieht und stützt, nicht unter. Sie erhält sich
inmitten der Konstellation, sonst liefe die Dialektik auf die Hy-
postasis der Vermittlung hinaus, ohne die Momente der Unmittel-
barkeit zu bewahren, wie Hegel umsichtig sonst es wollte.
Immanente Kritik der Dialektik sprengt den Hegeischen Idealis-
mus. Erkenntnis geht aufs Besondere, nicht aufs Allgemeine.
Ihren wahren Gegenstand sucht sie in der möglichen Bestimmung
der Differenz jenes Besonderen,
selbst von dem Allgemeinen, das
sie als gleichwohl Unabdingbares kritisiert. Wird aber die Ver-
mittlung des Allgemeinen durchs Besondere und des Besonderen
durchs Allgemeine auf die abstrakte Normalform von Ver-
mittlung schlechthin gebracht, so hat das Besondere dafür, bis
Rückfall in Platonismus
zu seiner autoritären Abfertigung in den materialen Teilen des
Hegeischen Systems, zu zahlen: »Was der Mensch thun müsse,
welches die Pflichten sind, die er zu erfüllen hat, um tugendhaft
zu seyn, ist in einem sittlichen Gemeinwesen leicht zu sagen - es
ist nichts Anderes von ihm zu thun, als was ihm in seinen Ver-
Rückfall in Platonismus
damit das Erfassen des Gegenwärtigen und Wirklichen, nicht das
Aufstellen eines Jenseitigen ist, das Gott weiß wo seyn sollte -
oder von dem man in der Ihat wohl zu sagen weiß, wo es ist,
nämlich in dem Irrthum eines einseitigen, leeren Raisonnirens ...
Wenn die Reflexion, das Gefühl
oder welche Gestalt das sub-
jektive Bewußtseyn habe, die Gegenwart für ein Eitles ansieht,
Entzeitlichung der Zeit323
Gedanken, der dagegen protestiert, als ephemer. Solcher Um-
schlag in Zeitlosigkeit ist der Hegeischen Dialektik und Ge-
schichtsphilosophie nicht äußerlich. Indem seine Version von Dia-
lektik auf die Zeit selbst sich er
streckt, wird diese ontologisiert,
aus einer subjektiven Form zu einer Struktur von Sein schlecht-
hin, selber einem Ewigen. Darauf gründen die Spekulationen
Hegels, welche die absolute Idee der Totalität der Vergängnis
alles Endlichen gleichsetzen. Sein Versuch, Zeit gleichsam zu
deduzieren und als ein nichts auße
rhalb seiner selbst Duldendes
zu verewigen, ist dieser Konzeption ebenso gemäß wie dem ab-
soluten Idealismus, der bei der Trennung von Zeit und Logik so
wenig sich bescheiden kann wie Kant bei der von Anschauung
und Verstand. Auch darin im übrigen war Hegel, Kritiker Kants,
dessen Exekutor. Wenn dieser die Zeit, als reine Anschauungs-
form und Bedingung alles Zeitlichen
, apriorisiert, ist sie ihrerseits
der Zeit enthoben.* Subjektiver und objektiver Idealismus stim-
men darin überein. Denn die Grund
schicht beider ist das Subjekt
als Begriff, bar seines zeitlichen Inhalts. Noch einmal wird der
actus purus, wie bei Aristoteles, zum Unbewegten. Die gesell-
schaftliche Parteiischkeit der Idealisten reicht hinab in die Konsti-
tuentien ihrer Systeme. Sie verhe
rrlichen Zeit als unzeitlich, Ge-
schichte als ewig aus Angst, daß sie beginne. Die Dialektik von
Zeit und Zeitlichem wird folgerecht für Hegel zu einer des Wesens
Entzeitlichung der Zeit
Entzeitlichung der Zeit
bei ihm Synthesis heißt, ist nicht einfach die aus der bestimmten
Negation herausspringende, schl
echterdings neue Qualität son-
haltliches Moment theoretisch zu
rekonstruieren versucht, das der
Abstraktion der Philosophie und
der kausal-mechanischen Na-
turwissenschaften geopfert war. Gleichwohl ist er so wenig wie
diese, positivistischer als seine
Polemik wußte, zu
m dialektischen
Begriff übergegangen; hat das dynamische Moment, aus degoüt
gegen die heraufziehende Verdinglichung des Bewußtseins, ver-
absolutiert, seinerseits gleichsam zu einer Form des Bewußtseins,
einer besonderen und privilegierten Erkenntnisweise gemacht, es,
wenn man will, zur Branche verdi
nglicht. Isoliert, wird die sub-
jektive Erlebniszeit samt ihrem Inhalt so zufällig und vermittelt
wie ihr Subjekt, und darum, angesi
Abbruch der Dialektik bei Hegel
konventionellen Verhärtung sich wiederherstellen soll, längst zur
Waffe der Konvention gegen das unerfaßte Leben, gegen die Spu-
ren eines nicht ganz domestiz
ierten Natürlichen geworden.
Die Hegeische Transposition des
Besonderen in die Besonderheit
folgt der Praxis einer Gesellschaft, die das Besondere bloß als
Kategorie toleriert, als Form der Suprematie des Allgemeinen.
Marx hat diesen Sachverhalt in von Hegel nicht abzusehender
"Weise designiert: »Die Auflösung aller Produkte und Tätigkei-
ten in Tauschwerte setzt voraus sowohl die Auflösung aller festen
persönlichen (historischen) Abhängigkeitsverhältnisse in der Pro-
duktion, als die allseitige Abhä
ngigkeit der Produzenten vonein-
ander. Die Produktion sowohl jedes Einzelnen ist abhängig von
der Produktion aller andern; als (auch) die Verwandlung seines
Produkts in Lebensmittel für ihn selbst abhängig geworden ist
von der Konsumtion aller andern. ... Diese wechselseitige Ab-
hängigkeit ausgedrückt in der beständigen Notwendigkeit des
Austauschs und in dem Tauschwert als allseitigem Vermittler. Die
Ökonomen drücken das so aus: Jeder verfolgt sein Privatinter-
esse; und dient dadurch, ohne es zu wollen und zu wissen, den
Privatinteressen aller, den allgemeinen Interessen. Der Witz
besteht nicht darin, daß, indem je
der sein Privatinteresse verfolgt,
die Gesamtheit der Privatinteressen, also das allgemeine Interesse
erreicht wird. Vielmehr könnte aus dieser abstrakten Phrase ge-
folgert werden, daß jeder wechselseitig die Geltendmachung des
Interesses der andern hemmt, und statt einer allgemeinen Affir-
mation, vielmehr eine allgemeine Negation aus diesem bellum
omnium contra omnes resultiert. Die Pointe liegt vielmehr darin,
daß das Privatinteresse selbst schon ein gesellschaftlich bestimmtes
Interesse ist und nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetz-
ten Bedingungen und mit den von ihr gegebnen Mitteln erreicht
werden kann; also an die Reproduktion dieser Bedingungen und
Mittel gebunden ist. Es ist das Interesse der Privaten; aber dessen
Inhalt, wie Form und Mittel der Verwirklichung, durch von allen
unabhängige gesellschaftliche Bedingungen gegeben.«
negative Vormacht des Begriffs erhellt, warum Hegel, dessen
Abbruch der Dialektik bei Hegel
seine objektive Substanz in den Individuen habe: »Die Individuen
sind unter die gesellschaftliche Produktion subsumiert, die als
ein Verhängnis außer ihnen existiert; aber die gesellschaftliche
Produktion ist nicht unter die Individuen subsumiert, die sie als
ihr gemeinsames Vermögen handhaben.«
Der reale Chorismos
nötigt Hegel dazu, wider seinen Willen die These von der Wirk-
lichkeit der Idee umzumodeln. Ohne daß die Theorie das konze-
dierte, enthält dazu die Rechtsphilosophie unmißverständliche
Sätze: »Bei der Idee des Staats muß man nicht besondere Staaten
vor Augen haben, nicht besondere Institutionen, man muß viel-
mehr die Idee, diesen wirklichen
heit dem Subjekt als dessen Negation antut. Beides klafft desto
sichtbarer auseinander, je konkreter das Subjekt mit der These
von der objektiven Substantialität des Sittlichen konfrontiert
wird. In Hegels später Konzeption von der Bildung ist diese
Abbruch der Dialektik bei Hegel
bloß noch wie ein dem Subjekt Feindliches beschrieben: »Die
Bildung ist daher in ihrer abso
luten Bestimmung die Befreiung
und die Arbeit der höheren Befr
eiung, nämlich der absolute
Durchgangspunkt zu der, nicht mehr unmittelbaren, natürlichen,
sondern geistigen, ebenso zur Gestalt der Allgemeinheit erhobe-
nen unendlich subjektiven Substantialität der Sittlichkeit. - Diese
Befreiung ist im Subjekt die harte Arbeit gegen die bloße Sub-
jektivität des Benehmens, gegen die Unmittelbarkeit der Be-
gierde, so wie gegen die subjektive Eitelkeit der Empfindung und
die Willkür des Beliebens. Daß sie diese harte Arbeit ist, macht
einen Theil der Ungunst aus, der auf sie fällt. Durch diese Arbeit
der Bildung ist es aber, daß der subjektive Wille selbst in sich
die Objektivität gewinnt, in der er seiner Seits allein würdig und
fähig ist, die Wirklichkeit der Idee zu seyn.«
Das verbrämt die
griechische Schulweisheit
die Goethe, auf den sie gar
nicht paßte, in Hegelscher Gesinnung als Motto seiner Autobio-
graphie nicht verschmähte. Indem aber die klassizistische Maxime
die Wahrheit über die Identität ausposaunt, die sie erst herbei-
führen möchte, bekennt sie ihre eigene Unwahrheit, die von
Prügelpädagogik im wörtlichen Sinn und im übertragenen des
unansprechbaren Gebots, man müsse sich fügen. Als immanent
unwahreist sie untauglich zu de
m Zweck, den man ihr anvertraut;
die von der großen Philosophie bagatellisierte Psychologie weiß
davon mehr als jene. Roheit gegen die Menschen reproduziert
sich in ihnen; die Geschundenen werden nicht erzogen sondern
zurückgestaut, rebarbarisiert. Nicht mehr auszulöschen ist die
Einsicht der Psychoanalyse, daß die zivilisatorischen Mechanis-
men der Repression die Libido in antizivilisatorische Aggression
verwandeln. Der mit Gewalt Erzogene kanalisiert die eigene
Aggression, indem er mit der Gewalt sich identifiziert, um sie
weiterzugeben und loszuwerden;
so werden Subjekt und Objekt
nach dem Bildungsideal von Hegels Rechtsphilosophie real iden-
tifiziert. Kultur, die keine ist, will von sich aus gar nicht, daß
die, welche in ihre Mühle geraten, kultiviert seien. Hegel beruft,
an einer der berühmtesten Stelle
n der Rechtsphilosophie, sich auf
den Pythagoras zugeschriebenen Sa
tz, die beste Weise, einen Sohn
sittlich zu erziehen, sei, ihn zu
m Bürger eines Staates von guten
Gesetzen zu machen
. Das verlangt ein Urteil darüber, ob der
Abbruch der Dialektik bei Hegel
. Er vertraut nicht der Dial
ektik als der Kraft zur Heilung
ihrer selbst sich an, und desavou
iert seine Versicherung der dia-
lektisch sich herstellenden Identität.
Rolle des Volksgeistes
Volksgeister legalisiert bei Hegel, ähnlich wie später bei Durk-
heim die Kollektivnormen und bei Spengler jeweils die Kultur-
seelen, die Gewaltherrschaft über die einzelnen Menschen. Je
reicher ein Allgemeines mit den Insignien des Kollektivsubjekts
ausstaffiert ist, desto spurloser verschwinden darin die Subjekte.
Jene Vermittlungskategorie indessen, die übrigens nicht ausdrück-
lich Vermittlung genannt wird, nur
deren Funktion erfüllt, bleibt
Rolle des Volksgeistes
wirtschaftlich ebenso jener Organisationsform bedürfen, wie sie
ihnen unablässig Gewalt antut. Vollends wo die Einigung der
Nation, Vorbedingung einer sich emanzipierenden bürgerlichen
Gesellschaft, mißlang, in Deutschland, wird ihr Begriff über-
wertig und destruktiv. Um die gentes zu ergreifen, mobilisiert
er zusätzlich regressive Erinnerungen an den archaischen Stamm.
res, war damals bereits hoffnungslos zu jenem Brauchtum depra-
viert, das man dann im Zeitalter der Diktaturen auskramte, um
von Staatswegen die Entmächtigung der Einzelnen durch den
geschichtlichen Zug zu vermehren.
Allein schon, daß Hegel von
den Volksgeistern im Plural reden muß, verrät das Überholte
ihrer vorgeblichen Substantialität. Sie ist negiert, sobald von
einer Vielheit von Volksgeistern gesprochen, eine Internationale
der Nationen visiert wird. Nach dem Faschismus tauchte sie wie-
Durch seine nationelle Partikularisierung schließt der Hegeische
Geist nicht länger die materielle Basis derart mehr in sich ein, wie
er als Totalität immerhin es noch behaupten mochte. Im Begriff
schritt ihren Inhalt. Trotz der allbekannten Definition der
Geschichte hat denn auch Hegel keine Theorie des Fortschritts
ausgeführt. Die Hegeische Wanderung des Weltgeistes von einem
Individualität und Geschichte
überall zu verwirklichen wäre. Zu solchem ideologischen Zuviel
kontrastiert bei Hegel ein Zuwenig im Ideal; seine Philosophie
hat kein Interesse daran, daß eigentlich Individualität sei. Darin
harmoniert die Doktrin vom Welt
geist mit dessen eigener Ten-
denz. Hegel hat die Fiktion des historischen Fürsichseins von In-
dividualität wie die jeglicher unvermittelten Unmittelbarkeit
durchschaut und das Individuum, vermöge der auf Kants Ge-
schichtsphilosophie zurückdatier
enden Theorie der List der Ver-
nunft, als den Agenten des Allgemeinen eingestuft, als welcher
es über die Jahrhunderte sich verdient machte. Dabei dachte er,
gemäß einer durchgängigen Denkstruktur, die seine Konzeption
Individualität und Geschichte
Leidenschaft — Ichstärke — aufbring
t, noch ihrer bedarf, weil die
gesellschaftliche Organisation, die
es integriert, Sorge trägt, daß
die offenbaren Widerstände beseitigt werden, an denen Lei-
denschaft einmal entflammte, und dafür die Kontrollen ins
Individuum als ein um jeden Preis sich Anpassendes verlegt.
Damit hat es keineswegs alle Funktion verloren. Nach wie vor
konserviert der gesellschaftliche
Produktionsprozeß im tragenden
Tauschvorgang das principium individuationis, die private Ver-
fügung, und damit alle bösen Instinkte des ins eigene Ich Einge-
kerkerten. Das Individuum überlebt sich selbst. Bei seinem Resi-
duum aber, dem geschichtlich Verurteilten, ist allein noch, was
nicht der falschen Identität sich opfert. Seine Funktion ist die des
Funktionslosen; des Geistes, der nicht einig ist mit dem Allgemei-
nen und darum ohnmächtig es vertritt. Nur als das von der allge-
meinen Praxis Eximierte ist das Individuum des Gedankens
fähig, dessen verändernde Praxis bedürfte. Das Potential des All-
gemeinen im Vereinzelten hat He
gel gespürt: »Die Handelnden
haben in ihrer Tätigkeit endliche
Zwecke, besondere Interessen;
aber sie sind auch Wissende, Denkende.«
Die Methexis jedes
Individuums am Allgemeinen durchs denkende Bewußtsein-und
Bann
sam a priori, verhalten sie sich dem Unausweichlichen gemäß.
Während das nominalistische Pr
inzip ihnen die Vereinzelung
vorgaukelt, agieren sie kollektiv. Soviel ist wahr an der Hegel-
schen Insistenz auf der Allgemeinheit des Besonderen, daß das
Besondere in der verkehrten Gestalt ohnmächtiger und dem All-
gemeinen preisgegebener Vereinzelung vom Prinzip der verkehr-
ten Allgemeinheit diktiert wird. Die Hegeische Lehre von der
aber in dieser zu einem qualitativ Anderen. Und zwar gerade
vermöge der Fähigkeit zur Reflexion, vor der der Bann zunichte
werden könnte und die in seinen eigenen Dienst trat. Mit solcher
Verkehrung ihrer selbst verstärkt sie ihn und macht ihn zum
radikal Bösen, bar der Unschuld bloßen Soseins. In der mensch-
lichen Erfahrung ist der Bann da
ters der Ware. Selbstgemachtes wird zum An sich, aus dem das
Selbst nicht mehr hinausgelangt; im dominierenden Glauben an
Tatsachen als solche, in ihrer
positiven Hinnahme verehrt das
Subjekt sein Spiegelbild. Als Bann ist das verdinglichte Bewußt-
sein total geworden. Daß es ein fa
lsches ist, verspricht die Mög-
lichkeit seiner Aufhebung: daß es nicht dabei bleibe, daß falsches
Bewußtsein unvermeidlich sich über sich hinaus bewegen müsse,
nicht das letzte Wort behalten könne. Je mehr die Gesellschaft
der Totalität zusteuert, die im Bann der Subjekte sich reprodu-
ziert, desto tiefer denn auch ihre Tendenz zur Dissoziation. Diese
bedroht sowohl das Leben der Gattung, wie sie den Bann des
Ganzen, die falsche Identität von Subjekt und Objekt, demen-
tiert. Das Allgemeine, von welchem das Besondere wie von einem
Folterinstrument zusammengepreßt wird, bis es zersplittert, ar-
Regression unterm Bann
veredelt wird, ist Klaustrophobie in der Welt: dem geschlossenen
Wirklichkeit zuwägt, Echo eines Höllengelächters im Himmel.
Der mythische Bann hat sich säkularisiert zum fugenlos inein-
andergepaßten Wirklichen. Das Realitätsprinzip, dem die Klu-
gen folgen, um darin zu überleben, fängt sie als böser
Zauber
ein; sie sind desto weniger fähi
g und willens, die Last abzu-
schütteln, als der Zauber sie ihnen verbirgt: sie halten sie für das
Leben. Metapsychologisch trifft die Rede von Regression zu.
Regression unterm Bann
Alles, was heutzutage Kommunikation heißt, ausnahmslos, ist
nur der Lärm, der die Stummheit der Gebannten übertönt. Die
einzelmenschlichen Spontaneitäten, mittlerweise auch weithin die
vermeintlich oppositionellen, sind zur Pseudoaktivität, potentiell
zum Schwachsinn verurteilt. Die Techniken der Hirnwäsche und
das ihnen Artverwandte praktizieren von außen eine immanent-
anthropologische Tendenz, die freilich ihrerseits von außen moti-
viert wird. Die naturgeschichtli
che Norm der Anpassung, der auch
Hegel mit der Stammtischweisheit zustimmt, man müsse die
Hörner sich ablaufen, ist, ganz wie bei ihm, das Schema des Welt-
geists als des Bannes. Vielleicht
projiziert die jüngste Biologie
dessen Erfahrung, unter Menschen tabu, auf die Tiere, um die
Menschen, die jene schinden, zu entlasten; die Ontologie der Tiere
Regression unterm Bann
Einzelnen das Allgemeine unablässig aufs neue hervorbringt.
Bann und Ideologie sind dasselbe. Diese hat ihre Fatalität daran,
daß sie zurückdatiert auf die Bi
ologie. Das Spinozistische sese
Spiegels sich zu emanzipieren. Zweck wäre, was anders ist als
das Mittel Subjekt. Das jedoch wird von der Selbsterhaltung
verdunkelt; sie fixiert die Mittel als Zwecke, die vor keiner Ver-
nunft sich legitimieren. Je weiter
die Produktivkräfte sich steigern,
Subjekt und Individuum
schwundene Unterschied der Form.«
Subjektivität, welche ja
selbst bei Hegel das Allgemeine und die totale Identität ist,
Dialektik und Psychologie
der Aufstieg von Individualität im neunzehnten Jahrhundert bis
tief ins zwanzigste hinein involvierte: den an Verbindlichkeit,
jener Kraft zum Allgemeinen, in der erst Individualität zu sich
käme. Der mittlerweile evidente Verfall von Individualität ist
in die Zellen der Verinnerlichung
hinein, dem Allgemeinen nach,
und ist insofern reales Konstitutum
. Jedoch der dialektische wie
der positivistische Objektivismus ist so kurzsichtig gegen die Psy-
chologie wie ihr überlegen. Weil die herrschende Objektivität den
Individuen objektiv inadäquat ist, realisiert sie sich einzig durch
die Individuen hindurch, psychologisch. Die Freudsche Psycho-
analyse webt nicht sowohl am Schein von Individualität mit, als
daß sie ihn so gründlich zerstö
rt wie nur der philosophische und
gesellschaftliche Begriff. Schrumpft nach der Lehre vom Unbe-
wußten das Individuum auf eine karge Anzahl sich wiederholen-
der Konstanten und Konflikte zu
sammen, so desinteressiert jene
sich zwar mit Menschenverachtung am konkret entfalteten Ich,
mahnt es aber an die Hinfällig
keit seiner Bestimmungen gegen-
Dialektik und Psychologie
über denen des Es und damit an sein dünnes und ephemeres We-
sen. Die Theorie des Ichs als eines Inbegriffs von Abwehrmecha-
nismen und Rationalisierungen zi
elt gegen die gleiche Hybris des
seiner selbst mächtigen Individuums, gegen das Individuum als
Ideologie, welche radikalere Theorien von der Vormacht des Ob-
jektiven demolierten. Wer einen richtigen Zustand ausmalt, um
dem Einwand zu begegnen, er wisse nicht, was er wolle, kann von
jener Vormächt, auch über ihn, nicht absehen. Vermöchte selbst
seine Phantasie alles radikal verändert sich vorzustellen, so bliebe
sie imme/noch an ihn und seine Gegenwart als statischen Bezugs-
Dialektik und Psychologie
das, was Glück genannt wird: denn es ist Befriedigung solcher
Zwecke, die über den partikulären Interessen stehen. Zwecke, die
in der Weltgeschichte Bedeutung haben, müssen durch abstraktes
Wollen, mit Energie festgehalten werden. Die weltgeschichtlichen
Individuen, die solche Zwecke verfolgt haben, haben wohl sich
befriedigt, aber sie haben nicht glücklich sein wollen.«
Gewiß
nicht, aber ihr Verzicht, zu dem noch Zarathustra sich bekennt,
drückt die Insuffizienz des individuellen Glücks gegenüber der
Utopie aus. Glück wäre erst die Erlösung von der Partikularität
als dem allgemeinen Prinzip,
unversöhnbar dem einzelmensch-
lichen Glück jetzt und hier. Das Repressive der Hegelschen Stel-
lung zum Glück ist jedoch nicht, nach seiner eigenen Manier, von
einem vermeintlich höheren Standpunkt aus als quantite negli-
geable zu behandeln. So eindringlich er den eigenen Geschichts-
optimismus durch den Satz, Geschichte sei nicht der Boden für das
Glück, berichtigt, so sehr frevelt er, indem er jenen Satz als Idee
»Naturgeschichte«
Die Objektivität des geschichtlichen Lebens ist die von Naturge-
schichte. Marx hat das gegen Hegel erkannt, und zwar streng im
Zusammenhang mit dem über die Köpfe der Subjekte sich reali-
sierenden Allgemeinen: »Auch wenn eine Gesellschaft dem Natur-
»Naturgeschichte«
bis heute notwendig gesellschaftlichen Schein. Sein Kern ist
der Wert als Ding an sich, als� Natur. Die Naturwüchsigkeit
der kapitalistischen Gesellschaft ist real und zugleich jener
»Naturgeschichte«
begriff hat seine eigene Dialektik. Die Naturgesetzlichkeit der
Gesellschaft ist Ideologie, sowe
it sie als unveränderliche Natur-
gegebenheit hypostasiert wird. Real
sei, auf das aus, was einst den Gegen-
begriff des
definierte. Die »Verfassung«, Name der ge-
schichtlichen Welt, die alle Unmittelbarkeit von Natur vermit-
telte, bestimmt umgekehrt die Sphäre der Vermittlung, eben die
geschichtliche, als Natur. Die Hegeische Wendung fußt auf Mon-
tesquieus Polemik gegen die altertümlich geschichtsfremden gän-
gigen Staatsvertragstheorien: die
staatsrechtlichen Institutionen
wurden von keinem bewußten Willensakt der Subjekte geschaffen.
Geist als zweite Natur jedoch ist die Negation des Geistes, und
zwar desto gründlicher, je mehr sein Selbstbewußtsein gegen seine
Naturwüchsigkeit sich abblendet. Das vollstreckt sich an Hegel.
»Naturgeschichte«
Sein Weltgeist ist die Ideologie der Naturgeschichte. Weltgeist
heißt sie ihm kraft ihrer Gewalt. Herrschaft wird absolut, projiziert
aufs Sein selber, das da Geist sei.
Geschichte aber, die Explikation
lität des Geschichtslosen. Hegel schlägt sich inmitten der Geschichte
auf die Seite ihres Unwandelbaren, der Immergleichheit, Identität
des Prozesses, deren Totalität he
ein wenn schon nicht von Individuen so doch von ihrem Funk-
tionszusammenhang erst Hervorgebrachtes ist, reißt die Insignien
dessen an sich, was dem bürgerlichen Bewußtsein als Natur und
natürlich gilt. Nichts, was drau
ßen wäre, erscheint mehr jenem
»Naturgeschichte«
Bewußtsein; in gewissem Sinn ist auch tatsächlich nichts mehr
draußen, nichts unbetroffen von der totalen Vermittlung. Darum
wird das Befangene sich zu seiner eigenen Andersheit: Urphäno-
men von Idealismus. Je unerbittlicher Vergesellschaftung aller
Momente menschlicher und zwischenmenschlicher Unmittelbar-
keit sich bemächtigt, desto unmöglicher, ans Gewordensein des Ge-
spinsts sich zu erinnern; desto
unwiderstehlicher der Schein von
Natur. Mit dem Abstand der Geschichte der Menschheit von jener
verstärkt er sich: Natur wird zum unwiderstehlichen Gleichnis
der Gefangenschaft. Der junge Marx hat die unaufhörliche Ver-
schlingung beider Momente mit einer Kraft zum Äußersten aus-
gesprochen, die dogmatische Materialisten irritieren muß: »Wir
kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Ge-
Geschichte und Metaphysik
wesentlidiung des Seienden. Der ontologische Anspruch, über die
Divergenz von Natur und Geschichte hinaus zu sein, ist erschli-
chen. Die aus dem geschichtlich Daseienden abstrahierte Ge-
läßt von der Reflexion sich verflüssigen, nicht aufheben. Un-
reflektiert allerdings verharmloste jene Zweiteilung den essen-
tiellen geschichtlichen Prozeß zur bloßen Zutat und hülfe auch
ihrerseits, das Ungewordene als "Wesen zu inthronisieren. Am Ge-
danken wäre es statt dessen, alle Natur, und was immer als solche
sich installiert, als Geschichte zu sehen und alle Geschichte als
Natur, »das geschichtliche Sein in seiner äußersten geschichtlichen
Bestimmtheit, da, wo es am geschichtlichsten ist, selber als ein
naturhaftes Sein begreifen, oder die Natur, da, wo sie als Natur
scheinbar am tiefsten in sich verharrt, begreifen als ein geschicht-
liches Sein«
. Das Moment jedoch, in dem Natur und Geschichte
einander kommensurabel werden, ist das von Vergängnis; Ben-
jamin hat das im� Ursprung des deutschen Trauerspiels zentral
erkannt. Den Barockdichtern, heißt es dort, schwebt Natur »vor
als ewige Vergängnis, in der allein der saturnische Blick jener
Generation die Geschichte erkannte«
Geschichte und Metaphysik
Meditationen
Nach Auschwitz
triumphiert, unsäglich, das dialektische Motiv des Umschlags von
Quantität in Qualität. Mit dem Mord an Millionen durch Ver-
Nach Auschwitz
der Kälte, des Grundprinzips der bürgerlichen Subjektivität,
ohne das Auschwitz nicht möglich gewesen wäre: drastische
Schuld des Verschonten. Zur Vergeltung suchen ihn Träume heim
wie der, daß er gar nicht mehr lebte, sondern 1944 vergast wor-
den wäre, und seine ganze Existenz
danach lediglich in der Ein-
bildung führte, Emanation des irren Wunsches eines vor zwanzig
Jahren Umgebrachten.
Reflektierte Menschen, und Künstler, haben nicht selten ein Ge-
Nach Auschwitz
von beidem aber gehörte auch zu einer richtigen desinvolture
und Sympathie. Überstanden hat der schuldhafte Drang der
Selbsterhaltung, vielleicht gerade
an der unablässig gegenwärti-
gen Drohung sich bestärkt. Nur muß die Selbsterhaltung arg-
wöhnen, das Leben, in dem sie sich festmacht, werde zu dem,
wovor ihr schaudert, zum Gespenst, einem Stück der Geisterwelt,
die das wache Bewußtsein als nicht existent durchschaut. Die
Schuld des Lebens, das als pures Faktum bereits anderem Leben
den Atem raubt, einer Statistik gemäß, die eine überwältigende
der Geschichte nötigt das zum
Materialismus, was traditionell sein unvermittelter Gegensatz
war, die Metaphysik. Was einmal der Geist als seinesgleichen zu
bestimmen oder zu konstruieren si
ch rühmte, bewegt auf das sich
hin, was dem Geist nicht gleicht; was seiner Herrschaft sich ent-
zieht und woran sie doch als absolut Böses offenbar wird. Die
somatische, sinnferne Schicht des Lebendigen ist Schauplatz des
Leidens, das in den Lagern alles Beschwichtigende des Geistes und
seiner Objektivation, der Kultur, ohne Trost verbrannte. Der
Prozeß, durch den Metaphysik unaufhaltsam dorthin sich verzog,
wogegen sie einmal konzipiert war, hat seinen Fluchtpunkt er-
reicht. Wie sehr sie in die Fragen des materiellen Daseins schlüpfte,
hat Philosophie seit dem jungen Hegel nicht verdrängen können,
wofern sie sich nicht an die approbierte Denkerei verkaufte.
Sterben heute359
das sie brächte, worauf sie Anspruch haben, auch wenn sie
ist. Herausführen könnte
einzig, was beides in seiner Ve
rmitteltheit bestimmt, Kultur als
den Deckel überm Unrat, Natur, auch wo sie sich zum Urgestein
des Seins wird, als Projektion des schlechten kulturellen Verlan-
gens, es müsse in allem Wandel doch beim Selben bleiben. Sogar
die Erfahrung des Todes reicht
nicht hin als Letztes und Unbe-
zweifeltes, als Metaphysik gleich der, welche einst Descartes
aus dem hinfälligen ego cogitans deduzierte.
Sterben heute
standzuhalten, vielleicht überhaupt
sie in sich hineinzunehmen.
Kein Menschenleben, das offen
und frei zu den Objekten sich
verhält, reicht aus, zu vollbringen, was im Geist eines jeden
Menschen als Potential vorhanden
ist; es und der Tod klaffen
auseinander. Die sinngebenden Reflexionen über den Tod sind
so hilflos wie die tautologischen. Je mehr das Bewußtsein der
Tierheit sich entwindet und sich zum Festen und in seinen For-
men Dauernden wird, desto mehr verstockt es sich gegen alles,
was ihm die eigene Ewigkeit suspekt macht. Mit der geschicht-
lichen Inthronisation des Subjekts als Geist war die Täuschung
verkoppelt, es sei sich unverlierbar. Gingen frühe Formen des
Eigentums zusammen mit magischen Praktiken, den Tod zu ban-
nen, so verscheucht ihn, je vollständiger alle menschlichen Be-
Sterben heute
rung; sie hat, angesichts des Todes, nicht notwendig die Gestalt
von Trotz, die zu erwarten wäre. Die Hegelsche Lehre, daß, was
ist, an sich selbst zugrunde geht, wird vom Subjekt kaum be-
stätigt. Daß man zu sterben hat, erscheint auch dem Alternden,
der die Zeichen der Hinfälligkeit gewahrt, eher wie ein von der
eigenen Physis verursachter Unglücksfall, mit Zügen der gleichen
Kontingenz wie die der heute typischen auswendigen Unglücks-
fälle. Das kräftigt die Spekulatio
n, welche die Einsicht vom Vor-
rang des Objekts kontrapunktiert: ob nicht der Geist ein Moment
des Selbständigen, des Unvermischten habe, das frei wird gerade
dann, wenn er nicht seinerseits alles frißt und von sich aus die
Todverfallenheit reproduziert. Trotz des täuschenden Interesses
der Selbsterhaltung wäre die Resistenzkraft der Idee von Un-
sterblichkeit, wie noch Kant sie hegte, kaum zu erklären ohne
dies Moment. Freilich scheint jene Resistenzkraft, wie in verfal-
lenden Individuen, auch in der Geschichte der Gattung zu sinken.
Nach dem insgeheim längst ratifiz
ierten Niedergang der objekti-
ven Religionen, die verheißen hatten, dem Tod den Stachel zu
nehmen, wird er heute vollends zu dem ganz Fremden durch den
gesellschaftlich determinierten Niedergang kontinuierlicher Er-
fahrung überhaupt.
Je weniger die Subjekte mehr leben, desto jäher, schreckhafter
der Tod. Daran, daß er sie buchstäblich in Dinge verwandelt,
werden sie ihres permanenten Todes, der Verdinglichung inne,
Sterben heute
den geschichtlichen Verschlingungen
ist der Tod als solcher, oder
als biologisches Urphänomen, nicht herauszuschälen
; dazu ist
das Individuum, das die Erfahrung des Todes trägt, viel zu sehr
historische Kategorie. Der Satz, der Tod sei immer dasselbe, ist
so abstrakt wie unwahr; die Gestalt, in der das Bewußtsein mit
gegen Vergängnis. Wäre der Tod jenes Absolute, das die Philoso-
phie positiv vergebens beschwor, so ist alles überhaupt nichts, auch
jeder Gedanke ins Leere gedacht,
keiner läßt mit Wahrheit irgend
sich denken. Denn es ist ein Mo
ment von Wahrheit, daß sie samt
ihrem Zeitkern dauere; ohne alle Dauer wäre keine, noch deren
Sterben heute363
physik möglich sei, tritt die geschichtsphilosophische, ob meta-
physische Erfahrung überhaupt noch möglich ist. Diese war nie
Glück und vergebliches Warten
ten es, weil es gut für die Menschen sei. Die Anwälte von Meta-
Erfüllten, als ob es wäre. Ist man wirklich dort, so weicht das
Versprochene zurück wie der Regenbogen. Dennoch ist man nicht
enttäuscht; eher fühlt man, nun wäre man zu nah, und darum
sähe man es nicht. Dabei ist der Unterschied zwischen Landschaf-
ten und Gegenden, welche über
die Bilderwelt einer Kindheit
entscheiden, vermutlich gar nicht so groß. Was Proust an Illiers
aufging, ward ähnlich vielen Ki
ndern der gleichen gesellschaft-
lichen Schicht an anderen Orten zuteil. Aber damit dies Allge-
meine, das Authentische an Prousts Darstellung, sich bildet, muß
man hingerissen sein an dem einen Ort, ohne aufs Allgemeine zu
schielen. Dem Kind ist selbstverständlich, daß, was es an seinem
Lieblingsstädtchen entzückt, nur dort, ganz allein und nirgends
sonst zu finden sei; es irrt, aber
Glück und vergebliches Warten
sehenden Allgemeinheit ist, gegen die Prousts Rekonstruktion
als hielte er in Händen, was sie suggeriert, erliegt Bedingungen
der empirischen Welt, über die er hinaus will, und die ihm doch
Glück und vergebliches Warten
einem ihr jenseitigen Festen zu sistieren ist. Der Überschuß übers
Subjekt aber, den subjektive metaphysische Erfahrung nicht
sich möchte ausreden lassen, und das Wahrheitsmoment am Ding-
haften sind Extreme, die sich berühren in der Idee der Wahrheit.
Denn diese wäre so wenig ohne das Subjekt, das dem Schein sich
entringt, wie ohne das, was nicht Subjekt ist und woran Wahrheit
fürs Bewußtsein, die kargen und
jähen Reste des Lebendigen fürs erscheinende Absolute zu neh-
men. Gleichwohl könnte nichts als wahrhaft Lebendiges erfahren
werden, was nicht auch ein dem Leben Transzendentes verhieße;
darüber führt keine Anstrengung des Begriffs hinaus. Es ist und
ist nicht. Die Verzweiflung an de
m, was ist, greift auf die trans-
zendentalen Ideen über, die ihr einmal Einhalt geboten. Daß die
endliche Welt der unendlichen Qual umfangen sei von einem
göttlichen Weltplan, wird für je
den, der nicht die Geschäfte der
Welt besorgt, zu jenem Irrsinn
, der mit dem positiven Normal-
»Nihilismus«
Die metaphysischen Kategorien leben, säkularisiert, fort in dem,
was dem vulgären höheren Drang die Frage nach dem Sinn des
Lebens heißt. Der weltanschaulic
he Klang des Wortes verurteilt
die Frage. Unweigerlich fast gesellt ihr sich die Antwort, der Sinn
des Lebens sei der, den der Fragende ihm gibt. Auch der zum
offiziellen Credo entwürdigte Marxismus wird, wie der späte
Lukäcs, wenig anders reden. Die
Antwort ist falsch. Der Begriff
des Sinns involviert Objektivität
jenseits allen Machens; als ge-
machter ist er bereits Fiktion, verdoppelt das sei's auch kollek-
»Nihilismus«
Gegenteil jedoch, der abstrakte Nihilismus, müßte vor der Gegen-
frage: warum lebst denn du selb
er, verstummen. Das aufs Ganze
»Nihilismus«
Verwandtschaften, »Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns
die Hoffnung gegeben«, wohl angemessen. Verführerisch gleich-
wohl, den Sinn nicht im Leben überhaupt sondern in den erfüll-
ten Augenblicken zu suchen. Dies
e entschädigten im diesseitigen
Dasein dafür, daß es außer sich nichts mehr duldet. Unver-
An die Stichworte Leere und Sinnlosigkeit assoziiert sich das
vom Nihilismus. Nietzsche adoptierte den Ausdruck, den zuerst
eher, durch Mobilisierung des allverhaßten und mit der univer-
»Nihilismus«
salen Munterkeit unvereinbare
n Wortes, einfach der moralisch
diffamiert werden, der die abendländische Erbschaft von Posi-
daß nichts sei, woran man sich halten kann, so schreit das nach
der in der gleichen subalternen Sprachsphäre zuständigen Über-
windung. Verkleistert wird die Perspektive, ob nicht der Zu-
stand, in dem man an nichts mehr sich halten könnte, erst der
menschenwürdige wäre; einer, der dem Gedanken erlaubte, end-
lich so autonom sich zu verhalten, wie die Philosophie es immer
bloß ihm abgefordert hatte, um ihn im selben Atemzug daran zu
verhindern. Überwindungen, auch
die des Nihilismus samt der
Nietzscheschen, die es anders meinte und doch dem Faschismus
Parolen lieferte, sind allemal schlimmer als das Überwundene.
Das mittelalterliche nihil privat
ivum, das den Begriff des Nichts
Kants Resignation
lautlos geschrien, daß es anders sein soll. Solcher Nihilismus
impliziert das Gegenteil der Identifikation mit dem Nichts.
Gnostisch ist ihm die geschaffene
Welt die radikal böse und ihre
Verneinung die Möglichkeit einer anderen, noch nicht seienden.
Solange die Welt ist, wie sie ist, ähneln alle Bilder von Ver-
söhnung, Frieden und Ruhe dem des Todes. Die kleinste Diffe-
renz zwischen dem Nichts und dem zur Ruhe Gelangten wäre die
Zuflucht der Hoffnung, Niemandsland zwischen den Grenz-
pfählen von Sein und Nichts. Jen
er Zone müßte, anstelle von
Überwindung, Bewußtsein das entwinden, worüber die Alter-
native keine Macht hat. Nihilisten
sind die, welche dem Nihilis-
mus ihre immer ausgelaugteren Positivitäten entgegenhalten,
durch diese mit aller bestehenden Gemeinheit und schließlich dem
zerstörenden Prinzip selber sich
verschwören. Der Gedanke hat
seine Ehre daran, zu verteidigen, was Nihilismus gescholten wird.
Die antinomische Struktur des Kantischen Systems hat mehr aus-
gedrückt denn Widersprüche, in welche die Spekulation über
metaphysische Gegenstände notwendig sich verwickle: ein Ge-
schichtsphilosophisches. Die mächtige Wirkung der Vernunft-
kritik, weit über ihren erkenntnis
Kants Resignation
ihre Abschaffung, und sie mittel
Kants Resignation
Rechenschaft davon zu geben, als Möglichkeit der Entscheidung,
eben jene Transzendenz dem Verstandesbereich gegenüber, über
die positiv zu urteilen er verpönt. Zu dieser Instanz wurde dem
deutschen Idealismus das absolute Subjekt,� Geist, das die
Dichotomie Subjekt-Objekt und damit die Grenze endlicher Er-
kenntnis erst produziere. Ist jedo
Begierde des Rettens und Block
Begierde des Rettens und Block
ihrerseits. Das jedoch ist unvereinbar mit der Konzeption des un-
zerstörbaren Blocks. Sind die Formen einmal, wie es in Wahrheit
bereits der Auffassung vom Su
bjekt als ursprünglicher Apper-
zeption gemäß wäre, Momente einer Dynamik, so kann ihre
positive Gestalt so wenig für alle
künftige Erkenntnis stipuliert
werden wie irgendeiner der Inhalte, ohne die sie nicht sind und
mit denen sie sich verändern. Nur wenn die Dichotomie von
Form und Inhalt absolut wäre, dürfte Kant behaupten, die
Dichotomie verwehre jeglichen nur aus den Formen kommen-
380Begierde des Rettens und Block
Menschen eine Gesellschaft auferl
egt, die nichts konserviert als
die Versagung, deren es schon nicht mehr bedürfte. Wäre die käfer-
haft naturgeschichtliche Sorge einmal durchstoßen, so wäre die
Stellung des Bewußtseins zur Wa
hrheit verändert. Seine gegen-
wärtige ist diktiert von der Objektivität, welche sie in ihrem Zu-
stand verhält. War die Kantische Lehre vom Block ein Stück ge-
sellschaftlichen Scheins, so ist sie doch so gegründet, wie tatsächlich
der Schein herrscht über die Menschen. Die Trennung von Sinn-
lichkeit und Verstand, der Ne
rv der Argumentation für den
Block, ist ihrerseits gesellschaftliches Produkt; Sinnlichkeit wird
durch den Chorismos als Opfer des Verstandes designiert, weil
die Einrichtung der Welt, trotz aller entgegengesetzten Veranstal-
tungen, sie nicht befriedigt. Mit
ihrer gesellschaftlichen Bedin-
gung vermöchte wohl die Trennung einmal zu verschwinden,
während die Idealisten Ideologen
sind, weil sie die Versöhnung
inmitten des Unversöhnten als gele
Mundus intelligibilis
feltes hat er keineswegs verschwiegen: »Wenn auch indessen
allenfalls ein transcendentales Vermögen der Freiheit nachge-
geben wird, um die Weltveränderungen anzufangen, so würde
dieses Vermögen doch wenigstens nur außerhalb der Welt sein
müssen (wiewohl es immer eine kühne Anmaßung bleibt, außer-
halb dem Inbegriffe aller möglichen Anschauungen noch einen
Gegenstand anzunehmen, der in keiner möglichen Wahrnehmung
gegeben werden kann).«
Die Parenthese von der »kühnen An-
zendenz virtuell von der Immane
nz des Geistes kassiert. - Was
Kant mit Rücksicht auf die Freihe
it durchblicken läßt, gälte erst
recht von Gott und Unsterblichkeit. Denn diese Worte beziehen
sich auf keine reine Möglichkeit von Verhalten, sondern sind,
dem eigenen Begriff nach, Postulate eines wie immer auch gearte-
ten Seienden. Es bedarf einer �Materie und hinge bei Kant
vollends von jener Anschauung ab, deren Möglichkeit er von den
transzendenten Ideen ausschließt.
Das Pathos des kantisch In-
telligiblen ist Komplement der Schwierigkeit, seiner irgend sich
zu versichern, auch nur im Medium des sich selbst genügenden
Gedankens, welches das Wort intelligibel designiert. Es dürfte
nichts Wirkliches nennen. Die Bewegung der Kritik der prakti-
schen Vernunft indessen schreitet zu einer Positivität des mundus
intelligibilis fort, die in Kants Intention nicht abzusehen war.
Sobald das vom Seienden emphatisch geschiedene Seinsollende
Mundus intelligibilis
als Reich eigenen Wesens statuiert und mit absoluter Autorität
ausgestattet wird, nimmt es, wäre es auch ungewollt, durchs Ver-
fahren den Charakter eines zweiten Daseins an. Der Gedanke, der
Mundus intelligibilis
ner Selbstbesinnung. Falsch ist
die Askese, die er anderem ab-
verlangt, gut seine eigene: in seiner Selbstnegation überschrei-
Neutralisierung
baren zwangsläufig sich verwickle. Sein Verdikt ist nicht überholt
von Hegels Anstrengung, die Logik des Scheins als die der "Wahr-
heit zu vindizieren. Aber mit dem Verdikt über den Schein bricht
die Reflexion nicht ab. Seiner selbst bewußt, ist er nicht mehr
der alte. Was von endlichen "Wesen über Transzendenz gesagt
wird, ist deren Schein, jedoch, wie Kant wohl gewahrte, ein not-
weisung ans Denken übersetzt werden, müßiger Fragen sich zu
enthalten. Sie überhöht die vulgäre Gestalt bürgerlicher Skepsis,
deren Solidität es ernst ist nur mit dem, was man sicher in Hän-
den hält. Von solcher Gesinnung war Kant nicht durchaus frei.
Daß er im kategorischen Impera
tiv und schon in den Ideen der
Kritik der reinen Vernunft jenes verschmähte Höhere mit er-
hobenem Zeigefinger dreingibt, einen Zuschuß, auf den das
Neutralisierung
bei zur Verwandlung der Kritik an der mit dem Feudalismus ver-
Neutralisierung
phie ihre Wirkung getan hätte, ins Allgemeinbewußtsein über-
gegangen wäre, hat triumphiert in
der Sozialisierung metaphysi-
scher Indifferenz.
Die Gleichgültigkeit des Bewußtseins gegen die metaphysischen
Fragen, die keineswegs durch Befriedigung im Diesseits abge-
golten sind, ist aber schwerlich für die Metaphysik selbst
gleichgültig. Es versteckt darin sich ein Horror, der, verdräng-
ten die Menschen ihn nicht, ihnen den Atem verschlüge. Man
könnte zu anthropologischen Spekulationen darüber sich verlei-
ten lassen, ob nicht der entwicklungsgeschichtliche Umschlag,
welcher der Gattung Mensch das offene Bewußtsein und damit
das des Todes verschaffte, einer gleichwohl fortwährenden anima-
lischen Verfassung widerspricht, die es nicht erlaubt, jenes Be-
wußtsein zu ertragen. Dann wäre für die Möglichkeit des Weiter-
lebens der Preis einer Beschränku
ng des Bewußtseins zu entrich-
ten, die es vor dem schützt, was es doch selber ist, Bewußtsein
des Todes. Trostlos die Perspektive, die Borniertheit aller Ideolo-
gie ginge, gleichsam biologisch, auf eine Nezessität der Selbst-
erhaltung zurück und müßte keineswegs mit einer richtigen Ein-
richtung der Gesellschaft verschwinden, während freilich erst in
der richtigen Gesellschaft die Möglichkeit richtigen Lebens auf-
ginge. Von der gegenwärtigen wird noch vorgelogen, der Tod sei
nicht zu fürchten, und die Besinn
ung darüber sabo
tiert. Schopen-
hauers Pessimismus wurde aufm
erksam darauf, wie wenig die
Menschen media in vita um den Tod sich zu kümmern pflegen
* »Der Mensch allein trägt in abstrakt
en Begriffen die Gewißheit seines To-
des mit sich herum: diese kann ihn denn
och, was sehr seltsam ist, nur auf ein-
zelne Augenblicke, wo ein Anlaß sie der Phantasie vergegenwärtigt, ängstigen.
Gegen die mächtige Stimme der Natur ve
rmag die Reflexion wenig. Auch in
Neutralisierung
Er hat, wie hundert Jahre später Heidegger, diese Gleichgültig-
keit aus dem Menschenwesen he
rausgelesen, anstatt aus den
Menschen als Produkten der Geschichte. Der Mangel an meta-
physischem Sinn wird beiden zum Metaphysikum. Damit ist
jedenfalls die Tiefe zu ermessen, in welche Neutralisierung, ein
Existential bürgerlichen Bewußtseins, hinabreicht. Jene Tiefe
weckt den Zweifel, ob es, wie eine alle Romantik überdauernde
romantische Tradition dem Geist einbläut, in den angeblich meta-
physisch überwölbten Zeiten, die der junge Lukäcs die sinnerfüll-
ten nannte, darum soviel anders bestellt war. Die Tradition
schleppt einen Paralogismus mit.
Die Geschlossenheit von Kultu-
ren, die kollektive Verbindlichkeit metaphysischer Anschauungen,
ihre Macht übers Leben, garantiert nicht ihre Wahrheit. Eher ist
Neutralisierung
den Subjekten; allein in der Erfahrung der eigenen Naturhaftig-
keit entragt der Genius der Natur. Ehrwürdig bleibt an Kant,
daß er wie sonst kein Philosoph die Konstellation des Humanen
und Transzendenten, in der Lehre
verbrämt, selber als metaphysische Instanz befestigt. Das Alles ist
eitel, mit dem seit Salomo die großen Theologen die Immanenz be-
dachten, ist zu abstrakt, um über die Immanenz hinauszugeleiten.
Wo die Menschen der Gleichgültigkeit
ihres Daseins versichert sind,
erheben sie keinen Einspruch; solange sie nicht ihre Stellung zum
Daseins verändern, ist ihnen eitel auch das Andere. Wer das Seiende
unterschiedslos und ohne Perspektive aufs Mögliche der Nichtig-
keit zeiht, leistet dem stumpfen Betrieb Beihilfe. Die Vertiertheit,
auf die solche totale Praxis hinausläuft, ist schlimmer als die erste:
sie wird sich selbst zum Prinzip. Die Kapuzinerpredigt von der
Eitelkeit der Immanenz liquidiert insgeheim auch die Transzen-
denz, die einzig von Erfahrungen in der Immanenz gespeist wird.
Neutralisierung jedoch, jener Indi
fferenz tief verschworen, hat noch
die Katastrophen überlebt, die nach den Fanfaren der Apologeten
die Menschen auf das zurückgeworfen haben sollen, was sie
radikal betrifft. Denn die Grundverfassung der Gesellschaft hat
»Nur ein Gleidinis«
sich nicht geändert. Sie verdammt die aus Not auferstandene
»Nur ein Gleichnis«
jedoch von allem Stoffgehalt gereinigt, vollends sublimiert, so
nomie theologischen Bewußtsein
s heute. Mit ihr fände noch am
ehesten das Tolstoische - anachronistische-Urchristentum sich ab,
»Nur ein Gleichnis«
zendenz ist die Trennung von Leib und Seele, Reflex von Arbeits-
teilung. Sie führt zur Vergötzung der res cogitans als des natur-
beherrschenden Prinzips, und zur materiellen Versagung, die am
Begriff einer Transzendenz jenseits des Schuldzusammenhangs
zerginge. Hoffnung aber heftet sich, wie in Mignons Lied, an den
Schein des Anderen
Sterblichkeit, dem ihr Unerträglichen, vor dem sie sich zum ab-
solut Gleichgültigen wird. Dazu treibt die Idee von Wahrheit,
unter den metaphysischen die oberste. Wer an Gott glaubt, kann
deshalb an ihn nicht glauben. Die Möglichkeit, für welche der
göttliche Name steht, wird festgehalten von dem, der nicht glaubt.
Erstreckte einst das Bilderverbot
sich auf die Nennung des Na-
mens, so ist es in dieser Gestalt selbst der Superstition verdächtig
geworden. Es hat sich verschärft: Hoffnung auch nur zu denken,
Schein des Anderen
ihr Geschäft besorgende Vernunft zur Vernunft bringt. Die These
des Positivismus ist die von der
Nichtigkeit auch der in Profani-
Schein des Anderen
zu setzen. Nicht absolut geschlossen ist der Weltlauf, auch nicht
die absolute Verzweiflung; diese
ist vielmehr seine Geschlossen-
heit. So hinfällig in ihm alle Spuren des Anderen sind; so sehr
alles Glück durch seine Widerruflich
keit entstellt ist, das Seiende
wird doch in den Brüchen, welc
he die Identität Lügen strafen,
des Zarathustra: Nur Narr, Nur
Dichter. Der denkende Künst-
ler verstand die ungedachte Kunst. Der Gedanke, der vor dem
elend Ontischen nicht kapituliert,
wird vor dessen Kriterien zu-
Selbstreflexion der Dialektik
Tauschs ist der des Auges, das nicht will, daß die Farben der Welt
zunichte werden. Im Schein verspricht sich das Scheinlose.
Zu fragen ist, ob Metaphysik,
als Wissen vom Absoluten, über-
haupt möglich sei ohne die Konstruktion absoluten Wissens, jenen
dem bedingten Denken hörig. War das Hegeische Absolute Säku-
larisation der Gottheit, so eben doch deren Säkularisation; als
Selbstreflexion der Dialektik
an allem Partikularen, das sich absolut setzt, ist die am Schatten
von Absolutheit über
ihr selbst, daran, daß auch sie, entgegen
ihrem Zug, im Medium des Begriffs verbleiben muß. Sie zerstört
den Identitätsanspruch, indem si
e ihn prüfend honoriert. Darum
reicht sie nur so weit wie dieser. Er prägt ihr als Zauberkreis den
Schein absoluten Wissens auf. An ihrer Selbstreflexion ist es, ihn
zu tilgen, eben darin Negation der Negation, welche nicht in Po-
sition übergeht. Dialektik ist das Selbstbewußtsein des objektiven
Verblendungszusammenhangs, nich
t bereits diesem entronnen.
Aus ihm von innen her auszubrechen, ist objektiv ihr Ziel. Die
Kraft zum Ausbruch wächst ihr aus dem Immanenzzusammen-
hang zu; auf sie wäre, noch einmal, Hegels Diktum anzuwenden,
Dialektik absorbiere die Kraft des Gegners, wende sie gegen ihn;
nicht nur im dialektisch Einzelne
n sondern am Ende im Ganzen.
Sie faßt mit den Mitteln von Logik deren Zwangscharakter, hof-
fend, daß er weiche. Denn jener Zwang ist selber der mythische
Schein, die erzwungene Identität. Das Absolute jedoch, wie es der
vorträte, nachdem der Identitätszw
ang zerging. Ohne Identitäts-
these ist Dialektik nicht das Ganze;
dann aber auch keine Kardinal-
sünde, sie in einem dialektischen Schritt zu verlassen. Es liegt in
der Bestimmung negativer Dialektik, daß sie sich nicht bei sich
beruhigt, als wäre sie total; das ist ihre Gestalt von Hoffnung.
Kant hat in der Lehre vom transz
endenten Ding an sich jenseits
der Identifikationsmechanismen
und entfernt es von dem Bewußt
sein. Die Identifizierungen des
Absoluten transponieren es auf den Menschen, von dem das Iden-
titätsprinzip herstammt; sie sind, wie sie zuweilen eingestehen
und wie Aufklärung jedesmal schlagend ihnen vorhalten kann,
Selbstreflexion, der Dialektik
Anthropomorphismen. Deshalb verflüchtigt sich das Absolute,
dem der Geist sich nähert, vor ihm: seine Näherung ist Spiege-
lung. Die gelungene Eliminierung eines jeglichen Anthropomor-
phismus jedoch, mit welchem der Verblendungszusammenhang
beseitigt sei, koinzidiert am Ende
wahrscheinlich mit diesem, der
absoluten Identität. Das Geheimnis durch Identifikation ver-
Selbstreflexion der Dialektik
Es verlangt seine Negation durchs Denken, muß im Denken ver-
schwinden, wenn es real sich befriedigen soll, und in dieser Nega-
tion überdauert es, vertritt in
der innersten Zelle des Gedankens,
was nicht seinesgleichen ist. Die kleinsten innerweltlichen Züge
hätten Relevanz fürs Absolute, denn der mikrologische Blick zer-
trümmert die Schalen des nach
dem Maß des subsumierenden
Oberbegriffs hilflos Vereinzelten und sprengt seine Identität, den
Trug, es wäre bloß Exemplar. Solches Denken ist solidarisch mit
Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes.
Notiz
Geschrieben ist die Negative Di
alektik von 1959 bis 1966. Den
Kern bilden drei Vorlesungen, die der Autor im Frühjahr 1961
am College de France in Paris hielt. Aus den beiden ersten Vor-
lesungen ist, in der Struktur unverändert, der erste Teil des Buches
geworden; die dritte, sehr umgeformt und erweitert, liegt dem
zweiten Teil zugrunde. Vieles jedoch datiert weit dahinter zu-
rück: so stammen die ersten Entwürfe des Kapitels über Freiheit
aus dem Jahr 1937, Motive von »Weltgeist und Naturgeschichte«
aus einem Vortrag des Autors in
der Frankfurter Ortsgruppe der
Kant-Gesellschaft (1932). Die Idee einer Logik des Zerfalls ist
die älteste seiner philosophischen Konzeptionen: noch aus seinen
Studentenjahren.
Philosophie der neuen Musik
Tübingen 1949, 2. Aufl. Frankfurt 1958
Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben
Berlin und Frankfurt 1951, 3. Aufl. Frankfurt 196$
Versuch über Wagner. Berlin und Frankfurt 1952
Taschenbuchausgabe Knaur, München/Zürich 1964
Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft. Frankfurt 1955
Taschenbuchausgabe dtv, München 1963
Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt
Göttingen 1956, 3., erweiterte Aufl. 1963
Eingriffe. Neun kritische Modelle
Frankfurt 1963, 4. Aufl. 1966 • edition suhrkamp 10
Drei Studien zu Hegel
Frankfurt 1963, 2. Aufl. 1966 • edition suhrkamp 38
Erstes bis viertes Tausend 1966
Alle Rechte vorbehalten. Printed in Germany.
Satz und Druck in Garamond Linotype-Antiqua von
Druckerei und Verlagsanstalt Konstanz Am Fischmarkt.
Buchbinderische Verarbeitung Karl Hanke, Düsseldorf

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