Erstes Erlebnis — Stefan Zweig


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Die Moral der brgerlichen Welt wird in Zweigs Novellen auch aus
der Perspektive des heranreifenden Kindes in Augenschein genom-
men. Das gilt fr seinen ersten Pros
aband Erstes Erlebnis, wo er in
die durch die geschlechtliche Entwicklung erschtterte kindliche Psy-
che Einsicht zu nehmen versucht. Doch diese Novellen sind mehr als
feinsinnige Studien ber Puberttskonflikte, sie sind ernsthaft begrn-
STEFAN ZWEIG wurde am 28. November 1881 in Wien als Sohn
des Textilindustriellen Moritz Zweig geboren. Nach dem Besuch des
Gymnasiums in Wien 1891-1899 studierte er Germanistik und Roma-
nistik und wurde mit einer Arbeit ber Die Ursprnge des zeitgens-
sischen Frankreich 1904 in Wien zum Dr. phil. promoviert.
Unter dem Einflu Hofmannsthals schrieb er frh Gedichte (Silberne
Saiten, 1901). Seine ersten Novellen (D) erschienen 1904. Weitere
Novellenbnde (Brennendes Geheimnis, 1911, Amok, 1922, Stern-
stunden der Menschheit, 1927) folgten und machten ihn weltberhmt
wie auch seine groen Biographi
en (Romain Rolland, 1921, Joseph
Fouch, 1929, Maria Stuart, 1935, Magellan, 1938, Balzac, postum
1946).
Diese Werke verbanden subtile Seelenkenntnis mit einem spannungs-
reichen Erzhlstil. Der Erste Weltkrieg machte Zweig zum Pazifisten
und Mitstreiter Romain Rollands. Nach einer Ttigkeit im Kriegsar-
chiv ging er 1917 nach Zrich und arbeitete bis 1919 fr die Neue
Freie Presse in der Schweiz. 1920
Viele Studien- und Vortragsreisen fhrten ihn nicht nur in die westeu-
ropischen Lnder, sondern auch nach Indien 1910, Nord- und Mittel-
Stefan Zweig
ERSTES ERLEBNIS
aus Kinderland
Mit einem Nachwort
von Richard Friedenthal
Copyright 1938 by Herbert Reichner Verlag, Wien
S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1976
Satz und Druck: Georg Wagner, Nrdlingen
Einband: G. Lachenmaier, Reutlingen
Printed in Germany 1976
ISBN 3 10 097027 6
O Kindheit, wie ich hinter deinen Gittern,
Du enger Kerker, oft in Trnen stand,
Wenn drauen er mit blau und goldnen Flittern
Vorberzog, der Vogel Unbekannt,
O Nchte Ungeduld, da sich die Hand
Am Riegel wundri schon fhlt ich das Zittern
Verfrhter Wnsche mir im Blut gewittern
Bis ich ihn brach und frei die Ferne fand!
Kaum da ich blickte, war ich schon entsprungen.
Mein war die Welt! In hundert heien Schauern
Verlor sich das verbreiterte Gefhl.
Und doch, Entsinnen bringt mir oft Bedauern:
O se Angst, der ersten Dmmerungen!
O knnt ich heim! Wie war ich rein und khl!
Hat der Wind wieder Regen be
pltzlich so dunkelt in unserem Zimmer? Nein.
Die Luft ist silbern klar und still, wie selten in diesen
Sommertagen, aber es ist spt
geworden, und wir haben es
nicht bemerkt. Nur die Dachfenster gegenber lcheln
noch in leisem Glanz, und der Himmel ber dem First ist
schon mit goldenem Rauch umflort.
In einer Stunde wird es Nacht sein. In einer wundervol-
len Stunde, denn nichts ist sc
hner zu sehen als diese Far-
vor unsern Fenstern schwebt.
Ich wei nicht, wie diese Gesc
hichte zu mir kam. Ich bin
nur, dessen entsinne ich mich,
am frhen Nachmittage hier
lang gesessen, habe in einem Buche gelesen und es dann
sinken lassen, hindmmernd in Tr
umerei, vielleicht auch
in leisen Schlaf. Und pltzlic
sie glitten die Wand entlang, und ich konnte ihre Worte
hren und in ihr Leben sehen. Doch als ich den Ent-
schwindenden nachblicken wo
llte, war ich schon wieder
wach und allein. Zu meinen Fen gesunken, lag das
Buch. Nun ich es aufhob und nach den Gestalten frug,
fand ich darin die Geschichte nicht mehr; es war, als sei
sie aus den Blttern in meine Hnde gefallen, oder sie war
nie darin gewesen. Vielleicht ha
me. Nun entsinne ich mich sc
hon. Ich sehe einen schlan-
ken Knaben, der die breitstufige Treppe eines Schlosses
niedersteigt. Es ist Nacht und eine Nacht mit nur mattem
Mondlicht, aber ich umfasse
wie mit einem erhellten
Spiegel jede Kontur seines geschmeidigen Krpers, sehe
genau in seine Zge. Er ist auerordentlich schn. Kind-
haft gekmmt fallen die schw
arzen Haare glatt ber die
fast berhohe Stirne, und die Hnde, die er im Dunkel
Reihe Jagdfreunde und ihre Frauen, dazu ein paar Md-
chen, hohe schne Menschen,
lachend und doch nicht lrm
end mit dem Echo der alten
Mauern spielt. Tagsber sp
rengen Pferde hin und her,
Hunde werden in Koppeln ge
bracht, drben auf dem Flu
glitzern zwei, drei Boote:
eine Regsamkeit ohne Geschf-
tigkeit gibt dem Tag einen a
ngenehm schnellen Rhythmus.
dem Garten, ber dessen dunkler Runde der Himmel matt-
leuchtend liegt wie ein Heiligenschein und wo ein voller,
von vielen unsichtbaren Blten
zu sagen wie, in dem verwirrten Gefhl seiner fnfzehn
Gesicht dem seinen, da er die Zge nicht sehen kann.
Und er wagt es nicht, denn wie Schmerz schlgt Schauer
seinen Leib, da er die Auge
n schlieen mu und sich wil-
lenlos als Beute diesen br
entschlossen, unsicher wie eine Frage, fassen seine Arme
nun diese fremde Gestalt, und jh berauscht pret er den
fremden Leib an sich. Gierig flieen seine Hnde die wei-
chen Linien entlang, ruhen und zi
ttern wieder fort, werden
fiebriger und emprter. Immer drngender und schon -
bergebeugt, eine selig schwere
um tausend Stunden scheint
ihm sein Leben pltzlich vorge
rckt. Was er verwirrt ge-
trumt hatte von Frauen und von Leidenschaft, sollte es
pltzlich wahr geworden sein? Oder war es doch nur ein
sechs Frauen, die einzig in diesem Rtsel verstrickt sein
knnten. Die junge Grfin E., die oft so heftig ihren al-
ternden Mann anfuhr, vielleicht, oder die junge Frau seines
Onkels, die so seltsam sanfte und doch irisierende Augen
hatte, oder er erschrak bei dem Gedanken eine der drei
Schwestern, seine Cousinen, die einander so hnlich sind
in ihrer hohen, stolzen, schroffe
n Art? Nein aber die wa-
ren doch alle khle, bedchtige Menschen. Wie ein Ver-
Und sie reiten hinein ins Land. Er horcht auf jede Stim-
me, horcht mit den Blicken auf jede Linie, jede Welle der
im Ritt bewegten Frauenkrper; jedes Biegen belauscht er
und wie sie die Arme heben. Er beugt sich mittags bei Ti-
sche im Gesprch nahe hera
n, um jeden Duft der Lippen
zu spren oder die Schwle de
s Haares, aber nichts, nichts
gibt ihm ein Zeichen, eine flc
men knnten. Der Tag dehnt
sich unendlich dem Abend zu.
Nun er in einem Buche le-
sen will, rinnen die Zeilen ber den Rand hinaus und fh-
ren pltzlich in den Garten,
und es ist wieder Nacht, die
sonderbare Nacht, und er fhl
Schleier zwischen den Bumen, vom schnellen Wind her-
von ihrem sen Schlag und nur hinstrmen will, verflu-
ten in eine finstere Lust. Aber dann erlischt jh der
Rausch, und er hlt seine Glut
zurck. Nein, sich nicht
Wollust, nicht sich hingeben
an diese saugenden Lippen, ehe zu wissen, welchen Na-
men dieser Krper trgt, der si
ch so eng an ihn drngt, da
ihm ist, als poche dieses fremde
laute Herz in seiner eige-
nen Brust! Er beugt den Kopf vor ihrem Kusse zurck, um
das Gesicht zu sehn: aber Schatten fallen herab und mi-
schen sich im unsicheren Lichte mit dem dunklen Haar.
Zu dicht ist das Baumgewirr
und zu matt das Licht des
wolkenumschleierten Mondes. Nur die Augen sieht er
glimmernd leuchten, glhende
Steine, irgendwo tief in den
mattglnzenden Marmor eingesprengt.
Da will er ein Wort hren, nur einen losgerissenen Split-
ter ihrer Stimme. Wer bist du, sag mir, wer bist du? ver-
langt er. Aber dieser weiche
, feuchte Mund hat nur Ksse,
keine Worte. Da will er ein Wort erpressen, einen Schrei
des Schmerzes, er zerdrckt den Arm, bohrt seine Ngel
tief in das Fleisch, aber bl
o Keuchen fhlt er aus einer
angespannten Brust, erhitzten Atem und die Schwle der
hartnckig stummen Lippen, di
e nur manchmal leise sth-
nen, er wei nicht,
ob in Schmerz oder Wollust. Und das
macht ihn wahnsinnig, da er keine Kraft hat ber diesen
e Frau aus dem Dunkel ihn
nimmt, ohne sich ihm zu ve
rraten, da er unbegrenzte
Macht hat ber ihren begehr
enden Krper und nicht Herr
ist ihres Namens. Ein Zorn bric
ht in ihm auf, und er wehrt
ihrer Umschlingung; sie aber, die Ermattung seines Armes
fhlend und gewahr seiner Unruhe, umschmeichelt begti-
gend und lockend mit der erregten Hand sein Haar. Und da
schaft. Nun pret er sich tief in ihren Krper, saugt die
Wollust von ihren Lippen, hinstrzend in diese geheimnis-
seine Schwester und die Grfin E. zur Stelle. Alle sind sie
aufgerumt, ihr Gesprch springt achtlos an ihm vorbei.
langt er, keine mge es sein
oder er mchte es nicht wis-
strzt? Immer starrt er wi
eder auf die Lippen. Ja, der
Trotz, das Verschlossensein, der konnte nur auf diesen
nen Augen, kt die blasse, leis
e durchleuchtende Haut ih-
Schwung, den leidenschaftlichen Anflug des Windes, der
an ihren Haaren reit, das
unbeschreibliche Gefhl des
Vorwrtssausens im scharfen Galopp. Hinter ihr strmt
der Knabe: er sieht ihren stolzen Krper hochgereckt, ge-
schwungen zu einer schnen Li
nie durch die wilde Bewe-
gung, sieht manchmal ihr Gesi
cht, angeflogen von einer
ber das Land. Warum hat er si
mit ihrem Trotz? Unbewut
treibt er das Pferd, und nun
erst, im hitzigen Sausen wird ihm leichter. Da rufen die
andern zur Umkehr. Die Sonne ist ber den Hgel gekro-
chen und steht hoch im Mittag. Von den Feldern weht ein
weicher, qualmiger Duft her,
grell sind die Farben gewor-
den und brennen wie geschmolzenes Gold in die Augen.
Schwle und Schwere blht sich ber das Land, schon tra-
ben die verschwitzten Pferde
schlfriger, dampfen warm
und keuchen. Langsam sammelt sich wieder der Zug, die
Heiterkeit ist lssiger, das Gesprch sprlicher geworden.
tens und dahinter der breite
Gang zum Schlosse hin. Vor-
le, springt ab, gibt dem herb
eieilenden Diener die Zgel
den Krper schlaff zurck-
gelehnt, erschpft wie nach einer Wollust. So mte sie
abends gewesen sein. Das
Erinnern macht ihn wieder ungest
m. Er drngt hin zu ihr.
Atemlos hilft er ihr vom Pferde.
Wie er den Bgel hlt, umkl
ammert seine Hand fiebernd
s. Margot, sthnt er, mur-
Margot, wie wunderbar bist du, stammelt er noch
einmal. Sie sieht ihn scharf
rnig errtend, einen harten
wrdig. Alle sehen ihn bse und fast drohend an, und er
selbst fhlt seine Inkorrekthe
it. Aber da kommt, ehe er
sich noch entschuldigen kann, eine harte Stimme, blank
und scharf wie eine Messersc
hneide, Margots Stimme -
ber den Tisch herber: berh
aupt finde ich Bob fr seine
Jahre sehr ungezogen. Man tu
t unrecht, ihn als Gentleman
oder nur als Erwachsenen zu be
handeln. Margot sagt das,
Margot, die ihm noch gestern nachts ihre Lippen ge-
schenkt. Er fhlt alles um si
ch kreisen, einen Nebel vor
seinen Augen. Ein Zorn packt
ihn an. Du mut es ja wis-
schwermtiges Dunkel. Schmerzhaft fllt diese Einsam-
keit ber das fiebernde Herz.
Der Knabe geht auf und ab.
Immer heftiger und schnel-
ler. Manchmal schlgt er zo
rnig gegen einen Baum oder
zerreibt die Rinde zwischen den Fingern, zerreibt sie so
sie wird nicht kommen, er hat
es ja gewut, aber doch w
ill er es nicht glauben, denn
dann kommt sie ja nie, nie mehr
wieder. Es ist seines Le-
bens bitterster Augenblick. Und
so leidenschaftlich jung
ist er noch, da er sich heftig hinwirft in das feuchte
Moos, die Hnde in die Erde
verkrallt, Trnen ber den
Wangen und leise, erbittert sc
hluchzend, wie er nie als
Kind geweint hat und nie mehr wird weinen knnen.
Da pltzlich weckt ihn ein leises Knacken im Gehlz aus
seiner Verzweiflung. Und wie er
aufspringt und mit blin-
den, tastenden Hnden nach
vorne, da hlt er und wun-
derbar ist dieser jhe, warm
e Anprall an seiner Brust
wieder den Krper in den Armen, von dem er wild ge-
trumt. Ein Schluchzen schumt aus seiner Kehle, sein
ganzes Sein ist gelst in
einen unerhrten Krampf, und er
pret diesen hohen, vollen Leib
so herrisch an sich, da
von den fremden und stummen Li
Und wie er sie unter seiner Kraf
t sthnen fhlt, da wei er
zum erstenmal, da er Herr ist ber sie und nicht wie ge-
stern, wie vorgestern die Beut
e ihrer Laune; ein Verlangen
packt ihn, sie zu qulen fr
die Qual, die er durch hundert
Stunden geschleppt, sie zu zch
tigen fr ihren Trotz, fr
diese verchtlichen Worte heute abend vor den andern, fr
das lgnerische Spiel ihres Lebens. Ha ist in seine bren-
nende Liebe zu ihr so unlsbar verflochten, da diese Um-
schlingung mehr ein Kampf ist
als eine Zrtlichkeit. Er
klemmt ihre schmalen Handgelenke, da sich ihr ganzer
keuchender Krper zitternd mitw
und nur immer dumpf sthnt, er
wei nicht, ob in Lust
oder Schmerz. Aber kein Wort kann er ihr abzwingen.
sich lsende Reihe der Bume tiefer in den Garten hinein,
wo er wei, da die kleine F
ontne sprudelt, und lt ihr
Wasser sich ber die Hand schmeicheln, weies, silbernes
Wasser, das ihm leise zumurm
bislang war, ist von ihm ge-
sunken, der Rausch, Schauer und Krampf des Besitzes und
der Zorn des verwehrten Ge
heimnisses: wehmutss und
, eine schon fast sehnsuchts-
lose, aber doch bermchtige Liebe.
Warum hat er sie so gequl
t? Hat sie ihm denn nicht un-
sagbar viel gegeben in diesen
drei Nchten, war nicht sein
Leben aus einer trben Dmmer
ung pltzlich in ein fun-
kelndes und gefhrliches Lich
er ihren Namen nennen will,
nie eine verwehrte Frage erzwingen.
Silbern rauscht das Wasser,
und er mu an
ihre Trnen
denken. Vielleicht ist sie jetzt ganz allein in ihrem Zim-
mer, sinnt er weiter, und nur
diese flsternde Nacht hrt
auf sie, die alle belauscht und
me zu hren und doch verstrickt
zu sein, Seele in Seele,
wird ihm zur unertrglichen Qual. Und unwiderstehlich
wird die Sehnsucht nach ihrer Nhe, und sei es nur vor ih-
rer Tr zu liegen wie ein H
hellt, ihr Gesicht zu erke
nnen, das sie ngstlich heran-
beugt, um in den schlummer
nden Garten niederzusehen,
nach ihm zu sehen. Und da berwltigt ihn sein wildes
Gefhl, verhalten und doch drngend, ruft er ihren Namen
War das nicht ein Huschen
wie ein Schleier, wei und schne
ll ber die blanke Flche?
Deutlich glaubt er es gesehen zu haben. Er horcht. Aber
nichts regt sich. Rckwrts schwillt der leise Atem der
schlaftrunkenen Bume und das
seidige Knistern im Grase
leise an vom trgen Wind, wird wieder ferner und wieder
lauter, eine warme Woge, die
leise verrauscht. Ruhig at-
met die Nacht, und stumm steht
das Fenster, ein silberner
Rahmen um ein abgedunkeltes Bild. Hat sie ihn nicht ge-
hrt? Oder will sie ihn nicht
mehr hren? Dieser zitternde
Glanz um das Fenster macht ihn ganz wirr. Sein Herz
schlgt das Verlangen hart au
s der Brust heraus gegen die
Rinde des Baumes, die zu zittern scheint vor so ungest-
he, will er dann mit ihr spr
echen und nicht eher wieder
niedersteigen, ehe sie ihm nicht vergeben hat. Keine Se-
kunde berlegt er, nur das Fens
se glnzen und sprt den Baum
an seiner Seite, stmmig
und bereit, ihn zu tragen. Ei
n paar rasche Griffe, ein
streifen, und schon der Lichtstrahl blank auf ihn fllt, wie
er sich vorbeugt und bebt schw
ankt sein Krper, verliert
Ein leiser dumpfer Schlag fllt auf den Rasen wie von
einer schweren Frucht. Oben
beugt sich, beunruhigt blik-
kend, eine Gestalt zum Fenster
hinaus, aber das Dunkel ist
reglos und still wie ein Teic
seine Flut genommen. Bald lscht oben das Licht, und der
Garten geistert wieder im
unsichern Dmmerglanz ber
Nach ein paar Minuten erwach
t der Gestrzte aus seiner
drngt hin, um ihm zu helfen.
Vorsichtig trgt man ihn auf
das Sofa. Er kann noch gerade
etwas lallen, er sei die
Treppe hinabgestrzt, wie er in den Park gehen wollte,
Schleifen vor seinen Augen
nieder, zittern hin und her
er von nichts mehr wei.
Ein Pferd wird gesattelt, und ei
schreckte Schlo: Lichter zitte
rn wie Johanniskfer in den
Gngen auf, Stimmen flstern
und fragen aus den Tren
heraus, die Diener kommen
endlich trgt man den Ohnmch
tigen hinauf in sein Zim-
mer.
Der Arzt konstatiert einen
Beinbruch und beruhigt alle,
da keine Gefahr sei. Nur lange msse der Verunglckte
reglos liegen bleiben im Ve
rband. Wie man es dem Kna-
ben sagt, lchelt er matt. Es
trifft ihn nicht schwer. Denn
es ist schn so zu liegen,
lange allein, ohne Lrm und
Menschen, in einem hellen, hohen Zimmer, an das die
Bume mit den Wipfeln heranrauschen, wenn man tru-
men will von einer, die man liebt
. Es ist s, alles so in
Ruhe zu berdenken, leise Trume zu trumen von der ei-
nen, ungestrt zu sein von allen Verrichtungen und Pflich-
ten, traulich allein mit diesen zarten Traumbildern, die an
Schmerz erlitten habe, gibt dem Knaben ein sehr romanti-
sches und fast berschwengliche
s Selbstgefhl. Er htte
gerne eine Wunde gehabt, denkt
er sich, blutrot ber das
ein Ritter die Farben seiner Dame; oder es wre schn ge-
wesen, berhaupt nicht mehr zu erwachen, sondern unten
liegen zu bleiben, zerschmette
rt vor ihrem Fenster. Und
schon trumt er weiter, wie
sie dann morgens erwacht,
weil Stimmen unter ihrem Fenster lrmen und durchein-
ander rufen, wie sie sich neugierig niederbeugt und ihn
sieht, ihn, unter ihrem Fenste
schreckt und verwirrt ist er
immer von ihrer Gegenwart,
da er sie gar nicht anzusehen wagt; oft schliet er die Li-
der, um ihre Stimme besse
r zu hren, das Tnen ihrer
Worte tiefer in sich zu sa
ugen, diese eigene Musik, die
dann noch durch Stunden schwingend um ihn schwebt. Er
sehr, wenn er nur ihren Atem
vernimmt und so im tiefsten
das Alleinsein mit ihr im Raum, im Weltenraume sprt.
wieder in die laue Flut se
iner Trume badend strzen,
Nichts geschieht. Ihm ist nur,
als ob sie sich tiefer nie-
derbeugte zu ihm, als ob er diesen leisen Duft, diesen
feuchten, leisen Fliederduft, den er von ihren Lippen kennt,
Katze, die sich an ein
Kleid anschmiegt, wie eine kleine, weie Katze, die mit
eingezogenen Krallen sich ve
rliebt schnurrend an einen
heranmacht, und er erstaunte
nicht, wenn pltzlich ihre
Und wirklich: glnzt da nicht in diesem weien Heran-
streifen blinkender Blick? Ne
in: es ist nur ein Glanz von
lon, das von dem Armband nied
erzittert, das geheimnis-
illon, achteckig und pennygro.
Es ist Margots Hand, die seinen Arm liebkost, und das
Verlangen zuckt in ihm auf, diese leise, weie, unberingte,
nackte Hand an seine Lippen zu reien und zu kssen.
Aber da fhlt er ihren Atem
gehen, sprt Margots Gesicht
ganz nahe dem seinen, und da
kann er seine Lider nicht
den Blick auf in das nahe Ge
sicht, das erschreckt auffhrt
Und da, wie die Schatten des niedergebeugten Antlitzes
auffliegen und die Helle ber die erregten Zge hinfliet,
erkennt er und wie ein Schlag
zuckt es durch seine Glie-
Wie doch ihre Stimmen hnlich sind, denkt er. Und ant-
jener verzweifelten Sehnsucht nach dem Unerreichbaren.
nn in jenen Stunden war er ja
noch kindhaft in seiner Leidensc
r einen Blick in all den Ta-
gen, da seine Dankbarkeit doch htte ausstrahlen mssen
Am andern Morgen tritt da
nn Margot fr einen Augen-
blick an sein Lager. Er scha
uert vor ihrer Nhe und wagt
ihr nicht in die Augen zu sehen. Was sagt sie zu ihm? Er
hrt es kaum, das wilde Sausen in seinen Schlfen ist lau-
ter als ihre Stimme. Erst wie
sie von ihm geht, umfat er
wieder sehnschtig mit dem Blick ihre ganze Gestalt. Er
fhlt: nie hat er sie mehr geliebt.
streifen, und ihre Stimme ist se
hr leise, ein wenig umflort.
als ob seit jener St
unde, da das Geheimnis zwischen ihnen
aufdmmerte, auch die Unsicherheit verlorengegangen
wre. Aber doch wagen sie ni
e davon zu reden, von diesen
Stunden im Dunkel des Gartens.
Hand ihm bers Haar. Und sagt dann ganz verhauchend,
mit einer zrtlichen Traurigkeit in der Stimme: Du liebst
ja doch nur Margot. Bis an sein Herz fhlt er den hinge-
benden Ton, diese leise widerstandslose Verzweiflung, bis
in die Seele den Namen, der ihn
wagt nicht zu lgen in dieser Minute. Er schweigt.
Sie kt ihm noch einmal ganz
leicht, fast schwesterlich
Das ist das einzige Mal,
paar Tage noch, und dann fhren Sie den Genesenden hin-
ab in den Garten, wo schon die ersten falben Bltter sich
ber dem Weg nachjagen und der verfrhte Abend bereits
an die Melancholie des Herbst
es erinnert. Und wieder ein
paar Tage, und er geht schon mhsam allein und nun zum
und die andere ihn. Sehr bla
war er und irgendein herber
Zug auf seinem Gesicht, der ihn nicht mehr wie einen
Knaben scheinen lie. Zum ersten Male sah er aus wie ein
anzogen und er sah, wie
Margot sich gleic
hgltig abwandte, um die Treppe hinauf-
le Garten zu werden, immer weiter die Landschaft, und
schlielich war all das, was er
erlebt hatte, unsichtbar hin-
ter seinem Blick und nur me
hr drngende Erinnerung.
Zwei Stunden Fahrt fhrten ihn
zur nahen Station. Und am
Ein paar Jahre noch, und er war kein Knabe mehr. Aber
jenes erste Erlebnis war zu heftig in ihm lebendig gewor-
keine Sehnsucht mehr, zu su
chen, was ihm so frh schon
in seine zitternden, ngstlich
nachgebenden Knabenhnde
gefallen war. Durch viele Lnder
ist er gereist, einer jener
korrekten stillen Englnder, di
weil sie so schweigsam sind und weil ihr Blick khl an
den Gesichtern der Frauen
und an ihrem Lcheln vorber-
e, das Dunkel sickert in ihr
Blut, und all die hellen und bunt
en Worte, die sie tragen,
haben dann einen so vollen und schweren Klang, als k-
men sie aus unserm eigensten Leben.
Die beiden Kinder sind nun allein in ihrem Zimmer. Das
Licht ist ausgelscht. Dunkel
liegt zwischen ihnen, nur von
Ja, aber du darfst es niemandem sagen, wirklich nie-
mandem, der Mama nicht und nicht deiner Freundin.
Nein, nein! Sie ist schon ungeduldig. Was ists also!
h hinber in ihr Zimmer,
weit du, ganz leise, um sie zu berraschen. Ganz vorsich-
tig mach ich also die Tr auf. Zuerst habe ich geglaubt, sie
ist nicht im Zimmer. Das Licht hat gebrannt, aber ich hab
sie nicht gesehn. Da pltzlich ich bin furchtbar er-
schrocken hr ich jemand weinen und seh auf einmal,
da sie ganz angezogen auf de
Verliebt? Die Jngere zuckt
nur so auf. Verliebt? In
wen?
Hast du gar nichts bemerkt?
Doch nicht in Otto?
Nicht? Und er nicht in sie? Warum hat er denn, der
immer so dumm. Aber ich habe
noch rechtzeitig bemerkt,
da er uns nur als Vorwand nimmt.
Ich wei nicht, sagt die ltere ganz trumerisch, ich
Und einmal noch, leise und bedauernd, von schon
schlafmden Lippen weht es herber: Das arme Frulein!
Und dann wird es still im Zimmer.
Am nchsten Morgen reden sie nicht wieder davon, und
doch, eine sprt es von der a
ndern, da ihre Gedanken das
gleiche umkreisen. Sie gehen
aneinander vorbei, weichen
sich aus, aber doch begegnen sich unwillkrlich ihre Blik-
mit ihm, aber unter den gesenkt
en Lidern schielen sie im-
mer hin, ob er sich mit ihrem Frulein verstndige. Eine
Unruhe ist in beiden. Sie spie
len heute nicht, sondern tun
in ihrer Nervositt, hinter das Geheimnis zu kommen, un-
ntze und gleichgltige Dinge. Ab
ends fragt nur die eine,
khl, als ob es ihr gleichgltig
Aber wenn jemand kommt?
Wer denn?
Mama.
Weit du was? Ich horche
an der Tr, und du bleibst
drauen im Gang und gibst mir ein Zeichen, wenn jemand
kommt. So sind wir sicher.
Die Kleine macht ein verdrossenes Gesicht. Aber du
erzhlst mir dann nichts!
Wirklich alles aber alles!
Ja, mein Wort darauf. Und du hustest, wenn du jeman-
den kommen hrst.
Sie warten im Gang, zitternd, aufgeregt. Ihr Blut pocht
wild. Was wird kommen? Eng drcken sie sich aneinander.
Richtig: es ist Otto. Er fat die Klinke, die Tr schliet
sich. Wie ein Pfeil schiet die
ltere nach und drckt sich
an die Tr, ohne Atemholen horchend.
Die Jngere sieht sehnsch
tig hin. Die Neugierde ver-
brennt sie, es reit sie vom angewiesenen Platz. Sie
schleicht heran, aber die Schwester stt sie zornig weg.
Die ltere macht ein nachdenkliches Gesicht. Endlich
sagt sie, ganz versonnen, wie zu
sich selbst: Ich verstehe
Was?
Es ist so merkwrdig.
Was was ? Die Jngere keucht die Worte nur so
heraus. Nun versucht die Schw
ester sich zu besinnen. Die
Kleine hat sich an sie gepre
t, ganz nah, damit ihr kein
Es war ganz merkwrdig so ganz anders, als ich
mir es dachte. Ich glaube, wi
e er ins Zimmer kam, hat er
sie umarmen wollen
oder kssen, denn
sie hat zu ihm ge-
sagt: La das, ich hab mit di
r Ernstes zu bereden. Sehen
habe ich nichts knnen, der
Schlssel hat von innen ge-
steckt, aber ganz genau geh
rt habe ich. Was ist denn
los? hat der Otto
darauf gesagt, doch
reden hren. Du we
it doch, er redet sonst gern so frech
und laut, das hat er ab
er so zaghaft gesa
gesprt habe, er hat irgendwie
Angst. Und auch sie mu
gemerkt haben, da er lgt,
denn sie hat nur ganz leise
gesagt: Du weit es ja sc
hon. Nein, ich wei gar
nichts. So, hat sie da
gesagt und so traurig, so
furchtbar traurig , und wa
rum ziehst du dich denn auf
einmal von mir zurck? Seit
acht Tagen hast du kein
h wirklich nicht verdient
um dich. Ich habe ja nichts
gen uns. Darum ist sie
auch so traurig.
Aber geh, damals hat sie doc
h Otto noch gar nicht ge-
Sie schweigen wieder, ratlos, unschlssig herumgr-
belnd. Der Gedanke peinigt si
e. Und wieder fngt die
Kleinere an: Ein Kind, das
ist ganz unmglich! Wieso
kann sie ein Kind haben? Sie
vor den Tren horchen sie, um
sie oft da und schaut tru
merisch vor sich hin. Dann
schleichen die Mdchen auf den Zehen herum, um sie
nicht zu stren, sie spren dum
Nach Tisch sagt die Mutter
leichthin zum Frulein: Bit-
te, kommen Sie dann in mein Zimmer. Ich habe mit Ihnen
zu sprechen. Das Frulein neigt leise den Kopf. Die
Mdchen zittern heftig, sie s
nichts. Der liebe Gott wird schon weiterhelfen. Und so
jemand will Erzieherin sein, Mdchen heranbilden. Eine
Frechheit ist das. Sie glaube
n doch nicht, da ich Sie in
diesem Zustande noch lnger im Hause behalten werde?
Die Kinder horchen drauen. Schauer rinnen ber ihren
Krper. Sie verstehen das alles nicht, aber es ist ihnen
furchtbar, die Stimme ihrer Mu
tter so zornig zu hren, und
Ja, das war furchtbar. Aber
wie auch Mama mit ihr ge-
schrien hat. Das war gemein, ich sage dir, das war ge-
mein.
Sie stampft auf mit dem Fu.
Trnen verhllen ihr die
Augen. Da kommt das Frulein
herein. Sie sieht sehr m-
Kinder, ich habe heute nachmittag zu tun. Nicht wahr,
ihr bleibt allein, ich kann mich auf euch verlassen? Ich se-
Sie geht, ohne die Erregung der Kinder zu merken.
Hast du gesehen, ihre Augen waren ganz verweint. Ich
verstehe nicht, da Mama mit ihr so umgehen konnte.
Das arme Frulein!
Es klingt wieder auf, mitleidig und trnentief. Verstrt
stehn sie da. Da kommt ihre
Mutter herein und fragt, ob sie
mit ihr spazierenfahren wollen. Die Kinder weichen aus.
Sie haben Angst vor Mama. Und dann emprt es sie, da
ihnen nichts ber die Verabschiedung des Fruleins gesagt
n. Wie zwei Schwalben in ei-
nem engen Kfig schieen si
e hin und her, erdrckt von
dieser Atmosphre der Lge und des Verschweigens. Sie
berlegen, ob sie nicht hinein zum Frulein sollen und sie
fragen, mit ihr reden ber alles, da sie dableiben solle und
da Mama unrecht hat. Aber sie haben Angst, sie zu krn-
ken. Und dann schmen sie sich: alles, was sie wissen, ha-
ben sie ja erhorcht und ersch
lichen. Sie mssen sich dumm
stellen, dumm, wie sie es waren bis vor zwei, drei Wochen.
So bleiben Sie allein, einen
endlosen langen Nachmittag,
grbelnd und weinend und immer diese schreckhaften
Stimmen im Ohr, den bsen, herzlosen Zorn ihrer Mutter
und das verzweifelte Schluchzen des Fruleins.
Abends sieht das Frulein flchtig zu ihnen herein und
sagt ihnen gute Nacht. Die Ki
nder zittern, da
sie sie hin-
Wie kannst du noch fragen!
Ich hab mir gedacht, sie hatte doch weie Rosen so
gern, und da denk ich, weit du, wir knnten ihr morgen
frh, ehe wir in die Schule gehen, ein paar kaufen, und die
Wann aber?
Da ist sie sicher schon fort. Weit du, da lauf ich lieber
ganz in der Frh hinunter und hole sie rasch, ohne da es
jemand merkt. Und die bringe
n wir ihr dann hinein ins
Sie nehmen ihre Sparbchsen, schtten redlich ihr gan-
zes Geld zusammen. Nun sind sie wieder froher, seit sie
wissen, da sie dem Frulein ihre stumme, hingebungsvol-
Ganz zeitig stehen sie dann auf. Wie sie, die schnen vol-
len Rosen in der leicht zitternden Hand, an die Tr des
schon gestern abend weggegangen sein. Warum hat man
uns nichts davon gesagt?
Die Mutter merkt gar nicht den bsen, herausfordernden
Ton. Sie ist bla geworden und
geht hinein zum Vater, der
Nachmittags taucht pltzlich Otto auf. Man hat ihn her-
entschlossene Feinde, die nicht mehr verzeihen knnen.
Denn seit gestern sind sie keine Kinder mehr.
An diesem Nachmittag werden sie lter um viele Jahre.
Und erst, wie sie dann abends im Dunkeln ihres Zimmers
allein sind, erwacht in ihne
n die Kinderangst, die Angst
vor der Einsamkeit, vor den Bildern der Toten und dann
eine ahnungsvolle Angst vor unbestimmten Dingen. In der
allgemeinen Erregung des Hauses hat man das Zimmer zu
So kriechen sie frstelnd
zusammen in ein Bett, um-
schlingen sich fest mit den mageren Kinderarmen und
pressen die schmalen, noch nicht aufgeblhten Krper ei-
ne an die andere, wie um Hilf
e zu suchen vor ihrer Angst.
Noch immer wagen sie nich
t mitsammen zu sprechen.
Aber jetzt bricht die Jngere endlich in Trnen aus, und
die ltere schluchzt wild mit. Eng umschlungen weinen
sie, baden sich das Gesicht mit den warmen, zaghaft und
Brust, die eine der anderen schluchzenden Sto auf und
geben ihn schauernd zurck. Ein einziger Schmerz sind
die beiden, ein einziger wein
ender Krper im Dunkel. Es
ist nicht mehr das Frulein,
um das sie weinen, nicht die
en sind, sondern ein jhes
Grauen schttelt sie, eine Angst vor alledem, was nun
kommen wird aus dieser unbeka
nnten Welt, in die sie heu-
te den ersten erschreckten B
Die Lokomotive schrie heiser
auf: der Semmering war er-
gleich. Alles in Luft und
Erde war Bewegung und grende
gern gesehen und sich seiner Unfhigkeit zur Einsamkeit
voll bewut. In ihm war keine
Neigung, sich selber allein
gegenberzustehen, und er vermied mglichst diese Be-
gegnungen, weil er intimere Beka
nntschaft mit sich selbst
gar nicht wollte. Er wute, da er die Reibflche von
Menschen brauchte, um all seine Talente, die Wrme und
den bermut seines Herzens aufflammen zu lassen, und er
allein frostig und sich selber
nutzlos war, wie ein Znd-
holz in der Schachtel.
Verstimmt ging er in der leer
en Hall auf und ab, bald un-
schlssig in den Zeitungen bltternd, bald wieder im Mu-
sikzimmer am Klavier einen Walzer antastend, bei dem
ihm aber der Rhythmus nicht
recht in die Finger sprang.
unter ihnen Beharrliche, de-
nen weit ber die Jugend hinaus das ganze Leben durch
diese Erwartung zum ewigen Abenteuer wird, denen sich
der einzelne Tag in hundert
kleine, sinnliche Erlebnisse
auflst ein Blick im Vorbergehen, ein weghuschendes
Lcheln, ein im Gegenbersitzen
gestreiftes Knie und
das Jahr wieder in hundert solcher Tage, fr die das sinnli-
che Erlebnis ewig flieende, nhrende und anfeuernde
Quelle des Lebens ist.
Hier waren keine Partner zu einem Spiele, das bersah
der Suchende sofort. Und keine Gereiztheit ist rgerlicher
als die des Spielers, der mit
den Karten in der Hand im
Bewutsein seiner berlegenheit vor dem grnen Tisch
sitzt und vergeblich den Partne
leicht ppigen Jdinnen im Alte
r knapp vor der berreife,
offenbar auch leidenschaftlich, aber erfahren, ihr Tempe-
rament hinter einer vornehmen Melancholie zu verbergen.
Er vermochte zunchst noch nicht in ihre Augen zu sehen
und bewunderte nur die schn geschwungene Linie der
Augenbrauen, rein ber einer za
fil scharf und interessant machte. Die Haare waren, wie
alles Weibliche an diesem vollen Krper, von einer auffal-
lenden ppigkeit, ihre Sc
hnheit schien im sichern
Selbstgefhl vieler Bew
geworden zu sein. Sie bestellte mit sehr leiser Stimme,
wies den Buben, der mit der Gabel spielend klirrte, zu-
recht all dies mit anschein
ender Gleichgltigkeit gegen
nicht zu bemerken schien, whrend es doch in Wirklich-
keit nur seine rege Wachsamkeit war, die ihr diese gebn-
Das Dunkel im Gesichte des
Barons war mit einem Male
aufgehellt, unterirdisch belebend liefen die Nerven hin,
strafften die Falten, rissen die
Muskeln auf, da seine Ge-
stalt aufschnellte und Lichter in den Augen flackerten. Er
war selber den Frauen nicht unhnlich, die erst die Ge-
n, um aus sich ihre ganze
Gewalt herauszuholen. Erst ei
n sinnlicher Reiz spannte
seine Energie zu voller Kraft. Der Jger in ihm witterte
hier eine Beute. Herausfordernd suchte sein Auge ihrem
Blick zu begegnen, der ihn manchmal mit einer glitzern-
den Unbestimmtheit des Vorbeisehens kreuzte, nie aber
blank eine klare Antwort bot
. Auch um den Mund glaubte
er manchmal ein Flieen wie von beginnendem Lcheln
zu spren, aber all dies war
unsicher, und eben diese Unsi-
cherheit erregte ihn. Das einz
ige, was ihm versprechend
Blick fest, bis er jede Linie ihres Gesichtes nachgezeich-
Rasche Freundschaft
Als der Baron am nchsten Morgen in die Hall trat, sah er
dort das Kind der schnen Unbekannten in eifrigem Ge-
sprch mit den beiden Liftboys, denen es Bilder in einem
Buch von Karl May zeigte. Se
ine Mama war nicht zuge-
gen, offenbar noch mit der Toile
und dem alles unfreundlich entwich. Einmal fate er einen
dieser neugierigen Blicke fest an, aber die schwarzen Au-
gen krochen sofort ngstlich in sich hinein, sobald er sie auf
der Suche ertappte, und duckten sich hinter gesenkten Li-
dern. Das amsierte den Baro
n. Der Bub begann ihn zu in-
teressieren, und er fragte sic
h, ob ihm dieses Kind, das of-
fenbar nur aus Furcht so scheu war, nicht als raschester
Vermittler einer Annherung dienen knnte. Immerhin: er
wollte es versuchen. Unauffllig
folgte er dem Buben, der
eben wieder zur Tre hinauspendelte und in seinem kindi-
schen Zrtlichkeitsbedrfnis di
e rosa Nstern eines Schim-
mels liebkoste, bis ihn er ha
tte wirklich kein Glck auch
hier der Kutscher ziemlich barsch wegwies. Gekrnkt und
Ich lese, und dann, wir gehe
n viel spazieren. Manchmal
fahren wir auch im Wagen, die Mama und ich. Ich soll
mich hier erholen, ich war krank. Ich mu darum auch viel
Dutzend. Wenn du hier brav bi
st, kriegst du einen von mir
geschenkt. Einen braunen mit
weien Ohren, einen ganz
jungen. Willst du?
Soll ich sie darum bitten?
Ja, bitte tun Sie das, jube
lte der Bub. Dann wird es
die Mama sicher erlauben. Und wie sieht er aus? Weie
Ohren hat er, nicht wahr? Kann er apportieren?
Ja, er kann alles. Der
Baron mute lcheln ber die
heien Funken, die er so rasch aus den Augen des Kindes
geschlagen hatte. Mit einem Male war die anfngliche Be-
von der Angst zurckgehal-
tene Leidenschaftlichkeit spr
udelte ber. In blitzschneller
Wenn nur die Mutter auch so
wre, dach
te unwillkr-
lich der Baron, so hei hinter
ihrer Angst! Aber schon
sprang der Bub mit zwanzig Fragen an ihm hinauf: Wie
heit der Hund?
Karo, jubelte das Kind. Es mute irgendwie lachen
und jubeln ber jedes Wort,
sogar, aus der ausweichenden Art, mit der Edgar die Frage
unablssig hinguckte, einmal sogar versuchte hinberzu-
sprechen, eine Unstatthaftigkeit, die ihm sofort von seiner
rde. Nach Tisch wurde ihm
ken, da sein klingender Name
auf die Eitle einen gewis-
sen Eindruck machte. Jedenfa
lls war sie von auerordent-
licher Zuvorkommenheit gege
n ihn, wiewohl sie sich
nichts vergab und sogar frhen Abschied nahm, des Buben
Der protestierte heftig, er
sei nicht mde und gerne be-
eiben. Aber schon hatte seine
Edgar schlief schlecht in dieser Nacht. Es war eine
Wirrnis in ihm von Glckseligkeit und kindischer Ver-
Erwachsenen eingegriffen. Er verga, schon im Halb-
traum, seine eigene Kindhe
it und dnkte sich mit einem
Male gro. Bisher hatte er, ei
nsam erzogen und oft krnk-
lich, wenig Freunde gehabt. F
r all sein Zrtlichkeitsbe-
drfnis war niemand dagewesen als die Eltern, die sich
wenig um ihn kmmerten, und
Gewalt einer Liebe wird immer falsch bemessen, wenn
man sie nur nach ihrem Anla
unreife Leidenschaft seiner
frheren Jahre umklammerte
das Bild dieses Menschen, dessen Namen er vor zwei
Aber er war doch klug genug,
Bedeutung und seltenem Reiz wa
ren, schienen ihm mit ei-
und kam, den Gru erwidernd, fr
lchelte zustimmend, als sie von dem beabsichtigten Spa-
kanntschaft eine Freundschaft
schen Lebensglut und Aufopferung zu bemerken. Sie ver-
ga bestndig im Gesprch,
ihren Gatten zu erwhnen, der
offenbar nur ihren ueren Bedrfnissen, nicht aber ihren
durch vornehme Lebensfhrung gereizten Snobismus zu
nnerlich eigentlich herzlich
wenig von ihrem Kinde. Ein
Melancholie in den dunklen Augen verschleiert, lag ber
ihrem Leben und verdunkelte ihre Sinnlichkeit.
Der Baron beschlo, rasch vor
zugehen, aber gleichzeitig
jeden Anschein von Eile zu vermeiden. Im Gegenteil, er
wollte, wie der Angler den Haken lockend zurckzieht,
dieser neuen Freundschaft sein
erseits uerliche Gleich-
gltigkeit entgegensetzen, wollte um sich werben lassen,
whrend er doch in Wahrheit
der Werbende war. Er nahm
sich vor, einen gewissen Hochmut zu outrieren, den Un-
terschied ihres sozialen Sta
ndes scharf herauszukehren,
wut zugefgten Beleidigung und war schon nahe daran,
Als der Baron dann abends zu Tisch kam, wurde er gln-
zend empfangen. Edgar sprang, ohne auf den abmahnen-
den Ruf seiner Mutter und das Erstaunen der anderen Leu-
te zu achten, ihm entgegen, umfate strmisch seine Brust
mit den mageren rmchen.
Wo waren Sie? Wo sind Sie
gewesen? rief er hastig.
Wir haben Sie berall gesuch
r gewesen, aber heute er
trank ein paar Glser Champagner dazwischen, den er zu
Ehren der neuen Freundschaft
bestellt hatte bertraf er
sich selbst. Er erzhlte von i
ndischen Jagden, denen er als
atischen englischen Freun-
des beigewohnt hatte, klug di
es Thema whlend, weil es
indifferent war und er anderse
its sprte, wie alles Exoti-
sche und fr sie Unerreichbare
diese Frau erregte. Wen er
aber damit bezauberte, das war vor allem Edgar, dessen
Augen vor Begeisterung flammten. Er verga zu essen, zu
trinken und starrte dem Erzhler die Worte von den Lip-
pen weg. Nie hatte er gehofft,
einen Menschen wirklich zu
sehen, der diese ungeheuren Dinge erlebt hatte, von denen
er in seinen Bchern las,
Menschen, die Hindus und das
bare Rad, das tausend Menschen unter seinen Speichen
begrub. Bislange hatte er nie da
ran gedacht, da es solche
Menschen wirklich gbe, so
wenig wie er die Lnder der
Mrchen glaubte, und diese Sekunde sprengte in ihm ir-
gendein groes Gefhl zum
ersten Male auf. Er konnte
den Blick von seinem Freunde nicht wenden, starrte mit
gepretem Atem auf die Hnde
da hart vor ihm, die einen
Tiger gettet hatten. Kaum wa
fr sie die offenkundigste De
mtigung vor den Erwachse-
nen ist, das Eingestndnis,
das Stigma der Kindheit, des
hlafbedrftigkeit. Aber wie
furchtbar war solche Schmach in diesem interessantesten
Augenblick, da sie ihn solche unerhrte Dinge versumen
Nur das eine noch, Mama, das von den Elefanten, nur
das la mich hren!
Die Mutter blieb noch eine Zeitlang unten mit dem Baron
bei Tisch, aber sie sprachen nicht von Elefanten und Jagden
mehr. Eine leise Schwle, eine rasch auffliegende Verle-
genheit kam in ihr Gesprch, seit der Bub sie verlassen hat-
Sie sprang sofort empor, dem ersten Erschrecken gehor-
chend, und fhlte mit einem Ma
le, wie verwegen weit sie
sich vorgewagt hatte. Ihr war sonst das Spiel mit dem
schon ein Bedauern, da er es nicht tat. In dieser Stunde
htte das geschehen knnen, was sie seit Jahren unbewut
ersehnte, das Abenteuer, dessen nahen Hauch sie wollstig
liebte, um ihm bisher immer im letzten Augenblick zu
entweichen, das groe und gef
hrliche, nicht nur der flch-
tige, aufreizende Flirt. Aber
der Baron war zu stolz, einer
gnstigen Sekunde nachzulaufen. Er war seines Sieges zu
gewi, um diese Frau ruberisch in einer schwachen, wein-
trunkenen Minute zu nehmen, im Gegenteil, den fairen
Spieler reizte nur der Kampf und die Hingabe bei vollem
Bewutsein. Entrinnen konnte sie ihm nicht. Ihr zuckte,
das merkte er, das heie Gift schon in den Adern.
Oben auf der Treppe blieb
sie stehen, die Hand an das
keuchende Herz gepret. Si
e mute ausruhen eine Sekun-
de. Ihre Nerven versagten.
Ein Seufzer brach aus der
Brust, halb Beruhigung, eine
r Gefahr entronnen zu sein,
halb Bedauern; aber das alle
s war verworren und wirrte im
Blut nur als leises Schwindligsein weiter. Mit halbge-
schlossenen Augen, wie eine
Warum denn?
Wegen der Elefanten.
Was fr Elefanten?
Nacht lie es ihn bald bere
uen, die Minute nicht mit har-
tem Griff gepackt zu haben. Als er morgens, noch von
Schlaf und Mimut umwlkt,
hinunterkam, sprang ihm
der Knabe aus einem Versteck entgegen, schlo ihn begei-
stert in die Arme und begann ihn mit tausend Fragen zu
qulen. Er war glcklich, seinen
groen Freund wieder ei-
ne Minute fr sich zu haben und nicht mit der Mama teilen
zu mssen. Nur ihm sollte er erzhlen, nicht mehr Mama,
bestrmte er ihn, denn die h
ihm nichts von all den wunderbaren Dingen wiedergesagt.
Endlich, als der Zeiger fast
wie sich pltzlich erinnernd, f
r ihn ins andere Hotel blo
einen Augenblick hinberzugehen, um dort nachzufragen,
stern Mittelpunkt ihres Beisam
menseins gewesen war! Sie
sprachen beide ber ihn hinw
lachten, als ob er unter den Ti
stieg ihm zu den Wangen, in der Kehle sa ein Knollen,
der ihm den Atem erwrgte. Mit Schauern wurde er seiner
und sollte sich nicht wehren
knnen, nicht anders als
durch Schweigen? Ihm war,
als mte er aufstehen und
pltzlich mit beiden Fusten auf den Tisch losschlagen.
Nur damit sie ihn bemerkten. Aber er hielt sich zusam-
men, legte blo Gabel und Messer nieder und rhrte kei-
nen Bissen mehr an. Aber auch dies hartnckige Fasten
merkten sie lange nicht, erst
ben, ein bichen nachlernen! Wi
eder ballte er die kleine
Kinderfaust. Immer wollte sie ihn vor seinem Freund de-
mtigen, immer daran ffentlich erinnern, da er noch ein
Kind war, da er in die Sc
hule gehen mute und nur ge-
wandern. In seinem Herzen h
mmerte ein kleiner, hastiger
Hammer: der erste Verdacht.
Was hat sie so verwandelt? sann das Kind, das ihnen
im rollenden Wagen gegenbersa. Warum sind sie nicht
zieht immer die Stirne kraus, al
s sei er beleidigt. Ich habe
100
fassen, diesen Schlssel, der al
le Tren aufschliet, nicht
lnger mehr Kind sein, vor de
m man alles versteckt und
verhehlt, sich nicht mehr
Windhauch sprengt sie ihnen auf.
Edgar fhlte sich mit einem Male dem Unbekannten,
dem groen Geheimnis so greifb
ar nahe wie noch nie, er
sprte es knapp vor sich,
zwar noch verschlossen und un-
entrtselt, aber nah, ganz nah. Das erregte ihn und gab ihm
diesen pltzlichen, feierlic
hen Ernst. Denn unbewut ahn-
te er, da er am Rand seiner Kindheit stand.
Die beiden gegenber fhlten irgendeinen dumpfen Wi-
derstand vor sich, ohne zu ahnen, da er von dem Knaben
ausging. Sie fhlten sich e
ng und gehemmt zu dritt im
Wagen. Die beiden Augen ihnen gegenber mit ihrer dun-
kel in sich flackernden Glut behinderten sie. Sie wagten
kaum zu reden, kaum zu blicken. Zu ihrer vormaligen
101
der heien Vertraulichkeiten, jener gefhrlichen Worte, in
denen die schmeichelnde Unzchtigkeit von heimlichen
102
rck. Der Baron zahlte dem Kutscher, sah auf die Uhr und
schritt gegen die Hall zu, ohne den Buben zu beachten. Er
ging vorbei an ihm mit seinem feinen, schlanken Rcken,
diesem rhythmisch leichten Wiegegang, der das Kind so
bezauberte und den es gest
ern schon nachzuahmen ver-
sucht hatte. Er ging vorbei, gl
den Knaben vergessen und lie ihn stehen neben dem Kut-
gehrte er nicht zu ihm.
so vorbeiging, ohne ihn mit dem Mantel zu streifen, ohne
ihm ein Wort zu sagen, der si
ch doch keiner Schuld bewut
war. Die mhsam bewahrte Fassung zerri, die knstlich
erhhte Last der Wrde glitt
ihm von den zu schmalen
Schultern, er wurde wieder ein Kind, klein und demtig
wie gestern und vordem. Es ri ihn weiter wider seinen
Willen. Mit rasch zitternden Schritten ging er dem Baron
nach, trat ihm, der eben die Treppe hinauf wollte, in den
Weg und sagte gepret, mit schwer verhaltenen Trnen:
103
dieses Kindes so frech ge
spielt zu haben, und diese dnne,
von unterirdischem Schluchzen geschttelte Stimme tat
104
nverstndnisses, irgendeines
Geheimnisses. Der Baron hatte
ihn also verraten. Deshalb
also der frhe Aufbruch: er so
llte heute eingewiegt werden
in Sicherheit, um ihnen morg
en nicht mehr im Wege zu
Schuft, murmelte er.
Was meinst du? fragte die Mutter.
Nichts, stie er zwischen
den Zhnen heraus. Auch er
105
Auch gegen seine Mama
war Edgar khl und hflich.
hn auf den Tennisplatz zu
schicken, wies er ruhig zurck. Sein Lcheln, knapp an
den Lippen aufgerollt und leise von Erbitterung gekru-
106
107
Sein bses Schweigen zerri
wie eine Sure ihre gute
Laune, sein Blick vergllte
ihnen das Gesprch von den
kein einziges werbendes
Wort mehr, er sprte, mit Zo
rn, diese Frau ihm wieder
entgleiten, ihre mhsam angefachte Leidenschaftlichkeit
108
waren. Sie warf den Sonnenschirm und ihre Handschuhe
rgerlich weg. Edgar merkte sofort, da ihre Nerven erregt
waren und nach Entladung verlangten, aber er wollte einen
Ausbruch und blieb mit Absicht im Zimmer, um sie zu
109
wesen, um sie zu rgern, aber man lernt viel und rasch im
so irgendwie verstrickt sein
in dieses heie Geheimnis. Papa mute irgendeine gehei-
me Macht ber die beiden habe
n, die er nicht kannte, denn
schon die Erwhnung seines Namens schien ihnen Angst
110
111
Ich gebe nur die zwei Brie
112
Er lief hinaus in den Wald, gerade konnte er sich noch
113
mit Ihnen reden. Sie haben si
ch niedertrchtig benommen.
Sie haben mich angelogen. Sie wuten, da meine Mama
114
vor dem Blick des Kindes, diesem neuen, fremden, so
merkwrdigen Blick, der sie lhmte und unsicher machte.
Aus Furcht beschlo sie, es mit Milde zu versuchen. Denn
bei einem Kampf war, das wute
sie, dieses gereizte Kind
war immer so lieb gegen dich.
Ihr wurde unbehaglich. Unsinn! Was fllt dir ein. Wie
115
hat und warum er zu dir freundlich ist, aber auch von dir
116
Diese Stimme, weich und fast
in Trnen, klang wie aus
ihrem eigenen Herzen. In ihr war seit gestern ein Mibe-
hagen erwacht, das ihr dasselb
e sagte: eindringlicher und
eindringlicher. Aber sie sch
mte sich, dem eigenen Kinde
117
eigenes Kind herumgehen
zu sehen. Bisher war dieses Kind neben ihrem Leben ge-
wesen, ein Schmuck, ein Spielzeug, irgendein Liebes und
118
berall spre, wenn ich unter
Erwachsenen bin, vor dem
sie die Tre zuschlieen in der Nacht, das sie in leises Ge-
stohlen und sie gelesen, und alle
diese merkwrdigen Din-
ge waren darin, nur da ich si
e nicht verstand. Es mu ir-
gendwie ein Siegel daran sein,
das erst abzulsen ist, um
es zu finden, vielleicht in mi
r, vielleicht in den anderen.
Ich habe das Dienstmdchen ge
119
schlafen, sie vergessen, da ma
n sich auch schlafend stel-
len kann und lauschen, da man sich dumm geben kann
und sehr klug sein. Jngst,
wie meine Tante ein Kind be-
kam, haben sie es lange vor
ausgewut und sich nur vor
mir verwundert gestellt, als
seien sie berrascht worden.
Aber ich habe es auch gewut, denn ich habe sie reden ge-
hrt, vor Wochen am Abend, als sie glaubten, ich schliefe.
Und so werde ich auch di
esmal sie berraschen, diese
Niedertrchtigen. Oh, wenn ich durch die Tre sphen
120
und schon sprang er. Es gab ein leises Gerusch von knir-
schendem Kies, das keiner vernahm.
In diesen zwei Tagen war
ihm das Beschleichen, das
Lauern zur Lust seines Le
bens geworden. Und Wollust
121
ber flo khl ber die Landschaft. Geheimnisvoll war die-
ses Spiel zwischen Licht und Schatten und aufreizend wie
das Spiel einer Frau mit Bl
e und Verhllungen. Gerade
122
konnte alles deutlich sehen. De
123
sperrt hatte, steckte glcklic
herweise von auen, er drehte
ihn um, strzte ins Zimmer
124
Der berfall
Edgar trat atmend zurck vom Fenster. Das Grauen scht-
telte ihn. Noch nie war er in seinem Leben hnlich Ge-
heimnisvollem so nah gewesen. Die Welt der Aufregun-
gen, der spannenden Abenteuer, jene Welt von Mord und
125
fende, zgernde, sehr verlangs
amte Schritte, wie einen un-
endlich schweren und steilen Weg empor. Dazwischen
immer wieder Geflster und ein
vor Erregung. Waren es am Ende die beiden, blieb er noch
immer mit ihr? Das Flstern war zu entfernt. Aber die
Schritte, wenn auch noch zgernd, kamen immer nher.
126
beiden. Der Baron hat seiner Mutter den Arm um die Hf-
te geschlungen und fhrt si
e, die schon nachzugeben
scheint, leise fort. Jetzt macht er halt vor seinem Zimmer.
lang ersehnte, all die verratene Liebe, den aufgestapelten
Ha leidenschaftlich zu entladen. Er hmmert mit seinen
s, die Lippen verbissen in
127
Gebissene einen dumpfen Schrei aus und lt frei eine
Sekunde, die das Kind bentzt
, um in sein Zimmer zu
Eine Minute nur hat dieser mitternchtige Kampf gedau-
ert. Niemand rechts und links hat ihn gehrt. Alles ist still,
alles scheint in Schlaf ertrunken. Der Baron wischt sich
die blutende Hand mit dem Ta
in das Dunkel. Niemand hatte gelauscht. Nur oben flim-
mert ihm dnkt: hhnisch ein
128
Vormittag sein, aber die Uhr, die er erschreckt befragte,
129
seine Mutter aufstand, noch
immer, ohne seine Gegenwart
bemerkt zu haben, wute er nich
t, was er tun sollte: allein
hier beim Tisch sitzen bleiben oder ihr folgen.
Schlielich erhob er sich doc
h, ging demtig hinter ihr
her, die ihn geflissentlich
bersah, und sprte immer da-
bei, wie lcherlich sein Nachschleichen war. Immer klei-
ner machte er seine Schritte,
um mehr und mehr hinter ihr
zurckzubleiben, die, ohne ihn zu beachten, in ihr Zimmer
ging. Als Edgar endlich nachkam,
stand er vor einer hart
Was war geschehen? Er kannte sich nicht mehr aus. Das
sichere Bewutsein von gestern hatte ihn verlassen. War
er am Ende gestern im Unrecht gewesen mit diesem ber-
130
ihres Wesens aufgewhlt und
erschrak vor dieser unvor-
sichtig beschworenen Gewalt.
Kaum vermochte er zu es-
131
Edgar rhrte sich wieder, aber seine Mutter war fest.
Keine Widerrede. Da ist Pa
132
Edgar wurde zornig. Mit einem Ruck sprang er auf.
Ja, du hast um Hilfe gerufen, da drauen im Gang, ge-
stern nacht, wie er dich angefat hat. Lassen Sie mich,
lassen Sie mich, hast du gerufen. So laut, da ichs bis ins
Du lgst, ich war nie mit dem Baron im Gang hier. Er
hat mich nur bis zur
133
im Gang und den Striemen da? Und da ihr beide gestern
dort im Mondschein promeniert seid, und da er dich den
Weg hinabfhren wollte, das vi
elleicht auch
? Glaubst du,
ich lasse mich einsperren im Zimmer wie ein kleines
Kind! Nein, ich bin nicht so
dumm, wie ihr glaubt. Ich
Frech starrte er ih
r in das Gesicht,
und das brach ihre
Kraft: das Gesicht ihres ei
genen Kindes zu sehen, knapp
vor sich und verzerrt von Ha
. Ungestm brach ihr Zorn
Vorwrts, du wirst sofort
Oder was ? Herausforder
nd frech war jetzt seine
Stimme geworden.
Da fuhr ihm schon ihre Hand
ins Gesicht. Edgar schrie
auf. Und wie ein Ertrinkender, der mit den Hnden um
sich schlgt, nur ein dumpfes Brausen in den Ohren, rotes
Flirren vor den Augen, so hieb er blind mit den Fusten
zurck. Er sprte, da er in
134
Weiter drunten am Weg blieb er endlich stehen. Er mute
sich an einem Baum festhalte
n, so sehr zitterten seine
Glieder in Angst und Erregung,
so rchelnd brach ihm der
135
wnschte, diesen dummen Stolz, den ihm ein fremder
Mensch mit einer Lge ins Blut
gejagt hatte. Er wollte ja
nichts sein als das Kind von
vordem, gehorsam, geduldig,
ohne die Anmaung, deren lcherliche bertriebenheit er
hatte, irgendwie mit einem
eigenen Wert gefllt waren, einem besonderen Gewicht.
Er, der sich noch vor einer St
unde allwissend
dnkte, war,
136
dachte nur einzig daran, ob die zwanzig Kronen ausrei-
chen wrden, ihn bis zu seiner Gromutter zu bringen. Die
Schienen glnzten weit in
s Land hinaus, der Bahnhof war
leer und verlassen. Schchtern
schlich sich Edgar an die
Kasse hin und flsterte, dam
knnte, wieviel eine Karte nach Baden koste. Ein verwun-
dertes Gesicht sah hinter
dem dunklen Verschlag heraus,
zwei Augen lchelten hinter
Kind: Eine ganze Karte?
Ja, stammelte Edgar. Aber ganz ohne Stolz, mehr in
Bitte!
Erleichtert schob er das blanke
, vielgeliebte Stck hin,
Geld klirrte zurck, und Edgar
fhlte sich mit einem Male
wieder unsglich reich, nun, da
er das braune Stck Pappe
in der Hand hatte, das ihm di
e Freiheit verbrgte, und in
seiner Tasche die gedmpfte Musik von Silber klang.
Der Zug sollte in zwanzig Minuten eintreffen, belehrte
e sich in eine Ecke. Ein
paar Leute standen am Pe
Gedanken. Aber dem Beunruhigten
war, als shen alle nur
ihn an, als wunderten sich al
le, da so ein Kind schon al-
lein fahre, als wre ihm die
Flucht und das Verbrechen an
137
Spaten und Schaufel in den Hnden, saen gerade gegen-
ber und blickten mit dumpfen, trostlosen Augen vor sich
hin. Sie muten offenbar schw
Fenstern ins Freie. Und le
ise begann in seiner dunklen
chen, an dem er bisher vorbe
igegangen war. Zum ersten
Male war er vielleicht de
r Mutter und dem Vater selbst
Geheimnis geworden, wie ihm bislang die Welt. Mit ande-
ren Blicken sah er aus dem Fenster. Und es war ihm, als
ob er zum ersten Male alles Wirkliche she, als ob ein
Schleier von den Dingen gefa
zeigten, das Innere ihrer Absicht, den geheimen Nerv ihrer
Ttigkeit. Huser flogen vor
bei wie vom Wind weggeris-
sen, und er mute an die Menschen denken, die drinnen
138
wohnten, ob sie reich seien oder arm, glcklich oder un-
glcklich, ob sie auch die Sehnsucht hatten wie er, alles zu
wissen, und ob vielleicht Kinder dort seien, die auch nur
mit den Dingen bisher gespielt hatten wie er selbst. Die
Bahnwchter, die mit wehenden Fahnen am Weg standen,
schienen ihm zum ersten Male nicht, wie bisher, lose Pup-
pen und totes Spielzeug, Dinge, hingestellt von gleichgl-
tigem Zufall, sondern er verstand, da das ihr Schicksal
war, ihr Kampf gegen das Leben. Immer rascher rollten die
Rder, nun lieen die runden Serpentinen den Zug zum Ta-
le niedersteigen, immer sanfter wurden die Berge, immer
ferner, schon war die Ebene erreicht. Einmal noch sah er
zurck, da waren sie schon blau und schattenhaft, weit und
unerreichbar, und ihm war, als lge dort, wo sie langsam in
dem nebligen Himmel sich lsten, seine eigene Kindheit.
Aber dann in Baden, als der Zug hielt und Edgar sich al-
lein auf dem Perron befand, wo schon die Lichter ent-
flammt waren, die Signale grn und rot in die Ferne glnz-
ten, verband sich unversehens mit diesem bunten Anblick
Bei Tag hatte er sich noch
sicher gefhlt, denn ringsum
waren ja Menschen, man konnte sich ausruhen, auf eine
139
Hastig ging er den wohl
bekannten Weg, ohne nach
rechts und links zu blicken, bi
s er endlich vor die Villa
kam, die seine Gromutter bewohnte. Sie lag schn an ei-
ner breiten Strae, aber nicht
frei den Blicken dargeboten,
140
Aber auch droben in der sc
hattenden Finsternis der un-
chte. Es war der Wind, der
sie? Er konnte es nicht begr
eifen. Sie sprachen nicht mit-
einander, denn er hrte kein
e Stimmen, nur die Schritte
knirschten unruhig im Kies, und hie und da sah er in der
Lichtung ihre Gestalten flchtig wie Schatten vorber-
schweben, immer aber so in ei
ns verschlungen, wie er da-
mals seine Mutter mit dem Baron gesehen hatte. Dieses
141
Geheimnis, das groe, funkel
nde und verhngnisvolle, es
als wre die ganze ratlose
Dunkelheit dieser wirren N
acht nun in ihn gesunken und
zersprenge ihm die Brust.
Er sprang auf. Nur heim, heim, irgendwo zu Hause sein
im warmen, im hellen Zimmer, in irgendeinem Zusam-
menhang mit Menschen. Was konnte ihm denn gesche-
hen? Sollte man ihn schlagen
und beschimpfen, er frchte-
te nichts mehr, seit er dies
es Dunkel gesprt hatte und die
Angst vor der Einsamkeit.
Es trieb ihn vorwrts, ohne da
er sich sprte, und pltz-
lich stand er neuerdings vor
nd wieder an
142
der khlen Klinke. Er sah, wie
te, so war es nur, um dieses Vorgefhl inniger zu genie-
Da schrie hinter ihm eine Stimme mit gellem Erschrek-
Das Dienstmdchen seiner Gromama hatte ihn gesehen,
Die Tre wurde innen aufg
erissen, bellend sprang ein
Hund an ihm empor, aus dem Hause kam man mit Lich-
tern, er hrte Stimmen mit
freudigen Tumult von Schreien und Schritten, die sich n-
Mit verweinten Augen, zitter
nd und verschchtert, stand
er selbst inmitten dieses heien Ausbruchs berschwengli-
cher Gefhle, unschlssig, was er tun, was er sagen sollte,
143
Kind gegen drei Uhr am Bahns
chalter gesehen. Dort er-
fuhr man rasch, da Edgar ei
ne Karte nach Baden ge-
nommen hatte, und sie fuhr, ohne zu zgern, ihm sofort
nach. Telegramme nach Baden und Wien an seinen Vater
Stunden war alles in Bewegung nach dem Flchtigen.
144
145
Was ist dir eingefallen, du Kerl, davonzulaufen? Wie
kannst du deine Mutter so erschrecken?
Seine Stimme war zornig und in den Hnden eine wilde
Bewegung. Hinter ihm war mit
146
Na, wenn es dir leid tut,
dann ists sc
ich heute nichts mehr darber reden. Ich glaube, du wirst
schen verstanden zu haben, da
147
selbst wenn sie sich feindlich schienen, und da es sehr
s sei, von ihnen geliebt zu werden. Er war unfhig, an
r auch schon zu schlafbefan-
gen, um die Augen aufzutun. Da sprte er atmend ber
sich ein Gesicht weich, warm und mild das seine streifen
und wute, da seine Mutter es
zu sein, und da es durch diese Liebe schon verstrickt war
mit dem groen Geheimnis der Welt.
Als sie dann die Hand von ih
m lie, die Lippen sich den
seinen entwanden und die leise
Gestalt entrauschte, blieb
noch ein Warmes zurck, ein Hauch ber seinen Lippen.
Und schmeichlerisch flog i
hn Sehnsucht an, oft noch sol-
148
che weiche Lippen zu spren und so zrtlich umschlungen
zu werden, aber dieses ahnungs
volle Vorgefhl des so er-
sehnten Geheimnisses war schon umwlkt vom Schatten
150
nen Sommers verbrachte
ich in Cadenabbia, einem je
ner kleinen Orte am Comer
See, die dort zwischen wei
en Villen und dunklem Wald
so reizvoll sich bergen. Still und friedsam wohl auch in
den lebendigeren Tagen des Frhlings, wenn die Reisen-
den von Bellagio und Menaggi
o den schmalen Strand be-
schwrmen, war das Stdtchen in diesen warmen Wochen
e Einsamkeit. Das Hotel war
fast ganz verlassen: ein paar
versprengte Gste, jeder dem
andern durch die Tatsache merk
wrdig, sich so verlorene
Stelle zum Sommerau
fenthalt erwhlt zu haben, wunder-
ten sich jeden Morgen, den a
ndern noch standhaft zu fin-
den. Am erstaunlichsten war di
es mir bei einem lteren,
sehr vornehmen und kultivierten Herrn, der dem Ausse-
hen nach ein Mitteltypus zwis
chen korrektem englischem
Staatsmann und einem Pariser Coureur , ohne zu irgend-
welchem Seesport Zuflucht
zu nehmen, den Tag damit
tten sinnend
vor sich in
der Luft zergehen zu sehen ode
r ab und zu in einem Buche
zu blttern. Die drckende
Einsamkeit zweier Regentage
und sein offenes Entgegenkommen gaben unserer Be-
kanntschaft rasch eine Herz
lichkeit, die der Jahre Un-
gleichheit fast ganz berbrc
kte. Livlnder von Geburt, in
Frankreich und spter in Engl
je, ohne stndigen Aufenthalt se
it Jahren, war er heimatlos
in dem edlen Sinne derer, die, Wikinger und Piraten der
Schnheit, aller Stdte Kost
barkeiten im ruberischen
Flug in sich versammelt haben. Dilettantisch war er allen
Knsten nahe, aber strker als die Liebe war seine vor-
151
nehme Verachtung, ihnen zu di
enen: er dankte ihnen tau-
send schne Stunden, ohne ihnen eine einzige schpferi-
die berflssig scheinen, weil sie sich keiner Gemeinsam-
zu ihm, als wir nach dem
Diner vor dem Hotel saen und
sahen, wie sich der helle
See langsam vor unserem Blick verdunkelte. Er lchelte:
Vielleicht haben Sie nicht unr
echt. Ich glaube zwar nicht
an Erinnerungen: das Erlebte
ist erlebt in der Sekunde, da
es uns verlt. Und Dichtung: geht das nicht ebenso
zugrunde, zwanzig, fnfzig, hundert Jahre spter? Aber
152
hren Sie! Es war natrlich ebenso einsam wie diesmal.
Tag Fische fngt, um sie abends wieder loszulassen und
am nchsten Morgen wieder einzufangen; es waren zwei
alte Englnderinnen da, deren
153
nen befllt, wenn man die verblhte Mutter mit der bl-
henden Tochter sieht, den Schatt
en hinter der Gestalt, der
Gedanke, da in jeder Wange
die Falte, in jedem Lachen
die Mdigkeit, in jedem Tr
aume schon die Enttuschung
154
Klappern der Nadeln rechts und links, die kalten, bedch-
tigen Blicke der beiden Da
men. Ein unendliches Mitleid
kam mich an. Und doch, ich konnte mich ihr nicht nhern,
in diesem Augenblick, und dann, mein Abscheu vor Fami-
lienbekanntschaften und besonders
Bekanntschaft ltlicher
Brgerdamen erdrosselte jede
Mglichkeit. Da versuchte
ich eine merkwrdige Sache. Ich dachte: dies ist ein jun-
n, das erstemal wohl in
Italien, das ja in Deutschl
and, dank dem Englnder Shake-
speare, der nie dort gewesen is
t, als das Land der romanti-
schen Liebe gilt, der Romeos
, der heimlichen Abenteuer,
der fallenden Fcher, blitzenden Dolche, der Masken,
Duennas und der zrtlichen Briefe. Sicherlich trumt sie
von Abenteuern, und wer kennt Mdchentrume, diese
weien, wehenden Wolken, die ziellos im Blau schweben
und so wie die Wolken immer am Abend in heieren Far-
ben, in Rosa und dann in brennendem Rot erglhen?
Nichts wird ihr hier Unwahrscheinlichkeit, Unmglichkeit
dnken. So entschlo ich mic
Und noch am selben Abend schrieb ich einen langen
Brief demtiger und respektvoller Zrtlichkeit, voll
fremdartiger Andeutungen und ohne Unterschrift. Einen
Brief, der nichts verlangte,
nichts verhie, berschweng-
h, kurz, einen romantischen
Liebesbrief wie aus einem Versstck. Und da ich wute,
st gejagt, als erste beim
155
verbarg, und dann, wie sie un
ruhig, nervs sa, das Frh-
stck kaum berhrend und
irgendwohin in die schattige
n, unbelebten Gnge, das ge-
heimnisvolle Schreiben zu en
so gro ist, da Sie mit ihnen das uerste wagen knnen,
weil sie so hilflos sind und lieber das rgste erdulden, ehe
sich mit einem Worte andern
anzuvertrauen. Lchelnd sah
ich ihr nach und freute mich, wie sehr mein Spiel gelungen
war. Da kam sie schon zurck, und ich fhlte mein Blut
pltzlich an der Schlfe: da
glhende Welle hatte ihr Gesicht bergossen, und eine s-
e Verlegenheit machte sie ungelenk. Und so den ganzen
Tag. Zu jedem Fenster flog ihr
Blick auf, als knnte er dort
das Geheimnis fassen, jeden Vorberschreitenden umkrei-
ste er, und einmal fiel er auch auf mich, der ihm vorsichtig
auswich, um sich nicht durch ein Blinken zu verraten; aber
in dieser blitzschnellen Sekunde hatte ich ein Feuer der
Frage gefhlt, vor dem ich fast erschrak, und wieder nach
Jahren empfunden, da keine Wollust gefhrlicher, verlok-
kender und verderbter ist, als jenen ersten Funken in das
Auge eines Mdchens zu sprengen. Ich sah sie dann zwi-
schen den beiden sitzen mit schlfrigen Fingern und sah,
156
wie sie manchmal hastig an eine Stelle ihres Kleides griff,
von der ich sicher war, da sie den Brief verbarg. Nun
lockte mich das Spiel. Und noch am Abend schrieb ich ihr
einen zweiten Brief und so die nchsten folgenden Tage: es
wurde mir ein eigener erregender Reiz, die Empfindungen
en in meinen Briefen zu
verkrpern, Steigerungen einer Leidenschaft zu erfinden,
die nur ersonnen war, es wurde mir ein fesselnder Sport,
wie Jger ihn wohl haben mgen, wenn sie Schlingen le-
gen oder Wild vor ihre Lufe locken. Und so unbeschreib-
lich, fast schreckhaft war fr mich mein eigener Erfolg,
da ich schon dachte abzubrechen, htte die Versuchung
mich nicht so glhend an da
s begonnene Spiel gefesselt.
Eine Leichtigkeit, eine wilde Wirrnis wie von Tanz kam in
ihren Gang, eine eigene fiebrige Schnheit brach aus ihren
Zgen; ihr Schlaf mute ei
n Warten und Wachen auf den
Brief des Morgens sein, denn ihr Auge war dunkel in der
157
Nein, nein, bitte, erzhlen
Sie nur weiter. Ich meine
nur, Sie erzhlen sehr gut, Si
lent und wrden sicher das so gut erzhlen wie einer unse-
Damit wollen Sie mir wohl
hflich und vorsichtig an-
deuten, da ich erzhle wie Ihre deutschen Novellisten, al-
so lyrisch verstiegen, breit, sentimentalisch, langweilig. Ja,
ich will krzer sein! Die Marionette tanzte, und ich zog
Um von mir jeden Verdacht abzulenken denn manch-
mal fhlte ich, wie sich ihr
Blick prfend an dem meinen
anhalten wollte , hatte ich ih
r die Mglichkeit nahe ge-
stellt, da der Schreiber nich
t hier, sondern in einem der
nahen Kurpltze wohne und tglich im Boot oder mit dem
Dampfer herberkme. Und nun sah ich sie immer, wenn
die Glocke des nahenden
Schiffes klang, unter einem
Vorwand der mtterlichen Wacht entgleiten, wegstrmen
und von einem Winkel des Piers die Ankommenden mit
angehaltenem Atem mustern.
Und da geschah es einmal es war ein trber Nachmittag,
und ich wute nichts Besseres,
als sie zu beobachten , da
158
Spiel zwischen Wollen und Frchten, Sehnsucht und
Scham, in dem doch immer die se Schwche die Strke-
re ist. Er, sichtlich ermutigt, wenn auch berrascht, eilte
nach und war ihr schon nahe, und
ich fhlte mit Erschrek-
ken, wie sich alles zu einem bengstigenden Chaos ver-
wirren msse da kamen die beiden Damen den Weg ent-
entgegen, der junge Mann zog sich vorsichtig zurck, aber
noch trafen sich im Rckwenden einmal ihre Blicke, um
sich fieberhaft ineinanderzusaugen. Dieses Ereignis mahn-
te mich zuerst, dem Spiel ein Ende zu machen, aber doch
die Verlockung war zu stark,
und ich entschlo mich, die-
sen Zufall als willigen Gehilfen zu whlen, und schrieb ihr
am Abend einen ungewhnlich
langen Brief, der ihre
Vermutung besttigen mute. Es
reizte mich, nun mit zwei
Am nchsten Morgen erschreckte mich die zitternde
Verwirrung in ihren Zgen. Die schne Unrast war einer
mir unverstndlichen Nervositt gewichen, ihre Augen
159
einer Stunde hing, sie war fortgeschleppt worden aus ei-
nem sen Traum in irgendeine klgliche Kleinstadt. Dar-
an hatte ich vergessen. Und ic
nde Blatt ihre
Das Mdchen interessiert mich nicht weiter.
Das ist merkwrdig. Ich wieder wei nicht, was Sie an
dem jungen Mann finden knnen.
Solche Blicke, dieses
160
Feuer im Vorbersprhen, fngt
meisten bemerken es gar nicht, die anderen vergessen
rasch daran. Man mu alt werden, um zu wissen, da ge-
rade dies vielleicht das Edel
ste und Tiefste ist, das man
empfngt, das heiligste Vorrecht der Jugend.
Es ist auch gar ni
cht der junge Mann, der mich interes-
Sondern?
Ich wrde den lteren Herr
n, den Briefschreiber, um-
formen, ihn zu Ende dichten. Ich glaube, in keinem Alter
schreibt man ungestraft feurige Briefe und trumt sich in
zu beherrschen glaubt, da das Spiel schon ihn beherrscht.
Die erwachende Schnheit des Mdchens, die er als Beob-
achter nur zu sehen vermeint,
reizt und fat ihn tiefer. Und
der Augenblick, da ihm pltzlic
eine wilde Sehnsucht nach dem Spiel und dem Spiel-
zeug. Mich wrde jene Umkehr
in der Liebe reizen, die
die Leidenschaft eines alten Mannes der eines Knaben
sehr hnlich machen mu, we
il beide sich nicht ganz
vollwertig fhlen, ich wrde ihm das Bangen und die Er-
161
trichte Gedanken und aller-
hand unntige Trume. Gute Nacht!
Und er ging mit seinen el
astischen, aber doch von den
Jahren schon verlangsamten Schritten ins Dunkel zurck.
Es war schon spt. Aber die
Mdigkeit, die sonst von der
Wrme der weichen Nchte mich frh befing, war heute
zerstreut durch die Erregung, die im Blute aufklingt, wenn
einem Seltsames widerfhrt oder wenn man Fremdes fr
erlebt. So ging ich den
stilldunklen Weg entlang bis zu
r Villa Carlotta, die mit
marmorner Treppe in den S
162
her nahe wie Leuchtkfer
zwischen den Bumen funke
lten, schienen nun unendlich
ferne ber dem Wasser, und langsam
fielen sie, eins nach
dem anderen, in das schwere
lag der See, blank wie ein
von wirrem Feuer an den Kante
hellen Tasten, so griffen die pltschernden Wellen mit lei-
sem Schwall die Stufen auf und nieder. Endlos hoch schien
die bleiche Himmelsferne, auf der Tausender Sterne Fun-
keln war. Ruhevoll, in blitzendem Schweigen standen sie:
nur manchmal lste sich eine
r aus dem demantenen Reigen
jh los und strzte in die So
mmernacht hinein; hinein in
das Dunkel, in Tler, Schluchten, Berge oder ferne Wasser,
ahnungslos und von blinder Kraft geschleudert wie ein Le-
164
Der Band Erstes Erlebnis, vier Novellen aus Kinder-
seinem Tode geschrieben und erst posthum verffentlicht
Es hat guten Grund, wenn dieses Frhwerk nun in der
ursprnglichen Gestalt wieder
vorgelegt wird. Nicht als ob
damit eine literarhistorische
Absicht verknpft wre, ein
Beitrag zur Zweig-Forsc
hung. Zweigs uvre hat zu
seinem Glck solche Einte
nicht ntig, so ntzlich und fr
uchtbar, zum mindesten fr
Seine Werke, und besonders seine Erzhlungen, sind auf
ganz berraschende Weise lebe
ndig geblieben, und in der
165
wichtigsten und entscheidenden
Weise, nmlich als gele-
sene, nicht als kommentierte
Literatur. Ich sagte berra-
schend, und in der Tat war es
auch fr seine Freunde er-
staunlich, wie sein Werk di
e Katastrophe der Hitlerzeit
und seines Todes von eigner Hand berstanden hat. Immer
wieder neue Generationen von
Lesern haben sich zu ihm
gefunden, und in allen Lnder
n. Er war einer der meist-
166
biographie Die Welt von Gestern, die vor allem der
Schilderung charakteristisch
er Zge jener Zeit von ehe-
mals galt und weniger der Darstellung des eignen Lebens,
ein ganzes Kapitel diesem Thema jener zwei Welten ge-
167
Konvention. Er meint: So wa
Wer von jener Generation sich
redlich seiner allerersten
Begegnungen mit Frauen erinnern will, wird nur wenige
ken kann, und er zhlt die alles berschattenden Schreck-
nisse auf: Ansteckung, Erpre
ssungsgefahr bei Abtreibung,
Alimentenzahlung und so fort. Davon ist nun freilich in
diesen frhen Erzhlungen nicht die Rede. Und der
Schriftsteller, rckblickend im
sechzigsten Jahre auf jene
Jugend sagt auch, und das fhr
aus ber die Zeit vom Jahrhunde
rtanfang: Mag sein, da
durch die Unbekmmertheit, mit der die jungen Menschen
168
lichkeit des leichten Nehmens und Gebens manches in der
n ist, was uns besonders
kostbar und reizvoll erschi
en, manche geheimnisvolle
Hemmung von Scheu und Scham,
manche Zartheit in der
Zrtlichkeit. Vielleicht sogar,
da sie gar nicht ahnen, wie
gerade der Schauer des Ve
rbotenen und Versagten den
Genu geheimnisvoll steigert. Er schliet das Kapitel mit
dem Zuruf: Aber all dies scheint mir gering gegenber
der einen und erlsenden Wandlung, da die Jugend von
was uns in jenen Jahren versagt war: das Gefhl der Unbe-
Das wollen wir dahingestellt sein lassen, denn das Si-
cherheitsbedrfnis in allen Lebensfragen und -beziehun-
gen ist durch die Erfahrungen zweier Weltkriege und al-
lem was danach kam, ins nahezu Unbegrenzte gewachsen.
Ich glaube auch nicht, da es
gerade der Schauer des Ver-
botenen und Versagten sein
msse, der das Gefhl stei-
gert. Aber allerdings scheint es mir, da die geheimnis-
vollen Hemmungen von Scheu und Scham, die Zartheiten
in der Zrtlichkeit ihre vo
lle Gltigkeit behalten drften
ber alle Wandlungen der Ge
169
schottischen Parks, kunstvoll und kontrapunktisch ab-
das? Doch, das gibt es.
Manche kleine Einzelheit zeigt die Zeit an, die Peri-
ode zu der es geschrieben wurde. der runde Knoten
ihres Haares droht aufzubrechen, so locker halten nur
mehr die Spangen. Der Knabe
starrt wie verzaubert auf
das blonde Geflecht, und der Gedanke, da es sich pltz-
lich lsen knnte und niederrauschen in wilden, wehenden
Flechten, macht ihn toll vor Erregung Noch mehr gilt
das vielleicht fr die Novelle
der sozialen Zwischenstellung von damals, und schon gar
nicht in der vlligen Ahnungslosi
gkeit, mit der die beiden
Kinder, ihre Zglinge, die
unerklrliche Vernderung im
Wesen ihres Fruleins konstatieren und beobachten
mssen bis zur obligaten Katastrophe des Selbstmordes.
Aber solche Zge sind ni
cht wichtig. Wichtig ist die
Verve, mit der erzhlt wird. Charakteristisch fr Stefan
Zweig schon in diesen frhe
n Stcken ist die Behutsam-
keit und Vershnlichkeit seiner
seelenrztlichen Behand-
170
Spannende ist nicht verschmht
rende oder hmisch Triumphier
ende. Dieser ihm ganz eig-
ne Tonfall, hier schon deutlich erkennbar, ist es gewesen,
der ihm immer wieder die Leser in allen Lndern zuge-
fhrt hat. Und diese Haltung is
t erwidert worden. In den
zahllosen Briefen, die ihm zuka
Lehrer oder einem ganz besonders vertrauenswrdigen
hen Kategorien, ich wei es,
und wo Stefan Zweig nun endgltig einzuordnen wre,
das drfte nicht so leicht auszumachen sein. Er selber
dachte, bei allem Selbstbewutsein, das ihm keineswegs
abging, bescheiden darber,
und gerade dem Dienst fr
Grere und ihr Werk hat er ja
auch einen ganz unverhlt-
nismigen Teil seiner produk

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